 Die Waffen nieder!
Bertha von Suttner

Erstverffentlichung 1889


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A Dunyazad Digital Library book
Selected, edited and typeset by Robert Schaechter
First published April 2013
Release 1.02a * May 2023


 ber die Autorin

9. Juni 1843: Bertha von Suttner wird als Grfin Kinsky in Prag in eine adelige Familie mit militrischem Hintergrund geboren. Ihr Vater, der im Alter von 74 Jahren vor ihrer Geburt verstarb, war General, ihr Grovater mtterlicherseits Hauptmann der Kavallerie.
In ihrer Jugendzeit lernt Bertha mehrere Sprachen, beschftigt sich mit Musik, Wissenschaft und Philosophie, und reist viel.
1873, das Vermgen ihres Vaters ist aufgebraucht, wird sie Gouvernante der vier Tcher der Industriellen-Familie von Suttner, die sie in Sprachen und Musik unterrichtet. Sie verliebt sich in den sieben Jahre jngeren Arthur Gundaccar von Suttner, den jngsten Sohn der Suttners.
1876 wird sie von den Suttners entlassen, die ihre Beziehung mit Arthur missbilligen, erhlt aber auf deren Vermittlung eine Stelle als Alfred Nobels Privatsekretrin in Paris. Kurz nach ihrer Ankunft in Paris kehrt Nobel nach Schweden zurck, und Bertha fhrt wieder nach Wien. Bis zu Nobels Tod 1896 bleibt Bertha von Suttner mit ihm in Kontakt.
12. Juni 1876: Heimliche Hochzeit mit Arthur von Suttner, der daraufhin von seinen Eltern enterbt wird.
1876 bis 1885: Bertha und Arthur von Suttner leben unter schwierigen finanziellen Verhltnissen bei einer befreundeten Aristokratin in Georgien. Beide sind journalistisch ttig, Bertha findet mit Feuilletons und ihrem ersten Roman _Inventarium einer Seele_ (1883) Anerkennung.
1885 erfolgt die Rckkehr nach sterreich und die Ausshnung mit der Familie des Ehemannes. Bertha von Suttner vertritt in ihrer schriftstellerischen Ttigkeit emanzipatorische und pazifistische Anliegen, unter anderem verffentlicht sie _Daniela Dormes_ (1886) und _Das Maschinenzeitalter: Zukunftsvorlesungen ber unsere Zeit_ (1889).
1889 erscheint der Roman _Die Waffen nieder!_ durch den Bertha von Suttner international bekannt und zu einer der prominentesten Vertreterinnen der Friedensbewegung wird.
Bis zum Ende ihres Lebens ist Bertha von Suttner in der Friedensbewegung aktiv, organisiert und untersttzt Friedensprojekte, nimmt an zahlreichen internationalen Friedensveranstaltungen teil, publiziert in Zeitschriften und verfasst zahlreiche weitere Bcher.
1891 entsteht auf ihre Initiative die sterreichische Gesellschaft der Friedensfreunde, deren Prsidentin sie wird und bis zu ihrem Tod bleibt. Im November 1891 wird sie auf dem Weltfriedenskongresses in Rom zur Vizeprsidentin des Internationalen Friedensbros gewhlt. 1892 grndet sie die Deutsche Friedensgesellschaft.
1902 stirbt Arthur von Suttner. Trotz Ihrer Trauer setzt sie, auch in seinem Sinne, ihr Werk fort. Im selben Jahr erscheint _Marthas Kinder_ als Fortsetzung von _Die Waffen nieder!_
1904, anschlieend an die Teilnahme am Weltfriedenskongress in Boston, unternimmt Bertha von Suttner eine siebenmonatige Vortragsreise durch die USA, wo ihr groes Interesse und Zustimmung entgegengebracht werden. Von Prsident Roosevelt wird sie ins Weie Haus eingeladen.
10. Dezember 1905: Bertha von Suttner erhlt den Friedens-Nobelpreis, von dem es heit, dass Alfred Nobel ihn auf ihre Anregung eingerichtet hat. 1906 erscheinen Bertha von Suttners _Gesammelte Schriften_, 1908 ihre _Memoiren_.
1912: Zweite Amerika-Reise, auf der sie Vortrge in ber 50 Stdten von der West- bis zur Ostkste hlt. 1913, bereits von Krankheit gezeichnet, wird sie am Internationalen Friedenskongress in Den Haag gefeiert.
21. Juni 1914: Bertha von Suttner erliegt ihrem Krebsleiden, whrend der Vorbereitungen fr den fr Herbst 1914 in Wien vorgesehenen nchsten Weltfriedenskongress.
28. Juli 1914: sterreich erklrt Serbien den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt, der groe Vernichtungskrieg, vor dessen drohender Gefahr Bertha von Suttner seit Jahren gewarnt hat und den sie mit all ihrem Einsatz verhindern zu helfen wollte. Etwa 20 Millionen Menschen werden in diesem Krieg sterben, weitere Millionen an seinen Folgen.


 ber diese Ausgabe
Die Orthographie der vorliegenden Ausgabe entspricht den aktuellen Regeln, die Zeichensetzung folgt weitestgehend der Originalausgabe von 1889.


 Inhalt

Erster Band
- Erstes Buch  1859
- Zweites Buch  Friedenszeit
Zweiter Band
- Drittes Buch  1864
- Viertes Buch  1866
- Fnftes Buch  Friedenszeit
- Sechstes Buch  1870/71
Epilog  1889


  Erster Band 

 Erstes Buch
1859

Mit siebzehn Jahren war ich ein recht berspanntes Ding. Das knnte ich wohl heute nicht mehr wissen, wenn die aufbewahrten Tagebuchbltter nicht wren. Aber darin haben die lngst verflchtigten Schwrmereien, die niemals wieder gedachten Gedanken, die nie wieder gefhlten Gefhle sich verewigt, und so kann ich jetzt beurteilen, was fr exaltierte Ideen in dem dummen, hbschen Kopfe steckten. Auch dieses Hbschsein, von dem mein Spiegel nicht mehr viel zu erzhlen wei, wird mir durch alte Portrts verbrgt. Ich kann mir denken, welch beneidetes Geschpf die jugendliche, als schn gepriesene, von allem Luxus umgebene Komtess Martha Althaus gewesen sein mochte. Die sonderbaren  in rotem Umschlag gehefteten  Tagebuchbltter jedoch deuten mehr auf Melancholie, als auf Freude am Leben. Die Frage ist nun die: war ich wirklich so tricht, die Vorteile meiner Lage nicht zu erkennen, oder nur so schwrmerisch zu glauben, dass allein melancholische Empfindungen erhaben und wert seien, in poetischer Prosa ausgedrckt und als solche in die roten Hefte eingetragen zu werden? Mein Los schien mich nicht zu befriedigen, denn da stehts geschrieben:
O, Jeanne dArc  du himmelsbegnadete Heldenjungfrau, knnt ich sein wie du! Die Oriflamme schwingen, meinen Knig krnen und dann, sterben  fr das Vaterland, das teure.
Zur Verwirklichung dieser bescheidenen Lebensansprche bot sich mir keine Gelegenheit. Auch im Zirkus von einem Lwen als christliche Mrtyrerin zerrissen zu werden  ein anderer (laut Eintragung vom 19. September 1853) von mir beneideter Beruf  war mir nicht zugnglich, und so hatte ich offenbar unter dem Bewusstsein zu leiden, dass die groen Taten, nach welchen meine Seele drstete, ewig ungeschehen bleiben mssten, dass mein Leben  im Grunde genommen  ein verfehltes war. Ach, warum war ich nicht als Knabe zur Welt gekommen! (auch ein in dem roten Heft gegen das Schicksal oft vorgebrachter, fruchtloser Vorwurf)  da htte ich doch Erhabenes erstreben und leisten knnen. Vom weiblichen Heldentum bietet die Geschichte nur wenig Beispiele. Wie selten kommen wir dazu, die Gracchen zu Shnen zu haben, oder unsere Mnner zu den Weinsberger Toren hinauszutragen, oder uns von sbelschwingenden Magyaren zuschreien zu lassen: Es lebe Maria Theresia, unser Knig! Aber wenn man ein Mann ist, da braucht man ja nur das Schwert umzugrten und hinauszustrzen, um Ruhm und Lorbeer zu erringen  sich einen Thron zu erobern  wie Cromwell, ein Weltreich  wie Bonaparte! Ich erinnere mich, dass der hchste Begriff menschlicher Gre mir in kriegerischem Heldentum verkrpert schien. Fr Gelehrte, Dichter, Lnderentdecker hatte ich wohl einige Hochachtung, aber eigentliche Bewunderung flten mir nur die Schlachtengewinner ein. Das waren ja die vorzglichen Trger der Geschichte, die Lenker der Lnderschicksale; die waren doch an Wichtigkeit, an Erhabenheit  an Gttlichkeit beinahe  ber alles andere Volk so erhaben, wie Alpen- und Himalayagipfel ber Grser und Blmlein des Tales.
Aus alledem brauche ich nicht zu schlieen, dass ich eine Heldennatur besa. Die Sache lag einfach so: ich war begeisterungsfhig und leidenschaftlich; da habe ich mich natrlich fr dasjenige leidenschaftlich begeistert, was mir von meinen Lehrbchern und von meiner Umgebung am hchsten angepriesen wurde.
Mein Vater war General in der sterreichischen Armee und hatte unter Vater Radetzky, den er abgttisch verehrte, in Custozza gefochten. Was musste ich da immer fr Feldzugsanekdoten hren! Der gute Papa war so stolz auf seine Kriegserlebnisse und sprach mit solcher Genugtuung von den mitgemachten Kampagnen, dass mir unwillkrlich um jeden Mann leid war, der keine hnlichen Erinnerungen besitzt. Welch eine Zurcksetzung doch fr das weibliche Geschlecht, dass es von dieser groartigsten Bettigung des menschlichen Ehr- und Pflichtgefhls ausgeschlossen ist! ... Wenn mir je etwas von den Bestrebungen der Frauen nach Gleichberechtigung zu Ohren kam  doch davon hrte man in meiner Jugend nur wenig und gewhnlich in verspottendem und verdammendem Tone  so begriff ich die Emanzipationswnsche nur nach einer Richtung: die Frauen sollten auch das Recht haben, bewaffnet in den Krieg zu ziehen. Ach, wie schn las sichs in der Geschichte von einer Semiramis oder Katharina II.: sie fhrte mit diesem oder jenem Nachbarstaate Krieg  sie eroberte dieses oder jenes Land ...
berhaupt, die Geschichte! die ist, so wie sie der Jugend gelehrt wird, die Hauptquelle der Kriegsbewunderung. Da prgt sich schon dem Kindersinne ein, dass der Herr der Heerscharen unaufhrlich Schlachten anordnet; dass diese sozusagen das Vehikel sind, auf welchem die Vlkergeschicke durch die Zeiten fortrollen; dass sie die Erfllung eines unausweichlichen Naturgesetzes sind und von Zeit zu Zeit immer kommen mssen, wie Meeresstrme und Erdbeben; dass wohl Schrecken und Greuel damit verbunden sind, letztere aber voll aufgewogen werden: fr die Gesamtheit durch die Wichtigkeit der Resultate, fr den Einzelnen durch den dabei zu erreichenden Ruhmesglanz, oder doch durch das Bewusstsein der erhabensten Pflichterfllung. Gibt es denn einen schneren Tod, als den auf dem Felde der Ehre  eine edlere Unsterblichkeit, als die des Helden? Das alles geht klar und einhellig aus allen Lehr- und Lesebchern fr den Schulgebrauch hervor, wo nebst der eigentlichen Geschichte, die nur als eine lange Kette von Kriegsereignissen dargestellt wird, auch die verschiedenen Erzhlungen und Gedichte immer nur von heldenmtigen Waffentaten zu berichten wissen. Das gehrt so zum patriotischen Erziehungssystem. Da aus jedem Schler ein Vaterlandsverteidiger herangebildet werden soll, so muss doch schon des Kindes Begeisterung fr diese seine erste Brgerpflicht geweckt werden; man muss seinen Geist abhrten gegen den natrlichen Abscheu, den die Schrecken des Krieges hervorrufen knnten, indem man von den furchtbarsten Blutbdern und Metzeleien, wie von etwas ganz Gewhnlichem, Notwendigem, so unbefangen als mglich erzhlt, dabei nur allein Nachdruck auf die ideale Seite dieses alten Vlkerbrauches legend  und auf diese Art gelingt es, ein kampfmutiges und kriegslustiges Geschlecht zu bilden.
Die Mdchen  welche zwar nicht ins Feld ziehen sollen  werden aus denselben Bchern unterrichtet, die auf die Soldatenzchtung der Knaben angelegt sind, und so entsteht bei der weiblichen Jugend dieselbe Auffassung, die sich in Neid, nicht mittun zu drfen, und in Bewunderung fr den Militrstand auflst. Was uns zarten Jungfrulein, die wir doch in allem brigen zu Sanftmut und Milde ermahnt werden, fr Schauderbilder aus allen Schlachten der Erde, von den biblischen und makedonischen und punischen bis zu den dreiigjhrigen und napoleonischen Kriegen vorgefhrt werden, wie wir da die Stdte brennen und die Einwohner ber die Klinge springen und die Besiegten schinden sehen  das ist ein wahres Vergngen ... Natrlich wird durch diese Aufhufung und Wiederholung der Greuel das Verstndnis, dass es Greuel sind, abgestumpft; alles, was in die Rubrik Krieg gehrt, wird nicht mehr vom Standpunkte der Menschlichkeit betrachtet  und erhlt eine ganz besondere, mystisch-historisch-politische Weihe. Es _muss_ sein  es ist die Quelle der hchsten Wrden und Ehren  das sehen die Mdchen ganz gut ein: haben sie doch die kriegsverherrlichenden Gedichte und Tiraden auch auswendig lernen mssen. Und so entstehen die spartanischen Mtter und die Fahnenmtter und die zahlreichen, dem Offizierkorps gespendeten Cotillonorden whrend der Damenwahl.
~
Ich bin nicht, wie so viele meiner Standesgenossinnen, im Kloster, sondern unter der Leitung von Gouvernanten und Lehrern im Vaterhause erzogen worden. Meine Mutter verlor ich frh. Mutterstelle an uns Kindern  ich hatte noch drei jngere Geschwister  vertrat unsere Tante, eine alte Stiftsdame. Wir verbrachten die Wintermonate in Wien, den Sommer auf einem Familiengute in Niedersterreich.
Meinen Erzieherinnen und Lehrern habe ich viel Freude gemacht, dessen erinnere ich mich  denn ich war eine fleiige, mit gutem Gedchtnis begabte, und namentlich ehrgeizige Schlerin. Da ich meinen Ehrgeiz, wie schon bemerkt, nicht damit befriedigen konnte, als Heldenjungfrau Schlachten zu gewinnen, so begngte ich mich damit, in den Lektionen gute Zensuren davonzutragen und durch meinen Lerneifer der Umgebung Bewunderung abzuzwingen. In der franzsischen und englischen Sprache brachte ich es nahezu zur Vollkommenheit; von Erd- und Himmelskunde, von Naturgeschichte und Physik machte ich mir so viel zu eigen, als mir in dem Programm einer Mdchenerziehung berhaupt zugnglich war; aber von dem Gegenstand Geschichte lernte ich noch mehr, als von mir gefordert wurde. Aus der Bibliothek meines Vaters holte ich mir dickbndige Historienwerke hervor, in welchen ich in meinen Muestunden studierte. Ich glaubte mich jedesmal um ein Stck gescheiter geworden, wenn ich ein Ereignis, einen Namen, ein Datum aus vergangenen Zeiten meinem Gedchtnis neu einverleibt hatte. Gegen Klavierspielerei  welche doch auch im Erziehungsplan aufgezeichnet stand  habe ich mich standhaft zur Wehr gesetzt. Ich besa weder Talent noch Lust zur Musik und fhlte, dass mir _darin_ keine Ehrgeizbefriedigung winkte. Ich bat solange und instndig, mir die kostbare Zeit, die ich an meine anderen Studien wenden wollte, nicht fr das aussichtslose Geklimper zu krzen, dass mich mein guter Vater von der musikalischen Fronarbeit freisprach. Zum groen Leidwesen der Tante, welche meinte, ohne Klavierspiel gbe es keine eigentliche Bildung mehr.
Am 10. Mrz 1857 feierte ich meinen siebzehnten Geburtstag. Schon siebzehn lautet unter jenem Datum die Eintragung ins Tagebuch. Dieses schon ist ein Poem. Es steht kein Kommentar daneben, aber vermutlich wollte ich damit sagen: und noch nichts fr die Unsterblichkeit getan. Diese roten Hefte leisten mir heute, da ich meine Lebenserinnerungen aufzeichnen will, gar gute Dienste. Sie ermglichen mir, die vergangenen Ereignisse, welche nur als verschwommene Umrissbilder im Gedchtnis haften geblieben, bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern, und ganze lngst vergessene Gedankenfolgen oder lngst verklungene Gesprche wrtlich wiederzugeben.
Im nchstfolgenden Fasching sollte ich in die Gesellschaft eingefhrt werden. Diese Aussicht entzckte mich aber nicht so auerordentlich, wie dies gewhnlich bei jungen Mdchen der Fall ist. Mein Sinn strebte nach Hherem als nach Ballsaaltriumphen. Wonach ich strebte? Diese Frage htte ich mir wohl selber nicht beantworten knnen. Vermutlich nach Liebe ... doch das wusste ich nicht. Alle diese glhenden Sehnsuchts- und Ehrgeiztrume, welche im Jnglings- und Jungfrauenalter die Menschenherzen schwellen, und welche unter allerlei Formen  Wissensdurst, Reiselust, Tatendrang  sich verwirklichen wollen, sind doch zumeist nur die unbewussten Bestrebungen des erwachenden verliebten Triebes.
In diesem Sommer wurde meiner Tante ein Kurgebrauch in Marienbad verordnet. Sie fand es fr gut, mich mitzunehmen. Obgleich meine offizielle Einfhrung in die sogenannte Welt erst in der kommenden Winterszeit stattfinden sollte, so wurde mir doch gestattet, einige kleine Kurhausblle mitzumachen;  gleichsam als Vorbung im Tanzen und Konversieren, damit ich in meiner ersten Faschingssaison nicht gar zu schchtern und ungelenk auftreten mge.
Doch was geschah auf der ersten Reunion, die ich besuchte? Ein groes, sterbliches Verlieben. Natrlich wars ein Husarenleutnant. Die im Saale anwesenden Zivilisten schienen mir neben den Militrs wie Maikfer neben Schmetterlingen. Und unter den anwesenden Uniformtrgern waren die Husaren jedenfalls die glnzendsten; unter den Husaren schlielich war Graf Arno Dotzky der blendendste. ber sechs Fu gro, schwarzes Kraushaar, aufgezwirbeltes Schnurrbrtchen, weiglitzernde Zhne, dunkle Augen, welche so durchdringend und zrtlich schauen konnten  kurz, auf seine Frage: Haben Sie den Cotillon noch frei, Grfin? fhlte ich, dass es noch andere, ebenso erhebende Triumphe geben kann, wie das Bannerschwingen der Jungfrau von Orleans, oder das Szepterschwingen der groen Katharina. Und er, der Zweiundzwanzigjhrige, hat wohl hnliches empfunden, als er mit dem hbschesten Mdchen des Balles (nach dreiig Jahren kann man schon so etwas konstatieren) im Walzertakt durch den Saal flog; da dachte er wohl auch: Dich besitzen Du ses Ding, das wge alle Marschallstbe auf.
Aber Martha  aber Martha! brummte die Tante, als ich atemlos auf meinen Sessel an ihrer Seite zurckfiel, ihr mit den schwingenden Tllwolken meines Kleides um den Kopf wirbelnd.
O pardon, pardon, Tanti! bat ich und setzte mich zurecht. Ich kann nichts dafr ...
Davon ist auch nicht die Rede  mein Vorwurf galt deinem Benehmen mit diesem Husaren  du darfst dich beim Tanzen nicht so anschmiegen ... und schaut man denn einem Herrn so in die Augen?
Ich errtete tief. Hatte ich etwas Unmdchenhaftes verbrochen? Mochte der Unvergleichliche etwa eine schlechte Meinung von mir gefasst haben? ...
Von diesen bangen Zweifeln wurde ich noch im Verlauf des Balles befreit, denn whrend des Souperwalzers flsterte der Unvergleichliche mir zu:
Hren Sie mich an  ich kann nicht anders.  Sie mssen es erfahren  heute noch: ich liebe Sie.
Das klang ein bisschen anders angenehm als Johannas famose Stimmen ... Aber so im Weitertanzen konnte ich doch nichts antworten. Das mochte er einsehen, denn jetzt hielt er inne. Wir standen in einer leeren Ecke des Saales und konnten die Unterhaltung unbelauscht fortfhren:
Sprechen Sie, Grfin, was habe ich zu hoffen?
Ich verstehe Sie nicht, log ich.
Glauben Sie vielleicht nicht an Liebe auf den ersten Blick? Bis jetzt hielt ich es selber fr eine Fabel, aber heute habe ich die Wahrheit davon erprobt.
Wie mir das Herz klopfte! Aber ich schwieg.
Ich strze mich kopfber in mein Schicksal, fuhr er fort ... Sie oder keine! Entscheiden Sie ber mein Glck oder ber meinen Tod ... denn ohne Sie kann und will ich nicht leben ... Wollen Sie die Meine werden?
Auf eine so direkte Frage musste ich doch etwas erwidern. Ich suchte nach einer recht diplomatischen Phrase, die  ohne jegliche Hoffnung abzuschneiden  meiner Wrde nichts vergbe, brachte aber weiter nichts hervor als ein zitternd gehauchtes Ja.
So darf ich morgen bei Ihrer Tante um Ihre Hand anhalten und dem Grafen Althaus schreiben?
Wieder ja  diesmal schon etwas fester.
O, ich Glcklicher! Also auch auf den ersten Blick?  Du liebst mich? Jetzt antwortete ich nur mit den Augen  doch diese, glaub ich, sprachen das allerdeutlichste Ja.
~
An meinem achtzehnten Geburtstage wurde ich getraut, nachdem ich zuvor in die Welt eingefhrt und der Kaiserin als Braut vorgestellt worden war. Nach unserer Hochzeit unternahmen wir eine Italienreise. Zu diesem Zweck hatte Arno einen lngeren Urlaub genommen. Von einem Austritt aus dem Militrdienste war niemals die Rede gewesen. Zwar besaen wir beide ziemlich ansehnliches Vermgen  aber mein Mann liebte seinen Stand und ich mit ihm. Ich war stolz auf meinen schmucken Husarenoffizier und sah mit Befriedigung der Zeit entgegen, da er zum Rittmeister  zum Obersten  und einst zum Generalgouverneur vorrcken wrde ... Wer wei, vielleicht sollte er als groer Feldherr in der vaterlndischen Ruhmesgeschichte glnzen ...
Dass die roten Hefte gerade in der seligen Brautzeit und whrend der Flitterwochen eine Lcke aufweisen, tut mir jetzt sehr leid. Verflogen, verweht, in Nichts verflattert wren die Wonnen jener Tage freilich ebenso, wenn ich sie auch eingetragen htte, aber wenigstens wre ein Abglanz davon zwischen den Blttern festgebannt. Aber nein: fr meinen Gram und meine Schmerzen fand ich nicht genug Klagen, Gedankenstriche und Ausrufungszeichen; die jammervollen Dinge mussten der Mit- und Nachwelt sorgfltig vorgeheult werden, aber die schnen Stunden, die habe ich schweigend genossen.  Ich war nicht stolz auf mein Glcklichsein und gab es daher niemand  nicht einmal mir selber im Tagebuche  kund und zu wissen! Nur das Leiden und Sehnen empfand ich als eine Art Verdienst, daher das viele Grotun damit. Wie doch diese roten Hefte alle meine traurigen Lagen getreulich spiegeln, whrend zu frohen Zeiten die Bltter ganz unbeschrieben blieben. Zu dumm! Das ist, als sammelte einer whrend eines Spazierganges  um Andenken daran nach Hause zu bringen  als sammelte er von den Dingen, die er auf dem Wege findet, nur das Hssliche; als fllte er seine Botanisierbchse nur mit Dornen, Disteln, Wrmern, Krten, und liee alle Blumen und Falter weg.
Dennoch, ich erinnere mich: es war eine herrliche Zeit. Eine Art Feenmrchentraum. Ich hatte ja alles, was ein junges Frauenherz nur begehren kann: Liebe, Reichtum, Rang, Vermgen  und das meiste so neu, so berraschend, so staunenerregend! Wir liebten uns wahnsinnig, mein Arno und ich, mit dem ganzen Feuer unserer lebensstrotzenden, schnheitssicheren Jugend. Und zufllig war mein glnzender Husar nebenbei ein braver, herzensguter, edeldenkender Junge, mit weltmnnischer Bildung und heiterem Humor (er htte ja ebenso gut  was bot der Marienbader Ball fr eine Brgschaft dagegen?  ein bser und ein roher Mensch sein knnen) und zufllig war auch ich ein leidlich gescheites und gemtliches Ding (er htte auf besagtem Balle ebenso gut in ein launenhaftes hbsches Gnschen sich verlieben knnen); so kam es denn, dass wir vollkommen glcklich waren und dass infolgedessen das rotgebundene Lamento-Hauptbuch lange Zeit leer blieb.
Halt: hier finde ich eine frhliche Eintragung  Verzckungen ber die neue Mutterwrde. Am ersten Januar 1859 (war das ein Neujahrsgeschenk!) ward uns ein Shnchen geboren. Natrlich erweckte dieses Ereignis so sehr unser Staunen und unsern Stolz, als wren mir das erste Paar, dem so was passierte. Daher wohl auch die Wiederaufnahme des Tagebuchs. Von dieser Merkwrdigkeit, von dieser meiner Wichtigkeit musste die Nachwelt doch unterrichtet werden. Ferner ist das Thema junge Mutter so vorzglich kunst- und literaturfhig. dasselbe gehrt zu den bestbesungenen und fleiig bemalten Vorwrfen; dabei lsst sich so gut mystisch und heilig gerhrt und pathetisch, naiv und lieblich  kurz ungeheuer poetisch gestimmt sein. Zur Pflege dieser Stimmung tragen ja (so wie die Schulbcher zur Pflege der Kriegsbewunderung) alle mglichen Gedichtsammlungen, illustrierte Journale, Gemldegalerien und landlufige Entzckungsphrasen unter der Rubrik Mutterliebe, Mutterglck, Mutterstolz nach Krften bei. Was zunchst der Heldenanbetung (siehe Carlyles _hero-worship_) im Vergtterungsfach Hchstes geleistet wird, das leisten die Leute in _baby-worship_. Natrlich blieb hierin auch ich nicht zurck. Mein kleiner herziger Ruru war mir das wichtigste Weltwunder. Ach, mein Sohn  mein erwachsener herrlicher Rudolf  was ich fr dich empfinde, dagegen verblasst jene kindische Babybestaunung  dagegen ist jene blinde, affenmige, jungmtterliche Fressliebe so nichtig, wie ein Wickelkind ja selber gegen einen entfalteten Menschen nichtig ist ...
Auch der junge Vater war nicht wenig stolz auf seinen Nachfolger und baute die schnsten Zukunftsplne auf ihn. Was wird er werden? Diese eben noch nicht sehr dringende Frage wurde des fteren ber Rurus Wiege vorgelegt, und immer einstimmig entschieden: Soldat. Manchmal erwachte ein schwacher Protest von seiten der Mutter: Wie aber, wenn er im Kriege verunglckt?
Ach bah ward dieser Einwurf weggerumt  es stirbt ja doch jeder nur dort und dann, wie es ihm bestimmt ist. Ruru wrde ja auch nicht der einzige bleiben; von den folgenden Shnen mochte in Gottes Namen einer zum Diplomaten, ein anderer zum Landwirt, ein dritter zum Geistlichen erzogen werden, aber der lteste, der musste seines Vaters und Grovaters Beruf  den schnsten Beruf von allen  erwhlen, der musste Soldat werden.
Und dabei ists geblieben. Ruru wurde schon mit zwei Monaten von uns zum Gefreiten befrdert. Werden doch alle Kronprinzen gleich nach der Geburt zu Regimentsinhabern ernannt, warum sollten wir unsern Kleinen nicht auch mit einem imaginren Rang schmcken? Das war uns ein Hauptspa, dieses Soldatenspielen mit einem Baby. Arno salutierte, so oft sein Bub auf den Armen der Amme ins Zimmer gebracht wurde. Letztere nannten wir die Marketenderin, und was bei dieser das Fouragemagazin hie, lasse ich erraten; Rurus Geschrei ward Alarmsignal geheien, und was Ruru sitzt auf dem Exerzierplatz bedeutete, lasse ich abermals erraten sein.
~
Am 1. April, als am dritten Monatstage seiner Geburt (nur die Jahrestage zu feiern htte zu gar zu seltenen Festen Anlass gegeben), rckte Ruru vom Gefreiten zum Korporal vor. An jenem Tage geschah aber auch etwas Dsteres; etwas, was mir das Herz schwer machte und mich veranlasste, es in den roten Heften auszuschtten.
Schon lngere Zeit war am politischen Horizont der gewisse schwarze Punkt sichtbar, ber dessen mgliches Anwachsen von allen Zeitungen und allen Salongesprchen die lebhaftesten Kommentare geliefert wurden. Ich hatte bis jetzt nicht darauf geachtet. Wenn mein Mann und mein Vater und deren militrische Freunde auch fters vor mir gesagt hatten: Mit Italien setzt es nchstens etwas ab, so war das an meinem Verstndnis abgeprallt. Mich um Politik zu kmmern, hatte ich gerade Zeit und Lust! Da mochte um mich herum noch so eifrig ber das Verhltnis Sardiniens zu sterreich, oder ber das Verhalten Napoleons III. debattiert werden, dessen Hilfe Cavour durch die Teilnahme am Krimkriege sich zugesichert hatte: da mochte man immerhin von der Spannung reden, welche zwischen uns und den italienischen Nachbarn durch diese Allianz hervorgerufen worden  das beachtete ich nicht. Aber an jenem 1. April sagte mir mein Mann allen Ernstes:
Weit du, Schatz  es wird bald losgehen.
Was wird losgehen, mein Liebling!
Der Krieg mit Sardinien.
Ich erschrak. Um Gotteswillen  das wre furchtbar! Und musst du mit?
Hoffentlich.
Wie kannst du so etwas sagen? _Hoffentlich_ fort von Weib und Kind?
Wenn die Pflicht ruft ...
Dann kann man sich fgen. Aber hoffen  das heit also wnschen, dass einem solch bittere Pflicht erwachse 
Bitter? So ein frischer, frhlicher Krieg muss ja was Herrliches sein. Du bist eine Soldatenfrau  vergiss das nicht 
Ich fiel ihm um den Hals ...
O du mein lieber Mann, sei ruhig: ich kann auch tapfer sein ... Wie oft habe ichs den Helden und Heldinnen der Geschichte nachempfunden, welch erhebendes Gefhl es sein muss, in den Kampf zu ziehen. Drfte ich nur mit  an deiner Seite fechten, fallen oder siegen!
Brav gesprochen, mein Weibchen!  aber Unsinn. Dein Platz ist hier an der Wiege des Kleinen, in dem auch ein Vaterlandsverteidiger gro gezogen werden soll. Dein Platz ist an unserem huslichen Herd. Um diesen zu schtzen und vor feindlichem berfall zu wahren, um unserem Heim und unseren Frauen den Frieden zu erhalten, ziehen wir Mnner ja in den Krieg.
Ich wei nicht, warum mir diese Worte, welche ich in hnlicher Fassung doch schon oft zustimmend gehrt und gelesen hatte, diesmal einigermaen als Phrase klangen ... Es war ja kein bedrohter Herd da, keine Barbarenhorden standen vor den Toren  einfach politische Spannung zwischen zwei Kabinetten ... Wenn also mein Mann begeistert in den Krieg ziehen wollte, so war es doch nicht so sehr das dringende Bedrfnis, Weib und Kind und Vaterland zu schtzen, als vielmehr die Lust an dem abenteuerlichen, Abwechslung bietenden Hinausmarschieren  der Drang nach Auszeichnung  Befrderung ... Nun ja, Ehrgeiz ist es  schloss ich diesen Gedankengang  schner berechtigter Ehrgeiz, Lust an tapferer Pflichterfllung!
Es war schn von ihm, dass er sich freute, _wenn_ er zu Felde ziehen musste; aber noch war ja nichts entschieden. Vielleicht wrde der Krieg gar nicht ausbrechen, und selbst fr den Fall, dass man sich schlage, wer wei, ob gerade Arno wegkommandiert wrde  es geht ja doch nicht immer die ganze Armee vor den Feind. Nein, dieses so herrliche, abgerundete Glck, welches mir das Schicksal zurecht gezimmert hatte, konnte doch dieses selbe Schicksal nicht so roh zertrmmern.  O Arno, mein vielgeliebter Mann  dich in Gefahr zu wissen, es wre entsetzlich! ... Solche und hnliche Ergsse fllen die in jenen Tagen beschriebenen Tagebuchbltter.
Von da ab sind die roten Hefte eine Zeitlang voll Kannegieerei: Louis Napoleon ist ein Intrigant ... sterreich kann nicht lange zuschauen ... es kommt zum Kriege ... Sardinien wird sich vor der bermacht frchten und nachgeben ... Der Friede bleibt erhalten ... Meine Wnsche  trotz aller theoretischen Bewunderung vergangener Schlachten  waren natrlich inbrnstig nach Erhaltung des Friedens gerichtet, doch der Wunsch meines Gatten rief offenbar die andere Alternative herbei. Er sagte es nicht grad heraus, aber Nachrichten ber die Vergrerung des schwarzen Punktes teilte er immer leuchtenden Auges mit; die hier und da, leider immer sprlicher werdenden Friedensaussichten hingegen konstatierte er stets mit einer gewissen Niedergeschlagenheit.
Mein Vater war auch ganz Feuer und Flamme fr den Krieg. Die Besiegung der Piemontesen wrde ja nur ein Kinderspiel sein, und zur Bekrftigung dieser Behauptung regneten wieder die Radetzky-Anekdoten. Ich hrte von dem drohenden Feldzug immer nur vom strategischen Standpunkt sprechen, nmlich ein Hin- und Herwgen der Chancen, wie und wo der Feind geschlagen wrde und die Vorteile, welche uns daraus erwachsen mussten. Der menschliche Standpunkt  nmlich dass, ob verloren oder gewonnen, jede Schlacht unzhlige Blut- und Trnenopfer fordert  kam gar nicht in Betracht. Die hier in Frage stehenden Interessen wrden als so sehr ber alle Einzelschicksale erhaben dargestellt, dass ich mich der Kleinlichkeit meiner Auffassung schmte, wenn mir bisweilen der Gedanke aufstieg: Ach, was frommt den armen Toten, was den armen Verkrppelten, was den armen Witwen der Sieg? Doch bald stellten sich als Antwort auf diese verzagten Fragen wieder die alten Schulbuchdithyramben ein: Ersatz fr alles bietet der _Ruhm_. Doch wie, wenn der Feind siegte? Diese Frage lie ich einmal im Kreise meiner militrischen Freunde laut werden  wurde aber schmhlich niedergezischt. Das bloe Erwhnen von der Mglichkeit eines Schattens eines Zweifels ist schon antipatriotisch. Im voraus seiner Unberwindlichkeit sicher sein, gehrt mit zu den Soldatenpflichten. Also gewissermaen auch zu den Pflichten einer loyalen Leutnantsfrau.
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Das Regiment meines Mannes lag in Wien. Von unserer Wohnung hatte man die Aussicht auf den Prater, und wenn man da ans Fenster trat, wehte es sommerlich verheiend herein. Es war ein wundervoller Frhling. Die Luft war lau und veilchenduftend, und zeitiger als in anderen Jahren sprosste das junge Laub hervor. Auf die im kommenden Monat bevorstehenden groen Praterfahrten freute ich mich unbndig. Wir hatten uns zu diesem Zweck ein kokettes Zeugel angeschafft, nmlich einen Kutschierwagen mit einem Viererzug von ungarischen Juckern. Schon jetzt, in diesen herrlichen Apriltagen, fuhren wir beinahe tglich in den Prateralleen spazieren, aber das war nur ein Vorkosten des eigentlichen Maigenusses. Ach, wenn nur bis dahin nicht etwa der Krieg ausbrche! ...
Na, Gott sei Dank  jetzt hat die Unentschiedenheit ein Ende!  rief mein Mann, als er am Morgen des neunzehnten April vom Exerzieren nach Hause kam. Das Ultimatum ist gestellt.
Ich erschrak. Wie  was  was heit das?
Das heit, das letzte Wort der diplomatischen Verhandlungen, welches der Kriegserklrung vorausgeht, ist gesprochen. Unser Ultimatum an Sardinien fordert, dass Sardinien entwaffne  was dieses natrlich bleiben lsst, und wir marschieren ber die Grenze.
Groer Gott!  Vielleicht aber entwaffnen sie?
Nun dann wre der Streit auch beigelegt und es bleibt Frieden.
Ich fiel auf die Knie  ich konnte nicht anders. Lautlos und dennoch heftig wie ein Schrei, schwang sich aus meiner Seele die Bitte zum Himmel: Frieden, Frieden! Arno hob mich auf: Du nrrisches Kind!
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fing zu weinen an. Es war kein Schmerzensausbruch, denn noch war ja das Unglck nicht entschieden  aber die Nachricht hatte mich so erschttert, dass meine Nerven zitterten und diesen Trnensturz verursachten.
Martha, Martha, du wirst mich bse machen, schalt Arno. Bist du denn mein braves Soldatenweiblein? Vergissest du, dass du Generalstochter, Oberleutnantsfrau und  schloss er lchelnd  Korporalsmutter bist?
Nein, nein, mein Arno ... Ich begreife mich selber nicht ... Das war nur so ein Anfall ... ich bin ja doch selber fr militrischen Ruhm begeistert ... aber ich wei nicht  vorhin, als du sagtest, alles hnge von _einem_ Worte ab, das jetzt gesprochen werden soll  ein Ja oder Nein auf das sogenannte Ultimatum  und dieses Ja oder Nein solle entscheiden, ob Tausende bluten und sterben sollen  sterben in diesen sonnigen, seligen Frhlingstagen  da war mir, als _msste_ das Friedenswort fallen und ich konnte nicht anders als betend niederknien 
Um dem lieben Gott die Sachlage mitzuteilen, du Herzensnrrchen?
Die Hausglocke ertnte. Schnell trocknete ich meine Trnen. Wer konnte das sein  so frh?
Es war mein, Vater. Er kam heftig hereingestrzt.
Nun Kinder, rief er atemlos, indem er sich in einen Lehnsessel warf. Wisst ihr schon die groe Nachricht  das Ultimatum ...
Soeben habe ichs meiner Frau erzhlt ...
Sag Papa, was meinst du, fragte ich bange, wird der Krieg dadurch abgewendet?
Ich wsste nicht, dass ein Ultimatum jemals einen Krieg abgewendet htte. Vernnftig wre es wohl von diesem italienischen Jammerpack, wenn es nachgeben wrde und sich keinem neuen Novara aussetzte ... Ach, wre der gute Vater Radetzky nicht voriges Jahr gestorben, ich glaube, er htte, trotz seiner neunzig Jahre, sich noch einmal an die Spitze seines Heeres gestellt und ich wre, bei Gott, auch wieder mitmarschiert ... Wir zwei habens ja schon gezeigt, wie man mit dem welschen Gesindel fertig wird. Sie haben aber noch nicht genug daran, die Katzelmacher  sie wollen eine zweite Lektion haben! Auch recht: unser lombardisch-venetianisches Knigreich wird sich durch das piemontesische Gebiet ganz schn vergrern lassen  ich sehe schon den Einzug unserer Truppen in Turin.
Aber Papa, du sprichst ja, als wre der Krieg schon erklrt und als wrst du darber froh. Doch wie, wenn Arno mitgehen muss? Es standen mir schon wieder die Trnen in den Augen.
Das wird er auch  der beneidenswerte Junge.
Aber meine Angst  die Gefahr 
Ach was, Gefahr! Man kommt vom Kriege auch nach Hause, wie Figura zeigt. Ich habe mehr als eine Kampagne mitgemacht. Gott sei Dank, bin auch mehr als einmal verwundet worden  und bin doch am Leben weil es mir eben bestimmt war, am Leben zu bleiben.
Die alte fatalistische Redensart! Dieselbe, welche fr Rurus knftige Berufswahl hatte herhalten mssen und die mir auch jetzt wieder als ein Stck Weisheit einleuchtete.
Wenn etwa mein Regiment nicht beordert werden sollte  begann Arno.
Ach ja, unterbrach ich freudig, das ist auch noch eine Hoffnung.
Dann lasse ich mich versetzen, wenn mglich 
Es wird schon mglich sein, versicherte mein Vater, He bekommt den Oberbefehl und der ist mein guter Freund.
Das Herz zitterte mir, aber dennoch konnte ich nicht anders, als diese beiden Mnner bewundern. Mit welch frhlichem Gleichmut sie von einem kommenden Feldzug sprachen, als handelte es sich um einen geplanten Spaziergang. Mein tapferer Arno wollte sogar  auch wenn ihn die Pflicht nicht riefe  freiwillig vor den Feind ziehen, und mein grodenkender Vater fand das ganz einfach und natrlich. Ich raffte mich auf. Fort mit meinem kindischen, weibischen Bangen! Jetzt galt es, mich dieser meiner Lieben wrdig zu zeigen, das Herz ber alle egoistischen Befrchtungen erheben und nur dem schnen Bewusstsein Raum geben: Mein Gatte ist mein Held.
Ich sprang auf und hielt ihm die Hnde hin:
Arno, ich bin stolz auf dich!
Er zog meine Hnde an seine Lippen; dann an den Vater gewendet, mit freudestrahlender Miene: Das Mdel hast du gut erzogen, Schwiegervater!
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Abgelehnt! Das Ultimatum abgelehnt! So geschehen in Turin am 26. April. Die Wrfel gefallen  der Krieg ausgebrochen! Seit einer Woche war ich auf die Katastrophe gefasst, dennoch versetzte mir deren Eintreffen einen derben Schlag. Schluchzend warf ich mich auf das Sofa, den Kopf in die Kissen verbergend als mir Arno diese Nachricht brachte.
Er setzte sich an meine Seite und trstete mich sanft.
Mein Liebling, Mut  Fassung! Es ist ja nicht so schlimm ... in kurzer Zeit kehren wir als Sieger heim ... Dann werden wir zwei doppelt glcklich sein. Weine nicht so, es zerreit mir das Herz ... fast bereue ich, dass ich mich engagiert habe, auf jeden Fall mitzugehen ... doch nein, bedenke: wenn meine Kameraden hinaus mssen, mit welchem Recht drfte ich da zu Hause bleiben? Du selber msstest dich meiner schmen ... Einmal muss ich ja die Feuertaufe erhalten  ehe das geschehen, fhle ich mich gar nicht recht als Mann und als Soldat. Denk nur, wie schn  wenn ich zurckkomme  mit einem dritten Stern am Kragen  vielleicht mit einem Kreuz auf der Brust.
Ich lehnte meinen Kopf an seine Achsel und weinte da weiter. Wie klein ich doch wieder dachte: Sterne und Kreuze erschienen mir in diesem Augenblick als so schaler Flitter ... Nicht zehn Grokreuze auf dieser teuern Brust konnten einen Ersatz bieten fr die grause Mglichkeit, dass eine Kugel sie zerschmettere ...
Arno ksste mir die Stirn, schob mich sanft beiseite und stand auf: Ich muss jetzt fortgehen, liebes Kind  zu meinem Obersten. Weine Dich aus ... wenn ich wiederkomme, hoffe ich, dich standhaft und heiter zu finden  ich brauche das, um nicht von trben Ahnungen beschlichen zu werden. Jetzt, in so entscheidender Zeit, wird doch meine eigene kleine Frau nichts tun, mir den Mut zu benehmen, meine Tatenlust zu dmpfen? Adieu, mein Schatz. Und er ging.
Ich raffte mich auf. Seine letzten Worte klangen mir noch im Ohre nach. Ja offenbar: meine Pflicht war nun die, seinen Mut und seine Tatenlust  nicht nur nicht zu dmpfen, sondern nach Mglichkeit zu heben. Das ist ja die einzige Art, wie wir Frauen unseren Patriotismus bettigen knnen, wie wir des Ruhmes teilhaftig werden drfen, den unsere Mnner auf den Schlachtfeldern sich holen ... Schlachtfelder  sonderbar, wie dieses Wort jetzt pltzlich in zwei grundverschiedenen Bedeutungen mir vor den Sinn trat. Halb in der altgewohnten, historischen, pathetischen, hchste Bewunderung erregenden Bedeutung, halb in dem Ekelschauer der blutigen, brutalen Silbe Schlacht ... Ja, _geschlachtet_ wrden sie auf dem Felde daliegen, die armen hinausgetriebenen Menschen  mit offenen, roten Wunden  und unter ihnen vielleicht ... Mit einem laut ausgestoenen Schrei dachte ich diesen Gedanken aus.
Meine Jungfer, Betti, kam erschrocken hereingerannt. Sie hatte mich schreien gehrt.
Um Gottes willen, Frau Grfin, was ist geschehen? fragte sie zitternd.
Ich blickte das Mdchen an: auch sie hatte rotgeweinte Augen. Ich erriet, sie wusste schon die Nachricht, und ihr Geliebter war Soldat. Mir wars, als msste ich die Unglcksschwester an mein Herz drcken
Es ist nichts, mein Kind, sagte ich weich ... Die fortziehen, kommen ja wieder zurck 
Ach, grfliche Gnaden, nicht alle, antwortete sie, von neuem in Trnen ausbrechend.
Jetzt trat meine Tante bei mir ein und Betti entfernte sich.
Ich bin gekommen, dir Trost zu sprechen, Martha, sagte die alte Frau, mich umarmend, und dir in dieser Prfung Ergebung zu predigen.
Also weit du? 
Die ganze Stadt wei es ... Es herrscht groer Jubel, dieser Krieg ist sehr populr.
Jubel, Tante Marie?
Nun ja, bei solchen, die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen. Dass du traurig sein wirst, konnte ich mir denken, und darum bin ich hierher geeilt. Dein Papa wird auch gleich kommen; aber nicht um zu trsten, sondern zu gratulieren: er ist ganz auer sich vor Freude, dass es losgeht, und betrachtet es als eine herrliche Chance fr Arno, dass er mittun kann. Im Grunde hat er ja auch recht ... fr einen Soldaten gibts auch nichts besseres als den Krieg. So musst auch du die Sache betrachten, liebes Kind  Berufserfllung geht doch allem voran. Was sein _muss_ 
Ja, du hast recht, Tante, was sein _muss_  das Unabnderliche 
Das von Gott gewollte  schaltete Tante Marie bekrftigend ein.
Muss man mit Fassung und Ergebung ertragen.
Brav, Martha. Es kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und allgtigen Vorsehung in unabnderlichem Ratschluss vorher bestimmt ist. Die Sterbestunde eines jeden, die steht schon von der Stunde seiner Geburt an geschrieben. Und wir wollen fr unsere lieben Sieger so viel und inbrnstig beten 
Ich hielt mich nicht dabei auf, den Widerspruch, der in diesen beiden Annahmen liegt: dass der Tod zugleich _bestimmt_ und durch Gebete abzuwenden sein knne, nher zu errtern. Ich war mir selbst nicht klar darber, und hatte von meiner ganzen Erziehung her das vage Bewusstsein, dass man an so heilige Dinge nicht mit Vernunftfragen herantreten drfe. Htte ich gar der Tante gegenber solche Skrupel laut werden lassen, so wrde sie das arg verletzt haben. Nichts konnte sie mehr beleidigen, als wenn man ber gewisse Dinge rationelle Zweifel anstellte. Nicht darber nachdenken ist allen Mysterien gegenber Anstandsgebot. Wie es die Hofsitte verbietet, an einen Knig Fragen zu richten, so ist es auch eine Art lsterlichen Etikettenbruchs, wenn man an einem Dogma herum forschen und prfen will. Nicht darber nachdenken ist brigens ein sehr leicht erfllbares Gebot, und bei diesem Anlass fgte ich mich bereitwillig darein; ich fing daher mit der Tante keinen Streit an, sondern klammerte mich im Gegenteil an den Trost, der in dem Hinweis auf das Beten lag. Ja whrend der ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrnstig um des Himmels Schutz flehen, dass dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde ... Abwenden?  Wohin? Auf die Brust eines anderen, fr den doch wahrscheinlich auch gebetet wird? ... Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden, von den genau zu berechnenden, unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung? ... Wieder ein Zweifel? Fort damit.
Ja, Tante, sagte ich laut, um diese in meinen Geist sich kreuzenden Widersprche abzubrechen, ja, wir wollen fleiig beten und Gott wird uns erhren: Arno bleibt unversehrt.
Siehst du, siehst du, Kind, wie in schweren Stunden die Seele doch zu der Religion flchtet ... Vielleicht schickt dir der liebe Gott die Prfung, damit du deine sonstige Lauheit ablegst.
Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten, dass die ganze, noch aus dem Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen sterreich und Sardinien, die ganzen Verhandlungen, die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben nur von Gott veranstaltet worden wren um meinen lauen Sinn zu erwrmen.
Aber auch diesen Zweifel auszudrcken wre unanstndig gewesen. Sobald jemand den lieben Gott in den Mund genommen, gibt das dem daran geknpften Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunitt. Was die vorgeworfene Lauheit anbelangt, so hatte dieser Vorwurf einige Begrndung. Tante Marias Religiositt kam aus tiefstem Herzen, whrend ich mehr uerlich fromm war. Mein Vater war in dieser Beziehung vllig indifferent, ebenso mein Gatte, also hatte ich weder von dem einen noch dem anderen Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten. Mich in die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen, hatte ich auch niemals vermocht, da ich dieselben berhaupt nur mit Anwendung des Nichtdarbernachdenken-Prinzips unangefochten lassen konnte. Ich ging wohl allsonntglich zur Messe und alljhrlich zur Beichte; auch war ich bei diesen Zeremonien voll Ehrfurcht und Andacht; aber das ganze war doch mehr oder minder eine Art standesmiger Etikettenbeobachtung; ich erfllte die religisen Anstandspflichten mit derselben Korrektheit, wie ich auf dem Kammerball die Figuren der Lanciers ausfhrte und die Hofreverenz machte, wenn die Kaiserin den Saal betrat. Unser Schlosskaplan in Niedersterreich und der Nuntius in Wien konnten mir nichts vorwerfen, aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung war wohl berechtigt.
Ja, mein Kind, fuhr sie fort, im Glck und im Wohlsein vergessen die Leute leicht ihren Heiland  wenn aber Krankheit oder Todesgefahr ber uns und, mehr noch, ber unsere Lieben hereinbricht, wenn wir niedergeschlagen und in Kmmernis sind 
In diesem Tone wre es noch lange fortgegangen, aber da wurde die Tre aufgerissen und mein Vater strzte herein:
Hurra, jetzt gehts los! lautete seine Begrung. Sie wollen Prgel haben, die Katzelmacher? So sollen sie Prgel haben  sollen sie haben!
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Das war nun eine aufgeregte Zeit. Der Krieg ist ausgebrochen. Man vergisst, dass es zwei Haufen Menschen sind, die miteinander raufen gehen, und fasst das Ereignis so auf, als wre es ein erhabenes, waltendes Drittes, dessen Ausbruch die beiden Haufen zum Raufen zwingt. Die ganze Verantwortung fllt auf diese auerhalb des Einzelwillens liegende Macht, welche ihrerseits nur die Erfllung der bestimmten Vlkerschicksale herbeigefhrt. Das ist so die dunkle und ehrfrchtige Auffassung, welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche auch die meine war. Von einer Revolte meines Gefhls gegen das Kriegfhren berhaupt war keine Rede; nur _darunter_ litt ich, dass mein geliebter Mann hinauszuziehen htte in die Gefahr, und ich in Einsamkeit und Bangen zurckzubleiben. Ich kramte alle meine alten Eindrcke aus der Zeit der Geschichtsstudien hervor, um mich an dem Bewusstsein zu strken und zu begeistern, dass die hchste Menschenpflicht es war, die meinen Teuren abberief, und dass ihm hierdurch die Mglichkeit geboten wrde, sich mit Ruhm und Ehren zu bedecken. Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche: das war auch ein eigentmlich erhebender Gedanke. Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden, so meinte ich, dass auch gegenwrtig ein solches  knftigen Geschichtsschreibern als Abschnittsberschrift dienendes Weltereignis im Gange war.
Diese gehobene, wichtigkeitsberstrmende Stimmung war brigens die allgemein herrschende. Man sprach von nichts anderem in den Salons und auf den Gassen; las von nichts anderem in den Zeitungen, betete fr nichts anderes in den Kirchen: wo man hinkam, berall dieselben aufgeregten Gesichter und die gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitten. Alles brige, was sonst das Interesse der Leute wach hlt: Theater, Geschfte, Kunst  das wurde jetzt als ganz nebenschlich betrachtet. Es war einem zu Mute, als htte man gar kein Recht, an etwas anderes zu denken, whrend dieser groe Weltschicksalsauftritt sich abspielte. Und die verschiedenen Armeebefehle mit den bekannten siegesbewussten und ruhmverheienden Phrasen; und die unter klingendem Spiel und wehenden Standarten abmarschierenden Truppen; und die in loyalstem und patriotisch glhendstem Tone gehauenen Leitartikel und ffentlichen Reden; dieser ewige Appell an Tugend, Ehre, Pflicht, Mut, Aufopferung; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen, dass man die bekannt unberwindlichste, tapferste, zu hoher Machtausdehnung bestimmte, beste und edelste Nation sei! alles dies verbreitet eine heroische Atmosphre, welche die ganze Bevlkerung mit Stolz erfllt und in jedem einzelnen die Meinung hervorruft, er sei ein groer Brger einer groen Zeit.
Schlechte Eigenschaften, als da sind: Eroberungsgier, Rauflust, Hass, Grausamkeit, Tcke  werden wohl auch als vorhanden und als im Kriege sich offenbarend zugegeben, aber allemal nur beim Feind. Dessen Schlechtigkeit liegt am Tage. Ganz abgesehen von der politischen Unvermeidlichkeit des eben unternommenen Feldzuges, sowie abgesehen von den daraus unzweifelhaft erwachsenden patriotischen Vorteilen, ist die Besiegung des Gegners ein moralisches Werk, eine vom Genius der Kultur ausgefhrte Zchtigung ... Diese Italiener  welches faule, falsche, sinnliche, leichtsinnige, eitle Volk! Und dieser Louis Napoleon  welcher Ausbund von Ehrsucht und Intrigengeist! Als sein am 29. April publiziertes Kriegsmanifest erschien, mit dem Motto: Freies Italien bis zum Adriatischen Meer  rief das einen Sturm der Entrstung bei uns hervor! Ich erlaubte mir eine schwache Bemerkung, dass dies eigentlich eine uneigenntzige und schne Idee sei, welche fr italienische Patrioten begeisternd wirken msse; aber ich ward schnell zum Schweigen gebracht. An dem Dogma Louis Napoleon ist ein Bsewicht durfte, solange er der Feind war, nicht gerttelt werden; alles, was von ihm ausging, war von vornherein bsewichterisch. Noch ein leiser Zweifel stieg in mir auf. In allen geschichtlichen Kriegsberichten hatte ich die Sympathie und die Bewunderung der Erzhler immer fr diejenige Partei ausgedrckt gefunden, welche einem fremden Joche sich entringen wollte und welche fr die Freiheit kmpfte. Zwar wusste ich mir weder ber den Begriff Joch noch ber den so berschwnglich besungenen Begriff Freiheit einen rechten Bescheid zu geben, aber so viel schien mir doch klar: die Jochabschttelungs- und Freiheitsbestrebung lag diesmal nicht auf sterreichischer, sondern auf italienischer Seite. Aber auch fr diese schchtern gedachten und noch schchterner ausgedrckten Skrupel wurde ich niedergedonnert. Da hatte ich Unselige wieder an einem sakrosankten Grundsatz gerhrt, nmlich dass unsere Regierung  d.h. diejenige, unter welcher man zufllig geboren worden  niemals ein Joch, sondern nur einen Segen abgeben knne; dass die von uns sich losreien Wollenden nicht Freiheitskmper, sondern einfach Rebellen sind, und dass berhaupt und unter allen Umstnden wir allemal und berall in unserem vollen Rechte sind.
In den ersten Maitagen  es waren kalte, regnerische Tage zum Glck; sonniges, lenzfrohes Wetter htte einen noch schmerzlicheren Kontrast bewirkt  marschierte das Regiment ab, welchem Arno sich hatte zuteilen lassen. Um sieben Uhr frh ... ach, die vorhergehende Nacht ... war das eine frchterliche Nacht! Wre der Teure auch nur auf eine gefahrlose Geschftsreise gegangen, die Trennung htte mich unsglich traurig gemacht  Scheiden tut ja so weh  aber in den Krieg! Dem Feuerregen der feindlichen Geschtze entgegen! ... Warum konnte ich in jener Nacht bei dem Worte Krieg durchaus nicht mehr dessen erhabene, historische Bedeutung erfassen, sondern nur sein toddrohendes Grausen?
Arno war eingeschlafen. Ruhig atmend, mit heiterem Gesichtsausdruck lag er da. Ich hatte eine frische Kerze angezndet und hinter einen Schirm gestellt: ich konnte heute nicht im Finstern bleiben. Vom Schlafen war ja fr mich ohnehin keine Rede  in dieser _letzten_ Nacht. Da musste ich ihm wenigstens die ganze Zeit ins liebe Gesicht schauen. In einen Schlafrock gehllt, lag ich auf unserem Bette; den Ellbogen auf das Kissen, das Kinn in die Handflche gesttzt, blickte ich auf den Schlummernden herab und weinte still ... Wie lieb  wie lieb ich dich habe, mein Einziger  und du gehst fort von mir ... Warum ist das Schicksal so grausam? Wie werde ich leben ohne dich? Dass du mir nur bald wiederkehrst! O Gott, mein guter Gott, mein barmherziger Vater dort oben  lass ihn bald zurckkommen  ihn und alle ... Lass es bald Frieden sein! ... Warum kann es denn nicht immer Frieden sein? ... Wir waren so glcklich ... zu glcklich wohl ... es darf ja auf Erden kein vollkommenes Glck geben ... O Seligkeit  wenn er unversehrt heimkehrt und dann wieder so an meiner Seite liegt und fr den kommenden Morgen kein Abschied droht ... Wie er ruhig schlft  o du mein tapferer Schatz! Aber wie wirst du dort schlafen? Da gibt es kein weiches Bett fr dich  da musst du auf harter, nasser Erde liegen ... vielleicht in einem Graben  hilflos  verwundet ... Bei diesem Gedanken konnte ich nicht anders, als mir eine klaffende Sbelhiebwunde auf seiner Stirn vorstellen, von der das Blut herabsickert, oder ein Kugelloch in seiner Brust ... und ein heier Mitleidsschmerz ergriff mich. Wie gerne htte ich meine Arme um ihn geschlungen und ihn geksst, aber ich durfte ihn nicht wecken; er brauchte diesen strkenden Schlaf. Nur noch sechs Stunden ... tick  tack  tick  tack: unbarmherzig schnell und sicher geht die Zeit jedem Ziele entgegen. Dieses gleichgltige Tick  Tack tat mir weh. Auch das Licht brannte ebenso gleichgltig hinter seinem Schirm, wie diese Uhr mit ihrem blden regungslosen Bronze-Amor tickte ... Begriffen denn all diese Dinge nicht, dass dies die _letzte_ Nacht war? Die trnenden Lider fielen mir zu, das Bewusstsein schwand allmhlich, und den Kopf auf das Kissen sinken lassend, schlief ich dennoch selber ein. Aber immer nur auf kurze Zeit. Kaum verlor sich mein Sinn in die Nebel eines formlosen Traumes, so krampfte mein Herz sich pltzlich zusammen und ich erwachte durch einen heftigen Schlag desselben, mit dem gleichen Angstgefhle, wie wenn man durch Hilferuf oder Feuerlrm geweckt wird ... Abschied, Abschied! hie der Alarm. Als ich zum zehnten oder zwlftenmal so aus dem Schlummer auffuhr, war es Tag und die Kerze flackerte noch. Man klopfte an der Tr.
Sechs Uhr, Herr Oberleutnant, meldete die Ordonnanz, welche Befehl erhalten hatte, rechtzeitig zu wecken.
Arno richtete sich auf ... Jetzt also war die Stunde gekommen  jetzt wrde es gesprochen werden, dieses jammer-jammervolle Wort Lebewohl.
Es war ausgemacht worden, dass ich ihn _nicht_ zur Bahn begleiten wrde. Die eine Viertelstunde mehr oder weniger des Beisammenseins  auf die kam es nicht mehr an. Und das Leid der letzten Losreiung, das wollte ich nicht vor fremden Leuten blolegen; ich wollte allein in meinem Zimmer sein, wenn der Abschiedskuss getauscht worden, um mich auf den Boden werfen  um schreien, laut schreien zu knnen.
Arno kleidete sich rasch an. Dabei sprach er allerlei Trstliches auf mich ein:
Wacker, Martha! In lngstens zwei Monaten ist die Geschichte vorbei und ich bin wieder da ... Zum Kuckuck  von tausend Kugeln trifft nur eine und die muss nicht gerade mich treffen ... Es sind andere auch schon aus dem Krieg zurckgekommen: sieh deinen Papa. Einmal muss es doch sein. Du hast doch keinen Husarenoffizier in der Idee geheiratet, sein Handwerk sei Hyazinthenzucht? Ich werde dir oft schreiben, so oft als mglich, und dir berichten, wie frisch und frhlich die ganze Kampagne vor sich geht. Wenn mir was Schlimmes bestimmt wre, so knnte ich mich nicht so wohlgemut fhlen ... einen Orden geh ich mir holen, weiter nichts ... Gib nur hier recht acht auf dich selber und auf unseren Ruru  der wenn ich avanciere, auch wieder um einen Grad vorrcken darf. Gr ihn von mir ... ich will den Abschied von gestern abend nicht noch wiederholen ... Dem wirds einmal ein Vergngen sein, wenn ihm sein Vater erzhlt, dass er im Jahre 59 bei den groen italienischen Siegen dabei gewesen ...
Ich hrte ihm gierig zu. Dieses zuversichtliche Geplauder tat mir wohl. Er ging ja gern und lustig fort  mein Schmerz war also ein egoistischer, daher ein unberechtigter  dieser Gedanke wrde mir die Kraft geben, ihn zu berwinden.
Wieder klopfte es an der Tr.
Es ist schon Zeit, Herr Oberleutnant.
Bin schon fertig  komme gleich. Er breitete die Arme aus: Also jetzt, Martha, mein Weib, mein Lieb 
Schon lag ich an seiner Brust. Reden konnte ich nicht. Das Wort Lebewohl wollte nicht ber die Lippen  ich fhlte, dass ich bei uerung dieses Wortes zusammenbrechen musste, und die Ruhe, den Frohmut seiner Abfahrt durfte ich ja nicht vergllen. Den Ausbruch meines Schmerzes sparte ich mir  wie eine Art Belohnung  auf das Alleinsein auf.
Nunmehr aber sprach er es, das herzzerreiende Wort:
Leb wohl, mein Alles, leb wohl! und drckte innig seinen Mund auf den meinen.
Wir konnten uns aus dieser Umarmung gar nicht losreien  war es doch die letzte! Da pltzlich fhle ich, wie seine Lippen beben, seine Brust sich krampfhaft hebt ... und  mich freilassend, bedeckt er sein Gesicht mit beiden Hnden und schluchzte laut auf.
Das war zu viel fr mich. Ich glaubte wahnsinnig zu werden.
Arno, Arno, rief ich ihn umklammernd: Bleib, Bleib! Ich wusste, dass ich unmgliches verlangte, doch rief ich hartnckig: Bleib, bleib!
Herr Oberleutnant, kam es von drauen, schon hchste Zeit.
Noch einen Kuss  den allerletzten  und er strzte hinaus.
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Charpie zupfen,{1} Zeitungsberichte lesen, auf einer Landkarte Stecknadelfhnchen aufstecken, um den Bewegungen der beiden Heere zu folgen und daraus Schachaufgaben, in der Fassung von sterreich zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt zu lsen trachten; in der Kirche fleiig um Schutz fr seine Lieben und um den Sieg der vaterlndischen Waffen beten; von nichts anderem reden als von den vom Kriegsschauplatz eingetroffenen Nachrichten: das war es, was meine und die Existenz meiner Verwandten- und Bekanntenkeise nunmehr ausfllte. Das Leben mit allen seinen brigen Interessen schien fr die Dauer des Feldzuges sozusagen in der Schwebe; alles bis auf die Frage wie und wann wird der Krieg enden? war der Wichtigkeit, ja beinahe der Wirklichkeit beraubt. Man a, man trank, man las, man besorgte seine Geschfte; aber das alles galt eigentlich nicht  nur eins war von vollgewichtiger Gltigkeit: die Telegramme aus Italien.
{1: Charpie: Gezupfte Leinwand, damals das gebruchliche Verbandsmaterial. (Anm. zur vorliegenden Ausgabe.)}
Meine grten Lichtblicke waren selbstverstndlich die Nachrichten, welche ich von Arno selber erhielt. Diese waren sehr kurz gefasst  das Briefschreiben ist niemals seine starke Seite gewesen  aber sie brachten mir doch das beglckendste Zeugnis; noch am Leben  unverwundet. Sehr regelmig konnten diese Briefe und Depeschen freilich nicht eintreffen, denn oft waren die Verbindungen abgebrochen, oder  wenn es irgendwo zur Aktion kam  der Feldpostdienst aufgehoben.
Wenn so einige Tage vergangen waren, ohne dass ich von Arno gehrt, und es wurde eine Verlustliste verffentlicht  mit welchem Bangen las ich da nicht die Namen durch! ... Es ist so spannend, wie fr den Losbesitzer das Durchsehen der Gewinnummern einer Ziehungsliste, aber in umgekehrtem Sinne: was man da sucht, wohl wissend, dass man (Gott sei Dank) die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat, ist der Haupttreffer des Unglcks ...
Das erstemal, als ich die Namen der Gefallenen durchgelesen  ich war eben seit vier Tagen ohne Nachricht  und sah, dass der Name Arno Dotzky nicht darunter war, da faltete ich die Hnde und sprach mit lauter Stimme: Mein Gott, ich danke dir! Kaum aber waren die Worte geuert, so klang es mir wie ein schriller Misston daraus nach. Ich nahm das Blatt wieder zur Hand und betrachtete zum zweitenmal die Namenreihe. Also weil Adolf Schmidt und Karl Mller und viele andere  aber nicht Arno Dotzky  geblieben waren, hatte ich Gott gedankt? Derselbe Dank wre dann berechtigterweise von dem Herzen derer zum Himmel aufgestiegen, welche fr Schmidt und Mller zittern, wenn sie statt dieser den Namen Dotzky gelesen htten? Und warum sollte gerade mein Dank dem Himmel genehmer sein als jener? Ja  das war der schrille Misston meines Stogebetes gewesen: die _Anmaung_ und die _Selbstsucht_, die darin lag, zu glauben, Dotzky sei _mir_ zu lieb verschont geblieben, und Gott zu danken, dass nicht ich, sondern nur Schmidts Mutter und Mllers Braut und fnfzig andere ber dieser Liste weinend zusammenbrechen ...
~
Am selben Tag erhielt ich wieder von Arno einen Brief:

    Gestern gabs einen tchtigen Kampf. Leider  leider eine Niederlage. Aber trste dich, meine geliebte Martha, die nchste Schlacht bringt uns den Sieg. Es war dies meine erste groe Affre. Ich stand mitten in dichtem Kugelregen  ein eigenes Gefhl ... das erzhle ich mndlich  es ist _doch_ furchtbar: die armen Kerle, die da um einen herum fallen und die man liegen lassen muss, trotz ihres klglichen Wimmerns  cest la guerre! Auf baldiges Wiedersehen, mein Herz. Wenn wir einmal in Turin die Friedensbedingungen diktieren, dann kommst du mir nachgereist. Tante Marie wird indessen so gut sein, ber unseren kleinen Korporal zu wachen.

Wenn der Empfang solcher Briefe die Sonnenblicke meines Daseins abgab  die schwrzesten Schatten desselben waren meine Nchte. Wenn ich da aus selig vergessendem Traume erwachte und mir die entsetzliche Wirklichkeit mit ihrer entsetzlichen Mglichkeit vor das Bewusstsein trat, so erfasste mich schier unertrgliches Leid und ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen. Die Idee war nicht los zu werden, dass Arno vielleicht in diesem Augenblick sthnend und sterbend in einem Graben lag  nach einem Tropfen Wasser lechzend  sehnschtig nach mir rufend ... Nur damit konnte ich mich allmhlich beruhigen, dass ich mir mit aller Gewalt die Szene seiner Rckkunft vor die Einbildung rief. Die war ja ebenso wahrscheinlich  sogar viel wahrscheinlicher, als das verlassene Sterben  und da malte ich mir denn aus, wie er ins Zimmer hereinstrmte und ich an sein Herz flge  wie ich ihn dann zu Rurus Wiege fhrte und wie glcklich und froh wir dann wieder sein knnten ...
Mein Vater war sehr niedergeschlagen. Es kam eine schlimme Nachricht nach der anderen. Zuerst Montebello, dann Magenta. Nicht er allein  ganz Wien war niedergeschlagen. Man hatte zu Anfang so zuversichtlich gehofft, dass ununterbrochene Siegesbotschaften Anlass zu Huserbeflaggung und _Te deum_ Absingen geben wrden; statt dessen wehten die Fahnen und sangen die Priester in Turin ... Dort hie es jetzt: Herr Gott, wir loben dich, dass du uns geholfen hast, die bsen Tedeschi zu schlagen.
Meinst du nicht, Papa, frug ich, dass, wenn noch eine Niederlage fr uns kme, dann Frieden geschlossen wrde? In diesem Falle knnte ich wnschen, dass 
Schmst du dich nicht, so etwas zu sagen? Lieber soll es ein siebenjhriger  soll es ein dreiigjhriger Krieg werden, nur sollen schlielich unsere Waffen siegen und _wir_ die Friedensbedingungen diktieren. Wozu geht man in den Krieg, doch nicht dazu, dass er baldmglichst aus sei  sonst knnte man von vornherein zu Hause bleiben.
Das wre wohl das Beste, seufzte ich.
Was ihr Weibervolk doch feige seid! Selbst du  die du so gute Grundstze von Vaterlandsliebe und Ehrgefhl erhalten  bist jetzt ganz verzagt und schtzest deine persnliche Ruhe hher als die Wohlfahrt und den Ruhm des Landes.
Ja  wenn ich meinen Arno nicht gar so lieb htte!
Gattenliebe  Familienliebe  das ist alles recht schn ... aber es soll erst in zweiter Linie kommen.
_Soll_ es? ...
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Die Verlustliste hatte schon mehrere Namen von Offizieren gebracht, die ich persnlich gekannt hatte. Unter anderen des Sohnes  des einzigen  einer alten Dame, fr die ich eine groe Verehrung empfand.
An jenem Tage wollte ich die rmste aufsuchen. Es war mir ein peinlicher, schwerer Gang. Trsten konnte ich sie doch nicht  hchstens mitweinen. Aber es war eine Liebespflicht  und so machte ich mich denn auf den Weg.
Vor der Wohnung der Frau v. Ullsmann angelangt, zgerte ich lange, ehe ich die Glocke zog. Das letztemal, dass ich hierher gekommen, war es zu einer lustigen kleinen Tanzunterhaltung gewesen. Die liebenswrdige alte Hausfrau war damals selber voller Lustigkeit. Martha, hatte sie mir im Laufe des Abends gesagt, wir sind die beiden beneidenswertesten Frauen Wiens: Du hast den hbschesten Mann und ich den trefflichsten Sohn.  Und heute? Da besa ich wohl noch meinen Mann ... Wer wei? Die Bomben und Granaten flogen ja dort unablssig; die letzte Minute konnte mich zur Witwe gemacht haben ... Und ich fing vor der Tr zu weinen an.  Das war die richtige Verfassung fr solch traurigen Besuch. Ich klingelte, niemand kam. Ich klingelte ein zweites Mal. Wieder nichts.
Da streckte jemand aus einer anderen Flurtr den Kopf heraus: Sie luten umsonst, Frulein  die Wohnung ist leer.
Wie? Ist Frau v. Ullsmann fortgezogen?
Vor drei Tagen in die Irrenanstalt berfhrt worden. Und der Kopf war hinter der zufallenden Tr wieder verschwunden.
Ein paar Minuten blieb ich regungslos auf demselben Flecke stehen und vor meinem inneren Auge spielten sich die Szenen ab, die hier stattgefunden haben mochten. Bis zu welchem Grade musste die arme Frau gelitten haben, bis dass ihr Schmerz in Wahnsinn ausbrach!
Und da wollte mein Vater, dass der Krieg dreiig Jahre whrte  fr das Wohl des Landes ... wie viele solcher Mtter mssten da noch im Lande verzweifeln?
Aufs tiefste erschttert ging ich die Treppe herab. Ich beschloss, noch einen anderen Besuch bei einer befreundeten jungen Frau abzustatten, deren Gatte gleich auf dem Kriegsschauplatz war.
Mein Weg fhrte mich durch die Herrengasse an dem Gebude  das sogenannte Landhaus  vorbei, wo der patriotische Hilfsverein seine Bureaus untergebracht hatte. Damals gab es noch keine Genfer Konvention, kein Rotes Kreuz, und als Vorbote jener humanen Institutionen hatte sich dieser Hilfsverein gebildet, dessen Aufgabe es war, allerlei Spenden in Geld, Wsche, Charpie, Verbandzeug usw. fr die armen Verwundeten in Empfang zu nehmen und nach dem Kriegsschauplatz zu befrdern. Von allen Seiten kamen die Gaben reichlich geflossen; ganze Magazine mussten zur Aufnahme derselben dienen; und kaum waren die verschiedenen Vorrte verpackt und fortgeschickt, da trmten sich wieder neue auf.
Ich trat ein; es drngte mich, die Summe, die ich in meiner Geldbrse trug, dem Komitee zu berreichen. Vielleicht konnte dieselbe einem leidenden Soldaten Hilfe und Rettung bringen  und dessen Mutter vor Wahnsinn bewahren.
Ich kannte den Prsidenten. Ist Frst Colloredo anwesend? fragte ich den Portier.
Im Augenblick nicht. Nur der Vizeprsident, Baron Suttner, ist oben.
Er zeigte mir den Weg nach dem Lokale, wo die Geldspenden abgegeben wurden. Ich musste durch mehrere Sle gehen, wo auf langen Tischen die Pakete aneinandergereiht lagen. Ste von Wschestcken, Zigarren, Tabak  und namentlich Berge von Charpie ... Mir schauderte. Wie viel Wunden mussten da bluten, um mit soviel gezupfter Leinwand bedeckt zu werden? Und da wollte mein Vater, dachte ich wieder, dass zum Wohle des Landes der Krieg noch dreiig Jahre dauere? Wie viel Shne des Landes mssten da noch ihren Wunden erliegen?
Der Baron nahm meine Gabe dankend in Empfang und erteilte mir auf meine verschiedenen Fragen ber die Wirksamkeit des Vereins bereitwilligst Auskunft. Es war erfreulich und trstlich zu hren, wieviel des Guten da geschah. Soeben kam der Postbote mit eingelaufenen Briefen herein und meldete, dass zwei Schubkarren voll Sendungen aus den Provinzen abzugeben seien. Ich setzte mich auf ein im Hintergrund des Zimmers stehendes Sofa, um das Hereintragen der Pakete abzuwarten. Dieselben wurden jedoch in einem anderen Raume abgegeben. Jetzt trat ein sehr alter Herr herein, dem man an der Haltung den einstigen Militr ansah.
Erlauben Sie, Herr Baron, sagte er, indem er seine Brieftasche hervorzog und sich auf einen neben dem Tisch stehenden Sessel niederlie, erlauben Sie, dass auch ich mein kleines Scherflein zu Ihrem schnen Werk beitrage. Er reichte eine Hundertgulden-Note hin. Ich betrachte Sie alle, die Sie das organisiert haben, als wahre Engel ... Sehen Sie, ich bin selber ein alter Soldat (Feldmarschall-Leutnant X. schaltete er, sich vorstellend, ein) und kann es beurteilen, was fr eine enorme Wohltat den armen Kerlen geschieht, die sich dort schlagen ... Ich habe die Feldzge von anno 9 und 13 mitgemacht  da hats noch keine patriotischen Hilfsvereine gegeben; da hat man den Verwundeten keine Kisten voll Verbandzeug und Charpie nachgeschickt.  Wie viele mussten da, wenn die Vorrte der Feldscherer erschpft waren, jmmerlich verbluten, die durch eine Sendung, wie diese hier, htten gerettet werden knnen! Das ist eine segensreiche Arbeit  die Eure  Ihr guten edlen Menschen  Ihr wisst gar nicht, Ihr wisst gar nicht, _wieviel_ Gutes Ihr da tut! Und dem alten Manne fielen zwei groe Trnen auf den weien Schnurrbart herab.
Drauen erhob sich ein Lrm von Schritten und Stimmen. Beide Flgel der Eingangstr wurden aufgerissen und ein Gardist meldete:
Ihre Majestt die Kaiserin.
Der Vizeprsident eilte zur Tr hinaus, um die hohe Besucherin, wie geziemend, am Fue der Treppe zu empfangen, doch sie war schon im Nebensaal angelangt.
Ich schaute von meinem verborgenen Pltzchen mit Bewunderung nach der jugendlichen Monarchin, die mir im einfachen Straenkleide beinahe noch lieblicher erschien, als in den Prunkroben der Hoffeste.
Ich bin gekommen, sagte sie zu Herrn v. Suttner, weil ich heute frh einen Brief des Kaisers vom Kriegsschauplatz erhalten habe, worin er mir schreibt, wie ntzlich und willkommen die Gaben des patriotischen Hilfsvereins sich erweisen  und da wollte ich selbst Einsicht nehmen ... und das Komitee von der Anerkennung des Kaisers in Kenntnis setzen.
Hierauf lie sie sich von allen Einzelheiten der Vereinsttigkeit unterrichten und betrachtete eingehend die verschiedenen aufgestapelten Gegenstnde.
Sehen Sie nur, Grfin, sagte sie zu der sie begleitenden Oberhofmeisterin, indem sie ein Wschestck zur Hand nahm, wie gut diese Leinwand ist  und wie hbsch genht.
Dann bat sie den Vizeprsidenten, sie noch in die anderen Rume zu geleiten und verlie an seiner Seite den Saal. Sie sprach mit sichtlicher Zufriedenheit zu ihm und ich hrte sie noch sagen: Es ist ein schnes, patriotisches Unternehmen, welches den armen Soldaten 
Den Rest verstand ich nicht mehr. Arme Soldaten  das Wort klang mir noch lange nach, sie hatte es so mitleidsvoll betont. Ja wohl, _arm_, und je mehr man tat, ihnen Trost und Hilfe zu senden, desto besser. Aber wie  flog es mir durch den Kopf  wenn man sie gar nicht hinschicken wrde in all den Jammer, die armen Leute: wre das nicht noch viel besser?
Ich verscheuchte diesen Gedanken ... es muss ja sein  es muss ja sein. Andere Entschuldigung gibt es fr die Greuel des Kriegfhrens keine, als die das Wrtlein muss enthlt.
Nun ging ich wieder meiner Wege. Die Freundin, die ich besuchen wollte, wohnte ganz nahe vom Landhaus  auf dem Kohlmarkt. Im Vorbergehen trat ich in eine Buch- und Kunsthandlung, um eine neue Karte Oberitaliens zu kaufen; die unsere war von den fhnchengekrnten Stecknadeln schon ganz durchlchert. Auer mir waren noch mehrere Kunden anwesend. Alle verlangten nach Karten, Schematismen und dergleichen. Nun kam die Reihe an mich.
Auch ein Kriegsschauplatz gefllig? fragte der Buchhndler.
Sie haben es erraten.
Das ist nicht schwer. Es wird ja beinahe nichts anderes gekauft.
Er holte das Gewnschte herbei, und wahrend er die Rolle fr mich in ein Papier schlug, sagte er zu einem neben mir stehenden Herrn:
Sehen Sie, Herr Professor, jetzt geht es jenen schlecht, welche belletristische oder wissenschaftliche Werke schreiben, oder verlegen  es fragt kein Mensch danach. So lange der Krieg whrt, interessiert sich niemand fr das geistige Leben. Das ist fr Schriftsteller und Buchhndler eine schlimme Zeit.
Und eine schlimme Zeit fr die Nation, entgegnete der Professor, bei welcher solche Interesselosigkeit natrlich geistigen Niedergang zur Folge hat.
Und da wollte mein Vater  dachte ich zum drittenmal  dass zum Wohle des Landes dreiig Jahre lang ...
So gehen Ihre Geschfte schlecht? mischte ich mich jetzt laut in die Unterhaltung.
Nur meine? Alle, fast alle, meine Gndige, antwortete der Buchhndler. Mit Ausnahme der Armeelieferanten gibt es keinen Geschftsmann, dem der Krieg nicht unberechenbaren Schaden brchte. Alles stockt: die Arbeit in den Fabriken, die Arbeit auf den Feldern, unzhlige Menschen werden verdienst- und brotlos. Die Papiere fallen, das Agio steigt, alle Unternehmungslust versiegt, zahlreiche Firmen mssen Bankrott erklren  kurz es ist ein Elend  ein Elend!
Und da wollte mein Vater  wiederholte ich im stillen, whrend ich den Laden verlie.
~
Meine Freundin fand ich zu Hause.
Grfin Lori Griesbach war in mehr als einer Hinsicht meine Schicksalsgenossin, Generalstochter, wie ich, kurze Zeit an einen Offizier verheiratet, wie ich, und  wie ich  Strohwitwe. In einem bertrumpfte sie mich: sie hatte nicht nur ihren Mann, sondern auch noch zwei Brder im Krieg. Aber Lori war keine ngstliche Natur; sie war vollkommen berzeugt, dass ihre Lieben unter dem besonderen Schutze eines von ihr sehr verehrten Heiligen standen, und sie rechnete zuversichtlich auf deren Wiederkehr.
Sie empfing mich mit offenen Armen.
Ach, grߒ dich Gott, Martha  das ist wunderhbsch von dir, dass du mich aufsuchst.  Aber du siehst gar so bleich und gedrckt aus ... doch keine schlimme Nachricht vom Kriegsschauplatze?
Nein, Gott sei Dank. Aber das Ganze ist doch so traurig 
Ja so  du meinst die Niederlage? Da musst du dir nichts daraus machen, die nchsten Berichte knnen einen Sieg vermelden.
Siegen oder besiegt werden  der Krieg an und fr sich ist schon schrecklich ... Wre es nicht besser, wenn es gar keinen solchen gbe?
Wozu wre denn da das Militr da?
Ja, wozu? Ich sann nach. Dann gb es keins.
Was du fr Unsinn sprichst! Das wre eine schne Existenz  lauter Zivilisten  mir schaudert! Das ist zum Glck unmglich.
Unmglich? Du musst recht haben. Ich _will_ es glauben  sonst knnte ich nicht fassen, dass es nicht schon lngst geschehen.
Was geschehen?
Die Abschaffung des Krieges. Doch nein: ebensogut knnte ich sagen, man solle das Erdbeben abschaffen ...
Ich wei nicht, was du meinst. Was mich anbelangt, so bin ich froh, dass dieser Krieg ausgebrochen, weil ich hoffe, dass sich mein Ludwig auszeichnen wird. Auch fr meine Brder ist es eine gute Sache. Das Avencement ging schon so langsam von statten, jetzt haben sie doch eine Chance 
Hast du krzlich Nachricht erhalten, unterbrach ich. Sind die deinen alle heil?
Eigentlich schon ziemlich lange nicht. Aber du weit, wie der Postverkehr oft unterbrochen ist, und wenn man von einem heien Marsch- oder Schlachttag so recht mde geworden, hat man auch nicht viel Lust zum Schreiben. Ich bin ganz ruhig. Sowohl Ludwig als auch meine Brder tragen geweihte Amulette  Mama hat sie ihnen selber umgehngt ...
Wie stellst du dir denn einen Krieg vor, Lori, wo in beiden Heeren jeder Mann ein Amulett trge? Wenn da die Kugeln hin und her fliegen, werden sie sich harmlos in die Wolken zurckziehen?
Ich versteh dich nicht. Du bist so lau im Glauben. Das klagt mir fters deine Tante Marie.
Warum beantwortest du meine Frage nicht?
Weil in ihr ein Spott auf eine Sache liegt, die mir heilig ist.
Spott? Nicht doch ... Einfach eine vernnftige Erwgung.
Du weit doch, dass es Snde ist, der eigenen Vernunft die Kraft zuzutrauen, in Dingen urteilen zu wollen, die ber sie erhaben sind.
Ich schweige schon, Lori. Du kannst recht haben: das Nachdenken und Grbeln taugt nicht ... Seit einiger Zeit steigen mir so allerlei Zweifel an meinen ltesten berzeugungen auf, und ich empfinde dabei nur Qual. Wenn ich die berzeugung verlre, dass es unbedingt notwendig und gut war, diesen Krieg zu beginnen, so knnte ich jenen nicht verzeihen, welche 
Du meinst Louis Napoleon? Das ist freilich ein Intrigant.
Ob dieser oder andere  ich wollte unerschttert glauben, dass es berhaupt keine Menschen waren, die den Krieg veranlasst haben, sondern, dass er von selber ausgebrochen  ausgebrochen wie das Nervenfieber, wie das Vesuvfeuer 
Wie du exaltiert bist, mein Schatz. Lass uns doch vernnftig reden. Also hr mich an. In kurzem wird die Kampagne ein Ende haben und unsere beiden Mnner kommen als Rittmeister zurck ... Ich werde den meinen dann zu bewegen trachten, dass er einen vier- oder sechswchentlichen Urlaub nehme, um mit mir ins Bad zu reisen. Es wird ihm gut tun nach seinen ausgestandenen Strapazen und auch mir, nach der ausgestandenen Hitze, Langeweile und Bangigkeit. Denn du musst nicht glauben, dass ich gar keine Angst habe ... Es knnte doch Gottes Wille sein, dass einer meiner Lieben den Soldatentod finde  und wenn es auch ein schner, beneidenswerter Tod ist ... auf dem Felde der Ehre ... fr Kaiser und Vaterland 
Du sprichst ja wie der erste beste Armeebefehl.
Es wre doch schrecklich ... die arme Mama, wenn Gustav oder Karl etwas zustoen wrde ... Reden wir nicht davon! Also, um uns von all dem Schreck zu erholen, gilt es, eine amsante Badesaison durchmachen ... Am liebsten in Karlsbad  dort bin ich einmal als Mdchen gewesen und habe mich gttlich unterhalten.
Und ich war in Marienbad ... Dort habe ich Arno kennen gelernt ... Aber warum sitzen wir so mig da? Hast du nicht etwas Leinwand zur Hand, dass wir Charpie zupfen? Ich war heute im Patriotischen Hilfsverein und da kam  rate wer?
Hier wurden wir unterbrochen. Ein Diener brachte einen Brief herein.
Von Gustav! rief Lori freudig, indem sie das Siegel brach.
Nachdem sie ein paar Zeilen gelesen, stie sie einen Schrei aus; das Blatt entfiel ihren Hnden und sie warf sich an meinen Hals.
Lori  mein armes Herz, was ists? fragte ich tief ergriffen  dein Mann? ...
O Gott, o Gott, sthnte sie. Lies selber ...
Ich hob das Blatt vom Boden auf und begann zu lesen. Ich kann den Wortlaut genau wiedergeben, denn in der Folge habe ich den Brief von Lori mir erbeten, um dessen Inhalt in mein Tagebuch bertragen.
Lies laut, bat sie  ich habe nicht zu Ende lesen knnen.
Ich tat nach ihrem Wunsche.

    Liebste Schwester! Gestern hatten wir eine heie Schlacht  das wird eine groe Verlustliste geben. Damit du  damit unsere arme Mutter nicht aus dieser das Unglck erfhrt und damit du sie langsam vorbereiten knntest (sag, er sei schwer verwundet), schreibe ich dir lieber gleich, dass zu den fr das Vaterland gefallenen Kriegern auch unser tapferer Bruder Karl zhlt. Ich unterbrach mich, um die Freundin zu umarmen.

Bis dahin war ich gekommen, sagte sie leise.
Mit trnenerstickter Stimme las ich weiter.

    Dein Mann ist unversehrt und so auch ich. Htte die feindliche Kugel doch lieber mich getroffen: ich beneide Karl um seinen Heldentod  er fiel zu Anfang der Schlacht, und wei nicht, dass diese wieder  verloren ist. Das ist gar zu bitter. Ich habe ihn fallen gesehen, denn wir ritten nebeneinander. Ich sprang gleich ab, um ihn aufzuheben  nur noch einen Blick und er war tot. Die Kugel muss ihm durch Herz oder Lungen gedrungen sein! Es war ein schnelles, schmerzloses Ende. Wie viele andere mussten stundenlang leiden und mitten im Toben der Schlacht hilflos daliegen, bis sie der Tod erlste. Das war ein mrderischer Tag  mehr als tausend Leichen  Freund und Feind  bedeckten die Walstatt. Ich habe unter den Toten so manches liebe, bekannte Gesicht erkannt  das ist, unter anderen, auch der arme  (hier musste die Seite umgewendet werden), der arme Arno Dotzky 

Ich fiel ohnmchtig zu Boden.
~
Jetzt ist alles aus, Martha: Solferino hat entschieden: wir sind geschlagen.
Mit diesen Worten kam mein Vater eines Morgens auf das Gartenpltzchen geeilt, wo ich unter den Schatten einer Lindengruppe sa.
Ich war mit meinem kleinen Rudolf in mein Mdchenheim zurckgekehrt. Acht Tage nach dem groen Schlage, der mich getroffen, bersiedelte meine Familie nach Grumitz, unserem Landsitz in Niedersterreich, und ich mit ihr. Allein htte ich ja verzweifeln mssen. Jetzt waren sie wieder alle um mich, wie vor meiner Verheiratung: mein Vater, Tante Marie, mein kleiner Bruder und meine zwei aufblhenden Schwestern. Sie alle taten, was sie nur konnten, meinen Kummer zu lindern und behandelten mich mit einer Art Hochachtung, die mir wohltat. In meinem traurigen Schicksal lag fr sie offenbar eine gewisse Weihe, etwas, was mich ber meine Umgebung erhob  selbst eine Gattung Verdienst. Neben dem Blute, das die Soldaten auf dem Altar des Vaterlandes vergieen, bilden ja die am selben Altar vergossenen Trnen der beraubten Soldatenmtter, Frauen und Brute die nchste heilige Libation. So war es auch ein leises Stolzgefhl  ein Bewusstsein, dass es sozusagen eine militrische Wrde vorstellt, einen geliebten Mann auf dem Felde der Ehre verloren zu haben, welches mir meinen Schmerz am besten tragen half. Und ich war ja nicht die einzige. Wie viele, viele im ganzen Land trauerten jetzt um ihre in italienischer Erde ruhenden Lieben ...
Nhere Einzelheiten ber Arnos Ende sind mir damals nicht bekannt geworden; man hatte ihn tot aufgefunden, agnosziert, begraben, das war alles, was ich wusste. Sein letzter Gedanke war gewiss zu mir und zu unserem kleinen Liebling geflogen, und sein Trost im letzten Augenblick muss das Bewusstsein gewesen sein: Ich habe meine Pflicht  _mehr_ als meine Pflicht getan.
Wir sind geschlagen, wiederholte mein Vater dster, indem er sich neben mich auf die Gartenbank setzte.
Also wurden die Geopferten umsonst geopfert, seufzte ich.
Die Geopferten sind zu beneiden, weil sie von der Schmach nichts wissen, die uns getroffen hat. Aber wir werden uns schon noch aufraffen, wenn auch jetzt  wie es heit  Friede geschlossen werden soll 
Ah, Gott gebs! unterbrach ich Fr mich Arme freilich zu spt ... aber so werden doch tausend andere verschont.
Du denkst immer nur an dich und an die einzelnen Menschen. Aber in dieser Frage handelt es sich um sterreich.
Und besteht dieses nicht aus lauter einzelnen Menschen?
Mein Kind, ein Reich, ein Staat lebt ein lngeres und wichtigeres Leben als die Individuen. Diese schwinden, Generation um Generation, und das Reich entfaltet sich weiter; wchst zu Ruhm, Gre und Macht, oder sinkt und schrumpft zusammen und verschwindet, wenn es sich von anderen Reichen besiegen lsst. Darum ist das wichtigste und hchste, was jeder einzelne erstreben muss und wofr er jederzeit gern sterben soll, die Existenz, die Gre, die Wohlfahrt des Reiches.
Diese Worte prgte ich mir ein, um sie am selben Tag in den roten Heften zu notieren. Sie schienen mir so krftig und bndig dasjenige auszudrcken, was ich in meiner Lernzeit aus den Geschichtsbchern herausgefhlt hatte, und was mir in der letzten Zeit  seit Arnos Abmarsch  durch Angst und Mitleid aus dem Bewusstsein verdrngt worden war. Daran wollte ich mich wieder so fest wie mglich klammern, um in der Idee Trost und Erhebung zu finden, dass mein Liebster um einer groen Sache Willen gefallen, dass mein Unglck selber ein Bestandteil dieser groen Sache war.
Tante Marie hatte wieder andere Trostgrnde zur Hand. Weine nicht, liebes Kind, pflegte sie zu sagen, wenn sie mich in Trauer versunken fand. Sei nicht so selbstschtig, denjenigen zu beklagen, dem es jetzt so wohl geht. Er ist unter den Seligen und sieht segnend auf dich herab. Noch ein paar schnell verflossene Erdenjahre und du findest ihn wieder in seiner vollen Glorie. Fr die, welche auf dem Schlachtfeld bleiben, bereitet der Himmel seine schnsten Wohnungen ... Glcklich solche, die in dem Augenblick abberufen werden, wo sie eine heilige Pflicht erfllen. Dem sterbenden Mrtyrer steht der sterbende Soldat an Verdienst am nchsten.
Ich soll mich also freuen, dass Arno 
Freuen: nein  das wre zu viel verlangt. Aber dein Schicksal mit demtiger Ergebung tragen. Es ist eine Prfung, die dir der Himmel schickt und aus der du gelutert und im Glauben gestrkt hervorgehen wirst.
Also damit ich geprft und gelutert werde, musste Arno 
Nicht deshalb  doch wer kann, wer darf die verschlungenen Wege der Vorsehung ergrnden wollen? Ich sicher nicht.
Obwohl mir gegen Tante Mariens Trstungen immer derlei Einwendungen entschlpften, so gab ich mich im Grund der Seele doch gern der mystischen Auffassung hin, dass mein Verklrter jetzt im Himmel den Lohn seines Opfertodes geniet, und dass sein Andenken unter den Menschen mit der unvergnglichen Glorie der Heldenhaftigkeit geschmckt ist.
Wie erhebend  wenngleich schmerzlich  hatte die groe Trauerzeremonie auf mich gewirkt, welcher ich, am Tage vor unserer Abreise, im Stephansdom beigewohnt. Es war ein _De profundis_ fr unsere auf fremder Erde gefallenen und dort begrabenen Krieger. In der Mitte der Kirche war ein hoher Katafalk aufgestellt, von Hunderten brennender Wachslichter umgeben und mit militrischen Emblemen  Fahnen, Waffen  geschmckt. Vom Chor herab klang das rhrend gesungene Requiem, und die Anwesenden  meist schwarzgekleidete Frauen  weinten fast alle laut. Und jede weinte nicht nur um den einen, den sie verloren, sondern um alle anderen, die denselben Tod gefunden: sie hatten ja alle zusammen, die armen, tapferen Waffenbrder, fr uns alle, das heit fr ihr Land, fr die Ehre der Nation ihr junges Leben hingegeben. Und die lebenden Soldaten, die dieser Feier beiwohnten  smtliche in Wien zurckgebliebenen Generle und Offiziere waren da, und mehrere Kompagnien Mannschaft fllten den Hintergrund  diese alle waren gewrtig und bereit, ihren gefallenen Kameraden zu folgen ohne Zaudern, ohne Murren, ohne Furcht ... Ja, mit den Weihrauchwolken, mit dem Gelute und den Orgeltnen, mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Trnen stieg da sicherlich ein wohlgeflliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerscharen musste seinen Segen trufeln auf jene, denen dieser Katafalk errichtet war ...
So dachte ich damals. Wenigstens sind dies die Worte, mit welchen die roten Hefte die Trauerfeier beschreiben.
Ungefhr vierzehn Tage spter als die Nachricht von der Niederlage bei Solferino, kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedensprliminarien in Villafranca. Mein Vater gab sich alle mgliche Mhe, mir zu erklren, dass es aus politischen Grnden zwingend notwendig war, diesen Frieden zu schlieen; worauf ich versicherte, dass es mir auf jeden Fall erfreulich schien, wenn das bse Kmpfen und Sterben ein Ende fand; aber der gute Papa lie es sich nicht nehmen, mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten:
Du musst nicht glauben, dass wir Angst haben ... Wenn es auch den Anschein hat, als machten wir Konzessionen, wir vergeben unserer Wrde nichts und wissen schon, was wir tun. Wenn es sich um uns allein handelte, so htten wir wegen dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben. O nein, noch lange nicht. Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken, und der Feind msste Mailand schnell wieder rumen... Aber weit du, Martha, es handelt sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien. Wir verzichten jetzt darauf, uns weiter zu schlagen, um die anderen bedrohten italienischen Frstentmer zu bewahren, welche der sardinische Ruberhauptmann samt seinem franzsischen Henkersbeistand auch gern berfallen wollte. Gegen Modena, Toskana  wo, wie du weit, mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren  ja sogar gegen Rom, gegen den Papst wollen sie ziehen  die Vandalen. Wenn wir nun vorlufig die Lombardei hergeben, so erhalten wir uns damit Venetien und knnen die sditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Sttze gewhren. Du siehst also ein, dass wir aus rein politischen Grnden und im Interesse des europischen Gleichgewichts 
Ja, Vater, unterbrach ich, ich sehe es ein. Ach htten diese Grnde doch schon vor Magenta gewaltet! fgte ich bitter seufzend hinzu. Dann, um abzulenken, zeigte ich auf ein Bcherpaket, das heute aus Wien eingetroffen war.
Schau her: der Buchhndler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht. Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers, eines gewissen Darwin: _The Origin of Species_  und er macht uns aufmerksam, dass dies besonders interessant sei und geeignet, epochemachend zu wirken.
Er soll mich auslassen, der gute Mann. Wer soll sich in einer so wichtigen Zeit, wie die gegenwrtige, fr derlei Lappalien interessieren? Was kann denn in einem Buch ber Tier- und Pflanzenarten Epochemachendes fr uns Menschen enthalten sein? Ja, die Konfderation der italienischen Staaten, die Hegemonie sterreichs im deutschen Bunde: das sind weittragende Dinge; _die_ werden noch lange in der Geschichte bestehen, wenn von diesem englischen Buch kein Mensch mehr etwas wissen wird. Merk dir das.
Ich habe es mir gemerkt.


 Zweites Buch
Friedenszeit

Vier Jahre spter. Meine beiden  nunmehr siebzehn- und achtzehnjhrigen Schwestern  sollten bei Hofe vorgestellt werden. Aus diesem Anlass entschloss auch ich mich, wieder in die Welt zu gehen.
Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk getan und meinen Schmerz allmhlich gelindert. Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer, die Trauer in Wehmut, die Wehmut in Gleichgltigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit. Ich erwachte eines schnen Morgens zum Bewusstsein, dass ich eigentlich in einer beneidenswerten, glcksverheienden Lage mich befand: dreiundzwanzig Jahre alt, schn, reich, hochgestellt, frei, Mutter eines allerliebsten Knaben, Glied einer liebenden Familie  waren das nicht Bedingungen genug, um des Lebens froh zu werden?
Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum. Ja  ich war in meinen schnen Husaren sterblich verliebt gewesen; ja  mein zrtlicher Mann hatte mich sehr glcklich gemacht! Ja  die Trennung hatte mir groen Kummer, sein Verlust wilden Schmerz bereitet  aber das war vorbei, vorbei. So innig mit meinem ganzen Seelenleben verwachsen, dass ich eine Zerreiung nicht htte berleben, nicht verschmerzen knnen, war ja meine Liebe nicht gewesen: dazu hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert. Wir hatten uns angebetet, wie ein paar feurige Verliebte; aber Herz in Herz, Geist in Geist aufgegangen, in gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden, wie dies manche Eheleute nach langen Jahren geteilter Leiden und Freuden sind  das waren wir beide nicht gewesen. Auch ich war ja sein Hchstes, sein Unentbehrlichstes nicht; wre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht  _sein_ Regiment hat niemals ausrcken mssen  fort von mir? Zudem war ich in den vier Jahren allmhlich eine andere geworden; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in vielem erweitert; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen gelangt, von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und von welchen auch Arno  das wusste ich jetzt zu beurteilen  sich keinen Begriff gemacht und so htte er meinem jetzigen Seelenleben  wre er auferstanden  in mancher Richtung fremd gegenber gestanden.
Wieso diese Wandlung mit mir geschehen? Das ist so gekommen:
Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen, die Verzweiflung  erste Phase  in Trauer bergegangen. Aber noch in eine sehr tiefe, blutende Trauer. Von einer Wiederanknpfung geselliger Verbindungen, wollte ich durchaus nichts wissen. Ich meinte, fortan msse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines Sohnes Rudolf ausgefllt sein.
Nie mehr nannte ich das Kind Ruru oder Korporal; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin; der Kleine war mein Sohn Rudolf geworden, meines ganzen Strebens, Hoffens, Liebens geheiligter Mittelpunkt. Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein  oder doch, um seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu knnen, wollte ich selber so viel Wissen als mglich mir aneignen; zudem war Lesen die einzige Zerstreuung, die ich mir erlaubte  so vertiefte ich mich denn von neuem in die Schtze unserer Schlossbibliothek. Namentlich drngte es mich, mein einstiges Lieblingsstudium  die Geschichte  wieder aufzunehmen. In der letzten Zeit, als der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so viele Opfer gefordert hatte, war mein frherer Enthusiasmus stark abgekhlt worden, und ich wnschte denselben durch entsprechende Lektre wieder anzufachen. Und in der Tat, es gewhrte mir manchmal einen gewissen Trost, wenn ich ein paar Seiten Schlachtenberichte mit den daran geknpften Heldenverherrlichungen gelesen, zu denken, dass der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als Parzellen in einem hnlichen groen, geschichtlichen Vorgang enthalten waren, ich sage manchmal  nicht immer. So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr in jene Stimmungen meiner Mdchenzeit zurckversetzen, wo ich es der Jungfrau von Orleans htte gleich tun mgen. Vieles, vieles in den gelesenen berschwnglichen Ruhmestiraden, welche die Schlachtenberichte begleiteten, klang mir falsch und hohl, wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht vergegenwrtigte  so falsch und hohl, wie eine als Preis fr eine echte Perle erhaltene Blechmnze. Die Perle Leben  ist die wohl ehrlich bezahlt mit den Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe? ...
Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bcherei vorhandenen historischen Werke erschpft. Ich bat unseren Buchhndler, er mge mir ein neues Geschichtswerk zur Ansicht schicken. Er schickte Thomas Buckles _History of Civilisation_. Das Werk ist nicht vollendet, schrieb der Buchhndler, aber die beifolgenden zwei, als Einleitung dienenden Bnde bilden an und fr sich ein abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England, als in der brigen gebildeten Welt groes Aufsehen erregt; der Verfasser, so sagt man, habe damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt.
In der Tat ja: ganz neu. Mir war, nachdem ich diese zwei Bnde gelesen und wieder gelesen, wie jemand zu Mute, der zeitlebens in einem engen Talkessel gewohnt und zum erstenmal auf eine der umgebenden Bergspitzen hinaufgefhrt worden, von wo ein ausgestrecktes Stck Land zu sehen ist, mit Bauten und Grten bedeckt, von endlosem Meere begrenzt. Ich will nicht behaupten, dass ich  die Zwanzigjhrige, welcher die bekannte oberflchliche hhere Tchtererziehung zuteil geworden  das Buch in seiner ganzen Tragweite verstand, oder  um obiges Bild beizubehalten  dass ich die Erhabenheit der Monumentalbauten und die Gre des Ozeans erfasste, die vor meinen berraschten Blicken lagen; aber ich war geblendet, war berwltigt; ich sah, dass es jenseits meines engen Heimattales eine weite, weite Welt gab, von der ich bisher niemals Kunde erhalten. Erst, als ich das Buch nach fnfzehn oder zwanzig Jahren wieder las, und nachdem ich andere im selben Geist verfasste Werke studiert hatte, konnte ich mir vielleicht anmaen, zu sagen, dass ich es verstehe. Doch eins wurde mir auch schon damals klar: die Geschichte der Menschheit wird nicht  wie dies die alte Auffassung war  durch die Knige und Staatsmnner, durch die Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmhliche Entwicklung der Intelligenz. Die Hof- und Schlachtenchroniken, welche in den Historienbchern aneinander gereiht sind, stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen Kulturzustnde vor, nicht aber deren bewegende Ursachen. Von der althergebrachten Bewunderung, mit welcher andere Geschichtsschreiber die Lebenslufe gewaltiger Eroberer und Lnderverwster zu erzhlen pflegen, konnte ich im Buckle gar nichts finden. Im Gegenteil, er fhrt den Nachweis, dass das Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhltnis zu der Kulturhhe eines Volkes steht: je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurck, desto hufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens: Provinz gegen Provinz, Stadt gegen Stadt, Familie gegen Familie. Er betont, dass im Fortschritt der Gesellschaft, mehr noch als der Krieg selber, die Liebe zum Kriege im Schwinden begriffen sei. Das war mir aus der Seele gesprochen. Sogar in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen; und wenn ich oft diese Regung als etwas Feiges, Unwrdiges unterdrckt hatte, glaubend, dass ich allein mich solchen Frevels schuldig mache, so erkannte ich jetzt, dass dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war; dass Gelehrte und Denker, wie dieser englische Geschichtsschreiber, dass unzhlige Menschen mit ihm die einstige Kriegsvergtterung verloren hatten, welche  wie sie eine Phase meiner Kindheit gewesen  in diesem Buche auch als eine Phase aus der Kindheit der Gesellschaft dargestellt war. Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem gefunden, was ich gesucht. Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn  ich fhlte mich dadurch gehoben, geklrt, beruhigt. Einmal versuchte ich mit meinem Vater ber diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden  aber vergebens. Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen  das heit, er wollte das Buch nicht lesen  also war es aussichtslos, mit ihm von Dingen zu reden, die man nur von dort oben aus wahrnehmen konnte.
Nun folgte das Jahr  zweite Phase  da die Trauer in Melancholie bergegangen war. Jetzt las und studierte ich noch fleiiger. Das erste Werk Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines erweiterten Weltausblicks kosten gemacht. Davon wollte ich nun noch immer mehr und mehr genieen, und so lie ich diesem Buche noch viele andere, im gleichen Geist verfasste, folgen. Und das Interesse, die Gensse, welche ich in diesen Studien fand, trugen dazu bei, die dritte Phase eintreten  nmlich die Melancholie schwinden zu machen. Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging, das ist, als die Lebenslust von neuem erwachte, da wollten mir auf einmal die Bcher nicht mehr gengen; da sah ich auf einmal ein, dass Ethnographie und Anthropologie und vergleichende Mythologie und sonstige -logien und -graphien unmglich meine Sehnsucht stillen konnten; dass fr eine junge Frau in meiner Lage das Leben noch ganz andere Glcksblten bereit hielt, nach welchen ich nur die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es, dass ich im Winter 1863 mich anbot, meine jngeren Schwestern selber in die Welt einzufhren und meine Salons der Wiener Gesellschaft ffnete.
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Martha Grfin Dotzky, eine reiche, junge Witwe. Unter diesem vielversprechenden Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der groe Welt-Komdie. Und ich muss sagen, die Rolle sagte mir zu. Es ist kein geringes Vergngen, von allen Seiten Huldigungen zu empfangen, von der ganzen Gesellschaft gefeiert, verwhnt, mit Auszeichnungen berschttet zu werden. Es ist kein geringer Genuss, nach beinahe vierjhriger Weltabgeschiedenheit pltzlich in einen Strudel von allerlei Vergngungen zu gelangen; interessante, bedeutende Menschen kennen zu lernen, an fast jedem Tage ein glnzendes Fest mitzumachen  und dabei sich selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fhlen.
Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen die Gttinnen vom Berge Iba bekommen und die Erispfel lassen sich nicht zhlen, welche die verschiedenen jungen Parisse unter uns verteilten; ich natrlich  in meiner oben erwhnten Theaterzettelwrde reiche, junge Witwe war gewhnlich die Bevorzugte. Es galt brigens in meiner Familie  und auch ein klein wenig in meinem eigenen Bewusstsein  als ausgemachte Sache, dass ich mich wieder vermhlen wrde. Tante Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklrten anzuspielen, der dort oben meiner harrte, denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren, die mich vom Grabe trennten, mir einen zweiten Gatten angeeignet  eine von Tante Marie selber gewnschte Eventualitt  so war dadurch die Gemtlichkeit des himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeintrchtigt.
Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben  nur ich nicht. Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte  sein Bild hatte sie nicht verlscht. Man kann aufhren, um seine Toten zu trauern  die Trauer hngt auch nicht vom Willen ab  aber vergessen soll man sie nicht. Ich betrachtete dieses von meiner Umgebung gebte Totschweigen eines Verstorbenen als eine zweite nachtrgliche Ttung und vermied es, den Armen auch totzudenken. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, tglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu sprechen, und in seinem Abendgebet musste das Kind stets sagen: Gott, lass mich gut und brav sein, meinem geliebten Vater Arno zu Liebe!
Meine Schwestern und ich amsierten uns kstlich  ich gewiss nicht minder als sie. Es war ja sozusagen auch mein Debt in der Welt. Das erste Mal war ich als Braut und Neuvermhlte eingefhrt worden; da hatten sich selbstverstndlich alle Kurmacher von mir ferngehalten, und was ist des Welt-Lebens hchster Reiz, wenn nicht die Kurmacher? Aber sonderbar! So sehr es mir behagte, von einer Schar von Anbetern umgeben zu sein, keiner von ihnen machte einen tieferen Eindruck auf mich. Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir, die schier unbersteiglich war. Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet. Alle diese glnzenden jungen Herren, deren Lebensinteressen in Sport, Spiel, Ballett, Hofklatsch und, wenn es hoch ging, in Berufsehrgeiz (die meisten waren Militrs) gipfelten, die hatten von den Dingen, die ich in meinen Bchern von ferne erschaut und an denen mein Geist sich gelabt, auch nicht die entfernteste Idee. Jene Sprache, von der ich freilich auch nur Anfangsgrnde kennen gelernt, von der ich aber wusste, dass in ihr durch die Mnner der Wissenschaft die hchsten Fragen beraten und einst gelst werden; jene Sprache war ihnen nicht nur spanisch, sondern  patagonisch.
Unter dieser Kategorie junger Leute wrde ich mir keinen Gatten whlen  das stand fest. berhaupt hatte ich keine Eile, meine Freiheit, die mir so wohl gefiel, wieder aufzugeben. Ich wusste meine seinwollenden Freier so in Entfernung zu halten, dass keiner einen Antrag wagte und dass auch niemand in der Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte: Sie lsst sich den Hof machen. Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein drfen  keinen Hauch des Verdachts auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden. Wenn jedoch der Fall eintrte, dass mein Herz von neuem in Liebe erglhte  es konnte nur fr einen Wrdigen sein  dann war ich ja geneigt, das Anrecht, welches meine Jugend noch auf irdisches Glck besa, geltend zu machen und eine zweite Ehe einzugehen.
Unterdessen  von Liebe und Glck abgesehen  war ich recht guter Dinge. Der Tanz, das Theater, der Putz: an alledem fand ich ein lebhaftes Vergngen. Dabei vernachlssigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung. Nicht, dass ich mich in grndliche Fachstudien vertiefte; aber ber die Bewegung der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden, indem ich mir die hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltliteratur anschaffte und regelmig smtliche Artikel, auch die wissenschaftlichen, der _Revue des deux Mondes_ und hnlicher Zeitschriften aufmerksam las. Diese Beschftigung hatte freilich zur Folge, dass die vorerwhnte Schranke, welche mein Seelenleben von der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschloss, immer hher wurde  aber das war schon recht so. Gern htte ich in meinen Salon einige Persnlichkeiten aus der Literaten- und Gelehrtenwelt zugezogen, allein dies war in der Mitte, in der ich mich bewegte, nicht recht tunlich. Brgerliche Elemente werden der sterreichischen sogenannten Soziett nicht beigemischt. Namentlich damals; seither hat sich dieser ausschlieliche Geist etwas gendert und es ist Mode geworden, einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu ffnen. Zu der Zeit, von der ich spreche, war dies jedoch nicht der Fall; was nicht hoffhig war  das heit was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte  war von vornherein ausgeschlossen. Unsere gewohnte Gesellschaft wre ganz unangenehm berrascht gewesen, bei mir unadelige Leute anzutreffen, und htte nicht den rechten Ton gefunden, mit solchen zu verkehren. Und diese selber htten meinen mit Komtesseln und Sportsmen, mit alten Generlen und alten Stiftsdamen gefllten Salon schon gar unertrglich langweilig gefunden. Welchen Anteil konnten Mnner von Geist und Wissen, Schriftsteller und Knstler, an den ewig gleichen Errterungen nehmen: bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen getanzt wird  ob bei Schwarzenberg, bei Pallavicini oder bei Hof  welche Passionen Baronin Pacher einflt, welche Partie Komtess Palffy ausgeschlagen, wieviel Herrschaften Frst Croy besitzt, was die junge Almasy fr eine Geborene sei, ob eine Festetics oder eine Wenkheim, und ob _die_ Wenkheim, deren Mutter eine Khevenhller gewesen usw. usw. Das war nmlich so der Stoff der meisten um mich herum gefhrten Unterhaltungen. Auch die geistvollen und unterrichteten Leute, von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden  Staatsmnner und dergleichen  glaubten sich verpflichtet, wenn sie mit uns  tanzender Jugend  verkehrten, denselben frivolen und inhaltslosen Ton anzuschlagen. Wie gerne htte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben, wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten, beredten Reichsrten, oder sonstige bedeutende Mnner ber bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten  aber das war nicht tunlich; ich musste schon bei den anderen jungen Frauen bleiben und die Toiletten besprechen, die wir fr den nchsten groen Ball vorbereiteten. Und htte ich mich auch in jene Gruppe eingedrngt, sogleich wrden die eben gefhrten Gesprche ber Nationalkonomie, ber Byrons Poesie, ber Theorien von Strau und Renan verstummt sein und es wrde geheien haben: Ach, Grfin Dotzky! ... gestern auf dem Damen-Picknick haben Sie bezaubernd ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen Botschaft?
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Erlaube, liebe Martha, sagte mein Vetter Konrad Althaus, dass ich dir Oberstleutnant Baron Tilling vorstelle.
Ich neigte den Kopf. Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte blieb stumm. Ich fasste dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich von meinem Sitz  mit gerundet aufgehobenem linken Arm, bereit, ihn auf Baron Tillings Schulter zu lehnen.
Verzeihen Sie, Grfin, sagte jener mit einem flchtigen Lcheln, das blitzend weie Zhne aufdeckte, ich kann nicht tanzen.
Ah so  desto besser, antwortete ich, mich wieder setzend. Ich hatte mich ohnehin hierher zurckgezogen, um ein wenig auszuruhen.
Und ich hatte mir die Ehre erbeten, Ihnen vorgestellt zu werden, gndige Grfin, um Ihnen eine Mitteilung zu machen.
Ich blickte erstaunt auf. Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht. Er war berhaupt ein ernsthaft aussehender Mann  nicht mehr jung, etwa vierzig, mit einigen Silberfden an den Schlfen  im ganzen eine vornehme, sympathische Erscheinung. Ich hatte mir angewhnt, jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin prfend anzusehen: Bist du ein Freier?  wrde ich dich nehmen? Beide Fragen beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen Nein. Es fehlte dem Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck, welchen alle jene anzunehmen pflegen, die sich den Frauen mit sogenannten Absichten nahen;  und die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung. Ein zweites Mal wrde ich keinem Soldaten die Hand reichen  das hatte ich mir fest vorgenommen. Nicht nur aus dem Grunde, um kein zweites Mal der schrecklichen Angst ausgesetzt zu werden, den Gatten ins Feld ziehen zu sehen, sondern well ich seither ber den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war, in welchen ich unmglich mit einem Krieger htte bereinstimmen knnen.
Oberstleutnant von Tilling machte von meiner Aufforderung, sich neben mich zu setzen, keinen Gebrauch.
Ich will Sie nicht lange belstigen, Grfin. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, passt nicht in ein Ballfest. Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten, mich in Ihrem Hause einzufinden; knnen Sie mir gndigst einen Tag und eine Stunde bestimmen, wann ich Sie sprechen darf?
Ich empfange an Sonnabenden zwischen zwei und vier.
Dann gleicht an Sonnabenden zwischen zwei und vier Ihr Haus vermutlich einem Bienenstock, wo die Honigtrger aus- und einfliegen 
Und ich als Knigin in der Zelle sitze, meinen Sie  das ist ein recht hbsches Kompliment.
Komplimente mache ich nie  ebensowenig als Honig, und so behagt mir die sonnabendliche Schwarmstunde durchaus nicht; ich _muss_ Sie allein sprechen.
Sie reizen meine Neugier. Sagen wir also morgen Dienstag, um die gleiche Stunde; ich werde fr Sie und sonst niemand zu Hause sein.
Er dankte mit einer Verbeugung und ging.
Eine Weile spter kam mein Vetter Althaus vorbei. Ich rief ihn zu mir, lie ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft ber Baron Tilling.
Gefllt er dir? Hat er dir solch tiefen Eindruck gemacht, dass du dich gar so angelegentlich erkundigst? Er ist zu haben  das heit er ist noch ledig. Darum soll er aber doch nicht frei sein ... Man munkelt, dass eine sehr hohe Dame (Althaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause) ihn durch zarte Bande an sich fesselt  deshalb heirate er nicht. Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit hierher versetzt worden, daher hat man ihn noch nicht viel in der Gesellschaft gesehen  auch ist er, glaube ich, ein Feind von Bllen und dergleichen. Ich habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt, wo er tglich ein paar Stunden verbringt, aber gewhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen, oder mit unseren besten Schachspielern in eine Partie vertieft. Ich war erstaunt, ihn hier zu treffen  da jedoch die Hausfrau seine Cousine ist, so erklrt sich seine kurze Erscheinung auf dem Ball  er ist auch schon wieder weg. Nachdem er sich von dir empfohlen, sah ich ihn fortgehen.
Hast du ihn noch mehreren anderen Damen vorgestellt?
Nein, nur dir. Aber darum musst du dir nicht einbilden, dass du es ihm von weitem angetan, und er deshalb verlangte, dich kennen zu lernen:  Knnen Sie mir nicht sagen, fragte er mich, ob eine gewisse Grfin Dotzky, geborene Althaus  vermutlich mit Ihnen verwandt  hier anwesend ist? Ich muss mit derselben sprechen.  Ja, antwortete ich, auf dich zeigend  dort in jener Ecke auf dem Sofa  im blauen Kleide.  Ah, die? Seien Sie so gut, stellen Sie mich vor.  Was ich denn bereitwilligst tat, ohne zu ahnen, dass ich dich dadurch um deine Ruhe bringen wrde.
So sprich doch keinen Unsinn, Konrad  meine Ruhe ist nicht so leicht zu untergraben. Tilling? was ist das fr eine Familie?  ich hre den Namen zum erstenmal.
Aha, du gibst nicht nach ... Ist das ein Glcksmensch! Ich habe mich durch volle drei Monate, mit Aufwand aller meiner Bezauberungskrfte, in deine Gunst einzuschleichen versucht  vergebens. Und dieser kalte Oberstleutnant  denn er ist kalt und gefhllos, lass dir das gesagt sein  kam, sah und siegte.  Was Tilling fr eine Familie sei, fragtest du? Ich glaube preuischen Ursprungs  doch war schon sein Vater in sterreichische Dienste getreten  seine Mutter ist auch Preuin  du musst seinen norddeutschen Akzent bemerkt haben.
Ja, er spricht ein wunderschnes Deutsch.
Natrlich  alles ist wunderschn an ihm. Althaus stand auf. Jetzt habe ich gerade genug. Erlaube, dass ich dich deinen Trumen berlasse; ich will versuchen, mich mit Damen zu unterhalten, welche 
Dich wunderschn finden. Solche gibt es wohl genug.
Ich verlie den Ball zu frher Stunde. Meine Schwestern konnten unter dem Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurck. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, ich fhlte mich ermdet und sehnte mich nach Einsamkeit. Warum ... Es scheint doch so  da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung der oben angefhrten Gesprche bereicherte und Betrachtungen daran knpfte, wie folgt: Ein interessanter Mensch, dieser Tilling  Die hohe Frau, die ihn liebt, denkt jetzt wahrscheinlich an ihn ... oder vielleicht kniet er in diesem Augenblick zu ihren Fen und sie ist nicht so allein  allein  wie ich. Ach, jemand so recht innig lieben zu knnen ... es msste nicht eben Tilling sein  ich kenne ihn ja nicht ... Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin, aber um ihr Verliebtsein. Und je leidenschaftlicher, je wrmer sie ihm zugetan ist, desto mehr beneide ich sie.
Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder  Tilling. Ja richtig: er hatte sich fr diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt. So gespannt, wie auf diesen Besuch, hatte ich mich schon lange nicht gefhlt.
Um die bestimmte Stunde gab ich Befehl, dass mit Ausnahme des Erwarteten niemand vorgelassen werde. Meine Schwestern waren nicht zu Hause, Tante Marie, die unermdliche _garde-dame_, hatte sie auf den Eislaufplatz begleitet.
Ich setzte mich in meinen kleinen Salon  mit einer hbschen Haustoilette von violettem Samt angetan (violett steht Blondinen bekanntlich vorteilhaft), nahm ein Buch zur Hand und wartete. Lang habe ich nicht warten mssen: zehn Minuten nach zwei trat Freiherr von Tilling bei mir ein.
Wie Sie sehen, Grfin, habe ich von Ihrer Erlaubnis pnktlich Gebrauch gemacht, sagte er mir die Hand kssend.
Glcklicherweise, antwortete ich lchelnd, indem ich ihm einen Platz anwies; ich htte sonst vor Ungeduld vergehen mssen, denn Sie haben mich wahrhaftig in groe Spannung versetzt.
Dann will ich gleich, ohne lange Einleitung, sagen, was ich zu sagen habe. Dass ich es nicht schon gestern getan, geschah, um Ihre frhliche Stimmung nicht zu trben 
Sie erschrecken mich 
Mit einem Wort: Ich habe die Schlacht von Magenta mitgemacht 
Und Sie haben Arno sterben sehen! schrie ich auf.
So ist es. Ich bin in der Lage, Ihnen ber seine letzten Augenblicke Bescheid zu geben.
Sprechen Sie, sagte ich bebend.
Zittern Sie nicht, Grfin. Wenn diese letzten Augenblicke so schrecklich gewesen wren, wie bei so manchen anderen Kameraden, so wrde ich Ihnen sicher nicht davon gesprochen haben: es gibt nichts Traurigeres, als von einem teueren Toten zu erfahren, dass er qualvoll gestorben  das ist aber hier nicht der Fall.
Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Erzhlen Sie.
Ich werde Ihnen nicht die leere Phrase wiederholen, mit welcher man Soldatenhinterbliebene zu trsten pflegt: Er starb als Held, denn ich wei nicht recht, was man damit sagen will;  den wirklichen Trost kann ich Ihnen aber bieten: er starb, ohne an den Tod zu denken. Er war von allem Anfang berzeugt, dass ihm nichts geschehen werde. Wir waren viel zusammen und er erzhlte mir oft von seinem Familienglck, zeigte mir das Bild seines schnen jungen Weibchens und das seines Kindes; er lud mich ein, wenn nur einmal die Kampagne aus sei, ihn in seiner Huslichkeit zu besuchen. In dem Gemetzel von Magenta befand ich mich zufllig an seiner Seite. Ich erspare Ihnen die Schilderung der vorhergehenden Szenen  so etwas erzhlt sich nicht. Mnner, die kriegerischen Geistes sind, werden mitten im Pulverdampf und Kugelregen von so einem Taumel erfasst, dass sie eigentlich nicht wissen, was um sie vorgeht. Dotzky war ein solcher Mann. Seine Augen sprhten, er zielte mit fester Hand; er war in vollem Kriegsrausch, das konnte ich  Nchterner  sehen. Da kam ein Hohlgescho geflogen und fiel auf ein paar Schritte Entfernung vor uns nieder. Als das Ungetm platzte, strzten zehn Mann zusammen  darunter Dotzky. Es erhob sich ein Jammergeschrei unter den Unglcklichen  aber Dotzky schrie nicht: er war tot. Ich und noch ein paar Kameraden bckten uns zu den Getroffenen herab, um ihnen, wenn mglich, Hilfe zu bringen.  Es war aber nicht mglich. Sie rangen alle mit dem Tode, auf das greulichste zerrissen und zerfleischt, die Beute schrecklichster Schmerzen ... Nur Dotzky, zu dem ich mich zuerst auf den Boden gekniet, atmete nicht mehr; sein Herz stand still und aus der aufgerissenen Seite quoll das Blut in solchen Strmen, dass  wenn sein Zustand auch nur Ohnmacht und nicht der Tod gewesen wre  es nicht zu befrchten stand, dass er wieder zu sich komme 
Zu befrchten? unterbrach ich weinend.
Ja  denn wir mussten sie hilflos da liegen lassen: vor uns erklang wieder das mordgebietende Hurra! und hinter uns strmten berittene Scharen heran, welche ber diese Sterbenden hinwegsetzen wrden  glcklich der Bewusstlose! Sein Gesicht hatte einen ganz ruhigen, schmerzlosen Ausdruck  und als wir, nachdem der Kampf vorber war, unsere Toten und Verwundeten auflasen, fand ich ihn auf derselben Stelle in gleicher Lage und mit dem gleichen friedlichen Ausdruck. Das habe ich Ihnen sagen wollen, Grfin. Freilich htte ich das schon vor Jahren tun knnen und, da ich nicht mit Ihnen zusammentraf, an Sie schreiben  aber die Idee kam mir erst gestern, als mir meine Cousine sagte, sie erwarte unter ihren Gsten die schne Witwe Arno Dotzkys. Verzeihen Sie, wenn ich schmerzliche Erinnerungen wachgerufen; ich glaube doch eine Pflicht erfllt und Sie von peinlichen Zweifeln befreit zu haben.
Er stand auf. Ich reichte ihm die Hand:
Ich danke, Baron Tilling, sagte ich, meine Trnen trocknend. Sie haben mir in der Tat ein wertvolles Geschenk gemacht: die Beruhigung, dass das Ende meines teuren Mannes frei von Schmerz und Qual war ... Aber bleiben Sie noch ein wenig, ich bitte Sie .... Ich wollte Sie noch sprechen hren ... Vorhin, in Ihrer Ausdrucksweise, haben Sie einen Ton angeschlagen, der in meinem Gemte eine gewisse Saite vibrieren gemacht  ohne Umschweife, Sie verabscheuen den Krieg?
Tillings Gesicht verfinsterte sich:
Verzeihen Sie, Grfin, sagte er, wenn ich Ihnen ber diesen Gegenstand nicht Rede stehe. Auch bedauere ich, mich nicht lnger aufhalten zu knnen  ich werde erwartet.
Jetzt nahm _mein_ Gesicht einen kalten Ausdruck an: vermutlich erwartete ihn die Prinzessin  und der Gedanke war mir unangenehm.
Da will ich Sie nicht zurckhalten, Herr Oberstleutnant, entgegnete ich kalt.
Ohne nur die Erlaubnis zu erbitten, wiederkommen zu drfen, verbeugte er sich und ging.
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Fasching war zu Ende. Rosa und Lilli, meine Schwestern, hatten sich ungeheuer amsiert. Jede verzeichnete ein halbes Dutzend Eroberungen; dennoch befand sich keine wnschenswerte Partie darunter und der Rechte war fr keine erschienen. Desto besser: sie wollten gern noch ein paar Mdchenjahre genieen, ehe sie ins Ehejoch traten.
Und ich? In den roten Heften stehen meine Faschingseindrcke folgendermaen notiert:
Ich bin froh, dass die Tanzerei vorber ist. Es fing schon an, eintnig zu werden. Immer dieselben Touren und immer dieselben Gesprche und immer ein und derselbe Tnzer:  denn ob es nun der Husarenleutnant X, oder der Dragonerleutnant Y, oder der Ulanenrittmeister Z ist  es sind doch die gleichen Verbeugungen, die gleichen Bemerkungen, die gleichen Seufzer und Blicke. Nicht ein interessanter Mensch darunter, nicht einer. Und der einzige, der allenfalls ... reden wir nichts von dem, der gehrt ja seiner Prinzessin. Sie ist eine hbsche Frau, ja  zugestanden, aber ich finde sie unsympathisch.
Obgleich der Fasching mit seinen groen Ballfesten zu Ende war, so hatten die geselligen Vergngungen darum nicht aufgehrt. Soireen, Diners, Konzerte: der Wirbel dauerte fort. Auch eine groe Liebhabertheatervorstellung ward in Aussicht genommen  dies doch erst nach Ostern. Fr die Fastenzeit war doch eine Migung in Vergngen geboten  nach Tante Mariens Ansicht migten mir uns lange nicht genug. Dass ich die Fastenpredigten nicht regelmig besuchte, konnte sie mir nicht recht verzeihen, und sie entschdigte sich fr meine Lauheit, indem sie Rosa und Lilli zu allen berhmten Kanzelrednern schleppte. Die Mdchen lieen sich das gern gefallen; einmal trafen sie in den Kirchen mit ihrer ganzen gewohnten Koterie zusammen  Pater Klinkowstrm war ebensosehr Mode bei den Jesuiten, als die Murska in der Oper, und in zweiter Linie waren sie auch leidlich fromm.
Aber nicht nur den Predigten, auch den Soireen hielt ich mich whrend jener Fastenzeit ziemlich fern. Ich hatte pltzlich an geselligen Zusammenknften den Geschmack verloren und liebte es, manchmal allein zu Hause zu bleiben  mit meinem Sohn zu spielen, und wenn der Kleine zu Bett gebracht war, mich mit einem guten Buch an das Kaminfeuer zu setzen und zu lesen. Zuweilen besuchte mich dann mein Vater und verplauderte ein bis zwei Stunden bei mir. Natrlich kamen die Feldzugserinnerungen dabei unablssig zum Vorschein. Ich hatte ihm Tillings Bericht ber Arnos Ende mitgeteilt; er nahm die Geschichte jedoch ziemlich khl auf. Ob einer mit Schmerzen oder ohne Schmerzen geendet, schien ihm eine ganz nebenschliche Frage. Geblieben sein  wie der Tod auf dem Schlachtfelde heit  war seiner Anschauung nach eine so rhmliche  durch ein so erhabenes Faktum herbeigefhrte Sache, dass die Details der dabei allenfalls ausgestandenen krperlichen Leiden gar nicht in Betracht kamen. In seinem Munde klang das Geblieben stets wie die neidende Konstatierung einer besonderen Auszeichnung, und die dem Bleiben nchstfolgende Annehmlichkeit war nach seiner Auffassung offenbar das Blessiert werden. Die Art und Weise, wie er von sich mit Stolz und von den anderen mit Respekt erzhlte, dass sie bei diesem oder jenem  nach irgendeiner Ortschaft benannten  Gefecht verwundet worden, lie einen ganz vergessen, dass das Ding eigentlich weh tun knne. Welch ein Unterschied mit der kurzen Erzhlung Tillings: in der Schilderung der zehn Unglcklichen, welche, von dem platzenden Gescho zerschmettert, in lauten Jammer ausbrachen  was lag da fr ein anderer Ton erschtternden Mitleids darin! Ich habe Tillings Worte meinem Vater nicht wiederholt, denn ich empfand instinktiv, dass ihm dieselben unsoldatenmig erschienen wren und seine Achtung vor dem Sprecher beeintrchtigt htten, und das htte mich verdrossen; denn gerade der vielleicht unsoldatische, aber sicherlich menschliche Abscheu, mit welchem er das schreckliche Ende seiner Kampfgenossen geschaut und erzhlt, war mir ins Herz gedrungen.
Wie gern htte ich mit Tilling ber dieses Thema noch weiter gesprochen  aber er schien meine Bekanntschaft nicht pflegen zu wollen. Seit seinem Besuche waren vierzehn Tage vergangen und weder hatte er den Besuch wiederholt, noch war ich ihm in der Gesellschaft begegnet. Nur zwei- oder dreimal auf der Ringstrae und einmal im Burgtheater war ich seiner ansichtig geworden: er grte ehrerbietig, ich dankte freundlich  weiter nichts. Weiter nichts? ... Warum klopfte mir bei diesen Gelegenheiten das Herz, warum konnte ich dann stundenlang die Gebrde seines Grues nicht aus dem Sinn bringen? ...
Liebes Kind, ich habe eine Bitte an dich. Mit diesen Worten trat eines Vormittags mein Vater bei mir ein. Er hielt ein papierumwickeltes Paket in der Hand, hier bringe ich dir etwas mit, fgte er hinzu, das Ding auf einen Tisch legend.
Eine Bitte und ein Geschenk zugleich? lachte ich. Das ist ja Bestechung.
So hre mein Anliegen, ehe du mein Geschenk auspackst und von dessen Macht geblendet wirst. Ich habe heute ein langweiliges Diner 
Ja, ich wei; drei alte Generle mit ihren Frauen.
Und zwei Minister mit den ihrigen; kurz, eine feierliche, steife, einschlfernde Geschichte 
Du mutest mir doch nicht zu, dass ich 
Ja, ich mute es dir zu, denn  da mich Damen mit ihrer Gegenwart beehren wollen  muss ich doch eine Dame zum Honneurs machen haben.
Dieses Amt hat ja Tante Marie bernommen.
Die ist heute wieder von ihrem gewissen Kopfschmerz befallen; es bleibt mir also nichts anderes brig 
Als deine Tochter hinzuopfern  wie dies schon andere Vter im Altertum  z.B. Agamemnon mit Iphigenia  getan? Ich fge mich.
brigens sind unter den Gsten auch ein paar jngere Elemente: Doktor Bresser, der mich in meiner letzten Krankheit so ausgezeichnet behandelt hat und dem ich die Artigkeit einer Einladung erweisen wollte; ferner Oberstleutnant Tilling  du wirst ja ganz feuerrot  was ist dir?
Ich? ... Es ist die Neugier: jetzt muss ich doch schauen, was du mir gebracht hast. Und ich begann, das Paket aus seiner Papierhlle zu lsen.
Es ist nichts fr dich  erwarte nicht etwa ein Perlenhalsband. Das gehrt dem Rudi.
Ja, ich sehe, eine Spielereischachtel  ah, Bleisoldaten! Aber Vater, das vierjhrige Kind soll doch nicht 
Ich habe schon mit drei Jahren Soldaten gespielt  man kann nicht frh genug damit anfangen ... Meine allerersten Eindrcke waren Trommeln, Sbel  exerzieren, kommandieren: auf die Art erwachte die Liebe zum Metier, auf die Art 
Mein Sohn Rudolf wird nicht unter die Soldaten gehen, unterbrach ich.
Martha! Ich wei doch, dass seines Vaters Wunsch 
Der arme Arno ist nicht mehr. Rudolf ist mein alleiniges Eigentum und ich will nicht 
Dass er den schnsten und ehrenvollsten Beruf einschlage?
Das Leben meines einzigen Kindes soll nicht im Krieg auf das Spiel gesetzt werden.
Ich war auch ein einziger Sohn und bin Soldat geworden. Arno hat keine Geschwister, so viel ich wei, und dein Bruder Otto ist gleichfalls einziger Sohn und ich habe ihn doch in die Militrakademie gegeben. Die Tradition unserer Familie fordert es, dass der Sprosse eines Dotzky und einer Althaus seine Dienste dem Vaterlande weihe.
Das Vaterland wird ihn weniger brauchen als ich.
Wenn alle Mtter so dchten!
Dann gbe es keine Paraden und Reven  und keine Mnnerwlle zum Niederschieen  kein Kanonenfutter, wie der bezeichnende Ausdruck heit. Das wre auch kein Unglck.
Mein Vater machte ein sehr bses Gesicht. Dann aber zuckte er die Achseln:
Ach, ihr Weiber, sagte er verchtlich. Zum Glck wird der Junge nicht um deine Erlaubnis fragen; das Soldatenblut fliet ihm in den Adern  Na, und dein einziger Sohn wird er ja nicht bleiben. Du musst wieder heiraten, Martha. In deinem Alter ists nicht gut, allein sein. Erzhl mir: gibt es keinen unter deinen Bewerbern, der vor deinen Augen Gnade findet? Da ist zum Beispiel der Rittmeister Olensky, der sterblich in dich verliebt ist  er hat mir neulich wieder vorgeseufzt. Der gefiele mir recht gut als Schwiegersohn.
Mir aber nicht als Gatte.
Da wre noch der Major Millersdorf 
Und wenn du mir den ganzen Militrschematismus hersagst  es ist vergebens. Um wieviel Uhr findet dein Diner statt  wann soll ich kommen? fragte ich, um abzubrechen.
Um fnf. Aber komm um eine halbe Stunde frher. Und jetzt adieu  ich muss fort. Gr mir den Rudi  zuknftigen Oberbefehlshaber der k.k. Armee.
~
Eine feierliche, steife, einschlfernde Geschichte  so hatte mein Vater sein bevorstehendes Diner genannt und so wrde ich die Zeremonie auch aufgefasst haben, wre nicht der eine Gast gewesen, dessen Nhe mich eigentmlich bewegte ...
Baron Tilling war knapp vor dem Speisen gekommen; ich hatte daher, als er mich im Salon begrte, nur zu einem ganz kurzen Wortaustausch Zeit gefunden, und bei Tisch, wo ich zwischen zwei eisgrauen Generlen sa, war der Baron so weit von mir entfernt, dass ich ihn unmglich in die an unserem Tischende gefhrte Unterhaltung ziehen konnte. Ich freute mich auf die Rckkehr in den Salon; dort wollte ich Tilling an meine Seite rufen und ihn noch weiter ausforschen ber jene Schlachtszene; ich sehnte mich danach, noch einmal jenen Ton zu hren, der mich das erstemal so sympathisch berhrt hatte.
Doch zur Ausfhrung dieses Vorhabens bot sich mir anfnglich keine Gelegenheit; die beiden Eisgrauen blieben mir auch nach Tische treu und nahmen an meiner Seite Platz, als ich im Salon mich anschickte, den schwarzen Kaffee einzugieen. Dazu gesellten sich noch, im Halbkreis, mein Vater, der Minister ***, Doktor Bresser  und auch Tilling, aber die sich entspinnende Unterhaltung war eine allgemeine. Die brigen Gste, darunter smtliche Damen, lieen sich in einer anderen Ecke des Salons nieder, wo nicht geraucht wurde; whrend in unserer Ecke  auch ich hatte mir eine Zigarette angezndet  das Rauchen gestattet war.
Ob es denn nicht bald wieder losgehen wird? warf einer der Generle hin.
Hm, meinte der andere, den nchsten Krieg werden wir mit Russland haben, denk ich.
Muss es denn immer einen nchsten Krieg geben? warf ich dazwischen, aber niemand achtete darauf.
Eher mit Italien, versicherte mein Vater. Wir mssen doch unsere Lombardei zurckbekommen ... So einen Einmarsch in Mailand, wie im Jahre 49 mit Vater Radetzky an der Spitze  das wollte ich doch noch erleben. Es war an einem sonnigen Vormittag 
Ach, die Geschichte vom Einmarsch in Mailand kennen wir alle, unterbrach ich.
Auch die vom braven Hupfauf?
Ich schon  und ich finde dieselbe sogar hchst widerwrtig.
Was verstehst du davon?
Lassen Sie hren, Althaus  wir kennen die Geschichte nicht.
Das lie sich mein Vater nicht zweimal sagen.
Der Hupfauf also  vom Regiment Tiroler Jger  selber ein Tiroler, hat ein famoses Stckl aufgefhrt. Er war der beste Schtz, den man sich denken kann; bei allen Scheibenschieen war er immer Knig  er traf fast jedesmal ins Ziel. Was hat der Mann getan, als die Mailnder revoltierten? Er erbat sich die Erlaubnis, mit vier Kameraden auf das Dach des Domes zu steigen und von dort auf die Rebellen herab zu schieen. Man hats ihm erlaubt und er hats auch ausgefhrt. Die vier anderen, von welchen jeder einen Stutzen trug, taten weiter nichts, als ohne Unterlass ihre Waffen laden und sie dem Hupfauf reichen, damit dieser keine Zeit verliere. Und so hat er hintereinander neunzig Italiener totgeschossen.
Abscheulich! rief ich. Jeder dieser totgeschossenen Italiener, auf die er eben aus sicherer Hhe zielte, hatte eine Mutter und eine Geliebte zu Haus und hing wohl selber an seinem Leben.
Jeder war ein Feind, Kind; das ndert den ganzen Standpunkt.
Sehr richtig, sagte Doktor Bresser; so lange der Begriff Feindschaft unter den Menschen sanktioniert wird, so lange knnen die Gebote der Menschlichkeit keine allgemeine Geltung erlangen.
Was sagen Sie, Baron Tilling? fragte ich.
Ich htte dem Manne einen Orden gewnscht, der ihm die tapfere Brust geschmckt  und eine Kugel, die ihm das harte Herz durchschossen htte. Beides wre verdient gewesen.
Ich warf dem Sprecher einen warmen, dankbaren Blick zu; die anderen aber, mit Ausnahme des Doktors, schienen von den eben gehrten Worten unangenehm berhrt. Es entstand eine kleine Pause. _Cela avait jet un froid._
Haben Sie schon von dem Buche eines englischen Naturforschers namens Darwin gehrt, Exzellenz? wandte sich jetzt der Doktor an meinen Vater.
Nein, nichts.
Doch, Papa ... erinnere dich nur: schon vor vier Jahren, als es eben erschienen war, hat uns unser Buchhndler das Buch geschickt und du sagtest noch damals, er werde bald von aller Welt vergessen sein.
Was mich betrifft, so hab ichs auch vergessen.
Alle Welt hingegen wird dadurch ziemlich in Aufregung versetzt, sagte der Doktor. Es wird aller Orten fr und gegen die neue Abstammungslehre gestritten.
Ach, Sie meinen wohl die Affentheorie? fragte der General zu meiner Rechten. Davon war gestern im Kasino die Rede. Die Herren Gelehrten kommen oft auf sonderbare Einflle  der Mensch soll ursprnglich ein Orang-Utan gewesen sein!
Allerdings, nickte der Minister  (wenn Minister *** allerdings sagte, so war das ein Zeichen, dass er sich zu einer lngeren Rede den Anlauf nahm), die Sache klingt etwas komisch; doch kann dieselbe nicht als Scherz aufgefasst werden. Es ist eine nicht ohne Talent und mit dem Apparat fleiig gesammelter Tatsachen aufgestellte wissenschaftliche Theorie, welche allerdings von den Mnnern vom Fach schon gengend widerlegt worden, welche aber, wie alle abenteuerlichen Ideen  so abgeschmackt dieselben auch seien  einen gewissen Effekt hervorgebracht hat und ihre Verteidiger findet. ber Darwin zu disputieren, ist Mode geworden. Es wird nicht lange dauern, so kann man das Wort Darwinismus erfinden  allerdings wird dann die so benannte Theorie selber schon aufgehrt haben, ernst genommen zu werden. Es ist ein Fehler, dass die Leute in Bekmpfung dieses englischen Sonderlings sich so erhitzen; dadurch wird seiner Lehre eine Wichtigkeit beigelegt, die ihr nicht zukommt. Namentlich ist es die Geistlichkeit, welche sich gegen die allerdings herabwrdigende Zumutung zur Wehr setzt, dass der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch jetzt pltzlich als dem Tierreich entstammend gedacht werden soll, eine vom religisen Standpunkte aus allerdings hchst anstige Annahme. Jedoch ist bekanntermaen die kirchliche Verdammung einer unter dem Gewand der Wissenschaftlichkeit auftretenden Lehre, nicht imstande, der Verbreitung derselben Einhalt zu tun. Dieselbe wird erst dann unschdlich, wenn sie von den Vertretern der Wissenschaft _ad absurdum_ gefhrt worden ist, was gegenber der Darwinischen allerdings 
Aber der Unsinn! unterbrach mein Vater, welcher frchten mochte, dass noch eine lange Kette von allerdings seine brigen Gste ermden konnte, der Unsinn: vom Affen, der Mensch! Da gengt doch wohl der sogenannte gesunde Menschenverstand, um solche tolle Einflle abzuweisen  da braucht man doch nicht erst gelehrte Widerlegungen ...
Nun, fr gar so apodiktisch sicher mchte ich diese Widerlegungen doch nicht halten, nahm nun der Doktor das Wort. Es haben sich zwar Zweifel erhoben, aber die Theorie hat doch manches Wahrscheinliche fr sich und es wird noch eine Zeit brauchen, bis die Gelehrten einig werden.
Ich glaub, _die_ Herren werden _nie_ einig, bemerkte der General zu meiner Linken, welcher in barschem Ton und im Wiener Dialekt zu sprechen pflegte, die leben ja vom Disputieren. Ich hab von der Affengschicht auch schon was ghrt. War mir aber zu dumm, um aufzupassen. Wenn man sich immer um alles Geschwtz kmmern sollt, mit dem uns die Sterngucker und Graspflcker und Froschhaxel-Untersucher ein X fr ein U vormachen wollen  da msst einem ja Hren und Sehen vergehen. brigens habe ich neulich in einer illustrierten Zeitung dem Darwin sein Gsicht gsehen und das ist selber so affenmig, dass ich fast glauben mcht, sein Grovater is  Schimpans gwesen.
Diesem letzten, den Sprecher sehr befriedigenden Witz lie derselbe ein schallendes Gelchter folgen, in welches mein Vater aus hausherrlicher Zuvorkommenheit einstimmte.
Gelchter ist allerdings auch eine Waffe, sprach der Minister ernst,  beweist aber nichts. Dem Darwinismus  ich bentze schon das neue Wort  kann man doch auch ernsthafte, auf wissenschaftlicher Basis ruhende Argumente siegreich entgegenstellen. Wenn man gegen einen Schriftsteller ohne Autoritt, Namen wie Linn, Cuvier, Agassiz, Quatrefages, anfhren kann, so muss dessen System zusammenstrzen. Andererseits lsst sich allerdings nicht leugnen, dass zwischen Mensch und Affe eine groe Stammeshnlichkeit besteht und dass 
Trotz dieser hnlichkeit ist die Kluft doch eine meilenweite, unterbrach der sanfte General. Lsst sich ein Affe denken, der den Telegraphen erfinden knnte? Die Sprache allein erhebt den Menschen so weit ber das Tier 
Entschuldigen Sie, Exzellenz, sagte Doktor Bresser, Sprache und technische Erfindungen waren dem Menschen nicht ursprnglich angeboren  ein Wilder wird auch heute noch keinen Telegraphenapparat konstruieren; das alles sind Frchte langsamer Vervollkommnung und Entwicklung 
Ja, ja, lieber Doktor, versetzte der General, ich wei: Entwicklung ist das Schlagwort der neuen Theorie  aber aus einem Knguruh entwickelt sich kein Kamel ... und warum sieht man heutzutage keinen Affen Mensch werden?
Jetzt wandte ich mich an Baron Tilling.
Und was sagen Sie? Haben Sie von Darwin gehrt und zhlen Sie sich zu seinen Anhngern oder  Gegnern?
Gehrt habe ich ber diesen Gegenstand schon vieles, Grfin; aber ich kann kein Urteil abgeben, denn das in Frage stehende Werk: _The origin of species_ habe ich nicht gelesen.
Ich muss gestehen, sagte der Doktor, ich auch nicht.
_Gelesen_ habe ich es allerdings auch nicht, gestand der Minister.
Ich auch nicht  ich auch nicht  ich auch nicht  kam es nun von den anderen.
Aber, fuhr der Minister fort, das Thema wird so vielfach besprochen, die Schlagwrter des Systems sind in aller Mund; Kampf ums Dasein  natrliche Zuchtwahl,  Evolution und so weiter, dass man sich doch einen klaren Begriff vom Ganzen machen kann und sich resolut auf die Seite der Anhnger oder der Gegner stellen, zu welch erster Kategorie allerdings nur umsturzliebende und effekthaschende Heisporne gehren, whrend die kaltbltigen, nach positiven Beweisen verlangenden, streng kritischen Leute unmglich einen anderen, als den von so bedeutenden Fachgelehrten geteilten Standpunkt der Gegnerschaft einnehmen knnen; ein Standpunkt, der allerdings 
Nicht mit Sicherheit zu behaupten ist, wenn man denjenigen der Anhngerschaft nicht kennt, ergnzte Tilling. Um zu wissen, was die Gegenargumente wert sind, welche man, so oft eine neue Idee auftaucht, um sich herum im Chor vorbringen hrt, muss man in diese neue Idee auch selber eingedrungen sein. Gewhnlich sind es die schlechtesten und seichtesten Grnde, die mit solcher Einstimmigkeit von den Massen wiederholt werden  und auf diese hin fllt mir nicht ein, ein Urteil zu sttzen. Als die Lehre das Kopernikus auftauchte, konnten nur diejenigen, die sich bei Mhe unterzogen, die kopernikanischen Berechnungen nachzurechnen, einsehen, dass dieselben richtig waren; die anderen, die ihr Urteil nach den Bannflchen richteten, welche von Rom aus gegen das neue System geschleudert wurden 
In unserem Jahrhundert werden, wie ich schon frher bemerkte, unterbrach der Minister, wissenschaftliche Hypothesen, wenn sie irrig sind, nicht mehr vom Standpunkte der Orthodoxie, sondern von demjenigen der Wissenschaft abgefertigt.
Nicht nur wenn sie irrig sind, versetzte Tilling, auch wenn sie sich spter bewahrheiten sollen, werden neue Hypothesen anfnglich immer von einer Zopfpartei unter den Gelehrten bestritten. Diese lsst auch heute nicht gern an ihren althergebrachten Anschauungen und Dogmen rtteln; gerade so wie damals nicht nur die Kirchenvter, sondern ebenso die Astronomen gegen Kopernikus geeifert.
Wollens damit behaupten, fiel der barsche General ein, dass dem verrckten Englnder seine Affenidee so richtig ist, wie dass die Erd um die Sonn herumlauft?
Ich will gar nichts behaupten, weil ich, wie gesagt, das Buch nicht kenne. Doch nehme ich mir vor, dasselbe zu lesen; vielleicht  aber auch nur vielleicht, denn meine einschlagenden Kenntnisse sind nur gering  werde ich mir dann ein Urteil bilden knnen. Bis dahin muss ich mich darauf beschrnken, meine Meinung auf den Umstand zu sttzen, dass die Theorie auf verbreiteten und leidenschaftlichen Widerspruch stt, ein Umstand, welcher mir _allerdings_ eher fr als gegen deren Richtigkeit zeugt.
Du tapferer, gerader, heller Geist, apostrophierte ich in Gedanken den Sprecher.
~
Gegen acht Uhr brachen smtliche Gste auf. Mein Vater wollte sie noch alle zurckhalten und auch ich murmelte verbindlich ein paar gastliche Phrasen, wie Doch wenigstens noch eine Tasse Tee? aber vergebens. Jeder brachte eine Entschuldigung vor: der eine wurde im Kasino, der andere in einer Soiree erwartet; eine der Damen hatte ihren Logentag in der Oper und wollte den vierten Akt der Hugenotten hren; die zweite erwartete noch Gste bei sich; kurz, man musste sie  und nicht so ungern als es den Anschein hatte  ziehen lassen.
Tilling und Doktor Bresser, die sich gleichzeitig mit den andern erhoben hatten, empfahlen sich zuletzt.
Und was haben Sie beide noch wichtiges vor? fragte mein Vater.
Ich eigentlich nichts, antwortete Tilling lchelnd; da aber smtliche Gste sich entfernen, wre es unbescheiden 
Dasselbe gilt von mir, fiel der Doktor ein.
Nun dann lasse ich keinen von beiden fort.
Ein paar Minuten spter hatten mein Vater und der Doktor am Spieltisch Platz genommen und vertieften sich in eine Partie Piket, whrend Baron Tilling sich an meine Seite zum Kamin setzte.  Eine einschlfernde Geschichte dieses Diner?  Nein, wahrlich, angenehmer und anregend htte sich mir kein Abend gestalten knnen  flog es mir durch den Sinn, und laut:
Eigentlich sollte ich Ihnen Vorwrfe machen, Baron Tilling, warum haben Sie nach Ihrem ersten Besuch den Weg in mein Haus vergessen?
Sie hatten mich nicht aufgefordert, wiederzukommen.
Ich teilte Ihnen doch mit, dass an Sonnabenden 
Ja, ja, zwischen zwei und vier ... Das drfen Sie mir nicht zumuten, Grfin. Aufrichtig: ich kenne nichts Schrecklicheres, als diese offiziellen Empfangstage. In einen mit fremden Leuten angefllten Salon eintreten;  sich vor der Hausfrau verbeugen;  am uersten Ende eines Halbkreises Platz nehmen;  Bemerkungen ber das Wetter austauschen hren und, wenn man zufllig neben einen Bekannten zu sitzen kam, eine eigene Bemerkung hinzufgen;  von der Hausfrau ber alle Hindernisse weg mit einer Frage ausgezeichnet zu werden, die man eifrigst beantwortet, hoffend, dass sich nun mit derjenigen, die man besuchen wollte, ein Gesprch entspinnen werde  vergebens: soeben tritt wieder ein anderer Gast ein, der begrt werden muss und der sich hierauf auf das nchste leere Pltzchen des Halbkreises niederlsst und  in der Meinung, das Thema sei noch nicht berhrt worden  eine neue Bemerkung ber das Wetter in Umlauf bringt; dann nach zehn Minuten  wenn abermals Besuchsverstrkung kommt, womglich eine Mama mit vier heiratsfhigen Tchtern, fr die nicht genug Sessel mehr frei wren  im Verein mit einigen anderen aufstehen, von der Hausfrau sich empfehlen und gehen ... nein, Grfin, so etwas bersteigt meine ohnehin nur schwachen geselligen Fhigkeiten.
Sie scheinen berhaupt der Gesellschaft sich fern zu halten  man sieht Sie nirgends. Sie sind ein Menschenfeind? ... Doch nein, diese Frage nehme ich zurck. Aus manchem, was Sie sagten, habe ich herausgehrt, dass Sie alle Menschen lieben.
Die Menschheit liebe ich, aber alle Menschen?  Nein. Es gibt zu viele nichtswrdige, bornierte, selbstschtige, kaltbltig grausame darunter  die kann ich nicht lieben, wenngleich ich sie bedaure, dass ihnen Erziehung und Umstnde nicht gestattet haben, liebenswert zu sein.
Umstnde und Erziehung? Der Charakter hngt doch hauptschlich von den angeborenen Anlagen ab  meinen Sie nicht?
Was Sie angeborene Anlagen nennen, sind doch weiter nichts als auch Umstnde, ererbte Umstnde.
Dann sind Sie der Ansicht, dass ein schlechter Mensch an seiner Schlechtigkeit unschuldig und darum nicht zu verabscheuen sei?
Der Nachsatz ist durch den Vordersatz nicht bedingt: unschuldig wohl  aber dennoch zu verabscheuen. Sie sind an Ihrer Schnheit auch unschuldig und darum doch bewunderungswrdig.
Baron Tilling! Wir haben angefangen, als zwei vernnftige Leute ernste Dinge zu sprechen  verdiene ich da, pltzlich als komplimentenschtige Salondame behandelt zu werden?
Verzeihen Sie mir, so war es nicht gemeint. Ich habe nur das mir zunchst liegende Argument gebraucht.
Es entstand eine kleine Pause. Tillings Blick hing mit einem bewundernden, fast zrtlichen Ausdruck an meinen Augen, die ich nicht senkte ... Ich wei wohl, dass ich htte wegschauen sollen  aber ich tat es nicht. Ich fhlte meine Wangen erglhen und wusste, dass, wenn er mich hbsch fand, ich in diesem Augenblick noch hbscher erscheinen musste ... es war ein angenehmes, bsgewissiges, verworrenes Gefhl und dauerte eine halbe Minute. Lnger durfte es nicht dauern; ich hob den Fcher vors Gesicht und vernderte meine Stellung. Dann in gleichgltigem Tone:
Sie haben vorhin dem Minister Allerdings eine vortreffliche Antwort gegeben.
Tilling schttelte den Kopf, als ob er sich aus einem Traume risse:
Ich? ... Vorhin? ... Ich erinnere mich nicht. Im Gegenteil: mir scheint, dass ich rgernis gegeben habe mit meiner Bemerkung ber den Springauf  Hopsauf  oder wie der brave Schtze hie.
Hupfauf.
Sie waren die einzige, der ich zu Dank gesprochen. Die Exzellenzherren hingegen habe ich mit meiner, fr einen k.k. Oberstleutnant hchst unpassenden uerung natrlich verletzt ... hartes Herz, von einem, der so braves Bestschieen auf den Feind leistet: Lsterung! Soldaten sind doch bekanntlich  je kaltbltiger sie tten  desto gutmtigere Kumpane; es gibt keine sentimentalere Rhrfigur im melodramatischen Repertoir, als den schlachtenergrauten, weichherzigen Krieger: keiner Fliege knnte der stelzfige Veteran etwas zu Leide tun.
Warum sind Sie Soldat geworden?
Mit dieser so gestellten Frage beweisen Sie, dass Sie mir ins Herz geschaut haben. Nicht ich  nicht der neununddreiigjhnge Tilling, der drei Feldzge gesehen, habe den Beruf gewhlt, sondern der zehn- oder zwlfjhrige kleine Fritzl, der unter hlzernen Streitrossen und bleiernen Regimentern aufgewachsen und den sein Vater, der ordensgeschmckte General, und sein Onkel, der mdchenerobernde Leutnant, aufmunternd fragten: Junge, was willst du werden? Was sonst als wirklicher Soldat, mit einem wirklichen Sbel und einem lebendigen Pferd?
Fr meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten gebracht  ich werde sie ihm nicht geben.  Doch warum  als der Fritzl zum Friedrich sich entwickelt hatte, warum haben Sie da nicht einen Stand verlassen, der Ihnen verhasst geworden?
Verhasst? Das ist zuviel gesagt. Ich hasse den Zustand der Dinge, der uns Menschen so grausige Pflichten auferlegt, wie das Kriegfhren; da dieser Zustand nun aber einmal da ist  unvermeidlich da ist  so kann ich die Leute nicht hassen, welche die daraus erwachsenden Pflichten auf sich nehmen und gewissenhaft, mit Aufwand ihrer besten Krfte, erfllen. Wenn ich den Militrdienst verliee, wrde darum weniger Krieg gefhrt? Gewiss nicht. Es wrde nur an meiner Stelle ein anderer sein Leben einsetzen  das kann ich schon auch selber tun.
Knnten Sie Ihren Mitmenschen nicht in einem anderen Stande mehr Nutzen bringen?
Ich wsste nicht. Ich habe nichts anderes grndlich gelernt als die Soldaterei. Man kann um sich herum immer gutes und ntzliches wirken; ich habe Gelegenheit genug, den Leuten, die unter mir dienen, das Leben zu erleichtern. Und was mich selber betrifft  ich bin sozusagen auch ein Mitmensch  so geniee ich den Respekt, welchen die Welt meinem Stande entgegenbringt; ich habe eine leidlich gute Karriere gemacht  bin bei den Kameraden beliebt, und freue mich dieser Erfolge. Vermgen besitze ich keins, als Privatmann htte ich weder die Mittel, anderen noch mir zu nutzen  aus welchem Grunde htte ich da meine Laufbahn aufgeben sollen?
Weil Ihnen das Totschlagen widerstrebt.
Wenn es gilt, das eigene Leben gegen einen anderen Totschlger zu verteidigen, so hrt die persnliche Ttungsverantwortung auf. Der Krieg ist oft und ganz zutreffend ein Massenmord benannt worden, aber der einzelne fhlt sich nicht als Mrder. Dass mir jedoch der Kampf widerstrebt, dass mir die Jammerauftritte des Schlachtfeldes Schmerz und Ekel einflen, das ist wahr. Ich leide dabei, leide intensiv ... aber so muss auch mancher Seemann whrend des Sturmes von der Seekrankheit leiden, und dennoch, wenn er ein halbwegs braver Kerl ist, hlt er aus auf Deck, und wagt sich, wenn es sein muss, immer wieder hinaus ins Meer.
Ja, wenn es sein muss. Muss der Krieg denn sein?
Das ist eine andere Frage. Aber mitziehen muss der einzelne  und das gibt ihm, wenn auch nicht Lust, so doch Kraft zu seiner Amtserfllung.
So sprachen wir noch eine Zeitlang fort  in leisem Ton, um die Piketspieler nicht zu stren  und wohl auch, um von ihnen nicht gehrt zu werden, denn unsere getauschten Ansichten  Tilling schilderte noch einige Schlachtenepisoden und seinen dabei empfundenen Abscheu, ich teilte ihm die von Buckle aufgestellten Betrachtungen ber den mit steigender Zivilisation abnehmenden Kriegsgeist mit  diese Reden passten nicht fr die Ohren des Generals Althaus. Ich empfand, dass es ein Zeichen groen Vertrauens von seiten Tillings war, mir ber dieses Thema so rckhaltlos sein Inneres aufzudecken  es war da ein Strom von Sympathie von einer Seele zur anderen bergegangen ...
Ihr seid ja dort in sehr eifriges Geflster vertieft! rief einmal beim Kartenmischen mein Vater zu uns herber. Was komplottiert ihr denn?
Ich erzhle der Grfin Feldzugsgeschichten 
So? Das ist sie schon von Kindheit an gewohnt. Ich erzhle dergleichen auch zuweilen. Sechs Blatt, Herr Doktor, und eine Quartmajor 
Wir nahmen unser Geflster wieder auf.
Pltzlich, whrend Tilling sprach  er hatte seinen Blick wieder in den meinen gesenkt und aus seiner Stimme klang so inniges Vertrauen  fiel mir die Prinzessin ein.
Es gab mir einen Stich und ich wandte den Kopf ab.
Tilling unterbrach sich mitten in seinem Satz:
Was machen Sie so ein bses Gesicht, Grfin? fragte er erschrocken; hab ich etwas gesagt, das Ihnen missfallen?
Nein, nein ... es war nur ein peinlicher Gedanke. Fahren Sie fort.
Ich wei nicht mehr, wovon ich sprach. Vertrauen Sie mir lieber Ihren peinlichen Gedanken an. Ich habe Ihnen die ganze Zeit ber so offen mein Herz ausgeschttet  vergelten Sie mir das.
Es ist mir ganz unmglich, Ihnen das mitzuteilen, woran ich vorhin dachte.
Unmglich? darf ich raten? ... Betraf es Sie?
Nein.
Mich?
Ich nickte.
Etwas Peinliches ber mich, was Sie mir nicht sagen knnen? ... Ist es 
Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; ich verweigere jede weitere Auskunft! Dabei stand ich auf und blickte nach der Uhr.
Schon halb zehn ... Ich werde dir jetzt adieu sagen, Papa 
Mein Vater schaute von seinen Karten auf.
Gehst du noch in eine Soiree?
Nein, nach Hause  ich bin gestern sehr spt zu Bett gegangen 
Und da bist du schlfrig? Tilling, das ist kein Kompliment fr Sie.
Nein, nein, protestierte ich lchelnd, den Baron trifft keine Schuld ... wir haben uns sehr lebhaft unterhalten.
Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor; Tilling bat sich die Erlaubnis aus, mich bis zu meinem Wagen zu geleiten. Er war's, der mir im Vorzimmer den Mantel umhing und der mir ber die Treppe hinab den Arm reichte. Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernsthaft:
Nochmals Grfin, habe ich Sie etwa erzrnt?
Nein  auf Ehre.
Dann bin ich beruhigt.
Indem er mich in den Wagen hob, drckte er fest meine Hand und fhrte sie an die Lippen.
Wann darf ich Ihnen meine Aufwartung machen?
An Sonnabenden bin ich 
Er verneigte sich und trat zurck.
Ich wollte ihm noch etwas zurufen, aber der Bediente schloss den Wagenschlag.
Ich warf mich in die Ecke zurck und htte am liebsten geweint  Trnen des Trotzes, wie ein erbostes Kind. Ich war auf mich selber wtend: wie konnte ich nur so kalt, so unhflich, so beinahe grob mit einem Menschen sein, der mir so warme Sympathie einflte ... Daran war diese Prinzessin schuld  wie ich die hasste! Was war das? ... Eifersucht? Jetzt blitzte mir das Verstndnis dessen auf, was mich bewegte: ich war in Tilling verliebt   
Verliebt, liebt, liebt rasselten die Rder auf dem Pflaster, du liebst ihn, leuchteten mir die vorberfliegenden Straenlaternen zu  du liebst ihn, duftete es mir aus dem Handschuh, den ich an meine Lippen fhrte  an der Stelle, die er geksst.
~
Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein: Was mir gestern die Wagenrder und die Straenlaternen sagten, ist nicht wahr, oder doch zum mindesten sehr bertrieben. Ein sympathischer Zug zu einem edlen und gescheiten Menschen!  ja; aber Leidenschaft?  nein. Ich werde doch mein Herz nicht so hinschleudern an jemand, der einer anderen gehrt. Auch er empfindet Sympathie fr mich  wir verstehen uns in vielen Dingen; vielleicht bin ich die einzige, der er seine Gedanken ber den Krieg mitteilt  aber darum ist er noch lange nicht verliebt in mich  und ebensowenig darf ich es in ihn sein. Dass ich ihn nicht aufforderte, mich an einem anderen Tage als an den ihm so verhassten Empfangstagen zu besuchen, mochte wohl nach dem vorausgegangenen, vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber es ist vielleicht besser so. Wenn nur erst ein paar Wochen ber die geistigen Eindrcke, die mich so tief erschttert haben, verstrichen sind, dann werde ich Tilling wieder ganz ruhig begegnen knnen, mit der Idee vertraut, dass er eine andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden Umgang erlaben. Denn es ist wahrhaft ein Vergngen, mit ihm zu verkehren  er ist so anders, so ganz anders als alle anderen. Ich bin wirklich froh, dass ich das heute so gelassen konstatieren kann  gestern musste ich einen Augenblick schon frchten, dass es um meine Ruhe geschehen sei, und dass ich die Beute qulender Eifersucht wrde ... heute ist diese Furcht verflogen.
Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach  dieselbe, bei der ich den Tod meines armen Arno erfahren. Sie war unter den jungen Frauen meiner Bekanntschaft diejenige, mit welcher ich am meisten und am intimsten verkehrte. Nicht, dass wir in vielen Hinsichten bereinstimmten, oder dass wir uns gegenseitig vollkommen verstanden  wie dies doch die Grundlage echter Freundschaft sein soll;  aber wir waren als Kinder Gespielinnen, als jung verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen; hatten damals fast tglich verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns entstanden, welche trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen  unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemtlichen gestaltete. Es war ein gewisses, engbegrenztes Gebiet, auf dem wir uns begegneten, aber auf dem anderen waren wir einander aufrichtig gut. Ganze Seiten meines Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen. Von den An- und Einsichten, zu welchen ich in meiner stillen Studierzeit gelangt war, hatte ich ihr nie ein Wort mitgeteilt und fhlte auch kein Bedrfnis dazu. Wie selten kann man sich einem Menschen ganz geben! Das habe ich recht oft im Leben erfahren, dass ich dem einen nur diese, dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persnlichkeit erschlieen konnte; dass, so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte, sozusagen ein gewisses Register sich aufzog, die ganze brige Klaviatur aber stumm blieb.
Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstnde genug, die uns zu stundenlangem Plaudern Stoff boten: unsere Kindheitserinnerungen, unsere Kleinen, die Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises, Toilette, englische Romane und dergleichen mehr.
Loris Knabe, Xaver, war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster Spielkamerad, und Loris Tchterchen, Beatrix, damals zehn Monate alt, wurde scherzweise von uns bestimmt, einst Grfin Rudolf Dotzky zu werden.
Sieht man dich endlich wieder! empfing mich Lori. Du bist ja in letzter Zeit ganz Einsiedlerin geworden. Auch meinen knftigen Schwiegersohn habe ich schon lange nicht die Ehre gehabt bei mir zu sehen  Beatrix wird das sehr belnehmen ... Jetzt erzhle, Kind, was treibst du? ... Und wie geht es Rosa und Lilli? Fr Lilli habe ich brigens eine interessante Nachricht, die mir mein Mann gestern aus dem Kaffeehaus mitgebracht: es ist einer sehr verliebt in sie, einer, von dem ich glaubte, er machte dir die Cour ... doch das erzhle ich spter. Was du da fr ein hbsches Kleid hast  von der Francine, nicht wahr? Das habe ich gleich erkannt  sie hat doch ein eigentmliches Cachet ... Und der Hut von Gindreau? Steht dir allerliebst ... Er macht jetzt auch Kostme, nicht nur Hte ... auch mit ungeheurem Geschmack. Gestern abend bei Dietrichstein  warum bist du nicht gekommen?  hatte die Nini Chotek eine Gindreausche Toilette an und sah beinahe hbsch aus ...
So ging es eine Zeitlang fort und ich antwortete im selben Tone. Nachdem ich das Gesprch geschickt auf die in der Welt kursierenden Klatschereien gelenkt, stellte ich in mglichst unbefangener Weise die Frage:
Hast du auch gehrt, dass Prinzessin *** ein Verhltnis mit  mit einem gewissen Baron Tilling haben soll?
Ich habe so etwas gehrt  aber jedenfalls ist das _de lhistoire ancienne_. Heute ist es eine allbekannte Sache, dass die Prinzessin fr einen Burgschauspieler schwrmt. Interessierst du dich etwa fr diesen Baron Tilling? Du wirst rot? Da hilft kein verneinendes Kopfschtteln  beichte lieber! Es ist ohnedies unerhrt, dass du so lang kalt und gefhllos bleibst ... es wre mir eine wahre Genugtuung, dich einmal verliebt zu wissen ... Freilich, eine Partie fr dich wre Tilling nicht  da hast du glnzendere Bewerber  er soll gar nichts haben. Nun, du bist selber reich genug  aber er ist auch zu alt fr dich ... Wie alt wre jetzt der arme Arno? ... Das war doch gar zu traurig damals ... den Augenblick werde ich nie vergessen, da du mir meines Bruders Brief vorgelesen ... Ja, es ist doch eine schlimme Einrichtung, der Krieg ... Fr manche  fr andere ist er eine wunderschne Einrichtung: Mein Mann wnscht sich nichts sehnlicher, als dass es bald wieder zu etwas kme; er mchte sich so gern auszeichnen. Ich begreife dies  wenn ich ein Soldat wre, wrde ich mir auch wnschen, eine Grotat machen zu knnen, oder doch in der Karriere vorwrts zu kommen 
Oder verkrppelt oder totgeschossen zu werden?
Daran dcht ich nie. Daran soll man nicht denken  und es trifft ja doch nur die, denen es bestimmt ist.  So war es deine Bestimmung, Herz, eine junge Witwe zu werden.
Darum musste der Krieg mit Italien ausbrechen?
Und wenn es meine Bestimmung ist, die Frau eines verhltnismig jungen Generals zu sein 
So muss es nchstens zu einem Vlkerkonflikt kommen, damit Griesbach schnell avancieren knne? Du zeichnest der Weltordnung einen sehr einfachen Lauf vor.  Was wolltest du mir mit Bezug auf Lilli erzhlen?
Dass euer Vetter Konrad fr sie schwrmt. Ich vermute, er wird nchstens um sie anhalten.
Das bezweifle ich. Konrad Althaus ist ein viel zu flatterhafter und toller Bursch, um ans Heiraten zu denken.
Ach, toll und flatterhaft sind sie ja alle und heiraten doch, wenn sie sich vernarren ... Glaubst du, dass er der Lilli gefllt?
Ich habe nichts bemerkt.
Es wre eine sehr gute Partie. Wenn sein Onkel Drontheim stirbt, so erbt er die Herrschaft Selavetz. Apropos Drontheim  weit du, dass der Ferdi Drontheim, derselbe, der sein Vermgen mit der Tnzerin Grill durchgebracht hat, jetzt eine reiche Bankierstochter heiraten soll?  Nun  empfangen wird sie doch niemand ... Kommst du heute abend zur englischen Botschaft? Wieder nicht? Eigentlich hast du recht  in diesen Gesandtschafts-Naouts fhlt man sich doch nicht so ganz unter sich: es sind so viele fremdartige Leute dabei, von denen man nicht sicher wei, ob sie _comme il faut_ sind; jeder durchreisende Englnder, der sich bei seinem Gesandten vorstellen lsst, wird da eingeladen  wenn es auch ein brgerlicher Gutsbesitzer, oder gar Industrieller oder so etwas ist. Ich habe die Englnder nur in der Tauchnitz-Edition gern ... Hast du _Jane Eyre_ schon ausgelesen?  nicht wahr, wunderhbsch? Wenn Beatrix zu sprechen anfngt, werde ich ihr eine englische Bonne nehmen ... Mit der Franzsin des Xaver bin ich gar nicht zufrieden ... Neulich bin ich ihr auf der Strae begegnet, wie sie den Kleinen ausfhrte, und ein junger Mann  anscheinend ein Kommis  ging nebenher, in angelegentlichstem Gesprch mit ihr. Pltzlich stand ich vor ihnen  die Verlegenheit httest du sehen sollen! berhaupt, mit den Leuten hat man sein Kreuz! ... Da ist meine Jungfer, die hat mir gekndigt, weil sie heiratet  jetzt, wo ich sie gewohnt war  es ist nichts unausstehlicher, als neue Gesichter zum Bedienen ... Was? Du willst schon fort?
Ja, liebes Herz  ich muss noch einige unaufschiebbare Besuche machen ...
Und ich lie mich nicht bewegen, auch nur noch fnf Minuten zu bleiben, obwohl die unaufschiebbaren Besuche erlogen waren. Sonst hatte ich es doch stundenlang ausgehalten, solch inhaltloses Geplapper anzuhren und mitzuplappern  aber an diesem Tage widerte es mich an. Eine Sehnsucht ergriff mich: ... Ach nur wieder so ein Gesprch wie gestern abend  ach Tilling  Friedrich Tilling ... Die Wagenrder hatten also doch recht mit ihrem Refrain! ... Es war eine Wandlung mit mir geschehen  ich war in eine andere Gefhlswelt hinaufgehoben; diese kleinlichen Interessen, in welche meine Freundin so ganz vertieft war: Toiletten, Bonnen, Heirats- und Erbschaftsgeschichten aus der Gesellschaft  das war doch gar zu nichtig, zu erbrmlich, zu erstickend ... Hinaus, hinaus in eine andere Lebensluft! Und Tilling war ja frei: die Prinzessin schwrmt fr einen Burgschauspieler ... Die hat er wohl nie geliebt ... ein vorbergehendes  ein _vorbergegangenes_ Abenteuer, weiter nichts.
~
Es verstrichen mehrere Tage, ohne dass ich Tilling wiedersah. Jeden Abend ging ich ins Theater und von da in eine Soiree, in der hoffenden Erwartung ihm zu begegnen, aber vergebens.
Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche, aber natrlich nicht den seinen. Den hatte ich auch nicht erwartet. Es sah ihm nicht hnlich, nach seinem bestimmten Grfin, das drfen Sie mir nicht zumuten und seinem am Wagenschlag gesagten Ich verstehe  also gar nicht sich dennoch an einem solchen Tage bei mir einzufinden.
Ich hatte ihn an jenem Abend gekrnkt, dass war gewiss; und er vermied es, mit mir zusammenzukommen, das war offenbar. Allein, was konnte ich tun? Ich brannte danach, ihn wiederzusehen, meine damalige Unfreundlichkeit wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben wie jene in meines Vaters Haus; eine Plauderstunde, deren Reiz mir jetzt noch hundertfach erhht worden wre, durch das mir nunmehr klar gewordene Bewusstsein meiner Liebe.
In Ermangelung Tillings brachte mir der nchstfolgende Sonnabend doch wenigstens Tillings Cousine  dieselbe, auf deren Ball ich ihn kennen gelernt. Als sie eintrat, fing mir das Herz zu pochen an; jetzt konnte ich doch wenigstens etwas von demjenigen erfahren, der meine Gedanken so beschftigte. Ich brachte es jedoch nicht ber mich, eine diesbezgliche Frage zu stellen; ich fhlte, dass ich nicht imstande wre, den gewissen Namen auszusprechen, ohne verrterisch zu erglhen und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert verschiedenen Dingen  unter anderen auch vom Wetter  aber nur nicht von dem, was ich auf dem Herzen hatte.
Ah, Martha, sagte jene unvermittelt, ich habe eine Post an Sie zu bestellen: mein Vetter Friedrich lt Sie gren  er ist vorgestern abgereist.
Ich fhlte, dass mir das Blut aus den Wangen wich.
Abgereist? Wohin? Wurde sein Regiment versetzt?
Nein ... er hat nur einen kurzen Urlaub genommen, um nach Berlin zu eilen, wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt. Der Arme, er dauert mich; denn ich wei, wie er seine Mutter vergttert.
Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand, mit dem Poststempel Berlin. Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut, wusste ich, dass das Schreiben von Tilling kam. Es lautete:

    Berlin, Friedrichstr. 8, 30. Mrz 1863. 1 Uhr nachts.
    Teure Grfin! Ich muss jemandem klagen ... Warum gerade Ihnen? habe ich ein Recht dazu? Nein  aber den unwiderstehlichen Drang. Sie werden mir nachfhlen  ich wei es.
    Htten Sie die Sterbende gekannt, Sie wrden sie geliebt haben. Dieses weiche Herz, dieser helle Verstand, diese heitere Laune, diese Hoheit und Wrde  und das alles soll jetzt ins Grab  keine Hoffnung!
    Ich habe den ganzen Tag an ihrem Lager verbracht und werde auch die Nacht ber hier bleiben  ihre letzte Nacht ...
    Sie hat viel gelitten, die Arme. Jetzt ist sie ruhig  die Krfte schwinden, der Pulsschlag hat beinah schon aufgehrt ... Auer mir wachen noch ihre Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer.
    Ach, diese schreckliche Zerreiung: der Tod! Man wei doch, dass er alle fllen muss, und doch kann mans nie recht fassen, dass er auch unsere Lieben hinraffen darf. Was mir _diese_ Mutter war, das vermag ich nicht zu sagen.
    Sie wei, dass sie stirbt. Als ich ankam, heute morgen, empfing sie mich mit einem Freudenschrei:
     Also doch  sehe ich dich noch einmal, mein Fritz! Ich frchtete so, du kmst zu spt.
     Du wirst ja wieder gesund werden, Mutter, rief ich.  Nein, nein  davon ist keine Rede, mein alter Bub. Nimm diesem unserem letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die blichen Krankenbettvertrstungen. Sagen wir uns Lebewohl 
    Ich fiel schluchzend an der Bettseite in die Knie.
     Du weinst, Fritz? Schau, ich sage dir auch nicht das ble Weine nicht. Es ist mir lieb, dass dir der Abschied von deiner besten alten Freundin leid tut. Das brgt mir, dass ich lange unvergessen bleibe 
     So lang ich lebe, Mutter!
     Erinnere dich dabei, dass ich viel Freude an dir gehabt. Auer der Sorge, die mir deine Kinderkrankheiten bereitet, und dem Bangen, whrend du im Kriege warst, hast du nur glckliche Gefhle verursacht und hast mir alles tragen helfen, was das Schicksal mir Trbes auferlegt. Ich segne dich dafr, mein Kind.
    Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen ber sie. Wie sie jammerte und sthnte, wie ihre Zge sich verzerrten  es war herzzerreiend. Ja, es ist ein frchterlicher, grimmer Feind, der Tod ... und der Anblick dieser Agonie rief mir alle Agonien ins Gedchtnis, welche ich auf den Schlachtfeldern und in den Lazaretten gesehen ... Wenn ich denke, dass wir Menschen bisweilen willkrlich, frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen, dass wir der vollkrftigen Jugend zumuten, diesem Feind sich willig zu ergeben, gegen den das mde und gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt, es ist  niedertrchtig!
    Diese Nacht ist schaurig lang ... Wenn die arme Kranke nur schlief  aber sie liegt mit offenen Augen da. Ich verbringe immer halbe Stunden lang regungslos an ihrem Lager, dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen, um ein paar Worte zu schreiben  dann wieder zurck zu ihr. So ist es schon vier Uhr geworden. Ich habe eben die vier Schlge von allen Glockentrmen hallen gehrt  es mutet einem so kalt, so teilnahmslos an, dass die Zeit stetig unbeirrt durch alle Ewigkeit fortschreitet, whrend eben fr ein heigeliebtes Wesen die Zeit aufhren soll  fr alle Ewigkeit. Aber je klter, je teilnahmsloser das All sich zu unserm Schmerz verhlt, desto sehnschtiger flchten wir an ein anderes Menschenherz, von dem wir glauben, dass es mitfhlend schlgt. Darum hat mich das weie Papierblatt, das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen lie, herangelockt  und darum schicke ich das Blatt an Sie ...
    7 Uhr. Es ist vorbei.
     Lebe wohl, mein alter Bub. Das waren ihre letzten Worte. Darauf schloss sie die Augen und schlief ein.  Schlaf wohl, meine alte Mutter!
    Weinend ksst Ihre lieben Hnde Ihr zu Tode betrbter
    Friedrich Tilling

Diesen Brief besitze ich noch. Wie zerknittert und verblasst sieht das Blatt nicht aus! Nicht nur die verflossenen fnfundzwanzig Jahre haben diese Verwitterung verursacht, sondern auch die Trnen und Ksse, mit welchen ich damals die lieben Schriftzge bedeckte. Zu Tode betrbt  ja  aber auch himmelhochjauchzend war mir zu Mute, nachdem ich gelesen. Deutlicher  obwohl kein Wort von Liebe darin stand  konnte kein Brief den Beweis erbringen, dass der Schreiber die Empfngerin  und keine andere  liebte. Dass er in solcher Stunde, am Sterbelager der Mutter, sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin auszuweinen sich sehnte, sondern an dem meinen  das musste doch jeden eiferschtigen Zweifel ersticken.
Ich berschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert groen weien Kamelien, mit einer halberblhten roten Rose drin. Ob er wohl verstehen wrde, dass die blassen, duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten, als Symbole der Trauer, und das glutfarbige Rschen ihm? ...
~
Drei Wochen waren vergangen.
Konrad Althaus hatte um meine Schwester Lilli angehalten und einen Korb bekommen. Er nahm jedoch die Sache nicht tragisch und blieb wie zuvor ein eifriger Besucher unseres Hauses und umschwrmte uns in den Salons der Gesellschaft.
Ich drckte ihm einmal meine Verwunderung ber seine unerschtterte Vasallentreue aus:
Es freut mich sehr, sagte ich, dass du nicht zrnst; aber es beweist mir, dass dein Gefhl fr Lilli doch kein so heftiges war, wie du vorgibst, denn verschmhte Liebe pflegt boshaft und nachtrglich zu sein.
Du irrst, verehrteste Frau Cousine  ich habe die Lilli rasend gern. Zuerst glaubte ich, mein Herz gehre dir; du hast dich aber so zurckhaltend kalt erwiesen, dass ich noch rechtzeitig die keimende Leidenschaft erstickte; dann hab ich mich eine Zeitlang fr Rosa interessiert; schlielich aber hat sich meine Neigung bei Lilli fixiert  und dieser Neigung werde ich jetzt treu bleiben  bis an mein Lebensende.
Sieht dir ganz hnlich.
Lilli oder keine!
Da sie dich aber nicht will, mein armer Konrad?
Glaubst du, ich wre der erste, der einen Korb bekommen, der sich bei derselben einen zweiten und dritten geholt und beim vierten Antrag angenommen wurde?  schon um der Zudringlichkeit ein Ende zu machen? ... Lilli hat sich nicht verliebt in mich, eine nicht ganz erklrliche  aber immerhin eine Tatsache. Dass sie unter so bewandten Umstnden der fr so viele Mdchen unwiderstehlichen Verlockung, Frau zu werden, widerstanden hat, und auf einen, vom weltlichen Standpunkt annehmbaren Antrag nicht eingegangen ist, das gefllt mir eigentlich sehr gut von ihr, und ich bin noch verliebter als zuvor. Nach und nach wird meine Anhnglichkeit sie rhren und Gegenliebe erwecken; dann sollst du noch meine Schwgerin werden, liebste Martha. Hoffentlich wirst du mir nicht entgegenwirken?
Ich?  o nein, im Gegenteil; mir gefllt dein Verharrungssystem. So sollte immer um uns geworben werden  mit Zeit- und Zrtlichkeitsaufwand  was die Englnder _to woe and to win_ nennen. Aber minnen und gewinnen: dazu geben sich unsere jungen Herren wahrlich nicht die Mhe. Sie wollen ihr Glck nicht erst erringen, sondern es mhelos pflcken, wie eine Blume am Wegesrand!
Tilling war seit vierzehn Tagen nach Wien zurckgekehrt  so hatte ich erfahren  doch kam er nicht zu mir. In den Salons konnte ich natrlich kaum erwarten, ihm zu begegnen, da ihn seine Trauer von allem gesellschaftlichen Umgang fern hielt. Doch hatte ich gehofft, dass er zu mir kommen oder wenigstens mir schreiben wrde; es verging aber ein Tag um den andern, ohne mir den erwarteten Besuch oder Brief zu bringen.
Ich begreife nicht, was du hast, Martha, so sprach mich eines Morgens Tante Marie an; du bist seit einiger Zeit so verstimmt, so zerstreut, so, ich wei nicht wie ... du hast sehr, sehr unrecht, dass du keinem deiner Bewerber Gehr schenkst. Dieses Alleinsein  das habe ich zu allem Anfang gesagt  taugt nicht fr dich. Die Folge davon ist dieser Spleen, der dich jetzt auszeichnet.  Hast du schon deine sterliche Andacht verrichtet? Das wrde dir auch gut tun.
Ich denke, beides: heiraten und beichten, sollte aus Liebe zur Sache getan werden und nicht als Spleenkur.  Von meinen Bewerbern gefllt mir keiner, und was das Beichten betrifft 
So ist es hchste Zeit: morgen ist Grndonnerstag ... Hast du Billetts zur Fuwaschung?
Ja  Papa hat mir welche verschafft  aber ich wei wirklich nicht, ob ich gehen werde.
O das musst du  es gibt nichts Schneres und Erhebenderes als diese Zeremonie ... der Triumph der christlichen Demut: Kaiser und Kaiserin auf dem Boden rutschend, um die Fe armer Pfrndner und Pfrndnerinnen zu waschen  symbolisiert das nicht so recht, wie klein und nichtig die irdische Majestt vor der gttlichen ist?
Um durch Niederknien Demut sinnbildlich darzustellen, muss man sich eben sehr erhaben fhlen. Es drckt aus: was Gott Sohn im Verhltnis zu den Aposteln, das bin ich, Kaiser zu den Pfrndnern. Mir kommt dieses Grundmotiv der Zeremonie nicht gerade demtig vor.
Du hast kuriose Ansichten, Martha. In den drei Jahren, die du in lndlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bcher zugebracht hast, sind deine Ideen so verschroben worden.
_Schlechte_ Bcher?
Ja, schlecht  ich halte das Wort aufrecht. Neulich, als ich in meiner Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach, das ich auf deinem Tisch gesehen und das ich dem Titel nach fr ein Andachtsbuch hielt: Das Leben Jesu von einem gewissen Strau  da schlug er die Hnde ber dem Kopf zusammen und rief: Barmherziger Himmel, wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk? Ich wurde ganz feuerrot und versicherte, dass ich das Buch nicht selber gelesen, sondern nur bei einer Verwandten gesehen. Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit auf, diese Schrift ins Feuer zu werfen. Das tue ich hiermit, Martha. Wirst du dies Buch verbrennen?
Wren wir um zwei- oder dreihundert Jahre jnger, so knnten wir zusehen, wie nicht nur das Werk, sondern auch der Autor in Flammen aufginge. Das wre wirksamer  momentan wirksamer  auch nicht fr lang ...
Du antwortest mir nicht. Wirst du das Buch verbrennen?
Nein.
So kurzweg nein?
Wozu lange Reden? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht, mein liebstes Tantchen. Lass dir lieber erzhlen, was gestern der kleine Rudolf ...
Und damit war das Gesprch glcklich auf ein anderes, sehr ergiebiges Thema gelenkt, wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam; denn ber die Tatsache, dass Rudolf Dotzky das herzigste, originellste, fr sein Alter vorgeschrittenste Kind der Welt ist  darber waren wir beide einig.
Am folgenden Tag entschloss ich mich doch, der Fuwaschung beizuwohnen. Etwas nach zehn Uhr, schwarz gekleidet, wie es sich fr die Karwoche ziemt, begaben wir uns, meine Schwester Rosa und ich, in den groen Zeremoniensaal der Burg. Daselbst waren auf einer Estrade Pltze fr die Mitglieder der Aristokratie und des diplomatischen Korps vorbehalten. Man war da also wieder unter sich und teilte rechts und links Gre aus. Auch die Galerie war dicht gefllt: gleichfalls Bevorzugte, welche Eintrittskarten erlangt hatten  aber doch etwas gemischt, nicht zur Creme gehrig, wie wir da unten, auf unserer Estrade. Kurz, die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung  anlsslich dieser Feier der symbolisierten Demut.
Ich wei nicht, ob den anderen irgendwie religis-weihevoll zu Mute war; aber ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung, mit welcher man im Theater einem angekndigten Spektakelstck entgegensieht. Ebenso gespannt, wie man da  nachdem die Gre von Loge zu Loge getauscht, den aufzurollenden Vorhang ansieht, schaute ich nach der Richtung, wo die Chre und Solisten des bevorstehenden Schaugedrnges erscheinen sollten. Die Dekoration war schon aufgestellt  nmlich die lange Tafel, an welcher die zwlf Greise und zwlf Greisinnen Platz zu nehmen hatten.
Ich war doch froh, gekommen zu sein; denn ich fhlte mich gespannt, was immerhin eine angenehme Empfindung ist, und eine Empfindung, welche momentan von kummervollen Gedanken befreit. Mein steter Kummer war der: Warum lsst sich Tilling nicht sehen? Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen; was ich zu sehen erwartete und wnschte, waren die kaiserlichen und pfrndnerischen Mitwirkenden der angesetzten Feier. Und gerade in diesem Augenblicke, wo ich seiner nicht dachte, fielen meine Augen auf Tilling. Soeben nach beendeter Messe waren die Hofwrdentrger in den Saal getreten, gefolgt von der Generalitt und dem Offizierkorps; ich lie meinen Blick gleichgltig ber alle diese uniformierten Gestalten schweifen  dieselben waren ja nicht die Trger der Hauptrollen, sondern nur zum Ausfllen der Bhne bestimmt  da pltzlich erkannte ich Tilling, der gerade unserer Tribne gegenber Aufstellung genommen hatte. Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Er sah nicht in unsere Richtung. Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten Leides: es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zgen. Wie gern htte ich durch einen stummen, innigen Hndedruck mein Mitgefhl ihm ausgedrckt! Ich lie meinen Blick hartnckig auf ihn geheftet, hoffend, dass dies durch eine magnetische Gewalt ihn zwingen wrde, auch zu mir aufzuschauen  aber vergebens.
Sie kommen, sie kommen! rief Rosa, mich anstoend. So sieh doch hin ... Wie schn! Wie ein Gemlde! Es waren die Greise und Greisinnen, angetan in altdeutsche Tracht, welche jetzt hereingeleitet wurden. Die jngste von den Frauen  so hatten die Zeitungen berichtet  war achtundachtzig, der jngste von den Mnnern fnfundachtzig Jahre alt. Runzlich, zahnlos, gebckt;  ich konnte Rosas Ach wie schn wahrlich nicht besttigt finden. Was ihr gefiel, war jedenfalls die Verkleidung. Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen, von mittelalterlichem Geist durchwehten Zeremonie. Die Anachronismen hier waren wir, in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen  wir passten nicht in dies Gemlde.
Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten, trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmckter, zumeist ltlicher Herren in den Saal:  die Geheimen Rte und Kammerherren; viele bekannte Gesichter  auch Minister Allerdings befand sich darunter. Zuletzt folgten die Geistlichen, welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten. Jetzt also war der Einmarsch der Statisten vorber und die Erwartung des Publikums auf das hchste gespannt.
Meine Augen waren jedoch nicht so starr, wie diejenigen der brigen Zuschauer, nach jener Richtung geheftet, wo der Hof erscheinen sollte, sondern kehrten immer zu Tilling zurck. Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt. Er grte.
Wieder legte sich Rosas Hand auf meinen Arm: Martha  ist dir unwohl? Du bist pltzlich blass und rot geworden  schau! ... jetzt! jetzt!!
In der Tat: der Kapell-  will sagen der Oberzeremonienmeister hob seinen Stab und gab das Zeichen, dass das Kaiserpaar nahe. Dies versprach nun allerdings einen lohnenden Anblick, denn abgesehen davon, dass es das hchste war  war es sicherlich eins der schnsten Paare im Lande. Mit Kaiser und Kaiserin zugleich waren auch mehrere Erzherzge und Erzherzoginnen hereingekommen, und jetzt konnte die Feier beginnen. Truchsessen und Edelknaben trugen die gefllten Schsseln herbei, und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden Alten hin. Das war wieder mehr Gemlde als je. Das Gerte und die Speisen und die Art der Pagen, dieselben zu tragen, erinnerte an verschiedene berhmte Bilder von Festgelagen im Renaissancestil.
Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt, so wurde die Tafel wieder abgerumt, eine Arbeit, welche  gleichfalls als Zeichen der Demut  die Erzherzge verrichteten. Hiernach ward die Tafel hinausgetragen, die eigentliche Effektszene des Stckes (was die Franzosen _le clou de la pice_ nennen)  die Fuwaschung  begann. Freilich nur eine Scheinwaschung, wie das Mahl nur ein Scheinmahl gewesen. Auf dem Boden knieend, streifte der Kaiser mit einem Tuch ber die Fe der Greise hinweg, nachdem der ihm assistierende Priester aus einer Kanne scheinbar Wasser darbergegossen, und so rutschte er vom ersten bis zum zwlften Pfrndner, whrend die Kaiserin  die man sonst nur so majesttisch hochaufgerichtet zu sehen bekommt  in derselben demtigen Stellung, in welcher sie ihre gewohnte Anmut brigens nicht verliert, die gleiche Prozedur an den zwlf Pfrndnerinnen vornahm. Die begleitende Musik, oder, wenn man will, den erklrenden Chor, bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene Evangelium des Tages.
Gern htte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mgen, was in dem Geiste dieser Alten vorging, whrend sie so dasaen, in der seltsamen Tracht, von einer glnzenden Menge angegafft, den Landesvater, die Landesmutter  Ihre Majestten  zu ihren Fen ... Wahrscheinlich wre es gar keine klare Empfindung gewesen, die ich danach gefhlt htte, wenn mir der gewnschte momentane Bewusstseinstausch gewhrt worden wre, sondern ein verwirrter, geblendeter Halbtraum, ein zugleich frohes und peinliches, verlegenes und feierliches Gefhl, ein vollstndiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden und altersschwachen armen Kpfen. Das einzige Wirkliche und Fassbare an der Sache mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den dreiig Silberstcken sein, welches jedem von Allerhchster Hand umgehngt ward, und auf den Korb voll Speisen, welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt.
Die ganze Zeremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der Saal. Zuerst zog sich der Hof zurck; hierauf entfernten sich alle anderen Mitbeteiligten, und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie.
Schn wars, schon wars! flsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug.
Ich antwortete nichts. Eigentlich hatte ich keine Ursache, die Verwirrung und Gedankenarmut der Festgreise zu bemitleiden, war mir doch selber das Verstndnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes, und hatte ich nur noch den einen Gedanken im Sinn: Wird er uns am Ausgang erwarten?
Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang, als ich gewollt htte. Zuerst hie es doch, mit fast smtlichen Estradezuschauern, welche gleichzeitig mit uns ihre Pltze verlieen, Hnde schtteln und ein paar Phrasen tauschen. Man blieb da im Stiegenhause in einer groen Gruppe stehen und es gab einen frmlichen Morgenraout. Grߒ dich, Toni.  Bonjour, Martha.  Ach, Sie auch da, Grfin?  Bist du fr den Ostersonntag schon vergeben?  Guten Tag, Durchlaucht, vergessen Sie nicht, dass wir Sie morgen abend zu einer kleinen Tanzerei erwarten.  Warst du gestern bei den Dominikanern in der Predigt?  Nein, ich war im _Sacr cur_, wo meine Tchter eine Retraite machen.  Die nchste Probe zu unserer Wohlttigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwlf Uhr, lieber Baron, seien Sie ja pnktlich.  Die Kaiserin hat wieder superb ausgesehen.  Hast du bemerkt, Lori, wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu der Gtter-Fanny herberschielte?  Madame, jai lhonneur de vous prsenter mes hommages.  Ah, cest vous, marquis ... charme.  I wish you good morning, Lord Chesterfield  Oh, how are you? Awfully fine woman, your Empress.  Haben Sie schon eine Loge gesichert fr die Vorstellung der Adelina Patti? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern ...  Die Nachricht von der Verlobung des Ferdi Drontheim mit der Bankierstochter soll sich also doch besttigen  es ist ein Skandal!
Und so schwirrte es hin und her. Ein unbefangener Horcher htte diesen Gesprchen wohl kaum angemerkt, dass sie der Nachstimmung einer eben verrichteten Demutsandacht entsprangen.
Endlich traten wir vor das Tor hinaus, wo unsere Wagen warteten und eine Menge Volk versammelt war. Diese Leute wollten wenigstens diejenigen sehen, welche so glcklich waren, den Allerhchsten Hof gesehen zu haben: sie konnten dann ihrerseits als diejenigen, welche die Gesehenhabenden gesehen hatten, wieder minder Bevorzugten sich sehen lassen.
Kaum waren wir hinausgetreten, so stand Tilling vor mir. Er verneigte sich.
Ich muss Ihnen noch danken, Grfin Dotzky, fr den herrlichen Kranz.
Ich reichte ihm die Hand  aber konnte kein Wort sprechen.
Unser Wagen war vorgefahren; wir mussten einsteigen und Rosa drngte auch vorwrts; Tilling fhrte die Hand an die Mtze und wollte zurcktreten. Da machte ich eine heftige Anstrengung und sagte mit einer Stimme, die mir selber ganz fremd klang:
Sonntag zwischen zwei und drei werde ich zu Hause sein.
Er verneigte sich stumm und wir stiegen ein.
Du musst dich erkltet haben, Martha, bemerkte meine Schwester, als wir davonfuhren: Deine Aufforderung klang furchtbar heiser. Und warum hast du mir diesen schwermtigen Stabsoffizier nicht vorgestellt? Ich habe noch selten ein weniger aufheiterndes Gesicht gesehen.
~
Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde lie sich Tilling bei mir anmelden. Vorher hatte ich in die roten Hefte folgende Eintragung gemacht:
Ich ahne, dass der heutige Tag ber mein Schicksal entscheiden wird. Mir ist so feierlich und bang, so s erwartungsvoll zu Mute. Diese Stimmung muss ich in diesen Blttern fixieren, damit, wenn ich einst nach langen Jahren darin blttere, ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedchtnis zurckrufen knne, welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe. Vielleicht kommt es ganz anders, als ich denke  vielleicht auch genau so ... jedenfalls wird es mich einst interessieren, zu sehen, wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten.   
Der Erwartete liebt mich  das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter geschriebener Brief; er ist wiedergeliebt  das muss ihm das Rslein im Totenkranz verraten haben ... Und nun kommen wir zusammen  ohne Zeugen  im Innersten bewegt  er trostbedrftig  ich vom Wunsche zu trsten durchdrungen: ich glaube, es wird gar nicht viel Worte geben ... Trnen in unserer beiden Augen, zitternd vereinte Hnde  und wir werden uns verstanden haben ... Zwei liebende, zwei glckliche Menschen  ernsthaft, weihevoll, leidenschaftlich, andchtig glcklich  whrend in der Gesellschaft die Sache gleichgltig und trocken etwa so verkndet wird! Wissen Sie schon? die Martha Dotzky hat sich mit Tilling verlobt  eine miserable Partie. ... Es ist zwei Uhr und fnf Minuten  jetzt kann er jeden Augenblick eintreten.  Die Glocke ... dieses Herzklopfen, dieses Zittern, ich fhle, dass  
So weit war ich gekommen. Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen Buchstaben gekritzelt, ein Zeichen, dass dieses Herzklopfen, dieses Zittern keine bloe rhetorische Figur war. Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht. Tilling verhielt sich whrend seines halbstndigen Besuches ganz zurckhaltend und kalt. Er bat mich um Verzeihung fr die Khnheit, welche er gehabt, an mich zu schreiben; er mge dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfhigkeit zugute halten, welche einen Menschen in so schmerzlichen Augenblicken befallen kann. Dann erzhlte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner Mutter; aber von dem, was ich erwartet hatte  kein Wort. Und so wurde auch ich immer zurckhaltender und klter. Als er sich zum Gehen erhob, machte ich keinen Versuch, ihn zu halten, und forderte ihn auch nicht auf, wiederzukommen.
Und als er drauen war, strzte ich wieder zu den noch offen liegenden roten Heften hin und schrieb den unterbrochenen Satz weiter:
Ich fhle, dass  alles aus ist ... dass ich mich schmhlich getuscht habe, dass er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird, dass er mir ebenso gleichgltig ist, wie ich ihm. Beinahe abstoend habe ich mich benommen. Ich fhle  er kommt nie wieder. Und doch enthlt die Welt keinen zweiten Menschen fr mich! So gut, so edel, so geistvoll ist keiner mehr  und so lieb wie ich dich gehabt htte, Friedrich, so lieb hat dich keine andere, deine Prinzessin  zu der du zurckgekehrt zu sein scheinst  schon gewiss nicht. Mein Sohn Rudolf, du sollst mein Trost und mein Halt sein. Fortan will ich von Frauenliebe nichts mehr wissen; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfllen ... Wenn es mir gelingt, einen solchen Mann aus dir zu bilden, wie jener einer ist  wenn ich einst von dir so beweint werde, Rudolf, wie jener seine Mutter beweint, so werde ich mein Ziel erreicht haben.
Eigentlich eine trichte Einrichtung, das Tagebuchschreiben. Diese stets wechselnden, zerflieenden und neu erstehenden Wnsche, Vorstze und Anschauungen, welche den Lauf des Seelenlebens bilden, durch aufgeschriebene Worte verewigen zu wollen, das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem lteren nachlesenden Ich die immerhin beschmende Erkenntnis der eigenen Vernderlichkeit. Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben Datum zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet: zuerst die zuversichtlichste Hoffnung  daneben die vollstndigste Entsagung und die nchsten Bltter sollen doch wieder ganz Neues berichten ...
Der Ostermontag war vom herrlichsten Frhlingswetter begnstigt und die an diesem Tage hergekommenermaen stattfindende Praterfahrt  eine Art Vorfeier des groen Ersten-Mai-Korso, fiel besonders glnzend aus. Ich wei noch, wie dieser Glanz, diese Fest- und Lenzwonne, die mich da umgab, mit der Traurigkeit kontrastierte, welche mein Gemt erfllte. Und doch  ich htte meine Traurigkeit nicht hergeben wollen  nicht wieder so heiteren, dabei aber leeren Herzens sein, wie vor etwa zwei Monaten, als ich Tilling noch nicht kannte. Denn wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglckliche war, so war es doch Liebe  das heit eine Steigerung der Lebensintensitt: dieses warme, zrtliche Gefhl, welches mein Herz schwellte, so oft das teure Bild mir vor das innere Auge trat  ich htte es nimmer missen mgen. Dass ich den Gegenstand meiner Trume hier im Prater, mitten im Gewhl weiblicher Frhlichkeit zu Gesicht bekommen wrde, erwartete ich nicht. Und doch: als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reitallee schweifen lie, sah ich von weitem, die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend, einen Offizier, in welchem ich sogleich  obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur undeutlich ausnahm  Tilling erkannte. Als er nun in die Nhe kam und, zu uns herbersalutierend, sich mit unserem Wagen kreuzte, da erwiderte ich seinen Gru nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit lebhaftem Winken. Im selben Augenblick war ich gewahr, dass ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes getan.
Wem hast du solche Zeichen gemacht? fragte meine Schwester Lilli: War es etwa Papa? ... Ah, ich sehe, fgte sie hinzu, da spaziert ja eben der unvermeidliche Konrad  dem galt deine Handverrenkung?
Dieses rechtzeitige Erscheinen des unvermeidlichen Konrad kam mir sehr gelegen. Ich war dem treuen Vetter dankbar dafr und bettigte diese Dankbarkeit sofort:
Schau, Lilli, sagte ich, er ist doch ein lieber Mensch und gewiss nur wieder deinetwegen hier  du solltest dich seiner erbarmen, du solltest ihm gut sein ... O, wenn du wsstest, wie s es ist, jemanden lieb zu haben, du wrdest dein Herz nicht so verschlieen. Geh, mach ihn glcklich, den guten Menschen.
Lilli schaute mich erstaunt an. Wenn er mir aber gleichgltig ist, Martha?
So liebst du vielleicht einen anderen?
Sie schttelte den Kopf: Nein, niemand.
O du Arme!
Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder. Aber denjenigen, nach welchem meine Blicke jetzt sphend umhersuchten, sah ich kein zweites Mal. Er hatte den Prater wieder verlassen.
Einige Tage spter, um die Nachmittagsstunde, trat Tilling bei mir ein. Er traf mich jedoch nicht allein. Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen, und auerdem befanden sich noch Rosa und Lilli, Konrad Althaus und Minister Allerdings in meinem Salon.
Ich hatte Mhe, einen berraschungsschrei zu unterdrcken: der Besuch kam mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich. Aber mit der Freude war es bald vorber, als Tilling, nachdem er die Anwesenden begrt und sich auf meine Einladung mir gegenber niedergesetzt hatte, in kaltem Tone sagte:
Ich bin gekommen, Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen, Grfin. Ich verlasse in den nchsten Tagen Wien.
Auf lange? Und wohin? Und warum? Und wieso? fragten gleichzeitig und lebhaft die anderen, whrend ich stumm blieb.
Vielleicht auf immer.  Nach Ungarn.  Zu einem anderen Regiment versetzen lassen.  Aus Vorliebe fr die Magyaren, gab Tilling nach den verschiedenen Seiten Bescheid.
Indessen hatte ich mich gefasst. Das war ein rascher Entschluss, sagte ich mglichst ruhig. Was hat Ihnen denn unser Wien zu leid getan, dass Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen?
Es ist mir zu lebhaft und zu lustig. Ich bin in einer Stimmung, welche die Sehnsucht nach einsamer Puta mit sich bringt.
Ach was, meinte Konrad, je trber die Stimmung, desto mehr soll man Zerstreuung suchen. Ein Abend im Karltheater wirkt jedenfalls erfrischender als tagelange beschauliche Einsamkeit.
Das Beste, um Sie aufzurtteln, lieber Tilling, sagte mein Vater, wre wohl ein frischer, frhlicher Krieg  aber leider ist jetzt gar keine Aussicht dazu vorhanden; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen.
Was das doch fr sonderbare Wortzusammensetzungen sind, konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken: Krieg und  frhlich; Friede und  drohen.
Allerdings, besttigte der Minister, der politische Horizont zeigt vor der Hand noch keinen schwarzen Punkt; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz unerwartet rasch auf  und die Chance ist niemals ausgeschlossen, dass eine  wenn auch geringfgige  Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt. Das sage ich Ihnen zum Trost, Herr Oberstleutnant. Was mich anbelangt, der ich kraft meines Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe, so mssen meine Wnsche allerdings nur nach mglichst langer Erhaltung des Friedens gerichtet sein; denn dieser allein ist geeignet, die in meinem Ressort liegenden Interessen zu frdern; doch hindert dies mich nicht, die berechtigten Wnsche derer anzuerkennen, welche vom militrischen Standpunkt allerdings 
Gestatten Sie mir, Exzellenz, unterbrach Tilling, fr meine Person gegen die Zumutung mich zu verwahren, dass ich einen Krieg herbeiwnsche. Und auch gegen die Unterstellung zu protestieren, als drfe der militrische Standpunkt ein anderer sein als der menschliche. Wir sind da, um, wenn der Feind das Land bedroht, dasselbe zu schtzen, gerade so wie die Feuerwehr da ist, um, wenn ein Brand ausbricht, denselben zu lschen. Damit ist weder der Soldat berechtigt, einen Krieg, noch der Feuerwehrmann, einen Brand herbeizuwnschen. Beides bedeutet Unglck, schweres Unglck, und als Mensch darf keiner am Unglck seiner Mitmenschen sich erfreuen.
Du guter, teurer Mann! redete ich im stillen den Sprecher an. Dieser fuhr fort:
Ich wei wohl, dass die Gelegenheit zu persnlicher Auszeichnung dem einen nur bei Feuersbrnsten, dem anderen nur bei Feldzgen geboten wird; aber wie kleinherzig und enggeistig muss ein Mensch nicht sein, damit sein selbstisches Interesse ihm so riesig erscheine, dass es ihm den Ausblick auf das allgemeine Weh verrammelt. Oder wie hart und grausam, wenn er es dennoch sieht und als solches mitempfindet. Der Friede ist die hchste Wohltat  oder vielmehr die Abwesenheit der hchsten beltat,  er ist, wie Sie selber sagten, der einzige Zustand, in welchem die Interessen der Bevlkerung gefrdert werden knnen, und Sie wollten einem ganzen groen Bruchteil dieser Bevlkerung  dieser Armee  das Recht zuerkennen, den gedeihlichen Zustand wegzuwnschen und den verderblichen zu ersehnen? Diesen berechtigten Wunsch groziehen, bis er zur Forderung anwchst, und dann vielleicht sogar erfllen? Krieg fhren, damit die Armee doch beschftigt und befriedigt werde  Huser anznden, damit die Lschmannschaft sich bewhren und Lob ernten knne?
Ihr Vergleich hinkt, lieber Oberstleutnant, entgegnete mein Vater, indem er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militrischen Titel ansprach, vielleicht um ihn zu ermahnen, dass seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht bereinstimmten.  Feuersbrnste bringen nur Schaden, whrend Kriege dem Lande Macht und Gre zufhren knnen. Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet und ausgebreitet, als durch siegreiche Feldzge? Der persnliche Ehrgeiz ist wohl nicht das einzige, was dem Soldaten Freude am Kriege macht, vor allem ist es der nationale, der vaterlndische Stolz, der da seine kstliche Nahrung findet;  mit einem Wort, der Patriotismus 
Nmlich die Liebe zur Heimat! fiel Tilling ein. Ich begreife nicht, warum gerade wir Militrs machen, als htten wir dieses, den meisten Menschen natrliche Gefhl allein in Pacht. Jeder liebt die Scholle, auf der er aufgewachsen; jeder wnscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute; aber Glck und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen, als durch den Krieg; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein, als auf Waffentaten; ich bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grn stolzer, als auf diesen oder jenen Generalissimus.
Wie kann man einen Dichter mit einem Feldherrn nur vergleichen! rief mein Vater.
Das frage ich auch. Der unblutige Lorbeer ist weitaus der schnere.
Aber lieber Baron, sagte nun meine Tante, so habe ich noch keinen Soldaten sprechen hren. Wo bleibt da die Kampfbegeisterung, wo das kriegerische Feuer?
Das sind mir keine unbekannten Gefhle, meine Gndige. Von solchen beseelt, bin ich als neunzehnjhriger Junge zum erstenmal zu Felde gezogen. Als ich aber die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen, nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten Bestialitt gewesen, da war es mit meinem Enthusiasmus vorbei, und in die nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust, sondern mit Ergebung.
Hren Sie, Tilling, ich habe mehr Kampagnen mitgemacht als Sie und auch Schauderszenen genug gesehen, aber mich hat der Eifer nicht verlassen. Als ich im Jahre 49 schon als ltlicher Mann mit Radetzky marschierte, wars mit demselben Jubel wie das erste Mal.
Entschuldigen Sie, Exzellenz  aber Sie gehren einer lteren Generation an, einer Generation, in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger war, als in der unseren, und in welcher das Weltmitleid, das nach Abschaffung alles Elends begehrt und jetzt in immer grere Kreise dringt, noch sehr unbekannt war.
Was hilfts? Elend muss es immer geben  das lsst sich nicht abschaffen, ebensowenig wie der Krieg. ...
Sehen Sie, Graf Althaus, mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen, jetzt schon sehr erschtterten Standpunkt, auf welchem sich die Vergangenheit allen sozialen beln gegenber verhielt, nmlich den Standpunkt der Resignation, mit der man das Unvermeidliche, das Naturnotwendige bedachtet. Wenn aber einmal beim Anblick eines groen Elends die zweifelnde Frage musste es sein? ins Herz gedrungen ist, so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben, und es steigt neben dem Mitleid zugleich eine Art Reue auf  keine persnliche Reue, sondern  wie soll ich sagen?  _ein Vorwurf des Zeitgewissens_.
Mein Vater zuckte die Achseln. Das ist mir zu hoch, sagte er. Ich kann Sie nur versichern, dass nicht nur wir Grovter mit Stolz und Freude an die durchgemachten Feldzge zurckdenken, sondern dass auch die meisten von den Jungen und Jngsten, wenn befragt, ob sie gern in den Krieg zgen, lebhaft antworten wrden: Ja gern  sehr gern.
Die Jngsten  gewiss. Die haben noch den in der Schule eingepflanzten Enthusiasmus im Herzen. Und von den anderen antworten viele dieses Gern!, weil es nach allgemeinen Begriffen als mnnlich und tapfer erscheint, das aufrichtige Nicht gern aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden knnte.
Ach, sagte Lilli mit einem kleinen Schauder, ich wrde mich auch frchten ... Das muss ja entsetzlich sein, wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen, wenn jeden Augenblick der Tod droht 
So etwas klingt aus Ihrem Mdchenmunde ganz natrlich, entgegnete Tilling, aber wir mssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten mssen auch das Mitleid, den Mitschmerz fr den auf Freund und Feind hereinbrechenden Riesenjammer verleugnen, denn nchst der Furcht wird uns jede Sentimentalitt, jede Rhrseligkeit am meisten verbelt.
Nur im Krieg, lieber Tilling, sagte mein, Vater, nur im Krieg, im Privatleben haben wir, Gott sei Dank, auch weiche Herzen.
Ja, ich wei: das ist so eine Art Verzauberung. Nach der Kriegserklrung heit es pltzlich von allen Schrecknissen: Es gilt nicht. Kinder lassen manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten. Wenn ich dies oder jenes tue, so gilt es nicht, hrt man sie sagen. Und im Kriegsspiel herrschen auch solche unausgesprochene bereinkommen: Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag, Raub ist nicht Raub  sondern Requisition, brennende Drfer stellen keine Brandunglcke, sondern genommene Positionen vor. Von allen Satzungen des Gesetzbuchs, des Katechismus, der Sittlichkeit heit es da  solange die Partie dauert  Es gilt nicht. Wenn aber manchmal der Spieleifer nachlsst, wenn das verabredete Gilt nicht fr einen Moment aus dem Bewusstsein schwindet und man die umgebenden Szenen in ihrer Wirklichkeit erfasst und dies abgrundtiefe Unglck, das Massenverbrechen als geltend begreift, da wollte man nur noch eins, um sich aus dem unertrglichen Weh dieser Einsicht zu retten:  tot sein.
Eigentlich, es ist wahr, bemerkte Tante Marie nachdenklich, Stze wie: Du sollst nicht tten  sollst nicht stehlen  liebe deinen Nchsten wie dich selbst  verzeihe deinen Feinden 
Gilt nicht, wiederholte Tilling. Und diejenigen, deren Beruf es wre diese Stze zu lehren, sind die ersten, welche unsere Waffen segnen und des Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen.
Und mit Recht, sagte mein Vater. Schon der Gott der Bibel war der Gott der Schlachten, der Herr der Heerscharen ... Er ist es, der uns befiehlt, das Schwert zu fhren, er ist es 
Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren, unterbrach Tilling, was sie getan sehen wollen  und dem sie zumuten, ewige Gesetze der Liebe erlassen zu haben, welche er,  wenn die Kinder das groe Hassspiel auffhren , durch gttliches Gilt nicht aufhebt. Genau so roh, genau so inkonsequent, genau so _kindisch_ wie der Mensch, ist der jeweilig von ihm dargestellte Gott. Und jetzt, Grfin, fgte er hinzu, indem er aufstand, verzeihen Sie mir, dass ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen habe, und lassen Sie mich Abschied nehmen.
Strmische Empfindungen durchbebten mich. Alles, was er eben gesprochen, hatte mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm scheiden  vielleicht auf Nimmerwiedersehen? So vor anderen Leuten ein kaltes Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen? ... Es war nicht mglich: ich htte, wenn die Tre sich hinter ihm geschlossen, in Schluchzen ausbrechen mssen. Das durfte nicht sein. Ich stand auf: Einen Augenblick, Baron Tilling, sagte ich ... ich muss Ihnen doch noch jene Photographie zeigen, von der wir neulich gesprochen.
Er schaute mich erstaunt an, denn es war zwischen uns niemals von einer Photographie die Rede gewesen. Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des Salons, wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und  wo man sich auer Gehrweite der anderen befand.
Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darber. Indessen sprach ich halblaut und zitternd zu ihm: So lasse ich Sie nicht fort ... Ich will, ich muss mit Ihnen reden.
Wie Sie wnschen, Grfin  ich hre.
Nein, nicht jetzt. Sie mssen wiederkommen ... morgen, um diese Stunde!
Er schien zu zgern.
Ich befehle es ... bei dem Andenken Ihrer Mutter, um welche ich mit Ihnen geweint 
O Martha!
Der so ausgesprochene Name durchzuckte mich wie ein Glcksstrahl.
Also morgen, wiederholte ich, ihm in die Augen schauend.
Um dieselbe Stunde.
Wir waren einig. Ich kehrte zu den anderen zurck und Tilling, nachdem er noch meine Hand an seine Lippen gefhrt und die brigen mit einer Verbeugung begrt hatte, ging zur Tre hinaus.
Ein sonderbarer Mensch, bemerkte mein Vater kopfschttelnd. Was er da alles gesagt hat, wrde hheren Ortes kaum Beifall finden.
~
Als am folgenden Tage die bestimmte Stunde schlug, gab ich, wie anlsslich seines ersten Besuches, Befehl, niemand anderen als Tilling vorzulassen. Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefhlen leidenschaftlichen Bangens, ser Ungeduld und  einiger Verlegenheit entgegen. Was ich eigentlich ihm sagen wollte, das wusste ich nicht genau  darber wollte ich gar nicht nachdenken ... Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte: Nun denn, Grfin, was haben Sie mir mitzuteilen  was wnschen Sie von mir? so konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten, nmlich: Ich habe Ihnen mitzuteilen, dass ich Sie liebe; ich wnsche, dass  Du bleibst.  Aber in so trockener Form wrde er mich wohl nicht verhren und wir wrden uns schon verstehen, ohne solche kategorische Fragen und Antworten. Die Hauptsache war: ihn noch einmal sehen  und wenn schon geschieden sein musste, so doch nicht ohne vorher ein herzliches Wort gesprochen, ein inniges Lebewohl getauscht zu haben. Bei dem blo _gedachten_ Worte Lebewohl fllten sich meine Augen mit Trnen. 
In diesem Augenblick trat der Erwartete ein. Ich gehorche Ihrem Befehle, Grfin und  was ist Ihnen? unterbrach er sich. Sie haben geweint? Sie weinen noch?
Ich? ... nein ... es war der Rauch  im Nebenzimmer, der Kamin ... Setzen Sie sich, Tilling ... Ich bin froh, dass Sie gekommen sind 
Und ich glcklich, dass Sie mir befohlen haben zu kommen  erinnern Sie sich? im Namen meiner Mutter befohlen ... Auf das hin habe ich mir vorgenommen, Ihnen alles zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich 
Nun  warum halten. Sie inne?
Das Sprechen wird mir schwerer noch, als ich glaubte.
Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen  in jener schmerzlichen Nacht, wo Sie an einem Sterbebette wachten.  Wie kommt es, dass Sie jetzt so alles Vertrauen wieder verloren haben?
In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten  seither hat mich wieder meine gewohnte Schchternheit erfasst. Ich sehe ein, dass ich damals mein Recht berschritten  und um es nicht wieder zu berschreiten, hatte ich Ihre Nhe geflohen.
In der Tat ja: Sie scheinen mich zu meiden. Warum?
Warum? Weil  weil ich Sie anbete.
Ich antwortete nichts, und um meine Bewegung zu verbergen, wandte ich den Kopf ab. Auch Tilling war verstummt. Endlich fasste ich mich wieder und brach das Schweigen: Und warum wollen Sie Wien verlassen? fragte ich.
Aus demselben Grunde.
Knnen Sie Ihren Entschluss nicht mehr rckgngig machen?
Ich knnte wohl  noch ist die Versetzung nicht entschieden.
Dann bleiben Sie. Er fasste meine Hand  Martha! Es war zum zweitenmal, dass er mich bei meinem Namen nannte Diese beiden Silben hatten einen berauschenden Klang fr mich ... Darauf musste ich etwas erwidern, was ihm ebenso s klnge  auch zwei Silben, in welchen alles lag, was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend sagt ich leise: Friedrich!
In diesem Augenblicke ffnete sich die Tr und mein Vater kam herein.
Ah, da bist du ja! Der Bediente sagte, du wrest nicht zu Hause ... ich aber antwortete, dass ich auf dich warten wollte ... Guten Tag, Tilling! Nach Ihrem gestrigen Abschied bin ich sehr berrascht, Sie hier zu finden 
Meine Abreise ist wieder aufgehoben, Exzellenz, und da kam ich 
Meiner Tochter eine Antrittsvisite machen? Schn. Und jetzt wisse, was mich zu dir fhrt, Martha. Es ist eine Familienangelegenheit ....
Tilling stand auf:
Dann stre ich vielleicht?
Meine Mitteilung hat ja keine solche Eile. 
Ich wnschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden. Ungelegener htte mir keine Unterbrechung kommen knnen. Tilling blieb jetzt nichts anderes brig, als zu gehen. Aber nach dem, was eben zwischen uns vorgefallen, bedeutete Entfernung keine Trennung: Unsere Gedanken, unsere Herzen blieben beieinander.
Wann seh ich Sie wieder? fragte er leise, als er mir zum Abschied die Hand ksste.
Morgen um neun Uhr frh im Prater, zu Pferd, antwortete ich rasch im selben Tone.
Mein Vater grte den Fortgehenden ziemlich kalt, und nachdem sich die Tr hinter ihm geschlossen:
Was soll das bedeuten? fragte er mit strenger Miene. Du lassest dich verleugnen  und ich finde dich in _tte--tte_ mit diesem Herrn?
Ich wurde rot  halb in Zorn, halb in Verlegenheit.
Was ist die Familienangelegenheit, welche du 
Das ist sie. Ich wollte deinen Courmacher nur entfernen, um dir meine Meinung sagen zu knnen ... Und ich betrachte es als eine fr unsere Familie sehr wichtige Angelegenheit, dass du, Grfin Dotzky, geborene Althaus, deinen Ruf nicht etwa verscherzest.
Lieber Vater, der sicherste Wchter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben, und was die vterliche Autoritt des Grafen Althaus anbelangt, so lasse mich in aller Ehrerbietung dich erinnern, dass ich in meiner Eigenschaft als selbstndige Witwe derselben entwachsen bin. Ich beabsichtige nicht, mir einen Liebhaber zu nehmen, denn das ists, was du zu vermuten scheinst; aber wenn ich mich entschlieen wollte, wieder zu heiraten, so behalte ich mir vor, ganz frei nach meinem Herzen zu whlen.
Den Tilling heiraten? wo denkst du hin? Das gbe erst eine rechte Familienkalamitt. Da wre mir beinahe noch lieber ... nein, das will ich nicht gesagt haben ... aber ernstlich, du fhrst doch keine solche Idee im Schilde?
Was wre dagegen einzuwenden? Du hast mir erst neulich einen Oberleutnant, einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht  Tilling ist nun gar schon Oberstleutnant 
Das ist das schlimmste an ihm. Wre er Zivilist, so knnte man ihm die Ansichten noch verzeihen, die er gestern vorgebracht hat, aber bei einem Militr grenzen dieselben hart an Verrat ... Er mchte wohl gern seinen Abschied nehmen, um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, einen Feldzug mitzumachen, dessen Strapazen und Leiden er offenbar frchtet. Und da er kein Vermgen besitzt, so ist es eine ganz kluge Idee von ihm, eine reiche Heirat machen zu wollen. Ich hoffe aber zu Gott, dass sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird, welche die Tochter eines alten Soldaten ist, der in vier Kriegen gefochten hat, und bereit wre, heute noch mit Begeisterung auszurcken  und die Witwe eines tapferen jungen Kriegers, welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod gefunden.
Mein Vater, welcher whrend des Sprechens mit groen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, war hochgertet und seine Stimme zitterte vor Erregung. Auch ich war im Innersten erregt. Das Phrasenwerk, das hohle Wortgeklingel, in welche die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren, widerte mich an. Aber ich fand keine Entgegnung. Dass meine Verteidigung das bodenlose Unrecht, welches Tilling hier geschah, nicht aufheben konnte, das fhlte ich. Wenn mein Vater die gestern geuerten Ansichten so falsch beurteilte, so lag das eben an einem gnzlichen Unverstndnis. Gegen die Gesichtspunkte, welche Tilling vertreten hatte, war mein Vater einfach blind. Ich konnte ihn nicht sehend machen. Ich konnte ihn nicht lehren, einen anderen ethischen Mastab  als den soldatischen, der ja in General Althaus Augen der hchste Mastab war  an die Gesinnungen zu legen, welche jener als Mensch und Denker hegte. Aber whrend ich dem eben gehrten Ausfall gegenber so stumm dastand, dass mein Vater wohl glauben mochte, er habe mich beschmt und meine Absichten im Keime erstickt, fhlte ich mich doppelt sehnschtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschluss bestrkt, die Seine zu werden. Ich war ja zum Glck frei. Des Vaters Missbilligung konnte mich allerdings betrben, allein mich von dem Zuge meines Herzens zurckhalten, das konnte sie nicht. Und auch zu groer Betrbnis war kein Raum in meiner Seele. Das wunderbare, das mchtige Glck, welches in der letzten Viertelstunde sich mir erffnet hatte, war zu lebhaft, um daneben den Verdruss aufkommen zu lassen.
~
Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefhle, das dem glich, womit ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem Vermhlungsmorgen erwachte: dieselbe unaussprechliche Erwartung, dasselbe erregte Bewusstsein, dass heute Frohes, Groes bevorstnde. Einige Missstimmung brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte, welche Tags vorher mein Vater gesprochen  aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht.
Es war noch nicht neun Uhr, als ich am Eingang der Praterallee den Wagen verlie und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg. Das Wetter war frhlingsduftend und mild  zwar sonnenlos, darum aber nur desto milder, und Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen. Es hatte in der Nacht geregnet; die Bltter prangten in frischem Grn und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch herauf.
Ich war kaum hundert Schritte die Allee hinabgeritten, als ich hinter mir den Hufschlag eines in scharfem Trabe heransprengenden Pferdes vernahm.
Ah, gr Gott, Martha  das freut mich, dich hier zu treffen.
Es war Konrad, der Unvermeidliche. Mich freute diese Begegnung gar nicht. Nun freilich, der Prater war nicht mein Privatpark und an so schnen Frhlingsmorgen ist die Reitallee stets gefllt: wie konnte ich nur so ungeschickt sein, hier auf ein ungestrtes Stelldichein zu rechnen? Althaus hatte sein Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen  und schickte sich offenbar an, der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein. Jetzt erblickte ich von weitem Friedrich von Tilling, der in unserer Richtung die Allee herabgaloppierte.
Vetter  nicht wahr, ich bin dir eine gute Verbndete? Du weit, dass ich mir Mhe gebe, Lilli fr dich zu stimmen?
Ja, edelste der Cousinen.
Erst gestern abends habe ich ihr wieder deine guten Eigenschaften gepriesen ... denn du bist wirklich ein prchtiger Junge: gefllig, rcksichtsvoll 
Was willst du nur von mir?
Dass du deinem Tiere einen Gertenhieb gibst und weiter trabst ...
Schon war Tilling ganz nahe. Zuerst schaute Konrad ihn, dann mich an, und ohne ein Wort zu sagen, nickte er mir lchelnd zu und strmte davon, als wre er auf der Flucht.
Wieder dieser Althaus! waren Tillings erste Worte, nachdem er Kehrt gemacht, um an meiner Seite weiterzureiten. In seinem Ton und seinen Mienen drckte sich deutlich Eifersucht aus. Das freute mich. Ist er bei meinem Anblicke so ausgerissen, oder geht sein Pferd durch?
Ich habe ihn weggeschickt, weil 
Grfin Martha  dass ich Sie grade mit Althaus treffen musste. Wissen Sie, dass die Welt behauptet, er sei in seine Cousine verliebt?
Das ist wahr.
Und werbe um ihre Gunst.
Das ist auch wahr.
Und nicht hoffnungslos?
Nicht ganz hoffnungslos 
Tilling schwieg. Ich schaute ihm glcklich lchelnd ins Gesicht.
Ihr Blick widerspricht Ihren letzten Worten, sagte er nach einer Pause; Denn Ihr Blick scheint mir zu sagen: Althaus liebt mich hoffnungslos.
Er liebt mich berhaupt nicht. Der Gegenstand seiner Werbung ist meine Schwester Lilli.
Sie wlzen mir einen Stein vom Herzen. Dieser Mensch war mit ein Grund, warum ich Wien verlassen wollte. Ich htte es nicht ertragen knnen, sehen zu mssen 
Und was hatten Sie noch fr andere Grnde? unterbrach ich.
Die Angst, dass meine Leidenschaft zunehme, dass ich sie nicht lnger wrde verhehlen knnen  dass ich mich lcherlich machte und glcklich zugleich 
Sind Sie unglcklich heute?
O Martha! ... Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefhle, dass ich fast bewusstlos bin. Aber nicht ohne Angst  wie wenn man gar zu s trumt  dass ich pltzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt werde. Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos ... Was kann ich Ihnen bieten? Heute lchelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel ... Morgen  oder etwas spter  werden Sie mir die unverdiente Huld wieder entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung strzen ... Ich kenne mich selbst nicht mehr: wie hyperbolisch ich da rede  der ich sonst ein ruhiger, besonnener Mensch, ein Feind aller bertreibungen bin ... Aber Ihnen gegenber kommt mir nichts mehr bertrieben vor: in Ihrer Macht liegt es, mich selig und elend zu machen ...
Sprechen wir auch von _meinen_ Zweifeln: die Prinzessin 
O, ist dieser Klatsch Ihnen auch zu Ohren gekommen? Nichts  nichts ist daran.
Natrlich, Sie leugnen. Das ist Ihre Pflicht 
Die betreffende Dame, deren Herz jetzt bekanntermaen in der Burg gefesselt ist  auf wie lang? denn dieses Herz verschenkt sich hufig  die Dame wrde auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten  also knnen Sie mir doppelt glauben. Und brigens: htte ich Wien verlassen wollen, wenn jenes Gercht begrndet wre?
Eifersucht kennt keine Vernunftschlsse: htte ich Sie hierher bestellt, wenn ich gekommen wre, um meinen Vetter Althaus zu treffen?
Es wird mir schwer, Martha, so ruhig neben Ihnen herzureiten ... Ich wollte Ihnen zu Fen fallen  wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen fhren 
Lieber Friedrich, sagte ich zrtlich, solche Ergsse sind nicht ntig  auch mit Worten kann man huldigen, wie mit einem Kniefall und liebkosen, wie 
Mit einem Kuss, ergnzte er.
Nach diesem letzten Worte, das uns beide elektrisch durchzuckte, schauten wir uns eine Zeitlang in die Augen und erfuhren, dass man auch mit Blicken kssen kann ...
Er sprach zuerst:
Seit wann?
Ich verstand die unvollendete Frage ganz gut.
Seit jenem Diner bei meinem Vater, antwortete ich. Und Sie?
Sie? Dieses Sie ist eine Dissonanz, Martha. Soll ich diese Frage beantworten, so werde sie anders formuliert.
Und   du?
Ich? Wohl auch seit demselben Abend. Aber so recht klar wurde es mir erst am Sterbebett meiner armen Mutter ... Wie sehnschtig meine Gedanken zu dir flchteten!
Das habe ich auch so verstanden. Du hingegen hast die Sprache der roten Rose nicht verstanden, die zwischen den weien Totenblumen eingeflochten war, sonst httest du bei deiner Ankunft mich nicht so gemieden. Ich begreife noch jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht  und warum du abreisen wolltest.
Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg, dass ich dich erringen knnte. Erst als du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst, zu dir zu kommen und zu bleiben befahlst  da habe ich verstanden, dass du mir gewogen bist  dass ich dir mein Leben weihen drfe.
Also, wenn ich mich nicht selber dir an den Hals geworfen  du httest dich nicht um mich bemht?
Du hast eine groe Anzahl Bewerber  unter diesen Haufen wrde ich mich nicht gemischt haben.
Ach, die zhlen ja nicht. Die meisten haben es doch nur darauf abgesehen, die reiche Witwe 
Siehst du  mit diesen Worten ist die Schranke bezeichnet, die mich von der Bewerbung abhielt: eine reiche Witwe  und ich  ganz ohne Vermgen. Lieber an unglcklicher Liebe zu Grunde gehen, als von der Welt und namentlich von der Frau, die ich anbete, dessen verdchtigt zu werden, wessen du deinen Bewerbertross soeben beschuldigt hast.
O du Stolzer, Edler, Teurer! Ich wre brigens nicht imstande, dir einen niedrigen Gedanken zuzumuten ...
Woher _dieses_ Vertrauen? Eigentlich kennst du mich ja so wenig.
Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus. Auf diese Frage seit wann wir uns liebten, folgten nun die Errterungen warum? Was _mich_ zuerst angezogen, war die Art gewesen, wie er vom Kriege gesprochen hatte. Was ich im stillen gedacht und gefhlt  glaubend, es knne kein Soldat ein Gleiches denken und am allerwenigsten uern  das hatte er mit grerer Klarheit gedacht, als ich, strker gefhlt  und ganz freimtig ausgesprochen. So sah ich, wie sein Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit berragten. Das wars, was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe bildete  daneben gab es fr das aufgestellte warum noch unzhlige weil. Weil er eine so hbsche, vornehme Erscheinung besa;  weil in seiner Stimme ein so sanfter und fester Ton vibrierte;  weil er ein so liebender Sohn gewesen;  weil 
Und du? Warum liebst du mich? unterbrach ich meinen Rechenschaftsbericht.
Aus tausend Grnden und aus einem.
Lass hren. Zuerst die tausend.
Das groe Herz  der kleine Fu  die schnen Augen  der glnzende Geist  das sanfte Lcheln  der scharfe Witz  die weie Hand  die frauenhafte Wrde  der wunderbare 
Halt ein! Das sollte so bis tausend fortgehen? Da sag mir lieber den einen Grund.
Das ist auch einfacher, denn der eine in seiner Kraft und Unwiderstehlichkeit umfasst die anderen alle. Ich lieb dich, Martha, weil,  ich dich liebe. Darum.
~
Vom Prater aus fuhr ich geradewegs zu meinem Vater. Die Mitteilung, die ich ihm zu machen hatte, wrde zu unangenehmen Errterungen Anlass geben, das sah ich voraus. Doch ich wollte diese unausbleibliche Unannehmlichkeit sobald als mglich berstanden haben, und ihr lieber noch unter dem ersten Eindruck meines eben erworbenen Glckes die Stirne bieten.
Mein Vater, der ein Sptaufsteher war, sa noch bei seinem Frhstck ber den Morgenblttern, als ich in sein Arbeitszimmer eindrang. Tante Marie war gleichfalls anwesend und gleichfalls mit Zeitunglesen beschftigt.
Bei meinem etwas ungestmen Eintritt blickte mein Vater berrascht von seiner Presse auf, und Tante Marie legte ihr Fremdenblatt aus der Hand.
Martha? So frh? Und im Reitkleid  was bedeutet das?
Ich umarmte die beiden und sagte dann, mich in einen Lehnsessel werfend:
Das bedeutet, dass ich von einem Ritt im Prater komme, wo etwas vorgefallen ist, das ich euch ohne Aufschub mitteilen wollte. Ich nahm mir daher nicht einmal die Zeit, nach Hause zu fahren und Toilette zu wechseln 
Also gar so wichtig und eilig? fragte mein Vater, indem er sich eine Zigarre ansteckte. Erzhle, wir sind gespannt.
Sollte ich weiter ausholen? Sollte ich Einleitungen und Vorbereitungen machen? Nein: lieber kopfber mich hineinstrzen, wie man vom Sprungbrett sich ins Wasser schwingt :
Ich habe mich verlobt 
Tante Marie schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen und mein Vater runzelte die Stirn:
Ich will doch nicht hoffen  begann er.
Aber ich lie ihn nicht ausreden: Verlobt mit einem Manne, den ich von Herzen liebe und hochachte, von dem ich glaube, dass er mich vollstndig glcklich machen kann  mit Baron Friedrich von Tilling.
Mein Vater sprang auf:
Da haben wirs! Nach allem, was ich dir gestern gesagt 
Tante Marie schttelte den Kopf:
Ich htte lieber einen anderen Namen gehrt, sagte sie. Erstens ist Baron Tilling keine Partie, er soll gar nichts haben; zweitens scheinen mir seine Grundstze und Ansichten ...
Seine Grundstze und Ansichten stimmen mit den meinen berein, und eine sogenannte Partie zu suchen  darauf bin ich nicht angewiesen ... Vater  mein Herzensvater, schau nicht so bitter drein  verdirb mir das hohe Glck nicht, welches ich zu dieser Stunde empfinde  mein guter, geliebter alter Papa!
Aber Kind, antwortete er in etwas besnftigtem Tone, denn ein wenig Zrtlichkeit pflegte ihn gleich zu entwaffnen: es ist ja eben dein Glck, was ich im Auge habe. Ich knnte mit keinem Soldaten glcklich werden, der nicht mit Leib und Seele Soldat ist.
Du brauchst ja Tilling nicht zu heiraten, bemerkte Tante Marie ganz zutreffend. Das Soldatentum ist das geringste, fgte sie hinzu; aber ich knnte mit einem Manne nicht glcklich werden, der von dem Gott der Bibel in so wenig ehrerbietigem Tone redet, wie neulich 
Erlaube mir, dich aufmerksam zu machen, liebste Tante, dass auch du Friedrich Tilling nicht zu heiraten brauchst.
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, sagte mein Vater mit einem Seufzer, indem er sich wieder niedersetzte. Natrlich wird Tilling quittieren?
Darber haben wir noch nicht gesprochen. Lieber wre es mir freilich  aber ich frchte, er wird es nicht tun.
Wenn ich denke, dass du einem Frsten einen Korb gegeben hast, seufzte Tante Marie, und jetzt statt dich erheben, wirst du auf der gesellschaftlichen Leiter hinabsteigen!
Wie unfreundlich ihr beide seid  und ihr behauptet doch, mich lieb zu haben. Da komme ich zu euch  das erstemal seit des armen Arno Tode  mit der Nachricht, dass ich mich vollkommen glcklich fhle, und anstatt euch dessen zu freuen, sucht ihr allerlei Vergllungsgrnde hervor  und was fr welche: Militarismus, Jehovah, soziale Leiter!
Nach einem halben Stndchen war es mir doch gelungen, die alten Leute einigermaen umzustimmen. Ich hatte mir  nach der Tags zuvor gehaltenen Rede zu schlieen  den Widerstand meines Vaters viel heftiger gedacht. Vermutlich wrde er auch, falls meinerseits bloe Absicht und Neigung vorgelegen htte, energisch versucht haben, Absicht und Neigung zu ersticken; aber dem _fait accompli_ gegenber sah er wohl ein, dass Widerstand nichts mehr ntzen konnte. Oder war es doch der Einfluss des berstrmenden Glcksgefhls, welches in meinen Augen leuchten und in meiner Stimme leben mochte, das seinen Verdruss verscheuchte, und woran er unwillkrlich freudigen Anteil nehmen musste?  kurz, als ich zum Gehen aufstand und ihm adieu sagte, drckte er einen herzhaften Kuss auf meine Wange und versprach, noch am selben Abend zu mir zu kommen, um daselbst seinen knftigen Schwiegersohn als solchen zu begren.
Wie noch weiter jener Tag und der darauffolgende Abend verlief  schade, dass die roten Hefte es nicht verzeichnet haben. Die Einzelheiten sind nach so langer Zeit meinem Gedchtnis entschwunden  ich wei nur noch, dass es herrliche Stunden waren.
Zum Tee hatte ich den ganzen Familienkreis um mich versammelt und ich stellte den Meinen Friedrich von Tilling als meinen Verlobten vor.
Rosa und Lilli waren entzckt; Konrad Althaus rief: Bravo, Martha!  und du, Lilli, nimm dir ein Beispiel daran! Mein Vater hatte seine frhere Antipathie entweder berwunden, oder es gelang ihm, dieselbe mir zuliebe zu verbergen; und Tante Marie war weich und gerhrt:
Die Ehen werden im Himmel geschlossen, sagte sie, und jedem geschieht nach seiner Bestimmung. Mit Gottes Segen werdet ihr glcklich werden und den will ich unermdlich auf euch herabflehen.
Auch mein Sohn Rudolf wurde dem knftigen neuen Papa vorgestellt, und es war mir ein eigenes Wohl- und Weihegefhl, als der geliebte Mann mein geliebtes Kind in seine Arme hob, es innig ksste und sagte: Aus dir, kleiner Bursch, werden wir einen ganzen Mann machen.
Im Laufe des Abends brachte mein Vater seine Idee in betreff des Quittierens zur Sprache:
Sie werden jetzt vermutlich Ihre Karriere aufgeben, Tilling? Da Sie ohnehin kein Freund des Krieges sind 
Friedrich warf mit berraschter Miene den Kopf zurck: Meine Karriere aufgeben? Ich habe ja keine andere ... Und man braucht doch kein Freund vom Kriege zu sein, um den Militrdienst zu leisten, ebensowenig wie man 
Ja, ja, unterbrach mein Vater, das sagten Sie schon neulich: ebensowenig wie ein Feuerwehrmann ein Liebhaber von Feuersbrnsten zu sein braucht 
Ich knnte noch mehr Beispiele anfhren: ebensowenig wie ein Arzt den Krebs und den Typhus lieben, oder ein Richter ein besonderer Verehrer von Einbruchsdiebsthlen sein muss. Aber meine Laufbahn aufgeben? Was htte ich fr eine Veranlassung dazu?
Veranlassung wre, sagte Tante Marie, Ihrer Frau das Garnisonleben zu ersparen  und die Angst zu ersparen, falls ein Krieg ausbricht ... Obgleich diese Angst ein Unsinn ist; denn wenn es einem bestimmt ist, alt zu werden, so lebt er lange, trotz aller Gefahren.
Die genannten Grnde wren freilich gewichtig. Meiner knftigen Gefhrtin die Unannehmlichkeit des Lebens so viel als mglich fernzuhalten, wird ja mein eifrigstes Bestreben sein; aber die Unannehmlichkeit, einen Mann zu haben, der berufs- und beschftigungslos wre, msste doch noch grer sein, als diejenige des Garnisonlebens. Und die Gefahr, dass mein Rcktritt von irgend jemand als Faulheit oder Feigheit ausgelegt werden knnte, wre doch noch schlimmer, als die Gefahren eines Feldzuges. Mir ist der Gedanke wirklich keinen Augenblick gekommen ... Hoffentlich auch Ihnen nicht, Martha? (Vor Leuten hatten wir das Du wieder eingestellt.)
Und wenn ich es als Bedingung stellte?
Das werden Sie nicht. Denn sonst msste ich auf das hchste Glck verzichten. Sie sind reich  ich besitze nichts als meine militrische Charge, als die Aussicht auf knftige hhere Rangstufen  und diesen Besitz gebe ich nicht her. Es wre gegen alle Wrde, gegen meine Begriffe von Ehre 
Brav, mein Sohn ... jetzt bin ich ausgeshnt. Es wre Snd und Schand um Ihre Laufbahn. Sie haben gar nicht mehr weit zum Obersten und bringen es sicher zum General  knnen schlielich Festungskommandant, Gouverneur oder Kriegsminister werden. Das gibt auch der Frau eine angenehme Stellung.
Ich schwieg still. Um die Aussicht, Frau Kommandantin zu werden, war es mir gar nicht zu tun. Am liebsten wre es mir gewesen, mit dem Manne meiner Wahl das Leben in lndlicher Zurckgezogenheit zu verbringen; dennoch waren mir seine eben geuerten Entschlsse lieb. Denn sie bewahrten ihn von dem Makel des Verdachtes, welchen mein Vater gegen ihn gehegt, und der ihn sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen htte.
Ja, ganz ausgeshnt  fuhr mein Vater fort. Denn aufrichtig, ich glaubte, es sei Ihnen hauptschlich darum zu tun ... nun, nun  Sie brauchen nicht so wtend zu schauen  ich meine: _nebenbei_ darum zu tun, sich ins Privatleben zurckzuziehen, und da htten Sie sehr unrecht getan. Auch meiner Martha gegenber  die ist nun schon einmal ein Soldatentenkind, eine Soldatenwitwe  und ich glaube kaum, dass sie einen in Zivilkleidern auf die Dauer lieb haben knnte.
Jetzt musste Tilling lcheln. Er warf mir einen Blick zu, welcher deutlich sagte: Ich kenne dich besser, und antwortete laut:
Das glaube ich auch: sie hat sich eigentlich nur in meine Uniform verliebt.
~
Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt.
Mein Brutigam hatte sich fr die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen Urlaub erwirkt. Unsere erste Etappe war Berlin.
Ich hatte den Wunsch geuert, einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise mit diesem Pilgerzug zu erffnen.
In der preuischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf. Friedrich machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt, und alle erschienen mir als die liebenswrdigsten Leute von der Welt. Freilich  wenn man eben die rosafarbenen Brillen trgt, durch die man whrend der Honigwochen die Auenwelt zu betrachten pflegt, da findet man alles lieb und schn. Zudem wird neuvermhlten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit begegnet: alles hlt sich fr verpflichtet, auf ihre ohnedies so blhenden Pfade immer neue Rosen zu streuen.
Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel, war die Sprache. Nicht nur, weil dieselbe den Akzent meines Mannes aufwies  eine seiner Eigentmlichkeiten, in welche ich mich zuerst verliebt hatte  sondern weil sie mir, im Vergleich zu der in sterreich blichen Redeweise, ein hheres Bildungsniveau zu bekunden schien; oder vielmehr, nicht nur _schien_, sondern in der Tat bekundete. Grammatikalische Verste, wie solche die Umgangssprache der besseren Wiener Kreise verunstalten, kommen in der guten Berliner Gesellschaft nicht vor. Die preuische Verwechselung des Datives und Akkusatives: Gib _mich_ einen Federhut bleibt auf die unteren Klassen beschrnkt, whrend die in Wien blichen Kasus-Fehler: Ohne _dir_  Mit _die_ Kinder hufig genug in den ersten Salons gehrt werden. Gemtlich mgen wir immerhin unsere Sprache nennen und sie von den Auslndern auch so befunden werden lassen  eine Inferioritt stellt sie jedenfalls vor. Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe misst  und welchen richtigeren Mastab gb es wohl, als diesen?  so ist der Norddeutsche um ein Stckchen mehr Mensch, als der Sddeutsche  ein Ausspruch, der im Munde eines Preuen sehr arrogant klnge, und aus der Feder einer sterreicherin sehr unpatriotisch erscheinen mag;  aber wie selten gibt es eine ausgesprochene Wahrheit, die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ...
Unser erster Besuch in Berlin  nachdem wir auf dem Friedhof gewesen  galt der Schwester der Verstorbenen. Aus der Liebenswrdigkeit und geistigen Bedeutung dieser Frau konnte ich schlieen, wie liebenswrdig und bedeutend Friedrichs Mutter gewesen sein musste, wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich. Diese war die Witwe eines preuischen Generals und besa einen einzigen Sohn, welcher damals eben Leutnant geworden war.
Einem schneren Jngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet. Rhrend anzusehen war es, wie Mutter und Sohn aneinander hingen; auch dann schien Frau Kornelie hnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester gehabt zu haben. Wenn ich den Stolz sah, den sie augenscheinlich in Gottfried setzte und die Zrtlichkeit, womit er seine Mutter behandelte, so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit, wo mein Sohn Rudolf erwachsen sein wrde. Nur eines konnte ich nicht begreifen, und ich uerte dies auch zu meinem Manne:
Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind, ihr Kleinod, einen so gefhrlichen Beruf ergreifen lassen, wie den militrischen?
Es gibt einfach Gedanken, liebes Herz, antwortete mir Friedrich, die niemand denkt, naheliegende Erwgungen, die niemand anstellt. Ein solcher Gedanke ist die Gefhrlichkeit des Soldatenberufes. Den lsst man nicht aufkommen: es liegt  so meint man  eine Art Unanstndigkeit und Feigheit darin, diese Erwgung vorzustellen. Es wird als so selbstverstndlich und unvermeidlich angenommen, dass diese Gefahr bestanden werden msse und eigentlich fast immer glcklich bestanden werde (die Prozente der Gefallenen verteilen sich auf die _anderen_), dass man an die Todeschance gar nicht denkt. Sie ist zwar da  aber das ist sie ja fr jeden Geborenen, und keiner denkt an den Tod. In dem Verjagen lstiger Begriffe vermag der Geist Groes zu leisten. Und schlielich: was kann ein preuischer Edelmann wohl fr eine angenehmere und angesehenere Stellung haben als die eines preuischen Kavallerieoffiziers?
Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden.
Ach, seufzte sie einmal , dass meine arme Schwester die Freude nicht erleben sollte, solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so glcklich zu sehen, wie er es jetzt an deiner Seite ist. Es war immer ihr sehnlichster Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Aber er stellte so hohe Anforderungen an die Ehe 
Es scheint nicht, Tantchen, da er mit mir vorlieb genommen ...
_A trap for a compliment_ nennen das die Englnder.  Ich wollte, mein Gottfried knnte auch einst einen solchen Treffer machen. Ich bin jetzt schon ungeduldig, Gromutterfreuden zu erleben. Doch da werde ich wohl noch lange warten knnen: mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt.
Er mag viele Mdchenkpfe verdrehen, sagte ich, viele Herzen brechen 
Das sieht ihm nicht gleich: einen braveren, rechtschaffeneren Jungen gibts nicht. Er wird einmal eine Frau sehr glcklich machen 
So wie Friedrich die seine 
Noch kannst du das nicht wissen, liebes Herz; darber mssen wir nach zehn Jahren wieder reden. In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glcklich. Damit will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen, noch an dir ausgedrckt haben  ich glaube selber, dass euer Glck ein dauerhaftes sein wird.
Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bdern. Meine kurze Reise nach Italien mit Arno  von der ich brigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung hatte  abgerechnet, war ich von Hause nie weggekommen. Dieses Kennenlernen neuer Orte, neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste Stimmung. Die Welt schien mir pltzlich so schn und noch einmal so interessant geworden. Wre mein kleiner Rudolf nicht gewesen, den ich zurckgelassen hatte, ich wrde Friedrich vorgeschlagen haben: Lass uns jahrelang so herumreisen wie jetzt. Besuchen wir ganz Europa und hernach die brigen Weltteile; genieen wir diese Wanderexistenz, dieses ungebundene Umherstreifen; sammeln wir Reichtmer neuer Eindrcke und Erfahrungen! berall, wohin wir kommen  und seien uns Land und Leute noch so fremd  bringen wir ja durch unser Beisammensein ein gengendes Stck Heimsttte mit. Was htte mir Friedrich auf solchen Vorschlag geantwortet? Wahrscheinlich, dass man es sich nicht zum Beruf machen kann, bis an sein Lebensende hochzeitzureisen, dass sein Urlaub nur zwei Monate dauert und dergleichen vernnftige Sachen mehr.
Wir besuchten Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden. berall dasselbe frhliche, elegante Treiben  berall so viele interessante Menschen aus aller Herren Lnder. Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr, dass Friedrich die franzsische und englische Sprache vollkommen beherrschte; dies lie ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen. Immer wieder entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm: Sanftmut, Heiterkeit, lebhafteste Empfnglichkeit fr alles Schne. Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzcken, und im Theater oder Konzertsaal, wenn die Knstler Hervorragendes leisteten, leuchtete ihm der Genuss aus den Augen. Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen doppelt romantisch, darum bewunderte ich die Vortrge berhmter Virtuosen doppelt.
Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell. Friedrich kam um Verlngerung seines Urlaubs ein, wurde aber abschlgig beschieden. Das war mir seit unserer Verheiratung der erste Moment des rgers, als dieses offizielle Papier anlangte, welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl.
Und _das_ nennen die Menschen Freiheit! rief ich, das beleidigende Dokument auf den Tisch schleudernd.
Tilling lchelte. O, ich bilde mir nicht im mindesten ein, frei zu sein, meine Herrin, erwiderte er.
Wenn ich deine Herrin wre, knnte ich dir befehlen, dem Militrdienst Valet zu sagen und nur noch meinem Dienste zu leben.
ber diese Frage waren wir ja einig geworden 
Freilich: ich habe mich fgen mssen, doch das beweist, dass du nicht mein Sklave bist  und das ist mir im Grund recht, mein lieber, stolzer Mann!
~
Von unserer Reise zurckgekehrt, rckten wir nach einer kleinen mhrischen Stadt  der Festung Olmtz  ein, wo Friedrichs Regiment in Garnison lag. Von geselligem Verkehr war in dem Neste keine Rede, und so lebten wir beide in vlliger Zurckgezogenheit. Auer den Stunden, die wir dem Dienst widmeten  er als Oberstleutnant bei seinen Dragonern, ich als Mutter bei meinem Rudolf  widmeten wir uns gegenseitig nur einander. Mit den Damen des Regiments waren die ntigen Zeremonienbesuche und Gegenbesuche ausgetauscht worden, aber auf nheren Umgang lie ich mich nicht ein; es gelstete mich nicht im geringsten danach, bei Nachmittag-Kaffeegesellschaften Dienstbotengeschichten und Stadtklatsch zu hren, und ebenso fern hielt sich Friedrich den Spielpartien der Obersten und Trinkgelagen der Offiziere. Da hatten wir besseres zu tun. Die Welt, in der wir uns bewegten  wenn wir des Abends beim brodelnden Teekessel saen  die war von der Welt der Olmtzer Geselligkeitskreise sternenweit entfernt, sternenweit mitunter im buchstblichen Sinne  denn einige unserer liebsten geistigen Ausflge waren nach dem Firmament gerichtet. Wir lasen nmlich miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns ber die Wunder des Weltalls. Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Hhen der Himmelsrume; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen, und je grer die Welt vor unseren Blicken sich entfaltete, in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der Olmtzer Interessentenkreis ein. Unsere Lektre beschrnkte sich nicht auf Naturkunde allein, sondern umfasste noch viele andere Zweige der Forschung und des Gedankens. So nahm ich unter anderem zum dritten Male meinen geliebten Buckle vor, um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen, den er dann ebensosehr bewunderte, wie ich; dabei vernachlssigten wir auch die Dichter und Romanschriftsteller nicht, und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen Leseabende zu wahren Festen des Geistes  whrend unsere brige Existenz eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war. Tglich gewannen wir uns lieber; was die Leidenschaft an Feuer einbte, das gewann die Zuneigung an Innigkeit, die Achtung an Festigkeit.
Das Verhltnis zwischen Friedrich und Rudolf war der Gegenstand meines Entzckens. Die beiden waren die besten Kameraden der Welt, und sie miteinander spielen zu sehen, war kstlich. Friedrich war dabei von den zweien beinahe der kindischere. Natrlich mischte ich mich sofort auch in die Partie, und was da fr Dummheiten getrieben und geredet wurden, das mgen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen, deren Werke wir lasen  wenn Rudolf zu Bett gebracht war. Zwar behauptete Friedrich, dass er von Hause aus kein besonderer Kinderfreund sei; aber einmal war der Kleine seiner Martha Sohn, und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem Stiefvater gar so zrtlich an. Wir machten hufig Plne fr die Zukunft des Knaben. Soldat? ... Nein. Dazu wrde er nicht taugen, denn in _unserem_ Erziehungsplan wrde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden. Diplomat! Vielleicht. Am wahrscheinlichsten aber Landwirt. Als knftiger Erbe des Dotzkyschen Majorats, welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjhrigen Onkel Arnos einst zufallen musste, wrde es ihm Berufs genug sein, seine Besitzungen rationell zu verwalten. Dann sollte er seine kleine Braut Beatrice heimfhren und ein glcklicher Mensch werden. Wir waren selber so glcklich, dass wir gern fr die ganze Mitwelt, und fr die knftigen Geschlechter obendrein, Schtze von Lebensfreude htten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloss sich unsere Einsicht dem Elend nicht, unter welchem der grte Teil der Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen mssen: Armut, Unwissenheit, Unfreiheit  so vielen Gefahren und beln ausgesetzt  unter diesen beln das frchterlichste: der Krieg. Ach, wenn man beitragen knnte, es abzuwlzen! Dieser seufzende Wunsch entrang sich unseren Herzen, aber die Betrachtung der herrschenden Zustnde und Ansichten stellte solchen Wnschen ein entmutigendes Unmglich entgegen. Leider  der schne Traum, dass es allen wohlergehe, und alle lange leben mgen auf Erden, lsst sich nicht erfllen  wenigstens nicht in der Gegenwart. Aber die pessimistische Lehre, dass das Leben ein bel sei, dass es allen besser wre, sie wren nie geboren  die war uns doch durch unser eigenes Dasein grndlich widerlegt.
Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien, um die Festtage im Kreise meiner Familie zuzubringen. Mein Vater war nunmehr mit Friedrich vllig ausgeshnt. Die Tatsache, dass dieser den Militrdienst nicht verlassen, hatte die anfnglichen Zweifel und Verdchtigungen verscheucht. Dass ich eine schlechte Partie gemacht, das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch Tante Mariens berzeugung; anderseits mussten sie aber auch die Tatsache anerkennen, dass mich mein Mann sehr glcklich machte, und das rechneten sie ihm doch zugute.
Rosa und Lilli tat es leid, dass sie im kommenden Fasching nicht unter _meiner_, sondern unter der weit strengeren Aufsicht der Tante in die Welt gehen sollten. Konrad Althaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses, und es wollte mir scheinen, als htte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte gemacht.
Der heilige Abend fiel sehr heiter aus. Es ward ein groer Christbaum angezndet, und von einem zum andern wurden allerlei Geschenk getauscht. Der Knig des Festes und der Meistbeschenkte war natrlich mein Sohn Rudolf; aber auch alle brigen wurden bedacht. So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand, bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrcken konnte. Es war ein silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches. Derselbe hielt einen Zettel im Schnabel, auf welchem von meiner Schrift die Worte standen: Im Sommer 1864 bringe ich etwas.
Friedrich umarmte mich strmisch. Wren die anderen nicht dabei gewesen, er htte sicherlich einen Rundtanz mit mir aufgefhrt.
~
Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater zum Diner. Von Fremden war nur Exzellenz Allerdings und Doktor Bresser anwesend. Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische saen, musste ich lebhaft jenes Abends gedenken, wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich ins Bewusstsein getreten. Doktor Bresser hatte denselben Gedanken:
Erinnern Sie sich noch der Piketpartie, die ich mit Ihrem Herrn Vater spielte, whrend Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten? fragte er mich. Ich sah aus, nicht wahr, als wre ich ganz in mein Spiel vertieft, aber dennoch hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hrte aus dem Klang der Stimmen  die Worte konnte ich nicht vernehmen  ein gewisses Etwas heraus, welches in mir die berzeugung weckte: Die zwei werden ein Paar. Und wenn ich Sie jetzt miteinander beobachte, so steigt mir eine neue berzeugung auf, nmlich: Die zwei sind und bleiben ein glckliches Paar.
Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Doktor. Ja, wir _sind_ glcklich. Ob wir es bleiben? Das hngt leider nicht von uns ab, sondern vom Schicksal ... ber jedem Glck schwebt eine Gefahr, und je inniger das erste desto grausiger die letzte.
Was knnen Sie frchten?
Den Tod.
Ah so. Der war mir gar nicht eingefallen. Ich habe zwar als Arzt fters Gelegenheit, dem Gesellen zu begegnen  aber ich denke nicht daran. Der liegt ja bei gesunden und jungen Leuten, wie das in Rede stehende glckliche Paar, in so entrckter Ferne 
Was ntzt dem Soldaten Jugend und Gesundheit?
Verscheuchen Sie solche Ideen, liebste Baronin. Es ist ja kein Krieg in Sicht. Nicht wahr Exzellenz, wandte er sich an den Minister, gegenwrtig ist am politischen Himmel der mehrfach erwhnte schwarze Punkt nicht zu sehen?
Punkt ist viel zu wenig gesagt, antwortete der Befragte. Es ist vielmehr eine schwarze, schwere Wolke.
Ich erbebte bis ins Innerste:
Was? wie? was meinen Sie? rief ich lebhaft.
Dnemark treibt es gar zu bunt ...
Ah so, Dnemark, sagte ich erleichtert. Die Wolke droht also nicht uns? Es ist mir zwar unter allen Umstnden betrbend, wenn ich hre, dass man sich irgendwo schlagen will  aber wenn es die Dnen sind und nicht die sterreicher, dann flt mir das wohl Beileid, aber keine Furcht ein.
Du brauchst dich auch nicht zu frchten, fiel mein Vater lebhaft ein, falls sterreich sich beteiligt. Wenn wir die Rechte Schleswig-Holsteins gegen die Vergewaltigung Dnemarks verteidigen, so riskieren wir ja nichts dabei. Es handelt sich da um kein sterreichisches Territorium, dessen Verlust ein unglcklicher Feldzug herbeifhren knnte 
Glaubst du denn, Vater, dass  wenn unsere Truppen aufmarschieren mssten  ich an solche Dinge, wie sterreichisches Territorium, schleswig-holsteinsche Rechte und dnische Vergewaltigung dchte? Ich she blo eins: die Lebensgefahr unserer Lieben. Und die bleibt gleich gro, ob nun aus diesem oder jenem Grund Krieg gefhrt wird.
Die Schicksale der einzelnen kommen nicht in Betracht, mein liebes Kind, wo es sich um weltgeschichtliche Ereignisse handelt. Bricht ein Krieg aus, so verstummen die Fragen, ob der oder der dabei fllt, oder nicht, vor der einen gewaltigen Frage, was das eigene Land dabei gewinnen oder verlieren wird. Und wie gesagt: wenn wir uns mit den Dnen raufen, so ist nichts zu verlieren dabei, wohl aber unsere Machtstellung im deutschen Bund zu erweitern. Ich trume immer, dass die Habsburger noch einmal die ihnen gebhrende deutsche Kaiserwrde zurckerlangen. Es wre auch ganz in der Ordnung. Wir sind der bedeutendste Staat im Bunde! Die Hegemonie ist uns gesichert  aber das gengt nicht ... Ich wrde den Krieg mit Dnemark als eine sehr gnstige Gelegenheit begren, nicht nur die Scharte von 59 auszuwetzen, sondern auch unsere Stellung im deutschen Bunde so zu gestalten, dass wir fr den Verlust der Lombardei reichen Ersatz finden und  wer wei  so an Macht gewinnen, dass uns die Rckeroberung dieser Provinz ein leichtes wre.
Ich blickte zu Friedrich hinber. Er hatte sich an dem Gesprche nicht beteiligt, sondern war in eine eifrige lachende Unterhaltung mit Lilli verwickelt. Ein stechender Schmerz schnitt mir durch die Seele: ein Schmerz, der in _ein_ Bndel zwanzig verschiedene Vorstellungen vereinte: Krieg ... und er, mein alles, musste mit ... verkrppelt, erschossen ... das Kind unter meinem Herzen, dessen angekndigtes Kommen er gestern mit solchem Jubel begrt  es sollte vaterlos zur Erde kommen? ... Zerstrt, zerstrt  unser kaum erblhtes, noch so reiche Frucht verheiendes Glck! ... Diese Gefahr in der einen Wagschale, und in der andern? sterreichisches Ansehen im deutschen Bund, schleswig-holsteinische Befreiung  frische Lorbeerbltter im Ruhmeskranze des Heeres  das heit ein paar Phrasen fr Schulvortrge und Armeeproklamationen ... und sogar das nur zweifelhaft, denn ebenso mglich wie der Sieg, ist ja die Niederlage ... Und nicht nur einem vereinzelten Leid, dem meinen, wird das vermeintliche vaterlndische Wohl entgegengestellt, sondern tausend und abertausend einzelne im eigenen und im Feindeslande mssten denselben Schmerz einsetzen, der mich jetzt durchbebte ... Ach, war denn dem nicht vorzubeugen  wars nicht abzuwehren? Wenn sich alle vereinten  alle Vernnftigen, Guten, Gerechten  um das drohende bel zu verhten 
Sagen Sie mir doch, wandte ich mich laut an den Minister, stehen die Dinge wirklich schon so schlimm? Habt Ihr, Minister und Diplomaten, habt Ihr denn solche Konflikte nicht zu vermeiden gewusst, werdet Ihr deren Ausbruch nicht zu verhindern wissen?
Glauben Sie denn, Baronin, dass es unseres Amtes ist, den ewigen Frieden zu erhalten? Das wre allerdings eine schne Mission  aber unausfhrbar. Wir sind nur da, ber die Interessen unserer respektiven Staaten und Dynastien zu wachen, jeder drohenden Verringerung ihrer Machtstellung entgegenzuarbeiten und jede mgliche Suprematie zu erringen trachten, eiferschtig die Ehre des Landes hten, uns angetanen Schimpf rchen 
Kurz, unterbrach ich, nach dem kriegerischen Grundsatze handeln: dem Feind  das ist nmlich jeder andere Staat  tunlichst zu schaden und, wenn ein Streit entsteht, so lange hartnckig behaupten, dass man im Recht ist,  auch wenn man sein Unrecht einsieht, nicht wahr?
Allerdings.
Bis beiden Streitenden die Geduld reit und drauf losgehauen werden muss ... es ist abscheulich!
Das ist doch der einzige Ausweg. Wie anders soll denn ein Vlkerstreit geschlichtet werden?
Wie werden denn Prozesse zwischen einzelnen gesitteten Menschen geschlichtet?
Durch das Tribunal. Die Vlker unterstehen aber keinem solchen.
Ebensowenig wie die Wilden, kam mir Doktor Bresser zu Hilfe. _Ergo_ sind die Vlker in ihrem Verkehr noch ungesittet, und es drfte wohl noch lange Zeit vergehen, bis sie dazu gelangen, ein internationales Schiedsgericht einzusetzen.
Dazu wird es nie kommen, sagte mein Vater. Es gibt Dinge, die nur ausgefochten und nicht ausprozessiert werden knnen. Selbst wenn man versuchen wollte, ein solches Schiedsgericht zu errichten  die starken Regierungen wrden sich demselben ebensowenig beugen, wie zwei Edelleute, von denen der eine beleidigt worden, ihre Differenz zu Gericht tragen.  Die schicken einander einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen.
Das Duell ist aber auch ein barbarischer, unsittlicher Brauch 
Sie werdens nicht ndern, Doktor.
Ich werde es aber wenigstens nicht gutheien, Exzellenz.
Was sagst denn du, Friedrich? wandte sich nun mein Vater an den Schwiegersohn. Bist du etwa auch der Ansicht, dass man nach einer erhaltenen Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl. Schadenersatz klagen?
Ich wrde es nicht tun.
Du wrdest den Beleidiger fordern?
Versteht sich.
Aha, Doktor  aha, Martha, triumphierte mein Vater, hrt Ihr. Auch Tilling, der doch kein Freund des Krieges ist, gibt zu, ein Freund des Duells zu sein.
Ein Freund? Das habe ich nie behauptet. Ich sagte nur, dass ich gegebenenfalls selbstverstndlich zum Duell greifen wrde  wie ich es brigens auch schon ein und das andere Mal getan; gerade so selbstverstndlich, wie ich schon mehreremal in den Krieg gezogen, und bei dem nchsten Anlass wieder ziehen werde. Ich fge mich den Satzungen der Ehre. Damit will ich aber keineswegs gesagt haben, dass diese Satzungen, wie sie unter uns bestehen, meinem sittlichen Ideal entsprechen. Nach und nach, wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt, wird der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren: einmal wird eine erhaltene Injurie, wenn sie unverdient ist, nicht auf den Empfnger, sondern auf den rohen Geber als Schmach zurckfallen; zweitens wird das Selbstrcheramt auch in Sachen der Ehre ebenso auer Gebrauch kommen, wie in kultivierter Gesellschaft die Selbstjustiz in anderen Dingen tatschlich schon verschwunden ist. Bis dahin 
Da knnen mir lange warten, unterbrach mein Vater. So lange es berhaupt Edelleute gibt 
Das muss auch nicht immer sein, meinte der Doktor.
Oho, Sie wollen gar den Adel abschaffen, Sie Radikaler? rief mein Vater.
Den feudalen allerdings. Edelleute braucht die Zukunft keine.
Desto mehr Edelmenschen, bekrftigte Friedrich.
Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken?
Sie wird vor allem keine austeilen.
Und sich nicht verteidigen, wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen Einfall macht?
Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben  ebensowenig als jetzt unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind. Und wie der heutige Schlossherr keinen Tross bewaffneter Knappen mehr braucht 
So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten knnen? Was wird denn aus Euch Oberstleutnants?
Was ist aus den Knappen geworden?
So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt. Ich hing mit Entzcken an Friedrichs Lippen; es tat mir unsglich wohl, die Sache erhhter Gesittung von ihm so fest und sicher vertreten zu sehen, und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel, den er vorhin genannt hatte: Edelmensch!


  Zweiter Band 

 Drittes Buch
1864

Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien. Es war aber keine frhliche Urlaubszeit fr mich. Dieses fatale Krieg in Sicht, welches nunmehr alle Zeitungen und alle Gesprche ausfllte, benahm mir jede Lebensfreudigkeit. So oft mir etwas von den Dingen einfiel, aus welchen mein Glck zusammengesetzt war  vor allem der Besitz des mir tglich teurer werdenden Gatten  so oft musste ich auch an die Unsicherheit denken, an die unmittelbare Gefahr, welche der in Aussicht stehende Krieg ber mein Glck verhngte. Ich konnte desselben, wie man zu sagen pflegt, nicht froh werden. Der Zuflligkeiten von Krankheit und Tod, von Feuersbrunst und berschwemmungen  kurz, der Natur- und Elementardrohungen gibt es genug; aber man hat sich gewhnt, nicht mehr daran zu denken, und lebt trotz dieser Gefahren in einem gewissen Stabilittsbewusstsein. Doch wozu haben die Menschen sich auch noch willkrlich selbst verhngte Gefahren geschaffen, und so den ohnehin vulkanischen Boden, auf den ihr Erdenglck gebaut ist, noch eigenmchtig und mutwillig in knstliches Schwanken versetzt! Zwar haben sich die Leute daran gewhnt, auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und ihn als vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassersnot zu nennen  daher auch so wenig als mglich daran zu denken. Aber ich konnte mich in dieser Auffassung nicht mehr finden. Jene Frage: muss es denn sein? von welcher einst Friedrich gesprochen, die hatte ich mir in bezug auf den Krieg oft mit Nein beantwortet; und statt Resignation empfand ich dann Schmerz und Groll  ich htte ihnen allen zurufen wollen: Tut es nicht!  tut es nicht! Dieses Schleswig-Holstein und die dnische Verfassung  was ging denn das uns an? Ob der Protokoll-Prinz die Grundgesetze vom 13. November 1863 aufhob oder besttigte  was war denn das uns? Aber da waren alle Bltter und Gesprche nur immer voll von Errterungen ber diese Frage, als wre das das Wichtigste, Entscheidenste, Weltumwlzendste, was sich denken lsst, so dass die Frage: Sollen unsere Mnner und Shne totgeschlagen werden oder nicht? daneben gar nicht aufkommen durfte. Ich konnte mich damit nur einigermaen vershnen, wenn mir der Begriff Pflicht so recht vor die Seele trat. Nun ja:  wir gehrten zum deutschen Bunde und mit den verbndeten deutschen Brdern im Verein mussten wir fr die Rechte unterdrckter deutscher Brder kmpfen. Das Nationalittsprinzip war vielleicht doch etwas, das mit elementarer Kraft Bettigung erheischte  von diesem Standpunkte aus also _musste_ es sein ... Beim Anklammern an diese Idee lie der schmerzliche Groll in meiner Seele ein wenig nach. Htte ich voraussehen knnen, wie zwei Jahre spter diese ganz deutsche Verbrderung in bitterste Feindschaft sich auflsen sollte; wie dann der Preuenhass in sterreich noch viel wtender angefacht wrde, als jetzt der Dnenhass  so htte ich damals schon erkannt, wie ich das seither erkennen gelernt, dass die Motive, die als Rechtfertigung der Feindseligkeiten angefhrt werden, nichts als Phrasen sind, Phrasen und Vorwnde.
Den Silvesterabend verbrachten wir wieder im Hause meines Vaters. Mit dem Schlage zwlf erhob dieser sein Punschglas:
Mge der Feldzug, welcher uns in dem neugeborenen Jahre bevorsteht, ein fr unsere Waffen glorreicher werden  sprach er feierlich;  ich stellte mein schon erhobenes Glas auf den Tisch zurck  und mgen unsere Lieben uns erhalten bleiben! beschloss er.
Jetzt erst tat ich Bescheid.
Warum hast du bei der ersten Hlfte meines Toastes nicht angestoen, Martha?
Weil ich von einem Feldzug nichts anderes wnschen kann, als dass er unterbleibe.
Als wir in unser Hotel und in unser Schlafzimmer zurckgekehrt waren, warf ich mich Friedrich um den Hals.
Mein Einziger! Friedrich! Friedrich!!
Er drckte mich sanft an sich:
Was hast du, Martha? Du weinst ... heute in der Neujahrsnacht? Warum denn das junge 1864 mit Trnen einweihen, mein Liebling? Bist du denn nicht glcklich? Habe ich dich irgendwie gekrnkt?
Du? O nein, nein,  nur zu glcklich machst du mich, viel zu glcklich  und deshalb ist mir bang.
Aberglubisch, meine Martha? Stellst du dir auch neidische Gtter vor, welche zu schnes Menschenglck zerstren?
Nicht die Gtter  die unsinnigen Menschen selber beschwren das Unglck auf sich herab.
Du spielst auf den mglichen Krieg an? Es ist ja noch nichts entschieden, wozu denn der frhzeitige Kummer? Wer wei, ob es zum Kampfe kommt, wer wei, ob ich mitgehen muss? ... Komm her, mein Liebling, setzen wir uns  er zog mich neben sich auf das Sofa  verschwende deine Trnen nicht an eine bloe Mglichkeit.
Schon die Mglichkeit ist mir schmerzlich. Wre es Gewissheit, Friedrich, ich wrde nicht sanft an deiner Schulter weinen  ich msste laut aufschreien und aufjammern ... Aber die Mglichkeit, die Wahrscheinlichkeit, dass in dem anbrechenden Jahre du mir durch Armeebefehl aus den Armen gerissen wrdest  die gengt schon, mich in Bangen und Trauer zu versetzen.
Bedenke, Martha, du gehst ja auch selber einer Gefahr entgegen  wie mir dies dein Weihnachtsgeschenk so lieb verkndet hat  und doch denken wir beide nicht an die grause Mglichkeit, die jeder Frau im Wochenbette beinahe ebenso hufig droht, wie jedem Manne auf dem Schlachtfelde ... Freuen wir uns des Lebens und denken wir nicht an den ber unser aller Hupter schwebenden Tod.
Du sprichst ja wie Tante Marie, Liebster  als ob unser Los nur von der Bestimmung abhinge und nicht von den Unvorsichtigkeiten, Grausamkeiten, Wildheiten und Dummheiten unserer eigenen Mitmenschen. Wo liegt die unabwendbare Notwendigkeit dieses Krieges mit Dnemark?
Noch ist derselbe nicht ausgebrochen, noch 
Ich wei, ich wei:  noch knnen Zuflligkeiten das bel verhten. Aber nicht der Zufall, nicht politische Rnke und Launen sollten ber eine solche Schicksalsfrage entscheiden, sondern der feste, aufrichtige _Wille_ der Menschen. Doch was ntzt mein es sollte nicht und es sollte  ich kann die Ordnung der Dinge nicht ndern, nur darber klagen. Aber darin hilf mir, Friedrich  versuche nicht, mit den landlufigen leeren Ausflchten mich zu trsten! Du glaubst selber nicht daran  du selbst erbebst vor edlem Widerwillen ... Nur darin finde ich Genugtuung, wenn du mit mir verdammst und beklagst, was mich und unzhlige andere so unglcklich machen soll.
Ja, mein Herz, wenn es hereinbricht, das Verhngnis, dann will ich dir recht geben; dann will ich dir den Schauder und den Hass nicht verhehlen, den mir der anbefohlene Vlkermord einflt ... Aber heute lass uns noch des Lebens froh sein ... Wir haben einander ja  nichts trennt uns ... nicht die geringste Schranke zwischen unseren Seelen! Lass uns dieses Glck genieen  so lange es unser ist  mit Inbrunst genieen ... Denken wir nicht an die angedrohte Zerstrung desselben ... Ewig kann ja keine Freude dauern. In hundert Jahren ists doch einerlei, ob wir lang oder ob wir kurz gelebt. Auf die Zahl der schnen Tage kommt es schlielich nicht an, sondern auf den Grund ihrer Schnheit. Die Zukunft bringe, was sie wolle, mein vielgeliebtes Weib  unsere Gegenwart ist so schn, dass ich jetzt nichts fhlen mag, als seliges Entzcken.
Whrend er so sprach, schlang er seinen Arm um mich und ksste mein an seiner Brust ruhendes Haupt. Da schwand auch mir die drohende Zukunft aus dem Bewusstsein und auch ich versenkte mich in den sen Frieden des Augenblicks.
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Am 10. Januar kehrten wir nach Olmtz zurck.
Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges. In Wien hatte ich noch vereinzelte Stimmen vernommen, welche meinten, dass die dnisch-holsteinische Frage vielleicht doch noch auf diplomatischem Wege beigelegt werden knne; aber in den militrischen Kreisen unserer Festungsbesatzung galt die Friedensmglichkeit fr ausgeschlossen. Unter den Offizieren und ihren Frauen herrschte eine aufgeregte, aber zumeist freudig aufgeregte Stimmung: Gelegenheit zu Auszeichnung und Avancement in Sicht  zur Befriedigung des Tatendurstes des einen, des Ehrgeizes des zweiten, des Gage-Erhhungsbedrfnisses des dritten.
Das ist ein famoser Krieg, der sich da vorbereitet, sagte der Oberst, bei dem wir nebst mehreren anderen Offizieren samt Gemahlinnen zu Tisch geladen waren, ein famoser Krieg, der auch ungeheuer populr sein wird. Keine Gefahr fr unser Territorium  auch der Landbevlkerung erwchst kein Schaden, denn der Kriegsschauplatz liegt auf fremdem Gebiet. Unter solchen Umstnden ist es wirklich eine doppelte Lust, sich zu schlagen.
Was mich daran begeistert, sagte ein junger Oberleutnant, ist das edle Motiv: unterdrckte Rechte unserer Brder verteidigen. Dass die Preuen mit uns gehen, oder vielmehr wir mit ihnen, das sichert uns erstens den Sieg und zweitens wird es die nationalen Bande noch enger verknpfen. Die Nationalittsidee 
Reden Sie lieber nichts von der, unterbrach der Regimentschef etwas strenge. Fr einen sterreicher schickt sich dieser Schwindel nicht wohl. Der wars, der uns den 59er Krieg heraufbeschworen hat, denn auf diesem Steckenpferd, ein italienisches Italien, ist ja Louis Napoleon stets herumgeritten. Und berhaupt passt dieses ganze Prinzip nicht fr sterreich; Bhmen, Ungarn, Deutsche, Kroaten  wo ist da das Nationalittsband? Wir kennen nur ein Prinzip, das uns vereint, das ist die loyale Liebe zu unserer Dynastie. Was uns also begeistern soll, wenn wir zu Felde ziehen, ist nicht der Umstand, dass wir fr Deutsche und mit Deutschen kmpfen, sondern dass wir unserem erhabenen und geliebten Kriegsherrn Heeresfolge leisten drfen. _Es lebe der Kaiser!_
Alle erhoben sich und taten stehend Bescheid. Ein Funken Begeisterung fiel auch mir ins Herz und erfllte es  einen Augenblick aufflammend  mit wohltuender Wrme. Eine und dieselbe Sache, eine und dieselbe Person lieben, wenn man Tausend ist, das gibt eine eigentmliche, vertausendfachte Hingebungslust ... Das ists, was als Loyalitt, als Patriotismus, als Korpsgeist die Herzen schwellt. Es ist nichts anderes als Liebe, und die wirkt so mchtig, dass einem das in ihrem Namen gebotene Werk des Hasses  das allerscheulichste Werk des tdlichsten Hasses, der Krieg  als erfllte Liebespflicht erscheint.
Aber nur einen Augenblick hatte es in meinem Herzen so geglht, denn eine strkere Liebe als die zu allen erdenklichen Vaterlndern und Landesvtern ruhte in dessen Grunde  die Liebe zu meinem Mann. _Sein_ Leben war mir doch das hchste aller Gter, und wenn dieses aufs Spiel gesetzt werden sollte, konnte ich die Partie  gelte es nun Schleswig-Holstein oder Japan  nur verwnschen.
Die jetzt folgende Zeit lebte ich in unerhrtem Bangen. Am 16. Januar stellten die Bundesmchte an Dnemark das Ansinnen, ein gewisses Gesetz, gegen welches die Holsteinische Stndeversammlung und Ritterschaft den Schutz des Bundes anrief, aufzuheben, und zwar innerhalb vierundzwanzig Stunden. Dnemark verweigerte dies. Wer wird auch so sich befehlen lassen? Diese Weigerung war natrlich vorausgesehen worden, denn schon standen preuische und sterreichische Truppen an den Grenzen postiert, und am 1. Februar berschritten sie die Eider.
So waren denn die blutigen Wrfel wieder gefallen  die Partie begann. Dies veranlasste meinen Vater, einen Gratulationsbrief an uns zu richten.
Freut euch, Kinder, schrieb er. Jetzt haben wir doch Gelegenheit, die erhaltenen Schlge von 59 wieder gut zu machen, indem wir den Dnen Schlge geben. Wenn wir von Norden siegreich heimkehren, so knnen wir uns auch wieder nach Sden wenden: die Preuen bleiben unsere Alliierten, und dann knnen uns die schbigen Italiener samt ihrem intriganten Louis Napoleon nicht mehr auskommen.
Friedrichs Regiment, zur groen Enttuschung des Obersten und des Offizierkorps, war nicht zur Grenze entsendet worden. Dies brachte uns ein vterliches Kondolenzschreiben ein:

    Ich bedaure aufrichtig, dass Tilling das Pech hat, gerade bei einem Regiment zu dienen, welches nicht berufen war, den so glorreich sich anlassenden Feldzug zu erffnen; brigens besteht ja immer noch die Mglichkeit, das es zum Nachrcken bestimmt werde, Martha wird der Sache freilich die gute Seite abgewinnen und sich freuen, dass ihr die Angst um den geliebten Mann erspart bleibt, und auch Friedrich ist eingestandenermaen selber kein Freund des Krieges; aber ich denke, er ist nur im Prinzip dagegen, das heit: es wre ihm aus sogenannten humanitren Grnden lieber, wenn es zu keiner Schlacht kme; ist es aber einmal dazu gekommen, so wollte er wohl auch lieber dabei sein, da regt sich wohl die mnnliche Kampfeslust. Es sollte wirklich immer die _ganze_ Armee gegen den Feind geschickt werden; in solchen Zeiten zu Hause bleiben zu mssen, ist fr den Soldaten doch gar zu hart.

Trifft es dich hart, mein Friedrich, bei mir zu bleiben? fragte ich, nachdem ich den Brief gelesen.
Er drckte mich an sein Herz. Diese stumme Antwort gengte mir.
Aber was halfs? Um meine Ruhe war es doch geschehen. Jeden Tag konnte der Marschbefehl kommen. Wrde der unselige Krieg nur schnell zu Ende gefhrt! ... Mit grtem Eifer las ich in den Zeitungen die Berichte vom Kriegsschauplatz und wnschte hei, dass die Verbndeten rasche und entscheidende Siege erfochten. Ich gestehe es, der Wunsch war nicht vor allem ein patriotischer. Lieber war es mir immerhin, wenn der Sieg auf unserer Seite blieb; aber was ich von diesem erhoffte, war die Beendigung des Kampfes, ehe mein Alles in der Welt dahin entsendet werde, in zweiter Linie erst der Triumph meiner Landsleute und in allerletzter Linie die Interessen des meerumschlungenen Stck Landes. Ob nun Schleswig zu Dnemark gehrte oder nicht, was in aller Welt konnte mich das anfechten? Und schlielich  was focht es die Dnen und die Schleswig-Holsteiner selber an? Sahen denn die beiden Vlker nicht ein, dass es nur ihre Lenker waren, welche um Lande und Machtbesitz sich stritten, dass es in diesem Falle zum Beispiel nicht um ihr Wohl und Wehe, sondern um die Gelste des Protokoll-Prinzen und des Augustenburgers sich handelte? Wenn mehrere Hunde um ein paar Knochen sich raufen, so zerfleischen einander doch nur die Hunde; in der Vlkergeschichte sind es aber meist die dummen Knochen selber, welche aufeinander losschlagen und sich gegenseitig zertrmmern, um fr die Rechte der sie begehrenden Streiter zu kmpfen. Mich will Azor haben  und Auf mich hat Pluto Anspruch  Ich protestiere gegen Karos Fnge und Ich rechne es mir zur Ehre, von Minka gefressen zu werden, sagen die Knochen. Dnemark bis zur Eider, riefen die dnischen Patrioten. Wir wollen Friedrich von Augustenburg zum Herzog, riefen die Loyalen von Holstein. Unsere Zeitungsartikel und Gesprche unserer Kannegieer waren natrlich alle von dem Grundsatz durchdrungen, dass die Sache, fr welche Wir eingetreten, die gerechtere, die einzig historisch entwickelte, die einzig fr Erhaltung des europischen Gleichgewichts erforderliche war. Natrlich wurde in den Leitartikeln und den politischen Unterhaltungen in Kopenhagen das gegenteilige Prinzip mit gleichem Nachdruck verfochten. Warum nicht gegenseitig die Rechte abwgen, um sich zu verstndigen, und wenn dies nicht gelingt, eine dritte Macht zum Schiedsrichter machen? Warum nur immer beiderseitig schreien: Ich  ich bin im Rechte. Sogar gegen die eigene berzeugung schreien, so lange, bis man sich heiser geschrien, und losschlgt  die Entscheidung der _Gewalt_ berlassend? Ist das nicht Wildheit? Und wenn nun eine dritte Macht sich in den Streit mischt, so tut auch sie es nicht mit Rechtserwgung und Urteilsspruch, sondern gleichfalls mit Dreinschlagen? ... Und das nennen die Leute uere Politik? uere und innere Roheit ist es  staatskluge Schildbrgerei  internationale Barbarei  
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Mit solcher Bestimmtheit fasste ich wohl damals die Ereignisse noch nicht in diesem Lichte auf. Nur momentan erwachten mir derlei Zweifel, und dann gab ich mir Mhe, dieselben zu verscheuchen. Ich versuchte, mir einzureden, dass das geheimnisvolle Ding, Staatsraison genannt, ein ber alle Privatinteressen und ber meine kleine Vernunft erhabenes, das Leben der Staaten bedingendes Prinzip sei, und eifrig studierte ich in der Geschichte Schleswig-Holsteins nach, um einen Begriff von dem historischen Recht zu erlangen, zu dessen Wahrung der gegenwrtige Prozess gefhrt ward.
Da fand ich denn, dass der fragliche Landstrich schon im Jahre 1027 an Dnemark abgetreten worden war. Also haben eigentlich die Dnen recht; sie sind die legitimen Knige des Landes ...
Nun aber, zweihundert Jahre spter, wird das Land einer jngeren Linie des Knigshauses zugeteilt und gilt nur noch als ein dnisches Fahnenlehen. 1326 wird Schleswig dem Grafen Gerhard von Holstein berlassen und die Waldemarsche Konstitution verbrieft, dass es nie wieder mit Dnemark so verbunden werden soll, dass ein Herr sei. Ah so; dann ist das Recht doch auf Seite der Verbndeten: wir kmpfen fr die Waldemarsche Konstitution. Das ist wohl in der Ordnung, denn wozu wren denn verbriefte Zusicherungen wenn man sie nicht aufrecht erhielte?
Im Jahre 1448 wird die Waldemarsche Konstitution nochmals durch Knig Christian I. besttigt. Also kein Zweifel; nie soll und darf wieder Ein Herr sein. Was wollte da der Protokoll-Prinz?
Zwlf Jahre spter stirbt der Herrscher von Schleswig kinderlos und die Landstnde versammeln sich zu Ripen (gut, dass man immer so genau wei, wann und wo sich Landstnde versammelten: es war also 1460 zu Ripen) und proklamieren den dnischen Knig zum Herzog von Schleswig, wogegen er ihnen verspricht, dass die Lande ewig zusammenbleiben sollen  ungeteilt. Das macht mich wieder ein wenig konfus. Der einzige Anhaltspunkt ist noch das ewig zusammenbleiben.
Aber die Verwirrung nimmt im weiteren Verlauf dieses historischen Studiums fortwhrend zu, denn jetzt beginnt, trotz der Formel: ewig ungeteilt (das Wort ewig spielt in politischen Vertrgen berhaupt eine niedliche Rolle) ein ewiges Spalten und Teilen des Besitzes zwischen den Shnen des Knigs und Wiedervereinen unter einem nchsten Knig und Grnden neuer Linien  Holstein-Gottorp und Schleswig-Sonderburg  welche sich unter gegenseitigen Verschiebungen und Abtretungen der Anteile abermals spalteten in die Linien Sonderburg-Augustenburg, Beck-Glcksburg, Sonderburg-Glcksburg, Holstein-Glckstadt,  kurz, ich kenne mich gar nicht mehr aus.
Aber nur weiter. Vielleicht begrndet sich das historische Recht, um welches heute unsere Landesshne bluten mssen, erst spter.
Christian IV. mischt sich in den dreiigjhrigen Krieg und die Kaiserlichen und Schweden fallen in die Herzogtmer ein. Jetzt wird wieder (zu Kopenhagen, 1658) ein Vertrag gemacht, worin dem Hause Holstein-Gottorp die Oberherrschaft ber den schleswigschen Anteil zugesichert wird, und da ist es endlich mit der dnischen Lehenshoheit vorbei.
Auf ewig vorbei. Gott sei Dank. Jetzt finde ich mich doch wieder zurecht.
Was geschieht aber durch Patent vom 22. August 1721? Einfach dies: der gottorpsche Anteil von Schleswig wird der dnischen Monarchie einverleibt. Und am 1. Juni 1773 wird auch Holstein dem dnischen Knigshause berlassen  das Ganze gilt nun als dnische Provinz.
Das ndert die Sache: ich sehe schon  die Dnen sind im Recht.
Aber doch nicht so ganz. Denn der Wiener Kongress von 1815 erklrt Holstein fr einen Teil des deutschen Bundes. Dies aber wurmt die Dnen. Sie erfanden das Schlagwort: Dnemark bis zur Eider und streben nach der totalen Besitznahme des von ihnen Sdjtland benannten Schleswig. Hier hingegen wird das Erbrecht des Augustenburgers als Losung gebraucht und zu deutschnationalen Kundgebungen benutzt. Im Jahre 1846 schreibt der Knig Christian einen offenen Brief, worin er die Integritt des Gesamtstaates als Ziel hinsetzt, wogegen die deutschen Lande protestieren. Zwei Jahre spter wird vom Throne aus die vllige Vereinigung nicht mehr als Ziel, sondern als _fait accompli_ verkndet, worauf in den deutschen Landen der Aufstand ausbricht. Jetzt geht das Raufen los. Bald siegen die Dnen in diesem Gefecht, bald die Schleswig-Holsteiner in einem anderen! Dann mischt sich der deutsche Bund hinein. Die Preuen nehmen die Dppeler Hhen; aber das macht dem Streit kein Ende. Preuen und Dnemark schlieen Frieden; Schleswig-Holstein muss nun allein gegen die Dnen kmpfen und wird bei Idstedt geschlagen.
Der Bund verlangt nun von den Aufstndischen, dass sie den Krieg einstellen. Was sie denn auch tun. sterreichische Truppen besetzen Holstein, und die zwei Herzogtmer werden _getrennt_. Wo ist nun das verbriefte ewig zusammenbleiben hin?
Aber noch immer ist die Angelegenheit nicht festgesetzt. Da finde ich ein Londoner Protokoll, vom 8. Mai 1852 (gut, dass man das immer so ganz genau wei, unter welchem Datum die zerbrechlichen Vertrge gemacht wurden), welches die Erbfolge Schleswigs dem Prinzen Christian von Glcksburg sichert (sichert ist gut.) Jetzt wei ich doch auch, woher die Benennung Protokoll-Prinz stammt.
Im Jahre 1854, nachdem jedes Herzogtum eine eigene Verfassung erhalten, werden sie beide danisiert. Aber 1858 muss die Danisierung Holsteins wieder aufgehoben werden. Jetzt ist diese geschichtliche Darstellung der Gegenwart schon ganz nahe gerckt, aber noch immer ist mir nicht klar, wo die zwei Lande rechtmig hingehren, und was eigentlich den Ausbruch des gegenwrtigen Krieges veranlasst hat.
Am 18. November 1858 wird das famose Grundgesetz fr die gemeinschaftlichen Angelegenheiten Dnemarks und Schleswigs vom Reichsrat genehmigt. Zwei Tage darauf stirbt der Knig. Mit ihm erlischt wieder einmal eine Linie  nmlich die Linie Holstein-Glckstadt, und als der Nachfolger des Monarchen das zwei Tage alte Gesetz besttigt, erscheint Friedrich von Augustenburg (diese Linie htte ich beinahe vergessen) auf dem Plan, erhebt seine Ansprche und wendet sich samt der Ritterschaft um Beistand an den deutschen Bund.
Dieser lsst sofort durch Sachsen und Hannoveraner Holstein besetzen und proklamiert den Augustenburger zum Herzog. Warum?
Damit sind aber Preuen und sterreich nicht einverstanden. Warum? Das verstehe ich heute noch nicht.
Es heit, das Londoner Protokoll msse respektiert werden. Warum? Sind denn Protokolle ber Dinge, die einem absolut nichts angehen, gar so respektabel, dass man sie mit dem Blut der eigenen Shne verteidigen muss? Da steckt wohl wieder irgendeine verborgene Staatsraison dahinter ... Als Dogma muss man festhalten: Was die Herren am grnen Diplomatentisch entscheiden, das ist die hchste Weisheit und bezweckt die grtmgliche Frderung der vaterlndischen Machtstellung. Das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 musste aufrecht erhalten, aber das Kopenhagener Grundgesetz vom 13. Januar 1863 musste aufgehoben werden, und zwar binnen vierundzwanzig Stunden. Daran hing sterreichs Ehre und Wohl. Das Dogma war ein bisschen schwer zu glauben, aber in politischen Dingen, beinahe noch williger als in religisen, lsst sich die Masse von dem Prinzip des _quia absurdum_ lenken; auf das Verstehen und Begreifen wird von vornherein verzichtet. Ist das Schwert einmal gezogen, dann bedarf es nichts mehr als des Rufes Hurra und des heien Siegesdranges. Dazu ruft man nur noch den Segen des Himmels auf den Kampf herab. Denn soviel ist gewiss: dem lieben Gott muss daran gelegen sein, dass das Protokoll vom 8. Mai eingehalten und das Gesetz vom 13. Januar zurckgenommen werde; er muss es so lenken, dass genau so viele Menschen verbluten und Drfer verbrennen als erforderlich ist, damit die Linie von Glckstadt oder die von Augustenburg ber ein gewisses Stck Erde regiere ... O du trichte, grausame, gedankenlose, gngelbandgefhrte Welt! _Das_ war das Ergebnis meiner Geschichtsstudien.
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Vom Kriegsschauplatz her kamen gute Nachrichten. Die Verbndeten siegten Schlag auf Schlag. Nach den ersten Gefechten schon mussten die Dnen das ganze Danewerk rumen, Schleswig und Jtland bis Limfjord wurden von den Unseren besetzt und der Feind behauptete sich nur noch in den Dppeler Schanzen und auf Alsen.
Das wusste ich alles so genau, weil auf den Tischen wieder die stecknadelbespickten Landkarten auflagen, auf welchen die Bewegungen und Stellungen der Truppen, je nach den einlaufenden Berichten, markiert wurden. Wenn wir jetzt auch noch die Dppeler Schanzen nehmen, oder wenn wir gar Alsen erobern, sagten die Olmtzer Brger (denn niemand spricht so gern von den kriegerischen Taten per wir als diejenigen, welche niemals dabei waren), dann sind wir fertig ... Jetzt zeigen doch wieder unsere sterreicher, was sie knnen. Auch die braven Preuen schlagen sich prchtig  die beiden miteinander sind natrlich unberwindlich. Das Ende wird sein, dass ganz Dnemark erobert und dem deutschen Bunde zugeteilt wird  ein glorreicher, glckbringender Krieg!
Auch ich wnschte jetzt nichts sehnlicher, als die Erstrmung von Dppel  je frher, je lieber  denn diese Aktion wrde doch entscheidend sein und der Schlgerei ein Ende machen. Hoffentlich ein Ende machen, ehe Friedrichs Regiment Marschbefehl erhielt.
O dieses Damoklesschwert ... Jeden Tag beim Erwachen frchtete ich mich, dass die Nachricht gebracht werde: Wir marschieren ab! Friedrich war gefasst darauf. Er wnschte es nicht, aber er sah es kommen.
Gewhne dich an den Gedanken, Kind, sagte er mir. Gegen die unerbittliche Notwendigkeit hilft kein Struben. Ich glaube nicht, selbst wenn Dppel fllt, dass der Krieg darum zu Ende sein wird. Die ausgesandte Doppelarmee ist viel zu klein, um den Dnen eine Entscheidung aufzuzwingen; wir werden noch bedeutenden Nachschub schicken mssen  und da wird auch mein Regiment nicht verschont bleiben.
Schon dauerte dieser Feldzug ber zwei Monate, und noch kein Resultat. Wenn sich die grause Partie doch in einem Kampf entscheiden wollte, wie bei dem Duell. Aber nein: ist eine Schlacht verloren, wird eine zweite geliefert; muss eine Position aufgegeben werden, so wird eine andere behauptet, und so fort bis zur Vernichtung des einen oder des anderen Heeres.
Am 14. April endlich wurden die Dppeler Schanzen erstrmt.
Die Nachricht wird mit einem Jubel aufgenommen, als wre hinter diesen Schanzen das nunmehr eroberte Paradies gelegen. Man umarmte sich auf den Straen: Sie wissen schon? Dppel! ... O unser tapferes Heer ... Eine unerhrte Grotat! ... Jetzt danket alle Gott. Und in smtlichen Kirchen Absingung des Tedeums; unter den Militrkapellmeistern emsiges Komponieren von Dppelerschanzenmarsch, Sturm von Dppel-Galopp und so weiter.
Die Kameraden meines Mannes und deren Frauen hatten zwar einen Tropfen Bitterkeit in ihrem Freudenbecher, nicht dabei gewesen zu sein ... bei einem solchen Triumph fehlen zu mssen  solches Pech!
Mir verursachte dieser Sieg eine groe Freude; denn gleich darauf trat in London eine Friedenskonferenz zusammen und vermittelte einen Waffenstillstand. Welches freie Aufatmen dieses Wort Waffenstillstand doch gewhrt! ... Wie msste die Welt erst aufatmen  dachte ich damals zum erstenmal  wenn es allenthalben hiee: _die Waffen nieder_  auf immer nieder! Ich trug das Wort in die roten Hefte ein. Daneben aber schrieb ich verzagt, zwischen Klammern: Utopia.
Dass der Londoner Kongress dem schleswig-holsteinischen Kriege ein Ende machen wrde, daran zweifelte ich gar nicht. Die Verbndeten hatten gesiegt, die Dppeler Schanzen waren genommen  diese Schanzen hatten in letzter Zeit eine so groe Rolle gespielt, dass mir deren Einnahme als endgltig entscheidend erschien  wie wollte Dnemark jetzt noch weiter sich behaupten? Die Verhandlungen zogen sich unglaublich lange hin. Dies wre mir eine Qual gewesen, wenn ich nicht von allem Anfang an die berzeugung gehabt htte, dass das Ergebnis ein befriedigendes sein msse. Wenn die Vertreter mchtiger Staaten, dabei vernnftige wohlmeinende Leute, sich zusammentun, um ein so wnschenswertes Ziel zu erreichen, wie Friedensschlieung, wie knnte das misslingen? Desto entsetzlicher war meine Enttuschung, als nach zwei Monate lang gefhrten Debatten die Nachricht eintraf, dass der Kongress unverrichteter Dinge wieder auseinandergehe.
Und zwei Tage spter kam fr Friedrich  der Marschbefehl!
Zur Vorbereitung und zum Abschied hatte er vierundzwanzig Stunden Zeit. Und ich war auf dem Punkte niederzukommen. In der toddruenden, schweren Stunde, wo eines Weibes einziger Trost darin besteht, den geliebten Mann neben sich zu haben, wrde ich allein bleiben mssen  allein mit dem ber alles bangen Bewusstsein, dass der geliebte Mann in den Krieg gegangen  wissend, dass es ihm ebenso schmerzlich sein musste, in solcher Stunde seine arme Frau zu verlassen, als es mir schmerzlich sein wrde, ihn zu missen ...
Es war am Morgen des 20. Juni. Alle Einzelheiten dieses denkwrdigen Tages sind mir eingeprgt geblieben.
Drauen herrschte drckende Hitze und um diese auszuschlieen, waren die Rollvorhnge in meinem Zimmer herabgelassen. In leichte und lose Gewnder gehllt, lag ich ermattet auf der Chaiselongue. Ich hatte die Nacht ziemlich schlaflos verbracht, und jetzt hatte mir ein traumhafter Halbschlummer die Augen geschlossen. Neben mir, auf einem Tischchen, stand eine Vase mit stark duftenden Rosen. Durch das offene Fenster drang der Ton entfernter Trompetenbungen herein. Das alles wirkte einschlfernd, dennoch hatte mich das Bewusstsein nicht ganz verlassen. Nur die eine Hlfte davon  die Sorgenhlfte  war mir geschwunden. Die Kriegsgefahr und die mir bevorstehende Gefahr hatte ich vergessen: ich wusste nur, dass ich lebte, dass die Rosen  nach dem Rhythmus des Reveille-Signals  betubend se Dfte hauchten; dass mein geliebter Mann jede Minute hereinkommen konnte und, wenn er mich schlafen she, nur ganz leise trte, um mich nicht zu wecken. Und richtig: im nchsten Augenblicke ffnete sich die mir gegenberliegende Tre. Ohne die Lider zu heben, nur durch eine linienbreite Spalte unter den Wimpern  konnte ich sehen, dass es der Erwartete war. Ich machte keinen Versuch, mich aus meinem Halbschlummer herauszureien  dadurch htte ich mglicherweise das ganze Bild verscheuchen knnen, denn vielleicht war die Erscheinung an der Tr nur ein fortgesetzter Traum, und vielleicht trumte ich nur, dass ich die Lider linienbreit geffnet ... Jetzt schloss ich dieselben ganz und gab mir Mhe, weiter zu trumen, dass der Teuere nher kommt  sich herabbeugt und mir die Stirne ksst ...
So geschah es auch. Dann kniete er neben mein Lager nieder und blieb eine Weile regungslos. Noch immer dufteten die Rosen und trarate das ferne Hornsignal ...
Martha, schlfst du, hrte ich ihn leise fragen.
Da schlug ich die Augen auf.
Um Gotteswillen, was ists, rief ich, zu Tode erschreckt  denn das Antlitz des an meiner Seele knienden Gatten war von so tiefer Trauer bergossen, dass ich mit einem Mal erriet, es sei ein Unglck hereingebrochen. Statt zu antworten, legte er sein Haupt an meine Brust.
Ich wusste alles: Er muss fort ... Ich hatte den Arm um seinen Hals geschlungen und so blieben wir beide eine Zeitlang stumm.
Wann? fragte ich endlich.
Morgen frh 
O mein Gott  mein Gott!!
Fasse dich, meine arme Martha 
Nein, nein, lass mich jammern ... Mein Unglck ist zu gro  und ich wei  ich seh dirs an: das deine auch. So viel Schmerz, wie ich vorhin in deinen Zgen gelesen, habe ich noch in keines Menschen Angesicht gesehen.
Ja, mein Weib  ich _bin_ unglcklich. Dich jetzt lassen zu mssen, in einer solchen Zeit 
Friedrich, Friedrich, wir sehen uns nimmer  ich werde sterben ...
~
Es war ein herzzerreiender Abschied, der diese letzten vierundzwanzig Stunden fllte ... Das war nun das zweite Mal im Leben, dass ich einen teuren Gatten zu Felde ziehen sah. Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreiung als die erste. Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere, primitivere gewesen: ich hatte das Ausrcken als eine alle persnlichen Gefhle berwiegende Naturnotwendigkeit  er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition betrachtet. Er ging mit Begeisterung, ich blieb ohne Murren. Noch haftete etwas von der Kriegsbewunderung an mir, die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen; noch fhlte ich dem Hinausstrmenden etwas von dem Stolze nach, welchen er angesichts der groen Unternehmung empfand. Aber jetzt wusste ich, dass der Scheidende eher mit Abscheu, denn mit Jubel an die Mordarbeit ging; ich wusste, dass er das Leben liebte, welches er aufs Spiel setzen musste; dass ihm ber alles  ja, _alles_, auch ber die Rechtsansprche des Augustenburgers  sein Weib teuer war, sein Weib, das in wenigen Tagen Mutter werden sollte. Whrend ich bei Arno die berzeugung gehabt, dass er mit Gefhlen schied, um die er immerhin zu beneiden war, erkannte ich, dass bei dieser zweiten Trennung wir beide gleiches Mitleid verdienten. Ja, wir litten in gleichem Mae, und wir sagten und klagten es einander. Keine Heucheleien, keine leeren Trostphrasen, keine Prahlworte. Wir waren ja eins und keines suchte das andere zu betrgen. Es war noch unser bester Trost, dass jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wusste. Die Gre des ber uns hereingebrochenen Unglckes suchten wir durch keine konventionellen, patriotischen und heroischen Mntelchen und Lrvchen zu verhllen. Nein  die Aussicht, auf Dnen schieen und hauen zu drfen, war ihm keine, gar keine Wettmachung des Leides, mich verlassen zu mssen; im Gegenteile  eher eine Verschrfung: denn Tten und Zerstren widert jeden Edelmenschen an. Und mir war es kein, gar kein Ersatz fr _mein_ Leid, dass der Vielgeliebte etwa um eine Rangstufe vorrcken knnte. Und falls das Unglck der gefhrlichen Trennung noch zum Unglck der ewigen Trennung sich steigerte  sollte Friedrich fallen  so war mir die Staatsraison, wegen welcher dieser Krieg gefhrt werden musste, nicht im entferntesten erhaben und heilig dnkend genug, um solches Opfer aufzuwiegen.  Vaterlandsverteidiger: das ist der schn klingende Titel, mit welchem der Soldat geschmckt wird. Und in der Tat: was kann es fr die Glieder des Gemeinwesens fr eine edlere Pflicht geben, als die, die bedrohte Gemeinschaft zu _verteidigen?_ Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid zu hundert anderen Kriegspflichten als die der Schutzwehr? Warum muss er angreifen gehen, warum muss er  wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall droht  wegen der bloen Besitz- und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder Frsten, dieselben Gter  Leben und Herd  einsetzen, als ob es sich, wie es doch zur Rechtfertigung des Krieges heit, um die Verteidigung des gefhrdeten Lebens und Herdes handelte? Warum musste hier zum Beispiel das sterreichische Heer ausziehen, um den Augustenburger auf das fremde Thrnchen zu setzen? Warum  warum?  das ist ein Fragwort, welches an Papst und Kaiser zu richten, an sich schon hochverrterisch und lcherlich ist, welches dort als Irreligiositt und hier als Illoyalitt gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht ...
Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrcken. Wir waren die ganze Nacht aufgeblieben. Nicht eine Minute des uns noch gebliebenen Zusammenseins hatten wir verlieren wollen.
Es war so viel, was wir uns noch zu sagen hatten, und doch sprachen wir nur wenig. Ksse und Trnen waren es zumeist, welche beredter als alle Worte sagten: Ich hab dich lieb und muss dich lassen. Dazwischen fiel auch wieder ein hoffnungsvolles Wort: Wenn du wiederkommst ... Es war ja mglich ... es kommen ja so viele Heim. Doch sonderbar! ich wiederholte: Wenn du wiederkommst und bemhte mich, mir das Entzckende dieser Eventualitt vorzustellen, aber vergebens: meine Einbildungskraft vermochte kein anderes Bild zu schaffen, als des Gatten Leiche auf der Walstatt oder mich selber auf der Bahre mit einem toten Kind im Arm ...
Friedrich war von hnlich trben Vermutungen erfllt, denn sein Wenn ich wiederkomme klang nicht aufrichtig, und hufiger sprach er von dem, was geschehen sollte, wenn ich bleibe.
Heirate kein drittes Mal, Martha! Versuche nicht durch neue Liebeseindrcke die Erinnerungen dieser herrlichen Jahre ... nicht wahr, es ist eine glckliche Zeit gewesen?
Wir lieen nun hundert kleine Einzelheiten, welche von unserer ersten Begegnung bis zu dieser Stunde sich uns eingeprgt hatten, an unserem Gedchtnis vorberziehen.
Und mein kleines, mein armes kleines, das ich wohl nie an mein Herz drcken werde  wie soll es getauft werden?
Friedrich oder Friederieke.
Nein  Martha ist schner. Wenn es ein Mdchen ist, so nenne ich es mit dem Namen, den sein sterbender Vater zuletzt 
Friedrich  warum sprichst du immer vom Sterben? Wenn du wiederkommst ...
_Wenn_ ... wiederholte er.
Als der Tag zu grauen begann, fielen mir die trnenmden Augen zu. Ein leichter Schimmer senkte sich auf uns beide; mit verschlungenen Armen lagen wir da, ohne das Bewusstsein zu verlieren, dass dies unsere Scheidestunde war.
Pltzlich fuhr ich auf und brach in lautes Sthnen aus. Friedrich erhob sich rasch.
Um Gotteswillen, Martha, was ist dir? ... Doch nicht? ... So sprich ... Etwa ...
Ich nickte bejahend.
War es ein Schrei, oder ein Fluch, oder ein Stogebet, das sich seinen Lippen entrang? Er rissdie Glocke und gab Alarm:
Augenblicklich zum Arzt, zur Wrterin! rief er der herbeigeeilten Dienerin zu. Dann warf er sich an meine Seite kniend nieder und ksste meine herabhngende Hand:
Mein Weib, mein alles! ... Und jetzt  _jetzt_ muss ich fort!
Ich konnte nicht sprechen. Der heftigste physische Schmerz, den man sich vorstellen kann, wand und krmmte meinen Leib und dabei war das Seelenweh doch noch entsetzlicher, dass er jetzt, jetzt fort musste und dass er darber so unglcklich war ...
Bald kamen die Gerufenen herbei und machten sich um mich zu schaffen. Zu gleicher Zeit musste Friedrich die letzte Vorbereitung zum Abmarsch treffen. Nachdem er damit fertig geworden:
Doktor, Doktor, rief er, den Arzt bei beiden Hnden fassend, nicht wahr  Sie versprechen mir  Sie bringen sie durch? Und Sie telegraphieren mir heute noch dort- und dahin? Er nannte die Stationen, welche er auf der Reise berhren sollte. Und wenn eine Gefahr wre ... Ach, was hilfts? unterbrach er sich selber  wenn auch die Gefahr die uerste wre, knnte ich denn zurck?
Es ist hart, Herr Baron, besttigte der Arzt. Aber seien Sie unbesorgt  die Patientin ist jung und krftig ... Heut abend ist alles berstanden und Sie erhalten beruhigende Depeschen.
Ja, Sie werden mir auf jeden Fall gnstig berichten, da ja das Gegenteil nichts ntzen knnte ... Ich _will_ aber die Wahrheit! Hren Sie, Doktor, ich verlange Ihren heiligsten Ehreneid darauf: die _ganze_ Wahrheit! Nur unter dieser Voraussetzung kann eine beruhigende Nachricht mich wirklich beruhigen  sonst halte ich alles fr Lge. Also schwren Sie.
Der Arzt leistete das verlangte Versprechen.
O, mein armer, armer Mann  schnitt es mir durch die Seele.  Wie, wenn du heute noch die Nachricht erhltst, deine Martha liege im Sterben und darfst nicht umkehren, ihr die Augen zuzudrcken ... Du hast wichtigeres zu tun; es gilt des Augustenburgers Thronansprche.  Friedrich! rief ich laut.
Er flog an meine Seite.
Im selben Augenblick schlug die Uhr. Wir hatten noch ein paar Minuten Zeit. Aber auch um diese letzte Frist wurden wir betrogen, denn wieder erfasste mich ein Anfall, und statt der Abschiedsworte konnte ich nur Schmerzenslaute ausstoen.
Gehen Sie, Herr Baron, brechen Sie diesen Auftritt ab, sagte der Arzt. Solche Erregung ist fr die Kranke gefhrlich.
Noch ein Kuss und er strzte hinaus ... mein Wimmern und des Doktors letztes nachklingendes Wort gefhrlich gaben ihm das Geleite.
In welcher Stimmung mag er wohl geschieden sein? Darber gab das Olmtzer Lokalblttchen am nchsten Tage Bescheid:

    Gestern verlie das te Regiment unter klingendem Spiel und flatternden Fahnen unsere Stadt, um sich in den meerumschlungenen Bruderlanden grne Lorbeeren zu holen. Helle Begeisterung erfllte die Reihen, man sah den Leuten die Kampfesfreude aus den Augen leuchten usw. usw. ...

Friedrich hatte vor seiner Abreise noch an Tante Marie telegraphiert, dass ich ihrer Pflege bedrfe, und sie kam einige Stunden spter bei mir an. Sie fand mich bewusstlos und in groer Gefahr.
Mehrere Wochen schwebte ich zwischen Leben und Tod. Mein Kind war am Tage seiner Geburt gestorben. Der moralische Schmerz, den mir der Abschied von dem geliebten Manne verursacht hatte  gerade in dem Zeitpunkt, wo ich aller Krfte bedurft htte, um den physischen Schmerz zu bewltigen  durch den war ich widerstandsunfhig geworden, und es fehlte nicht viel so wre ich unterlegen.
Meinem armen Manne musste der Arzt, seinem eidlichen Versprechen gem, den traurigen Bericht schicken, dass das Kind gestorben und die Wchnerin in Todesgefahr sei.
Was die Nachrichten betraf, die von ihm anlangten, so konnten mir dieselben nicht mitgeteilt werden. Ich kannte niemand und delirierte Tag und Nacht. Ein sonderbares Delirium. Ich habe davon eine schwache Erinnerung in das zurckgekehrte Bewusstsein mit hinbergenommen  aber dies mit vernnftigen Worten wiederzugeben, wre mir unmglich. In dem anormalen Wirbel des fiebernden Hirns bilden sich eben Begriffe und Vorstellungen, fr welche die dem normalen Denken angepasste Sprache keine Ausdrcke hat. Nur soviel kann ich andeuten  ich habe das phantastische Zeug in die roten Hefte einzuzeichnen versucht : dass ich die beiden Ereignisse, den Krieg und meine Niederkunft, miteinander verwechselte; mir war, als wren Kanonen und blanke Waffen  ich fhlte deutlich die Bajonettstiche  das Werkzeug der Geburt und als lge ich da, das Streitobjekt zwischen zwei aufeinander losstrmenden Armeen ... dass mein Gatte fortgezogen, wusste ich; doch sah ich ihn in Gestalt des toten Arno, whrend Friedrich an meiner Seite, als Krankenwrterin verkleidet, den silbernen Storch streichelte. Jeden Augenblick erwartete ich die platzende Granate, welche uns alle drei  Arno, Friedrich und mich zersplittern sollte, damit das Kind zur Welt kommen knne, welches bestimmt war, ber Dnewig, Schlesstein und Holmark zu regieren ... Und das alles tat so unsglich weh und war so berflssig ... Es musste doch irgendwo jemand geben, der es htte ndern und aufheben knnen, der diesen Alp von meiner Brust und von der ganzen Menschheit mittels eines Machtwortes htte abwlzen knnen  und die Sehnsucht verzehrte mich, diesem jemand mich zu Fen zu werfen und zu fliehen: Hilf ab  aus Barmherzigkeit, aus Gerechtigkeit hilf ab!  Die Waffen nieder  nieder!!
Mit diesem Rufe auf den Lippen erwachte ich eines Tages zum Bewusstsein. Mein Vater und Tante Marie standen am Fue des Bettes und beschwichtigend sagte mir der erstere:
Ja, ja, Kind, sei ruhig  alle Waffen nieder 
Dieses Wiedererlangen des Ichgefhls nach langer Geistesabwesenheit ist doch ein eigentmlich Ding. Zuerst die frohe erstaunte Wahrnehmung, dass man lebt, und dann die gespannte, an sich selber gerichtete Frage: wer man eigentlich sei ...
Aber die pltzlich mit vollem Elan hereinbrechende Antwort auf diese Frage verwandelte mir die eben erwachte Daseinslust in heftigen Schmerz. Ich war die kranke Martha Tilling, deren neugeborenes Kind gestorben, deren Mann in den Krieg gezogen war ... Seit wann? Das wusste ich nicht.
Lebt er? Sind Briefe da? Depeschen? war meine erste Frage.
Ja, es hatte sich ein ganzer kleiner Sto von Briefen und Telegrammen angesammelt, welche whrend meiner Krankheit angelangt.
Zumeist waren es nur Anfragen ber _meinen_ Zustand, Bitten um tgliche, um mglichst stndliche Benachrichtigung. Dies natrlich nur, solange der Schreiber an Orten sich befand, wo der Telegraph ihn erreichen konnte.
Man wollte mir nicht gleich erlauben, die Briefe Friedrichs zu lesen;  es htte mich zu sehr aufregen und erschttern knnen, meinten sie, und jetzt, da ich kaum aus dem Delirium erwacht, musste ich vor allem Ruhe haben. So viel konnten sie mir sagen: Friedrich war bis jetzt unversehrt. Er hatte schon mehrere glckliche Gefechte durchgemacht  der Krieg msste bald zu Ende sein; der Feind behauptete sich nur noch auf Alsen; und war dies einmal genommen, so wrden unsere Truppen  ruhmgekrnt  heimkehren.
So sprach mein Vater trstend auf mich ein. Und Tante Marie erzhlte mir meine eigene Krankheitsgeschichte. Es waren nun mehrere Wochen seit dem Tage ihrer Ankunft vergangen, welcher zugleich der Tag war, an welchem Friedrich schied und an welchem mein Kind geboren wurde und starb ... Daran war mir die Erinnerung geblieben, aber was dazwischen lag: des Vaters Ankunft, die laufenden Nachrichten von Friedrich, der Verlauf meiner Krankheit  von dem allen wusste ich nichts. Jetzt erst erfuhr ich, mein Zustand sei ein so schlimmer gewesen, dass die rzte mich bereits aufgegeben hatten und mein Vater gerufen worden war, um mich ein letztes Mal zu sehen. An Friedrich waren die bsen Nachrichten gewissenhaft geschickt worden, aber auch die besseren Nachrichten  seit einigen Tagen nmlich gaben die rzte wieder Hoffnung  mussten zur Stunde schon in seinen Hnden sein.
Wenn er selbst noch am Leben ist  warf ich mit einem schweren Seufzer ein.
Versndige dich nicht, Martha, ermahnte die Tante; der liebe Gott und seine Heiligen werden dich nicht auf unser Flehen hin gerettet haben, um dich dann so heimzusuchen. Auch dein Mann wird dir erhalten bleiben, fr den ich, du kannst es mir glauben, ebenso hei gebetet habe, wie fr dich ... sogar ein Skapulier habe ich ihm nachgeschickt ... Ja, ja  zucke nur die Achseln  aber schaden knnen sie doch keinesfalls, nicht wahr? Und wie viele Beispiele hat man, dass sie gentzt haben ... Du selber bist mir auch wieder ein Beweis, was die Frsprache der Heiligen vermag  denn du warst schon am Rande des Grabes, glaube mir  da habe ich mich an deine Schutzpatronin, die heilige Martha, gewendet 
Und ich, unterbrach mein Vater, welcher in politischer Hinsicht zwar sehr klerikal gesinnt war, in praktischer Hinsicht jedoch durchaus nicht mit seiner Schwester sympathisierte, ich habe aus Wien den Doktor Braun verschrieben, und der hat dich gerettet.
Am nchsten Tage, auf mein dringendes Bitten, wurde mir gestattet, smtliche von Friedrich eingelaufenen Sendungen durchzulesen. Zumeist waren es nur zeilenlange Anfragen oder ebenso lakonische Berichte: Gestern Gefecht  bin unversehrt. Marschieren heute weiter  Depeschen zu adressieren nach ***. Ein lngerer Brief trug auf dem Umschlag den Vermerk: Nur zu bergeben, wenn jede Gefahr vorber ist. Diesen las ich zuerst:

    Mein Alles! Ob Du dieses jemals lesen wirst? Die letzte Nachricht, die ich von Deinem Arzt erhalten, meldete: Patientin in heftigem Fieber: Zustand bedenklich. Bedenklich  den Ausdruck hat der Mann vielleicht aus Schonung gebraucht, um nicht zu sagen hoffnungslos ... _Wenn_ Dir dieses eingehndigt wird, so weit Du ja, dass Du der Gefahr entronnen bist; aber Du mgest denn nachtrglich erfahren, wie mir zu Mute war, whrend ich  am Vorabend einer Schlacht  mir vorstellte, dass mein angebetetes Weib im Sterben liegt. Dass sie nach mir ruft  die Arme nach mir ausstreckt ... Wir hatten uns ja nicht einmal ordentlich Lebewohl gesagt ... Und unser Kind, auf das ich mich so gefreut  tot! Und ich selber morgen  ob mich eine Kugel trifft? Wenn ich vorher wsste, dass Du nicht mehr bist, so wre mir die tdliche Kugel das liebste  aber wenn Du gerettet werden sollst  nein, dann will ich vom Sterben noch nichts wissen. Todesfreudigkeit, dieses widernatrliche von den Feldpredigern uns stets angepriesene Ding, das kann ein glcklicher Mensch nicht empfinden  und wenn Du lebst und ich heimkomme, so habe ich noch unberechenbare Schtze von Glck zu beheben. O, welche _Lebensfreudigkeit_, mit der wir beide noch die Zukunft genieen wollten, wenn uns eine solche beschieden ist!
    Heute trafen wir zum erstenmal mit dem Feind zusammen. Bisher ging unser Weg durch eroberte Lnderstriche, aus welchen die Dnen sich zurckzogen. Rauchende Dorftrmmer, zertretene Saaten, herumliegende Waffen und Tornister, durch Granaten aufgewirbelte Erde, Blutlachen, Pferdeleichen, Massengrber:  das sind die Landschaften und deren Staffage, durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind, um womglich neue Siege daran zu reihen, das heit neue Drfer anzuznden und so weiter ... Das haben wir nun heute auch getan. Die Position ist unser. Hinter uns steht ein Dorf in Flammen. Die Einwohner hatten es zum Glck vorher verlassen. Aber in einem Stall war ein Pferd vergessen worden  ich hrte das verzweifelte Tier stampfen und schreien ... Weit Du, was ich tat? das hat mir wahrlich keinen Orden eingetragen  denn statt ein paar Dnen niederzumachen, sprengte ich auf jenen Stall zu, um das arme Ross zu befreien. Unmglich: schon brannte die Krippe, schon das Stroh unter seinen Hufen, schon seine Mhne ... Da schoss ich ihm zwei Revolverkugeln durch den Kopf  es fiel getroffen nieder und war von dem qualvollen Flammentod gerettet. Dann zurck in den Kampf, in den Mordgestank des Pulvers, in den wsten Lrm knatternder Schsse, strzenden Geblks, wtenden Kriegsgeschreies. Die meisten um mich her, Freund und Feind, waren wohl vom Kriegstaumel erfasst  ich aber blieb in unseliger Nchternheit. Zu Dnenhass konnte ich mich nicht aufschwingen  was taten die Braven, indem sie ber uns herfielen? weiter nichts als ihre Pflicht  Meine Gedanken waren bei Dir, Marthe ... Ich sah Dich auf dem Paradebette liegen, und was ich mir wnschte, war, dass mich eine Kugel treffe. Dazwischen blitzte doch wieder ein Hoffnungsstrahl: Wie, wenn sie lebt? Wie, wenn ich heimkehrte? ...
    Das Gemetzel dauerte ber zwei Stunden und wir behaupteten, wie gesagt, das Feld. Der geschlagene Feind entfloh. Wir verfolgten ihn nicht. Auf dem Platze blieb uns Arbeit genug zu verrichten. Von dem Dorfe einige hundert Schritte entfernt und vom Brande unversehrt geblieben, steht ein groer Meierhof, mit zahlreichen leeren Wohnrumen und Stllen; hier werden wir die Nacht ber ausruhen und hierher haben wir unsere Verwundeten gebracht. Das Begraben der Toten bleibt auf morgen frh. Dabei werden natrlich wieder einige Lebendige verscharrt, denn der Starrkrampf nach Verwundungen ist eine hufige Erscheinung. Manche, die drben geblieben, ob tot, oder verletzt, oder auch unverletzt, werden wir ganz zurcklassen mssen; diejenigen nmlich, welche unter den Trmmern der eingestrzten Huser liegen. Die knnen dann hier, wenn sie tot sind, langsam vermodern; wenn verwundet, langsam verbluten, und wenn unversehrt  langsam verhungern. Und wir  hurra!  knnen weiterziehen, in unseren frischen, frhlichen Krieg ...
    Der nchste Zusammensto wird wohl eine Feldschlacht abgeben. Allem Anschein nach werden sich zwei groe Armeekorps gegenberstehen. Dann kann die Zahl der Toten und Verwundeten leicht in die Zehntausend gehen; denn wenn die Kanonen ihres Vernichtung speienden Amtes walten, so werden beiderseitig die vorderen Reihen schnell weggefegt. Das ist ja eine wunderschne Einrichtung. Aber noch besser wird es sein, wenn einst die Schietechnik so weit vorgeschritten ist, dass jede Armee ein Gescho abfeuern kann, welches die ganze feindliche Armee mit einem Schlag zertrmmert. Vielleicht wrde so das Kriegfhren berhaupt unterbleiben. Der _Gewalt_ knnte dann  wenn zwischen zwei Streitenden die Allgewalt eine gleich groe wre  nicht mehr die Rechtsentscheidung berantwortet werden.
    Warum schreibe ich Dir dies alles? Warum breche ich nicht, wie es einem Kriegsmanne ziemt, in begeisterte Lobeshymnen auf das Kriegshandwerk aus? Warum? Weil ich nach Wahrheit  und nach rckhaltsloser uerung derselben  drste; weil ich jederzeit die lgenhafte Phrase hasse  in diesem Augenblick aber  wo ich dem Tode so nahe bin und wo ich zu Dir spreche, die Du vielleicht auch im Sterben liegst  es mich doppelt drngt, zu sprechen, wie es mir ums Herz ist. Mgen tausend andere auch anders denken, oder doch anders zu sprechen sich verpflichtet dnken, ich will, ich _muss_ es noch einmal gesagt haben, eh ich dem Krieg zum Opfer falle: ich hasse den Krieg. Wrde nur jeder, der das gleiche fhlt, es laut zu verknden wagen  welch ein drhnender Protest schrie da zum Himmel auf! Alles jetzt erschallende Hurra samt dem begleitenden Kanonendonner wrde dann durch den Schlachtruf der nach Menschlichkeit lechzenden Menschheit bertnt, durch das siegesgewisse Krieg dem Kriege!

    4 Uhr frh.
    Obiges schrieb ich gestern nachts. Dann habe ich mich auf einen Strohsack gelegt und ein paar Stunden geschlafen. In einer halben Stunde wird aufgebrochen, und dies kann ich noch der Feldpost bergeben. Alles ist schon wach und rstet zum Abmarsch. Die armen Leute: wenig Ruhe haben sie gefunden, nach der gestern vollbrachten  wenig Krftigung zu der heute zu vollbringenden Blutarbeit ... Vorhin habe ich noch einen Rundgang durch unser improvisiertes Lazarett gemacht, welches hier zurckbleibt. Da sah ich unter den Verwundeten und Sterbenden ein paar, denen ich es gern so gemacht htte wie dem brennenden Pferde: ihnen eine Gnadenkugel durch den Kopf gejagt. Da ist einer, dem der ganze Unterkiefer weggeschossen ist; da ist ein anderer, der  Genug ... Ich kann nicht helfen  niemand kann da helfen als der Tod. Leider ist der oft so langsam ... Wer ihn verzweifelt anruft, dem gegenber stellt er sich taub. Er ist anderweitig viel zu sehr beschftigt, diejenigen hinzuraffen, die inbrnstig auf Genesung hoffen, die ihn flehentlich anrufen: O verschone mich!
    Mein Pferd ist gesattelt  jetzt heit es diese Zeilen schlieen. Leb wohl Martha  _wenn_ Du noch lebst.

Zum Glck befanden sich in dem Briefpaket noch Nachrichten jngeren Datums als das eben angefhrte Schreiben ... Nach der in letzterem vorhergesagten Schlacht hatte Friedrich berichten knnen:

    Der Tag ist unser. Ich bin unversehrt geblieben. Das sind zwei gute Nachrichten  die erste namentlich fr Deinen Vater, die zweite fr Dich. Dass fr unzhlige andere derselbe Tag unzhligen Jammer gebracht hat, vermag ich nicht zu bersehen.

In einem andern Brief erzhlte Friedrich, dass er mit seinem Vetter Gottfried zusammengetroffen:

    Stelle Dir vor, welche berraschung: Wen sehe ich an der Spitze eines Detachements an mir vorber reiten? Tante Korneliens einzigen Sohn. Muss die Arme jetzt doch zittern ... Der Junge selber ist ganz begeistert und kampfesfroh. Ich sah es an seiner stolzen, leuchtenden Miene und er hat es mir auch besttigt. Am selben Abend waren wir zusammen im Lager und ich lie ihn in mein Zelt rufen. Das ist ja herrlich, rief er entzckt, dass wir fr dieselbe Sache kmpfen, Vetter  und nebeneinander! Hab ich nicht Glck, dass gleich im ersten Jahre meiner Leutnantsschaft Krieg ausgebrochen? Ich werde mir ein Verdienstkreuz holen.  Und die Tante  wie hat sie dein Ausrcken aufgenommen?  Wie das nun schon mal der Mtter Brauch: mit Trnen  die sie brigens zu verbergen suchte, um meine Lust nicht zu dmpfen  mit Segenswnschen, mit Kummer und mit Stolz.  Und wie wars Dir selber zu Mute, als Du zum erstenmal ins Gemenge kamst?  O wonnig erhebend!  Du brauchst nicht zu lgen, mein Junge. Nicht der Stabsoffizier fragt nach deinen pflichtschuldigen Leutnantsgefhlen, sondern der Mensch und Freund.  Ich kann nur wiederholen: wonnig und erhebend. Schauerlich  ja ... aber: so groartig! Und das Bewusstsein, dass ich die hchste Mannespflicht erflle mit Gott fr Knig und Vaterland! Und dann: dass ich den Tod, dieses sonst so gefrchtete und gemiedene Gespenst, hier so nahe um mich herum walten sehen  seine Sense auch ber mir erhoben  das versetzt mich in eine eigene, ber die Gewhnlichkeit so erhabene, epische Stimmung ... Die Muse der Geschichte fhle ich uns zu Hupten schweben und unserem Schwert die Siegeskraft verleihen. Ein edler Zorn durchglht mich gegen den frechen Feind, der das Recht der deutschen Lande niedertreten wollte, und es ist mir ein Hochgefhl, diesen Hass befriedigen zu drfen ... das ist ein eigen, geheimnisvolles Ding, dieses Umbringendrfen  nein Umbringen _mssen_  ohne ein Mrder zu sein und mit unerschrockener Preisgebung des eigenen Lebens ...
    So faselte der Knabe weiter. Ich lie ihn reden. Habe ich doch hnliches empfunden, als mich die erste Schlacht umtoste. Episch ja, da hat er das richtige Wort getroffen. Die Heldengedichte und Heldengeschichten, mittels deren uns die Schule zu Kriegen aufzieht, sie sind es, welche dann durch den Donner der Geschtze, durch das Blitzen der blanken Waffen und durch das Feldgeschrei der Kmpfer in unserem Hirn zum Vibrieren gebracht werden. Und die Auergewhnlichkeit, die unverstndliche Auergesetzlichkeit, in der man pltzlich sich befindet, die macht, als wre man in eine andere Welt versetzt ... es ist wie ein Ausblick von dem banalen Erdendasein mit seiner friedlichen brgerlichen Ruhe, in ein titanisches Gewhl von Hllengeistern ... Aber mir war dieser Taumel bald verflogen und nur mhsam kann ich mich in die Empfindungen zurckdenken, wie sie mir der junge Tessow geschildert. Ich habe es zu frh erkannt, dass der Schlachteneifer nichts bermenschliches, sondern  Untermenschliches ist; keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers, sondern eine Reminiszenz aus dem Reiche der Tierheit  ein Wiedererwachen der Bestialitt. Nur wer sich bis zur wilden Mord_lust_ berauschen kann, wer  wie ich das bei manchen unter uns gesehen  mit weit ausgeholtem Hiebe den Schdel eines entwaffneten Feindes spaltet; wer zum Berserker  tiefer noch  zum blutdrstigen Tiger herabgesunken, der hat fr Augenblicke des Kampfes Wollust genossen. Ich nie  mein Weib  glaube es mir, ich nie.
    Gottfried ist entzckt, dass wir sterreicher fr dieselbe gerechte Sache (was wei denn er? Als ob nicht _jede_ Sache im Armeebefehl als die gerechte hingestellt wrde) wie die Preuen eingetreten sind. Ja, wir Deutsche sind doch alle ein einig Volk von Brdern.  Das hat sich schon im dreiigjhrigen Krieg  und auch im siebenjhrigen Krieg gezeigt, schaltete ich halblaut ein. Gottfried berhrte mich und fuhr fort: Freinander, miteinander besiegen wir jeden Feind.  Wie dann, mein Junge, wenn heute oder morgen die Preuen mit den sterreichern kmpfen und wir zwei als Feinde _gegen_einander gestellt werden?  Nicht denkbar. Jetzt, nachdem unser beider Blut fr eine Sache geflossen, jetzt kann doch nie mehr ...  Nie mehr? Ich warne dich vor den Ausdrcken nie und ewig in politischen Dingen. Was die Eintagsfliegen im Reiche der Lebewesen, das sind die Vlkerfeindschaften und Freundschaften im Reiche der geschichtlichen Erscheinungen.
    Ich schreibe das alles nieder, Martha, nicht weil ich glaube, dass es Dich  arme Kranke  interessieren knne; noch, weil ich Dir gegenber Betrachtungen anstellen will: aber ich habe eine Idee, dass ich bleiben werde und da will ich nicht, dass meine Gefhle unausgesprochen mit mir ins Grab versinken. Mein Brief kann  auch noch von anderen als Dir  gefunden und gelesen werden. Es soll nicht ewig verschwiegen und vertuscht bleiben, was sich im Geiste unbefangen denkender und menschlich fhlender Soldaten regt. Ich habs gewagt, war Ulrich von Huttens Wahlspruch. Ich habs gesagt : mit dieser Gewissensberuhigung will ich aus dem Leben geschieden sein.

Die jngste der vorhandenen Nachrichten war vor fnf Tagen abgesendet worden und vor zwei Tagen angekommen. Was kann in fnf Tagen  fnf Kriegstagen  nicht alles geschehen sein? Sorge und Bangen ergriff mich. Warum war gestern, warum heute kein Zeichen angelangt? O diese Sehnsucht nach einem Briefe  lieber noch Telegramme : ich glaube kein von Fieberdurst Gequlter kann so nach Wasser lechzen, wie ich damals nach einer Nachricht lechzte. Ich war gerettet; ihm sollte die groe Freude werden, mich lebend zu finden, wenn   immer dieses wenn  dieses jede Zukunftshoffnung in der Knospe erstickende wenn!
Mein Vater musste wieder abreisen. Nunmehr konnte er mich beruhigt verlassen  die Gefahr war vorber und er hatte schon dringend in Grumitz zu tun. Ich sollte, sobald ich hierzu die ntigen Krfte zurckerlangt, ihm dorthin mit meinem kleinen Rudolf folgen. Der Aufenthalt in der frischen Landluft wrde mich erst vollstndig herstellen knnen, und auch dem Kleinen frderlich sein. Tante Marie blieb zurck; sie wollte mich weiter pflegen und dann mit mir zugleich nach Grumitz fahren, wohin uns Rosa und Lilli schon vorangegangen waren. Ich lie sie reden und fr mich Plne machen. Im Stillen nahm ich mir vor  sobald ich nur halbwegs dazu fhig sein wrde  nach Schleswig-Holstein abzureisen.
Wo Friedrichs Regiment in diesem Augenblicke sich befand, wussten wir nicht. Es war unmglich, ihm eine Depesche zukommen zu lassen, und am liebsten htte ich jede Stunde telegraphiert, um zu fragen: Lebst du?
Du musst dich nicht so aufregen, predigte mein Vater, als er von mir Abschied nahm, sonst bekommst du gar noch einen Rckfall. Zwei Tage ohne Nachricht: was ist das? Doch wahrlich kein Grund zur Besorgnis. Im Felde findet man nicht berall Briefkasten und Telegraphenstationen  abgesehen davon, dass man whrend des Marsches und des Schlagens gar nicht imstande ist, zu schreiben. Die Feldpost funktioniert nicht immer regelmig; da kann man leicht vierzehn Tage nachrichtslos bleiben, ohne dass dies Schlimmes bedeutet. Zu meiner Zeit habe ich oft noch lnger nicht nach Hause geschrieben und man war darum nicht besorgt um mich.
Wie weit du das, Papa? Ich bin berzeugt, die Deinen haben fr Dich ebenso gezittert, wie ich fr Friedrich zittere. Nicht wahr, Tante?
Wir waren gottvertrauender als du, antwortete diese; wir wussten, dass, wenn die gtige Vorsehung es so lenken wollte, dass  ob wir nun Nachrichten erhielten oder keine  dein Vater zu uns zurckkehren wrde.
Und wre ich nicht zurckgekehrt, alle Kuckuck, so waret ihr auch vaterlandliebend genug, um einzusehen, dass eine so geringe Sache, wie eines einzelnen Soldaten Leben, in der groen Sache, fr die er es gelassen hat, gnzlich verschwindet. Du, meine Tochter, bist lange nicht patriotisch genug gesinnt. Aber ich will jetzt mit dir nicht zanken ... Die Hauptsache ist, dass du wieder gesund wirst und dich fr deinen Rudi erhltst, um einen tchtigen Mann und Vaterlandsverteidiger aus ihm heranzubilden.
~
Ich genas nicht so schnell, als man anfangs gehofft. Die fortdauernde Nachrichtenlosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung, dass ich aus dem fieberhaften Zustand gar nicht herauskam. Die Nchte waren mit schauerlichen Phantasien gefllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht oder trbem Hinbrten; dabei war es schwer, wieder zu Krften zu gelangen.
Einmal, nach einer Nacht, da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt  Friedrich  lebend unter einem Haufen von Menschen- und Pferdeleichen verschttet  stellte sich sogar ein Rckfall ein, der mein Leben neuerdings in Gefahr brachte. Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt. Sie hielt es fr ihre Pflicht, mit unablssig Trost und Ergebung zuzusprechen, und ihre Grnde  namentlich die immer wiederkehrende Bestimmung  hatten die Wirkung, mich aufs Hchste aufzubringen; und statt sie ruhig predigen zu lassen, lie ich mich zu leidenschaftlichem Widersprechen, zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick, zu unumwundenen Versichern hinreien, dass mir ihre Bestimmung als ein Unsinn erschiene. Das alles klang natrlich lsterlich und die gute Tante fhlte sich nicht allein persnlich verletzt, sondern zitterte auch fr meine rebellische, jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele ...
Nur ein Mittel gab es, mich fr einige Momente zu beruhigen. Das war, wenn man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte. Du mein geliebtes Kind  du mein Trost, meine Sttze, meine Zukunft! ... so rief ich den Kleinen in meinem Innern an, wenn ich ihn erblickte. Er blieb aber nicht gern in dem traurigen, verhngten Krankenzimmer. Es war ihm wohl unheimlich, seine sonst so lustige Mama jetzt unaufhrlich im Bette liegen zu sehen, verweint und blass. Er wurde selber ganz niedergeschlagen, und so behielt ich ihn immer nur fr kurze Augenblicke bei mir.
Von meinem Vater kamen hufig Anfragen und Nachrichten. Er hatte an Friedrichs Obersten und noch an mehrere andere geschrieben, doch noch keine Antwort erhalten. Wenn eine Verlustliste eintraf, schickte er eine Depesche an mich.
Friedrich nicht dabei.
Ob ihr mich nicht vielleicht betrgt? frage ich einmal die Tante. Ob nicht schon lngst die Todesnachricht da ist  und ihr sie mir verhehlt?
Ich schwre dir ...
Bei deinem Glauben? bei deiner Seele? ...
Bei meiner Seele.
Solche Versicherung tat mir unsglich wohl, denn mit aller Macht klammerte ich mich an meine Hoffnung ... Stndlich erwartete ich das Eintreffen eines Briefes, einer Depesche. Bei jedem Lrm im Nebenzimmer stellte ich mir vor, dass es der Bote sei; fast bestndig waren meine Blicke zur Tr gerichtet, mit der beharrlichen Vorstellung, dass einer da eintreten msse, die beglckende Botschaft in der Hand ... Wenn ich auf jene Tage zurckschaue, so liegen sie wie ein langes, qualvolles Jahr in meiner Erinnerung. Der nchste Lichtblick war nur die Nachricht, dass abermals ein Waffenstillstand abgeschlossen worden sei  das bedeutete diesmal wohl den Frieden. An dem Tage nach dem Eintreffen dieser Neuigkeit stand ich zum erstenmal ein wenig auf. Der Friede! Welch ein ser  wohliger Gedanke ... Vielleicht zu spt fr mich! ... Gleichviel: ich fhlte mich doch unsglich beruhigt: wenigstens brauchte ich mir nicht mehr tglich, stndlich den tosenden Kampf vorzustellen, von welchem Friedrich vielleicht gerade umgeben war ...
Gott sei Dank, jetzt wirst du bald gesund werden, sagte die Tante eines Tages, nachdem sie mir geholfen, mich auf einen Ruhesessel niederzulassen, den man mir zum offenen Fenster geschoben hatte. Und da knnen wir bald nach Grumitz ...
Sobald ich die Kraft habe, reise ich nach  Alsen!
Nach Alsen? Aber Kind, was fllt dir ein?
Ich will dort die Stelle finden, wo Friedlich entweder verwundet oder  ich konnte nicht weitersprechen.
Soll ich den kleinen Rudolf holen? fragte die Tante nach einer Weile. Sie wusste, dass dies das beste Mittel sei, um meine trben Gedanken fr eine Zeit zu verscheuchen.
Nein, jetzt nicht  ich mchte ganz ruhig und allein bleiben ... Auch du ttest mir einen Gefallen, Tante, wenn du in das Nebenzimmer gingest ... vielleicht werde ich ein wenig schlafen. Ich fhle mich so matt ...
Gut, mein Kind, ich will dich in Ruhe lassen ... Hier auf dem Tischchen neben dir steht eine Glocke. Wenn du etwas brauchst, wird gleich jemand zur Hand sein.
War der Brieftrger schon da?
Nein  es ist noch nicht Postzeit.
Wenn er kommt, so wecke mich.
Ich lehnte mich zurck und schloss die Augen. Leisen Schrittes ging die Tante hinaus. Dieses unhrbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen angewhnt.
Nicht schlafen wollte ich, sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben ... Ich befand mich in demselben Zimmer, auf demselben Ruhesessel wie an jenem Vormittage, wo Friedrich gekommen war, mir mitzuteilen: Wir haben Marschbefehl. Es war auch eben so schwl, wie an jenem Tage, und wieder dufteten Rosen in einer Vase neben mir, wieder tnten von der Kaserne Trompetenbungen her. Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals zurckversetzen ... Ich wollte, ich htte wieder so einschlummern knnen und trumen, wie ich damals zu trumen whnte: dass die Tr leise aufging und der geliebte Mann hereintrat ... Die Rosen dufteten immer schwerer und durch das offene Fenster hallten die fernen Tra-ra    allmhlich schwand mir das Bewusstsein der Gegenwart, immer mehr und mehr fhlte ich mich in jene Stunde zurckversetzt  vergessen war alles, was seither vorgefallen, nur die eine fixe Idee war immer intensiver, dass jetzt die Tr sich ffnen msse, um dem Teuren Einlass zu gewhren. Zu diesem Zwecke musste ich aber trumen, dass ich die Augen halb offen hielt. Es war mir eine Anstrengung, dies zu erzwingen, aber es gelang  linienbreit hob ich die Lider und  
... Und da war es, das ersehnte, das beglckende Bild: Friedrich, mein geliebter Friedrich auf der Schwelle ... Laut aufschluchzend und das Gesicht mit beiden Hnden bedeckend, fuhr ich aus meinem traumhaften Zustand auf. Mit einem Schlag war es mir klar geworden, dass dies nur eine Halluzination gewesen, und das himmelshelle Glckslicht, welches von diesem Wahnbild ausgeflossen, lie mir die hllenfinstere Nacht meines Unglcks nur desto schwrzer erscheinen.
O mein Friedrich  mein Verlorener! sthnte ich.
Martha, Weib !
Was war das? Eine wirkliche Stimme  die seine  und wirkliche Arme, die mich strmisch umfingen ... Es war _kein_ Traum: ich lag an meines Mannes Herzen.
~
Wie in der letzten Abschiedsstunde unser Schmerz sich mehr in Trnen und Kssen, denn in Worten geuert hatte  so auch unser Glck in dieser Wiedersehensstunde. Dass man vor Freude wahnsinnig werden kann, ich fhlte es deutlich, als ich den Verlorengeglaubten wieder festhielt, als ich schluchzend und lachend und erregungszitternd immer wieder den teuren Kopf mit beiden Hnden fasste, um ihm Stirn und Augen und Mund zu kssen, unverstndliche Worte stammelnd ...
Auf meinen ersten Jubelschrei war Tante Marie aus dem Nebenzimmer herbeigeeilt. Auch sie hatte von Friedrichs Rckkunft keine Ahnung gehabt und bei seinem Anblick lie sie sich mit einem lauten Jesus, Maria und Joseph! auf den nchsten Sessel fallen.
Es dauerte lange, bis der erste Freudentaumel sich genug gelegt hatte, um gegenseitigen Fragen und Gegenfragen, Mitteilungen und Berichten Raum zu lassen. Dann erfuhren wir, dass Friedrich in einem Bauernhause liegen geblieben war, whrend sein Regiment weiter gezogen. Die Wunde war keine schwere gewesen, dennoch hatte er mehrere Tage bewusstlos im Fieber gelegen. Briefe waren ihm in letzter Zeit keine zugekommen, und es war auch nicht mglich gewesen, solche abzuschicken. Als er genesen, da war der Waffenstillstand bereits erklrt und eigentlich der Krieg zu Ende. Nichts hinderte ihn, nach Hause zu eilen. Jetzt schrieb und telegraphierte er nicht mehr und reiste Tag und Nacht, um so schnell als mglich anzukommen. Ob ich noch am Leben, ob ich auer Gefahr war  das wusste er nicht. Er wollte sich auch gar nicht darum erkundigen  nur hin, nur hin, ohne eine Stunde zu verlieren und ohne seiner Heimfahrt etwa die Hoffnung abzuschneiden, dass er sein Liebstes wiederfindet ... Und diese Hoffnung ward nicht getuscht: jetzt hatte er sein Liebstes wiedergefunden: gerettet und selig  ber die Maen selig ...
Bald bersiedelten wir alle nach meines Vaters Landsitz. Friedrich hatte zur Herstellung seiner Gesundheit einen lngeren Urlaub erhalten und die ihm vom Arzt verordneten Mittel: Ruhe und gute Luft konnte er am besten bei uns in Grumitz finden.
Das war ein glcklicher Nachsommer ... Ich erinnere mich keines Zeitabschnittes in meinem Leben, der schner gewesen wre. Die endliche Vereinigung mit einem lang ersehnten Geliebten mag wohl unendlich sein; aber fast noch ser will mir die Wiedervereinigung mit einem schon halb Verlorengegebenen scheinen. Wenn ich mich fr einen Moment in das Angstgefhl zurckversetze, welches mich vor Friedrichs Rckkunft erfllte, oder mir die Bilder heraufbeschwor, welche meine Fiebernchte geqult hatten  Friedrich, allerlei Todesqual erleidend  und mich dann an seinem Anblick weidete, so jubelte mir das Herz. Ich hatte ihn jetzt noch lieber, noch hundertmal lieber, den wiedererlangten Gatten, und ich empfand seinen Besitz als einen immer anwachsenden Reichtum. Schon hatte ich mich fr eine Bettlerin gehalten  und jetzt:  die Freudenmillion war mein!
Die ganze Familie war in Grumitz versammelt. Auch Otto, mein Bruder, brachte seine Ferien bei uns zu. Er war jetzt fnfzehn Jahre alt und sollte noch drei Jahre in der Wiener-Neustdter Militrakademie zubringen. Ein herziges Brschchen, mein Bruder, und des Vaters Liebling und Stolz. Er sowohl, als Lilli und Rosa fllten das Haus mit ihrer Lustigkeit. Das war ein ewiges Lachen und Springen und Ball- und Raquette-Spiel und allerlei tolles Streichemachen. Vetter Konrad, dessen Regiment unweit Grumitz in Garnison lag, kam so hufig als mglich herbergeritten und hielt bei den Ausgelassenheiten der Jungen wacker mit. Eine zweite Partie bildeten die Alten  nmlich Tante Marie, mein Vater und einige als Gste bei uns weilende Kameraden des letzteren. Unter diesen wurde fleiig Karten gespielt, gemigte Parkpromenaden gemacht, den Tafelfreuden gehuldigt und unabsehbar viel kannegegossen. Die eben stattgehabten kriegerischen Ereignisse und die durch letztere durchaus nicht zum Abschluss gebrachte schleswig-holsteinische Frage boten ein ergiebiges Feld hierzu. Friedrich und ich lebten von den anderen eigentlich so ziemlich abgeschieden  nur zu den Mahlzeiten trafen wir mit ihnen zusammen  und auch das nicht immer. Man lie uns gewhren. Es galt als ausgemacht, dass wir in einer zweiten Auflage des Honigmondes uns befanden und uns Einsamkeit gebhre. Und wir waren auch am liebsten allein. Nicht etwa, um, wie die anderen vermutlich glaubten, in Honigmondesart zu schkern und zu kosen  dazu waren wir doch nicht neuvermhlt genug; aber weil wir im gegenseitigen Umgang die meiste Befriedigung fanden. Nach den krzlich durchgemachten schweren Sorgen konnten wir die naive Munterkeit der Jugendpartei nicht teilen und noch weniger sympathisierten wir mit den Interessen und Unterhaltungen der Wrdenspersonen, und so zogen wir es vor  unter dem uns stillschweigend zuerkannten Privilegium eines verliebten Paares  uns ein gutes Stck Abgeschiedenheit zu wahren. Wir unternahmen zusammen lange Spaziergnge, mitunter Ausflge in die Umgebung, wobei wir den ganzen Tag abwesend blieben; viele Stunden verbrachten wir zu zweien im Bibliothekzimmer, und abends, wenn die verschiedenen Spielkarten in Angriff genommen wurden, zogen wir uns in unsere Gemcher zurck, wo wir bei Tee und Zigarre unsere vertraulichen Plaudereien wieder aufnahmen. Wir fanden immer unendlich viel uns zu sagen. Am liebsten erzhlten wir einander von den Trauer- und Schreckgefhlen, die wir whrend unserer Trennungszeit empfunden, dies weckte die Freude unseres Wiederfindens immer aufs neue. Wir kamen berein, dass Todesahnungen und dergleichen nichts als Aberglaube seien, denn beide waren wir seit der Stunde unseres Abschiedes von der Voraussicht erfllt gewesen, dass eins oder das andere sterben msse  und jetzt hatten wir uns wieder! Friedrich musste mir genau alle die Gefahren und Leiden erzhlen, die er eben durchgemacht und die Greuelbilder des Schlachtfeldes und des Lazaretts beschreiben, welche er neuerdings in seine schaudernde Seele aufgenommen. Ich liebte den Ton des Unwissens und des Schmerzes, der bei solchen Berichten in seiner Stimme zitterte. Aus der Art, wie er von den Grausamkeiten sprach, deren Zeuge er im Kriegsgetmmel gewesen war, hrte ich die Verheiung der Edelmenschlichkeit heraus, welche berufen ist, erst bei einzelnen, spter bei vielen, endlich bei  allen die Barbarei zu berwinden.
Auch mein Vater und Otto forderten Friedrich hufig auf, Episoden aus dem stattgehabten Feldzuge zum besten zu geben. Freilich geschah dies in ganz anderem Geiste, als wenn ich um eine solche Erzhlung bat, und in anderem Geiste war denn auch Friedrichs Vortrag gehalten. Er begngte sich damit, die Namen der genommenen und der verteidigten Ortschaften zu berichten, einzelne Lagerszenen zu beschreiben, Worte zu wiederholen, welche von den Heerfhrern gesprochen wurden, und was dergleichen Kriegsmiszellen mehr sind. Sein Auditorium war entzckt davon; mein Vater lauschte mit Genugtuung, Otto mit Bewunderung, die Generle mit sachverstndiger Wichtigkeit. Nur ich konnte an dieser trockenen Erzhlungsweise keinen Geschmack finden; ich wusste, dass dieselbe eine ganze Welt von Gefhlen und Gedanken verschwieg, welche die berichteten Dinge in des Erzhlers Seelengrund geweckt hatten. Als ich ihm einst unter vier Augen darber einen Vorwurf machte, entgegnete er:
Falschheit? Unaufrichtigkeit? Mangel an Meinungsmut? Nein, liebes Kind, du irrst  bloe Anstndigkeit ist es. Erinnerst du dich unserer Hochzeitsreise  unserer Abfahrt von Wien, das erste Alleinsein im Waggon  die Nacht im Prager Hotel? Hast du die Einzelheiten jener Stunden jemals hier erzhlt  und jemals deinen Freunden und Verwandten die Gefhle und Regungen dieser Rosenzeit geschildert?
Nein, gewiss nicht ... von solchen Dingen schweigt wohl jede Frau ...
Nun siehst du, es gibt auch Dinge, von welchen jeder Mann zu schweigen pflegt. Ihr drft von euren Liebesfreuden nichts berichten; wir nichts von unseren Kriegsleiden. Ersteres knnte _eure_ Haupttugend  die Keuschheit  blostellen; letzteres die unsere  den Mut. Die Wonnen der Flitterwochen und die Schrecken des Schlachtfeldes: davon kann doch in gesitteter Gesellschaft kein weibliches Weib, kein mnnlicher Mann etwas erzhlen. Wie? Du httest in der Verzckung der Liebe se Trnen vergossen  wie?  ich htte unter dem Hieb der Todessense aufgeschrien  wie knntest du dich zu solcher Sinnlichkeit, wie drfte ich zu solcher Feigheit mich bekennen?
Und _hast_ du geschrien  hast du gezittert, Friedrich? Mir kannst du es sagen. Ich verschweige dir auch die Geheimnisse meiner Liebesfreuden nicht, so magst du 
Dir das Todesbangen eingestehen, das uns Soldaten auf der Walstatt erfasst? Wie wre es denn anders mglich? Die Phrase und die Dichtung lgt darber hinweg  die durch Phrase und Dichtung knstlich angefachte Begeisterung vermag sogar den Naturtrieb der Selbsterhaltung _momentan_ zu berwinden  aber nur momentan ... Bei den Rohen kann auch mitunter Mord- und Zerstrungslust die Angst um das eigene Leben verscheuchen; bei den Ehrenfesten wird der Stolz vermgen, die uere Kundgebung dieser Angst zu unterdrcken ... Aber wie viele habe ich sthnen und wimmern gehrt, von den armen jungen Burschen  welche verzweifelnde Blicke, welch todesfurchtverzerrte Gesichter hab ich gesehen  welche wilde Klagen und Flche und flehendes Bitten vernommen!
Und das hat dir weh getan, du mein Guter, Milder?
Oft zum Aufschreien weh, Martha. Und doch weniger, als es meiner Mitleidsfhigkeit eigentlich entsprche ... Man sollte glauben, wenn man beim Anblick eines vereinzelten Leidens von Mitgefhl ergriffen ist, dass vertausendfachtes Leid auch tausendmal strkeres Mitgefhl wecken msste. Aber das Gegenteil tritt ein: die Massenhaftigkeit stumpfte ab. Man kann den einen nicht so heftig bedauern, wenn man um ihn herum 999 ebenso Unglckliche sieht. Aber wenn man auch die Fhigkeit nicht hat, ber einen gewissen Grad von Mitschmerz hinaus zu _fhlen_  zu denken und zu berechnen vermag man es doch, dass die unfassbare Jammerquantitt vorhanden ist 
Das vermagst du und ein paar anders , doch die meisten denken und berechnen nicht.
Denken nicht, wiederholte er. Gott seis geklagt, das ist an allen beln schuld: die meisten denken nicht.
~
Es war mir gelungen, Friedrich zu dem Entschlusse zu bewegen, den Dienst zu verlassen. Der Umstand, dass er  nach seiner Verheiratung  noch ber ein Jahr gedient und mit Auszeichnung einen Feldzug mitgemacht, schtzte ihn vor dem meinem Vater in der Brautzeit aufgestiegenen Verdacht, dass die ganze Heirat nur den Zweck hatte, seine Laufbahn aufgeben zu knnen. Jetzt, wenn der Friede, dessen Prliminarien im Gange waren, geschlossen sein wrde, und da voraussichtlich lange Jahre des Friedens bevorstanden  jetzt hatte ein Austritt aus dem Militrverband nichts Ehrverletzendes an sich. Zwar widerstrebte es noch einigermaen Friedrichs Stolz, auf Stellung und Einkommen zu verzichten, um, wie er sagte, nichts zu tun, nichts zu sein und nichts zu haben; aber seine Liebe zu mir war doch ein mchtigeres Gefhl als sein Stolz, und er konnte meinen Bitten nicht widerstehen. Ich erklrte, ein zweites Mal knne ich die Seelenangst nicht durchmachen, die mir die letzte Trennung verursacht  und er mochte wohl selber solchen Schmerz nicht wieder auf uns beide herabbeschwren. Das Zartgefhl, welches vor seiner Verheiratung mit mir ihn vor der Idee zurckschrecken lie, von dem Vermgen der reichen Frau zu leben, das war jetzt nicht mehr im Spiele, denn wir waren so sehr _eins_ geworden, dass zwischen mein und dein kein fhlbarer Unterschied mehr waltete, und verstanden einander so gut, dass er eine Missbeurteilung seines Charakters von meiner Seite nicht mehr befrchten durfte. Der letzte Feldzug hatte zudem seine Abneigung gegen die Mordpflichten des Krieges noch so sehr vergrert und das rckhaltlose Aussprechen dieser Abneigung hatte dieselbe so gefestigt, dass ihm das Quittieren nicht nur als eine unserem huslichen Glcke gemachte Konzession, sondern zugleich als eine Bettigung seiner Gesinnung, als einen berzeugungstribut erscheinen lie, und so versprach er mir, im kommenden Herbste  bis dahin mussten die Friedensverhandlungen doch beendet sein  seinen Abschied zu nehmen.
Wir planten, mit meinem, gegenwrtig im Bankhause Schmitt & Shne liegenden Vermgen ein Gut zu kaufen, an dessen Bewirtschaftung Friedrich Beschftigung finden wrde. Damit sollte der erste Teil seiner Sorge nichts zu tun, nichts zu sein und nichts zu haben, schon beseitigt werden. Fr das Sein und Haben wurde auch Abhilfe geschaffen:
Sein: k.k. Oberst a.D. und ein glcklicher Mensch  ist das nicht genug? fragte ich. Und haben: Du hast uns  mich und Rudi   die Kommenden ... ist das nicht auch genug?
Er schloss mich lachend in die Arme.
Meinem Vater und den anderen wollten wir von unseren Plnen vorlufig noch nichts mitteilen. Jedenfalls wrden jene Einwnde erheben, Ratschlge erteilen, Rgen aussprechen  und das war jetzt noch berflssig. Spter wrden wir uns ber derlei hinauszusetzen wissen: denn wenn sich zwei alles in allem sind, prallt jede fremde Meinung wirkungslos von ihnen ab. Diese gewonnene Sicherheit fr die Zukunft erhhte noch den Genuss der Gegenwart, welche sich ohnehin von der Folie der durchgemachten schweren Vergangenheit so vorteilhaft abhob ... ich kann es nur wiederholen: es war eine schne Zeit.
Mein Sohn Rudolf, nunmehr ein siebenjhriger kleiner Mann, fing jetzt an lesen und schreiben zu lernen, und seine Lehrerin  war ich. Ich htte keiner Bonne die Freude gegnnt  was ihr brigens vermutlich gar keine gewesen wre  diese kleine Seele langsam sich entfalten zu sehen und derselben die ersten berraschungen des Wissens beizubringen. Oftmals war der Kleine unser Begleiter auf unseren Spaziergngen und wir wurden nicht mde, die Fragen, welche seine erwachende Wissbegier an uns stellte, zu beantworten. Zu beantworten so gut und so weit wir konnten. Auf Lgen lieen wir uns nicht ein. Wir scheuten uns nicht, solche Fragen, auf die wir keinen Bescheid wuten  auf die _kein_ Mensch Bescheid wei  mit einem aufrichtigen das wei man nicht, Rudi zu beantworten. Anfnglich geschah es, dass Rudolf, mit solcher Antwort nicht zufrieden, seine Frage nochmals bei Tante Marie, bei seinem Grovater oder bei  der Kinderfrau vorbrachte, und da wurden ihm stets unzweifelhafte Aufschlsse zu teil. Triumphierend kam er dann zu uns: Ihr wisst nicht, wie alt der Mond ist? Ich wei es jetzt: sechstausend Jahre  merkt euch das. Friedrich und ich wechselten einen stummen Blick. Ein ganzes Buch pdagogischer Klagen und Bedenken lag in diesem Blick und diesem Schweigen.
Besonders unliebsam war mir die Soldatenspielerei, welche sowohl mein Vater wie mein Bruder mit dem Kleinen trieben. Die Begriffe von Feind und von Dreinhauen wurden ihm beigebracht, ich wei gar nicht wie. Eines Tages kamen wir dazu, Friedrich und ich, wie Rudolf mit einer Reitgerte unbarmherzig auf zwei wimmernde junge Hunde einhieb.
Das ist ein falscher Italiener, sagte er, auf das eine der armen Tierchen ausholend, und das  auf das andere  ein frecher Dne.
Friedrich riss dem Nationenzchter die Gerte aus der Hand:
Und das ist ein herzloser sterreicher, sagte er, indem er ein paar tchtige Schlge auf Rudolfs Schultern fallen lie. Italiener und Dne liefen vergngt davon, und das Wimmern wurde jetzt von unserem kleinen Landsmann besorgt.
Bist du mir bse, Martha, dass ich deinen Sohn geschlagen? Ich bin sonst wahrlich nicht fr die Prgelstrafe eingenommen, aber Grausamkeit gegen Tiere kann mich entrsten 
Du hast recht getan, unterbrach ich.
Also nur gegen Menschen ... darf man ... grausam sein? fragte der Kleine mitten in seinem Schluchzen.
Auch nicht  noch weniger 
Du hast doch selber auf Italiener und Dnen gehaut?
Das waren Feinde 
Die also darf man hassen?
Und heute oder morgen  wandte sich Friedrich leise an mich  wird ihm der Pfarrer sagen, dass man seine Feinde lieben solle  o Logik! Dann laut zu Rudolf: Nicht, weil wir sie hassen, drfen wir unsere Feinde schlagen, sondern weil sie _uns_ schlagen wollen.
Und warum wollen sie uns schlagen?
Weil wir _sie_  nein, nein, unterbrach er sich, aus diesem Zirkel find ich keinen Ausweg. Geh spielen, Rudi  wir verzeihen dir  aber tus nicht wieder.
Vetter Konrad machte, wie mir schien, einige Fortschritte in Lillis Gnade. Es geht doch nichts ber Ausdauer. Ich htte diese Verbindung sehr gern gesehen, und beobachtete mit Vergngen, wie die Blicke meiner Schwester froh aufleuchteten, wenn von weitem der Hufschlag von Konrads Pferde sich vernehmen lie, und wie sie seufzte, wenn er wieder davonritt. Er machte ihr nicht mehr den Hof, das heit er sprach nichts von seiner Liebe, brachte seine Werbung nicht von neuem vor  dennoch war sein Benehmen eine regelrechte Belagerung.
Wie es verschiedene Arten gibt, eine Festung zu nehmen, so erklrte er mir eines Tages,  durch Sturm,  durch Hunger  so gibt es auch mehrfache Mittel, ein Frauenherz zur Kapitulation zu bringen. Darunter eins der wirksamsten: die Gewohnheit  die Rhrung ... Es muss sie doch rhren, dass ich so beharrlich liebe, dabei so beharrlich schweige und immer wiederkomme. Wenn ich ausbliebe, risse das eine gewaltige Lcke in ihre Existenz; und wenn ich noch eine Zeitlang so fortfahre, so wird sie ohne mich es gar nicht mehr aushalten.
Und wieviel mal sieben Jahre gedenkst du so um deine Erkorene zu dienen?
Das habe ich nicht berechnet ... so lange, bis sie mich nimmt.
Ich bewundere dich. Gibt es denn gar keine anderen Mdchen auf der Welt?
Fr mich nicht. Ich habe mir die Lilli in den Kopf gesetzt. Sie hat ein gewisses Etwas um die Mundwinkel, im Gang, in der Art zu sprechen, das mir keine andere ersetzen kann ... Du, Martha, bist zum Beispiel zehnmal hbscher und hundertmal gescheiter 
Danke.
Aber ich wollte dich nicht zur Frau.
Danke.
Eben weil du zu gescheit bist  du wrdest mich so gewiss von oben herab ansehen. Mein Kreuzchen am Kragen, mein Sbel, die Sporen imponieren dir nicht. Lilli hat doch Respekt vor einem streitbaren Mann  ich wei, sie betet das Militr an, whrend du 
Ich habe doch zweimal Militrs geheiratet, erwiderte ich lchelnd.
~
Whrend der Mahlzeiten, an dem oberen Ende der Tafel, wo mein Vater und seine alten Freunde den Ton angaben und wo auch ich und Friedrich saen  die Jugend war am anderen Ende und unterhielt sich untereinander  wurde zumeist politisiert; das war so der alten Herren Lieblingsgesprchsstoff. Die schwebenden Friedensverhandlungen boten gengenden Anlass zu dieser Weisheitsentfaltung; denn dass politische Errterungen die gediegenste und ernster Mnner wrdigste Unterhaltung sei, das steht bei den meisten Leuten fest. Aus Galanterie und in freundlicher Rcksicht auf meine weibliche Verstandesschwche, sagte wohl mitunter einer der Generle: Diese Dinge knnen unsere junge Baronin Martha kaum interessieren  wir sollten darber nur sprechen, wenn wir unter uns sind, nicht wahr, schnes Frauchen?
Aber dagegen verwahrte ich mich und bat ernstlich, das Gesprch fortzusetzen. Ich nahm an den Vorgngen in der militrischen und diplomatischen Welt wirklichen und gespannten Anteil. Nicht vom selben Standpunkt, wie diese Herren; doch war mir daran gelegen, die dnische Frage, deren Ursprung und Verlauf ich anlsslich des Krieges so aufmerksam studiert hatte, bis zu ihrem endgltigen Abschluss zu verfolgen. Jetzt, nach diesen Kmpfen und Siegen, htte es wohl entschieden sein sollen, was mit den fraglichen Herzogtmern zu geschehen habe  aber immer noch schwebten die Fragen und die Zweifel. Der Augustenburger  der famose Augustenburger, wegen dessen altbegrndeten Rechten der ganze Streit entbrannt war  war er denn jetzt eingesetzt? Durchaus nicht. Sogar ein ganz neuer Prtendent erschien auf dem Plan. Mit Glcksburg und Gottorp und wie alle die Linien und Nebenlinien heien, deren Namen ich mir mhsam angeeignet hatte, wars noch nicht genug. Jetzt trat Russland auf und schob dem Augustenburger einen _Oldenburger_ vor. Das Resultat des Krieges aber war bisher, dass weder einem Glcks-, noch Augusten-, noch Olden-, noch sonst einem -burger die Herzogtmer gehren sollten, sondern den verbndeten Siegern. Folgendes, so erfuhr ich, waren die Artikel der eben im Gang befindlichen Friedensunterhandlungen:

    1. Dnemark tritt die Herzogtmer an sterreich und Preuen ab.
    Damit war ich zufrieden. Die Verbndeten wrden sich nun natrlich beeilen, das nicht fr sich, sondern fr einen anderen eroberte Land diesem anderen zu bergeben.

    2. Die Grenze wird genau reguliert.
    Das wre auch ganz hbsch; wenn nur diese Regulierungen ein bisschen mehr Verharrungskraft htten; aber es ist ja erbrmlich, welche ewige Verschiebungen solche blaue und grne Striche auf den Landkarten unaufhrlich zu erleiden haben.

    3. Die Staatsschulden werden nach dem Ma der Bevlkerung verteilt.
    Das verstand ich nicht. Bis zu volkswirtschaftlichen und finanziellen Fragen hatte ich mich in meinen Studien nicht aufgeschwungen; ich nahm an der Politik nur insofern Anteil, als sie auf Krieg und Frieden Bezug hatte, denn dies war mir  als Mensch und Gattin  Herzensfrage.

    4. Die Kriegskosten tragen die Herzogtmer.
    Das war mir wieder einigermaen klar. Das Land war verwstet worden, die Saaten zertreten, dessen Shne gettet: einiger Ersatz gebhrte ihm doch  nun denn: es durfte die Kriegskosten tragen.

Und was gibt es heute neues mit Schleswig-Holstein? fragte ich selber, wenn das Gesprch noch nicht auf das politische Gebiet gelenkt worden war.
Das neueste ist, berichtete am 13. August mein Vater, dass Herr von Beust an den Bundestag die Frage gestellt hat, mit welchem Rechte die Verbndeten sich die Herzogtmer von einem Knige _abtreten_ lieen, den der Bund gar nicht als rechtmigen Besitzer anerkannt hatte.
Das ist eigentlich ein ganz vernnftiger Einwand, bemerkte ich: denn es hie ja doch, der Protokoll-Prinz sei nicht der legitime Herr der deutschen Lande, und nun lasst ihr euch feierlich von Christian IX. 
Das verstehst du nicht, Kind,  unterbrach mein Vater. Eine Frechheit, eine Schikane ist es von diesem Herrn von Beust, weiter nichts. Die Herzogtmer gehren ohnehin schon uns, da wir sie erobert haben.
Aber doch nicht fr euch erobert?  es hie: fr den Augustenburger.
Das verstehst du wieder nicht. Die Grnde, welche vor Ausbruch eines Krieges von den Kabinetten als Veranlassung desselben angegeben werden, die treten in den Hintergrund, sobald die Schlachten einmal geschlagen worden. Da bringen die Siege und Niederlagen ganz neue Kombinationen hervor; dann vermindern und vermehren und bilden sich die Reiche in vorher ungeahnten Verhltnissen.
Also sind die Grnde eigentlich keine Grnde, sondern Vorwnde gewesen? fragte ich.
Vorwnde? nein  kam einer der Generle meinem Vater zu Hilfe.  Anlsse vielmehr, Anste zu den Ereignissen, welche sich dann selbstndig nach Mastab der Erfolge gestalten.
Htte ich zu sprechen, sagte mein Vater, so wrde ich nach Dppel und Alsen wahrlich zu keinen Friedensverhandlungen mich hergegeben haben  ganz Dnemark htte man erobern knnen.
Und was damit?
Dem deutschen Bunde einverleiben.
Du bist doch sonst nur spezifisch sterreichischer Patriot, lieber Vater  Was liegt dir an der Vergrerung Deutschlands?
Hast du vergessen, dass die Habsburger deutsche Kaiser waren und es wieder werden knnen?
Das wrde dich freuen?
Welchen sterreicher sollte dies nicht mit Freude und Stolz erfllen?
Wie aber, meinte Friedrich, wenn die andere deutsche Gromacht gleiche Trume nhrte?
Mein Vater lachte laut auf:
Die Krone des heiligen rmisch-deutschen Reiches auf dem Haupte eines protestantischen Knigleins? Bist du bei Trost?
Wenn jetzt nur nicht, bemerkte Dr. Bresser, zwischen den beiden Mchten ber das Objekt, fr welches sie vereint gefochten haben, ein Streit entsteht. Die Elbprovinzen erobern  das war eine Kleinigkeit  aber was nun damit anfangen? Das kann noch zu allerlei Verwickelungen Anlass geben. Jeder Krieg  was immer dessen Ausgang sei  enthlt unweigerlich den Keim eines folgenden Krieges in sich. Ganz natrlich: ein Gewaltakt verletzt immer irgend ein Recht. Dieses erhebt ber kurz oder lang seine Ansprche und der neue Konflikt bricht aus  wird dann von neuem durch unrechtsschwangere Gewalt zum Austrag gebracht  und so ins Unendliche.
Einige Tage spter gab es wieder eine Neuigkeit. Knig Wilhelm von Preuen stattete unserem Kaiser in Schnbrunn einen Besuch ab. uerst herzlicher Empfang, Umarmung. Aufgehisste preuische Adler. Von allen Militrkapellen vorgetragene preuische Volkshymne. Jubelnde Hochrufe. Mir waren diese Berichte wohltuend, denn durch sie wurde die schlimme Prophezeiung Doktor Bressers zuschanden gemacht, dass die beiden Mchte ber das gemeinschaftlich befreite Lndchen miteinander in Streit geraten wrden. Dieser beruhigten Zuversicht gaben auch allenthalben die Zeitungen Ausdruck.
Mein Vater freute sich gleichfalls ber die freundschaftlichen Kundgebungen in Schnbrunn. Aber nicht vom friedlichen, sondern vom kriegerischen Standpunkte aus.
Ich bin froh, sagte er, dass wir nun einen neuen Alliierten haben. Mit Preuen im Bunde werden wir  ebenso leicht, wie wir die Elbherzogtmer erobert haben  uns die Lombardei zurckholen knnen.
Das wird Napoleon III. nicht zugeben, und mit dem wird sich der Preue auch nicht brouillieren wollen, meinte einer der Generle. Es ist ohnehin ein schlechtes Zeichen, dass Benedetti, sterreichs rgster Feind, jetzt Gesandter in Berlin ist.
Aber sagt mir doch, ihr Herren, rief ich, die Hnde faltend, warum schlieen denn nicht die smtlichen gesitteten Mchte Europas einen Bund? das wre doch das einfachste. ...
Die Herren zuckten die Achseln, lchelten berlegen und gaben mir keine Antwort. Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen, wie sie die Damen zu sagen pflegen, wenn sie sich in das ihnen unzugngliche Gebiet der hheren Politik wagen.
~
Der Herbst war gekommen. Am 30. Oktober wurde zu Wien der Friede unterzeichnet und somit war der Zeitpunkt da, wo mein Lieblingswunsch  Friedrichs Quittierung  erfllt werden sollte.
Aber der Mensch denkt und die Umstnde lenken. Es traf ein Ereignis ein  ein schwerer Schlag fr mich  das unsere so froh gehegten Plne scheitern machte. Einfach dies: das Haus Schmitt & Shne brach zusammen, und mein gesamtes Privatvermgen war hin.
Auch eine Folge des Krieges, dieses Fallissement. Nicht nur die Mauern, auf welche sie gezielt sind, schieen die Karttschen und Bomben zusammen : durch diese Erschtterung fallen auch in weitem Umkreis Bankhuser und Kreditgebude in Trmmer ...
Ich war darum nicht  wie so manche andere  an den Bettelstab gebracht; denn mein Vater wrde es mir an nichts fehlen lassen. Aber mit dem Quittierungsplane war es jetzt vorbei. Wir waren keine unabhngigen Leute mehr; jetzt war Friedrichs Gehalt unsere einzige selbstndige Hilfsquelle. Wenn mir mein Vater auch eine gengende Zulage gewhren wrde  unter solchen Umstnden war es ausgeschlossen, dass Friedrich den Dienst verlasse. Ich selber konnte es ihm nicht zumuten: welche Rolle htte er da meinem Vater gegenber gespielt?
Es war nichts zu machen  wir mussten uns fgen. Bestimmung htte Tante Marie gesagt. Von der Krnkung, die ich ber diesen bedeutenden pekuniren Verlust empfand  es handelte sich um mehrere Hunderttausend  wei ich nicht viel zu berichten. Es finden sich nmlich in meinem Tagebuche keine weitlufigen Eintragungen darber, und auch mein Gedchtnis  das seither so viel tiefer schmerzende Eindrcke aufgenommen hat  weist von diesen Vorfllen keine sehr lebhaften Spuren mehr auf. Ich wei nur, dass mir hauptschlich um das schne Luftschloss leid war, welches wir uns da gebaut hatten: Quittierung, Gutsankauf, unabhngige, von der sogenannten Welt abgeschiedene Existenz; im brigen traf mich der Verlust nicht gar so schwer. Denn, wie gesagt: mein Vater wrde mir bei seinen Lebzeiten nichts abgehen lassen und hernach mir ein gengendes Erbe hinterlassen; auch meinem Sohn Rudolf stand in Zukunft sicherer Reichtum bevor. Eins trstete mich: es war ja nicht der mindeste Krieg in Sicht: man konnte gut auf zehn bis zwanzig Friedensjahre hoffen.  Bis dahin! ...
Schleswig-Holstein und Lauenburg waren im Vertrag vom 30. Oktober endgltig an Preuen und sterreich zu freier Verfgung abgetreten. Diese beiden, nunmehr die besten Freunde, wrden sich dieses Erfolges freuen, die hieraus erwachsenen Vorteile brderlich teilen und keinen Grund finden zu streiten. Nirgends  am ganzen politischen Horizont  der berchtigte schwarze Punkt. Die Scharte der in Italien erlittenen Niederlage war durch den in Schleswig-Holstein geholten Waffenruhm gengend ausgewetzt, es lag also auch fr den militrischen Ehrgeiz keine Veranlassung mehr vor, neue Feldzge heraufzubeschwren. In dieser Hinsicht also war ich beruhigt. dass der Krieg vor so kurzer Zeit _gewesen_, fasste ich als Brgschaft auf, dass derselbe sich nicht so bald wiederholen wrde. Auf Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein vergisst man den Regen. Auch nach Erdbeben und Vulkanausbrchen bauen die Menschen auf der Schuttflche wieder neue Wohnungen auf und denken nicht an die Gefahr, dass die berstandene Katastrophe sich wiederhole. Ein Hauptbestandteil unserer Lebensenergie scheint in der Vergesslichkeit zu liegen.
Wir nahmen Winterquartier in Wien. Friedrich hatte nunmehr Beschftigung im Kriegsministerium, eine Ttigkeit, die er dem Kasernendienst jedenfalls vorzog. Dieses Jahr waren meine Schwestern mit Tante Marie den Fasching ber nach _Prag_ gezogen. Dass Konrads Regiment gegenwrtig in der bhmischen Hauptstadt lag, war doch nur eine Zuflligkeit? Oder sollte dieser Umstand einigermaen auf die Wahl des Winteraufenthaltes Einfluss gehabt haben? Als ich letztere Vermutung meiner Schwester Lilli gegenber fallen lie, errtete sie tief und antwortete achselzuckend:
Du weit doch, dass ich ihn nicht mag.
Mein Vater bezog seine alte Wohnung in der Herrengasse. Er trug uns an, wir mchten uns bei ihm niederlassen, da er gengend Raum dazu htte; wir zogen es aber vor, allein zu leben, und mieteten am Franz-Joseph-Quai ein kleines Mezzanin. Meines Mannes Gehalt und das mir von meinem Vater ausgestellte Monatsgeld gengten fr unseren bescheidenen Haushalt reichlich. Auf abonnierte Logen, Hofblle  berhaupt auf in die Welt gehen musste freilich verzichtet werden. Aber wie leicht verzichteten wir da! Es war uns sogar angenehm, dass meine pekuniren Verluste dieses Zurckziehen rechtfertigten  denn wir liebten die Zurckgezogenheit.
Einem kleinen Kreise von Verwandten und Freunden blieb unser Haus immerhin offen. Besonders meine Jugendfreundin Lori Griesbach besuchte uns oft, fter beinahe als mir lieb war. Ihre Gesprche, die mir schon frher stark oberflchlich erschienen waren, fand ich jetzt gar ermdend schal, und ihr Interessenhorizont, dessen Enge ich immer erkannt hatte, machte mir den Eindruck, jetzt noch zusammengeschrumpfter zu sein. Aber hbsch war sie und lebhaft und kokett. Ich begriff, dass sie in der Gesellschaft so manchen den Kopf verdrehte  und es hie, dass sie sich nicht ungern den Hof machen lie. Was mir nicht ganz angenehm war, war die Wahrnehmung, dass ihr Friedrich sehr wohl gefiel, und dass sie manche Blickpfeile auf ihn abschoss, welche offenbar die Bestimmung hatten, in seinem Herzen sitzen zu bleiben. Loris Mann, eine Zierde des Jockeyklubs, des Rennplatzes und der Theaterkulissen, war bekanntermaen so wenig treu, dass eine kleine Rachenahme ihrerseits nicht allzu streng zu verdammen gewesen wre; aber dass Friedrich als Revanchemittel dienen sollte  dagegen htte ich doch einiges einzuwenden gehabt ...
Eiferschtig  ich? ... Ich wurde rot, als ich mich bei dieser Erregung ertappte. Ich war ja seines Herzens so sicher ... Keine, _keine_ auf der Welt konnte er so lieben wie mich. Nun ja: _lieben_  aber eine kleine Verliebtseinsflamme  die htte immerhin neben der mir geweihten, sanften Glut aufflackern knnen ... Lori verhehlte mir gar nicht, wie sehr sie an Friedrich Gefallen fand:
Hrst du, Martha  du bist wirklich zu beneiden um diesen charmanten Mann. Oder: Bewache ihn nur ordentlich, deinen Friedrich, denn dem setzen gewi alle Frauenzimmer nach.
Ich bin seiner Treue sicher, antwortete ich darauf.
La dich nicht auslachen  als ob treu und Ehemann nebeneinander genannt werden knnten, das gibts nicht. Du weit, wie zum Beispiel mein Mann 
Mein Gott, vielleicht bist du da auch falsch berichtet. Dann sind ja nicht alle gleich 
Alle, alle  glaube mir. Ich kenne keinen von unseren Herren, der nicht ... Unter denen, die mir den Hof machen, sind mehrere verheiratet  was wollen die nun? Offenbar nicht mich und nicht sich in ehelicher Treue ben.
Sie wissen vermutlich, dass du sie nicht erhren wirst ... Und gehrt Friedrich auch zu dieser Phalanx? fragte ich lachend.
Das werde ich dir doch nicht sagen, Gnschen. Es ist ohnehin sehr schn von mir, dich aufmerksam zu machen, wie gut er mir gefllt. Jetzt heit es nur, ein wachsames Auge ffnen.
Ich habe es schon weit offen, dieses Auge, Lori, und dasselbe hat bereits mit Missbehagen verschiedene Koketterie-Angriffe deinerseits wahrgenommen.
Da haben wirs! So werde ich mich in Zukunft besser verstellen mssen ...
Wir lachten beide; dennoch fhlte ich, dass  so wie hinter meiner scherzhaft vorgebrachten Eifersucht eine wirkliche Regung dieser Leidenschaft sich verbarg  so auch unter ihrer vermeintlich neckenden Rede ein Kern von Wahrheit lag.
Loris Mann hatte den Schleswig-Holsteiner Feldzug nicht mitgemacht, und das verdross ihn sehr. Auch Lori rgerte sich ob dieses Pechs.
So ein schner, siegreicher Krieg! klagte sie. Jetzt wre Griesbach gewiss um eine Stufe im Rang vorgerckt. Nun, das Trstliche ist, dass bei seiner nchsten Kampagne 
Was fllt dir ein? unterbrach ich. Dazu ist nicht die mindeste Aussicht. Oder weit du einen Anlass? Wofr sollte denn jetzt ein Krieg gefhrt werden?
Wofr? Darum kmmere ich mich wahrlich nicht. Die Kriege kommen und sind da. Alle fnf oder sechs Jahre bricht immer wieder etwas aus  das ist so der Gang der Geschichte.
Es mssen aber doch Grnde vorliegen?
Vielleicht ... doch wer kennt sie? Ich gewiss nicht, und mein Mann auch nicht. Warum schlgt man sich denn eigentlich dort droben, fragte ich ihn whrend des letzten Krieges. Das wei ich nicht  ist mir auch ganz egal, antwortete er achselzuckend. rgerlich ist nur, dass ich nicht mit dabei bin, fgte er hinzu. O, Griesbach ist ein echter Soldat.  Das warum und wozu der Kriege, das geht den Soldaten nichts an. Das machen die Diplomaten untereinander ab. Ich habe mir nie den Kopf zerbrochen ber alle die politischen Streitigkeiten. Uns Frauen geht es schon gar nichts an  wir wrden doch nichts davon verstehen. Ist das Gewitter einmal losgebrochen, so heit es beten 
Dass es beim Nachbar einschlage und nicht bei uns, das ist freilich das einfachste.

    Gndige Frau!
    Ein Freund  vielleicht auch ein Feind, gleichviel  ein Wissender, der sich nicht nennen will benachrichtigt Sie hierdurch, dass Sie betrogen werden. Auf die verrterischste Weise betrogen. Ihr scheinheiliger Mann und Ihre unschuldigtuende Freundin lachen Sie aus ob Ihres gutmtigen Vertrauens, Sie arme, verblendete Frau. Ich habe meine Grnde, den beiden die Maske vom Gesicht zu reien. Nicht aus Wohlwollen fr Sie handle ich da, denn ich kann mir denken, dass diese Entlarvung zweier geliebter Wesen Ihnen eher Schmerz als Gewinn bringen wird  aber ich bin Ihnen nicht wohlwollend gesinnt. Vielleicht bin ich sogar ein verstoener Anbeter, der sich rcht ... Was liegt am Motiv? Die Tatsache ist da, und wenn Sie Beweise wollen, so kann ich Ihnen dieselben liefern. Ohne Beweise wrden Sie einem anonymen Brief ohnehin keinen Glauben schenken. Beifolgendes Billett hat Grfin Gr*** verloren.

Diese berraschende Epistel lag eines schnen Frhlingsmorgens auf unserem Frhstckstisch. Friedrich sa mir gegenber, mit seiner Post beschftigt, whrend ich obiges las und zehnmal wieder las. Das dem verrterischen Schreiben beigelegte Billett war in einen Extraumschlag verschlossen und ich zgerte, denselben aufzureien.
Ich schaute zu Friedlich auf. Er war in ein Morgenblatt vertieft, doch musste er meinen auf ihn gerichteten Blick gefhlt haben, denn er lie die Zeitung sinken und mit seinem gewohnten lieben, lchelnden Ausdruck wandte er den Kopf zu mir:
Nun, was gibts, Martha? Warum starrst du mich so an?
Ich mchte wissen, ob du mich noch lieb hast?
Schon lange nicht mehr, scherzte er. Eigentlich habe ich dich nie recht leiden knnen.
Das glaube ich nicht.
Aber jetzt sehe ich erst  du bist ja ganz blass! Hast du eine bse Nachricht erhalten?
Ich schwankte. Sollte ich ihm den Brief zeigen? Sollte ich vorher das Beweisstck besehen, welches ich noch immer unerbrochen in der Hand hielt? Die Gedanken schwirrten mir im Kopfe ... Mein Friedrich, mein alles, mein Freund und Gatte, mein Vertrauter und Geliebter  knnte er mir verloren sein? Untreu  er? Ach, ein momentaner Sinnentaumel, weiter nichts ... War da in meinem Herzen nicht Nachsicht genug, um das zu verzeihen, zu vergessen, als nicht geschehen zu betrachten? ... Aber die Falschheit? Wie, wenn auch sein Herz sich von mir abwendete, wie, wenn er die verfhrerische Lori lieber htte als mich? ...
So sprich doch  du bist ja ganz verstummt ... Zeige mir den Brief, der dich so erschreckt hat. Er streckte die Hand danach aus.
Da hast du. Ich berlie ihm das schon gelesene Blatt; die Einlage behielt ich zurck.
Er berflog die angeberischen Zeilen. Mit einem zornigen Fluche zerknitterte er das Blatt und sprang von seinem Sitze auf.
Eine Infamie! rief er. Und wo ist das vermeintliche Beweisstck?
Hier  noch unerffnet. Friedrich, sag nur ein Wort und ich werfe das Ding ins Feuer. Ich _will_ keine Beweise, dass du mich betrogen hast.
O du meine Einzige! ... Er war jetzt an meiner Seite und umschlang mich strmisch. Du, mein Kleinod! Sieh mir in die Augen  zweifelst du an mir? Beweis, oder kein Beweis  gengt dir mein Wort?
Ja, sagte ich und warf das Papier in den Kamin.
Es fiel aber nicht in die Flammen, sondern blieb neben dem Roste liegen. Friedrich hatte sich darauf hingestrzt und hob es auf.
Nein, nein, das drfen wir nicht vernichten  ich bin zu neugierig ... wir wollen es zusammen ansehen. Ich erinnere mich nicht, je deiner Freundin etwas geschrieben zu haben, was auf ein Verhltnis schlieen liee  welches nie bestanden hat.
Aber du gefllst ihr, Friedrich ... Du brauchst nur dein Taschentuch hinzuwerfen 
Glaubst du? ... Komm, lass uns dieses Dokument besttigen.  Richtig: meine Schrift! Ah, sieh her, es sind ja die zwei Zeilen, die du mir selber vor einigen Wochen diktiert hattest, als Deine rechte Hand verwundet war:

    Meine Lori, komm, ich erwarte Dich mit Sehnsucht heute um 5 Uhr nachmittag.
    Martha (noch immer Krppel).

Die Bedeutung der Klammer nach der Unterschrift hat der Finder des Billetts nicht verstanden ... Das ist wirklich ein komisches Quiproquo. Gottlob, dass dieses prchtige Beweismaterial nicht verbrannt ist  jetzt ist meine Unschuld am Tage. Oder hast du noch immer Verdacht?
Schon seitdem du mir ins Auge gesehen hast  nicht mehr.  Weit du, Friedrich, dass ich sehr unglcklich gewesen wre  dir aber doch verziehen htte. Lori ist kokett, sehr hbsch ... Sag  hat sie dir nicht Avancen gemacht?  Du schttelst den Kopf ... Nun freilich: hierin httest du ein Recht, ja beinah die Pflicht sogar, _mich_ anzulgen  ein Mann darf weder angenommene noch verschmhte Frauengunst verraten.
Du wrdest mir also eine Verirrung verzeihen? Bist du nicht eiferschtig?
Doch  auf herzqulerische Weise ... Wenn ich dich mir vorstelle, einer anderen zu Fen, von dem Lippen einer anderen Seligkeit nippend ... gegen mich erkaltet  jedes Begehren erstorben  das ist mir schrecklich. Dennoch  das Ersterben deiner Liebe frchte ich nicht  dein Herz wird unter keinen Umstnden mehr gegen mich erkalten, dessen fhle ich mich sicher  unsere Seelen sind ja so verschlungen, aber  
Ich verstehe. Du brauchst mir aber durchaus nicht zumuten, dass ich fr dich fhle wie ein Ehemann nach der silbernen Hochzeit. Dazu sind wir doch noch zu jung verheiratet  so weit das Feuer der Jugend (ich bin freilich schon vierzig Jahre alt) noch in mir lodert, brennt es fr dich. Du bist mir das einzige Weib auf Erden. Und sollte in der Tat noch einmal eine andere Versuchung an mich herankommen  ich habe den festen Willen, sie von mir abzuwehren. Das Glck, welches in dem Bewusstsein liegt, den Treueschwur bewahrt zu haben; die stolze Gewissensruhe, mit der man sich sagen kann, dass man den festgeschlungenen Lebensbund in jeder Beziehung heilig gehalten  das alles finde ich zu schn, um es durch vorbergehenden Sinnestaumel vernichten zu lassen. Du hast berhaupt einen so vollstndig glcklichen Menschen aus mir gemacht, meine Martha, dass ich ber alles, was Berauschung, was Lust, was Vergngen ist, so erhaben bin, wie der Besitzer von Goldbarren ber den Gewinn von Kupfermnzen.
Wie wonnig mir solche Worte ins Herz fielen. Ich war dem anonymen Briefschreiber frmlich dankbar, dass er mir zu diesem sen Auftritt verholfen. Auch habe ich jedes Wort in die roten Hefte gesetzt. Hier kann ich die Eintragung noch nachlesen, unter dem Datum 1./4. 1865. Ach, wie weit  wie weit liegt das alles zurck?
Friedrich hingegen war gegen den Verleumder hchlichst aufgebracht. Er schwor, herauszubringen, wer das Machwerk verfasst, um den Tter gehrig zu strafen.
Ich erfuhr noch am selben Tage, was Ursprung und Zweck des Schriftstcks gewesen; den _Erfolg_ desselben  nmlich, dass Friedrich und ich uns nunmehr noch ein wenig nher gekommen  hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen.
Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori, um ihr den Brief zu zeigen. Ich wollte sie aufmerksam machen, dass sie einen Feind habe, von welchem sie flschlich verdchtigt wurde, und wollte mit ihr ber den Fall lachen, dass mein diktiertes Billett so missdeutet worden.
Sie lachte mehr als ich geglaubt.
Also du bist ber den Brief erschrocken?
Ja, tdlich. Und doch htte ich beinahe das inliegende Billett ungelesen verbrannt.
Da wre ja der ganze Spa misslungen 
Welcher Spa?
Du httest am Ende noch geglaubt, dass ich dich wirklich betrge. Lass mich bei dieser Gelegenheit dir beichten, dass ich in einer verrckten Stunde  es war nach dem Diner bei deinem Vater, wo ich neben Tilling sa, und weil ich zu viel Champagner getrunken hatte  dass ich da wirklich mein Herz sozusagen auf einem Prsentierteller ihm antrug 
Und er?
Und er mir noch rechtzeitig sagte, dass er dich ber alles liebe und fest entschlossen sei, dir bis zum Tode treu zu bleiben. Damit du nun dieses Phnomen desto besser schtzen lernen mgest, ist der ganze Spa gemacht worden.
Von welchem Spa redest du nur immer?
Du weit doch: nachdem der Brief samt Einlage von mir kommt 
Von dir? ... Ich wei nichts.
Hast du denn das Begleitschreiben nicht umgewendet? Sieh her: hier steht ja auf der Kehrseite der Name und das Datum: _Erster April_.
~
Nher gebracht  immer nher! Ich habe es erfahren, dass die Annherungsfhigkeit liebender Herzen zu jenen Dingen gehrt, die keine Grenzen haben  wie zum Beispiel die Teilbarkeit.
Man sollte glauben, ein Partikelchen sei schon so klein, dass es nicht kleiner gedacht werden knne, und doch: es lsst sich noch in zwei Hlften spalten; und man sollte glauben, zum Herzen seien schon so ineinander verschmolzen, dass ein innigeres Einswerden nicht mehr mglich wre, und doch: eine uere Einwirkung, und noch fester und nher,  immer nher,  umschlingen und durchdringen sich die Herzensatome.
So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt, und so wirkte noch ein ueres Ereignis, welches kurz darauf eintrat. Ein heftiges Nervenfieber nmlich, das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf. Ein an sich zwar trbes Ereignis  und doch wie fruchtbar an glcklichen Erinnerungen fr mich und wie einflussreich auf den oben geschilderten Vorgang: das Noch-nher-bringen von zwei so allernahesten Herzen. War es die Furcht, mich zu verlieren, die mich dem Gatten noch teurer machte, oder war mir seine Liebe nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwrter-Benehmen,  kurz, whrend dieses Nervenfiebers und nach demselben fhlte ich mich noch viel mehr und noch viel sicherer geliebt als zuvor.
Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefrchtet. Einmal, weil es mir schrecklich leid getan htte, ein Leben zu verlieren, das mir so reich an Schnheit und Glck schien, und meine Lieben,  Friedrich, mit dem ich so gern alt geworden wre, Rudolf, den ich so gern zum Manne auferzogen htte, zu verlassen; zweitens auch  nicht in Selbstsucht, sondern im Hinblick auf Friedrich  war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich; denn ich wusste, so gewiss, als man nur wissen kann, dass der Schmerz, mich zu begraben, dem Beraubten schier unertrglich wre ... Nein, nein: glckliche Menschen und von teuren Wesen geliebte Menschen _knnen_ nicht Todesverachtung empfinden. Zu dieser gehrt vor allem Lebensverachtung. Ich konnte auf meinem Lager, wo die Krankheit mit ihrer tdlichen Gewalt mich umschwirrte, wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von Kugeln umschwirrt wird, mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten hineindenken, welche das Leben lieben und welche wissen, dass ihr Tod geliebte Wesen in Verzweiflung strzen wrde.
Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus: das Bewusstsein erfllter Pflicht, antwortete mir Friedrich, als ich ihm diese Gedanken mitteilte. Doch darin gebe ich dir recht: gleichgltig sterben, _freudig_ sterben  was uns allenthalben zugemutet wird,  das kann kein glcklicher Mensch. Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit, die an der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten, oder solche, die sich und ihre Brder nur durch den Tod von Schmach und unertrglichem Joche befreien knnen.
Als die Gefahr berstanden war, wie genoss ich da meine Genesung, eine Wiedergeburt! Das war ein Fest  fr uns beide. hnlich dem Glcke bei der Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege, aber doch anders. Dort kam die Freude mit einem Schlag, und hier nach und nach  und zudem, wir waren uns ja seither wieder nher, immer nher.
Mein Vater hatte mich whrend meiner Krankheit tglich besucht und viel Besorgnis gezeigt; dennoch, ich wusste, dass er sich meinen Tod nicht bertrieben zu Herzen genommen htte. Seine beiden jngeren Tchter hatte er viel lieber als mich, und der liebste von allen war ihm Otto. Ich war ihm durch meine zwei Heiraten, namentlich durch die zweite, und vielleicht auch durch meine ganz verschiedene Denkungsart, einigermaen entfremdet. Als ich vollstndig hergestellt war,  es war Mitte Juni,  bersiedelte er nach Grumitz und forderte mich lebhaft auf, samt meinem kleinen Rudolf mitzukommen. Ich aber zog es vor, da Friedrich diensteshalber die Stadt nicht verlassen durfte, meinen Landaufenthalt ganz in der Nhe von Wien zu nehmen, wo mein Mann mich tglich besuchen konnte, und so mietete ich eine Sommerwohnung in Hietzing.
Meine Schwestern, immer unter Tante Mariens Schutze  reisten nach Marienbad. In ihrem letzten Brief aus Prag schrieb mir Lilli unter anderem:

    Ich muss Dir gestehen, dass Vetter Konrad anfngt, mir  gar nicht zuwider zu werden. Whrend so manchen Cotillons war ich in der Laune, wenn er nur die betreffende Frage gestellt htte, ja zu sagen. Er unterlie es aber, den entscheidenden Schritt im _rechten_ Moment zu tun. Als es hie, dass wir abreisen sollten, hat er zwar wieder einen neuen Antrag gemacht, aber da hatte ich einen neuen Anfall von Korbgeben. Das habe ich mir dem armen Konrad gegenber schon so angewhnt, dass, wenn er das bekannte: Willst du nicht noch meine Frau werden, Lilli? vorbringt, meine Zunge ganz von selber antwortet: Fllt mir gar nicht ein. Diesmal aber habe ich hinzugefgt: Frage in sechs Monaten nochmals an! Ich werde nmlich den Sommer ber mein Herz prfen. Sehne ich mich nach dem Abwesenden, verlsst mich der Gedanke an ihn  der mich jetzt so ziemlich unablssig im Wachen und Trumen verfolgt,  auch in Marienbad nicht; gelingt es dort und auch in folgender Jagdsaison keinem anderen, Eindruck auf mich zu machen,  dann hat des eigensinnigen Vetters Ausdauer gesiegt.

Um dieselbe Zeit schrieb mir Tante Marie; (es ist zufllig der einzige Brief von ihr, den ich aufbewahrt habe.)

    Mein liebes Kind! Das war eine ermdende Winter-Kampagne: Ich werde nicht wenig froh sein, wenn Rosa und Lilli Partien gefunden haben werden. _Gefunden_ htten sie deren zwar genug, denn wie Du weit, haben sie hier im Laufe des Faschings jede ein Vierteldutzend Krbe ausgeteilt,  den perennierenden Konrad gar nicht mitgerechnet. Jetzt wird die Plackerei in Marienbad wieder anheben. Ich wre fr mein Leben gern nach Grumitz gegangen, oder zu Dir  und muss statt dessen die mhsame und undankbare Chaperon-Rolle bei den vergngungsschtigen Mdchen weiterspielen. Ich freue mich sehr zu hren, dass Du wieder ganz gesund bist. Jetzt, da die Gefahr vorber, kann ich Dir sagen, dass wir sehr besorgt waren,  Dein Mann schrieb uns eine Zeitlang so verzweifelte Briefe: jeden Augenblick frchtete er, Dich sterben zu sehen. Nun das war Dir, Gott sei Dank, nicht bestimmt. Die Novene, welche ich fr Deine Genesung bei den Ursulinerinnen abgehalten, hat vielleicht auch zu Deiner Rettung beigetragen. Der liebe Gott wird Dich fr Deinen Rudi erhalten. Gre mir den lieben Kleinen, und er soll nur immer recht brav lernen. Ich schicke ihm gleichzeitig ein paar Bcher: Das fromme Kind und sein Schutzengel,  eine wunderschne Geschichte,  und Vaterlndische Helden  eine Sammlung von Kriegsbildern fr Knaben. Man kann den Kleinen nicht frh genug Sinn fr derlei beibringen. Dein Bruder Otto z.B. war noch nicht fnf Jahre alt, als ich ihm schon vom groen Alexander, von Csar und anderen berhmten Eroberern erzhlte,  und wie ist er jetzt fr alles Heroische begeistert,  es ist ein Vergngen!
    Ich habe vernommen, dass Du den Sommer in der Nhe von Wien bleiben willst, statt nach Grumitz zu gehen. Daran tust Du sehr unrecht. Die Luft in Grumitz wrde Dir viel besser bekommen, als die des staubigen Hietzing,  und der arme Papa wird sich langweilen, so allein. Vermutlich willst Du Deines Mannes wegen nicht fort; aber mir will scheinen, dass die Tochterpflichten doch auch nicht ganz vernachlssigt werden sollten. Tilling knnte ja bisweilen auch einen Tag nach Grumitz kommen. Gar so viel beieinander sein ist fr Eheleute nicht einmal gut  glaube meiner Lebenserfahrung. Ich habe bemerkt, dass die besten Ehen diejenigen sind, wo bis Gatten sich nicht immer gegenseitig auf dem Halse sitzen, sondern einander eine gewisse Freiheit lassen. Jetzt leb wohl, schone Dich, damit Du keinen Rckfall bekommst, und berlege Dir das noch mit Hietzing. Der Himmel schtze Dich und Deinen Rudi!  Dies das aufrichtige Gebet Deiner Dich liebenden
    Tante Marie.
    _P.S._ Dein Mann hat ja Verwandte in Preuen (zum Glck ist er nicht so arrogant wie seine Landsleute), frage ihn doch, was man dort im allgemeinen spricht ber die politische Lage. Dieselbe ist doch sehr bedenklich.

Dieser Brief meiner Tante brachte mir erst wieder ins Gedchtnis, dass es eine politische Lage gebe. Die ganze Zeit ber hatte ich mich nicht um derlei gekmmert. Vor und nach meiner Krankheit hatte ich zwar, wie immer, viel gelesen: Tage- und Wochenbltter, Revuen und Bcher, aber die Leitartikel der Zeitungen waren unbeachtet geblieben; seitdem ich nicht mehr die bange Frage aufstellte: Krieg oder nicht Krieg, besa der inner- und auerpolitische Klatsch kein Interesse fr mich. Erst anlsslich der Nachschrift des oben angefhrten Briefes fiel mir ein, das Vernachlssigte einzuholen und mich nach den gegenwrtigen Verhltnissen zu erkundigen.
Was will denn Tante Marie mit diesem bedrohlich sagen, du minder arroganter Preue? frug ich meinen Mann, ihm den Brief zu lesen gebend. Gibt es denn berhaupt jetzt eine politische Lage?
Die gibt es,  gerade so wie irgend ein Wetter,  leider immer. Und dabei ebenso vernderlich und trgerisch 
Nun, so erzhle mir ... Spricht man etwa noch immer von den verwickelten Elbherzogtmern? Sind die nicht abgemacht?
Mehr als je spricht man davon. Nicht im geringsten abgemacht. Die Schleswig-Holsteiner haben jetzt groe Lust, die Preuen  die arroganten, denn das sind wir, dem neuesten Schlagwort gem,  wieder ganz los zu werden. Eher dnisch als preuisch, wiederholen sie eine ihnen von den Mittelstaaten gegebene Losung. Und weit du, wie das abgedroschene Meerumschlungen-Lied jetzt zur Abwechslung gesungen wird?

  _Schleswig-Holstein stammverwandt
  Schmeit die Preuen aus dem Land!_

Und was ists mit dem Augustenburger? Den haben sie doch? O, sag mir nicht, Friedrich, dass sie ihn nicht haben ... Wegen dieses einzig berechtigten Thronerben, nach welchem die armen dnengedrckten Lande sich so gesehnt, musste der ganze Krieg, der mich dich,  _dich!_  htte kosten knnen, gefhrt werden! Lass mir also wenigstens den Trost, dass der ntige Augustenburger in seine Rechte eingesetzt worden und ber die ungeteilten Herzogtmer regiert. Auf diesem ungeteilt bestehe ich: das ist ein altes historisches Recht, das jenem seit mehreren Hundert Jahren verbrgt ist und dessen Begrndung ich mir mhsam genug erforscht habe.
Schlecht stehts um deine historischen Rechtsansprche, meine arme Martha, lachte Friedrich. Vom Augustenburger ist  auer in seinen eigenen Protesten und Manifesten,  gar nicht mehr die Rede!
Von nun an fing ich wieder an, mich um die politischen Verwicklungen zu bekmmern und erfuhr folgendes:
Festgesetzt und anerkannt war  trotz des beim Wiener Frieden gezeichneten Protokolls  eigentlich noch gar nichts. Die schleswig-holsteinische Frage war seither in allerlei Stadien gebracht worden, schwebte mehr als je. Der Augustenburger und der Oldenburger hatten sich beeilt  nach der von seiten des Glcksburger erfolgten Abtretung  beim Bundestag zu reklamieren. Und Lauenburg verlangte strmisch, dem Knigreich Preuen einverleibt zu werden. Niemand wusste, was die Verbndeten nun eigentlich mit den eroberten Provinzen anfangen wrden. Von diesen beiden Mchten selber mutete jede der anderen zu, dass jede die andere bervorteilen wolle.
Was will nur dieses Preuen? Das ist nunmehr die von sterreich, von den Mittelstaaten und den Herzogtmern stets aufgeworfene, Bses ahnende Frage. Napoleon III. rt Preuen, es solle die Herzogtmer  bis auf das dnisch redende Nordschleswig annektieren. Aber daran denkt Preuen vorlufig nicht. Am 22. Februar 1865 formuliert es endlich seine Ansprche dahin: Preuische Truppen bleiben in den Landen; die letzteren haben ihre Wehrkraft zu Wasser und zu Lande mit Ausnahme eines Budget-Kontingents Preuen zur Verfgung zu stellen. Der Kieler Hafen wird in Besitz genommen: Post und Telegraphen sollen preuisch werden, und die Herzogtmer mssen sich dem Zollverein anschlieen.
ber diese Forderungen rgert sich,  ich wei nicht warum,  unser Minister Mensdorff-Pouilly. Und noch mehr,  ich wei schon gar nicht warum,  vermutlich aus Neid, diesem Grundzug in Behandlung der ueren Angelegenheiten,  rgern sich die Mittelstaaten. Dieselben verlangen ungestm, der Augustenburger mge eiligst, sofort, in die Verwaltung der Herzogtmer eingesetzt werden. sterreich hat aber auch etwas zu sagen und sagt  indem es den Augustenburger als Luft behandelt,  dass es den Besitz des Kieler Hafens gern zugestehe, aber gegen die Rekrutierung und Matrosenpresse sich verwahre.
So wird unablssig fortgestritten. Preuen erklrt, dass seine Forderungen nur im Interesse Deutschlands gemacht werden, dass es Annektierung gar nicht verlange;  Augustenburg mge, unter Gewhrung der gestellten Forderungen, sein Erbrecht antreten; wenn aber diese notwendigen und billigen Ansprche nicht befriedigt werden, dann,  mit drohend erhobener Stimme,  dann werde es vielleicht gezwungen sein, mehr zu fordern.  Gegen diese drohenden Ausrufe erheben sich sofort hhnische, hmische, hetzende Stimmen. In den Mittelstaaten und in sterreich wird die ffentliche Meinung gegen Preuen und namentlich gegen Bismarck immer mehr verbittert. Am 27. Juni tragen die Mittelstaaten darauf an, von den Gromchten Auskunft zu verlangen, aber (Auskunftgeben ist auch nicht diplomatischer Brauch, nur alles schn geheim) die Gromchte unterhandeln unter sich. Knig Wilhelm reist nach Gastein, Kaiser Franz Joseph nach Ischl. Graf Blume fliegt zwischen beiden hin und her, und man einigt sich ber verschiedene Punkte: die Besatzung soll halb sterreichisch und halb preuisch werden. Lauenburg wird,  wie es ja selber wnschte,  Preuen einverleibt. Dafr erhlt sterreich eine Entschdigung von zweieinhalb Millionen Taler. Dieses letztere Ergebnis ist durchaus nicht imstande, mir patriotische Freude einzuflen. Was soll den sechsunddreiig Millionen sterreichern,  selbst, wenn sie unter ihnen verteilt wrde, was nicht geschieht,  diese unbedeutende Summe ntzen? Wrde sie die Hunderttausende ersetzen, die zum Beispiel _ich_ bei Schmitt & Shne durch den Krieg verloren? Oder gar die Verluste derjenigen, die ihre gefallenen Lieben beweinen? ... Was mich freut, ist ein am 14. August zu Gastein unterzeichneter Vertrag.  Vertrag, das Wort klingt so friedensverheiend. Erst spter habe ich die Erfahrung gemacht, dass die internationalen Vertrge sehr oft dazu da sind, um durch gelegentliche Verletzungen dasjenige herbeizuschaffen, was man einen _casus belli_ nennt. Da braucht denn nur einer den anderen des Vertragsbruches anzuklagen und sofort springen  mit allem Anschein der Verteidigung verbriefter Rechte  die Schwerter aus der Scheide.
Mir jedoch gewhrte der Gasteiner Vertrag Beruhigung. Der Streit schien beigelegt, General Gablenz,  der schne Gablenz, fr welchen wir Frauen alle leise schwrmten,  ward Statthalter in Holstein;  Manteuffel in Schleswig. Auf meine im Jahre 1460 erhaltene Lieblingszusicherung, dass die Lande ewig zusammenbleiben, ungeteilt, musste ich jetzt doch endgltig verzichten. Und was meinen Augustenburger betraf, fr dessen Rechte ich mich so mhsam erwrmt hatte, so geschah, dass der Prinz einmal ins Land kam und sich von seinen Getreuen anjubeln lie, worauf ihm Manteuffel bedeutete, dass, wenn er noch einmal sich unterstnde, ohne Erlaubnis in die Gegend zu kommen, er ihn unweigerlich verhaften lassen msste. Wer _das_ als keinen guten Witz der Muse Klio findet, der hat kein Verstndnis fr die Fliegenden Bltter der Geschichte.
~
Trotz des Gasteiner Vertrages wollte die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen, und da ich nun,  durch Tante Mariens Brief und die darauf erhaltenen Ausknfte aufgeschreckt,  nunmehr wieder regelmig die politischen Leitartikel las und mich allseitig ber die herrschenden Meinungen erkundigte, so konnte ich die Phasen des schwebenden Streites wieder genau verfolgen. Dass derselbe zu einem Kriege fhren wrde, frchtete ich nicht. Solche Prozesssachen mussten doch auf dem Wege der Prozesse,  nmlich durch Abwgung der Rechtsansprche und durch hiernach zu fllenden Rechtsspruch,  zum Austrag zu bringen sein. Alle diese beratenden Minister- und Bundesversammlungen, diese unterhandelnden Staatsmnner und freundschaftlich verkehrenden Monarchen, wrden doch mit diesen  im Grunde so unwichtigen  Streitfragen fertig werden. Mehr mit Neugierde, als mit Besorgnis folgte ich dem Gange dieser Angelegenheit, deren verschiedene Stadien ich in den roten Heften notiert finde:

    1. Oktober 1865.
    In Frankfurt Abgeordnetentag, folgende Beschlsse gefasst:
    1. Selbstbestimmungsrecht des schleswig-holsteinischen Volkes bleibt in Kraft. Der Gasteiner Vertrag wird als Rechtsbruch von der Nation verworfen.
    2. Alle Volksvertreter sollen den Regierungen, welche die bisherige Politik der Vergewaltigung fordern, alle Steuern und Anleihen verweigern.

    15. Oktober.
    Preuischer Kronsyndikus gibt sein Gutachten ber die Erbrechte des Prinzen Augustenburg ab. Der Vater desselben habe fr sich und seine Nachkommen gegen eine Summe von anderthalb Millionen Speziestaler auf die Thronanwartschaft verzichtet. Im Wiener Frieden seien die Herzogtmer abgetreten  somit habe der Augustenburger gar nichts mehr zu beanspruchen.

Eine Frechheit, eine Anmaung  wird die in Berlin gefhrte Sprache genannt, und die preuische Arroganz wird zum Schlagwort, Gegen die muss man sich schtzen: das wird allenthalben als Dogma aufgestellt. Knig Wilhelm scheint sich auf den deutschen Viktor Emanuel aufspielen zu wollen.  sterreich hat die stille Absicht, Schlesien zurckzuerobern. Preuen buhlt mit Frankreich. sterreich buhlt mit Frankreich ... _et patati et patat_, wie die Franzosen sagen ... Tritschtratsch heit es auf deutsch und pflegt in den Kaffeekrnzchen der Kleinstdter nicht eifriger betrieben zu werden, als zwischen den Kabinetten der Gromchte.
~
Der Winter brachte unsere ganze Familie wieder nach Wien zurck. Rosa und Lilli hatten sich in den bhmischen Bdern sehr gut unterhalten, aber verlobt hatte sich keine. Konrads Aktien standen vortrefflich. In der Jagdsaison war er nach Grumitz gekommen, und obwohl bei dieser Gelegenheit das entscheidende Wort noch immer nicht gesprochen wurde, waren jetzt doch beide in ihrem Inneren berzeugt, dass sie als ein Paar enden wrden. Auch zu diesen Herbstjagden war ich, trotz meines Vaters dringenden Zuredens, nicht erschienen. Friedrich hatte keinen Urlaub erhalten und mich von ihm zu trennen, war ein Leidwesen, das ich mir ohne Notwendigkeit nicht auferlegen mochte. Ein zweiter Grund, mich nicht lngere Zeit zu meinem Vater zu begeben, war der, dass ich meinen kleinen Rudolf nicht gern dem grovterlichen Einfluss berlie, denn dieser war dazu angetan, dem Kinde militrische Neigungen einzuflen. Die Lust zu diesem Berufe, zu welchem ich meinen Sohn durchaus nicht bestimmen wollte, war ohnehin schon in ihm geweckt. Vermutlich lags im Blute. Der Spross einer langen Reihe von Kriegern muss naturgem kriegerische Anlagen zur Welt bringen. In den naturwissenschaftlichen Werken, deren Studium wir jetzt eifriger denn je betrieben, hatte ich von der Macht der Vererbung gelernt, von dem Wesen der sogenannten eingeborenen Anlagen, welche weiter nichts sind, als der Drang, die von den Ahnen angenommenen Gewohnheiten zu bettigen.
Zu des Kleinen Geburtstag brachte ihm sein Grovater diesmal richtig wieder einen Sbel.
Du weit doch, Vater, sagte ich rgerlich, dass mein Rudolf durchaus nicht Soldat werden soll; ich muss dich schon ernstlich bitten 
Also ein Muttershnchen willst du aus ihm machen? Das wird dir hoffentlich nicht gelingen. Gutes Soldatenblut lgt nicht: ... Ist der Bursche einmal erwachsen, so wird er seinen Beruf schon selber whlen,  und einen schneren gibt es nicht, als den, welchen du ihm verbieten willst.
Martha frchtet sich, den einzigen Sohn der Gefahr auszusetzen, bemerkte Tante Marie, welche diesem Gesprche beiwohnte; sie vergisst aber, dass, wenn es einem bestimmt ist, zu sterben, ihn dieses Los ebensogut im Bett, als im Krieg ereilt.
Also wenn in einem Kriege hunderttausend Mann zu Grunde gegangen sind, so wren dieselben auch im Frieden verunglckt.
Tante Marie war um eine Antwort nicht verlegen.
Diese Hunderttausend waren dann eben bestimmt, im Kriege zu sterben!
Wenn aber die Menschen so gescheit wren, keinen solchen mehr zu beginnen? warf ich ein.
Das ist aber eine Unmglichkeit, rief mein Vater, und damit war das Gesprch wieder auf eine Kontroverse gebracht, welche er und ich des fteren  und zwar stets in denselben Gleisen  zu fhren pflegten. Auf der einen Seite die gleichen Behauptungen und Grnde, auf der anderen die gleichen Gegenbehauptungen und Gegengrnde. Es gibt nichts, worauf die Fabel der Hydra so gut passt, wie auf das Ungetm: stehende Meinung. Kaum hat man ihm so einen Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran, den zweiten folgen zu lassen, so ist der erste schon wieder nachgewachsen.
Da hatte mein Vater so ein paar Lieblingsbeweise zugunsten des Krieges, die nicht umzubringen waren.

    1. Kriege sind von Gott,  dem Herrn der Heerscharen,  selber eingesetzt, siehe die heilige Schrift.
    2. Es hat immer welche gegeben, folglich wird es auch immer welche geben.
    3. Die Menschheit wrde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark vermehren.
    4. Der dauernde Friede erschlafft, verweichlicht, hat  wie stehendes Sumpfwasser  Fulnis, nmlich den Verfall der Sitten zur Folge.
    5. Zur Bettigung der Selbstaufopferung, des Heldenmuts, kurz zur Charaktersthlung sind Kriege das beste Mittel.
    6. Die Menschen werden immer streiten, volle bereinstimmung in allen Ansprchen ist unmglich,  verschiedene Interessen mssen stets aneinanderstoen, folglich ewiger Friede ein Widersinn.

Keiner dieser Stze, namentlich keins der darin enthaltenen folglich lsst sich stichhaltig behaupten, wenn man ihm zu Leibe rckt. Aber jeder dient dem Verteidiger als Verschanzung, wenn er die andern fallen lassen musste. Und whrend die neue Verschanzung fllt, hat sich die alte wieder aufgerichtet.
Zum Beispiel wenn der Kriegskmpe, in die Enge getrieben, nicht mehr imstande ist, Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben muss, dass der Friedenszustand menschenwrdiger, beglckender, kulturfrdernder sei als der Krieg, so sagt er:
Nun ja, ein bel ist der Krieg schon, aber unvermeidlich, denn Nr. 1 und 2.
Zeigt man nun, _dass_ er vermieden werden knnte, durch Staatenbund, durch Schiedsgerichte usw., so heit es:
Nun ja, man knnte wohl, aber _soll_ nicht, denn Nr. 5.
Jetzt wirft der Friedensanwalt diesen Einwand um und beweist, dass im Gegenteile der Krieg den Menschen verroht und entmenschlicht. 
Nun ja, das schon, aber Nr. 3.
Dieses Argument, wenn von den Verherrlichern des Krieges angefhrt, ist schon das allerunaufrichtigste. Eher dient es jenen, die den Krieg verabscheuen und die fr die grausige Erscheinung doch einen _Grund_, ein die Natur sozusagen entschuldigendes Moment auffinden wollen; aber wer im Innern den Krieg liebt und ihn erhalten hilft, der tut es sicher nicht im Hinblick auf das Wohlbefinden entfernter Geschlechter. Die gewaltttige Dezimierung der gegenwrtigen Menschheit durch Totschlag, knstliche Seuchenbildung und Verarmung wird gewiss nicht veranstaltet, um von der knftigen die Gefahr etwaigen Mangelleidens abzulenken; wenn menschliches Eingreifen ntig wre, um zum allgemeinen Wohle bervlkerung zu verhten, so gbe es wohl direktere Mittel hierzu, als Kriegfhrung. Das Argument ist also nur eine Finte, welche aber meist mit Erfolg angewendet wird, weil sie verblfft. Das Ding klingt so gelehrt und eigentlich sehr menschenfreundlich,  man denke nur: unsere lieben in einigen Tausend Jahren lebenden Nachkommen, denen mssen wir doch gengenden Ellenbogenraum schaffen!  Dieses Nr. 3 bringt viele Friedensverteidiger in Verlegenheit. ber solche naturwissenschaftliche und sozialkonomische Fragen sind die wenigsten Leute unterrichtet; die wenigsten wissen wohl, dass das Gleichgewicht von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit von selber sich herstellt; dass die Natur ber ihre Lebewesen nicht die vernichtenden Gefahren bringt, um deren berzahl zu verhten, sondern umgekehrt: dass sie die Fruchtbarkeit derer erhht, die groen Gefahren ausgesetzt sind. Nach einem Kriege z.B. steigt die Zahl der Geburten, und so wird der Verlust wieder ersetzt; nach langem Frieden und bei Wohlstande fllt diese Zahl,  und so tritt die berbevlkerung,  dieses Wahngespenst,  berhaupt nicht ein. Das alles aber hat man nicht klar vor Augen, man fhlt nur instinktiv, dass das berhmte Nr. 3 nicht richtig sein kann und keinesfalls vom anderen ehrlich gemeint ist. Da begngt man sich, das alte Sprichwort anzufhren: Es ist schon dafr gesorgt, dass die Bume nicht in den Himmel wachsen und dann  nicht jenes Resultat haben die Machthaber im Auge ...
 Zugegeben  aber Nr. 1.
Und so nimmt der Streit kein Ende. Der Kriegerische behlt immer recht; sein Rsonnement bewegt sich in einem Kreise, wo man ihm stets nachlaufen, ihn aber nie erreichen kann. Der Krieg ist ein schreckliches bel, aber er muss sein.  Er muss zwar nicht sein, aber er ist ein hohes Gut. Diesen Mangel an Folgerichtigkeit, an logischer Ehrlichkeit, lassen sich alle jene zuschulden kommen, welche aus _uneingestandenen_ Grnden  oder auch ohne Grnde, blo instinktiv  eine Sache vertreten und hier _alle_ ihnen je zu Ohren gekommenen Phrasen und Gemeinpltze benutzen, welche zur Verteidigung der betreffenden Sache im Umlauf gesetzt worden sind. Dass diese Argumente von den verschiedensten Standpunkten ausgehen, dass sie daher einander nicht nur nicht untersttzen, sondern mitunter geradezu aufheben, das ist jenen einerlei. Nicht weil diese oder jene Schlsse dem eigenen Nachdenken entsprungen und der eigenen berzeugung gem sind, sind sie zu ihrer aufgestellten Behauptung gelangt, sondern nur um diese letztere zu sttzen, gebrauchen sie auswahllos die von anderen Leuten durchdachten Folgerungen.
Das alles konnte ich mir zwar damals, wenn ich mit meinem Vater ber das Thema Krieg und Frieden stritt, nicht so ganz klar machen; erst spter habe ich mir angewhnt, den Verrichtungen des Geistes im eigenen und im Kopfe anderer beobachtend nachzuspren. Ich erinnere mich nur, dass ich immer hchst ermdet und abgespannt aus diesen Diskussionen hervorging, und jetzt wei ich, dass diese Ermdung von dem Im-Kreise-nachlaufen kam, zu welchem mich meines Vaters Streitweise zwang. Der Schluss war dann jedesmal ein seinerseits mit mitleidigem Achselzucken gesprochenes Das verstehst du nicht, welches  da es sich um militrische Dinge handelte  im Munde eines alten Generals, einer jungen Frau gegenber, gewiss sehr gerechtfertigt klang.
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Neujahr 1866. Wieder saen wir alle  bei Punsch und Faschingkrapfen  um meines Vaters Tisch versammelt, als die erste Stunde dieses verhngnisvollen Jahres schlug. Es war ein heiteres Fest. Zugleich mit Silvester feierten wir eine Verlobung: Konrad und Lilli. Als der Zeiger auf zwlf wies und auf der Strae einige Freudenschsse losgingen, umschlang mein unternehmender Vetter das neben ihm sitzende Mdchen, presste  zu unser aller Staunen  einen Kuss auf ihre Lippen und fragte dann:
Willst du mich in 66?
Ja  ich will, antwortete sie; ja  ich hab dich lieb, Konrad.
Das war nun von allen Seiten ein Glser-erklingen-lassen und Umarmen und Hndeschtteln, und Glck- und Gegenwnschen ohne Ende:
Das Brautpaar soll leben  Konrad und Lilli  hoch!  Gott segne euren Bund, Kinder  Gratuliere herzlichst, Vetter  Sei glcklich Schwester und so weiter und so weiter. Eine freudige und gerhrte Stimmung bemchtigte sich unser aller. Vielleicht nicht bei allen ganz neidlos; denn so wie der Tod das traurigste und bedauernswerteste Ereignis abgibt, so ist die Liebe  die zum lebenschaffenden Bunde sanktionierte Liebe  das frhlichste und beneidenswerteste. Ich konnte zwar von Neid nichts spren, denn mir war das der neuen Braut erst verheiene Glck schon zum wirklichen und festen Besitz geworden; es beschlich mich eher ein Gefhl des Zweifels: So ein vollkommenes Glck, wie es mir von Friedrich bereitet wird, kann wohl der armen Lilli kaum zu teil werden ... Konrad ist zwar ein allerliebster Mensch, aber  es gibt _nur einen_ Friedrich!
Mein Vater machte dem Gratulationstumult ein Ende, indem er mit dem an seinem kleinen Finger befindlichen Siegelring an das Glas klopfte und sich zum Sprechen erhob:
Meine lieben Kinder und Freunde  sagte er ungefhr  das Jahr sechsundsechzig fngt gut an. Mir bringt es schon in der ersten Stunde die Erfllung eines Lieblingswunsches  denn auf den Konrad als Schwiegersohn hatte ich es lange abgesehen. Hoffen wir, dass dieses freundliche Jahr auch unsere Rosa unter die Haube und euch  Martha und Tilling  einen Storchbesuch bringt ... Ihnen, Doktor Bresser, soll es zahlreiche Patienten verschaffen  was zwar mit den vielen Gesundheitswnschen, die heute ausgetauscht werden, nicht recht klappt ... und dir, liebe Marie, beschere es  vorausgesetzt, dass es dir bestimmt sei, ich kenne und ehre deinen Fatalismus  einen Haupttreffer, oder einen vollstndigen Ablass, oder was du dir sonst wnschen magst; ... dich, mein Otto, beschenke es mit zahlreicher Eminenz zu deiner Schlussprfung und mit allen mglichen soldatischen Tugenden und Kenntnissen, damit du einst eine Zierde der Armee und Stolz deines alten Vaters werdest ... Letzterem muss ich doch auch einiges Gute zukommen lassen, und da dieser keine hheren Wnsche kennt, als das Wohl und den Ruhm sterreichs, so mge das kommende Jahr dem Lande einen groen Gewinn bringen  die Lombardei oder  was wei ich?  die Provinz Schlesien ... Man kann nicht wissen, was sich da alles vorbereitet  es ist gar nicht unmglich, dass wir dieses, der groen Marie Theresia entwendete Land den frechen Preuen wieder abnehmen ...
Ich erinnere mich, dass der Schlu von meines Vaters Trinkrede eine Klte verbreitete. Die Lombardei und Schlesien  wahrlich, nach diesen fhlte niemand unter uns ein dringendes Bedrfnis. Und der darunter versteckte Wunsch: Krieg  also neuer Jammer, neue Todesqual  der stimmte schon gar nicht zu der weichen Frhlichkeit, welche diese, durch einen neuen Liebesbund geweihte Stunde in unseren Herzen wachgerufen. Ich erlaubte mir sogar eine Entgegnung:
Nein, lieber Vater  fr die Italiener und fr die Preuen ist heute auch Neujahr ... da wollen wir ihnen kein Verderben wnschen. Mgen im Jahre 66 und in den folgenden alle Menschen besser, _eintrchtiger_ und glcklicher werden!
Mein Vater zuckte mit den Achseln!
O, du Schwrmerin, sagte er mitleidig.
Durchaus nicht, nahm mich Friedrich in Schutz. Der von Martha ausgedrckte Wunsch beruht nicht auf Schwrmerei  denn seine Erfllung ist uns wissenschaftlich verbrgt. Besser und eintrchtiger und glcklicher werden die Menschen bestndig  seit den Uranfngen bis auf heute. Aber so unmerklich langsam, dass eine kleine Spanne Zeit, wie ein Jahr, kein sichtbares Vorwrtsschreiten aufweisen kann.
Wenn Ihr so fest an den ewigen Fortschritt glaubt, warf mein Vater ein, warum dann euer hufiges Klagen ber Reaktion, ber Rckfall in die Barbarei! ...
Weil  Friedrich zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete auf ein Blatt Papier eine Spirale  weil der Gang der Zivilisation so beschaffen ist wie dieses ... Bewegt sich diese Linie, trotz ihrer gelegentlichen Rckwrtskrmmungen, nicht sicher voran? Das beginnende Jahr kann freilich eine der Krmmungen vorstellen, besonders wenn, wie es den Anschein hat, wieder ein Krieg gefhrt werden sollte. So etwas schleudert die Kultur  in jeder, in materieller wie in moralischer Beziehung  immer wieder um ein gutes Stck zurck.
Du sprichst nicht wie ein Soldat, mein lieber Tilling.
Ich spreche von einer allgemeinen Sache, mein lieber Schwiegervater. Darber kann meine Ansicht eine richtige oder falsche sein  ob sie nun eine soldatische sei oder nicht, ist eine andere Frage. Wahrheit gibt es doch berall nur eine ... Wenn ein Ding rot ist, soll es einer grundstzlich blau nennen, wenn er eine blaue Uniform, und schwarz, wenn er eine schwarze Kutte trgt?
Eine  was? Mein Vater pflegte, wenn ihm eine Diskussion nicht recht genehm war, etwas Schwerhrigkeit hervorzukehren. Auf solches was die ganze Rede zu wiederholen  dazu hatten die wenigsten Leute die Geduld und man gab den Streit lieber auf.
Noch in derselben Nacht, nachdem wir nach Hause gekommen, nahm ich meinen Mann ins Verhr:
Was hast du meinem Vater gesagt? ... dass es allen Anschein habe, man wrde sich in diesem Jahre wieder schlagen? Ich will dich in keinen Krieg mehr ziehen lassen, ich _will_ nicht ...
Was hilft dieses leidenschaftliche ich will, meine Martha? Du wrest doch die erste, die es angesichts der Umstnde wieder zurckzge. Je wahrscheinlicher ein Krieg vor der Tr steht, desto unmglicher wr es mir, um Entlassung einzukommen. Unmittelbar nach Schleswig-Holstein wre es tunlich gewesen 
Ach, diese elenden Schmitt & Shne! ...
Doch jetzt, wo sich neue Wolken ballen 
Du glaubst also wirklich, dass 
Ich glaube, diese Wolken werden sich wieder verziehen  die beiden Gromchte werden sich doch jener Nordlndchen wegen nicht zerfleischen. Aber weil es nun einmal drohend aussieht, wrde ein Zurckziehen feige erscheinen. Das leuchtet dir wohl ein?
Diesen Grnden musste ich mich fgen. Aber ich klammerte mich fest an das Hoffnungswort Die Wolken werden sich verziehen. Mit Spannung folgte ich nunmehr der Entwickelung der politischen Ereignisse und den darber in Zeitungen und Gesprchen kursierenden Meinungen und Vorhersagungen. Rsten, rsten war jetzt die Losung. Preuen rstet im stillen. sterreich rstet im stillen. Die Preuen behaupten, dass wir rsten, und es ist nicht wahr  _sie_ rsten. Sie leugnen  nein, es ist nicht wahr: wir rsten. Wenn jene rsten, mssen wir auch rsten. Wenn wir abrsten, wer wei, ob jene abrsten? So schlug die Rsterei in allen mglichen Varianten an mein Ohr.  Aber wozu denn dieses Waffengeklirre, wenn man nicht angreifen will? fragte ich, worauf mein Vater den alten Spruch vorbrachte: _Si vis pacem, para bellum:_ Wir rsten ja doch nur aus Vorsicht.  Und die anderen?  In der Absicht, uns zu berfallen.  Jene sagen aber auch, dass sie sich nur gegen unseren berfall vorsehen.  Das ist Heimtcke.  Und sie sagen, dass wir heimtckisch seien.  Das sagen sie nur als Vorwand, um besser rsten zu knnen.
Wieder so ein endloser Zirkel, eine sich in den Schwanz beiende Schlange, deren oberes und unteres Ende zweifache Unaufrichtigkeit ist ... Nur um einem Feinde zu imponieren, der den Krieg _will_, kann die rstende Schreckmethode etwa des Friedens willen am Platze sein; aber zwei Gleichgesinnte, Frieden Wollende, knnen unmglich nach diesem System handeln, ohne dass jeder fest berzeugt sei, dass der andere mit leeren Phrasen lgt. Und diese berzeugung wird nur so fest, wenn man selber hinter den gleichen Phrasen dieselben Absichten versteckt, deren man den Gegner beschuldigt. Nicht nur die Auguren  auch die Diplomaten wissen von einander genau, was jeder hinter den ffentlichen Zeremonien und Redeweisen im Sinne fhrt ...
Das beiderseitige In-Kriegsbereitschaft-setzen dauerte die ersten Monate des Jahres fort. Am 12. Mrz kam mein Vater freudestrahlend in mein Zimmer gestrzt.
Hurra! rief er. Gute Nachrichten 
Abgerstet? fragte ich freudig.
Warum nicht gar! Im Gegenteil, die gute Nachricht ist die: Gestern wurde groer Kriegsrat gehalten ... Es ist wirklich glnzend, ber welche Streitmacht wir verfgen ... da kann sich der arrogante Preue verstecken.  Mit 800 000 Mann sind wir stndlich bereit, auszurcken. Und Benedek, unser tchtigster Stratege, wird Oberfeldherr mit unbeschrnkter Vollmacht ... Ich sag dirs im Vertrauen, Kind: Schlesien ist unser, wenn wir nur wollen ...
O Gott, o Gott,  sthnte ich  soll denn wieder diese Geiel ber uns kommen! Wer  _wer_ kann denn nur so gewissenlos sein  aus Ehrgeiz, aus Lndergier 
Beruhige dich. _Wir_ sind nicht so ehrgeizig  noch sind wir lndergierig. Wir wollen  (das heit _ich_ gerade nicht, mir wre die Wiedergewinnung unseres Schlesiens schon recht) aber die Regierung will Frieden halten  das hat sie oft genug versichert. Und der ungeheuere Stand unserer aktiven Armee, wie derselbe aus den im gestrigen Kriegsrat dem Kaiser vorgelegten Mitteilungen sich ergibt, wird allen anderen Mchten gehrigen Respekt einflen ... Preuen wird wohl zu allererst klein beilegen und aufhren, das groe Wort fhren zu wollen ... Wir haben, Gott sei Dank, in Schleswig-Holstein auch noch mitzureden  und werden sicher nie dulden, dass sich der andere Grostaat durch allzustarke Machtausdehnung eine berwiegende Stellung in Deutschland erringe ... Da handelt es sich um unsere Ehre, um unser _prestige_  vielleicht um unsere Existenz  das verstehst du nicht ... Das ganze ist ja doch nur ein Hegemoniestreit  um das miserable Schleswig handelt es sich am wenigsten  aber der prchtige Kriegsrat hat deutlich gezeigt, _wer_ den ersten Rang einnimmt und _wer_ den anderen Bedingungen vorschreiben darf; die Nachkommen der kleinen Brandenburger Kurfrsten oder diejenigen der langen rmisch-deutschen Kaiser-Reihe! Ich halte den Frieden fr gesichert. Sollten aber die anderen dennoch fortfahren, sich unverschmt und arrogant zu gebrden und dadurch einen Krieg unvermeidlich machen, so ist uns der Sieg verbrgt und mit demselben ganz unberechenbare Gewinne ... Es wre zu wnschen, dass es losginge 
Nun ja, das wnschest du auch, Vater  und mit dir wahrscheinlich der ganze Kriegsrat! So ists mir lieber, wenn das aufrichtig gesagt wird ... Nur nicht diese Falschheit, dem Volke und den Friedliebenden zu versichern, dass all die Waffenanschaffungen und Heerverstrkungen und Militrkreditforderungen nur um des lieben Friedens willen geschehen. Wenn ihr schon die Zhne zeigt und die Fuste ballt, so flstert keine sanften Worte dazu  wenn ihr schon vor Ungeduld zittert, das Schwert zu schwingen, so macht doch nicht, als legtet ihr aus bloer Vorsicht die Hand an den Knauf ...
So redete ich eine Weile mit bebender Stimme und steigendem Affekte fort  ohne dass mein verblffter Vater ein Wort erwiderte  und brach schlielich in Trnen aus.
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Jetzt folgte eine Zeit der schwankenden Hoffnungen und Befrchtungen. Heute hie es der Friede gesichert, morgen  der Krieg unvermeidlich. Die meisten Leute waren letzterer Ansicht. Nicht so sehr, weil die Verhltnisse auf die Notwendigkeit eines blutigen Austrages wiesen, als deshalb, weil, wenn das Wort Krieg einmal gefallen, wohl noch sehr lange hin und her debattiert werden kann, aber erfahrungsgem das Ende jedesmal Krieg ist. Das kleine, unscheinbare Ei, welches den _Casus belli_ enthlt, wird da so lange ausgebrtet, bis das Ungetm hervorkriecht.
Tglich zeichnete ich in die roten Hefte die Phasen des schwebenden Streites auf und so wute ich damals, und wei noch heute, wie der verhngnisvolle 66er Krieg sich vorbereitet hat und wie er ausgebrochen ist. Ohne diese Eintragungen wre ich wohl ber das betreffende Stck Geschichte in derselben Unkenntnis, in welcher die meisten, inmitten der Geschichtsabspielung lebenden Menschen sich befinden. Gewhnlich wei die groe Mehrzahl der Bevlkerung nicht, warum und wie ein Krieg entsteht  man sieht ihn nur eine Zeitlang kommen  dann ist er da. Und wenn er da ist, so fragt man schon gar nicht mehr nach den kleinen Interessen und Meinungsverschiedenheiten, die ihn herbeigefhrt, sondern ist nur noch mit den gewaltigen Ereignissen beschftigt, die sein Fortgang mit sich bringt. Und ist er einmal vorber, so erinnert man sich hchstens der dabei persnlich erlebten Schrecken und Verluste  beziehungsweise Gewinne und Triumphe  aber an die politischen Entstehungsgrnde wird nicht mehr gedacht. In den verschiedenen Geschichtswerken, welche nach jenem Feldzuge unter Titeln wie Der Krieg vom Jahre  historisch und strategisch dargestellt  und dergleichen erscheinen, werden alle vergangenen Streitmotive und alle taktischen Bewegungen des betreffenden Feldzuges aufgezhlt, und wer dafr Interesse hat, kann in der einschlgigen Literatur sich Aufschluss holen;  aber im _Gedchtnis_ des Volkes lebt diese Geschichte gewiss nicht fort. Auch von den Gefhlen des Hasses und der Begeisterung, der Erbitterung und Siegeshoffnung, mit welchen die ganze Bevlkerung den Anfang des Krieges begrt  Gefhle, welche sich in dem Schlagwort uern: dieser Krieg ist sehr populr, auch davon ist nach ein paar Jahren alles verwischt.
Am 24. Mrz erlsst Preuen ein Rundschreiben, worin es sich ber die bedrohlichen sterreichischen Rstungen beklagt.  Warum rsten wir denn nicht ab, wenn wir nicht bedrohen wollen?  Wie sollen wir? Es wird ja am 28. Mrz preuischerseits verfgt, dass die Festungen in Schlesien und zwei Armeekorps in Bereitschaft gesetzt werden sollen ...
31. Mrz. Gott sei Dank! sterreich erklrt, dass smtliche umlaufende Gerchte ber geheimes Rsten falsch seien; es falle ihm gar nicht ein, Preuen anzugreifen. Es stellt daher die Forderung, dass Preuen seine Kriegsbereitschafts-Manahmen einstelle.
Preuen erwidert: Es denke gar nicht im entferntesten daran, sterreich anzugreifen, aber durch des letzteren Rstungen ist es gezwungen, sich auf einen Angriff gefasst zu machen.
So wird der zweistimmige Wechselgesang unausgesetzt fortgefhrt:

  _Meine Rstung ist die defensive,
  Deine Rstung ist die offensive,
  Ich muss rsten, weil du rstest,
  Weil du rstest, rste ich,
  Also rsten wir,
  Rsten wir nur immer zu._

Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab. Die Leitartikler schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik. Es wird geschrt, gehetzt, geprahlt, verleumdet. Geschichtswerke ber den siebenjhrigen Krieg werden verffentlicht, mit der ausgesprochenen Tendenz, die einstige Feindschaft aufzufrischen.
Indessen, der Notenwechsel dauert fort. Unterm 7. April leugnet sterreich nochmals offiziell seine Rstungen, spielt aber auf eine mndliche uerung an, welche Bismarck gegen Krolyi gemacht htte, dass man sich ber den Gasteiner Vertrag leicht hinwegsetzen werde.  Also _davon_ sollen die Vlkerschicksale abhngen, was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune ber Vertrge sprechen? Und was sind das berhaupt fr Vertrge, deren Einhalten von dem guten Willen der Kontrahenten abhngig bleibt und durch keine hhere schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird?
Auf diese Note antwortet Preuen unterm 15. April, dass die Anschuldigung unwahr sei; es msse aber dabei beharren, dass sterreich wirklich an den Grenzen gerstet habe; dadurch sei die eigene Gegenrstung gerechtfertigt. Ist es sterreich mit dem Nichtangreifen Ernst, so sollte es zuerst abrsten.
Hierauf das Wiener Kabinett: Wir wollen am 23. d. abrsten, wenn Preuen verspricht, am folgenden Tage dasselbe zu tun.
Preuen erklrt sich bereit.
Welch ein Aufatmen! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede erhalten bleiben! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte.
Aber zu frh. Neue Verwickelungen stellten sich ein. sterreich erklrt, es knne nur im Norden, nicht aber zugleich im Sden abrsten, denn dort sei es von Italien bedroht.
Darauf Preuen: Wenn sterreich nicht _ganz_ abrstet, so wollen wir auch gerstet bleiben.
Jetzt lsst sich Italien vernehmen: Es wre ihm nicht im entferntesten eingefallen, sterreich anzugreifen, aber nach dessen letzter Erklrung werde es allerdings Gegenrstungen machen.
Und so wird das hbsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen.
Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaen in Ruhe lullen. Nach solchen lauten und wiederholten Versicherungen _kann_ doch keiner angreifen, und ohne dass einer angreife, gibt es keinen Krieg. Das Prinzip, dass nur noch Verteidigungskriege gerecht seien, hat sich schon so sehr des ffentlichen Bewusstseins bemchtigt, dass doch keine Regierung mehr einen Einfall in das Nachbarland unternehmen darf; und wenn sich nur lauter _Verteidiger_ gegenberstehen, so knnen dieselben, so drohend sie auch bewaffnet, so fest sie auch entschlossen seien, sich bis aufs Messer zu wehren,  doch tatschlich den Frieden nicht brechen.
Welche Tuschung! Neben Offensive gibt es ja noch verschiedene andere Arten, Feindseligkeiten zu erffnen. Da sind die irgend ein drittes Lndchen betreffenden Forderungen und Einmengungen, die als ungerecht abgewehrt werden knnen, da sind die alten Vertrge, die man fr verletzt erklrt, und fr deren Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden muss; da ist endlich das europische Gleichgewicht, welches durch die Machterweiterung des einen oder des anderen Staates gefhrdet werden knnte: und daher gegen solche Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt. Uneingestandenermaen, aber am heftigsten zum Kampfe treibend, wirkt der lang geschrte Hass, welcher schlielich ebenso sehnschtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge drngt, wie lang genhrte Liebe nach lebenschpfender Umarmung.
Von nun an berstrzen sich die Ereignisse, sterreich tritt so entschieden fr den Augustenburger ein, dass Preuen dies fr einen Bruch des Gasteiner Vertrags erklrt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt, was zur Folge hat, dass beiderseits aufs uerste gerstet wird und nun auch Sachsen damit beginnt. Die Aufregung ist eine allgemeine und wird tglich heftiger. Krieg in Sicht, Krieg in Sicht! verknden alle Bltter und alle Gesprche. Mir ist zu Mute, als wre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug ...
Der gehassteste und geschmhteste Mann in Europa heit jetzt Bismarck. Am 7. Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht. Hat Blind, der Tter, jenen Sturm dadurch abwenden wollen? Und htte er ihn abgewendet?
Ich erhalte aus Preuen Briefe von Tante Kornelie, aus welchen hervorgeht, dass dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewnscht wird. Whrend bei uns allgemeine Begeisterung fr die Idee eines Krieges mit Preuen herrscht, und mit Stolz auf unsere Million auserlesener Soldaten geblickt wird, herrscht drben innere Zerfahrenheit. Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger geschmht und verleumdet als bei uns; das Gercht geht, dass die Landwehr sich weigern werde, in den Bruderkrieg zu ziehen, und man erzhlt, dass die Knigin Augusta sich ihrem Gemahl zu Fen geworfen, um fr den Frieden zu flehen. O, wie gern htte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern  alle  zu gleicher Tat hinreien wollen. Das, das allein sollte aller Frauen Bestreben sein: Friede, Friede  die Waffen nieder! Htte doch unsere schne Kaiserin sich auch zu Fen ihres Gemahls geworfen und weinend, mit erhobenen Hnden, um Entwaffnung gefleht! Wer wei? Vielleicht hat sie es getan  vielleicht htte der Kaiser selber auch gewnscht, den Frieden zu erhalten, aber der Druck, der von den Rten, von den Sprechern, Schreiern und Schreibern kommt, dem kann ein einzelner Mensch  selbst auf dem Thron nicht Widerstehen.
Am 1. Juni erklrt Preuen dem Bundestage, es werde sofort abrsten, wenn sterreich und Sachsen das Beispiel geben. Dagegen erfolgt von Wien geradeheraus die Anschuldigung, dass Preuen schon lange mit Italien einen Angriff auf sterreich geplant habe, weshalb letzteres sich nunmehr ganz dem deutschen Bund in die Arme werfen wolle, um diesen aufzufordern, die Entscheidung in Sachen der Elbherzogtmer zu bernehmen. Gleichzeitig wolle es die holsteinischen Stnde einberufen.
Gegen diese Erklrung legte Preuen Protest ein, weil dieselbe gegen den Gasteiner Vertrag verstoe. Damit sei zum Wiener Vertrag zurckgekehrt, nmlich zum gemeinschaftlichen Kondominat; folglich habe Preuen auch das Recht, Holstein zu besetzen, wie es seinerseits den sterreichern den Besitz Schleswigs nicht verwehre. Und zugleich rcken die Preuen in Holstein ein. Gablenz weicht ohne Schwertstreich, aber unter Protest zurck.
Vorher hat Bismarck in einem Rundschreiben gesagt: Von Wien hatten wir gar kein Entgegenkommen gefunden. Im Gegenteil: es waren dem Knige von authentischer Quelle Auslassungen von sterreichischen Staatsmnnern und Ratgebern des Kaisers zu Ohren gekommen (Tritschtratsch), welche beweisen, dass die Minister den Krieg um jeden Preis wnschen (Vlkermord _wnschen_; welche furchtbare Verbrechensanklage!), teils auf Erfolg im Felde hoffend, teils, um ber innere Schwierigkeiten hinwegzukommen und um den eigenen zerrtteten Finanzen durch preuische Kontribution aufzuhelfen. (Staatsklugheit.)
Unterm 9. Juni erklrt Preuen dem Bundestag, derselbe habe kein Recht zur alleinigen Entscheidung in der schleswig-holsteinischen Frage. Ein neuer Bundesreformplan wird vorgelegt, nach welchem die Niederlande und sterreich ausgeschlossen bleiben sollen.
Die Presse ist nunmehr ganz kriegerisch, und zwar, wie dies patriotische Sitte ist, siegesgewiss. Die Mglichkeit einer Niederlage muss fr den loyalen Untertan, den sein Frst zum Kampfe ruft, vllig ausgeschlossen sein. Verschiedene Leitartikel malen den bevorstehenden Einzug Benedeks in Berlin aus, sowie die Plnderung dieser Stadt durch die Kroaten. Einige empfehlen auch Preuens Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen. Plnderung, Erdboden gleich machen, ber die Klinge springen lassen  diese Worte entsprechen zwar nicht mehr dem neuzeitlichen Vlkerrechtsbewusstsein, sie sind aber, von den Schulstudien der alten Kriegsgeschichte her, an den Leuten hngen geblieben; derlei ward in den auswendig gelernten Schlachtberichten so oft hergesagt, in den deutschen Aufstzen so oft niedergeschrieben, dass, wenn nun ber das Thema Krieg Zeitungsartikel verfasst werden sollen, solche Worte von selber in die Feder flieen. Die Verachtung des Feindes kann nicht drastisch genug ausgedrckt werden; fr die preuischen Truppen haben die Wiener Zeitungen keine andere Bezeichnung mehr als die Schneidergesellen. General-Adjutant Graf Grnne hat geuert: Diese Preuen werden wir mit nassen Fetzen verjagen. Mit derlei macht man einen Krieg eben populr. So etwas krftigt das nationale Selbstgefhl.
11. Juni. sterreich beantragt, der Bund solle gegen die preuische Selbsthilfe in Holstein einschreiten und das ganze Bundesheer mobil machen. Am 14. Juni wird ber diesen Antrag abgestimmt und mit neun gegen sechs Stimmen  angenommen. O, diese drei Stimmen! Wieviel Jammer- und Wehgeheul hat diesen drei Stimmen als Echo nachgedrhnt!
Es ist geschehen. Die Gesandten erhalten ihre Psse. Am 16. fordert der Bund sterreich und Bayern auf, den Hannoveranern und Sachsen, welche bereits von Preuen angegriffen seien, zu Hilfe zu kommen.
Am 18. ergeht das preuische Kriegsmanifest. Zu gleicher Zeit das Manifest des Kaisers von sterreich an sein Volk und die Proklamation Benedeks an seine Truppen. Am 22. erlsst Prinz Friedrich Karl einen Armeebefehl und erffnet damit den Krieg. Ich habe die vier Urkunden zur Zeit abgeschrieben; hier sind sie:

Knig Wilhelm sagt:

    sterreich will nicht vergessen, dass seine Frsten einst Deutschland beherrschten, will im jungen Preuen keinen Bundesgenossen, sondern nur einen feindlichen Nebenbuhler erkennen. Preuen, meint es, sei in allen seinen Bestrebungen zu bekmpfen, weil, was Preuen frommt, sterreich schade. Alte, unselige Eifersucht ist in hellen Flammen wieder aufgelodert; Preuen soll geschwcht, vernichtet, entehrt werden. Ihm gegenber gelten keine Vertrge mehr. Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden umgeben und deren Kampfgeschrei ist Erniedrigung Preuens. Bis zum letzten Augenblick habe ich die Wege zu gtigem Ausgleich gesucht und offen gehalten  sterreich wollte nicht.

Dagegen lst sich Kaiser Franz Joseph also vernehmen:

    Die neuesten Ereignisse erweisen es unwiderleglich, dass Preuen nun offen Gewalt an Stelle des Rechtes setzt. So ist der unheilvollste Krieg  ein Krieg Deutsche gegen Deutsche  unvermeidlich geworden! Zur Verantwortung all des Unglcks, das er ber einzelne, Familien, Gegenden und Lnder bringen wird, rufe ich diejenigen, welche ihn herbeigefhrt, vor den Richterstuhl der Geschichte und des ewigen allmchtigen Gottes.

Immer der andere ist der Kriegwnschende. Immer dem anderen wird vorgeworfen, dass er Gewalt an Stelle des Rechtes setzen will. Warum ist es denn berhaupt noch vlkerrechtlich mglich, dass dies geschehe? Ein unheilvoller Krieg, weil Deutsche gegen Deutsche. Ganz richtig: es ist schon ein hherer Standpunkt, der ber Preuen und sterreich den weiteren Begriff Deutschland erhebt  aber nur noch einen Schritt: und es wre jene noch hhere Einheit erreicht, in deren Licht jeder Krieg  Menschen gegen Menschen, namentlich zivilisierte gegen zivilisierte  als unheilvoller Bruderkrieg erscheinen msste. Und vor den Richterstuhl der Geschichte rufen  was ntzt das? Die Geschichte, wie sie bisher geschrieben wurde, hat noch niemals anders gerichtet, als dass sie dem _Erfolge_ huldigte. Derjenige, der aus dem Kriege als Sieger hervorgeht, vor dem fllt die historienskribbelnde Gilde in den Staub und preist ihn als den Erfller einer Kulturmission. Und vor dem Richterstuhl Gottes, des Allmchtigen? Ja, es ist denn dieser selber nicht, der stets als der Lenker der Schlachten hingestellt wird  geschieht denn mit dem Ausbruch sowohl als mit dem Ausgang jedes Krieges nicht eben dieses Allmchtigen unverrckbarer Wille? O Widerspruch ber Widerspruch! Ein solcher muss sich eben berall einstellen, wo unter Phrasen die Wahrheit versteckt werden soll, wo man zwei einander aufhebende Prinzipien  wie Krieg und Gerechtigkeit, wie Vlkerhass und Menschlichkeit, wie Gott der Liebe und Gott der Schlachten  nebeneinander gleich heilig halten will.
Und Benedek sagt:

    Wir stehen einer Streitmacht gegenber, die aus zwei Hlften zusammengesetzt ist: Linie und Landwehr. Erstere bilden lauter junge Leute, die, weder an Strapazen und Entbehrungen gewhnt, niemals eine bedeutende Kampagne mitgemacht haben. Letztere besteht aus jetzt unzuverlssigen, missvergngten Elementen, die lieber die eigene missliebige Regierung strzen als gegen uns kmpfen mchten. Der Feind hat infolge langer Friedensjahre auch nicht einen einzigen General, der Gelegenheit gehabt htte, sich auf den Schlachtfeldern heranzubilden. Veteranen von Mincio und Palestro, ich denke, ihr werdet unter euren alten bewhrten Fhrern es euch zur besonderen Ehre rechnen, einem solchen Gegner auch nicht den leisesten Vorteil zu gestatten. Der Feind prahlt seit langer Zeit mit seinem schnellen Kleingewehrfeuer  aber, Leute, ich denke, das soll ihm wenig Nutzen bringen. Wir werden ihm wahrscheinlich keine Zeit dazu lassen, sondern ungesumt ihm mit Bajonett und Kolben auf den Leib gehen. Sobald mit Gottes Hilfe der Gegner geschlagen und zum Rckzug gezwungen sein wird, werden wir ihm auf dem Fue folgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen im reichlichsten Mae in Anspruch nehmen, die sich eine siegreiche Armee mit vollstem Rechte verdient haben wird.

Prinz Friedrich Karl endlich spricht:

    Soldaten! Das treulose bundesbrchige sterreich hat ohne Kriegserklrung schon seit einiger Zeit die preuischen Grenzen in Oberschlesien nicht respektiert. Ich htte also ebenfalls ohne Kriegserklrung die bhmische Grenze berschreiten drfen. Ich habe es nicht getan. Heute habe ich eine betreffende Kundgebung berreichen lassen und heute betreten wir das feindliche Gebiet, um unser eigenes Land zu schonen. Unser Anfang sei mit Gott. (Ist das derselbe Gott, mit dessen Hilfe Benedek versprochen hat, den Feind mittels Bajonett und Kolben zurckzuschlagen? ...) Auf ihn lasst uns unsere Sache stellen, der die Herzen der Menschen lenkt, der die Schicksale der Vlker und den Ausgang der Schlachten entscheidet. Wie in der heiligen Schrift geschrieben steht: Lasst eure Herzen zu Gott schlagen und eure Fuste auf den Feind. In diesem Kriege handelt es sich  ihr wisst es  um Preuens heiligste Gter und um das Fortbestehen unseres teuren Preuens. Der Feind will es ausgesprochenermaen zerstckeln und erniedrigen. Die Strme von Blut, welche eure und meine Vter unter Friedrich dem Groen und wir jngst bei Dppel und auf Alsen vergossen haben, sollten sie umsonst vergossen sein? Nimmermehr! Wir wollen Preuen erhalten, wie es ist, und durch Siege krftiger und mchtiger machen. Wir werden uns unserer Vter wrdig zeigen. Wir bauen auf den Gott unserer Vter, der uns gndig sein und Preuens Waffen segnen mge. Und nun vorwrts mit unserem alten Schlachtruf: Mit Gott fr Knig und Vaterland. Es lebe der Knig!


 Viertes Buch
1866

Und so war es denn wieder da  dieses grte alles denkbaren Unglcks  und wurde von der Bevlkerung mit dem gewohnten Jubel begrt. Die Regimenter marschierten aus (wie wrden sie wiederkehren?) und Sieges- und Segenswnsche und schreiende Gassenjungen gaben ihnen das Geleite.
Friedrich war schon vor einiger Zeit nach Bhmen beordert worden  noch ehe der Krieg erklrt war, und gerade als die Dinge so standen, dass ich zuversichtlich hoffen konnte, der unselige, so geringfgige Herzogtmerstreit werde sich gtlich beilegen. Diesmal war mir das herzzerreiende Abschiednehmen erspart geblieben, welches dem direkten In den Krieg ziehen des Geliebten vorangeht. Als mir mein Vater triumphierend die Nachricht brachte: Jetzt gehts los, war ich schon seit vierzehn Tagen allein. Und seit letzter Zeit war ich auf diese Nachricht schon gefasst gewesen  wie ein Verbrecher in seiner Zelle auf Verlesung des Todesurteils gefasst ist.
Ich beugte den Kopf und sagte nichts.
Sei guten Muts, Kind. Der Krieg wird nicht lang dauern  ber heut und morgen sind wir in Berlin ... Und so wie er aus Schleswig-Holstein zurckgekommen, so wird dein Mann auch aus diesem Feldzug heimkehren, aber mit viel grnerem Lorbeer bedeckt. Unangenehm mag es ihm zwar sein, da er selbst preuischen Ursprungs ist, gegen Preuen zu ziehen  aber seit er in sterreichischen Diensten steht, ist er ja doch mit Leib und Seel einer von den unsern ... Diese Preuen! Aus dem Bund wollen sie uns hinauswerfen, die arroganten Windbeutel  das werden sie schn bereuen, wenn Schlesien wieder unser ist, und wenn die Habsburger
Ich streckte die Hnde aus:
Vater  eine Bitte: lass mich jetzt allein.
Er mochte glauben, dass ich das Bedrfnis fhlte, mich auszuweinen, und da er ein Feind aller Rhrszenen war, so willfahrte er bereitwilligst meinem Wunsch und ging.
Ich aber weinte nicht. Es war mir, als wre ein betubender Schlag auf meinen Kopf gefallen. Schwer atmend, starr blickend sa ich eine Zeit regungslos da. Dann ging ich zu meinem Schreibtisch, schlug die roten Hefte auf und trug ein:
Das Todesurteil ist gesprochen. Hunderttausend Menschen sollen hingerichtet werden. Ob Friedrich auch dabei ist? ... Folglich auch ich ... Wer bin ich, um nicht zu Grunde zu gehen, wie die anderen Hunderttausend?  ich wollt, ich wr schon tot.
Von Friedrich erhielt ich am selben Tage einige flchtig geschriebene Zeilen:

    Mein Weib! Sei mutig  hoch das Herz! Wir waren glcklich, das kann uns niemand nehmen, selbst wenn heute, wie fr so viele andere, auch fr uns das Dekret gefallen wre: Es ist _vorbei_. (Derselbe Gedanke, wie ich in meinen roten Heften: die vielen anderen Verurteilten.) Heute gehts dem Feind entgegen. Vielleicht erkenne ich drben ein paar Kampfgenossen von Dppel und Alsen  vielleicht meinen kleinen Vetter Gottfried ... Wir marschieren nach Liebenau mit der Avantgarde des Grafen Clam-Gallas. Von nun an gibts zum Schreiben keine Zeit mehr. Erwarte Dir keine Briefe. Hchstens, wenn sich die Gelegenheit bietet, eine Zeile, zum Zeichen, dass ich lebe. Vorher mchte ich noch ein einziges Wort finden, das meine ganze Liebe in sich fasste, um es Dir  falls es das letzte wre  hier niederzuschreiben. Ich finde nur dieses: Martha! Du weit, was mir das bedeutet.

Konrad Althaus musste auch ausrcken. Er war voll Feuer und Kampfeslust und von gengendem Preuenhass beseelt, um gern hinauszuziehen: dennoch fiel ihm der Abschied schwer. Die Heiratsbewilligung war erst zwei Tage vor dem Marschbefehl eingetroffen. O, Lilli, Lilli, sprach er schmerzlich, als er seiner Braut Lebewohl sagte, warum hast du so lang gezgert, mich zu nehmen? Wer wei nun, ob ich wiederkomme?
Meine arme Schwester war selbst von Reue erfllt. Jetzt erst erwachte leidenschaftliche Liebe fr den Langverschmhten. Als er fort war, sank sie weinend in meine Arme.
O, warum habe ich nicht lngst ja gesagt! Jetzt wre ich sein Weib ...
Da wre dir der Abschied nur desto schmerzlicher geworden, meine arme Lilli.
Sie schttelte den Kopf. Ich verstand wohl, was in ihrem Innern vorging  vielleicht klarer, als sie es selber verstand: sich trennen mssen bei noch ungestilltem  vielleicht ewig ungestillt bleiben sollendem Liebessehnen;  den Becher von den Lippen weggerissen und mglicherweise zerschellt sehen, ehe man noch einen einzigen Trunk getan  das mag wohl doppelt qulend sein.
Mein Vater, die Schwestern und Tante Marie bersiedelten jetzt nach Grumitz. Ich lie mich leicht bereden, samt meinem Shnchen mitzukommen. So lange Friedrich fort war, schien mir der eigene Herd erstorben  ich htte es da nicht ausgehalten. Es ist sonderbar: ich fhlte mich so verwitwet, als wre die Nachricht von dem ausgebrochenen Kriege zugleich die Nachricht von Friedrichs Tod gewesen. Manchmal, mitten in meine dumpfe Trauer, fiel ein lichter Gedanke: Er lebt und kann ja wiederkommen  daneben aber stieg wieder die schreckliche Idee auf: er krmmt und windet sich in unertrglichen Schmerzen ... er verschmachtet in einem Graben  schwere Wagen fahren ber seine zerschossenen Glieder weg  Mcken und Ameisen wimmeln auf seinen offenen Wunden; die Leute, welche das Schlachtfeld rumen, halten den erstarrt Daliegenden fr tot und scharren ihn lebendig mit anderen Toten in die seichte Grube  hier kommt er zu sich und   
Mit einem lauten Schrei fuhr ich aus solchen Vorstellungen empor.
Was hast du nun wieder, Martha? schalt mein Vater. Du wirst noch verrckt werden, wenn du so brtest und aufschreist. Beschwrst du dir wieder so dumme Bilder vor die Einbildung? Das ist sndhaft. ...
Ich hatte nmlich fters diese meine Ideen laut werden lassen, was meinen Vater hchlichst entrstete.
Sndhaft, fuhr er fort, und unanstndig und unsinnig. Solche Flle, wie sie deine berspannte Phantasie ausmalt, die kommen mitunter  unter tausend Fllen einmal  bei der Mannschaft  vor, aber einen Stabsoffizier, wie deinen Mann, lassen die anderen nicht liegen. berhaupt, an solche Grauendinge soll man nicht denken. Es liegt eine Art Frevel, eine Entheiligung des Krieges darin, wenn man statt der Gre des Ganzen die elenden Einzelheiten ins Auge fasst ... an die denkt man nicht.
Ja, ja, nicht daran denken, antwortete ich, das ist von jeher Menschenbrauch allem Menschenelend gegenber ... Nicht denken: darauf ist ohnehin alle Barbarei gesttzt.
Unser Hausarzt, Dr. Bresser, war diesmal nicht in Grumitz; er hatte sich freiwillig dem Sanittskorps zur Verfgung gestellt und war nach dem Kriegsschauplatz abgegangen. Auch mir war der Gedanke gekommen, sollte ich nicht als Krankenpflegerin mitziehen? ... Ja, wenn ich gewusst htte, dass ich in die Nhe Friedrichs kme, dass ich bei der Hand wre, falls er verwundet wrde, da htte ich nicht gezgert; aber fr andere? Nein, da gebrach es mir an Kraft, da fehlte der Opfermut. Sterben sehen, rcheln hren  hundert Hilfeflehenden helfen wollen und nicht helfen knnen  den Schmerz, den Ekel, den Jammer auf mich laden, ohne dabei Friedrich beizustehen  im Gegenteil, dadurch die Chancen, dass wir uns wiederfinden, vermindern, denn die Pflegenden begeben sich auch in vielfache Todesgefahr ... nein, ich tat es nicht. Zudem belehrte mich mein Vater, dass eine Privatperson, wie ich, zur Krankenpflege in den Feldhospitlern gar nicht zugelassen wrde  dass dieses Amt nur von Sanittssoldaten oder hchstens von barmherzigen Schwestern ausgebt werden drfe.
Charpie zupfen, sagte er, und Verbandzeug fr die patriotischen Hilfsvereine herrichten, das ist das einzige, was ihr fr die Verwundeten leisten knnt, und das sollen denn meine Tchter auch fleiig tun  dazu geb ich meinen Segen.
Und diese Beschftigung war es nun auch, welcher meine Schwestern und ich viele Stunden des Tages widmeten. Rosa und Lilli verrichteten ihre Arbeit mit sanft gerhrten und dabei fast freudigen Mienen. Wenn die feinen Fdchen sich unter unseren Fingern zu weichen Massen huften, wenn wir die Leinwandstreifen schn ordentlich bereinander gefaltet, so brachte dies den beiden Mdchen etwas von den Empfindungen des barmherzigen Pflegeamtes: es war ihnen, als linderten sie brennende Schmerzen und verhteten sie das Verbluten der Wunden; als hrten sie die erleichterten Seufzer und shen die dankbaren Blicke der Gewarteten. Es war beinahe ein freundliches Bild, welches ihnen da von dem Zustand des Verwundetseins vorschwebte. Die beneidenswerten Soldaten, welche, den Gefahren des tobenden Kampfes entronnen, jetzt auf weichen, reinen Betten hingestreckt, da gepflegt und gehtschelt werden, bis zu ihrer Heilung, grtenteils in halb bewusstlosen, kstlich-mden Halbschlummer gelullt, zeitweise wieder zu dem angenehmen Bewusstsein erwachend, dass ihr Leben gerettet, dass sie zu den Ihren heimkehren und noch in fernen Zeiten erzhlen knnen, wie sie in der Schlacht von X ehrenvoll blessiert worden seien.
In dieser naiven Auffassung bestrkte sie denn auch unser Vater:
Brav, brav, Mdels  heute seid ihr wieder fleiig ... da habt ihr wieder vielen unserer tapferen Verteidiger eine Freude gemacht! Wie das wohl tut, so ein Pckchen Charpie auf der blutenden Wunde  ich wei was davon zu erzhlen: ... Damals, als ich bei Palestro den Schuss ins Bein bekam  usw. usw.
Ich aber seufzte und sagte nichts. Ich hatte andere Geschichten von Verwundungen vernommen, als die, wie sie mein Vater zu erzhlen beliebte;  Geschichten, welche sich zu den gebruchlichen Veteranenanekdoten verhalten ungefhr wie die Wirklichkeit elenden Hirtenlebens zu den Schferbildchen von Watteau.
Das rote Kreuz ... ich wusste, durch welches auf das schmerzlichste erschtterte Vlkermitleid diese Institution ins Leben gerufen ward. Seiner Zeit hatte ich den darber in Genf gefhrten Verhandlungen gefolgt und die Schrift Dunants, welche den Ansto zu dem Ganzen gegeben, hatte ich gelesen. Ein herzzerreiender Jammerruf, diese Schrift! Der edle Genfer Patrizier war auf das Schlachtfeld von Solferino geeilt, um zu helfen, was er konnte; und das, was er dort gefunden, hat er der Welt erzhlt. Zahllose Verwundete, welche fnf, sechs Tage liegen geblieben  ohne Hilfe ... Alle htte er retten mgen, doch was konnte er, der einzelne, was konnten die anderen, wenigen diesem Massenelend gegenber tun? Er sah solche, welchen durch einen Tropfen Wasser, durch einen Bissen Brot das Leben htte erhalten werden knnen; er sah solche die noch atmend, in frchterlicher Eile begraben wurden ... Dann sprach er aus, was schon oft erkannt worden, was aber jetzt erst Nachhall fand: dass die Verpflegungs- und Rettungsmittel der Heeresverwaltung den Anforderungen einer Schlacht nicht mehr gewachsen seien. Und das rote Kreuz ward geschaffen.
sterreich hatte sich der Genfer Konvention damals noch nicht angeschlossen. Warum? ... Warum wird allem Neuen, wenn es noch so segensreich und einfach ist, Widerstand entgegengesetzt?  Das Gesetz der Trgheit  die Gewalt des heiligen Schlendrians ... Die Idee ist recht schn, aber unausfhrbar, hie es da  auch meinen Vater hrte ich fters jene, whrend der Konferenz von 1863 von verschiedenen Delegierten vorgebrachten Zweifelargumente wiederholen  unausfhrbar, und selbst, wenn ausfhrbar, so doch in mancher Hinsicht sehr unzukmmlich. Die Militrbehrden knnten Privatmitwirkung auf dem Schlachtfelde nicht angemessen finden. Im Kriege mssen die taktischen Zwecke der Menschenfreundlichkeit vorangehen  und wie knnte diese Privatmitwirkung mit gengenden Brgschaften gegen das Spionenwesen umgeben werden? Und die Auslagen! Kostet der Krieg nicht ohnehin schon genug! Die freiwilligen Krankenwrter wrden durch ihre eigenen stofflichen Bedrfnisse dem Proviantamt lstig fallen; oder, wenn sie sich in dem besetzten Lande auch selber verproviantieren, entsteht da nicht eine bedauerliche Konkurrenz fr die Heeresverwaltung durch den Ankauf von fr die Verwaltung notwendigen Gegenstnden und die unmittelbare Erhhung ihres Preises?
O diese Behrdenweisheit!  So trocken, so gelehrt, so sachlich, ja klugheitstriefend und so  bodenlos dumm.
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Der erste Zusammensto unserer in Bhmen befindlichen Truppen mit dem Feinde fand am 25. Juni in Liebenau statt. Diese Nachricht brachte uns mein Vater mit seiner gewohnten triumphierenden Miene:
Das ist ein prchtiger Anfang! sagte er. Man sieht es, der Himmel ist mit uns. Es hat was zu bedeuten, dass die ersten, mit welchen diese Windbeutel zu tun bekommen, die Leute unserer berhmten eisernen Brigade waren ... ihr wisst doch: die Brigade Poschacher, welche den Knigsberg in Schlesien so tapfer verteidigt hat. Die wirds ihnen gehrig geben! (Die nchsten Nachrichten vom Kriegsschauplatze aber ergaben, dass nach fnfstndigem Gefecht diese in der Avantgarde Clam-Gallas befindliche Brigade sich nach Podol zurckzog. Dass Friedrich dabei war  ich wusste es nicht, und dass in derselben Nacht das verbarrikadierte Podol vom General Horn angegriffen und dort bei hellem Mondschein der Kampf fortgesetzt ward  das hab ich auch erst spter erfahren.) Aber herrlicher noch als im Norden, fuhr mein Vater fort, gestaltet sich der Anfang im Sden. Bei Custozza ist ein Sieg errungen worden, Kinder  so glnzend wie nur einer ... Ich habe es immer gesagt: die Lombardei _muss_ unser werden! ... Freut ihr euch denn nicht? Ich betrachte den Krieg als schon entschieden; denn wenn man mit den Italienern fertig geworden: welche doch ein regelmiges und geschultes Heer uns gegenberstellen, da wird es uns mit den Schneidergesellen weiter nicht schwer fallen. Diese Landwehr  es ist eine wahre Frechheit  und es gehrt nur die ganze preuische Selbstberhebung dazu, um _damit_ gegen richtige Armeen ausziehen zu wollen. Da werden die Leute von der Werkstatt, vom Schreibtisch hinweggerufen  sind an keinerlei Strapazen gewhnt, knnen also unmglich als blut- und eisenfeste Soldaten im Felde stehen. Da seht einmal her, was die Wiener Zeitung in einer Originalkorrespondenz unterm 24. Juni schreibt. Das sind doch gute Nachrichten:

    In preuisch Schlesien ist die Rinderpest ausgebrochen und wie man vernimmt in uerst bedrohlicher Art 

Rinderpest  bedrohliche Art  erfreuliche Nachrichten sagte ich mit leisem Kopfschtteln. Hbsche Dinge, ber welche man zu Kriegszeiten Vergngen haben soll ... Es ist nur gut, dass schwarzgelbe Schlagbume an der Grenze stehen  da kann die Pest nicht herber ...
Aber mein Vater hrte nicht und las das Erfreuliche weiter:

    Unter den preuischen Truppen aus Neie herrscht das Fieber. Das ungesunde Sumpfland, die schlechte Verpflegung und die miserable Unterkunft der in den umliegenden Ortschaften aufgehuften Truppen mussten solche Erscheinungen zur Folge haben. Von der Verpflegung der preuischen Soldaten macht sich der sterreicher keinen Begriff. Die Junker glauben dem Volk eben alles bieten zu knnen. Sechs Lot Schweinefleisch fr den Mann, der an die forcierten Mrsche und sonstigen Strapazen nicht gewhnt worden, der alles, nur kein abgehrteter Soldat ist.

Die Bltter sind berhaupt voll prchtiger Nachrichten.  Vor allem die Berichte vom glorreichen Custozza-Tage  du solltest dir diese Zeitungen aufheben, Martha.
Und ich _habe_ sie aufgehoben. Das sollte man immer tun; und wenn ein neuer Vlkerzwist heranzieht, dann lese man nicht die neuesten Zeitungen, sondern die, welche von vorigem Kriege datieren, und man wird sehen, was all den Prophezeiungen und Prahlereien und auch den Berichten und Nachrichten fr Wahrheitswert beizumessen ist. _Das_ ist lehrreich.

Vom nrdlichen Kriegsschauplatz.
Aus dem Hauptquartier der Nord-Armee wird unterm 25. Juni ber den Feldzugsplan (!) der Preuen geschrieben:

    Nach den neuesten Nachrichten hat die preuische Armee ihr Hauptquartier nach dem stlichen Schlesien verlegt. (Folgt in dem gewhnlichen taktischen Stile eine lngere Aufzhlung der vor dem Feinde projektierten Bewegungen und Stellungnahmen, von welchen der Herr Berichterstatter gewiss ein klareres Bild vor Augen hatte, als Moltke und Roon.) Es scheint demnach in der Absicht der Preuen zu liegen, hierdurch dem Vormarsch unserer Armee gegen Berlin durch den eigenen zuvorzukommen, was ihnen jedoch bei den getroffenen Vorkehrungen (welche unser Spezial-Korrespondent ebenfalls genauer kennt als Benedek) schwerlich gelingen drfte. Mit vollstem Vertrauen kann man gnstigen Berichten von der Nord-Armee entgegensehen, die, wenn sie auch nicht so schnell, als die Sehnsucht des Volkes sie erwartet, einlaufen, dafr aber um so bedeutender und inhaltsreicher sein werden.

Einen hbschen Zwischenfall bei dem Durchmarsch sterreichischer Truppen italienischer Nationalitt durch Mnchen erzhlt die Neue Frankfurter Zeitung wie folgt:

    Unter den durch Mnchen gekommenen Truppen befinden sich Linienbatallione, sie wurden, wie die brigen durch die bayerische Hauptstadt gekommenen Truppen, in einem dem Bahnhof nahegelegenen Wirtschaftsgarten bewirtet. Jedermann konnte sich berzeugen, dass diese Venezianer unter Jubel ihre Kampfeslust gegen die Feinde sterreichs kundgaben. (Vielleicht htte auch jedermann denken knnen, dass betrunkene Soldaten sich willig fr das begeistern, was ihnen zur Begeisterung angeboten wird.) In Wrzburg war der Bahnhof angefllt mit der Mannschaft eines sterreichischen Linien-Infanterieregiments. So viel wahrnehmbar, bestand die ganze Mannschaft aus Venezianern. Gleichfalls freundlich aufgenommen (das heit gleichfalls betrunken), konnten die Leute nicht Ausdruck finden, ihre Freude und ihre Absicht, gegen die Friedensbrecher (von zwei kriegfhrenden Parteien ist die friedensbrechende stets die andere) zu kmpfen, aufs lebhafteste kundzugeben. Die Evivas nahmen kein Ende. (Sollte der auf den Bahnhfen sich herumtreibende, von Soldatengeschrei so erbaute Herr von Jedermann nicht wissen, dass es nichts Ansteckenderes gibt als Vivat-Rufen:  dass tausend miteinander brllende Stimmen nicht den Ausdruck von tausend einmtigen Gesinnungen, sondern einfach die Bettigung des natrlichen Nachahmungstriebes bedeuten?)

In _Bhmisch-Trbau_ hat der Feldzeugmeister Ritter von Benedek die drei Bulletins ber den Sieg der Sd-Armee der Nord-Armee bekannt gegeben und daran nachstehenden Tagesbefehl geknpft:

    Im Namen der Nord-Armee habe ich folgendes Telegramm an das Kommando der Sd-Armee abgesendet: Feldzeugmeister Benedek und die gesamte Nord-Armee dem glorreichen durchlauchtigsten Kommandanten der tapferen Sd-Armee mit freudiger Bewunderung herzlichste Glckwnsche zum neuen ruhmvollen Tage von Custozza. Mit einem neuen glorreichen Siege unserer Waffen ist der Feldzug im Sden erffnet. Das glorreiche Custozza prangt auf dem Ehrenschild des kaiserlichen Heeres. Soldaten der Nord-Armee! Mit Jubel werdet ihr die Nachricht begren, mit erhhter Begeisterung in den Kampf ziehen, dass auch wir sehr bald ruhmvolle Schlachtennamen auf jenes Schild verzeichnen und dem Kaiser auch aus dem Norden einen Sieg melden, nachdem eure Kampfbegierde brennt, den eure Tapferkeit und Hingebung erringen wird mit dem Rufe: Es lebe der Kaiser!
    Benedek

Auf obiges Telegramm ist folgende Antwort aus Verona telegraphisch in Bhmisch-Trbau angelangt:

    Der Sd-Armee und ihres Kommandanten gerhrten Dank ihrem geliebten frheren Feldherrn und seiner braven Armee. berzeugt, dass auch wir bald zu solchen Siegen werden Glck wnschen knnen.

berzeugt  berzeugt ...
Lacht euch nicht das Herz im Leibe, Kinder, wenn ihr derlei Sachen leset? rief mein Vater entzckt. Knnt ihr euch nicht zu gengendem patriotischen Hochgefhle aufschwingen, um angesichts solcher Triumphe eure eigenen Angelegenheiten in den Hintergrund zu drngen  um zu vergessen, du, Martha, dass dein Friedrich, du, Lilli, dass dein Konrad einigen Gefahren ausgesetzt sind? Gefahren, welchen sie wahrscheinlich heil entkommen und denen selbst zu unterliegen  ein Los, das sie mit den besten Shnen des Vaterlandes teilen  ihnen nur zu Ruhm und Ehre gereicht. Es gibt keinen Soldaten, der mit dem Rufe Fr das Vaterland! nicht gern strbe.
Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem Felde liegen bleibt  entgegnete ich  und da ungefunden durch vier oder fnf Tage und Nchte an Durst, Hunger, unter unsglichen Schmerzen, lebend verfaulend, zu Grunde geht  dabei wissend, dass durch seinen Tod dem besagten Vaterlande nichts geholfen, seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden  ich mchte wissen, ob er die ganze Zeit ber mit jenem Rufe gern stirbt.
Du frevelst ... Du sprichst zudem in so grellen Worten  fr eine Frau ganz unanstndig.
Ja, ja, das wahre Wort  die aufgedeckte Wirklichkeit ist frevelhaft, ist schamlos ... Nur die Phrase, die durch tausendfltige Wiederholung sanktionierte Phrase anstndig. Ich aber versichere dich, Vater, dass dieses naturwidrige Gern-sterben, welches da allen Mnnern zugemutet wird, so heldenhaft es dem Aussprechenden auch dnken mag  mir klingt es wie _gesprochener Totschlag_.
~
Unter Friedrichs Papieren  viele Tage spter  habe ich einen Brief gefunden, den ich ihm in jenen Tagen nach dem Kriegsschauplatz schickte. Dieser Brief zeigt am deutlichsten, von welchen Gefhlen ich damals erfllt war.

    Grumitz, 28. Juni 1866.
    Teurer: Ich lebe nicht ... Stelle dir vor, dass in einem Nebenzimmer die Leute beraten ob ich in den nchsten Tagen gehenkt werden soll oder nicht, whrend ich drauen auf diese Entscheidung warten muss. In dieser Wartezeit atme ich wohl  aber kann ich das leben nennen? Das Nebenzimmer, in welchem die Frage entschieden werden soll, heit Bhmen ... Doch nicht, Geliebter, das Bild ist noch nicht ganz zutreffend. Denn wenn es sich nur um _mein_ Leben oder Sterben handelte, so wre das Bangen nicht so gro. Denn mein Bangen gilt einem viel teureren Leben, als dem eigenen ... Und sogar noch rgerem als deinem Tode gilt meine Angst  sie gilt Deiner mglichen _Todesqual_ ... O, wre es doch schon vorber, vorber! Kmen doch unsere Siege in rascher Folge  nicht der Siege, sondern des Endes halber!
    Ob Dich diese Zeilen erreichen? Und wo und wie? Ob nach einem heien Schlachttage, ob im Lager, ob vielleicht im Lazarett ... auf jeden Fall tut es Dir wohl, Kunde von Deiner Martha zu erhalten. Wenn ich auch nur Trauriges schreiben kann  was anders als Trauriges kann in einer Zeit empfunden werden, wo die Sonne durch das groe schwarze Sargdeckeltuch verfinstert wird, welches fr das Vaterland aufgehisst worden, damit es auf die Kinder des Landes herabfalle  dennoch bringen Dir meine Zeilen Labung ... denn Du hast mich lieb, Friedrich  ich wei es, wie lieb, und mein geschriebenes Wort freut und bewegt Dich, wie ein sanftes Streicheln meiner Hand.  Ich bin bei Dir, Friedrich, wisse das: mit jedem Gedanken, mit jedem Atemzug, bei Tag und Nacht ... Hier in meinem Kreise bewege ich mich und handle und spreche mechanisch; mein eigenstes Ich  das ja Dir gehrt  das verlsst Dich keinen Augenblick ... Nur mein Bub erinnert mich, dass die Welt mir doch noch etwas enthlt, was nicht Du heit ... Der gute Kleine  wenn Du wsstest, wie er nach Dir fragt und sorgt! Wir zwei sprechen miteinander eigentlich von gar nichts anderem, als von Papa. Er wei es wohl, der feinfhlige Knabe, dass dies der Gegenstand ist, von dem mein Herz voll ist, und so klein er ist  Du weit es ja  ist er schon eine Art _Freund_ seiner Mutter. Ich fange auch schon an, mit ihm zu reden, wie mit einem Vernnftigen, und dafr ist er mir dankbar. Ich meinerseits bin ihm dankbar fr die Liebe, die er Dir weiht. Es ist so selten, dass Kinder ihre Stiefeltern gut leiden mgen, freilich ist an Dir auch nichts Stiefvterliches  Du knntest mit einem eigenen Jungen nicht zrtlicher, nicht gtiger sein, Du mein Zrtlicher, Gtiger! Ja, die Gte  die groe, weiche, milde  die ist Deines Wesens Grundlage und  wie sagt der Dichter? so wie der Himmel aus einem einzigen groen Saphir sich wlbt, so formt sich eines edlen Menschen Charaktergre nur aus einer Tugend  der Gte. Mit anderen Worten: ich lieb Dich, Friedrich! Das ist ja doch immer der Refrain alles dessen, was ich von Dir und Deinen Eigenschaften denke. So vertrauensvoll, so zuversichtlich lieb ich Dich  ich _ruhe_ in Dir, Friedrich, warm und sanft ... wenn ich Dich habe  versteht sich. Jetzt, da Du mir wieder entrissen bist, ists mit meiner Ruhe natrlich aus. Ach, wre der Sturm nur schon vorbei, vorbei  wret ihr doch in Berlin, um dem Knig Wilhelm die Friedensbedingungen zu diktieren! Mein Vater ist nmlich fest berzeugt, dass dies des Feldzugs Ende sein wird, und nach allem, was man hrt und liest, muss ich es wohl auch glauben. Sobald, mit Gottes Hilfe, der Feind geschlagen ist  so lautete ja Benedeks Aufruf  werden wir ihm auf dem Fue verfolgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen und so weiter. Was sind denn das fr Erholungen? Heutzutage darf kein Anfhrer mehr laut und unumwunden sagen: Ihr drft plndern, brennen, morden, schnden, wie dies im Mittelalter Brauch war, um die Horden anzufeuern;  jetzt knnte man ihnen als Lohn hchstens eine freigebige Verteilung von Erbswurst in Aussicht stellen; das wre aber etwas matt, also heit es verblmt: diejenigen Erholungen und so weiter. Dabei kann sich jeder denken, was er will. Das Prinzip des in Feindesland zu findenden Kriegslohnes lebt im Soldatenstil noch fort ... Und wie wird Dir in Feindesland zu Mute sein, welches ja eigentlich Dein Stammland ist, wo Deine Freunde und Deine Vettern leben? Wirst Du Dich dadurch erholen, dass Du Tante Korneliens hbsche Villa dem Erdboden gleich machst? Feindesland  das ist eigentlich auch so ein fossiler Begriff aus jenen Zeiten, wo der Krieg noch unverholen das war, was seine _raison dtre_ vorstellt; ein Raubzug;  und wo das Feindesland dem Streiter als lohnverheiendes Beuteland winkte ...
    Ich spreche da mit Dir wie in den schnen Stunden, da Du an meiner Seite warst und wir, nach beendeter Lektre irgendeines fortschrittlichen Buches, miteinander ber die Widersprche unserer Zeitzustnde philosophierten, so einig, so einander verstehend und ergnzend. In meiner Umgebung ist niemand, niemand, mit dem ich ber derlei Dinge reden knnte. Doktor Bresser war noch der einzige, mit welchem sich kriegsverdammende Ideen austauschen lieen, und der ist jetzt auch fort  selber in den verurteilten Krieg gezogen  aber um Wunden zu heilen, nicht um sie zu schlagen. Eigentlich auch ein Widersinn, die Humanitt im Kriege  ein innerer Widerspruch. Das ist ungefhr so, wie die Aufklrung im Glauben. Entweder, oder  aber Menschenliebe _und_ Krieg, Vernunft _und_ Dogma, das geht nicht. Der aufrichtige, lodernde Feindeshass, gepaart mit gnzlicher Verachtung des menschlichen Lebens  das ist des Krieges Lebensnerv, gerade so wie die fraglose Unterdrckung der Vernunft des Glaubens Grundbedingung ist. Aber wir leben in einer Zeit der Vermittlung. Die alten Institutionen und die neuen Ideen wirken gleich mchtig. Da versuchen denn die Leute, welche mit dem Alten nicht ganz brechen wollen, welche das Neue nicht ganz erfassen knnen, beides miteinander zu verschmelzen und daraus entsteht dieses verlogene, unkonsequente, widerspruchskmpfende, halbhafte Getriebe, unter welchem die wahrheits-, gradheits- und ganzheitsdurstenden Seelen so sthnen und leiden ...
    Ach, was ich da alles zusammenschreibe! Du wirst jetzt kaum  wie in unseren friedlichen Plauderstndchen  zu solch allgemeinen Betrachtungen aufgelegt sein: Du bist von einer grausigen Wirklichkeit umtost, mit der es sich abfinden heit. Wieviel besser wre es da, wenn Du sie hinnehmen knntest mit der naiven Auffassung alter Zeiten, da dem Soldaten das Kriegsleben eitel Lust und Wonne war. Und besser wre es, ich knnte Dir schreiben, wie andere Frauen auch, Briefe von Segenswnschen und zuversichtlichen Siegesverheiungen und Mutanspornungen ... Die Mdchen werden ja gleichfalls zum Patriotismus erzogen, damit sie zu rechter Stunde den Mnnern zurufen: Gehet hin und sterbet fr euer Vaterland  das ist der schnste Tod. Oder: Kehret siegend heim, dann wollen wir euch mit unserer Liebe lohnen. Inzwischen werden mir fr euch beten. Der Gott der Schlachten, der unsere Heere beschtzt, der wird unsere Gebete erhren. Tag und Nacht steigt unser Flehen zum Himmel auf und  gewiss  wir erstrmen uns seine Huld: Ihr kommt wieder  ruhmgekrnt! Wir zittern nicht einmal, denn wir sind eurer Tapferkeit wrdige Genossinnen ... Nein, nein!  die Mtter eurer Shne drfen nicht feige sein, wenn sie ein neues Geschlecht von Helden heranziehen wollen; und mssen wir auch unser Teuerstes hingeben: fr Frst und Vaterland ist kein Opfer zu gro!
    Das wre so der richtige Soldatenfrauen-Brief, nicht wahr? Aber nicht ein Brief, wie Du ihn von _Deiner_ Frau zu lesen wnschest  von der Genossin Deines Denkens, von derjenigen, die den Groll gegen alten, blinden Menschenwahn mit Dir teilt ... O, ein Groll, so bitter, so schmerzlich  ich kann Dirs gar nicht sagen! Wenn ich sie mir vorstelle, diese beiden Heere, zusammengesetzt aus einzelnen vernnftigen und zumeist guten und sanften Menschen,  wie sie aufeinander losstrmen, um sich gegenseitig zu vernichten, dabei das unglckliche Land verheerend, wo sie als Spielkarten ihrer Mordpartie die genommenen Drfer hinschleudern ... wenn ich mir das vorstelle, da wollte ich aufschreien: So besinnt euch doch! ... so haltet doch ein!! Und von hunderttausend wrden auch neunzigtausend Einzelne sicher gerne einhalten; aber die Waffe, die muss weiter wten. Doch genug. Du wirst es vorziehen, Nachrichten und Neuigkeiten von Hause zu hren. Nun denn  gesund sind wir alle. Der Vater ist unausgesetzt in hchster Aufregung ber die gegenwrtigen Ereignisse. Der Sieg von Custozza erfllt ihn mit strahlendem Stolz. Es ist, als ob er denselben errungen htte. Jedenfalls betrachtet er den Glanz dieses Tages als so hell, dass der auf ihn  als sterreicher und als General  fallende Abglanz ihn ganz glcklich macht. Auch Lori, deren Mann, wie Du weit, bei der Sdarmee ist, schrieb mir einen Triumphbrief ber dasselbe Custozza.  Friedrich, erinnerst Du Dich, wie eiferschtig ich whrend einer Viertelstunde auf die gute Lori war? Und wie ich aus diesem Anfall mit verstrkter Liebe und verstrktem Vertrauen hervorging? ... O httest Du mich nur damals betrogen  httest Du mich doch mitunter ein wenig misshandelt ... da knnte ich Deine jetzige Abwesenheit wohl leichter ertragen  aber einen _solchen_ Gatten im Kugelregen zu wissen! ... Nun weiter mit den Nachrichten: Lori hat mir in Aussicht gestellt, dass sie mit ihrer kleinen Beatrix den Rest ihrer Strohwitwenschaft in Grumitz zubringen werde. Ich konnte nicht nein sagen  doch aufrichtig: mir ist gegenwrtig jede Gesellschaft lstig. Allein, allein will ich sein, mit meiner Sehnsucht nach Dir, deren Umfang ja doch niemand anderes ermessen kann ... Nchste Woche soll Otto seine Ferien antreten. Er jammert in jedem Briefe, dass der Krieg noch vor und nicht erst nach seiner Offiziersernennug begonnen hat. Er hofft zu Gott, dass der Friede nicht noch vor seinem Austritt aus der Akademie  ausbreche. Das Wort ausbrechen wird er vielleicht nicht gebraucht haben, aber jedenfalls entspricht es seiner Auffassung, denn der Frieden erscheint ihm jetzt als eine drohende Kalamitt. Nun freilich: so werden sie ja gro gezogen. So lange es Kriege gibt, muss man kriegliebende Soldaten heranziehen; und so lange es kriegliebende Soldaten gibt, muss es auch Kriege geben ... Ist das ein ewiger, ausgangsloser Zirkel? Nein, Gott sei Dank! Denn jene Liebe, trotz aller Schuldrillung, nimmt bestndig ab. Wir haben in Henry Thomas Buckle den Nachweis dieser Abnahme gefunden, erinnerst Du Dich? Aber ich brauche keine gedruckten Nachweise  ein Blick in Dein Herz, Friedrich, gengt mir zu dieser Beweisfhrung ... Weiter mit den Nachrichten: Von unseren in Bhmen begterten Verwandten und Bekannten erhalten wir allseitig Jammerepisteln. Der Durchmarsch der Truppen  auch wenn sie zum Siege gehen  verwstet schon das Land und saugt es aus; wie wenn erst noch der Feind vordringen sollte, wenn sich der Kampf in ihrer Gegend dort, wo sie ihre Schlsser, ihre Felder besitzen, abspielen sollte? Alles ist fluchtbereit  die Habseligkeiten gepackt, die Schtze vergraben. Adieu den frhlichen Reisen in die bhmischen Bder; adieu dem friedlichen Aufenthalt auf den Landsitzen; adieu den glnzenden Herbstjagden und jedenfalls adieu den gewohnten Einknften von Pachtung und Industrien. Die Ernten werden zertreten, die Fabriken, wenn nicht in Brand geschossen, so doch der Arbeiter beraubt. Es ist doch ein wahres Unglck, schreiben sie, dass wir just im Grenzland leben  und ein zweites Unglck, dass Benedek nicht schon frher und heftiger die Offensive bernahm, um den Krieg in Preuen auszukmpfen. Vielleicht knnte man es auch ein Unglck nennen, dass die ganze politische Znkerei nicht von einem Schiedsgericht geschlichtet worden sei, sondern dem Mordgewhle auf bhmischem oder schlesischem Boden (in Schlesien soll es, glaubwrdigen Reiseberichten zufolge, nmlich auch Menschen und Felder und Fechsungen geben) anheimgestellt wird. Aber das fllt niemandem ein!
    Mein kleiner Rudolf sitzt zu meinen Fen, whrend ich Dir schreibe. Er lsst Dich umarmen und unseren lieben Puxl gren. Das geht uns beiden recht sehr ab, das gute lustige Pintschel  aber andererseits, es htte seinen Herrn so schwer vermisst und Dir wird es eine Zerstreuung, eine Gesellschaft sein. Gre ihn von uns beiden, den Puxl  ich schttle seine ehrliche Pfote und Rudi ksst seine gute schwarze Schnauze.
    Und jetzt, fr heute leb wohl, Du mein alles!
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Es ist unerhrt! ... Niederlage auf Niederlage! Zuerst das von Clam-Gallas verbarrikadierte Dorf Podol erstrmt  bei Nacht, bei Mond- und Flammenschein genommen  dann Gitschin erobert ... Das Zndnadelgewehr  das verdammte Zndnadelgewehr mhte die Unseren reihenweise nieder. Die beiden groen feindlichen Armeekorps  das vom Kronprinzen und das vom Prinzen Friedrich Karl befehligte  haben sich vereinigt und dringen gegen Mnchengrtz vor ...
So klangen die Schreckensnachrichten, welche mein Vater ebenso heftig jammernd vortrug, wie er jubelnd die Siegesnachrichten von Custozza berichtet hatte. Aber noch schwankte seine Zuversicht nicht:
Sie sollen nur kommen, alle  alle in unser Bhmen und dort vernichtet werden, bis auf den letzten Mann ... Einen Ausweg, einen Rckzug gibt es dann nicht mehr fr sie, wir schlieen sie ein, wir umzingeln sie ... Und das entrstete Landvolk selber wird ihnen den Garaus machen ... Es ist nicht gar so vorteilhaft, als man glauben mag, im Feindesland zu operieren, denn da hat man nicht nur das Heer, sondern die ganze Bevlkerung gegen sich ... Aus den Husern von Trautenau{2} gossen die Leute aus den Fenstern siedendes Wasser und l auf die Menschen 
{2: Der Wahrheit die Ehre: Es hat sich herausgestellt, dass jenes Gercht _ohne_ Begrndung war  die Trautenauer haben dies nicht getan. Schon damals wurde die Falschheit des Gerchtes erwiesen. Die Verf. hat aber erst spter von dieser Rechtfertigung Kenntnis erlangt.  B. v. S. Bemerk. zu der Volksausgabe.}
Ich stie einen dumpfen Laut des Ekels aus.
Was willst Du? sagte mein Vater achselzuckend, es ist freilich grauenhaft  aber das ist der Krieg.
Dann behaupte wenigstens nie, dass der Krieg die Menschen veredle!  Gestehe, dass er sie entmenscht, vertigert, verteufelt: ... Siedendes l! ... Ach! ...
Gebotene Selbstverteidigung und gerechte Rache, liebe Martha. Glaubst du etwa, ihre Zndnadelgeschosse tun den Unseren wohl? ... Wie das wehrlose Schlachtvieh mssen unsere Truppen dieser mrderischen Waffe unterliegen. Aber wir sind zu zahlreich, zu diszipliniert, zu kampftchtig, um nicht doch noch ber die Schneidergesellen zu siegen. Zu Anfang sind gleich ein paar Fehler begangen worden. Das gebe ich zu. Benedek htte die preuische Grenze berschreiten sollen ... Es steigen mir Zweifel auf, ob diese Feldherrnwahl eine ganz glckliche war ... Htte man lieber den Erzherzog Albrecht hinauf geschickt, und dem Benedek die Sdarmee bergeben ... Aber ich will nicht zu frh verzagen  bis jetzt haben ja eigentlich doch nur vorbereitende Gefechte stattgefunden, welche von den Preuen zu groen Siegen aufgebauscht werden  die Entscheidungsschlachten kommen erst. Jetzt konzentrieren wir uns bei Kniggrtz; dort  ber hunderttausend Mann stark  erwarten wir den Feind ... dort wird unser nrdliches Custozza geschlagen!
Dort wrde auch Friedrich mitkmpfen. Sein letztes, am selben Morgen angelangtes Briefchen trug die Nachricht: Wir begeben uns nach Kniggrtz.
Ich hatte bisher regelmig Kunde erhalten. Obwohl er in seinem ersten Briefe mich darauf vorbereitet hatte, dass er nur wenig werde schreiben knnen, so hat Friedrich doch jede Gelegenheit bentzt, ein paar Worte an mich zu richten. Mit Bleistift, zu Pferd, im Zelt  in flchtiger, nur mir leserlicher Schrift, so schrieb er die aus seinem Notizbchelchen herausgerissenen fr mich bestimmten Bltter voll. Manche hatte er Gelegenheit abzuschicken, manche gelangten erst spter, erst nach dem Feldzug in meine Hnde.
Bis zur Stunde habe ich diese Andenken aufbewahrt. Das sind keine sorgfltig stilisierten Kriegsberichte, wie sie Zeitungskorrespondenten ihren Redaktionen, oder Kriegsschriftsteller ihren Verlegern bieten, keine mit Aufwand strategischer Fachkenntnisse entworfene Gefechtsskizzen, und keine mit rhetorischem Schwung ausgefhrte Schlachtgemlde, in welchen der Erzhler immer bedacht ist, seine eigene Unerschrockenheit, Heldenhaftigkeit und patriotische Begeisterung durchleuchten zu lassen. Alles dies sind Friedrichs Aufzeichnungen nicht, das wei ich; was sie aber _sind_, das vermag ich nicht zu bestimmen. Hier folgen einige:

    Im Biwak.
    Ohne Zelte ... Es ist ja eine so laue, herrliche Sommernacht  der Himmel, der groe gleichgltige, voll flimmernder Sterne ... Die Leute liegen auf dem Boden, erschpft von den langen, ermdenden Mrschen. Nur fr uns Stabsoffiziere wurden ein paar Zelte aufgeschlagen. In dem meinen stehen drei Feldbetten. Die beiden Kameraden schlafen. Ich sitze an dem Tisch, worauf die geleerten Grogglser und eine brennende Kerze stehen. Beim schwachen flackernden Schein der letzteren (es weht von dem offenen Eingang ein Luftzug herein) schreibe ich Dir, mein geliebtes Weib. Auf mein Lager habe ich den Puxl hingelegt ... war der md der arme Kerl! Ich bereue fast, ihn mitgenommen zu haben; der ist auch, was die Unseren immer von der preuischen Landwehr behaupten: an die Strapazen und Entbehrungen eines Feldzugs nicht gewhnt. Jetzt schnauft er wohlig und s  ich glaube, er trumt, wahrscheinlich von seinem Freund und Gnner Rudolf Grafen Dotzky. Und ich trum von Dir, Martha ... Zwar bin ich wach; aber tuschend, wie ein Traumbild, sehe ich Deine liebe Gestalt in jener halbdunklen Zeltecke auf einem Feldstuhl sitzen ... Welche Sehnsucht ergreift mich, dort hinzugehen und mein Haupt in Deinen Scho zu legen. Ich tu es aber nicht, weil ich wei, dass dann das Bild zerflattern wrde ...
    Ich trat einen Augenblick hinaus. Die Sterne flimmern gleichgltiger als je. Auf dem Boden huschen verschiedene Schatten: es sind Nachzgler. Viele, viele blieben unterwegs zurck; jetzt haben sie sich, vom Wachtfeuer angezogen, hierher geschleppt. Aber nicht alle  manche liegen noch in einem entfernten Graben oder Kornfeld. Das war aber auch eine Hitze, whrend dieses forcierten Marsches! Die Sonne brannte, als wollte sie uns das Hirn zum Sieden bringen; dazu der schwere Tornister, das schwerere Gewehr auf den wundgewetzten Schultern ... und doch, es hat keiner gemurrt. Aber hingefallen sind ein paar, und konnten nicht wieder aufstehen. Zwei oder drei erlagen dem Sonnenstich und blieben gleich tot. Ihre Leichen wurden auf einen Ambulanzkarren geladen.
    Die Juninacht, so mond- und sterndurchleuchtet, so warm sie auch ist, ist doch entzaubert. Man hrt keine Nachtigallen und keine zirpenden Grillen; man atmet keine Rosen- und Jasmingerche. Die sen Laute werden durch die schnarrenden und wiehernden Pferde, durch die Stimmen der Leute und das Gerusch der Patrouillenschritte unterdrckt; die sen Gerche durch Juchten-Sattelzeug- und sonstige Kasernenausdnstungen berduftet. Aber das ist noch alles nichts: noch hrt man nicht festende Raben krchzen, noch riecht man nicht Pulver, Blut und Verwesung. Das alles kommt erst  _ad majorem patriae gloriam_. Merkwrdig, wie blind die Menschen sind! Anlsslich der einst zur greren Ehre Gottes entflammten Scheiterhaufen brechen sie in Verwnschungen ber blinden und grausamen, sinnlosen Fanatismus aus, und fr die leichenbeseten Schlachtfelder der Gegenwart sind sie voll Bewunderung. Die Folterkammern des finsteren Mittelalters flen ihnen Abscheu ein  auf ihre Arsenale aber sind sie stolz ... Das Licht brennt herab, die Gestalt in jener Ecke hat sich verflchtigt  ich will mich auch zur Ruhe legen, neben unseren guten Puxl.

    Auf einem Hgel oben, in einer Gruppe von Generlen und hohen Offizieren, mit einem Feldstecher am Auge: das ist die an sthetischen Eindrcken ergiebigste Situation in einem Kriege. Das wissen auch die Herren Schlachtenbummler und Zeitungsillustratoren: bewaffneten Auges rundschauende Feldherren auf einer Anhhe werden immer wieder gezeichnet  ebenso oft, wie die an der Spitze ihrer Truppen auf einem mglichst weien, hochtrabenden Pferde voranstrmenden Fhrer, welche, den Arm nach einem rauchenden Punkt des Hintergrundes ausgestreckt, den Kopf zu den Nachsprengenden umgewendet, offenbar rufen: Mir nach, Kinder!
    Von der Hgelstation herab sieht man wahrlich ein Stck Kriegspoesie. Das Bild ist groartig und weit genug entfernt, um wie ein richtiges Gemlde zu wirken, ohne die Schrecken und Ekelhaftigkeiten der Wirklichkeit: kein flieendes Blut, kein Sterbercheln  nichts als erhaben prchtige Linien- und Farbeneffekte. Diese auf der langgestreckten Strae sich fortschlngelnde Heersule, dieser unabsehbare Zug von Fuvolkregimentern, von Kavallerieabteilungen und Batterien; dann der Munitionstrain, requirierte Bauernwagen, Packpferde und hinterher noch der Tross. Noch gewaltiger gestaltet sich das Bild, wenn auf der unter dem Hgel ausgebreiteten Landschaft nicht nur die Fortbewegung _eines_, sondern der Zusammensto zweier Heere zu sehen ist. Wie da die blitzenden Klingen, die flatternden Fahnen, die Uniformen aller Art, die sich bumenden Rosse gleich wildemprten Fluten durcheinander wogen; darber Dampfwolken, die an manchen Stellen zu dichten, das Bild verhllenden Schleiern sich ballen, und wenn sie reien, kmpfende Gruppen enthllen ... Dazu als Begleitung der durch die Berge rollende Lrm der Geschtze, von welchem jeder Schlag das Wort Tod  Tod  Tod  durch die Lfte donnert ... Ja, so etwas mag zu Kriegsliedern begeistern!
    Auch zu der Verfassung jener zeithistorischen Berichte, welche nach dem Feldzug verffentlicht werden mssen, bietet die Hgelposition gnstige Gelegenheit. Da lsst sich allenfalls mit einiger Richtigkeit erzhlen: die Division X. stt bei N. auf den Feind;  drngt ihn zurck;  erreicht das Gros der Armee;  starke feindliche Abteilungen zeigen sich an der linken Flanke des Korps usw. usw. Aber wer nicht auf dem Hgel durch den Feldstecher schaut, wer selber an der Aktion teilnimmt, der kann nie  _nie_ etwas Glaubwrdiges ber den Fortgang einer Schlacht erzhlen. Er sieht, denkt und fhlt nur das nchste; was er nachher berichtet, ist Konjektur, zu deren Veranschaulichung er sich der alten Klischees bedient. He, Tilling, sagte mir heute einer der Generle, neben denen ich auf dem Hgel stand  Ist das nicht imposant? Ein Prachtheer, wie? Woran denken Sie eben? Woran ich dachte? Das konnte ich dem Vorgesetzten nicht gut sagen; ich antwortete also allergehorsamst etwas Unwahres. Allergehorsamlichkeit und Wahrheit haben ohnedies nichts miteinander zu schaffen. Letztere ist ein gar stolzes Wesen: von allem Knechtischen wendet sie sich verchtlich ab.

    Das Dorf ist unser  nein, es ist des Feindes  und wieder unser  und abermals des Feindes, aber ein Dorf ists nicht mehr, sondern ein rauchender Trmmerhaufen.
    Die Bewohner (war es nicht eigentlich _ihr_ Dorf?) hatten es schon frher verlassen und waren geflohen. Zum Glck  denn der Kampf in einem bewohnten Orte ist gar etwas Frchterliches, denn da fallen die Kugeln von Feind und Freund mitten in die Stuben hinein und tten Weiber und Kinder.  Eine Familie war dennoch in dem Orte zurckgeblieben, den wir gestern genommen, verloren, wieder genommen und verloren haben, nmlich ein altes Ehepaar und dessen Tochter  diese im Kindbett. Der Gatte dient in unserem Regiment. Er sagte mirs, als wir uns dem Dorfe nherten: Dort, Herr Oberstleutnant, in dem Hause mit dem roten Dach, lebt mein Weib mit ihren alten Eltern ... Sie haben nicht fliehen knnen, die Armen ... mein Weib muss jede Stunde niederkommen, und die Alten sind halb gelhmt  um Gotteswillen, Herr Oberstleutnant, kommandieren Sie mich dorthin.  Der arme Teufel! er kam gerade zurecht, um die Wchnerin und das Kind sterben zu sehen; eine Bombe war neben dem Bette geplatzt ... Was mit den Alten geschehen, ich wei es nicht. Vermutlich unter den Trmmern begraben; das Haus war eins der ersten, welches in Brand geschossen wurde. Der Kampf auf offenem Felde ist schaurig genug; aber der Kampf inzwischen menschlicher Wohnungen ist noch zehnmal grausiger. Strzendes Geblk, aufschlagende Flammen, erstickender Rauch  vor Angst tollgewordenes Vieh  jede Mauer Festung oder Barrikade, jedes Fenster Schiescharte ... Eine Brustwehr habe ich da gesehen, die war aus Leichen gebildet. Da hatten die Verteidiger alle in der Nhe liegenden Gefallenen aufeinandergeschichtet, um, so geschtzt, darber auf den Angreifer hinwegzuschieen. Diese Mauer vergesse ich wohl im Leben nicht: ... Einer, der als Ziegel diente  zwischen den anderen Leichenziegeln eingepfercht  der lebte noch, bewegte die Arme.   
    Lebte noch: das ist ein Zustand  im Krieg in tausend Varianten vorkommend  der die malosesten Leiden in sich birgt. Gb es irgend einen Engel der Barmherzigkeit, der ber den Schlachtfeldern schwebte, er htte vollauf zu tun, den armen Wichten  Mensch und Tier  die noch lebten, den Gnadensto zu geben.

    Heute hatten wir ein kleines Kavalleriegefecht auf offenem Felde. Da kam ein preuisches Dragonerregiment im Trab einher, deployierte in Linie und, die Pferde fest im Zgel, den Sbel ber dem Kopf, ritten sie in kurzem Galopp gerade auf uns zu. Wir warteten den Angriff nicht ab, sondern sprengten dem Feind entgegen. Kein Schuss wurde gewechselt. Wenige Schritte voneinander brachen beide Reihen in ein donnerndes Hurra aus (Schreien berauscht: das wissen die Indianer und Zulus noch besser als wir), und so strzten wir aufeinander, Pferd an Pferd und Knie an Knie; die Sbel sausten in die Hhe und kamen auf die Kpfe nieder. Bald waren alle zu dicht in einander geraten, um die Waffen zu gebrauchen; da wurde Brust um Brust gerungen, wobei die scheu und wild gewordenen Pferde schnaufend strzten, sich bumten und um sich schlugen. Ich war auch einmal zu Boden und sah  das ist kein angenehmer Anblick  schlagende Pferdehufe eine Linie weit von meiner Schlfe entfernt.

    Wieder ein Marschtag mit ein oder zwei Gefechten. Ich habe einen groen Kummer erlebt. Es verfolgt mich ein so trauriges Bild ... Unter den vielen Trauerbildern, die mich rings umgeben, sollte dies nicht auffallen, sollte mir nicht so weh tun. Aber ich kann nichts dafr: es geht mir nahe, und ich kann es nicht los werden ... Puxl, unser armes, lebensfrohes, gutes Pintschel  ach, htte ich ihn doch zu Hause gelassen, bei seinem kleinen Herrn, Rudolf: Er lief uns nach, wie gewhnlich. Pltzlich stt er ein jammervolles Geschrei aus ... ein Granatsplitter hat ihm die Vorderbeinchen abgerissen ... Er kam nicht nach  verlassen bleibt er zurck und lebt noch; vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden vergehen und er lebt noch.  Mein Herrl  mein gutes Herrl, ruft er mir klagend nach, lass den armen Puxl nicht da! und sein kleines Herz bricht ... Was besonders an mir nagt, ist der Gedanke, dass das sterbende treue Geschpf mich verkennen muss. Er hat es gesehen, dass ich mich umgewendet  dass ich seinen Hilferuf vernommen haben musste und doch so kalt und hart ihn liegen lie. Er wei es ja nicht, der arme Puxl, dass einem zur Attacke vorstrmenden Regiment, aus dessen Reihen die Kameraden fallen und am Wege bleiben, nicht eines gefallenen Hndchens wegen Halt kommandiert werden kann? Von einer hheren Pflicht, der ich gehorchte, hat er keinen Begriff, und das arme, so treue Hundeherz klagt mich der Unbarmherzigkeit an ...
    Dass man inmitten der groen Ereignisse und der Riesenunglcksflle, welche die Gegenwart erfllen, ber solche Kleinigkeiten sich betrben kann! wrden viele  nicht du, Martha  achselzuckend sagen. Nicht du  ich wei, dir tritt jetzt auch eine Trne ins Auge um unseren armen Puxl.

    Was geschieht da? Das Exekutions-Peloton wird aufgestellt. Ward ein Spion gefangen? Einer? ... Diesmal siebzehn. Dort kommen sie schon. In vier Reihen, je zu vier Mann, von einem Karree Soldaten umgeben, schreiten die Verurteilten, gesenkten Kopfes, daher. Dahinter ein Wagen, worin eine Leiche liegt und darauf sitzend, an die Leiche gebunden, der Sohn des Toten, ein zwlfjhriger Knabe  auch verurteilt ...
    Ich mag die Hinrichtung nicht sehen und entferne mich. Aber die Schsse habe ich vernommen ... Hinter der Mauer steigt eine Rauchwolke auf  alle hin, auch der Knabe.   

    Endlich ein bequemes Nachtquartier in einem kleinen Stdtchen! Das arme Nest! ... Vorrte, die den Leuten auf Monate hinaus gengen wrden, haben wir ihnen durch Requisition fortgenommen. Requisition ... es ist nur gut, wenn man fr ein Ding einen hbschen sanktionierten Namen hat. Ich war aber doch froh, das gute Nachtlager und das gute Nachtessen gefunden zu haben. Und  lass Dir erzhlen: Schon wollte ich mich zu Bett legen, als mir meine Ordonnanz meldet: ein Mann von unserem Regiment sei da und verlangte dringend, eingelassen zu werden, er bringe mir etwas. So soll er kommen. Der Mann trat ein 
    Und als er wieder ging, da hatte ich ihn reich beschenkt und ihm beide Hnde geschttelt und ihm versprochen, fr sein Weib und Kind zu sorgen, falls ihm etwas geschhe. Denn was er mir gebracht hat, der Brave  das hat mir eine groe Freude gemacht und mich von einer Pein befreit, unter der ich seit sechsunddreiig Stunden litt  was er mir gebracht hat: das war mein Puxl. Verwundet zwar  ehrenvoll blessiert  aber noch lebend und _so selig_, wieder bei seinem Herrn zu sein, an dessen Benehmen er wohl erkannt haben musste, dass er ihm mit dem Vorwurf der Lieblosigkeit unrecht getan ... Ja, war das eine Wiedersehensszene! Vor allem ein Trunk Wasser. Wie das schmeckte ... das heit, zehnmal unterbrach er das gierige Trinken, um mir seine Freude vorzubellen. Hierauf habe ich ihm seine Beinstummel verbunden, ihm ein schmackhaftes Souper von Fleisch und Kse vorgesetzt und ihn auf mein Lager gebettet. Wir haben beide gut geschlafen. Des Morgens, als ich erwachte, leckte er mir nochmals dankend die Hand  dann streckte er seine Gliedmaen, schnaufte tief auf und  hatte aufgehrt zu sein. Armer Puxl  es ist besser so!

    Was habe ich heute alles gesehen? Wenn ich die Augen schliee, tritt das Geschaute mit furchtbarer Klarheit vor das Gedchtnis: Nichts als Schmerz und Schreckbilder! wirst Du sagen. Warum bringen denn andere vom Kriege so frische, frhliche Eindrcke mit. Je nun, diese anderen verschlieen sich gegen den Schmerz und den Schreck  _verschweigen_ sie. Wenn sie schreiben, wenn sie erzhlen, so geben sie sich berhaupt keine Mhe, die Erlebnisse nach der Natur zu schildern, sondern sie befleiigen sich, einst gelesene Schilderungen schablonenhaft nachzubilden und diejenigen Empfindungen hervorzukehren, welche als heldenhaft gelten. Wenn sie mitunter auch von Vernichtungsszenen berichten, welche den rgsten Schmerz und den rgsten Schreck in sich bergen, in ihrem Tone darf von beiden nichts enthalten sein. Im Gegenteil: je schauerlicher, desto gleichgltiger  je abscheulicher, desto unbefangener. Missbilligung, Entrstung, Emprung? Davon schon gar nichts  da noch eher ein leiser Anhauch sentimentalen Mitleids, ein paar gerhrte Seufzer.  Aber schnell wieder den Kopf in die Hhe, das Herz zu Gott und die Faust auf den Feind. Hurra und Trara!
    Da siehst Du nun zwei Bilder, die sich mir eingeprgt:
    Steile, felsige Anhhen  katzenbehend hinaufkletternde Jger; es gilt, die Anhhe zu nehmen;  von oben schiet der Feind herab. Was ich sehe, sind die Gestalten der emporstrebenden Angreifer und einige darunter, die, von feindlichen Geschossen getroffen, pltzlich beide Arme ausstrecken, das Gewehr fallen lassen und, mit dem Kopf nach rckwrts sich berschlagend, die Anhhe hinabstrzen  stufenweise  von Felsvorsprung zu Felsvorsprung  sich die Glieder zerschmetternd.   
    Ich sehe einen Reiter in einiger Entfernung schief hinter mir, neben welchem eine Granate platzt. Sein Pferd wirft sich zur Seite und drngt sich an das Hinterteil des meinen  dann schiet es an mir vorbei. Der Mann sitzt noch im Sattel, aber ein Granatsplitter hat ihm den Unterleib auf- und alle Eingeweide herausgerissen. Sein Oberkrper hlt mit dem Unterkrper nur noch durch das Rckgrat zusammen  von den Rippen zu den Schenkeln ein einziges groes, blutiges Loch ... Eine kleine Strecke weiter fllt er herab, bleibt mit dem Fu im Bgel hngen, und das fortrasende Pferd schleift ihn auf dem steinigen Boden nach.   

    Auf einem regendurchschwemmten und steilen Stck Weg staut sich eine Abteilung Artillerie. Bis ber die Rder versinken die Geschtze in den Schlamm. Nur mit uerster Anstrengung, schweitriefend und von den erbarmungslosesten Schlgen angefeuert, kommen die Pferde von der Stelle. Aber eins, schon todmde, kann nicht mehr. Das Hauen hilft nichts: es wollte ja  es kann nicht, es _kann_ nicht. Sieht denn das der Mann nicht ein, dessen Hiebe auf den Kopf des armen Tieres hageln? Wre der rohe Wicht der Fuhrmann eines zu irgendwelchem Bau dienenden Steinwagens gewesen, jeder Polizist  ich selber  htte ihn arretiert. Dieser Kanonier jedoch, der das todbeladene Fuhrwerk vorwrts bringen sollte, der waltete nur seines Amtes. Das konnte aber das Pferd nicht wissen; das geplagte, gutmtige, edle Geschpf, das sich bis zu seiner uersten Lebenskraft angestrengt  wie musste das ber solche Hrte und ber solchen Unverstand in seinem Innern denken? Denken, so wie Tiere denken, nmlich nicht mit Worten und Begriffen, sondern mit Empfindungen, desto heftigere Empfindungen, als sie uerungsunfhig sind. Nur eine uerung gibt es dafr: den Schmerzensschrei. Und es hat geschrien, jenes arme Ross, als es endlich zusammensank  einen Schrei, so langgedehnt und klagend, dass er mir noch im Ohre gellt  dass er mich die folgende Nacht im Traume verfolgt hat. Ein abscheulicher Traum brigens ... Mir war, als sei ich   wie soll ich das nur erzhlen?  Trume sind so sinnlos, dass die dem Sinn angepasste Sprache sich schwer zu ihrer Wiedergabe eignet  als sei ich das Kummerbewusstsein eines solchen Artilleriepferdes  nein! nicht eines, sondern von 100 000  denn rasch hatte ich im Traum die Summe der in einem Feldzug zu Grunde gehenden Pferde berechnet  und da steigerte sich dieser Kummer sofort ins hunderttausendfache ... Die Menschen, die _wissen_ doch, warum ihr Leben der Gefahr ausgesetzt ist, sie kennen das Wohin? das Wozu?  und wir Unglcklichen wissen nichts, um uns ist alles Nacht und Grauen. Die Menschen gehen doch _mit_ Freunden gegen einen Feind, wir aber sind rings von Feinden umgeben ... unsere eigenen Herren, die wir so treu lieben wollten, denen zu dienen wir unsere letzte Kraft aufbieten, die hauen auf uns nieder  die lassen uns hilflos liegen ... Und was wir nebstbei leiden mssen: Furcht, dass uns der Angstschwei vom ganzen Krper rinnt;  Durst  denn auch wir haben Fieber  o dieser Durst, dieser Durst von uns armen, blutenden, misshandelten hunderttausend Pferden! ... Hier erwachte ich und griff nach der Wasserflasche:  ich hatte selber brennenden Fieberdurst.

    Wieder ein Straenkampf  in dem Stdtchen Saar. Zu dem Lrm des Kampfgeschreies und der Geschtze gesellt sich das Krachen der Balken, das Strzen der Mauern. Es schlgt eine Granate in ein Haus und der durch das Platzen derselben verursachte Luftdruck ist so gewaltig, dass mehrere Soldaten von den in die Luft geschleuderten Trmmern des Hauses verwundet werden. ber meinen Kopf weg fliegt ein Fenster  noch mit dem Fensterflgel dran. Die Schornsteine strzen herunter. Gipsbewurf lst sich in Staub und fllt die Luft mit einer erstickenden augentzenden Wolke. Aus einer Gasse in die andere (wie die Hufe auf dem spitzen Pflaster klappern!) wlzt sich der Kampf und langt auf dem Marktplatz an. In der Mitte des Platzes steht eine hohe steinerne Mariensule. Die Mutter Gottes hlt ihr Kind in einem Arm, den anderen streckt sie segnend aus. Hier wird weiter gerungen. Mann an Mann. Sie hauen auf mich drein  ich haue um mich herum ... Ob ich einen oder mehrere getroffen, ich wei es nicht: in solchen Augenblicken bleibt einem nicht viel Besinnung. Dennoch haben sich mir wieder zwei Flle in die Seele photographiert, und ich frchte, der Marktplatz von Saar wird mir ewig unvergesslich bleiben:
    Ein preuischer Dragoner, stark wie Goliath, reit einen unserer Offiziere (einen schmucken, schmchtigen Leutnant  wieviel Mdchen schwrmten wohl fr ihn?) aus dem Sattel und zerschmettert ihm den Schdel am Fue der Madonnensule. Die milde Heilige schaut unbeweglich zu. Ein anderer von den feindlichen Dragonern, ebenso goliathstark, knapp vor mir, fasst meinen Nebenmann an und biegt ihn so krftig im Sattel nach rckwrts, dass ihm  ich habe es krachen hren  das Rckgrat bricht ... Auch dazu gab die Madonna ihren steinernen Segen.

    Von einer Anhhe aus bot sich den bewaffneten Augen der Stabsoffiziere heute wieder manch abwechslungsreiches Schauspiel.. Da war zum Beispiel der Einsturz einer Brcke, whrend ber dieselbe ein Train von Wagen sich bewegte. Waren in den letzteren Verwundete?  ich wei es nicht  das konnte ich nicht erkennen.  Ich sah nur, dass alles  Wagen, Pferde und Menschen  in die an jener Stelle tiefen und reienden Fluten sank und dort verschwand. Das Ereignis war ein _gnstiges_  sintemalen der Wagentrain den Schwarzen gehrte. Ich denke mir nmlich in der eben gespielten Partie uns als die weien Figuren. Die Brcke war nicht zufllig eingestrzt; die Weien hatten, wissend, dass der Gegner darber kommen sollte, die Pfeiler abgesgt  ein feiner Zug also.
    Ein zweiter Anblick hingegen, den man von derselben Anhhe aus beobachten konnte, bedeutete einen Schnitzer der Weien: Unser Regiment Khevenhller wird in einen Sumpf dirigiert, wo es nicht heraus kann und bis auf wenige niedergeschossen wird. Die Getroffenen fallen hin in den Sumpf ... Hier versinken, ersticken mssen  in Mund und Nase und Augen Schlamm  nicht einmal schreien knnen! ... Nun ja, zugestanden: es war ein Fehler desjenigen, der die Leute dorthin kommandiert hatte; aber  irren ist menschlich und der Verlust ist kein groer  stellt ungefhr einen geschlagenen Bauer vor; ein nchster genialer Zug mit Turm oder Knigin, und alles ist wieder gut gemacht. Der Schlamm bleibt zwar in Mund und Augen der Gefallenen, aber das ist ja nebenschlich  das tadelnswerte dabei ist der taktische Fehler; der muss durch eine sptere glckliche Kombination ausgemerzt werden, und dem betreffenden Fhrer knnen dann immerhin noch schne Orden und Befrderungen blhen. Dass neulich unser 18. Jgerbataillon whrend eines Nachtkampfes durch mehrere Stunden auf unser Regiment Knig von Preuen schoss, und man erst bei Tagesanbruch den Irrtum bemerkte; dass ein Teil des Regiments Gyulai in einen Teich gefhrt wurde: das sind auch so kleine Versehen, wie sie eben in der Hitze der Partie auch dem besten Spieler passieren knnen.

    Es ist beschlossen; wenn ich aus diesem Feldzuge zurckkehre, so verlasse ich den Dienst. Alles andere hintangesetzt  wenn man einmal eine Sache mit einem solchen Abscheu zu erfassen gelernt hat, wie der Krieg mir nunmehr einflt, so wre es unausgesetzte Lge, im Dienst dieser Sache zu verharren.  Ehedem bin ich, wie Du weit, auch schon mit Widerwillen und mit verdammendem Urteil in die Schlacht gezogen, aber erst jetzt hat sich dieser Widerwille so gesteigert, diese Verurteilung so verschrft, dass alle Grnde, welche mich frher bestimmten, bei meinem Berufe auszuharren, aufgehrt haben, zu wirken. Die Gesinnungen, welche aus dem Jugendunterricht, vielleicht auch teilweise angeerbt  in meinem Innern noch zu Gunsten des Soldatentums sprachen, sind mir jetzt, whrend der zuletzt erlebten Greuel ganz verloren gegangen. Ich wei nicht, sind es die mit Dir gemeinschaftlich gemachten Lektren, aus welchen hervorging, dass meine Kriegsverachtung nicht vereinzelt ist, sondern von den besten Geistern der Zeit geteilt wird; sind es die mit Dir gefhrten Gesprche, in welchen ich mich durch Aussprache meiner Ansichten und durch Deine Zustimmung in denselben gestrkt habe;  kurz, mein frheres dumpfes, halbunterdrcktes Gefhl hat sich in eine klare berzeugung verwandelt  eine berzeugung, die es mir fortan _unmglich_ macht, dem Kriegsgott zu frnen. Das ist so eine Wandlung, wie sie bei vielen Leuten in Glaubensachen eintritt. Zuerst sind sie etwas zweiflerisch und gleichgltig, sie knnen aber noch mit einer gewissen Ehrfurcht den Tempelhandlungen beiwohnen. Wenn aber einmal aller Mystizismus abgestreift ist, wenn sie zu der Einsicht gelangen, dass die Zeremonie, der sie da beiwohnen, auf Torheit  auch mitunter grausamer Torheit, wie bei den religisen Opferschlachtungen  beruht, dann wollen sie nicht mehr neben den anderen Betrten knien, nicht mehr sich und die Welt betrgen, indem sie den nunmehr entgtterten Tempel betreten. So ist es mir mit dem grausamen Marsdienst gegangen. Das Geheimnisvolle, berirdische, Andachtsschauer Erweckende, welches das Erscheinen dieser Gottheit auf die Menschen hervorzubringen pflegt, welches auch in frherer Zeit noch meinen Sinn umdunkelte, das ist mir jetzt vollstndig abhanden gekommen. Die Armeebefehl-Liturgie und die rituellen Heldenphrasen erscheinen mir nicht mehr als inspirierter Urtext; der gewaltige Orgelton der Kanonen, der Weihrauchdampf des Pulvers vermag nicht mehr mich zu entzcken: ganz glaubens- und ehrfurchtslos wohne ich der frchterlichen Kultushandlung bei und kann dabei nichts anderes mehr sehen, als die Qualen des Opfers, nichts hren, als dessen jammervollen Todesschrei. Und daher kommt es, dass diese Bltter, die ich mit meinen Kriegseindrcken flle, nichts anderes enthalten, als schmerzlich geschauten Schmerz.
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Die Schlacht von Kniggrtz war geschlagen. Wieder eine Niederlage! Diesmal, wie es scheint, eine entscheidende ... Mein Vater berichtete uns diese Nachricht in einem Tone, als htte er den Weltuntergang verkndet.
Und kein Brief, keine Depesche von Friedrich! War er verwundet  tot?  Konrad gab seiner Braut Nachricht: er war unversehrt. Die Verlustlisten waren noch nicht angekommen; es hie nur, bei Kniggrtz gab es vierzigtausend Tote und Verwundete. Und die letzte Nachricht, die ich erhalten hatte, lautete: Wir begeben uns heute nach Kniggrtz.
Am dritten Tage noch immer kein Zeichen. Ich weine und weine stundenlang. Eben weil mein Kummer noch nicht ganz hoffnungslos ist, _kann_ ich weinen; wenn ich wsste, dass alles vorbei ist, so gbe es fr die Wucht meines Schmerzes keine Trnen mehr. Auch mein Vater ist tiefgedrckt. Und Otto, mein Bruder, tobt vor Rachsucht. Es heit, dass jetzt in Wien Freiwilligenkorps errichtet werden  diesen will er sich anschlieen. Ferner heit es, Benedek solle seiner Stelle entsetzt und statt seiner der siegreiche Erzherzog Albrecht nach dem Norden berufen werden, dann gbe es vielleicht doch noch ein Aufraffen, ein Zurckschlagen des bermtigen Feindes, der jetzt uns ganz vernichten wolle, der im Vormarsch auf Wien begriffen sei ... Angst, Wut, Schmerz erfllt alle Gemter; der Name die Preuen drckt alles aus, was es Hassenwertes gibt. Mein einziger Gedanke ist Friedrich  und keine, keine Nachricht!
Nach einigen Tagen langte ein Brief Doktor Bressers an. Er war in der Umgebung des Schlachtfeldes ttig, um zu helfen, was er helfen konnte. Die Not sei grenzenlos, schrieb er, jeder Einbildungskraft spottend. Er hatte sich einem schsischen Arzte, Doktor Brauer, angeschlossen, der von seiner Regierung ausgesandt worden war, um nach dem Augenschein ber die Lage zu berichten. In zwei Tagen sollte auch eine schsische Dame ankommen  Frau Simon, eine neue Miss Nightingale  welche seit Ausbruch des Krieges in Dresdner Hospitlern ttig gewesen, und welche sich erboten hatte, die Reise nach den bhmischen Schlachtfeldern anzutreten, um in den umliegenden Hospitlern Hilfe zu leisten. Doktor Brauer und mit ihm Doktor Bresser wollten sich an dem bestimmten Datum, sieben Uhr abends, nach Kniginhof, der letzten Station vor Kniggrtz, bis wohin die Eisenbahn noch verkehrte, begeben und die mutige Frau daselbst erwarten. Bresser bat uns, womglich eine Sendung von Verbandzeug und dergleichen nach jener Station zu schicken, damit er sie dort in Empfang nehmen knne. Kaum hatte ich diesen Brief gelesen, war mein Entschluss gefasst:  Die Kiste mit Verbandszeug wrde ich selber bringen. In einem jener Spitler, welche Frau Simon besuchen wollte, lag mglicherweise Friedrich ... Ich wrde mich ihr anschlieen und den teuren Kranken finden, pflegen, retten ... Die Idee erfasste mich mit zwingender Gewalt, so zwingend, dass ich sie fr eine magnetische Fernwirkung des sehnenden Wunsches auffasste, mit dem der Geliebte nach mir rief.
Ohne jemandem aus meiner Familie meinen Vorsatz mitzuteilen  denn ich wre nur auf allseitigen Widerspruch gestoen  machte ich mich ein paar Stunden nach Erhalt des Bresserschen Briefes auf den Weg. Ich hatte vorgegeben, dass ich die von dem Doktor verlangten Dinge in Wien selber besorgen und expedieren wolle, und so konnte ich ohne Schwierigkeit von Grumitz fortkommen: von Wien aus wrde ich dann meinem Vater schreiben: Bin nach dem Kriegsschauplatz abgereist. Wohl stiegen mir Zweifel auf: Meine Unfhigkeit und Unerfahrenheit, mein Abscheu vor Wunden, Blut und Tod; aber diese Zweifel verjagte ich: Was ich tat, ich _musste_ es tun. Des Gatten Blick, flehend und gebietend, war auf mich gerichtet, von seinem Schmerzenslager streckte er die Arme nach mir aus und: Ich komme, ich komme, war das einzige, was ich zu denken vermochte.
Ich fand die Stadt Wien in unsglicher Aufregung und Bestrzung. Verstrte Gesichter ringsumher. Mein Wagen kreuzte sich mit mehreren Wagen, die mit Verwundeten gefllt waren. Immer sphete ich, ob nicht etwa Friedrich darunter sei ... Aber nein: Sein Sehnsuchtsruf, der an meinen Fibern zerrte, drang von weiter her  von Bhmen. Htte man ihn zurcktransportiert, so wre die Nachricht davon gleichzeitig zu uns gelangt.
Ich lie mich in einen Gasthof fhren. Von dort aus besorgte ich meine Einkufe, expedierte den fr Grumitz bestimmten Brief, warf mich in einen mglichst einfachen, strapazenfhigen Reiseanzug und fuhr nach dem Nordbahnhof. Ich wollte den nchstabgehenden Zug benutzen, um rechtzeitig an meine Bestimmung zu gelangen. Es war wie eine fixe Idee, unter deren Herrschaft ich meine Handlungen ausfhrte.
Auf dem Bahnhof herrschte reges  Leben  oder soll ich reges Sterben sagen? Die Halle, die Sle, der Perron; alles voll Verwundeter, viele davon in den letzten Zgen. Und ein massenhaftes Menschengewirre: Krankenpfleger, Sanittssoldaten, barmherzige Schwestern, rzte; Mnner und Frauen aus allen Gesellschaftsklassen, die da kamen, um nachzusehen, ob der letzte Transport nicht einen von den Ihren gebracht; oder auch, um unter die Verwundeten Geschenke, Wein, Zigarren usw. zu verteilen. Das Beamten- und das Dienstpersonal berall bemht, das vordringende Publikum zurckzudrngen. Auch mich wollte man wieder fortschicken:
Was wollen Sie? ... Platz da! ... Das berreichen von Ess- und Trinkwaren ist verboten ... wenden Sie sich an das Komitee ... dort werden die Geschenke in Empfang genommen ...
Nein, nein, sagte ich, ich will abreisen. Wann fhrt der nchste Zug?
Auf diese Frage konnte ich lange keine Auskunft erhalten. Die meisten Abfahrtszge seien eingestellt, erfuhr ich endlich, da die Linie fr ankommende Zge, die eine Ladung Verwundeter nach der anderen brachte, offen bleiben musste. Passagierzge gingen heute berhaupt keine mehr ab. Nur einer mit nachgeschickten Reservetruppen, und ein anderer zur ausschlielichen Benutzung des patriotischen Hilfsvereins, der mehrere rzte und barmherzige Schwestern und eine Ladung ntigen Materials nach der Umgebung von Kniggrtz abfhren sollte.
Und da knnte ich nicht mitfahren?
Unmglich!
Immer deutlicher und flehender vernahm ich Friedrichs Hilferuf  und nicht kommen knnen: Es war zum Verzweifeln!
Da erblickte ich am Eingang der Halle Baron S., den Vizevorsteher des patriotischen Hilfsvereins, denselben den ich schon vom Kriegsjahre 59 her kannte. Ich eilte auf ihn zu:
Um Gottes willen, Baron S., helfen Sie mir! Sie erkennen mich doch?
Baronin Tilling, Tochter des General Grafen Althaus  gewiss habe ich die Ehre ... Womit kann ich Ihnen dienen?
Sie expedieren einen Zug nach Bhmen ... lassen Sie mich mitfahren! Mein sterbender Mann verlangt nach mir ... Wenn Sie ein Herz haben  und Sie beweisen ja durch Ihre Ttigkeit, wie schn und edel Ihr Herz ist  so schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab!
Es gab noch allerlei Zweifel und Bedenken, aber schlielich wurde meinem Wunsche willfahrt. Baron S. rief einen der vom Hilfsverein entsendeten rzte herbei und empfahl mich, als Mitreisende, seinem Schutz.
Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde. Ich wollte den Wartesaal aufsuchen, aber jeder verfgbare Raum war in ein Hospital verwandelt. Wo man hinblickte, berall kauernde, liegende, verbundene, bleiche Gestalten. Ich mochte nicht hinschauen. Das bisschen Energie, das ich besa, das musste ich mir auf meine Fahrt und auf deren Ziel aufsparen. Von aller Kraft, allem Mitgefhl, aller Hilfsleistungsfhigkeit, die mir zu Gebote stand, durfte ich hier nichts aufgeben; das gehrte nur ihm  ihm, der mich rief.
Es war indes kein Winkel zu finden, wo mir der Jammeranblick erspart geblieben wre. Ich hatte mich auf den Perron geflchtet, und dort musste ich gerade das rgste mit ansehen: Die Ankunft eines langen Zuges, dessen smtliche Waggons mit Verwundeten gefllt waren, und die Abladung der letzteren. Die leichter Blessierten stiegen selber aus und schleppten sich vorwrts, die meisten mussten aber untersttzt, oder gar getragen werden. Die verfgbaren Tragbahren waren gleich besetzt, und die berzhligen Patienten mussten bis zur Rckkunft der Trger einstweilen auf den Boden gelagert werden. Vor meine Fe, auf dem Platze, wo ich auf einer Kiste sa, legten sie einen hin, der unausgesetzt ein gurgelndes Rcheln ausstie. Ich beugte mich herab, um ihm ein teilnehmendes Wort zu sagen, aber entsetzt fuhr ich wieder zurck und verbarg mein Gesicht in beide Hnde  der Eindruck war zu frchterlich gewesen. Das war kein menschliches Angesicht mehr  der Unterkiefer weggeschossen, ein Auge herausquellend ... dazu ein erstickender Qualm von Blut- und Unratgeruch ... Ich htte aufspringen und fliehen mgen, doch ward mir totenbel und mein Kopf fiel an die hinter mir liegende Mauer zurck. O, ich feiges kraftloses Geschpf  schalt ich mich  was suche ich hier in diesen Jammersttten, wo ich nichts  nichts helfen kann ... wo ich solchem Ekel unterliege ... Nur der Gedanke an Friedrich raffte mich wieder empor. Ja, fr ihn, auch wenn er in solchem Zustande wre, wie der Elende zu meinen Fen, knnte ich alles ertragen  ich wrde ihn noch umfangen und kssen, und aller Ekel, alles Grauen versnke in das eine allbesiegende Gefhl  in _Liebe_  Friedrich  mein Friedrich, ich komme! wiederholte ich halblaut diesen einen fixen Gedanken, der mich seit der Ankunft des Bresserschen Briefes erfasst und nicht mehr losgelassen hatte.
Eine furchtbare Idee durchflog mein Hirn: Wie, wenn dieser  Friedrich wre? Ich sammelte meine Krfte und blickte noch einmal hin: Nein, er war es nicht.
~
Die bange Wartestunde war doch auch vorbergegangen. Den Rchelnden hatten sie fortgetragen. Legt ihn dort auf die Bank, hrte ich den Regimentsarzt befehlen, den da kann man nicht mehr ins Spital bringen  er ist schon dreiviertel tot. Und doch  diese Worte musste er noch verstanden haben, der Dreiviertel-Tote, denn mit einer verzweiflungsvollen Gebrde hob er beide Arme zum Himmel.
Jetzt sa ich im Waggon mit den beiden rzten und vier barmherzigen Schwestern. Es war erstickend hei und der Raum war mit einem Duft von Hospital und Sakristei  Karbol und Weihrauch  erfllt. Mir war unsglich bel. Ich lehnte mich in eine Ecke zurck und schloss die Augen.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Das ist so der Augenblick, wo jeder Reisende sich das Ziel vergegenwrtigt, dem er entgegengetragen wird. fters schon war ich auf dieser Strecke gefahren, und da winkte mir die Ankunft in einem gstegefllten Schlosse, in einem frhlichen Badeorte  auch meine Hochzeitsreise  seliges Andenken  hatte ich auf diesem Wege gemacht, einem glnzenden und liebevollen Empfang in der Hauptstadt Preuens (wie hatte letzteres Wort doch seither einen anderen Klang bekommen!) entgegen.   Und heute? Was war heute unser Ziel? Ein Schlachtfeld und umliegende Lazarette  die Sttten des Todes und der Leiden. Mir schauderte.
Gndige Frau, sagte einer der rzte  ich glaube, Sie sind selber krank ... Sie sehen so bleich und leidend aus.
Ich blickte auf. Der Sprecher war eine sympatische, jugendliche Erscheinung. Vermutlich war dies die erste praktische Ttigkeit des kaum promovierten Mediziners. Schn von ihm, dass er seine ersten Dienste diesem gefahr- und beschwerdevollen Amte widmete! Ich fhlte mich diesen Menschen, die da neben mir im Waggon saen, dankbar fr die Linderung, welche sie den Leidenden zu bringen im Begriffe standen. Auch den opfermutigen, wirklich barmherzigen Schwestern zollte ich im Herzen Bewunderung und Dank. Doch was brachte jeder dieser guten Menschen mit? _Ein Lot_ Hilfe fr tausend Zentner Not. Die tapferen Nonnen mussten wohl fr _alle_ Menschen jene berwindungskrftige Liebe im Herzen tragen, wie sie mich fr meinen Mann erfllte; so, wie ich sie vorhin empfunden, dass, wenn der furchtbar entstellte und ekelerregende Soldat, der vor meinen Fen rchelte, mein Gatte gewesen, aller Widerwille entschwunden wre  so empfanden jene wohl jedem Menschenbruder gegenber, und zwar durch die Kraft einer hheren Liebe  diejenige zu ihrem erwhlten Brutigam Christus. Aber ach  auch davon brachten die Edeln nur ein Lot! Ein Lot Liebe dorthin wo tausend Zentner Hass gewtet ...
Nein, Herr Doktor, antwortete ich auf die teilnehmende Anfrage des jungen Arztes, ich bin nicht krank, nur ein wenig angegriffen.
Ihr Herr Gemahl, so sagte mir Baron S., sei bei Knigsgrtz verwundet worden und Sie reisen dahin, ihn zu pflegen, mischte sich der Stabsarzt in das Gesprch; wissen Sie, in welcher der umgebenden Ortschaften er liegt?
Das wuste ich nicht. Mein Ziel ist Kniginhof, antwortete ich, dort erwartet mich mein befreundeter Arzt, Doktor Bresser 
Den kenne ich ... er war an meiner Seite, als wir vor drei Tagen das Schlachtfeld absuchten.
Das Schlachtfeld absuchten ... wiederholte ich schaudernd  erzhlen Sie 
Ja, ja, Herr Doktor, erzhlen Sie! bat eine der Nonnen, unser Dienst kann uns auch in die Lage bringen, bei solchem Suchen mitzuhelfen.
Und der Regimentsarzt erzhlte. Den Wortlaut seiner Schilderungen kann ich natrlich nicht mehr wiedergeben; auch sprach er nicht in einem Flusse, sondern mit hufigen Unterbrechungen, und gleichsam widerstrebend, nur durch die hartnckigen Fragen, mit welchen die wissbegierigen Nonnen und ich ihn bestrmten, zum Sprechen gezwungen. Die abgerissenen Erzhlungen riefen jedoch eine geschlossene Reihe von Bildern vor mein inneres Auge, die sich dem Gedchtnis so lebhaft eingeprgt haben, dass ich dieselben noch heute an mir vorberziehen lassen kann. Unter anderen Umstnden htte ich des Doktors Schilderungen nicht so deutlich erfasst und behalten  man vergisst ja Gehrtes und Gelesenes so leicht  aber das Erzhlte machte mir damals fast den Eindruck von Miterlebtem. Ich war in einem Zustand hochgradiger Nervenanspannung und Erregtheit; der fixe Gedanke an Friedrich, der sich meiner bemchtigt hatte, bewirkte, dass ich bei jeder der geschilderten Szenen mir Friedrich als beteiligte Person vorstellte, und so sind sie mir wie selber durchgemachte schmerzliche Erfahrungen im Geiste haften geblieben. In der Folge habe ich die von dem Regimentsarzt mitgeteilten Ereignisse in die roten Hefte eingetragen  so, als htten sie sich vor meinen eigenen Augen abgespielt.

    Die Ambulance ist hinter einem schtzenden Hgelrcken aufgerichtet worden. Drben tobt die Schlacht. Der Boden zittert, und es zittert die glhende Luft; Dampfwolken steigen auf, die Geschtze brllen ... Jetzt heit es, Patrouillen ausschicken, welche sich auf die Kampfpltze begeben, um die Schwerverwundeten aufzulesen und hierherzubringen. Gibt es etwas Heldenhafteres, als solchen Gang mitten in den summenden Kugelregen hinein, an allen Schrecken des Kampfes vorber, allen Gefahren des Kampfes ausgesetzt  ohne selber dessen wildem Rausche sich hingeben zu drfen? Rhmlich ist dieses Amt  nach Kriegsbegriffen  nicht. Bei der Sanitt  da dient doch kein fescher, strammer, schneidiger Junge  da verdreht doch keiner die Kpfe der Mdchen. Und Feldscheer  wenn der auch heute nicht mehr so  sondern Regimentsarzt heit, der kann sich doch mit keinem Kavallerieleutnant messen? ...
    Der Sanittskorporal kommandiert seine Leute nach einer Niederung, gegen welche eine Batterie ihr Feuer erffnet hat. Sie gehen durch den grauen Schleier des Pulverdampfes, und Staub und Erde, da, wo eine Kugel zu ihren Fen einschlgt, wirbelt vor ihnen auf. Sie sind nur wenige Schritte gegangen, so begegnen sie schon Verwundeten  leichter Verwundeten, die sich entweder einzeln oder paarweise, einander gegenseitig untersttzend, zur Ambulance schleppen. Einer fllt zusammen. Es ist aber nicht seine Wunde, die ihm die Kraft gebrochen  es ist Erschpfung. Wir haben zwei Tage nichts gegessen  machten einen forcierten Marsch von zwlf Stunden ... kamen ins Biwak ... zwei Stunden darauf Alarm und Schlacht ...
    Die Patrouille geht weiter. Diese Leute finden selber ihren Weg und knnen den zusammengebrochenen Kameraden mitnehmen. Die Hilfe muss anderen, noch Hilfsbedrftigeren aufgespart werden.
    Auf dem Steingerlle eines Hgelabhanges liegt ein blutiges Knuel. Es sind ein Dutzend Soldaten. Der Sanittsunteroffizier bleibt stehen und legt ein paar Verbnde an. Aber mitgenommen werden diese Verwundete nicht; erst mssen die geholt werden, die mitten auf dem Gefechtsfelde fielen  vielleicht kann man diese hier beim Rckgang auflesen ...
    Und wieder geht die Patrouille weiter, dem Kampfplatz nher. In immer dichteren Scharen wanken Verwundete heran, sich selber oder einander mhsam fortschleppend. Das sind solche, die doch noch gehen knnen. Unter sie wird der Inhalt der Feldflaschen verteilt, man legt ihnen eine Binde auf quellende Wunden und weist ihnen den Weg nach der Ambulance. Und wieder geht es weiter. An Toten vorber  an Hgeln von Leichen ... Viele dieser Toten zeigen die Spuren entsetzlichster Agonie. Unnatrlich weit aufgerissene Augen  die Hnde in die Erde gebohrt  die Haare des Bartes aufgerichtet  zusammengepresste Zhne unter krampfhaft geffneten Lippen  die Beine starr ausgestreckt, so liegen sie da.
    Jetzt durch einen Hohlweg. Hier liegen sie aufgeschichtet. Tote und Verwundete untereinander. Letztere begren die Sanittspatrouille wie rettende Engel und flehen und schreien um Hilfe. Mit gebrochenen Stimmen, weinend, wimmernd, rufen sie nach Rettung, nach einem Schluck Wasser ... Aber ach  die Vorrte sind fast erschpft, und was knnen die wenigen Menschen tun? Ein jeder msste hundert Arme haben, um da retten zu knnen ... doch jeder tut, was er kann. Da erschallt der langgezogene Ton des Sanittsrufes. Die Leute stutzen und halten in ihren Handreichungen inne. Verlasst uns nicht, verlasst uns nicht! flehen die Unglcklichen; doch wieder und wieder ruft das Hornsignal, welches, von allem anderen Getse unterscheidbar, deutlich in die Weite dringt. Da kommt auch noch ein Adjutant herangesprengt: Mannschaft von der Sanitt? Zu Befehl! erwiderte der Korporal. Mir nach.
    Offenbar ein verwundeter General ... Da heit es gehorchen und die anderen verlassen ... Mut und Geduld, Kameraden, wir kommen wieder. Die es sagen und die es hren, sie wissen, dass das nicht wahr ist.
    Und wieder geht es weiter.  Dem Adjutanten  der, voransprengend, die Richtung weist  im Eilschritt nach. Da gibt es unterwegs kein Aufhalten, ob auch von rechts und links die Weh- und Hilferufe ertnen, ob auch auf die Eilenden selber manche Kugel fllt und einen oder den anderen hinstreckt  nur weiter, nur vorber. Vorber an unter dem Schmerz ihrer Wunden sich krmmenden Menschen, welche von ber sie hinjagenden Rossen zertreten, oder von ber ihre Glieder fahrenden Geschtzen zermalmt wurden und welche, die Rettungsmannschaft erblickend, in ihrer Verstmmelung sich ein letztes Mal emporbumen: vorber, vorber!

Das geht in den roten Heften noch seitenlang so fort. Was der Regimentsarzt von dem Gang einer Sanittspatrouille ber das Schlachtfeld erzhlte, das enthlt noch viele hnliche und rgere Dinge. So die Schilderung jener Augenblicke, da mitten in die Pflegearbeit Kugeln und Granaten fallen, neue Wunden reiend; oder wenn die Zuflligkeiten der Schlacht den Kampf und die Verbandpltze selber knapp an die Ambulancen bringen und das ganze Sanittspersonal, samt den rzten und samt den Kranken, mitten in das Gewhl der ringenden oder fliehenden oder verfolgenden Truppen gert: wenn scheue, ledige Rosse des Weges gerast kommen und die Tragbahre umstrzen, auf welche man eben einen Schwerverwundeten gebettet, der jetzt zerschmettert zu Boden geschleudert wird ... Oder dieses  das grauenhafteste Bild von allen : Ein Gehft, in welchem man hundert Verwundete untergebracht, verbunden und gelabt hat.  Die armen Teufel froh und dankbar, dass ihnen Rettung geworden  und eine Granate, die das Ganze in Brand schiet  eine Minute und das Lazarett steht in Flammen  das Schreien, vielmehr das Geheul, welches aus dieser Sttte der Verzweiflung gellt und welches in seinem wilden Weh alles brige Getse bertnt, das wird wohl jenen, die es hrten, ewig unvergesslich bleiben ... Weh mir! Auch mir, obgleich ich es nicht gehrt, bleibt es unvergesslich  denn whrend der Regimentsarzt erzhlte, war mir wieder, als wre mein Friedrich dabei, als hrte ich seinen Schrei aus dem brennenden Marterorte heraus ...
Ihnen wird bel, gndige Frau, unterbrach sich der Erzhler  ich habe da Ihren Nerven wirklich zu viel zugemutet. 
Aber ich hatte noch nicht genug. Ich versicherte, dass meine vorbergehende Schwche nur die Folge der Hitze und einer schlechten Nacht sei und wurde nicht mde, den anderen auszuforschen. Es war mir immer noch, als htte ich nicht genug gehrt, als wren von diesen geschilderten Hllenkreisen die letzten und hllischsten noch nicht geschildert worden. Und wenn einmal der Durst nach Grlichem erregt ist, so ruht man nicht, bis er nicht mit dem Grlichsten gelscht worden. Und richtig: es gibt noch Schauerlicheres als ein Schlachtfeld _whrend_  das ist ein solches _nach_ der Schlacht.
Kein Geschtzdonner, kein Fanfarengeschmetter, kein Trommelwirbel mehr, nur leises, schmerzliches Sthnen und Sterbercheln. Im zertretenen Erdboden rtlich schimmernde Pftzen, Blutlachen;  alle Feldfrucht zerstrt, nur hier und da ein unberhrt gebliebenes halmenbedecktes Ackerstck: die sonst lachenden Drfer und Trmmer in Schutt verwandelt. Die Bume der Wlder verkohlt und geknickt; die Hecken von Karttschen zerrissen ... Und auf dieser Walstatt Tausende und Tausende von Toten und Sterbenden  hilflos Sterbenden! Keine Blten noch Blumen sind auf den Wegen und Wiesen zu sehen, sondern Sbel, Bajonette, Tornister, Mntel, umgestrzte Munitionswagen, in die Luft geflogene Pulverkarren, Geschtze mit gebrochenen Lafetten ... Neben den Kanonen, deren Schlnde von Rauch geschwrzt sind, ist der Boden am blutigsten; dort liegen die meisten und verstmmeltsten Toten und Halbtoten  von Kugeln buchstblich zerrissen. Und die toten und halbtoten Pferde  solche, die auf den Fen, welche ihnen geblieben sind, sich aufrichten, um wieder hinzusinken, wieder sich aufstellen und wieder hinfallen, bis sie die Kpfe heben, um ihren schmerzbeladenen Sterberuf hinauszuschreien ... Ein Hohlweg ist mit in den Kot der Strae getretenen Krpern ganz angefllt. Die Unglcklichen hatten sich wohl hierher geflchtet, um geborgen zu sein  aber eine Batterie ist ber sie hinweggefahren  von Pferdehufen und Rdern sind sie zermalmt ... Viele darunter leben noch  eine breiige, blutige Masse, aber leben noch.
Und noch gibt es Hllischeres als alles dies: Es ist das Erscheinen des niedertrchtigsten Abschaums der kriegfhrenden Menschheit  der _Schlachtfeld-Hyne_. Das schleicht herbei, das die Leichenbeute witternde Ungetm, beugt sich ber Tote und noch Lebende herab und reit ihnen die Kleider vom Leibe. Erbarmungslos. Die Stiefeln werden vom blutenden Bein, die Ringe von der verwundeten Hand gezogen  oder um den Ring zu haben, wird der Finger einfach abgeschnitten; und wenn sich das Opfer wehren will, dann wird es von der Hyne gemordet oder  um nicht einst wieder erkannt zu werden  sticht sie ihm die Augen aus ...
Ich schrie laut auf. Bei des Doktors letzten Worten hatte ich die ganze Szene wieder mit angesehen, und die Augen, in welche die Hyne ihr Messer gebohrt, das waren Friedrichs blaue, sanfte, geliebte Augen ...
Verzeihen Sie mir, gndige Frau, aber Sie haben es gewollt ...
Ja, ja  ich will alles hren. Was Sie da beschrieben haben, war die Nacht, welche auf die Schlacht folgt  diese Szenen haben sich bei Sternenschein abgespielt 
Und bei Fackelschein. Die vom Sieger zum Durchsuchen des Schlachtfeldes ausgeschickten Patrouillen tragen Fackeln und Laternen. Und rote Laternen ragen an Signalstangen empor, um die Orte zu bezeichnen, an welchen fliegende Hospitler errichtet worden sind.
Und der nchste Morgen  wie zeigt der die Walstatt?
Beinah noch frchterlicher. Der Gegensatz von dem helllchelnden Tagesgestirn zu der grausigen Menschenarbeit, die es beleuchtet, wirkt doppelt schmerzlich. Des Nachts hatte das ganze Schreckbild etwas Gespensterhaft-Phantastisches, bei Tag ist es einfach  trostlos. Jetzt erst sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen: Auf den Straen, zwischen den Feldern, in den Grben, hinter Mauertrmmern; berall, berall Tote. Geplndert, mitunter nackt. Ebenso die Verwundeten. Diese, die trotz der nchtlichen Arbeit der Sanittsmannschaften noch immer in groer Zahl umherliegen, sehen fahl und zerstrt aus, grn und gelb, mit stierem, stumpfsinnigem Blick; oder aber unter wtenden Schmerzen sich krmmend, flehen sie jeden an, der in die Nhe kommt, dass er sie tte. Schwrme von Aaskrhen lassen sich auf die Wipfel der Bume nieder und verknden mit lautem Gekrchz das lockende Festmahl ... Hungrige Hunde aus den Drfern kommen herbeigerannt und lecken das Blut der Wunden. Noch sieht man einige Hynen, welche noch immer hastig weiter arbeiten ... Und jetzt kommt das groe Begraben 
Wer tut das?  Die Sanitt?
Wie knnte die zu solcher Massenarbeit ausreichen? Die hat bei den Verwundeten vollauf zu tun.
Also kommandierte Truppen?
Nein: Herbeigeschafftes oder auch freiwillig heranlaufendes Gesindel: Landstreicher, Leute vom Tross, welche sich bei den Marketenderbuden, bei den Bagagewagen aufhielten, und welche jetzt neben den Bewohnern der Armenhuser und der Htten von den Militrgewalten herbeigetrieben werden, um Grber zu graben  recht groe, das heit  weite Grber, denn tief werden sie nicht gemacht. Dazu wre keine Zeit. Da hinein wirft man die toten Krper  kopfber, kopfunter, wie es gerade kommt. Oder man macht es so: ber einen aus Leichen gebildeten Haufen wirft man ein bis zwei Fu hohe Erde hinauf: das sieht dann auch aus wie ein Tumulus. Ein paar Tage darauf kommt ein Regen und splt die Hlle von den verwesenden Leichnamen weg  aber was liegt daran? Die flinken und lustigen Totengrber denken nicht so weit. Lustige und flotte Arbeiter sind sie, das muss man ihnen lassen. Es werden da Lieder gepfiffen und allerlei zweideutige Witze gemacht  ja mitunter tanzt eine Hynenrunde um das offene Grab. Ob in manchen Krpern, die da hinabgeschleudert oder mit Erde verschttet werden, noch Leben sich regt  darum kmmern sie sich auch nicht. Der Fall ist unvermeidlich, denn Starrkrampf tritt bei Verwundungen hufig auf. Manch zufllig Errettete haben von der Gefahr des Lebendig-begraben-werdens, der sie entronnen, erzhlt. Aber wie viele gibt es derer, die nichts erzhlen konnten? Wenn man einmal ein paar Fu Erde ber dem Mund liegen hat, so muss man den Mund wohl halten. ...
O mein Friedrich, mein Friedrich! sthnte es in meiner Seele.
Das ist das Bild des nchsten Morgens, schloss der Regimentsarzt. Soll ich noch weiter erzhlen, was den nchsten Abend geschieht? Da wird 
Das will ich Ihnen sagen, Herr Doktor, unterbrach ich. In eine von den beiden Hauptstdten der beteiligten Reiche ist die telegrafische Nachricht des glorreichen Sieges angelangt. Da wurde vormittags  whrend des Hynentanzes um die Gruben  in den Kirchen Nun danket alle Gott gesungen und abends  da stellt die Mutter, oder das Weib eines Lebendigbegrabenen ein paar brennende Kerzen auf den Fenstersims, denn die Stadt wird beleuchtet.
Ja, gndige Frau, diese Komdie wird zu Hause aufgefhrt. Indessen auf dem Schlachtfeld selber ist mit dem zweiten Sonnenuntergang die Tragdie noch lange nicht abgespielt. Auer denjenigen, welche in die Lazarette und in die Grber untergebracht worden, gibt es noch die _Ungefundenen_. Hinter dichtem Gebsch, in hohen hrenfeldern, oder zwischen Bautrmmern verborgen, sind sie den Blicken der Krankentrger und Totengrber entgangen. Fr jene Unglcklichen beginnt nun das Martyrium einer mehrere Tage und mehrere Nchte langen Agonie: In der sengenden Hitze des Mittags, in den schwarzen Schauern der Mitternacht, gebettet auf Steinen und Disteln, im scharfen Verwesungsgeruch der naheliegenden Leichen und der eigenen faulenden Wunden, den festenden Geiern zur noch zuckenden Beute ...
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Das war eine Reise!  Der Regimentsarzt hatte schon lange aufgehrt zu sprechen, aber die Auftritte, welche er geschildert, fuhren unausgesetzt fort, vor meinem inneren Auge sich abzuspielen. Um diesem mich verfolgenden Gedankenreigen zu entgehen, schaute ich zum Wagenfenster hinaus und versuchte, im Anblick der Landschaft Zerstreuung zu finden. Aber auch hier boten sich dem Blicke Bilder des Kriegsjammers. Zwar hatte in dieser Gegend keine gewaltsame Verwstung stattgefunden: Es rauchte da kein zerschossenes Dorf, hier hatte der Feind noch nicht gehaust; aber was hier nun wtete, ist vielleicht noch schlimmer: Nmlich die _Furcht vor dem Feinde_. Die Preuen kommen! die Preuen kommen! war die Schreckenslosung auf der ganzen Strecke; und wenn auch im Vorbeifahren diese Worte nicht zu hren waren, ihre Wirkung konnte man vom Wagenfenster aus deutlich erschauen. berall auf allen Straen und Wegen fliehende, mit Sack und Pack ihr Heim verlassende Menschen. Ganze Wagenzge bewegten sich landeinwrts  gefllt mit Bettzeug, Hausgert und Vorrten. Alles sichtlich in grter Eile aufgeladen. Auf demselben Karren kleine Schweine, das jngste Kind und ein paar Kartoffelscke, nebenher, zu Fu, Mann und Weib und die greren Kinder:  So sah ich eine auswandernde Familie auf einer nahen Strae sich fortbewegen. Wohin gingen die Armen? Das wussten sie wohl selber kaum  nur fort, fort von den Preuen. So flieht man das prasselnde Feuer oder die steigende Flut.
fters brauste auf den Nebengeleisen ein Zug an uns vorber:  Verwundete, immer wieder Verwundete; immer wieder die aschfahlen Gesichter, die verbundenen Kpfe, die in der Binde getragenen Arme. Auf den Haltestellen besonders konnte man an diesem Anblick in allen Varianten sich sattsam erlaben. Smtliche groe und kleine Perrons, auf welchen man sonst das wartende Vlklein der Reisenden frhlich umherstehen und -gehen sieht, waren jetzt mit liegenden und kauernden Gestalten gefllt. Das sind die aus den umgebenden Feld- und Privatlazaretten herbeigeschafften kranken Soldaten, die den nchsten Eisenbahnzug abwarten, der einen neuen Verwundetentransport befrdern kann. So mssen sie stundenlang liegen  und wer wei, wieviel Transportierungen sie schon hinter sich haben? Vom Kampffeld zum Verbandplatz, von da zur Ambulance, von dieser in ein fliegendes Feldhospital, dann in die Ortschaft  jetzt zur Eisenbahn; und von hier steht ihnen noch die Fahrt nach Wien bevor; dort vom Bahnhof zum Spital und von da, nach so langen Leiden, vielleicht zum Regiment zurck, vielleicht zum Friedhof ... Mir ward so leid, so leid, so schrecklich leid um die armen Teufel!  ich htte zu jedem einzelnen hinknien wollen und ihm Worte des Mitgefhls zuflstern. Aber der Doktor lie mich nicht. Wenn wir an einer Station ausstiegen, nahm er mich am Arm und fhrte mich in das Bureau des Stationschefs. Hierher brachte er mir Wein oder sonst eine Erfrischung.
Die Schwestern walteten auch schon hier ihres barmherzigen Amtes. Sie reichten den Verwundeten an Trank und Speise, was nur aufzutreiben war: Aber fters gab es nichts, die Vorrte in den Restaurationen waren zumeist erschpft. Dieses Getriebe auf den Bahnhfen, namentlich auf den greren, machte mir einen sinnverwirrenden Eindruck; es schien mir wie ein bser Traum. Dieses Hin- und Herrennen, dieses wste Durcheinander  abmarschbereite Truppen  Flchtlinge  Krankentrger  Haufen blutender und wimmernder Soldaten  schluchzende, hnderingende Frauen ; Geschrei, barsche Kommandorufe  berall Gedrnge, nirgends ein freier Durchgang  aufgeschichtetes Gepck, Kriegsmaterial, Kanonen, abseits Pferde und brllendes Hornvieh  dazwischen das unausgesetzte Gelute des Telegrafen  durchfahrende Zge, welche mit aus Wien anlangender Reserve vollgefllt  vielmehr vollgepfropft  sind ... Nicht anders waren diese Soldaten in den Wagen dritter und vierter Klasse  ja in Last- und Viehwaggons  untergebracht, nicht anders wie Schlachtvieh. Und im Grunde genommen, ich konnte den Gedanken nicht unterdrcken, was waren sie denn anderes? Wurden sie nicht auch zur Schlacht  wurden sie nicht auf den groen politischen Markt geschleppt, wo mit Kanonenfutter  _chair  canon_  geschachert wird? Da rollten sie vorbei. Tolles Gebrll  war es ein Kriegslied?  schallte heraus und bertnte das rasselnde Gepolter der Rder; eine Minute  und der Zug war verschwunden. Mit Windeseile trug er einen Teil seiner Fracht dem sicheren Tode entgegen. Ja  _sicherem Tode_ ... Wenn auch kein einzelner von sich sagen kann, dass er sicher fllt, ein gewisser Prozentsatz von der Gesamtheit muss und wird fallen. Zu Felde ziehende Heere, die sich auf der Heerstrae zu Fu oder zu Ross fortbewegen: das mag noch eine gewisse antike Poesie an sich haben; aber der moderne Schienenweg, das Symbol der nationenverbindenden Kultur, als Befrderungsmittel der losgelassenen Barbarei:  das ist gar zu widersinnig und abscheulich. Wie falsch klingt da auch das Telegrafengeklingel ... dieses herrliche Siegeszeichen des menschlichen Intellekts, der es fertig gebracht hat, den Gedanken mit Blitzesschnelle von einem Lande zum anderen zu leiten; alle diese neuzeitlichen Erfindungen, welche bestimmt sind, den Verkehr der Vlker zu frdern, das Leben zu erleichtern, zu verschnern, zu bereichern: Die werden jetzt von jenem altweltlichen Prinzip missbraucht, welches die Vlker entzweien und das Leben vernichten will. Seht unsere Eisenbahnen, seht unsere Telegrafen  wir sind zivilisierte Nationen, prahlen wir den Wilden gegenber und benutzen diese Dinge zur verhundertfachten Entfaltung _unserer_ Wildheit ...
Dass mich lauter solche Gedanken qulen mussten, whrend ich an den Stationen auf das Weiterfahren unseres Zuges wartete  das vertiefte und verbitterte noch mein Leid. Ich beneidete fast jene, die da nur in naivem Schmerze die Hnde rangen und weinten, die sich nicht im Zorn aufbumten gegen die ganze Schauerkomdie  die niemanden anklagten, nicht einmal jenen Herrn der Heerscharen, von dem sie doch glaubten, dass er es sei, der das hereingebrochene Unglck ber sie verhngt ...
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Es war spt abends, als ich in Kniginhof anlangte. Meine Reisegefhrten hatten an einer frheren Station bleiben mssen. Ich war allein  in Furcht und Bangen. Wie, wenn Doktor Bresser verhindert worden wre, zu kommen? Was sollte ich dann hier beginnen? Zudem war ich von der Fahrt wie gerdert, von den durchgemachten Trauer- und Schauerempfindungen ganz entnervt. Wre nicht die Sehnsucht nach Friedrich gewesen, so htte ich mir nur noch den Tod gewnscht. Sich hinlegen knnen und einschlafen und nie wieder erwachen in einer Welt, in der es so grausam und wahnsinnig zugeht! ... Nur eins nicht: am Leben bleiben und Friedrich unter den Vermissten wissen!
Der Zug hielt. Mhsam und zitternd stieg ich aus und nahm mir mein Handgepck herab. Ich fhrte mein Handkfferchen bei mir, mit etwas Wsche fr mich und Charpie und Verbandzeug fr den Verwundeten; auerdem eine Reise-Toilettentasche. Die hatte ich so gewohnheitsmig mitgenommen, in dem anerzogenen Glauben, dass man gar nicht sein knne, ohne die silbernen Bchsen und Kapseln, die Seifen und Wasser, die Brsten und Kmme. Reinlichkeit  diese Tugend des Krpers, dasselbe, was Ehrlichkeit fr die Seele  diese zweite Natur des Kulturmenschen: wie musste ich jetzt erst erfahren, dass darauf in solchen Zeiten ganz verzichtet werden muss. Nun ja,  es ist ja nur folgerichtig: der Krieg ist die Verneinung der Kultur, also mssen durch ihn alle Errungenschaften der Kultur wegfallen; ein Rckschlag in die Wildheit ist er, also muss er alles Wilde im Gefolge haben  darunter auch jenes, den Edelmenschen so furchtbar verhasste Ding: _den Schmutz_.
Die Kiste mit Material fr die Spitler, die ich in Wien fr Doktor Bresser besorgt hatte, war mit den anderen Kisten des Hilfskomitees aufgegeben worden  wer wei, wann und wo dieselbe abgeliefert wurde? Ich hatte nichts bei mir als meine zwei Stck Handgepck und ein umgehngtes Geldtschchen, welches mit einigen Hundertgulden-Noten gefllt war. Schwankenden Schrittes ging ich ber die Schienen nach dem Perron. Dort herrschte, trotz der spten Stunde, dasselbe Gewhle wie auf den anderen Stationen, und immer dasselbe Bild: Verwundete  Verwundete. Nein, nicht dasselbe Bild: rger noch. Kniginhof war ein Ort, der mit diesen Unglcklichen berfllt war; es gab im ganzen Ort keinen unbelegten Raum, und nun hatte man die Kranken scharenweise zur Eisenbahn gebracht, wo sie, ganz notdrftig verbunden, berall umherlagen, auf der Erde, auf den Steinen ...
Es war eine finstere, mondlose Nacht; der Schauplatz war nur durch drei oder vier an Pfhlen befindliche Laternen beleuchtet. Erschpft und schlaf-, beinahe todesschlafbedrftig, sank ich auf die freie Ecke einer Bank und legte mein Gepck vor mir auf den Boden.
Ich hatte vorerst nicht den Mut, mich umzusehen, ob unter den vielen Menschen, die hier geschftig hin und her schossen, auch Doktor Bresser sei. Fast war ich berzeugt, dass ich ihn nicht finden wrde. Es gab ja zehn Chancen gegen eine, dass er verhindert worden zu kommen, oder dass er zu einer anderen als zur bezeichneten Stunde hier eintrfe; einen regelmigen Verkehr gab es ja berhaupt nicht mehr: mein Zug war gewiss viel spter eingetroffen, als in der Fahrordnung verzeichnet stand. Ordnung: auch ein Kulturbegriff  mit dem war ja ringsum gleichfalls gebrochen ... Mein Unternehmen erschien mir jetzt als ein wahnwitziges. Dieses vermeintliche Rufen Friedrichs  glaubte ich denn sonst an derlei mystische Dinge?  es entbehrte sicher aller Begrndung. Wer wei  vielleicht war Friedrich auf dem Weg nach Hause  vielleicht auch tot  warum suchte ich ihn hier? Eine andere Stimme begann jetzt nach mir zu rufen, andere Arme breiteten sich mir entgegen: Rudolf, mein Sohn  wie wrde er nach der Mama gefragt haben und nicht haben einschlafen knnen, ohne den mtterlichen Gutenachtkuss ... Wohin wrde ich mich hier wenden, wenn ich Bresser nicht fnde? Und die Hoffnung, ihn zu finden, war mir pltzlich so gering geworden, wie unter Hunderttausenden von Losen die Hoffnung auf einen Haupttreffer. Zum Glck hatte ich mein Tschchen mit dem Gelde  der Besitz von Banknoten bietet immer Auskunftsmittel. Unwillkrlich griff ich an die Stelle, wo das Tschchen hngen sollte ... Groer Gott! Der Riemen, an welchem es befestigt gewesen, abgerissen  das Tschchen fort  verloren! ... Welcher Schlag! Und doch, ich brachte es zu keiner Anklage gegen das Schicksal; ich vermochte nicht, zu jammern: Zufall, wie hart triffst du mich, denn in einer Zeit, wo rings das Unglck hagelte, ber das eigene Unglckchen klagen, da htte man vor sich selber sich seiner Selbstsucht schmen mssen. Und zudem: fr mich gab es nur eine schreckliche Mglichkeit: Friedrichs Tod  alles Andere war nichts.
Ich musterte alle Anwesenden: kein Doktor Bresser.
Was nun beginnen? An wen mich wenden? Ich hielt einen Vorbergehenden an:
Wo kann ich den Stationschef finden?
Sie meinen den Dirigenten der hiesigen Krankenstation, Stabsarzt S.? Dort steht er.
Den hatte ich zwar nicht gemeint, aber vielleicht konnte er mir Auskunft ber Doktor Bresser geben. Ich nherte mich der bezeichneten Stelle. Der Stabsarzt sprach eben mit einem vor ihm stehenden Herrn:
Es ist ein Elend, hrte ich ihn sagen. Man hat hier und in Turnau Depots fr alle Hospitler des Kriegsschauplatzes errichtet; die Gaben strmen massenhaft zu  Wsche, Lebensmittel, Verbandzeug so viel man will  aber was damit beginnen? Wie abladen  wie sortieren  wie weitersenden? Es fehlt uns an Hnden  wir wrden hundert rhrige Beamte brauchen 
Schon wollte ich den Stabsarzt ansprechen, als ich einen Mann auf ihn zueilen sah, in dem ich  o Freude  Doktor Bresser erkannte. In meiner Erregung fiel ich dem alten Hausfreund um den Hals.
Sie? Sie, Baronin Tilling? Was machen Sie denn hier?
Ich bin gekommen, zu helfen, zu helfen ... Ist Friedrich nicht in einem Ihrer Spitler?
Ich habe ihn nicht gesehen.
War mir diese Nachricht Enttuschung oder Erleichterung?  Ich wei es nicht. Er war nicht da ... also entweder tot oder unversehrt ... brigens, Bresser konnte unmglich alle Verwundeten der Umgebung erkannt haben  ich musste selber alle Lazarette absuchen.
Und Frau Simon? fragte ich weiter.
Die ist schon seit mehreren Stunden hier ... eine herrliche Frau! Rasch entschlossen, umsichtig ... Jetzt ist sie eben beschftigt, die hier liegenden Verwundeten in leerstehende Eisenbahnwaggons unterzubringen. Sie hat erfahren, dass in einem nahen Orte  in Horonewos  die Not am grten sei. Dort will sie hinfahren und ich begleite sie.
Ich auch Dokter Bresser! Lassen Sie mich mitkommen ...
Wo denken Sie hin, Baronin Martha? Sie, so zart und verwhnt  derlei harte, bitterharte Arbeit  
Was soll ich sonst hier tun? unterbrach ich. Wenn Sie mein Freund sind, Doktor, helfen Sie mir mein Vorhaben ausfhren ... ich will ja alles tun, jeden Dienst verrichten ... Stellen Sie mich der Frau Simon als freiwillige Krankenpflegerin vor und nehmen Sie mich mit  aus Barmherzigkeit nehmen Sie mich mit!
Wohlan, Ihr Wille geschehe. Da ist die tapfere Frau  kommen Sie ...
~
Als mich Doktor Bresser zu Frau Simon gefhrt und mich derselben als Krankenpflegerin vorstellte, nickte sie mit dem Kopfe, wandte sich aber sogleich wieder ab, um einen Befehl zu erteilen. Ihre Zge konnte ich in dem zweifelhaften Lichte nicht erkennen.
Fnf Minuten spter waren wir auf der Fahrt nach Horonewos. Ein Leiterwagen, der eben von dort Verwundete gebracht, diente uns als Fahrgelegenheit. Wir saen auf dem Stroh, das vielleicht noch blutig war von der vorigen Fracht. Der Soldat, welcher neben dem Kutscher sa, hielt eine Laterne, welche unsteten Schein auf unsere Strae warf. Bser Traum  bser Traum; immer mehr und mehr hatte ich den Eindruck, einen solchen durchzumachen. Das Einzige, was mich an die Wirklichkeit meiner Lage mahnte und was mir zugleich eine Beruhigung war, war Doktor Bressers Nhe. Ich hatte meine Hand in die seine gelegt und sein anderer Arm untersttzte mich:
Lehnen Sie sich an mich, Baronin Martha  armes Kind, sagte er sanft.
Ich lehnte mich an, so gut ich konnte, aber doch: welche Folterlage: Wenn man sein ganzes Leben lang gewohnt war, auf schwellenden Sitzen, sprungfederigen Wagen und weichen Betten zu ruhen, wie schwer fllt es da  zumal nach einer ermdenden Tagereise, in einem schttelnden Leiterwagen zu sitzen, dessen harter Brettergrund nur mit einer Lage blutfeuchten Strohes gepolstert ist. Und ich war doch unverletzt  wie muss erst denen zu Mute sein, die mit zerschmetterten Gliedern, mit hervorstehenden Knochensplittern auf solchem Fuhrwerk ber Stock und Stein gejagt werden?
Bleischwer fielen mir die Lider zu. Ein wehtuendes Schlfrigkeitsgefhl peinigte mich. Bei der Unbequemlichkeit meiner Lage  alle Glieder schmerzten mich  bei der Erregtheit meiner Nerven war ja Schlaf unmglich; grausamer wirkte das nicht zu bannende Schlafbedrfnis. Gedanken und Bilder, so verworren wie Fiebertrume, wirbelten in meinem Hirn. Alle die Schauerszenen, welche der Regimentsarzt erzhlt hatte, wiederholten sich vor meinem Geist, teils mit den Worten des Erzhlers selbst, teils als die Gesichts- und die Gehrsvorstellungen, welche diese Worte hervorgerufen hatten: ich sah die schaufelnden Totengrber, sah die Hynen einherschleichen, hrte die verzweifelten Opfer des in Brand geschossenen Lazaretts schreien; und dazwischen fielen, als wrden sie laut und in des Regimentsarztes Stimme gesprochen, Worte wie: Aaskrhen, Marketenderbude, Sanittspatrouille. Das hinderte mich aber nicht daneben auch noch das Gesprch zu vernehmen, welches meine Wagengefhrten halblaut miteinander fhrten: ... Ein Teil der geschlagenen Armee flchtete nach Kniggrtz, erzhlte Doktor Bresser. Die Festung aber war verschlossen und von den Wllen wurde auf die Flchtigen geschossen  namentlich auf die Sachsen, die man in der Dmmerung fr Preuen hielt. Hunderte strzten sich in die Wallgrben und ertranken ... An der Elbe stockte die Flucht und die Verwirrung erreichte den hchsten Grad. Die Brcken waren von Pferden und Kanonen so vollgestopft, dass das Fuvolk keinen Platz mehr fand ... Tausende strzten sich in die Elbe  auch Verwundete ...
Es soll entsetzlich sein in Horonewos, sagte Frau Simon. Alles von seinen Bewohnern verlassen  Dorf und Schloss. Smtliche innere Rume zerstrt und doch mit hilflosen Verwundeten angefllt ... Wie wohl wird den Unglcklichen die Labung tun, die wir ihnen bringen! Aber es wird zu wenig  zu wenig sein!
Und zu wenig auch unsere rztliche Hilfe, versetzte Doktor Bresser. Wir mssten unserer Hundert sein, um das Erforderliche tun zu knnen. Es fehlt an Instrumenten und Medikamenten  und hlfen uns auch diese? Die berfllung dieser Ortschaften ist derart, dass der Ausbruch gefhrlicher Epidemien droht. Die erste Sorge ist stets die, so viel Verwundete als mglich wegzubefrdern, aber ihr Zustand ist zumeist ein so jammervoller, dass kein Gewissen den Transport auf sich nehmen kann ... sie fortschaffen heit, sie tten; sie dort lassen, heit den Hospitalbrand herbeifhren  eine schwere Alternative! Was ich in diesen Tagen  seit der Schlacht von Kniggrtz, Schauriges und Trauriges gesehen, das bersteigt alle Begriffe. Sie mssen sich auf das Schlimmste gefasst machen, Frau Simon.
Ich habe langjhrige Erfahrung und Mut. Je grer das Elend, desto mehr steigt meine Willenskraft.
Ich wei. Dieser Ruf ist Ihnen vorausgegangen. Ich hingegen, wenn ich so viel Elend sehe, fhle allen Mut sinken und es stockt mir das Herz. Hunderte  ja Tausende von Hilfsbedrftigen um Hilfe flehen hren und nicht helfen _knnen_  es ist grlich! In all diesen um das Schlachtfeld eiligst errichteten Ambulancen fehlte es an Erquickungsmitteln; vor allem: kein Wasser. Die meisten vorhandenen Brunnen sind von den Bewohnern unbrauchbar gemacht worden ... weit und breit kein Stck Brot aufzutreiben ... Alle Rume, die ein Dach tragen: Kirchen, Meierhfe, Schlsser, Htten, sind mit Kranken gefllt  alles, was einem Wagen gleicht, wird mit einer Ladung Verwundeter weggefhrt ... Die Straen bedecken sich nach allen Richtungen mit solchen Hllenkarren  denn wahrlich, was da an Leiden auf Rdern rollt, das ist hllisch. Da liegen sie  Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten  von Blut, Staub und Schmutz, bis zur Unkenntlichkeit entstellte, mit Wunden, fr die es keine menschenmgliche Hilfe gibt, Klagetne, Schreie ausstoend, die nichts Menschliches haben  und doch: die noch schreien knnen, sind die Beklagenswertesten nicht ...
Da sterben wohl viele unterwegs?
Gewiss. Oder wenn sie abgeladen worden  in irgendeinem berfllten Raum  enden sie still und unbemerkt auf dem ersten besten Bndel Stroh, auf welches sie sich fallen lieen. Manche still  manche aber auch in verzweifeltem Todeskampf tobend und rasend, die haarstrubensten Flche ausstoend ... Solche Flche musste wohl jener Herr Twinnig aus London gehrt haben, der bei der Genfer Konferenz folgenden Vorschlag machte: Wenn der Zustand eines Verwundeten nicht die geringste Hoffnung der Heilung brig lsst, wre es in diesem Falle nicht angemessen, dass man ihm erst den Trost der Religion spende, ihm, so weit es die Umstnde gestatten, einen Augenblick der Sammlung lasse und dann seiner Agonie auf die wenigst schmerzliche Weise ein Ende mache? Man verhinderte dadurch, dass er wenige Augenblicke spter stirbt, das Fieber im Gehirn und vielleicht die Gotteslsterung auf der Zunge.
Wie unchristlich! rief Frau Simon.
Was? Das Gnadenstogeben?
Nein  die Ansicht, dass eine inmitten der unertrglichsten Martern ausgestoene Lsterung der Seele des Gemarterten gefhrlich werden knne ... So ungerecht ist der Gott der Christen nicht und sicher nimmt er jeden gefallenen Krieger in Gnaden auf ...
Mohammeds Paradies wird auch jedem Trken zugesichert, der einen Christen erschlagen hat, entgegnete Bresser. Glauben Sie mir, geehrte Frau Simon, jene Gottheiten alle, welche als kriegslenkend dargestellt werden und deren Beistand und Segen die Priester und Befehlshaber den Kmpfern als Mordlohn versprechen, die sind alle fr Lsterungen gleich taub wie fr Bitten. Sehen Sie dort hinauf: jener Stern erster Gre, mit rtlichem Lichte  man sieht ihn nur alle zwei Jahre ber unseren Huptern flimmern  oder vielmehr _leuchten_, er flimmert nicht  das ist der Planet Mars  das dem Kriegsgott gewidmete Gestirn; jenem Gott, der in der alten Zeit so gefrchtet und geehrt wurde, dass er weit mehr Tempel besa, als die Gttin der Liebe. Schon in der Schlacht bei Marathon, schon in dem engen Pass der Thermopylen hat jener Stern dem Kampf der Menschen blutfarbig vorgeleuchtet und zu ihm stiegen die Flche der Gefallenen auf; ihn beschuldigten sie ihres Unglcks, whrend er ahnungslos und friedlich  damals wie heute  die Sonne umkreiste. Feindliche Gestirne? ... die gibt es nicht. Der Mensch hat keinen anderen Feind, als den Menschen  der aber ist grimmig genug.
Und auch keinen anderen Freund, setzte Bresser nach einer kleinen Pause hinzu. Davon geben Sie selber ein Beispiel, hochherzige Frau, Sie sind 
O Doktor! unterbrach Frau Simon. Schauen Sie  dort, der Flammenschein, am Horizont ... sicherlich ein brennendes Dorf!
Ich ffnete die Augen und sah den roten Schein.
Nein, sagte Doktor Bresser  es ist der aufgehende Mond.
Ich versuchte, eine bequemere Stellung einzunehmen, und setzte mich ein wenig auf. Fortan wollte ich vermeiden, die Augen zu schlieen: dieser Zustand des Halbschlafes mit dem Bewusstsein des Nichtschlafens, worin die entsetzlichen Phantasiebilder ihren wilden Reigen auffhrten  das war gar so qualvoll ... lieber an dem Gesprche der beiden teilnehmen und mich von den eigenen Gedanken losreien.
Aber der Mann und die Frau waren verstummt. Sie blickten nach der Stelle, wo nun wirklich das Nachtgestirn emporstieg. Und nach einer Weile fielen meine Augen doch wieder zu. Diesmal war es der Schlaf. In der einen Sekunde, in der ich fhlte, dass ich einschlief, dass die Welt um mich aufhrte zu bestehen, empfand ich solche Wonne des Nichtseins, dass mir selbst der Bruder meines Beglckers  der Tod  ganz willkommen gewesen wre.
Ich wei nicht, wie lange Zeit ich in dieser negativ-seligen Existenzentrckung zubrachte  aber pltzlich und gewaltsam wurde ich herausgerissen. Kein Lrm, keine Erschtterung war es, was mich geweckt hatte, sondern ein Qualm unertrglich verpesteter Luft.
Was ist das?!
Gleichzeitig mit mir riefen auch die anderen diese Frage aus.
Unser Wagen bog um eine Ecke und am Wegrand ward uns die Antwort. Vom Monde hell beleuchtet, ragte da eine weie Mauer empor, vermutlich eine Kirchhofmauer. Jedenfalls hatte sie als Schutzwehr gedient  am Fue derselben, aufgeschichtet, lagen zahlreiche Leichen ... Der Verwesungsgeruch, der von diesen toten Krpern aufstieg, war es, der mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Als wir vorbeifuhren, hob sich ein dichter Schwarm von Raben und Krhen kreischend von dem Leichenhaufen empor, flatterte eine Zeitlang  wie schwarzes Gewlk, gegen den hellen Himmelhintergrund und lie sich dann wieder zum Schmause nieder ...
Friedrich, mein Friedrich!
Beruhigen Sie sich, Baronin Martha, trstete mich Bresser; Ihr Mann konnte nicht dabei gewesen sein.
Der kutschierende Soldat hatte sein Gespann angetrieben, um schneller aus dem Bereiche des mephitischen Dunstes hinwegzukommen: das Fuhrwerk rasselte und stolperte dahin, als wren wir auf wilder Flucht. Ich glaubte, die Pferde gingen durch ... zitternde Angst erfasste mich. Mit beiden Hnden klammerte ich mich an Bressers Arm; aber den Kopf musste ich zurckwenden, um dorthin, nach jener Mauer zu schauen und  war es das tuschende Licht des Mondes, waren es die Bewegungen der auf ihre Beute zurckgekehrten Vgel?  mir war es, als regte sich diese ganze Schar von Toten, als streckten uns die Leichname die Arme nach, als rsteten sie sich, uns zu verfolgen ...
Ich wollte schreien, aber die furchtgepresste Kehle versagte mir den Dienst.
~
Wieder bog der Wagen um eine Straenecke.
Hier sind wir, das ist Horonewos, hrte ich den Doktor sagen, und er befahl dem Kutscher, zu halten.
Was beginnen wir mit der Frau, klagte Frau Simon  die wird uns eher ein Hindernis sein  statt einer Hilfe.
Ich raffte mich auf:
Nein, nein, sagte ich  es ist mir jetzt besser ... Ich will Ihnen helfen, so gut ich kann.
Wir befanden uns inmitten des Ortes, vor dem Tore eines Schlosses. Hier wollen mir zuerst sehen, was sich tun lsst, sagte der Doktor. Das Schloss, von seinen Besitzern verlassen, soll vom Keller bis zum Dache mit Verwundeten angefllt sein.
Wir stiegen ab. Ich konnte mich kaum auf den Fen halten, strengte aber meine uerste Kraft an, um dies nicht merken zu lassen.
Vorwrts! sagte Frau Simon. Haben wir alle unsere Gepcksachen? Was ich mitfhre, wird den Leuten Labung bringen.
Auch in meinem Kfferchen befinden sich Strkungsmittel und Verbandszeug, sagte ich.
Und meine Handtasche enthlt Instrumente und Arzneien, fgte Bresser hinzu, dann gab er den uns begleitenden Soldaten die ntigen Befehle: Zwei sollten bei den Pferden bleiben, die brigen mit uns kommen.
Wir traten unter das Schlosstor. Dumpfe Klagelaute von verschiedenen Seiten ... Alles finster  
Licht! Da macht doch vor allem Licht! schrie Frau Simon.
O weh, alles mgliche hatten wir mitgebracht: Schokolade und Fleischextrakt, Zigarren und Leinwandstreifen  aber an eine Kerze hatte niemand gedacht. Keine Mglichkeit, das Dunkel, das uns und die Unglcklichen umgab, aufzuhellen! Nur eine Schachtel Zndhlzer, welche der Doktor in der Tasche trug, half uns fr einige Sekunden die schrecklichen Bilder zu sehen, welche diese Sttte des Elends fllten. Der Fu glitt auf dem von Blut schlpfrigen Boden aus, wenn man sich weiter bewegen wollte. Was nun? Zu den hundert Verzweifelten, welche hier sthnten und seufzten, waren nur noch ein paar Verzweifelnde und Seufzende mehr hinzugekommen: Was nun, was nun?
Ich will das Haus des Pfarrers aufsuchen, sagte Frau Simon, oder sonst im Dorfe Beistand holen. Kommen Sie, Doktor, geleiten Sie mich mit Ihren Streichhlzern zum Ausgang zurck; und Sie, Frau Martha, bleiben indessen hier 
Hier, allein  im Finstern, inmitten dieser wimmernden Leute, in dem erstickenden Geruch? Das war eine Lage! Mir schauderte bis in das Knochenmark. Aber ich widersprach nicht.
Ja, sagte ich  ich bleibe an dieser Stelle und warte, bis Sie mit Licht zurckkommen.
Nein, rief Bresser, indem er meinen Arm in den seinen schob, kommen Sie mit  Sie drfen in diesem Fegefeuer nicht zurckbleiben  unter den vielleicht fiebertollen Menschen.
Ich war dem Freunde fr dieses Vorgehen dankbar und klammerte mich fest an seinen Arm  das Zurckbleiben in diesen Rumen htte mich vielleicht wahnsinnig gemacht vor Angst ... Ach, ich war doch ein feiges, hilfloses Geschpf, dem Unglck und dem Schrecken nicht gewachsen, in welche ich mich da begeben hatte ... Warum war ich nicht zu Hause geblieben? Dennoch, wenn ich Friedrich wiederfnde? Wer wei, ob er nicht in diesen dunklen Rumen lag, die wir eben verlieen? Ich rief  whrend des Hinausgehens  fter seinen Namen, aber das gehoffte und gefrchtete Hier bin ich, Martha! ward mir nicht zurckgerufen.
Wir traten wieder ins Freie. Der Wagen stand noch auf derselben Stelle. Doktor Bresser entschied, dass ich wieder aufsteigen sollte. Frau Simon und ich gehen indessen im Dorfe Hilfe suchen, sagte er, und Sie bleiben hier.
Ich fgte mich gern, denn meine Fe konnten mich kaum tragen. Der Doktor half mir aufsteigen und richtete mir mit dem umliegenden Stroh einen Sitz zurecht. Zwei Soldaten blieben bei dem Wagen zurck. Die brigen wurden von Frau Simon und dem Doktor mitgenommen.
Nach einer halben Stunde ungefhr kam die ganze Expedition zurck. Erfolglos. Der Pfarrhof zerstrt, wie alles andere, und leer; smtliche Huser Ruinen; nirgends ein Licht aufzutreiben gewesen:  es blieb jetzt nichts anderes brig, als den Anbruch des Tages abzuwarten. Wieviele von den Unglcklichen, denen unser Kommen schon Hoffnung erweckt hatte und welche unsere Hilfe jetzt noch htte retten knnen, wrden in dieser Nacht wohl sterben?
War das eine lange, bange Nacht! Obwohl tatschlich nur noch drei bis vier Stunden bis zu Sonnenaufgang vergingen, wie endlos mussten uns diese Stunden scheinen, deren Verlauf  statt durch die Pendelschlge einer Uhr  durch die ohnmchtigen Hilferufe leidender Menschen markiert war.
Endlich dmmerte der Morgen. Jetzt konnte gehandelt werden. Frau Simon und Doktor Bresser machten sich neuerdings auf den Weg, um vielleicht doch noch einige der versteckten Dorfbewohner aufzustbern. Es gelang. Aus den Trmmern krochen hier und da ein paar Bauern hervor  zuerst strrisch und misstrauisch; als jedoch Doktor Bresser sie in ihrer Muttersprache anredete und Frau Simon mit ihrer sanften Stimme ihnen zusetzte, lieen sie sich herbei, ihre Dienste zu leihen. Es hie vor allem, noch smtliche anderen versteckten Einwohner auftreiben, damit sie bei der Arbeit behilflich seien: die umherliegenden Toten begraben, die Brunnen instand setzen, um fr die Lebenden Wasser zu schpfen; die auf den Wegen zerstreuten Feldkessel zusammensuchen, um Geschirre zu schaffen; die Tornister der Gestorbenen und Gefallenen ausleeren und die darin befindliche Wsche fr die Verwundeten verwenden. Jetzt kam auch ein preuischer Stabsarzt mit Leuten und Hilfsmitteln an  und so konnte endlich mit einigem Erfolg daran gegangen werden, den Unglcklichen Hilfe zu bringen. Nun war auch fr mich der Augenblick gekommen, da ich vielleicht denjenigen finden wrde, auf dessen vermeintlichen Ruf ich die unselige Fahrt unternommen; dieser Gedanke peitschte meine gebrochenen Krfte wieder einigermaen auf.
Frau Simon begab sich in Begleitung des preuischen Stabsarztes vorerst in das Schloss, wo die meisten Verwundeten lagen. Doktor Bresser wollte die brigen Rume des Dorfes durchsuchen. Ich zog es vor, mich dem Freunde anzuschlieen und ging mit diesem. Dass Friedrich in dem Schlosse _nicht_ lag, hatte der Doktor bereits auf einem frheren Rundgang konstatiert.
Wir hatten kaum hundert Schritte gemacht, als laute Klagerufe an unser Ohr schlugen. Dieselben drangen aus dem offenen Tor der kleinen Dorfkirche. Wir traten ein. ber hundert Menschen lagen auf dem harten Steinboden  schwerverwundet, verstmmelt. Fiebernden und irrenden Blickes schrien und jammerten sie nach Wasser. Schon an der Schwelle war mir zum Umsinken  ich schritt aber dennoch die Reihen durch: Ich suchte ja Friedrich ... Er war nicht da.
Bresser mit seinen Leuten machten sich bei den Armen zu schaffen; ich sttzte mich an einen Seitenaltar und blickte mit unnennbarem Schaudern auf das Jammerbild.
Und _das_ war der Tempel des Gottes der ewigen Liebe  das waren die wunderttigen Heiligen, welche da in den Nischen und an den Wnden fromm die Hnde falteten und ihre Kpfe unter den goldstrahlenden Glorienschein emporhoben? ...
O Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes ... einen Tropfen Wasser ... erbarme dich! hrte ich einen armen Soldaten flehen. Das hatte er zu dem buntbemalten, tauben Bilde wohl schon tagelang vergebens gebetet.  O, ihr armen Menschen, ehe _ihr_ nicht dem Gebot der Liebe gehorcht, das ein Gott in eure Herzen gelegt hat, werdet ihr immer vergebens die Liebe Gottes anrufen  so lange unter _euch_ die Grausamkeit nicht berwunden ist, habt ihr von himmlischem Mitleid nichts zu hoffen ...
~
Was ich an diesem selben Tage noch alles sehen und erfahren musste!
Nicht wieder erzhlen, das wre freilich das einfachste und verlockendste. Man schliet die Augen und wendet den Kopf ab, wenn gar zu Grauenhaftes sich ereignet  auch das Gedchtnis hat die Fhigkeit zu solchem Augenschlieen. Wenn doch nichts mehr zu helfen ist  was lsst sich an der starren Vergangenheit ndern?  wozu sich und die anderen mit dem Whlen in Entsetzlichen qulen?
Wozu? Das werde ich spter sagen. Soviel nur jetzt: ich _muss_.
Mehr noch. Nicht nur mein eigenes Gedchtnis will ich anstrengen  meine Auffassungskraft reichte an die Wucht der Geschehnisse gar nicht heran ; ich werde noch hinzufgen, was andere Zeugen jener Szenen  was Frau Simon, Doktor Brauer und der schsische Feldhospital-Kommandant, Doktor Neundorff (man vergleiche des letztgenannten erschtterndes Buch Unter dem Roten Kreuz), berichtet haben.
Wie in Horonewos, so hatte die Hlle noch in vielen anderen der umliegenden Ortschaften ihre Filialen. So war es in Speti, in Hradek, in Problus. So in Pardubitz, wo, als es die ersten Preuen besetzten, ... ber _tausend_ Schwerverwundete, Operierte und Amputierte umherlagen, teils sterbend, teils schon gestorben, Leichen zwischen Verscheidenden und solchen, welche ihr Ende ersehnten. Viele nur in blutigen Hemden, dass man nicht einmal wissen konnte, welches Landes Kinder sie waren. Alle die, welche noch Spuren des Lebens in sich trugen, schreiend nach Wasser und Brot, sich krmmend unter den Schmerzen ihrer Wunden und um den Tod gleichwie um eine Wohltat flehend.
Ronitz, so schreibt Doktor Brauer in seinen Briefen, Ronitz, dieser Ort, dessen Bild bis in meine Sterbestunde vor meinem Gedchtnisse stehen wird, Ronitz, wohin ich am 6. Tage nach der mrderischen Schlacht von den Johannitern geschickt wurde und wo das grte Elend, welches sich menschliche Einbildungskraft vorzustellen vermag, noch an diesem Tage herrschte. Ich fand daselbst unseren R. mit 650 Verwundeten, welche in elenden Scheunen und Stllen, ohne Verpflegung, mitten unter Toten und Halbtoten, teilweise seit Tagen in ihrem eigenen Kote liegend. Hier war es, wo ich nach Errichtung des Grabhgels des gefallenen Oberstleutnant v. F. so von Schmerz berwltigt wurde, _dass ich eine Stunde lang die heiesten Trnen vergoss_ und mich trotz des Aufwandes meiner ganzen moralischen Kraft kaum zu fassen vermochte. Obgleich ich als Arzt gewohnt bin, menschliches Elend in allerlei Gestalt zu erblicken und in der Ausbung meines Berufes es lernte, den Jammer der gequlten menschlichen Natur zu ertragen, so entquollen doch in der Tat hier meinen Augen unaufhaltsame Trnen. Hier in Ronitz war es, wo ich am zweiten Tage, als ich erkannte, dass unsere Krfte solchem Elend nicht gewachsen seien, den Mut verlor und zu verbinden aufhrte.   
... In welchem Zustand waren diese 600 Mnner (diesmal spricht Doktor Naundorff). Es ist unmglich, dies mit Wahrheit zu schildern. An den noch immer offenen Wunden saugten Mcken, mit denen sie bedeckt waren; im Fieber funkelnde Blicke irrten forschend umher und suchten nach irgendeiner Hilfe  nach Labung, nach Wasser, nach Brot! Mantel, Hemd, Fleisch und Blut bildeten bei den meisten eine widerliche Mischung. _Wrmer begannen sich darin zu erzeugen und einzufressen._ Ein abscheulicher Geruch erfllte jeglichen Raum. Alle diese Soldaten lagen auf der nackten Erde, nur wenige fanden etwas Stroh, auf welches sie ihre elenden, verstmmelten Krper betten konnten. Einige, welche nur lehmigen, durchweichten Boden unter sich hatten, sind in dem Schlamme desselben halb versunken; sie vermgen nicht, sich aus ihm emporzuarbeiten; andere liegen in einer Pftze greulichen Schmutzes, den zu beschreiben jede Feder sich struben muss.
... In Masloved  so erzhlte Frau Simon  ein Ort von ungefhr fnfzig Nummern, lagen  acht Tage nach der Schlacht  700 Verwundete. Nicht sowohl ihr Jammergeschrei als ihre trostlose Verlassenheit drang zum Himmel empor. In einer einzigen Scheune waren allein 60 dieser Unglcklichen aufgeschichtet. Eine jede ihrer Wunden war an sich schon schwer durch den hilflosen Zustand, den Mangel an Pflege und Nahrung waren dieselben hoffnungslos geworden; fast alle waren brandig. Zerschossene Glieder bildeten nur noch faulende Fleischstcke, Gesichter nur noch eine mit Schmutz bedeckte, zerronnene Blutmasse, in welcher eine unfrmliche schwarze ffnung den Mund vorstellte, welchem grliche Tne entquollen. Die fortschreitende Verwesung trennte ganz abgestorbene Teile von diesen elenden Krpern. Lebendige liegen neben Toten gebettet, die in Fulnis berzugehen beginnen und fr welche die Wrmer sich rsten.
Diese sechzig Menschen, sowie der grte Teil der brigen, lagen seit einer Woche auf derselben Stelle. Ihre Wunden waren entweder gar nicht, oder nur in unzureichender Weise verbunden worden; seit dem Tage der Schlacht lagen sie unfhig sich von der Stelle zu bewegen, nur mangelhaft genhrt, ohne hinreichendes Wasser. Unter sich ein durch Blut und Unrat verfaulendes Lager, so verbrachten sie acht Tage! Lebendige Leichname, durch deren zuckende Glieder eine vergiftete Blutwelle nur noch trge ihren Umlauf vollendet. Sie hatten noch nicht sterben knnen, und doch  wie durften sie je erwarten, je wieder lebendig zu werden? Was ist dabei des Staunens werter  beschloss Frau Simon diesen Bericht  die unendliche Lebenskraft der menschlichen Natur, welche da erduldet, und noch zu atmen vermag, oder der Mangel an ausreichender Hilfe?
Das staunenswerteste ist  will mich bednken  dass Menschen einander in solche Lage _bringen_,  dass Menschen, die so etwas gesehen, nicht kniend hinsinken und den leidenschaftlichen Eid schwren, gegen den Krieg zu kriegen: dass sie nicht  wenn sie Frsten sind  das Schwert von sich schleudern oder  wenn sie keine Macht besitzen  nicht fortan ihr ganzes Wirken, in Wort und Schrift, in Denken, Lehren und Handeln dem einen Ziele widmen: Die Waffen nieder!
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Frau Simon  sie nannten sie die Lazarett-Mutter  war eine Heldin. Wochenlang hatte sie in jenen Gegenden geweilt und alle Drangsale und Gefahren ertragen. Hunderte sind durch sie gerettet worden. Tag und Nacht arbeitete, schaffte, befehligte sie. Bald verrichtete sie die demtigsten Dienste an den Krankenlagern, bald kommandierte sie Transporte oder requirierte Lebensmittel. Wenn sie an einem Orte Hilfe geschafft, so eilte sie ohne Rast an einen anderen; sie lie aus Dresden eine reiche Sendung kommen und fhrte dieselbe, trotz allen entgegenstehenden Schwierigkeiten, nach den Punkten, welche der Hilfe bedurften; sie bernahm die Vertretung der patriotischen Vereine auf bhmischem Boden und errang sich da eine Stellung gleich derjenigen, welche Florence Nightingale in der Krim eingenommen.
Und ich? Gebrochen, trostlos, von Schmerz und Ekel berwltigt  nichts habe ich zu helfen vermocht. Schon in der Kirche  unsere erste Etappe  fiel ich auf den Stufen jenes Mariennaltars erschpft zusammen, und Doktor Bresser hatte alle Mhe, mich wieder aufzurichten. Von dort schleppte ich mich an seiner Seite eine Strecke weiter, und wir kamen in eine solche Scheune, welche ein Bild bot, wie es Frau Simon beschrieben. In der Kirche wenigstens war ein weiter Raum, wo die Unglcklichen nebeneinander lagen, hier aber waren sie auf- und ineinander geschichtet  haufen- und knuelweise; in die Kirche waren doch Pflegende  vielleicht ein durchmarschierendes Sanittskorps  gekommen, welche zwar mangelhafte, aber doch einige Hilfe geboten hatten; hier aber waren lauter ganz ungefunden Gebliebene  eine krabbelnde, wimmernde Masse halbverfaulter Menschenreste ... Erstickender Ekel packte mich an der Kehle, bitterster Jammer am Herzen  mir war, als fhlte ich letzteres entzwei brechen  und ich stie einen gellenden Schrei aus. Dieser Schrei ist das letzte, was mir von jener Szene in Erinnerung geblieben.
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Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem fahrenden Eisenbahnwagen. Mir gegenber sa Doktor Bresser. Als er gewahrte, dass ich die Augen geffnet und erstaunt und forschend um mich schaute, ergriff er meine Hand.
Ja, ja, Frau Martha, sagte er, dies ist ein Coup zweiter Klasse  Sie trumen nicht. Sie sind hier in Gesellschaft einiger leichtverwundeter Offiziere und Ihres Freundes Bresser, und wir fahren nach Wien.
So war es. Der Doktor hatte einen Transport Verwundeter von Horonewos nach Knigshof gebracht, und von dort war ihm ein anderer Transport zur Befrderung nach Wien anvertraut worden. Mich Ohnmchtige  in der doppelten Bedeutung des Wortes ohnmchtig  hatte er mitgenommen und brachte mich nach Hause. Ich hatte mich auf jenen Sttten des Elends als vllig unntz und unfhig erwiesen, als ein Hindernis und eine Brde; Frau Simon war sehr froh, als Doktor Bresser mich fortschaffte. Und ich musste zugeben, dass es so am besten war. Aber Friedrich?  Ich hatte ihn nicht gefunden. Gott sei Dank  dass ich ihn nicht gefunden: so war noch nicht alle Hoffnung tot: und htte ich gar den geliebten Mann unter jenen Jammergestalten erkennen mssen  ich wre wahnsinnig geworden! Vielleicht wrde ich zu Hause einen Brief meines Friedrich vorfinden ... Diese Hoffnung  nein, Hoffnung ist zu viel gesagt: der Gedanke an diese bloe _Mglichkeit_  goss mir einen Balsam in die wunde Seele. Ja wund  wund fhlte ich mein Inneres ... Das Riesenweh, welches ich gesehen, hatte mir so tief ins eigene Herz geschnitten, dass mir war, als sollte es nie mehr ganz geheilt werden knnen.  Auch wenn ich meinen Friedrich wiederfnde, auch wenn mir eine lange Zukunft von Glanz und Liebe beschert wrde, knnte ich denn jemals vergessen, dass so viele andere meiner armen Menschenbrder und Schwestern so unsgliches Unglck tragen mssen? So lange tragen mssen, als sie nicht zur Einsicht kommen, dass dieses Unglck nicht Verhngnis, sondern Verbrechen ist.  
Ich schlief beinahe whrend der ganzen Fahrt. Doktor Bresser hatte mir ein leichtes Narkotikum eingegeben, damit ein langer und fester Schlaf meine durch die Erlebnisse von Horonewos so erschtterten Nerven wieder einigermaen beruhige.
Als wir auf dem Wiener Bahnhof ankamen, stand schon mein Vater da, mich abzuholen. Doktor Bresser, der an alles dachte, hatte nach Grumitz telegraphiert. Ihm selbst wre es nicht mglich gewesen, mich dahin zu begleiten, da er seine Verwundeten in das Hospital zu bringen hatte und dann unverzglich wieder nach Bhmen zurckkehren wollte.
Mein Vater umarmte mich schweigend und auch ich fand kein Wort zu sagen. Dann wandte er sich an Doktor Bresser.
Wie soll ich Ihnen danken? Htten _Sie_ nicht diese kleine Verrckte in Schutz genommen  
Aber der Doktor drckte uns eilig die Hnde.
Ich muss weg, sagte er, ich habe Dienst. Kommen Sie glcklich nach Hause. Die junge Frau braucht Schonung, Exzellenz ... ist stark erschttert worden ... keine Vorwrfe, kein Ausfragen ... schnell ins Bett: ... Orangenbltenwasser ... Ruhe, Adieu! Und fort war er.
Mein Vater legte meinen Arm in den seinen und fhrte mich durch das Gedrnge dem Ausgang zu. Da stand wieder eine lange Reihe von Ambulanzwagen. Wir mussten eine Strecke zu Fu gehen, um zu der Stelle zu gelangen, wo unser Wagen wartete.
Die Frage: Ist mittlerweile Nachricht von Friedrich gekommen? stieg mir wiederholt zu den Lippen empor, ich fand aber nicht den Mut, sie auszusprechen. Endlich  wir waren schon ein Stck gefahren und mein Vater, war noch immer stumm  brachte ich dieselbe hervor:
Bis gestern abend nicht, lautete die Antwort. Mglich, dass wir heute Nachricht finden. Ich bin nmlich schon gestern, gleich nach Empfang des Telegramms, zur Stadt gefahren. Ach, _hast_ du uns Angst gemacht, du nrrisches Ding! Auf die Schlachtfelder fahren, dem grimmigen Feind entgegen  diese Leute sind ja wie die Wilden ... Durch ihre Spitzkugelsiege sind sie ja ganz berauscht ... und berhaupt: disziplinierte Soldaten sind sie ja nicht, diese Landwehrleute  von solchen kann man sich auf die rgsten Untaten gefasst machen, und du  eine Frau  lufst da mitten hinein; du  nun der Doktor hat mir verordnet, dir keine Vorwrfe zu machen 
Wie geht es meinem Sohne Rudolf?
Der schreit und heult nach dir, sucht dich im ganzen Haus, will nicht glauben, dass du weggereist seiest, ohne ihm einen Abschiedkuss zu geben. Und nach den anderen fragst du nicht? nach Lilli, Rosa, Otto, Tante Marie? Du kommst mir berhaupt so teilnahmslos vor 
Wie geht es allen? Hat Konrad geschrieben?
Gut geht es allen. Von Konrad kam gestern ein Brief  es ist ihm nichts geschehen. Lilli ist selig. Du wirst sehen, von Tilling wird nchstens auch gute Nachricht eintreffen. Leider ist in politischer Hinsicht nichts Gutes zu erwarten. Du hast doch von dem groen Unglck gehrt?
Welches ... Ich habe in der Zeit gar nichts anderes gesehen als groes Unglck.
Ich meine Venetien  unser schnes Venetien fortgeschleudert  dem Intriganten Louis Napoleon auf dem Prsentierteller gereicht! Und das nach solchen glnzenden Siegen, wie wir bei Custozza errungen haben ... Statt unsere Lombardei zurckzunehmen, auch noch unser Venedig hingeben! Freilich, dadurch sind wir die Feinde im Sden los, haben auch den Louis Napoleon fr uns und knnen jetzt mit aller Wucht fr Sadowa Rache nehmen, den Preuen aus dem Lande hinauswerfen, ihn verfolgen und uns Schlesien holen. Benedek hat groe Fehler begangen, jetzt aber wird der Oberbefehl in die Hnde des glorreichen Feldherrn der Sdarmee gelegt ... Du antwortest nicht? Nun denn, so will ich dir, immer nach Bressers Verordnung, Ruhe lassen.
Nach zweistndiger Fahrt kamen wir in Grumitz an.
Als unser Wagen im Schlosshof einfuhr, strzten uns die Schwestern entgegen.
Martha, Martha  riefen beide schon von weitem: Er ist da!
Und nochmals  am Wagenschlag:
Er ist da, Martha!
Wer!
Friedrich, dein Mann.
~
Ja  so war es. Erst gestern, spt am Abend war Friedrich mit einem Verwundetentransporte von Bhmen nach Wien und von dort hierher gebracht worden. Er hatte eine Kugel in das Bein bekommen, eine Wunde, die ihn augenblicklich dienstunfhig und pflegebedrftig machte, die jedoch gnzlich ungefhrlich war.
Aber auch die Freude ist schwer zu ertragen. Die mir von meinen Schwestern so unvorbereitet zugeworfene Nachricht: Friedrich ist da wirkte ebenso, wie die Schrecknisse der vergangenen Tage: sie raubte mir die Besinnung.
Man musste mich aus dem Wagen in das Schloss tragen und zu Bett bringen. Hier verbrachte ich  war es die Nachwirkung des Narkotikums, war es die Heftigkeit des Freudenschlages?  mehrere Stunden in bald schlafender, bald delirierender Bewusstlosigkeit. Als ich zu mir kam und mich in meinem Bette sah, da glaubte ich, dass ich aus einem schweren Traum erwachte und dass ich von Grumitz gar nicht fortgekommen war. Der Brief Bressers, mein Entschluss nach Bhmen abzureisen, meine Erlebnisse dortselbst  die Rckfahrt, die angekndigte Heimkehr Friedrichs: Alles nur getrumt ...
Ich blickte auf. Am Fue des Bettes stand meine Kammerjungfer.
Ist mein Bad bereit? fragte ich, ich will aufstehen.
Jetzt strzte aus einer Ecke des Zimmers Tante Marie hervor:
Ach Martha, armer Schatz, bist du endlich wach und bei Sinnen  Gott sei Dank! Ja, ja, steh auf  und ja, ja, nimm dein Bad, das wird wohl tun ... wenn man so von Straen- und Eisenbahnstaub bedeckt ist, wie du 
Eisenbahnstaub  was meinst du denn?
Schnell, steh auf  Netti, richten Sie alles vor. Friedrich vergeht schon vor Ungeduld, dich zu sehen.
Friedrich, mein Friedrich!!!
Wie oft hatte ich in den letzten Tagen diesen Namen so schmerzlich ausgerufen  aber jetzt war es ein Jubelruf  denn nunmehr hatte ich verstanden; es war kein Traum; ich war fortgewesen und heimgekehrt und sollte den Gatten wiedersehen!
Eine Viertelstunde spter trat ich bei ihm ein. Allein.  Ich hatte mir ausgebeten, dass niemand mit mir komme. Bei unserem Wiederfinden sollte kein Dritter anwesend sein.
Friedrich!  Martha! Ich war auf das Ruhebett hingestrzt, auf dem er lag und schluchzte an seiner Brust.
~
Es war dies das zweitemal im Leben, dass mir der geliebte Gatte aus den Gefahren des Krieges zurckgegeben ward.
O die Seligkeit, ihn wieder zu haben! Wie kam ich, gerade ich dazu, mitten aus der Schmerzensflut, in der so viele untergegangen, an ein sicheres, glckliches Ufer gelangt zu sein? Wohl denen, die in solcher Lage freudig den Blick zum Himmel heben und dem Lenker oben warmen Dank emporsenden; durch diesen Dank, den sie, weil er demtig gesprochen wird, auch fr demtig halten, von dem sie gar nicht ahnen, wie anmaend und selbst berhebend er im Grunde ist, fhlen sie sich entlastet; damit haben sie fr den ihnen verliehenen Vorzug, den sie Huld und Gnade nennen, nach ihrer Meinung gengend quittiert. Ich war das nicht imstande. Wenn ich an die Elenden dachte, die ich an jenen Jammersttten gesehen, und an die beklagenswerten Mtter und Frauen dachte, deren Lieben von demselben Schicksal, das mich begnstigt hatte, in Qual und Tod gestrzt worden  da konnte ich unmglich so unbescheiden sein diese Begegnung als eine gttlich beabsichtigte anzunehmen, fr die ich berechtigt wre, zu danken. Mir fiel ein, wie neulich einmal Frau Walter, unsere Haushlterin, mit einem Besen ber einen Schrank fuhr, worauf eine Schar zuckerwitternder Ameisen wimmelte  so fegte das Schicksal ber die bhmischen Schlachtfelder weg;  die armen schwarzen Arbeiterinnen waren zumeist zerdrckt, gettet, verstreut, nur einige blieben unversehrt. Wre es wohl von diesen vernnftig und angemessen gewesen, wenn sie der Frau Walter dafr innigen Dank emporgesendet htten? ... Nein, ich konnte durch die Freude des Wiedersehens, so gro diese auch war, das Weh aus meinem Herzen nicht vollstndig bannen  ich konnte nicht und wollte nicht. Zu helfen war ich nicht imstande gewesen; verbinden, pflegen, warten  wie jene barmherzigen Schwestern, wie die tapfere Frau Simon es getan  dazu hatten meine Krfte nicht gereicht. Aber _die_ Barmherzigkeit, die aus Mitgefhl besteht, die habe ich den armen Mitgeschpfen doch angedeihen lassen und die durfte ich nicht, in egoistischem Vollvergngen, ihnen wieder entziehen  ich durfte nicht _vergessen_.
Aber wenn auch nicht frohlocken und danken  _lieben_, den Wiedergefundenen hundertfach zrtlich in mein Herz schlieen: das durfte ich wohl ...
O Friedrich, Friedrich! wiederholte ich unter Trnen und Liebkosungen, habe ich dich wieder!
Und du wolltest mich suchen und pflegen? Wie heldenhaft und wie tricht, Martha!
Tricht, ja  das sehe ich ein. Die rufende Stimme, die mich fortzog, war Einbildung, war Aberglaube, denn du riefst mich nicht. Aber heldenhaft? Nein. Wenn du wsstest, wie feig ich mich dem Elend gegenber erwies! Ich habe Entsetzliches gesehen, Friedrich, was ich nie vergessen werde. O unsere schne Welt, wie kann man sie nur so verderben, Friedrich? Eine Welt, in der zwei Wesen einander so lieben knnen, wie ich und du  in der solches Feuerglck lodern kann, wie unser Einssein  wie mag die nur so tricht sein, die Flammen des tod- und jammerbringenden Hasses zu schren?
Ich habe auch etwas Entsetzliches gesehen, Martha  etwas, das ich nie vergessen kann. Denke dir  auf mich losstrzend, mit gehobener Klinge  es war whrend eines Kavalleriegefechts bei Sadowa  auf mich losstrzend  Gottfried von Tessow.
Tante Korneliens Sohn?
Derselbe. Er hat mich zur rechten Zeit erkannt und senkte die bereits hiebbereite Waffe 
Da hat er eigentlich gegen seine Pflicht gehandelt, wie? Einen Feind seines Knigs und Vaterlandes verschont  unter dem nichtigen Vorwand, dass derselbe ein lieber Freund und Vetter sei ...
Das arme Brschchen! Kaum hatte er den Arm sinken lassen, so sauste ein Sbel ber seinen Kopf ... Es war mein Nebenmann, ein junger Offizier der seinen Oberstleutnant schtzen wollte und 
Friedrich hielt inne und bedeckte sein Gesicht mit beiden Hnden.
Gettet? fragte ich schaudernd.
Er nickte.
Mama, Mama! kam es vom Nebenzimmer her und die Tr wurde aufgerissen. Es war meine Schwester Lilli, den kleinen Rudolf an der Hand,
Verzeih, dass ich euer Wiedersehen-tte--tte stre, aber dieser da verlangt gar zu strmisch nach seiner Mama.
Ich eilte dem Kind entgegen und presste es leidenschaftlich an mein Herz.  Ach die arme, arme Tante Kornelie!
Noch am selben Tag kam der aus Wien telegrafisch gerufene Chirurg im Schlosse an und nahm Friedrichs Wunde in Behandlung. Sechs Wochen uerste Ruhe  und die Heilung wrde eine vollstndige sein.
Dass mein Mann den Dienst quittieren wrde, das stand nun bei uns beiden fest. Natrlich konnte dies erst nach Beendigung des Krieges ausgefhrt werden. brigens konnte man den Krieg fglich als beendet betrachten. Nach dem Verzicht auf Venedig war der Konflikt mit Italien beseitigt. Napoleons Freundschaft war gewonnen und man wrde imstande sein, mit dem nordischen Sieger einen glimpflichen Frieden abzuschlieen. Unser Kaiser selbst wnschte sehnlichst, dem unglcklichen Feldzug ein Ende zu machen und wollte nicht noch seine Hauptstadt einer Belagerung aussetzen. Die preuischen Siege im brigen Deutschland, so der am 16. Juli stattgefundene Einzug der Preuen in Frankfurt a.M., verliehen dem Gegner einen gewissen Nimbus, der  wie alle Erfolge  auch bei uns zu Lande Bewunderung erzwang und eine Art Glauben weckte, dass es eine geschichtliche Mission sei, welche da von den Preuen mittels gewonnener Schlachten ausgefhrt wurde. Das Wort Waffenstillstand  Frieden war nun einmal gefallen, und da konnte auf dessen Verwirklichung ebenso sicher gerechnet werden, wie man in Zeiten, wo die Drohung des Krieges einmal ausgesprochen, ber kurz oder lang auf den Ausbruch des Krieges rechnen muss. Selbst mein Vater gab jetzt zu, dass unter den obwaltenden Umstnden ein Aufheben der Feindseligkeiten angemessen wre; die Armee war geschwcht, die berlegenheit des Zndnadelgewehrs musste anerkannt werden und ein Vormarsch der feindlichen Truppen nach der Hauptstadt, die Beschieung Wiens und nebstbei auch die Zerstrung von Grumitz: das waren Eventualitten, welche auch meinem kampflustigen Herrn Papa nicht sonderlich zulchelten. Sein Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der sterreichischen Truppen war durch die Tatsachen denn doch stark erschttert worden; und es ist berhaupt eine Neigung des menschlichen Geistes, von den laufenden Ereignissen anzunehmen, dass sie serienweise auftreten: dass auf Erfolg wieder Erfolg, auf Unglck wieder Unglck folgen msse. Besser also, in der Unglcksserie innehalten  die Zeit der Genugtuung und der Rache wrde schon kommen ...
Rache und immer wieder Rache? Jeder Krieg muss einen Besiegten aufweisen und wenn dieser nur in einem nchsten Krieg Genugtuung finden kann, einem nchsten, der natrlich wieder einen genugtuungheischenden Besiegten schaffen wird  wann nimmt das ein Ende? Wie kann Gerechtigkeit erlangt, wann altes bel geshnt werden, wenn als Shnemittel immer wieder neues Unrecht angewendet wird? Keinem vernnftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, lflecken mit l wegputzen zu wollen  nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden!
Die in Grumitz obwaltende Stimmung war allgemein eine dstere. In der Ortschaft herrschte Panik: Die Preuen kommen, die Preuen kommen war auch hier  trotz der von mancher Seite gehegten Friedenshoffnungen  immer noch die ausgegebene Angstparole, und die Leute verpackten und vergruben ihre Kostbarkeiten; auch bei uns im Schlosse hatten Tante Marie und Frau Walter dafr gesorgt, dass das Familiensilber in ein geheimes Versteck gebracht werde. Lilli war in steter Sorge um Konrad, von welchem jetzt seit einigen Tagen die Nachrichten ausgeblieben waren; mein Vater fhlte sich in seiner patriotischen Ehre gekrnkt und wir beide, Friedrich und ich, trotz des still in unseren Herzen ruhenden Glckes ber unsere Wiedervereinigung, waren von dem miterlebten, so heftig mitempfundenen Unglck der Zeit aufs schmerzlichste erschttert. Und von allen Seiten floss diesem Schmerze immer wieder neue Nahrung zu. In smtlichen Zeitungsberichten, in allen Briefen aus Verwandten- und Bekanntenkreisen nichts als Klage und Trauer. Da war ein Brief von Tante Kornelie, welche ihr Unglck noch nicht kannte, worin sie in so rhrenden Worten von der Furcht sprach, ihr einziges Kind etwa verlieren zu mssen  ein Brief, ber den wir Zwei bittere Trnen vergossen. Und wenn wir abends im Kreise beisammen saen, da gab es nicht heiteres, scherzgewrztes Geplauder, Musik, Kartenspiel und anregende Lektre, sondern immer nur  gesprochen oder gelesen  Geschichten von Jammer und Tod. Wir lasen nichts anderes als Zeitungen und diese waren mit Krieg und nichts als Krieg gefllt und was wir sprachen, bezog sich meist auf die Erfahrungen, welche Friedrich und ich von den bhmischen Schlachtfeldern zurckgebracht hatten. Meine Abreise dahin wurde mir zwar von allen sehr bel genommen, dennoch lauschten sie gespannt, wenn ich von den dortigen, teils selbsterlebten, teils mitgeteilten Ereignissen erzhlte. Rosa schwrmte fr Frau Simon und schwor, falls der Krieg andauern sollte, sich der schsischen Samariterin anzuschlieen. Dagegen protestierte natrlich unser Vater: Mit Ausnahme der barmherzigen Schwestern und der Marketenderinnen hat kein Frauenzimmer im Krieg was zu suchen ... ihr seht ja, wie untauglich unsere Martha sich erwiesen hat. Das war ein unverzeihlicher Streich von dir, du tolles Kind  dein Mann sollte dich nachtrglich dafr zchtigen. Friedrich streichelte meine Hand: Ja, eine Torheit wars  aber eine schne.  Wenn ich von den Schrecknissen, die ich selber gesehen, oder die mir meine Reisegefhrten mitgeteilt, in gar zu unverhllter Weise sprach, wurde ich oft von Tante Marie oder von meinem Vater rgend unterbrochen: Wie kann man so abscheuliche Dinge wiederholen? Oder: Schmst du dich nicht, als Frau, als zarte Dame, so hssliche Worte in den Mund zu nehmen? Als ich gar eines Abends von den Verstmmelten sprach und das Los derer beklagte, die im Namen des Mannesmuts, der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben, von dort zurckkehren mssen, ihrer Mannheit auf ewig beraubt  
Martha! _Vor den Mdchen!!!_ sthnte Tante Marie; im Tone der hchsten sittlichen Entrstung.
Da riss mir die Geduld: O ber eure Prderie  und o ber eure zimperliche Wohlanstndigkeit! _Geschehen_ drfen alle Greuel, aber nennen darf man sie nicht. Von Blut und Unrat sollen die zarten Frauen nichts erfahren und nichts erwhnen, wohl aber die Fahnenbnder sticken, welche das Blutbad berflattern werden; _davon_ drfen Mdchen nichts wissen, dass ihre Verlobten unfhig gemacht werden knnen, den Lohn ihrer Liebe zu empfangen, aber diesen Lohn sollen sie zur Kampfesanfeuerung versprechen. Tod und Ttung hat nichts Unsittliches fr euch, ihr wohlerzogenen Dmchen  aber bei der bloen Erwhnung der Dinge, welche die Quellen des fortgepflanzten _Lebens_ sind, msst ihr errtend wegschauen. Das ist eine grausame Moral, wisst ihr das? Grausam und feig! Dieses Wegschauen  mit dem leiblichen und mit dem geistigen Auge  das ist an dem Beharren so vielen Elends und Unrechts schuld! Wer nur erst den Mut htte, hinzuschauen, wo Mitgeschpfe in Leid und Elend schmachten und den Mut htte, ber das Geschaute nachzudenken 
Ereifere dich nicht, unterbrach Tante Marie, wir knnen doch nicht, so viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten, das bel von der Erde wegschaffen  dieselbe ist nun einmal ein Jammertal und wird es immer bleiben.
Das wird sie nicht, entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort.
~
Die Gefahr, dass Frieden geschlossen wird, rckt immer nher klagte eines Tages mein Bruder Otto.
Wir saen eben wieder um den Familientisch  Friedrich auf seinem Ruhebett daneben  und es hatte jemand aus der Zeitung die Nachricht vorgelesen, dass Benedetti in Bhmen angekommen sei  offenbar mit der Sendung betraut, Friedensvorschlge zu unterbreiten.
Nichts frchtete mein kleiner  er war zwar schon gro, doch hatte ich die Gewohnheit, ihn so zu nennen  mein kleiner Bruder so sehr, als dass der Krieg ein frhzeitiges Ende nehme und dass es ihm nicht beschieden wre, den Feind aus dem Land zu jagen. Es war nmlich aus Wiener-Neustadt die Nachricht erfolgt, dass, falls die Feindseligkeiten wieder aufgenommen wrden, dann bei der nchsten, am 18. August folgenden Ausmusterung nicht nur die Zglinge des letzten, sondern auch mehrere des vorletzten Jahrganges sogleich in aktiven Dienst treten drften. Diese Aussicht versetzte den jungen Helden in Entzcken. Gleich aus der Akademie in den Krieg  welche Wonne! hnlich freut sich eine Pensionsschlerin hinaus in die Welt  auf den ersten Ball. Sie hat tanzen gelernt  der Neustdter Schler lernte schieen und fechten ; sie sehnt sich, unter einem angezndeten Kronleuchter, in festlicher Toilette, bei Orchesterklang, ihre Kunst zu entfalten, und er sehnt sich nicht minder nach der schmucken Uniform und nach dem groen Kanonenkotillon.
Der Vater war ber dieses soldatische Feuer seines Lieblings natrlich hoch erfreut:
Sei ruhig, mein tapferer Junge, erwiderte er auf Ottos Seufzer ber den drohenden Frieden, und klopfte ihm beifllig auf die Schulter, du hast ein langes Leben vor dir. Wenn auch jetzt der Feldzug zu Ende wre, in den nchsten Jahren muss es doch wieder losgehen.
Ich sagte nichts. Seit meinem letzten Ausfall gegen Tante Marie hatte ich, auf Friedrichs Weisung, den Vorsatz gefasst und ausgefhrt, die leidigen Streitereien ber das Thema Krieg mglichst zu vermeiden. Es konnte ja zu nichts fhren, als zu Bitterkeiten; und seitdem ich die Spuren der grausigen Geiel mit eigenen Augen gesehen, hatte sich mein Hass und meine Verachtung des Krieges so vertieft, dass mir jede Verteidigung desselben wie eine persnliche Beleidigung in die Seele schnitt. Mit Friedrich waren wir einig: er wrde austreten; und darber war ich auch im klaren: mein Sohn Rudolf wrde in keine militrische Anstalt getan, wo die ganze Erziehung darauf eingerichtet ist  und folgerichtig eingerichtet sein _muss_  in den Jnglingen die Sehnsucht nach kriegerischen Taten zu wecken. Ich forschte meinen Bruder einmal aus, was denn so die Ansichten seien, welche den Schlern in bezug auf den Krieg beigebracht werden. Aus seinen Antworten ging ungefhr folgendes hervor: Der Krieg wird als ein notwendiges bel hingestellt (also doch _bel_  ein Zugestndnis dem Geiste der Zeit), zugleich aber als der vorzglichste Erwecker der schnsten menschlichen Tugenden, die da sind: Mut, Entsagungskraft und Opferwilligkeit, als der Spender des grten Ruhmesglanzes und schlielich als der wichtigste Faktor der Kulturentwicklung. Die gewaltigen Eroberer und Grnder der sogenannten Weltreiche  die Alexander, Csar, Napoleon  werden als die erhabensten Beispiele menschlicher Gre angefhrt und der Bewunderung empfohlen; die Erfolge und Vorteile des Krieges werden auf das lebhafteste herausgestrichen, whrend man die in seinem Gefolge unabweisbar eintretenden Nachteile  Verrohung, Verarmung, moralische und physische Entartung  gnzlich mit Stillschweigen bergeht.  Nun ja; nach demselben System ward ja auch in meinem  im Mdchenunterricht vorgegangen; dadurch war in meinem kindlichen Gemt die Bewunderung fr die Kriegslorbeeren entstanden, die mich einst beseelte. War ich doch selber von Bedauern erfllt gewesen, dass mir nicht, wie den Knaben, die Mglichkeit winkt, solche Lorbeeren zu pflcken  konnte ich es nun einem Knaben verargen, dass ihn diese Mglichkeit mit Freude und mit Ungeduld erfllte?
Und so antwortete ich denn nichts auf Ottos Klageruf, sondern setzte ruhig meine Lektre fort. Ich las, wie gewhnlich, eine Zeitung und diese war  auch wie gewhnlich  mit Berichten vom Kriegsschauplatz gefllt.
Da ist eine interessante Korrespondenz eines Arztes, der den Rckzug unserer Truppen mitgemacht hat ... soll ich laut lesen? fragte ich.
Den Rckzug? rief Otto. Das mchte ich lieber nicht hren. Ja, wenn es die Geschichte vom Rckzug des verfolgten Feindes wre 
Es nimmt mich berhaupt Wunder, bemerkte Friedrich, dass jemand etwas von einer mitgemachten Flucht erzhlt; das ist eine Kriegsepisode, ber welche die Beteiligten zu schweigen pflegen.
Ein geordneter Rckzug ist noch keine Flucht, fiel mein Vater ein. Da hatten wir einmal im Jahre 49  es war unter Radetzky 
Ich kannte die Geschichte und hinderte deren Abrollung, indem ich unterbrach:
Dieser Bericht war an eine medizinische Wochenschrift eingesendet, daher nicht fr militrische Kreise bestimmt. Hrt zu.
Und ohne weiter um Erlaubnis zu fragen, las ich die Stelle vor:

      Um vier Uhr fingen unsere Truppen zu retirieren an. Wir rzte waren noch vollauf beschftigt mit dem Verbinden der Verwundeten  deren Zahl einige Hundert  welche noch der Abfertigung harrten. Pltzlich sprengte Kavallerie auf uns heran und strmte neben und hinter uns ber Hgel und Felder  gleichzeitig Artillerie- und Fuhrwesenwagen  gegen Kniggrtz zu. Viele Kavalleristen strzten und wurden _von den nachstrmenden Pferden vllig zerstampft_. Wagen fielen um und zerdrckten die sich dazwischen drngenden Fugnger. Wir wurden vom Verbandplatze, der pltzlich verschwand, auseinandergeworfen. Man rief uns zu Rettet euch. Inmitten dieses Geschreies hrte man noch den Donner der Kanonen und Granatsplitter fielen in unsere Massen. So wurden wir von der Menge fortgedrckt, ohne zu wissen, wohin. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen. Meine alte Mutter ... meine heigeliebte Braut, lebt wohl! ...  Pltzlich hatten wir Wasser vor uns; rechts einen Eisenbahndamm, links einen Hohlweg, vollgestopft mit schwerflligen Requisitions- und Verwundetenwagen, und hinter uns noch eine unabsehbare Reihe von Reitern. Wir wateten durch das Wasser. Jetzt kam Befehl, die Strnge der Pferde abzuschneiden, die Pferde zu retten und die Wagen zurckzulassen. Auch die Wagen mit den Verwundeten? Ja  auch die. Wir Fugnger waren der Verzweiflung nahe; wir wateten wiederholt bis ber die Knie im Wasser, in der Angst, jeden Augenblick niedergestoen zu werden und zu ertrinken. Endlich gelangten wir in einen Bahnhof, der wieder ganz verrammelt war. Viele durchbrachen die Verrammlung, die anderen sprangen darber hinweg  ich lief mit Tausenden Infanteristen hinterher. Jetzt kamen mir zu einem Fluss  durchwateten ihn; dann sprangen wir ber Pallisaden, gingen abermals bis an den Hals ber einen zweiten Fluss, kletterten ber Anhhen hinauf, sprangen ber gefllte Bume und langten um 1 Uhr nachts in einem Wldchen an, wo wir vor Erschpfung und Fieber niedersanken. Um 3 Uhr marschierten wir   das heit ein Teil von uns, ein anderer Teil von uns musste zurckbleiben, da zu sterben  marschierten wir, noch triefend vor Nsse und Klte, weiter. Die Drfer alle leer  keine Menschen, keine Lebensmittel, nicht einmal Trinkwasser  die Luft verpestet. Tote auf den zerstampften Getreidefeldern, kohlschwarze Krper, die Augen aus den Hhlen 

Genug, genug! schrien die Mdchen.
Solche Sachen sollte die Zensur gar nicht erlauben, bemerke mein Vater. Es knnte einem die Freude an dem Soldatenleben verleiden 
Und besonders die Freude an dem Krieg, das wre wirklich schade, schaltete ich halblaut ein.
berhaupt, fuhr er fort, die Fluchtepisoden sollten diejenigen, welche dabei waren, anstndigerweise verschweigen, denn es ist wahrlich keine Ehre, ein allgemeines _sauve qui peut_ mitgemacht zu haben. Der Wicht, der mit dem Rufe Rettet euch das erste Signal zum Reiaus gibt, sollte sofort niedergeschossen werden. Ein Feiger ruft es und tausend Tapfere werden dadurch demoralisiert und mssen mitlaufen.
Gerade so, entgegnete Friedrich, wie wenn ein Tapferer Vorwrts! ruft, tausend Feige voranstrmen mssen,  und dabei auch wirklich von momentaner Tapferkeit durchglht werden. Es lassen sich die Menschen berhaupt nicht so scharf in mutige und mutlose trennen, sondern ein jeder hat seine mehr oder minder couragierten, sowie mehr oder minder feigen Augenblicke. Und besonders, wo es sich um Scharen handelt, hngt jeder einzelne von dem Zustand seiner Gefhrten ab. Wir sind Herdengeschpfe und werden von Herdengefhlen beherrscht. Wo ein Schaf hinberspringt, springen die anderen nach; wo einer Hurra schreiend voransprengt, schreien die anderen nachsprengend mit; und wo einer die Flinte ins Korn wirft, um zu laufen, laufen die anderen nach. In dem einen Fall wird die tapfere Truppe laut gepriesen, im zweiten wird ber ihr Vorgehen  geschwiegen, und es sind doch dieselben Leute. Ja, dieselben Menschen sind es, die je nach der Masseneinwirkung mutig oder mutlos sich gebrden und fhlen. Nicht als anhaftende Eigenschaften sind Tapferkeit und Furcht zu betrachten, vielmehr als Gemtszustnde, gerade so wie Frhlichkeit und Trauer. Ich bin whrend meines ersten Feldzuges einmal in den Wirbel einer solchen wilden Flucht geraten. In den offiziellen Aufzeichnungen des Generalstabes wurde das Ding zwar als wohlgeordneter Rckzug mit einigen Worten abgetan  es war aber eine richtige Deroute. Das tobte und kollerte und raste fort, in namenloser Verwirrung: die Waffen, die Tornister, die Tschakos und die Mntel wurden weggeschleudert  kein Kommandowort mehr zu hren  keuchend, schreiend, verzweiflungsgepeitscht stoben die aufgelsten Bataillone dahin, der nachsprengende und nachfeuernde Feind hinterher ... Das ist unter den vielen grausamen Phasen des Krieges die grausamste: wenn die beiden Gegner nicht als Kmpfer, sondern als Jger und Wild fungieren. Hier kommt fr den Jger die roheste Mordlust, fr das Wild die bitterste Todesfurcht zum Vorschein. Gehetzt und furchtgespornt, geraten die Verfolgten in eine Art Delirium; all die anerzogenen Gefhle und Gesinnungen, welche den in den Kampf sich Strzenden beleben,  Vaterlandsliebe, Ehrgeiz, Tatendurst  die gehen dem Fliehenden verloren. Ihn erfllt nur noch ein zu ganzer Gewalt entfesselter Trieb, und zwar der heftigste, der ein lebendes Wesen beherrschen kann: der Selbsterhaltungstrieb. Dieser steigert sich  je nher die Gefahr  bis zum hchsten Paroxysmus der Qual. Auch wer solches niemals durchgemacht, kann  wenn anders er die Extasen der Liebeswonnen kennt  sich einen Begriff von jener Schmerzenswut machen. Was fr den auf das uerste aufgestachelten Gattungstrieb der Augenblick der Wollust ist, das ist fr den Erhaltungstrieb  gleichgradig, nur auf dem anderen Ende der Skala  der Augenblick, da das erschpfte Wild unter den Fngen der Meute zusammenbricht.
Aber Tilling, kam es nun wieder in vorwurfsvollem Tone von Tante Marie  Vor den Mdchen! Worte wie Wol
Und vor einem Jngling, fgte mein Vater ebenso vorwurfsvoll hinzu, vor einem angehenden Soldaten, Worte wie Todesfurcht 
Friedrich zuckte die Achseln:
Ich wrde raten, entgegnete er, aus dem Lexikon vor allem das Wort Natur zu streichen.
~
Friedrichs Genesung machte sichere Fortschritte. Auch die fiebernde Welt drauen schien ihrer Gesundung nher zu kommen: immer fter und immer lauter ward das Wort Friede gesprochen. Der Vormarsch der Preuen, welche auf ihrem Wege keinen Widerstand mehr fanden, und welche ber Brnn  dessen Schlssel der Brgermeister dem Knig Wilhelm berreicht hatte  ruhig gegen Wien zogen, dieser Vormarsch glich eher einem militrischen Spaziergang als einem Kriegszug  und am 26. Juli wurde denn auch richtig zu Nikolsburg ein Waffenstillstand mit Friedensprliminarien abgeschlossen.
Eine groe Freude erlebte mein Vater an der eingelaufenen Nachricht von Admiral Tegethoffs Sieg bei Lissa. Italienische Schiffe in die Luft gesprengt  der Affundatore zerstrt: welche Genugtuung! Ich konnte mich an dem Entzcken nicht so recht beteiligen. berhaupt konnte ich nicht recht verstehen, warum diese Seeschlachten noch geliefert wurden. Aber so viel ist gewiss, ber das Ereignis brach  nicht nur bei meinem Vater  sondern in allen Wiener Blttern, der hellste Jubel aus. Der Ruhm eines kriegerischen Sieges ist etwas durch jahrtausendelange Tradition zu solcher Gre Aufgebauschtes, dass auf die Kunde eines solchen fr das ganze Volk ein Stolzanteil entfllt. Wenn irgendwo ein vaterlndischer General einen fremden General geschlagen hat, so wird jedem einzelnen Angehrigen des betreffenden Staates gratuliert, und da jeder hrt, dass sich alle anderen freuen  was allerdings erfreulich ist  so freut sich schlielich in der Tat ein jeder. Herdengefhle wrde das Friedrich genannt haben.
Ein anderes politisches Ereignis jener Tage war, dass sich sterreich nunmehr dem Genfer Vertrage anschloss:
Nun  bist du jetzt zufrieden? fragte mein Vater, als er diese Nachricht gelesen:  siehst du ein, dass der Krieg, den du immer eine Barbarei nennst, mit der fortschreitenden Zivilisation immer humaner wild? Ich bin ja auch fr das menschliche Kriegfhren: den Verwundeten gebhrt die sorgfltigste Pflege und alle mgliche Erleichterung ... Schon aus strategischen Grnden, welche schlielich in Kriegssachen doch das wichtigste sind; durch eine gehrige Behandlung der Kranken knnen sehr viele in kurzer Zeit wieder kampffhig und in die Reihen zurckversetzt werden.
Du hast recht, Papa: wieder brauchbares Material  das ist die Hauptsache ... Aber nach den Dingen, die ich gesehen, kann kein rotes Kreuz ausreichen  und htte es zehnmal mehr Leute und Mittel,  um das Elend abzuwehren, welches eine Schlacht im Gefolge hat 
Abwehren freilich nicht, aber mildern. Was sich nicht verhten lsst, muss man eben zu mildern trachten.
Die Erfahrung lehrt, dass eine ausreichende Milderung nicht mglich ist. Ich wollte daher, der Satz wrde umgekehrt: Was sich nicht mildern lsst, soll man verhten!
Es fing bei mir an, eine fixe Idee zu werden: Die Kriege mssen aufhren. Und jeder Mensch muss beitragen, was er nur immer kann, auf dass die Menschheit diesem Ziele  seis auch nur eine Tausendstel Linie  nher rcke. Die Bilder wurde ich nicht mehr los, die ich da oben in Bhmen geschaut. Besonders des Nachts, wenn ich aus festem Schlafe auffuhr, fhlte ich jenes wunde Weh im Herzen, und zugleich im Gewissen eine Pflichtmahnung  als erteilte mir jemand den Befehl: Verhindere, verhte, duld es nicht! Erst wenn ich vollends wach geworden und mich besann, was ich war, kam mir die Einsicht meiner Ohnmacht: Was soll denn ich verhindern und verhten knnen? Da knnte mir einer ebensogut angesichts des flut- und sturmdrohenden Meeres befehlen: Duld es nicht! Schpfe es aus!  Und mein nchster Gedanke  besonders wenn ich seine Atemzge hrte  war ein tiefglckliches: Friedrich hab ich wieder, und ich versenkte mich in diese Vorstellung, so lebhaft als nur mglich; da legte ich den Arm um den neben mir liegenden, auch auf die Gefahr, ihn aufzuwecken, und ksste ihn auf den Mund.
Mein Sohn Rudolf hatte eigentlich recht, auf seinen Stiefvater eiferschtig zu sein  dieses Gefhl war nmlich seit letzter Zeit im Herzen des Kleinen erwacht. Dass ich von Grumitz abgereist war, ohne ihm adieu zu sagen, dass ich bei meiner Rckkunft nicht zuerst ihn zu umarmen verlangt;  dass ich berhaupt fast den ganzen Tag nicht von des Gatten Seite wich  das alles zusammengenommen hatte das arme Brschchen veranlasst, mir eines schnen Morgens weinend an den Hals zu sinken, und zu schluchzen:
Mama, Mama, du hast mich gar nicht mehr lieb!
Was sprichst du fr Unsinn, Kind?
Ja ... nur ... nur Pa-pa ... Ich ... ich will gar nicht ... gro werden, wenn du mich nicht mehr magst ....
Nicht mehr mgen? Dich, mein Kleinod!  Ich ksste und herzte das weinende Kind  dich, mein einziger Sohn, mein Stolz, meine Zukunftsfreude! Ich habe dich ja so, ich habe dich ja ber  nein, nicht ber alles, aber so unendlich lieb.
Nach diesem kleinen Auftritt war mir die Liebe zu meinem Buben wieder lebhafter zum Bewusstsein gekommen. In der letzten Zeit war ich in der Tat von der Angst um Friedrich so sehr eingenommen gewesen, dass der arme Rudolf ein wenig in den Hintergrund gedrngt worden.
Die Plne, welche wir miteinander, Friedrich und ich, fr die Zukunft schmiedeten, waren folgende: nach Beendigung des Krieges Austritt aus dem Militrdienst und Zurckziehung nach einem kleinen, billigen Ort, wo Friedrichs Obersten-Pension und meine Zulage gengen konnten, unseren kleinen Haushalt zu bestreiten. Wir freuten uns auf dieses einsame, selbstndige Beisammensein, wie ein paar junge Verliebte. Durch die zuletzt durchgemachten Ereignisse hatten wir wieder so recht gelernt, dass wir uns gegenseitig die Welt bedeuteten. Der kleine Rudolf war brigens aus dieser Gemeinschaft nicht ausgeschlossen. Seine Erziehung sollte als eine Hauptaufgabe unsere geplante Existenz ausfllen. Nicht mig und zwecklos wollten wir die Tage dahinleben; da hatten wir unter anderem eine ganze Liste von Studien aufgestellt, die wir gemeinschaftlich pflegen wollten. Unter den Wissenschaften war es namentlich ein Zweig der Rechtswissenschaft, nmlich das Vlkerrecht, dem sich Friedrich ganz besonders zu widmen vornahm. Er beabsichtigte, fern von allen utopistischen und sentimentalen Theorien, die praktische, die reale Seite des Vlkerfriedens zu untersuchen. Durch die Lektre Buckles  zu welcher ich ihm den Ansto gegeben  durch die Bekanntmachung mit den neuesten naturwissenschaftlichen Errungenschaften, welche ihm durch die Bcher Darwins, Bchners und anderer geoffenbart worden, hatte sich ihm die berzeugung erschlossen, dass die Welt einer neuen Erkenntnisphase entgegen geht; und diese Erkenntnis in mglichster Flle sich anzueignen, das schien ihm nunmehr  neben den Freuden der Huslichkeit  Lebensinhalt genug.
Mein Vater, der von unseren Absichten vorlufig nichts wusste, machte ganz andere Zukunftsplne fr uns:
Du wirst jetzt ein junger Oberst sein, Tilling, und in zehn Jahren bist du sicher General. Bis dahin wird schon wieder ein Krieg ausbrechen und du kannst das Kommando eines ganzen Armeekorps  oder, wer wei? die Wrde eines Generalissimus erlangen, und es wird dir vielleicht das groe Glck beschieden, sterreichs Waffen wieder zu ihrem vollen  momentan verdunkelten  Glanz zu verhelfen. Wenn wir einmal das Zndnadelgewehr, oder vielleicht noch ein wirksameres System eingefhrt haben, dann werden wir die Herren Preuen schon drunter kriegen.
Wer weiߓ, meinte ich, vielleicht wird die Feindschaft mit Preuen aufhren, vielleicht schlieen wir einst mit ihnen ein Bndnis 
Mein Vater zuckte die Achseln:
Wenn nur die Frauen nicht ber Politik reden wollten! sagte er verchtlich. Nach dem Vorgefallenen mssen wir die bermtigen zchtigen, wir mssen den annektierten (so nennen sies  ich sage geraubten) Staaten wieder zu ihrem zertretenen Recht verhelfen, das erfordert unsere Ehre und das Interesse unserer europischen Machtstellung. Freundschaft  Allianz mit diesen Frevlern? Nimmermehr. Auer sie kmen demtig gekrochen.
In diesem Fall, bemerkte Friedrich, wrde man wohl den Fu auf ihren Nacken setzen; Bndnisse sucht und schliet man nur mit jenen, die einem imponieren, oder die gegen einen gemeinschaftlichen Feind Schutz leisten knnen. In der Staatskunst ist Egoismus das oberste Prinzip.
Nun ja, gab mein Vater zurck, wenn das _ego_ Vaterland heit, so ist solchem Egoismus doch alles andere unterzuordnen, so ist doch alles erlaubt und geboten, was dem Interesse dieses Ichs dienlich erscheint.
Es ist nur zu wnschen, entgegnete Friedrich, dass im Verkehr der Gemeinwesen dieselbe erhhte Gesittung erlangt wird, welche im Verkehr der einzelnen den rohen, faustrechtlichen Ich-Kultus verdrngt hat, und die Einsicht immer mehr Platz greife, dass die eigenen Interessen auch ohne Schdigung der fremden, vielmehr im Verein mit diesen, am wirksamsten zu frdern sind.
Was? fragte mein Vater, die Hand ans Ohr legend.
Natrlich mochte Friedrich seinen langen Satz nicht wiederholen und erlutern  und die Diskussion war zu Ende.
~
Ich komme morgen 1 Uhr nach Grumitz, Konrad.
Den Jubel kann man sich vorstellen, den diese Depesche bei Lilli hervorrief. So entzckt und freudig wird wohl kein anderer Ankmmling empfangen, wie einer, der aus dem Kriege heimkehrt. Freilich war es in diesem Falle nicht auch, wie es in den betreffenden Balladen und Kupferstichen am liebsten dargestellt wird: die Heimkehr des Siegers; aber die menschlichen Gefhle der liebenden Braut lieen sich von den patriotischen nicht beeintrchtigen, uns htte Vetter Konrad die Stadt Berlin genommen  ich glaube, es htte dies die Herzlichkeit von Lillis Empfang nicht zu steigern vermocht.
Ihm natrlich wre es lieber gewesen, wenn er mit siegenden Truppen heimgekehrt wre; wenn er dazu beigetragen htte, seinem Kaiser die Provinz Schlesien zu erobern. Indessen: berhaupt sich geschlagen zu haben, ist ja fr den Soldaten schon eine Ehre, auch wenn er der Geschlagene  ja sogar der Gefallene ist; letzteres ist ganz besonders rhmlich. So erzhlte Otto, dass in der Wien-Neustdter Akademie auf einer Ehrentafel die Namen aller jener Zglinge eingetragen sind, welchen der Vorzug zuteil wurde, vor dem Feinde zu bleiben. _Tu  lennemi_, sagt man in Frankreich, und es ist dies dort zu Lande  wie berall  eine, besonders bei den Ahnen, sehr geschtzte Eigenschaft. Je mehr man in seiner Familie Vorfahren aufweisen kann, die in Schlachten  gleichviel ob gewonnenen oder verlorenen  ihr Leben gelassen haben, desto stolzer ist der Enkel darauf, desto mehr Wert kann er auf seinen Namen, desto weniger Wert darf er auf sein Leben legen. Um sich getteter Ahnen wrdig zu zeigen, muss man an der Tterei  an der aktiven und passiven  seine helle Freude haben.
Nun, desto besser, dass, so lange es Kriege gibt, doch auch Leute vorkommen, welche darin Erhebung, Begeisterung, ja sogar Genuss finden. Die Zahl solcher Leute wird jedoch tglich geringer, whrend die Zahl der Soldaten tglich grer wird ... wohin muss das endlich fhren?
Zur _Unertrglichkeit_.
Und wohin fhrt diese?
So weit dachte Konrad nicht. Seine Auffassung stimmte noch vortrefflich zu der bekannten Leutnantsarie aus der Weien Dame: Ha, welche Lust, Soldat zu sein, ha, welche Lust ... Wenn man ihn reden hrte, konnte man ihn frmlich um die Expedition beneiden, welche er eben mitgemacht. Mein Bruder Otto war auch von solchem Neide ganz erfllt. Dieser aus der Blut- und Feuertaufe zurckgekehrte Krieger, der in seiner Husarenuniform von jeher schon so ritterlich ausgesehen und jetzt auch noch mit einer ehrenvollen Schramme ber das Kinn geziert war, der mitten im Kugelregen dringewesen, der vielleicht so manchem Feind den Garaus gegeben  der erschien ihm jetzt von einem heldenhaften Nimbus umstrahlt.
Es war keine glckliche Kampagne, das muss ich zugeben, sprach Konrad, dennoch habe ich ein paar herrliche Erinnerungen davon mitgebracht.
Erzhle, erzhle, drngten Lilli und Otto.
Ich kann da nicht viel Einzelheiten erzhlen  das Ganze liegt hinter mir wie ein Taumel ... das Pulver steigt einem ganz sonderbar zu Kopfe. Eigentlich beginnt der Rausch oder das Fieber  das kriegerische Feuer mit einem Wort  schon beim Abmarsch. Zwar ist der Abmarsch vom Liebchen schwer gefallen  es war das eine Stunde, welche das Herz mit weichem Weh erfllte  aber wenn man einmal drauen ist, mit den Kameraden, dann heit es: jetzt wird an die hchste Aufgabe gegangen, welche das Leben an den Mann stellen kann, nmlich das geliebte Vaterland zu verteidigen ... Als dann die Spielleute den Radetzky-Marsch intonierten und die seidenen Falten der Fahnen im Winde flatterten: ich muss gestehen, in diesem Augenblick htt ich nicht umkehren mgen  auch in den Arm der Liebe nicht ... Da fhlte ich, dass ich dieser Liebe nur dann wrdig wre, wenn ich da drauen an der Seite der Brder meine Pflicht getan ... dass wir zum Siege marschierten, bezweifelten wir nicht. Was wussten wir von den abscheulichen Spitzkugeln? Die allein waren an den Niederlagen schuld  ich sag euch, die schlugen in unsere Reihen ein wie Hagel ... Und auch schlechte Fhrung hatten wir  der Benedek, ihr werdet sehen, wird noch vor ein Kriegsgericht gestellt ... Attackieren htten wir sollen ... Wenn ich jemals Feldherr wrde  meine Taktik wre: angreifen, immer angreifen, das Prveniere spielen, ins feindliche Land einfallen ... Das ist ja auch nur eine Art, und zwar die schwerere, der Verteidigung:

  _Muss es sein  komm zuvor, komm zuvor,
  Im rcksichtslosen Angriff liegt der Sieg._

sagt der Dichter.  Doch das gehrt nicht hierher: mir hatte der Kaiser den Oberbefehl nicht bergeben, also bin ich auch an den taktischen Misserfolgen unschuldig  die Generle sollen sehen, wie sie sich mit ihrem obersten Kriegsherrn und wie mit ihrem eigenen Gewissen abfinden  wir Offiziere und Truppen haben unsere Pflicht getan; es hie sich schlagen und wir haben uns geschlagen. Und das ist ein eigenes Hochgefhl ... Schon die Erwartung, schon diese Spannung, wenn man auf den Feind stt und wenn es heit: jetzt geht es los ... Dieses Bewusstsein, dass in dem Augenblicke ein Stck Weltgeschichte sich abspielt  und dann der Stolz, die Freude am eigenen Mut  rechts und links der Tod, der groe, geheimnisvolle, dem man mnnlich trotzt 
Ganz wie der arme Gottfried Tessow, murmelte Friedrich fr sich ... nun ja  es ist ja dieselbe Schule 
Konrad fuhr mit Eifer fort:
Das Herz schlgt hher, die Pulse fliegen, es erwacht  und das ist die eigentliche Verzckung  es erwacht die Kampflust, es lodert die Wut  der Feindeshass  zugleich die brennendste Liebe fr das bedrohte Vaterland, und das Voranstrmen, das Dreinhauen wird zur Wonne. Man fhlt sich in eine andere Welt versetzt als die, in der man aufgewachsen, eine Welt, in der alle die gewohnten Gefhle und Anschauungen in ihr Gegenteil verwandelt worden sind: das Leben wird zum Plunder, Tten wird zur Pflicht. Die Ehre, das Heldentum, die groartigste Selbstaufopferung sind allein noch brig, alle anderen Begriffe sind in dem Gewirre untergegangen. Dazu der Pulverdampf, das Kampfgeschrei ... ich sage euch, es ist ein Zustand, der sich mit nichts anderem vergleichen lsst. Hchstens kann einem dieses selbe Feuer auf der Tiger- oder Lwenjagd durchlodern, wenn man der wildgewordenen Bestie gegenbersteht und 
Ja, unterbrach Friedrich, der Kampf mit dem toddruenden Feind, der heie, sehnende und stolze Wunsch, ihn zu berwinden, erfllt mit einer eigenen Wollust  _pardon_, Tante Marie  wie ja alles, was das Leben erhlt oder weitergibt, von der Natur durch Freudenlohn gesichert wird. So lange der Mensch von wilden  vier- und zweibeinigen  Angreifern bedroht war und sich nur durch Erlegung derselben das Leben fristen konnte, ward ihm der Kampf zur Wonne. Wenn uns Kulturmenschen im Kriege mitunter noch dieselbe Lust durchrieselt, so ist dies eine angeerbte Reminiszenz. Und damit jetzt, wo es in Europa weder Wilde noch Raubtiere gibt, uns jene Wonne nicht ganz entgehe, haben wir uns knstliche Angreifer geschaffen. Da heit es: Pass auf: ihr habt blaue Rcke und die dort drben haben rote Rcke sobald dreimal in die Hnde geklatscht wird, verwandeln sich fr euch die Rotrcke in Tiger, whrend fr jene ihr Blaurcke zu wilden Bestien werdet. Alle Achtung: Eins, zwei, drei  Sturm geblasen  Attacke getrommelt  jetzt kanns losgehen  fresst euch auf!  Und haben sich zehntausend, oder je nach dem gesteigerten Heeresstand, hunderttausend Kunsttiger unter gegenseitigem Kampfeswonne-Geheul bei Xdorf aufgefressen, so gibt das die historisch zu werden bestimmte Xdorfer Schlacht; die Hndeklatscher versammeln sich alsdann um einen grnen Kongresstisch in Xstadt, regeln auf der Karte verschobene Grenzmarken, feilschen ber Kontributionsbetrge, unterschreiben ein Papier, welches in die Geschichtsjahrbcher als der Xstdter Frieden eingetragen wird, klatschen abermals dreimal in die Hnde und sagen den briggebliebenen Rot- und Blaujacken: umarmt euch, Menschenbrder!
~
In der Umgebung waren berall Preuen einquartiert, und jetzt sollte auch Grumitz an die Reihe kommen.
Obgleich der Waffenstillstand schon in Kraft und der Friede beinahe gesichert war, so hegte die Bevlkerung noch allgemein Angst und Misstrauen. Die Idee, dass die Pickelhauben-Tiger sie zerreien wrden, wenn sie knnten, war den Leuten nicht so leicht wegzunehmen; die drei Handschlge von Nikolsburg hatten die Wirkung der drei Handschlge der Kriegserklrung noch nicht aufzuheben vermocht, und nicht ausgereicht, um dem Landvolk in den Preuen wieder Menschenbrder sehen zu machen. Der bloe Name des gegnerischen Volkes bekommt zu Kriegszeiten eine ganze Schar von hassenswerten Nebenbedeutungen  ist nicht mehr der Gattungsname einer augenblicklich bekriegten Nation, er wird synonym mit Feind und fasst allen Abscheu in sich, den dieses Wort ausdrckt.
So geschah es, dass die Leute in der Gegend zitterten, wie vor einbrechenden Wlfen, wenn ein preuischer Quartiermeister daherkam, um Unterkunft fr einen Truppenteil zu schaffen. Bei manchen uerte sich neben der Furcht auch der Hass, und diese whnten, eine patriotische Pflicht zu erfllen, wenn sie einem Preuen was zu leide taten  wenn sie aus einem Versteck heraus dem Feind eine Flintenkugel sandten. Es war dies fters vorgekommen, und wenn man den Schuldigen fasste, wurde er ohne viel Umstnde hingerichtet. Diese Beispiele bewirkten, dass die Leute ihren Hass verbissen und die einquartierten Soldaten ohne Widerstand aufnahmen. Dann gewahrten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen, dass der Feind eigentlich aus lauter gutmtigen, freundlichen und ehrlich zahlenden Mitmenschen bestand.
Eines Morgens  es war in den ersten Tagen des August  sa ich im Erker des Bibliothekzimmers und schaute durch die offenen Fenster hinaus. Von hier hatte man einen weiten Fernblick ber die Gegend. Mir wars, als she ich von weitem einen Reitertrupp, der sich auf der Landstrae nach unserer Richtung bewegte.
Preuische Einquartierung, war mein erster Gedanke. Ich setzte ein im Erker stehendes Fernrohr zurecht und schaute nach dem betreffenden Punkt. Richtig: eine Gruppe von ungefhr zehn Reitern mit wehenden schwarz-weien Fhnlein an den Lanzenspitzen. Darunter ein Fugeher  im Jagdanzug. Warum ging der so zwischen den Pferden? ... Ein Gefangener? ... Das Glas war nicht scharf genug  ich konnte nicht erkennen, ob der vermeintliche Gefangene nicht etwa einer unserer Forstbeamten war.
Doch es hie, die Schlossbewohner von dem kommenden Verhngnis in Kenntnis setzen. Ich verlie eilig das Bibliothekzimmer, um meinen Vater und Tante Marie aufzusuchen. Ich fand sie beide im Salon:
Die Preuen kommen, die Preuen kommen! meldete ich atemlos. Man ist immer froh, eine wichtige Nachricht als erster mitteilen zu knnen.
Hol sie der Teufel, war meines Vaters wenig gastliche uerung, whrend Tante Marie das Richtige traf, indem sie sagte:
Ich will sogleich der Frau Walter Befehle zu den ntigen Vorbereitungen geben.
Und wo ist Otto? fragte ich. Den muss man benachrichtigen und ihn warnen, dass er nicht etwa seinen Preuenhass leuchten lasse ... dass er mit den Gsten nicht unhflich sei.
Otto ist nicht zu Hause, antwortete mein Vater, er ist heute frh auf Rebhhner ausgegangen. Du httest ihn sehen sollen, wie schmuck ihm der Jagdanzug steht ... das wird ein prchtiger Bursch  an dem habe ich meine Freude. Indessen wurde es im Hause laut; man hrte hastige Schritte und aufgeregte Stimmen.
Sie kommen schon, die Windbeutel! seufzte mein Vater.
Die Tr wurde aufgerissen und Franz, der Kammerdiener, strzte herein:
Die Preuen, die Preuen! rief er in dem Tone, wie man Feuer, Feuer! ruft.
Die werden uns nicht fressen, bemerkte mein Vater mrrisch.
Aber sie bringen einen mit, fuhr der Mann mit zitternder Stimme fort, einen Grumitzer  ich wei nicht wer  der auf sie geschossen hat  und wer soll auf solches Pack nicht gern schieen? ... aber der ist verloren.
Jetzt vernahm man den Laut von Pferdegetrampel mit Stimmengewirr vermengt. Wir traten auf den Flur und schauten durch die nach dem Hof gehenden Fenster. Soeben kamen die Ulanen hereingeritten und in ihrer Mitte  mit trotzigem, bleichem Gesicht  Otto, mein Bruder.
Der Vater stie einen Schrei aus und eilte die Treppe hinab. Mir stand das Herz still. Was da bevorstand, war entsetzlich. Wenn Otto wirklich auf die preuischen Soldaten geschossen hatte  und das sah ihm sehr hnlich  ich vermochte den Fall gar nicht auszudenken ...
Dem Vater nachzugehen, fehlte mir der Mut. Trost und Beistand in allen Kmmernissen suchte ich stets nur bei Friedrich. Also raffte ich mich auf, um mich in Friedrichs Zimmer zu begeben. Ehe ich jedoch dahin gelangte, kam mein Vater wieder zurck und Otto hinter ihm. An ihren Mienen sah ich, dass die Gefahr vorber war.
Das Verhr hatte folgendes ergeben: Der Schuss war zufllig losgegangen. Als die Ulanen herangeritten kamen, wollte Otto sie von der Nhe sehen; er lief querfeldein, stolperte, fiel am Straengraben nieder und dabei entlud sich sein Gewehr. Im ersten Augenblick war die Aussage des jungen Jgers von den Leuten bezweifelt worden; sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn als ihren Gefangenen in das Schloss. Als sich aber herausstellte, dass der Jngling der Sohn des Generals Althaus und selber ein Militrzgling sei, lieen sie seine Rechtfertigung gelten. Der Sohn eines Soldaten und selber angehender Soldat wird auf gegnerische Soldaten wohl im ehrlichen Kampfe, nicht aber zur Zeit der Waffenruhe und nicht meuchlings schieen. Auf diese Worte meines Vaters hin hatte der preuische Unteroffizier den jungen Menschen freigegeben.
Und bist du wirklich unschuldig? fragte ich Otto, bei deinem Preuenhass wrde es mich nicht wundern, wenn 
Er schttelte den Kopf:
Ich werde hoffentlich im Leben noch genug Gelegenheit haben, antwortete er, ein paar solchen draufzuschieen  aber nicht aus dem Hinterhalt  nicht, ohne auch _meine_ Brust ihren Kugeln auszusetzen.
Brav, mein Junge! rief mein Vater, von diesen Worten entzckt.
Ich konnte das Entzcken nicht teilen. Alle diese Phrasen, in welchen mit dem Leben  dem der anderen und dem eigenen  so geringschtzig und prahlerisch herumgeworfen wird, haben mir einen widerlichen Klang. Doch war ich von Herzen froh, dass die Sache so abgelaufen. Wie entsetzlich wre es doch fr meinen armen Vater gewesen, wenn diese Leute den vermeintlichen Missetter ohne weitere Umstnde gleich abgestraft htten. Da wrde der unselige Krieg, von dem unser Haus bisher verschont geblieben, es doch noch ins Unglck gestrzt haben ....
Die betreffende Abteilung war richtig gekommen, Quartier zu machen. Schloss Grumitz war ausersehen, zwei Oberste und sechs Offiziere des preuischen Heeres zu beherbergen. Im Dorf sollte die Mannschaft untergebracht werden. Zwei Mann wurden im Schlosshof als Wache aufgestellt.
Ein paar Stunden nach den Quartiermachern zogen die unfreiwilligen und ungeladenen Gste schon bei uns ein. Wir waren seit mehreren Tagen auf den Fall vorbereitet gewesen und Frau Walter hatte dafr gesorgt, dass alle Gastzimmer und Betten bereit standen. Auch der Koch hatte gengende Vorrte herbeigeschafft, und der Keller barg eine erkleckliche Anzahl voller Fsser und alter Flaschen: den Herren Preuen sollte es bei uns an nichts fehlen.
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Als sich an diesem Tage die Schlossgesellschaft auf das Zeichen der Tischglocke im Salon versammelte, bot dieser ein glnzendes und lebensfrohes Bild. Die Herren  bis auf Minister Allerdings, welcher augenblicklich unser Gast war  smtlich in Uniform, die Damen in Putz. Seit langer Zeit hatten wir uns zum erstenmal wieder aufgedonnert; Lori namentlich  die kokette Lori  welche am selben Tag von Wien gekommen war, hatte auf die Nachricht hin, dass fremde Offiziere anwesend seien, ihre schnste Toilette ausgepackt und sich mit frischen Rosen geschmckt. Gewiss war es darauf abgesehen, dem einen oder dein anderen Vertreter des feindlichen Heeres den Kopf zu verdrehen. Nun, meinethalben mochte sie smtliche preuische Bataillone erobern  aber Friedrich unbehelligt lassen ... Lilli, die glckliche Braut, trug ein lichtblaues Kleid; Rosa  wahrscheinlich auch sehr froh, wieder einmal jungen Kavalieren sich zeigen zu knnen  war in rosa Musselin gehllt; nur ich, in der Ansicht, dass Kriegszeit, auch wenn man niemand zu betrauern hat, immer Trauerzeit sei, hatte eine schwarze Toilette angelegt.
Ich erinnere mich noch an den eigentmlichen Eindruck, den es mir machte, als ich an jenem Tag den Salon, in welchem die brigen schon versammelt waren, betrat. Glanz, Heiterkeit, vornehmer Luxus  die geputzten Frauen, die schmucken Uniformen: welcher Kontrast zu den noch vor so kurzer Zeit gesehenen Bildern von Jammer, Schmutz und Schrecken. Und die Glnzenden, Heiteren, Vornehmen _selber_ sind es ja, welche freiwillig den Jammer in Szene setzen, welche nichts tun wollen, ihn abzuschaffen, welche, im Gegenteil, ihn glorifizieren und mit ihren Goldborten und Sternen den Stolz bekunden, den sie darein setzen, die Trger und Sttzen des Jammersystems zu sein!
Mein Eintritt unterbrach die in den verschiedenen Gruppen gefhrte Unterhaltung, da mir nun unsere preuischen Gste smtlich vorgestellt werden mussten;  zumeist vornehm klingende Namen auf  ow und auf witz; viele von und sogar ein Prinz  ein Heinrich, ich wei nicht der wievielte, aus dem Reu.
Das also waren unsere Feinde: Vollendete Gentlemen mit den geschliffensten Gesellschaftsformen. Nun freilich: das wei man ja, wenn heutzutage mit einer benachbarten Nation Krieg gefhrt wird, so hat man es nicht mit Hunnen und Vandalen zu tun; aber doch: es wre viel natrlicher, sich den Feind als eine wilde Horde vorzustellen, und es gehrt eine gewisse Anstrengung dazu, ihn als ebenbrtigen Kulturbrger aufzufassen. Gott, der du die Widersacher derer, die dir vertrauen, durch die Kraft deiner Verteidigung zurckwirfst, hre uns, die wir um deine Erbarmnisse flehen, gndig an, damit wir nach der unterdrckten Wut des Feindes dir in Ewigkeit danken knnen. So hatte allsonntglich der Grumitzer Pfarrer gebetet. Wie musste da die Gemeinde sich den wtenden Feind vorstellen? Gewiss nicht so, wie diese hflichen Edelleute, die jetzt den anwesenden Damen den Arm boten, um sie zu Tisch zu fhren ... berdies hatte Gott diesmal das Gebet der anderen erhrt und _unsere_ Wut unterdrckt  der schumende, mordgierige Feind, der durch die Kraft der gttlichen Verteidigung (wir nannten es zwar Zndnadelgewehr) zurckgeworfen worden, das waren _ja wir_  O du heiliger Widersinn! ... Das waren so ungefhr meine Gedanken, whrend wir an der mit Blumen und Fruchtschalen reich geschmckten Tafel uns in bunter Reihe niederlieen. Auch das Silber war auf des Hausherrn Befehl aus dem Versteck wieder hervorgeholt. Ich sa zwischen einem stattlichen Obersten auf -ow und einem schlanken Leutnant auf -itz. Lilli selbstverstndlich an der Seite ihres Brutigams; Rosa war von dem prinzlichen Heinrich zu Tisch gefhrt worden, und der bsen Lori war es doch wieder gelungen, meinen Friedrich zum Nachbar zu haben. Nur zu! Eiferschtig wrde ich doch nicht werden: er war ja mein Friedrich, am meinsten ...
Es wurde sehr viel und sehr heiter gesprochen. Die Preuen fhlten sich offenbar hchst vergngt, nach den durchgemachten Strapazen und Entbehrungen wieder einmal an wohlbesetzter Tafel und in guter Gesellschaft zu festen; und das Bewusstsein, dass der berstandene Feldzug ein siegreicher gewesen, trug jedenfalls dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Aber auch wir, die Besiegten, lieen von Groll und Beschmung nichts merken und bemhten uns, die mglichst liebenswrdigen Hauswirte zu spielen. Meinem Vater musste dies zwar  wie ich seine Gesinnung kannte  einige berwindung kosten, aber er fhrte seine Rolle mit musterhafter Courtoisie durch. Der Niedergeschlagenste war Otto. Seinem in der letzten Zeit genhrten Preuenhass, seiner Sehnsucht, den Feind aus dem Land zu jagen, ging es sichtlich gegen den Strich, diesem selben Feind nun hflichst Pfeffer und Salz hinberreichen zu mssen, statt ihn mit dem Bajonett durchbohren zu drfen. Dem Thema Krieg wurde im Gesprch sorgfltig ausgewichen; die Fremden wurden von uns behandelt, als wren sie unsere Gegend zufllig besuchende Vergngungsreisende, und sie selbst vermieden es noch ngstlicher, auf die Sachlage  dass sie nmlich als unsere berwinder hier hausten  anzuspielen. Mein junger Leutnant versuchte sogar recht angelegentlich, mir den Hof zu machen. Er schwor auf Ehre und auf Taille, dass es nirgends so gemtlich sei wie in sterreich, und dass daselbst (mit seitwrts abgeschossenem Zndnadelblick) die reizendstens Frauen der Welt zu finden seien. Ich leugne nicht, dass ich mit dem schmucken Marssohne auch ein wenig kokettierte; es geschah, um der Lori Griesbach und ihrem Nachbar zu zeigen, dass ich gegebenen Falles mich einigermaen rchen knnte ... aber der da drben blieb ebenso ruhig  wie ich es im Grunde meines Herzens eigentlich auch war. Vernnftiger und zweckmiger wre es jedenfalls gewesen, wenn mein schneidiger Leutnant seine mrderischen Augengeschosse auf die schne Lori gezielt htte. Konrad und Lilli, in ihrer Eigenschaft als Verlobte (solche Leute sollte man eigentlich immer hinter Gitter setzen), wechselten ganz auffllig verliebte Blicke und flsterten und stieen heimlich miteinander ihre Glser an und was dergleichen Salonturteltauben-Manver mehr sind. Und, wie mir schien, noch eine dritte _Flirtation_ begann da sich zu entspinnen. Der deutsche Prinz nmlich  Heinrich der soundsovielte  unterhielt sich auf das angelegentlichste mit meiner Schwester Rosa und dabei malte sich in seinen Zgen unverhohlene Bewunderung.
Nach aufgehobener Tafel begab man sich in den Salon zurck, in welchem jetzt der angesteckte Kronleuchter ein festliches Licht verbreitete.
Die Terassentr stand offen. Drauen war die laue Sommernacht von mildem Mondlichte durchflutet. Ich trat hinaus. Das Nachtgestirn warf seine Strahlen auf die heuduftenden Rasenflchen des Parkes und spiegelte sich silberfunkelnd auf dem im Hintergrunde ausgedehnten Teich ... War das wirklich derselbe Mond, welcher mir vor kurzer Zeit den an eine Kirchhofsmauer gelehnten, von kreischendem Raubgevgel umkreisten Leichenhaufen gezeigt hatte? Und waren das dieselben Leute drinnen  eben ffnete ein preuischer Offizier den Flgel, um ein Mendelssohnsches Lied ohne Worte vorzutragen  waren das dieselben, die vor kurzem noch mit dem Sbel um sich schlugen, um Menschenschdel zu spalten? ...
Nach einer Weile kamen auch Prinz Heinrich und Rosa heraus. Sie sahen mich nicht in meiner dunklen Ecke und gingen an mir vorber. Jetzt standen sie, an das Gelnder gelehnt, nah, sehr nah nebeneinander. Ich glaube sogar, der junge Preue  der Feind  hielt die Hand meiner Schwester in der seinen. Sie sprachen leise, dennoch drang einiges von des Prinzen Rede zu mir herber: Holdseliges Mdchen ... pltzliche, sieghafte Leidenschaft ... Sehnsucht nach huslichem Glck ... Wrfel gefallen ... aus Barmherzigkeit nicht nein! ... Fle ich Ihnen denn Abscheu ein? Rosa schttelt verneinend den Kopf. Da fhrt er ihre Hand an seine Lippen und versuchte, den Arm um ihre Mitte zu schlingen. Sie, die Wohlerzogene, entwindet sich rasch.
Ach, mir wre es beinah lieber gewesen, wenn mir der sanfte Mondstrahl da einen Liebeskuss beleuchtet htte ... Nach all den Bildern des Hasses und des bitteren Jammers, die ich vor kurzem hatte schauen mssen, wre mir jetzt ein Bild von Liebe und ser Luft wie etwas Vergtung erschienen. 
Ach  du bist es, Martha!
Jetzt war Rosa meiner Gewahr geworden  zuerst sehr erschrocken, dass jemand diese Szene belauscht, dann aber beruhigt, dass nur ich es war.
Im hchsten Grade verlegen und bestrzt war jedoch der Prinz. Er trat an mich heran:
Ich habe Ihrer Schwester soeben meine Hand angeboten, gndige Frau. Legen Sie gtigst ein Wort fr mich ein! Meine Handlungsweise wird Ihnen beiden etwas rasch und khn erscheinen. Zu einer anderen Zeit wrde ich wohl auch berlegter und bescheidener vorgegangen sein  aber in den letzten Wochen habe ich es mir angewhnt, schnell und keck voranzusprengen  da war kein Zgern und Zagen erlaubt ... und was ich im Kriege gebt, das habe ich jetzt unwillkrlich in der Liebe wieder ausgefhrt ... Verzeihen Sie  und seien Sie mir gndig. Sie schweigen, Komtesse? Verweigern Sie mir Ihre Hand?
Meine Schwester kann doch nicht auch so rasch ber ihr Schicksal entscheiden, kam ich Rosa, welche tiefbewegt und abgewandten Hauptes dastand, zu Hilfe. Ob unser Vater seine Einwilligung zur Heirat mit einem Feinde geben, ob Rosa die so pltzlich eingeflte Neigung auch erwidern wird  wer kann das heute wissen?
Ich wei es, antwortete sie und reichte dem jungen Manne beide Hnde hin. Er aber riss sie strmisch an sein Herz.
O, ihr nrrischen Kinder! sagte ich und zog mich leise einige Schritte zurck, bis zur Saaltr, um zu wachen, dass  wenigstens in _diesem_ Augenblick  niemand herauskomme.
~
Am folgenden Tag ward die Verlobung gefeiert.
Mein Vater leistete keinen Widerstand. Ich htte geglaubt, dass sein Preuenhass es ihm unmglich machen wrde, einen der feindlichen Krieger und Sieger in seine Familie aufzunehmen; aber sei es, dass er die individuelle von der nationalen Frage gnzlich trennte  (ein gebruchliches Vorgehen: Ich hasse jene als Nation, nicht als Individuen hrt man hufig beteuern, obschon es keinen Sinn hat, ebensowenig Sinn, als wollte einer sagen: Ich hasse den Wein als Getrnk, aber jeden Tropfen verschlucke ich gern  doch vernnftig braucht ja eine landlufige Phrase nicht zu sein  im Gegenteil); sei es, dass der Ehrgeiz die Oberhand gewann und eine Verbindung mit dem frstlichen Hause Reu ihm schmeichelte; sei es endlich, dass die so romantisch geuerte, pltzliche Liebe der jungen Leute ihn rhrte: kurz, er sprach ein ziemlich freiwilliges Ja. Weniger einverstanden war Tante Marie. Unmglich! war ihr erster Ausruf. Der Prinz ist ja lutherischer Konfession. Aber schlielich trstete sie sich mit der Aussicht, dass Rosa ihren Gatten wahrscheinlich bekehren werde. Im Herzen Ottos grollte es am tiefsten. Wie, wollt ihr, sprach er, wenn wieder Krieg ausbricht, dass ich meinen Schwager aus dem Lande verjage? Aber auch ihm wurde die famose Theorie von dem Unterschiede zwischen Nation und Individuum erlutert und  zu meinem Staunen, denn ich habe sie nie begriffen  er begriff sie.
Wie schnell und leicht man doch unter freudigen Umstnden das durchgemachte Elend vergisst! Zwei Liebespaare  oder, ich kann es khnlich sagen, _drei_, denn Friedrich und ich, die Vermhlten, schwrmten nicht viel weniger freinander, als die Verlobten  also so viele Liebespaare in der kleinen Gesellschaft, das ergab doch eine glcksgehobene Stimmung. Schloss Grumitz war in den folgenden paar Tagen eine Sttte der Heiterkeit und Lebenslust. Allmhlich fhlte auch ich die Schreckensbilder der vergangenen Wochen aus meinem Gedchtnis entweichen. Nicht ohne Gewissensbiss wurde ich gewahr, wie mein vor kurzer Zeit noch so brennender Mitschmerz in manchen Augenblicken ganz entschwand.  Von der Auenwelt klang wohl noch immer Trauriges herber: die Klagen der Leute, die in dem Kriege Hab und Gut oder teure Hupter verloren; Nachrichten von drohenden Finanzkatastrophen, von ausbrechenden Seuchen: die Cholera, hie es, habe sich unter den preuischen Mannschaften gezeigt  sogar in unserem Dorfe wurde ein Fall signalisiert  freilich ein zweifelhafter: Es wird die Ruhr sein  die tritt ja jeden Sommer auf, trstete man sich. Nur immer verjagen  die trben Gedanken und die bsen Befrchtungen: Es ist nichts  es ist vorbei  es wird nichts kommen  das ist so leichtgedacht. Man braucht nur eine heftig schttelnde Kopfbewegung zu machen und die unliebsamen Vorstellungen sind verscheucht ...
Hrst du, Martha, sagte mir eines Tages die glckliche Braut, dieser Krieg war freilich etwas Schauderhaftes, aber ich muss ihn doch noch segnen. Wre ich ohne ihn so malos glcklich geworden, wie ich es jetzt bin? Htte ich Heinrich jemals kennen gelernt? Und er  htte er jemals eine so liebende Braut gefunden?
Nun gut, liebe Rosa, ich will gern diese Auffassung mit dir teilen:  es mgen eure zwei beglckten Herzen gegen die vielen Tausende gebrochen in die Waagschale fallen ...
Nicht nur um Einzelsckicksale handelt es sich, Martha. Auch im groen und ganzen bringt der Krieg  fr jene, die siegen  einen groen Gewinn, also einem ganzen Volke. Man muss Heinrich darber reden hren. Er sagt, Preuen stehe jetzt gro da  in dem Heere herrsche allgemeiner Jubel und begeisterte Dankbarkeit und Liebe zu den Feldherren, die es zum Siege gefhrt ... dadurch ward der deutschen Gesittung, dem Handel, oder sagte er dem deutschen Wohlstand  ich wei nicht mehr genau ... die historische Mission ... kurz, man muss ihn reden hren.
Warum spricht dein Brutigam nicht lieber von eurer Liebe, statt von politischen und militrischen Dingen?
O, wir sprechen von allem  und alles, was er sagt, klingt mir wie Musik ... Ich fhle es ihm so gut nach, dass er stolz und selig ist, diesen Krieg fr Knig und Vaterland mitgefochten 
Und sich dabei als Beute ein so verliebtes Brutchen geholt zu haben, ergnzte ich.
Dem Vater gefiel sein knftiger Schwiegersohn sehr gut  und wem htte der prchtige junge Mensch nicht gefallen sollen? Er erteilte ihm jedoch seine Sympathie und seinen Segen unter allerlei Verwahrungen und Vorbehalt:
Sie sind mir als Mensch und Soldat und als Prinz in jeder Hinsicht schtzenswert, lieber Reuߓ, so sagte er zu wiederholten Malen und in verschiedenen Redewendungen, aber als preuischer Offizier kann ich Sie natrlich nicht leiden und ich behalte mir  trotz aller Familienverbindung  das Recht vor, nicht so sehr zu wnschen, als einen kommenden Krieg, in welchem sterreich die jetzige berrumpelung tchtig heimzahlt. Die politische Frage ist von der persnlichen ganz zu trennen. Mein Sohn wird einst  Gott walte, dass ichs erlebe  gegen das Land Preuen zu Felde ziehen; ich selbst, wenn ich nicht zu alt wre und wenn mein Kaiser mich dazu beriefe, bernhme gleich ein Kommando, um Wilhelm I. und besonders, um Ihren arroganten Bismarck zu bekriegen. Dies verschlgt nicht, dass ich die militrischen Tugenden der preuischen Armee und die strategische Kunst ihrer Fhrer anerkenne und dass ich es ganz natrlich finden wrde, wenn Sie im nchsten Feldzug, an der Spitze eines Bataillons, unsere Hauptstadt erstrmen wollten und das Haus anznden lieen, in welchem Ihr Schwiegervater wohnt  kurz 
Kurz, die Konfusion der Gefhle ist eine heillose, unterbrach ich einmal eine solche Rhapsodie  die Widersprche und Gegenstze verschlingen einander darin wie die Infusorien in einem faulenden Wassertropfen ... So geht es immer, wenn widerstreitende Begriffe zusammengepfercht werden. Ein Ganzes hassen und seine Teile lieben;  als Mensch so und als Landesangehriger so denken wollen  das geht nicht: entweder  oder. Da lobe ich mir den Botokudenhuptling: der empfindet fr die Anhnger eines anderen Stammes  von denen er nicht einmal wei, dass sie Individuen sind  weiter nichts, als den Wunsch, sie zu skalpieren.
Aber Martha, mein Kind, solche wilde Gefhle passen doch nicht zu dem gesitteten und humaner gewordenen Stand unserem Kultur.
Sage lieber, der Stand unserer Kultur passt nicht zu der aus alten Zeiten uns berkommenen Wildheit. So lange diese  das heit so lange der Kriegsgeist nicht abgeschttelt ist, lsst sich unsere vielgepriesene Humanitt nicht _vernnftig_ vertreten. Denn du wirst doch deine eben gehaltene Rede, in welcher du dem Prinzen Heinrich versicherst, dass du ihn als Schwiegersohn lieben und als Preuen hassen willst, als Mensch hoch schtzen und als Oberleutnant verabscheuen, dass du ihm gern deinen vterlichen Segen gibst und zugleich ihm das Recht einrumst, gelegentlich auf dich zu schieen  verzeih, lieber Vater, aber diese Rede wirst du doch nicht fr vernnftig ausgeben?
Was sagst du? Ich versteh kein Wort ...
Die beliebte Schwerhrigkeit hatte sich wieder rechtzeitig eingestellt.
~
Nach wenigen Tagen wurde es wieder still auf Grumitz. Unsere Einquartierung musste abziehen und auch Konrad wurde zu seinem Regiment befohlen. Lori Griesbach und der Minister waren schon frher abgereist.
Die Hochzeit meiner beiden Schwestern ward auf den Oktober verlegt. Beide sollten am selben Tage in Grumitz getraut werden. Prinz Heinrich wollte den Dienst verlassen; jetzt nach diesem glorreichen Feldzuge, in welchem er sich Befrderung geholt, konnte er dies leicht tun, um sich auf seinen Lorbeeren und auf seinen Besitzungen auszuruhen.
Der Abschied der zwei Liebespaare war ein schmerzlicher und glcklicher zugleich. Man versprach, sich tglich zu schreiben, und die sichere Aussicht auf das nahe Glck lie das Scheideweh nicht recht aufkommen.
_Sichere_ Aussicht auf Glck? ... Die gibt es eigentlich nie  doch zu Kriegszeiten am allerwenigsten. Da schwebt das Unglck so dicht wie Heuschreckenschwrme in der Luft; und die Chancen, auf einem Fleckchen zu stehen, welches von der niedergehenden Geiel verschont bleibt, sind gar geringe.
Freilich  der Krieg war aus. Das heit, man hatte erklrt, dass der Frieden geschlossen sei. Ein Wort gengt, die Schrecknisse zu entfesseln, und da meint man wohl auch, ein Wort knne gengen, dieselben sogleich wieder aufzuheben  doch dies vermag kein Machtspruch. Die Feindseligkeiten werden eingestellt, aber die Feindseligkeit dauert fort. Der Samen fr knftige Kriege ist gestreut und die Frucht des eben beendigten Krieges entfaltet sich weiter: Elend, Verwilderung, Seuchen. Ja, da half kein Leugnen und Nicht-dran-denken mehr:  die Cholera wtete im Lande.
Es war am Morgen des 8. August. Wir saen alle um den Frhstckstisch unter der Veranda und lasen unsere eben eingelaufenen Postsachen. Die zwei Brute fielen ber die an sie gerichteten Liebesbriefe her  ich bltterte in den Zeitungen. Aus Wien die Nachricht:

    Die Cholera-Sterbeflle mehren sich bedenklich; nicht nur in den Militr-, auch in den Zivilspitlern sind schon viele Erkrankungen signalisiert, die als echte _cholera asiatica_ bezeichnet werden mssen, und die energischsten Maregeln werden allenthalben ergriffen, um der Verbreitung der Epidemie zu steuern.

Ich wollte die Stelle laut vorlesen, als Tante Marie, welche den Brief einer Freundin aus einem Nachbarschlosse in den Hnden hielt, erschreckt aufschrie:
Entsetzlich! Betti schreibt mir, dass in ihrem Hause zwei Personen an der Cholera gestorben sind und jetzt auch ihr Mann erkrankt sei.
Exzellenz, der Lehrer wnscht Sie zu sprechen.
Hinter dem Diener trat auch schon der Gemeldete heran. Er sah bleich und verstrt aus:
Herr Graf, ich zeige ergebenst an, dass ich die Schule schlieen muss. Gestern sind zwei Kinder erkrankt und heute  gestorben.
Die Cholera? riefen wir.
Ich denke wohl ... wir mssens beim Namen nennen. Die sogenannte Ruhr, welche unter den Soldaten, die hier einquartiert wurden, ausbrach und der schon zwanzig Mann erlegen sind  es war die Cholera. Im Dorf herrscht groer Schrecken, denn der Doktor, der aus der Stadt hierher gekommen, hat unverhohlen gesagt, dass die schreckliche Krankheit nunmehr zweifellos die hiesige Bevlkerung ergriffen hat.
Was ist das? fragte ich aufhorchend  man hrt luten.
Das ist das Sterbeglckchen, Frau Baronin, antwortete der Schulmeister. Es wird wohl wieder jemand in den letzten Zgen liegen ... Der Doktor hat erzhlt, dass in der Stadt die Sterbeglocke gar nicht mehr aufhrt zu klingen 
Wir blickten einander alle in der Runde an  stumm und bleich. Hier war er also wieder  der Tod  und jeder von uns sah dessen kncherne Hand nach dem Haupte eines Teuern ausgestreckt.
Fliehen wir! schlug Tante Marie vor.
Fliehen, wohin? entgegnete der Lehrer. Ringsum ist ja das bel schon verbreitet.
Weit, weit weg  ber die Grenze 
Da wird wohl ein Kordon errichtet werden, ber den man nicht hinaus kann.
Das wre ja entsetzlich! Man wird doch die Leute nicht hindern, ein verseuchtes Land zu verlassen?
Gewiss  die gesunden Gegenden werden sich gegen Einschleppung verwahren.
Was tun, was tun?! Und Tante Marie rang die Hnde.
Den Willen Gottes abwarten, antwortete mein Vater mit einem tiefen Seufzer. Du bist doch sonst so bestimmungsglubig, Marie  ich verstehe deine Fluchtsehnsucht nicht. Eines jeden Menschen Schicksal erreicht ihn, wo er immer sei ... Aber immerhin  mir wre es auch lieber, wenn ihr Kinder abreisen wrdet  und du Otto, dass du mir kein Obst mehr anrhrst.
Ich werde sogleich an Bresser telegraphieren, sagte Friedrich, dass er uns Desinfektionsmittel sende ...
Was dann spter folgte, ich kann es nicht mehr in seinen Einzelheiten erzhlen, denn die Frhstcksepisode war die letzte, die ich zu jener Zeit in die roten Hefte eingetragen. Nur aus dem Gedchtnis kann ich die Ereignisse der nchsten Tage berichten. Furcht und Bangen erfllte uns alle, alle. Wer knnte zur Zeit der Epidemie nicht zittern, wenn man unter teuern Wesen lebt? ber dem lieben Haupte eines jeden schwebt ja das Damoklesschwert  und auch selber sterben, so furchtbar und so unntz sterben  wem sollte der Gedanke nicht Grauen einflen? Der Mut besteht hchstens _darin_, nicht daran zu denken.
Fliehen? Diese Idee war mir auch gekommen  besonders meinen kleinen Rudolf in Sicherheit zu bringen ...
Mein Vater, trotz allem Fatalismus, bestand auf der Flucht der anderen. Am kommenden Tage sollte die ganze Familie fort. Nur er wollte bleiben, um seine Hausleute und die Einwohnerschaft des Dorfes in der Gefahr nicht zu verlassen. Friedrich erklrte auf das bestimmteste, auch bleiben zu wollen, und da war mein Entschluss gleichfalls gefasst: von des Gatten Seite wrde ich freiwillig nimmer weichen.
Tante Marie mit den beiden Mdchen und mit Otto und Rudolf sollten schleunigst abreisen. Wohin?  das war noch nicht bestimmt  vorlufig nach Ungarn, so weit wie mglich. Die Brute widersetzten sich durchaus nicht, sondern halfen emsig packen ... Sterben  wenn in naher Zukunft die Erfllung heier Liebessehnsucht, das heit verzehnfachte Lebenswonne winkt, das hiee ja zehnfach sterben.
Die Koffer wurden in den Speisesaal gebracht, damit, unter der Beihilfe aller, die Arbeit schneller von statten gehe. Ich brachte einen Pack von Rudolfs Kleidern auf dem Arm herbei.
Warum tut das nicht deine Jungfer? fragte der Vater.
Ich wei nicht, wo die Netti steckt ... ich klingelte ihr schon mehreremal und sie kommt nicht ... So bediene ich mich lieber selber 
Du verdirbst deine Leute, sagte mein Vater aufgebracht und er gab einem anwesenden Diener Befehl, das Mdchen berall zu suchen und augenblicklich hierher zu fhren.
Nach einer Weile kam der Ausgesandte zurck  mit verstrter Miene.
Die Netti liegt in ihrem Zimmer ... sie ist ... sie hat ... sie ist ...
Kannst du nicht sprechen? donnerte ihn mein Vater an. Was ist sie ?
 Schon  ganz schwarz.
Ein Schrei kam aus unser aller Munde. Und so war es denn da  das grause Gespenst  in unserem Hause selber ...
Was nun tun? Konnte man das unglckliche Mdchen hilflos sterben lassen? Aber, wer sich ihr nahte, holte sich fast sicher den Tod  und nicht nur sich  er gab ihn dann wieder den anderen weiter.  Ach, so ein Haus, in welches die Seuche eingezogen, das ist, als wre es von Rubern umzingelt oder als stnde es in Flammen  berall, an allen Ecken und Enden  auf jedem Schritt und Tritt grinst der Tod  
Hole augenblicklich den Arzt, befahl mein Vater zunchst. Und ihr, Kinder, beschleunigt eure Abfahrt ...
Der Herr Doktor ist seit einer Stunde nach der Stadt zurckgefahren, antwortete der Diener auf meines Vaters Weisung.
Weh ... mir wird bel! kam es jetzt von Lilli, welche bis in die Lippen erbleichte und sich an eine Sessellehne anklammerte.
Wir sprangen ihr bei:
Was hast du? ... Sei nicht tricht ... das ist die Angst ...
Aber es war nicht die Angst, es war  kein Zweifel: wir mussten die Unglckliche auf ihr Zimmer bringen, wo sie sogleich von heftigen Erbrechungen und den brigen Symptomen ergriffen wurde  es war an diesem Tage der zweite Cholerafall im Schlosse.
Entsetzlich war es anzusehen, was die arme Schwester litt. Und kein Doktor da! Friedrich war der einzige, der, so gut es ging, das Amt eines solchen versah. Er ordnete das Ntige an: warme Umschlge, Senfteig auf den Magen und an die Beine  Eisstckchen  Champagner. Nichts half. Die fr leichte Choleraanflle ausreichenden Mittel, hier konnten sie nicht retten. Wenigstens gaben sie der Kranken und den Umstehenden den Trost, dass etwas geschah. Nachdem die Anflle nachgelassen, kamen die Krmpfe an die Reihe  ein Zucken und Zerren der ganzen Gestalt, _dass die Knochen krachten_. Die Unselige wollte jammern: sie konnte nicht  denn die Stimme versagte ... die Haut wurde blulich und kalt  der Atem stockte   Mein Vater rannte hnderingend auf und nieder. Einmal stellte ich mich ihm in den Weg:
Das ist der Krieg, Vater! sagte ich. Willst du den Krieg nicht verfluchen?
Er schttelte mich ab und gab keine Antwort.
Nach zehn Stunden war Lilli tot.  Netti, das Stubenmdchen, war schon frher gestorben  allein auf ihrem Zimmer; wir alle waren um Lilli beschftigt gewesen und von der Dienerschaft hatte sich niemand in die Nhe der schon ganz Schwarzen gewagt ...
~
Mittlerweile war Doktor Bresser angekommen. Die telegraphisch verlangten Medikamente brachte er selber. Ich htte ihm die Hand kssen mgen, als er unerwartet in unsere Mitte trat, um den alten Freunden seine aufopfernden Dienste zu weihen. Er bernahm sofort den Oberbefehl des Hauses. Die zwei Leichen lie er in eine entfernte Kammer schaffen, sperrte die Zimmer ab, in welchen die Armen gestorben und unterzog uns alle einer krftigen desinfizierenden Prozedur. Ein intensiver Karbolgeruch erfllte nunmehr alle Rume, und heute noch, wenn mir dieser Geruch entgegenweht, steigen jene Cholera-Schreckenstage vor meinem Geiste auf.
Die geplante Flucht musste ein zweites Mal unterbleiben. Schon stand am Tage nach Lillis Tode der Wagen bereit, welcher Tante Marie, Rosa, Otto und meinen Kleinen fortfhren sollte, als der Kutscher  von dem unsichtbaren Wrger erfasst, wieder vom Kutschbock absteigen musste.
Also will ich euch fahren, sagte mein Vater, als ihm diese Nachricht gebracht wurde. Schnell  ist alles bereit? ...
Rosa trat vor:
Fahret, sagte sie  ich muss bleiben ... ich ... folge der Lilli  
Und sie sprach wahr. Bei Tagesanbruch wurde auch diese zweite junge Braut in die  Leichenkammer gebracht.
Natrlich war in dem Schrecken dieses neuen Unglcksfalles die Abreise der anderen nicht ausgefhrt worden.
Mitten in meinem Schmerze, meiner tobenden Angst, ergriff mich auch wieder der tiefste Zorn gegen jene Riesentorheit, welche _solches_ bel freiwillig heraufbeschwrt. Mein Vater war, als sie Rosas Leichnam hinausgetragen, in die Knie gefallen, den Kopf an die Mauer ...
Ich trat hin und packte ihn beim Arm:
Vater, sagte ich  das ist der Krieg.
Keine Antwort.
Hrst du, Vater?  Jetzt oder nie: _willst_ du den Krieg verfluchen?
Er aber raffte sich auf:
Du erinnerst mich daran ... dieses Unglck will mit Soldatenmut getragen werden ... Nicht ich allein! das ganze Vaterland hat Blut- und Trnenopfer bringen mssen 
Was hat denn dem Vaterland dein und deiner Brder Leid gefrommt? Was frommen ihm die verlorenen Schlachten, was diese beiden geknickten Mdchenleben?  Vater  o tue mir die Liebe: fluche dem Krieg! Sieh her, ich zog ihn zum Fenster hin  eben wurde auf einem Karren ein schwarzer Sarg in den Hof gerollt: sieh her  das ist fr unsere Lilli  und morgen ein gleicher fr unsere Rosa ... und bermorgen vielleicht ein dritter  und warum, warum?!
Weil Gott es so gewollt, mein Kind 
Gott  immer Gott! ... dass sich doch alle Torheit, alle Wildheit, alle Gewaltttigkeit der Menschen stets hinter diesem Schilde birgt! Gottes Wille.
Lstere nicht, Martha, jetzt lstre nicht, da Gottes strafende Hand so sichtbar 
Ein Diener kam herbeigerannt:
Exlenz  der Tischler will den Sarg nicht in die Kammer tragen, wo die Komtessen liegen  und niemand traut sich hinein 
Auch du nicht, Feigling?
Ich kann nicht allein 
So werde ich dir helfen  ich will meine Tochter selber ... Und er schritt zur Tr. Zurck! schrie er mich an, da ich ihm folgen wollte. Du darfst nicht mit  du darfst mir nicht auch noch sterben ... und denke an dein Kind!
Was tun? Ich schwankte ... Das ist das qulendste in solchen Lagen; nicht einmal zu wissen, wo die Pflicht liegt. Leistet man den Kranken und den Toten die Liebesdienste, zu welchen das Herz drngt, so schleppt man den Keim des bels wieder weiter und bringt den anderen, den noch verschonten, die Gefahr. Man wollte _sich_ opfern, wei aber, dass man mit diesem Wagnis auch andere hinzuopfern wagt.
ber solches Dilemma kann nur eines hinaushelfen: mit dem Leben abschlieen  nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit demjenigen seiner Teuren  annehmen, dass alle zu Grunde gehen  und eins dem anderen, so lange es geht, in den Leidensstunden beistehen. Rcksicht, Vorsicht  das alles muss aufhren: Zusammen!  an Bord eines untergehenden Schiffes  Rettung gibt es keine  halten wir uns umfangen, eng, recht eng aneinander  bis zum letzten Augenblick  und: schne Welt, ade!
Diese Resignation war ber uns alle gekommen; die Fluchtplne hatte man aufgegeben; jeder ging an jedes Kranken und jedes Toten Lager; sogar Bresser versuchte nicht mehr, uns dieses Verhalten  das einzig menschliche  zu wehren. Seine Nhe, sein energisches, rastloses Schalten gab uns das einzige Sicherheitsgefhl  wenigstens war unser sinkendes Schiff nicht ohne Kapitn.
Ach, diese Choleraseuche in Grumitz! ... ber zwanzig Jahre sind seither vergangen, aber noch schaudert es mir durch Mark und Bein, wenn ich daran zurckdenke. Trnen, Wimmern, herzzerreiende Sterbeszenen  der Karbolgeruch, das Knochenknarren der Krampfbefallenen, die ekelhaften Symptome, das unaufhrliche Geklingel des Totenglckleins, die Begrbnisse  nein: Verscharrungen  denn in solchen Fllen gibt es keinerlei Trauerpomp;  die ganze Lebensordnung aufgegeben: keine Mahlzeiten  die Kchin war gestorben  kein Schlafengehen des Nachts  hier und da ein stehend eingenommener Bissen, und in den Morgenstunden ein sitzendes Einnicken. Drauen, wie eine Ironie der gleichgltigen Natur, das herrlichste Sommerwetter, frhlicher Amselschlag, ppiges Farbenglhen der Blumenbeete ... Im Dorfe ununterbrochenes Sterben  die zurckgebliebenen Preuen alle tot. Ich bin heute dem Totengrber begegnet, erzhlte Franz, der Kammerdiener, wie er mit einem leeren Wagen vom Friedhof zurckfuhr. Wieder ein paar hinausgeschafft? habe ich ihn gefragt. Ja, wieder sechs oder sieben ... alle Tag so ein halb Dutzend, manchmal auch mehr ... es kommt auch vor, dass einer oder der andere im Wagen drin noch a bissl muckst  aber tut nix  nur nein in die Gruben mit die Preuen!
Am folgenden Tag starb der Unmensch selber und ein anderer musste sein Amt  zur Zeit das angestrengteste im Ort  bernehmen. Die Post brachte nur Trbes; von berall her Nachrichten ber das Wten der Seuche und Liebesbriefe  ewig unbeantwortet bleibende Liebesbriefe  von dem nichts ahnenden Prinzen Heinrich. An Konrad hatte ich, um ihn auf das Frchterliche vorzubereiten, eine Zeile geschickt: Lilli sehr krank. Er konnte nicht augenblicklich kommen  der Dienst hielt ihn zurck. Erst am vierten Tage kam der Unselige ins Haus gestrzt:
Lilli? rief er  ist es wahr? Unterwegs hatte er das Unglck erfahren.
Wir bejahten.
Er blieb unheimlich still und trnenlos. Ich habe sie viele Jahre geliebt, sprach er nur leise vor sich hin. Dann laut:
Wo liegt sie?  Auf dem Friedhofe? ... Ich will sie besuchen ... lebt wohl ... sie erwartet mich ...
Soll ich mitkommen? frug ihn jemand.
Nein, ich gehe lieber allein.
Er ging  und wir sahen ihn nicht wieder. Am Grabe der Braut hat er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.
So endete Konrad Graf Althaus, Oberleutnant im 4. Husarenregiment, im siebenundzwanzigsten Lebensjahre.
Zu einer anderen Zeit htte die Tragik dieses Vorfalls viel erschtternder gewirkt, aber jetzt: wie viele junge Offiziere hatte der Krieg unmittelbar weggerafft  diesen mittelbar. Und in dem Augenblick, als wir von der Tat erfuhren, war in unserer Mitte ein neues Unglck ausgebrochen, das unsere ganze Herzensangst in Anspruch nahm: Otto  meines armen Vaters angebeteter, einziger Sohn  war von dem Wrgeengel gepackt.
Die ganze Nacht und den folgenden Tag dauerte sein Leiden  unter wechselndem Hoffen und Verzagen  um sieben Uhr abends war alles vorbei.
Mein Vater warf sich auf die Leiche mit einem so markerschtternden Schrei, dass es das ganze Haus durchdrhnte. Wir hatten Mhe, ihn von dem Toten fortzureien. Ach, und dieser Schmerzensjammer, der jetzt folgte: heulende, brllende, rchelnde Laute der Verzweiflung waren es, die der alte Mann stunden- und stundenlang ausstie ... Sein Sohn, sein Stolz, sein Otto, sein alles!
Auf diese Ausbrche folgte pltzlich starre, stumme Apathie. Dem Begrbnis seines Lieblings hatte er nicht beiwohnen knnen. Er lag auf einem Sofa regungslos und  beinahe schien es  bewusstlos. Bresser ordnete an, dass er entkleidet und zu Bett gebracht werde. Nach einer Stunde schien er sich zu beleben. Tante Marie, Friedrich und ich waren an seiner Seite. Er schaute eine Zeitlang mit fragendem Blick herum, dann setzte er sich auf und versuchte zu sprechen. Doch brachte er kein Wort hervor und rang mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Atem. Da begann es ihn zu schtteln und zu werfen, als wre er von jenen schauerlichen Krmpfen befallen, welche die letzten Symptome der Cholera sind, und doch hatten sich vorher keine der anderen Erscheinungen bei ihm gezeigt. Endlich brachte er ein Wort hervor: Martha.
Ich fiel kniend an der Bettseite nieder:
Vater, mein teurer, armer Vater! ...
Er erhob seine Hand ber meinem Scheitel:
Dein Wunsch ... sprach er mhsam  sei erfllt ... ich flu ich verfluch
Er konnte nicht weiter reden und sank in die Kissen zurck.
Mittlerweile war Bresser herbeigekommen und gab auf unser ngstliches Fragen Bescheid:
Ein Herzkrampf hatte meinen Vater gettet. 
Das Frchterlichste ist, sagte Tante Marie, nachdem wir ihn begraben, dass er mit einem Fluch auf den Lippen verschied.
Lass das gut sein, Tante, beruhigte ich sie. _Wenn_ dieser Fluch erst von aller  aller Lippen fiele, so wre das der Menschheit grter Segen.
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Das war die Cholerawoche von Grumitz! In einem Zeitraum von sieben Tagen zehn Bewohner des Schlosses dahingerafft: Mein Vater, Lilli, Rosa, Otto, meine Jungfer Netti, die Kchin, der Kutscher und zwei Stalljungen. Im Dorfe starben in derselben Zeit ber achtzig Personen.
Wenn man das so trocken hersagt, klingt es wie eine beachtenswerte statistische Notiz; wenn es in einem erzhlenden Buche steht  wie ein bertreibendes Phantasiespiel des Autors. Aber es ist weder so trocken wie das eine, noch so schauerromantisch wie das andere, es ist kalte, greifbare, trauerreiche Wirklichkeit.
Nicht Grumitz allein war in unserer Gegend so hart mitgenommen worden. Wer in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlsser nachblttern will, knnte daselbst viele hnliche Flle von Massenunglck finden. Da ist zum Beispiel  in der Nhe des Stdtchens Horn  das Schloss Stockern. Von der Familie, die es bewohnte, sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866, gleichfalls nach Abmarsch der preuischen Einquartierung, vier Mitglieder  der zwanzigjhrige Rudolf, dessen Schwestern Emilie und Bertha, Onkel Candid  und auerdem fnf Personen Dienerschaft  der Seuche erlegen. Die jngste Tochter, Pauline von Engelshofen, blieb verschont. Dieselbe hat sich in der Folge mit einem Baron Suttner vermhlt  auch sie erzhlt heute noch mit Schaudern von der Cholerawoche in Stockern.
Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation ber mich gekommen, dass ich stndlich erwartete, der Tod  in dessen Zeichen das Land seit zwei Monaten stand  werde nun mich selber und meine anderen dahinraffen. Mein Friedrich  mein Rudolf: ich beweinte sie schon im voraus.  Bei alledem, mitten in meinem Harme, hatte ich doch se Augenblicke. Das war, wenn ich an meines Gatten Brust gelehnt, von ihm liebend umschlungen, mein Leid an seinem treuen Herzen ausweinen durfte. Wie sanft er da  nicht Trost-, aber Worte des Mitschmerzes und der Liebe zu mir sprach, es wurde mir dabei so warm und weit ums eigne Herz ... Nein, die Welt ist nicht so schlecht  musste ich unwillkrlich denken  die Welt ist nicht ganz Jammer und Grausamkeit: es lebt in ihr das Mitleid und die Liebe ... freilich erst in einzelnen Seelen, nicht als allgltiges Gesetz und als obwaltender Normalzustand  aber doch vorhanden; und so wie diese Regungen uns zwei durchglhen, mit ihrer milden Rhrung selbst diese Schmerzenszeit versend  so wie sie noch in vielen anderen, ja in den meisten Seelen wohnen, so werden sie einst zum Durchbruch gelangen und das allgemeine Verlangen der Menschenfamilie beherrschen: die Zukunft gehrt der Gte.
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Wir verbrachten den Rest des Sommers in der Nhe von Genf. Es war Doktor Bressers berredungskunst doch gelungen, uns zur Flucht aus der verseuchten Gegend zu bewegen. Anfangs strubte ich mich dagegen, die Grber der Meinen so rasch zu verlassen und war berhaupt, wie gesagt, von solcher Todesergebung erfllt, dass ich ganz apathisch geworden und jeden Fluchtversuch fr unntz hielt;  aber schlielich musste Bresser dennoch siegen, als er mir vorhielt, dass es meine Mutterpflicht sei, den kleinen Rudolf so gut wie mglich der Gefahr zu entreien.
Dass wir als Zufluchtsort die Schweiz gewhlt, geschah auf Friedrichs Wunsch. Er wollte sich mit den Mnnern bekannt machen, welche das Rote Kreuz ins Leben gerufen und an Ort und Stelle ber den Verlauf der stattgehabten Konferenzen, sowie ber die weiteren Ziele der Konvention sich unterrichten.
Seinen Abschied vom Militrdienst hatte Friedrich eingereicht, und vorlufig, bis zur Erledigung des Gesuches, einen halbjhrigen Urlaub erhalte. Ich war nun reich geworden, sehr reich. Der Tod meines Vaters und meiner drei Geschwister hatte mich in den Besitz von Grumitz und des smtlichen Familienvermgens gesetzt.
Sieh her, sagte ich zu Friedrich, als mir vom Notar die Besitzdokumente bermittelt wurden. Was wrdest du dazu sagen, wenn ich den stattgehabten Krieg nun preisen wollte, wegen dieses durch seine Folgen mir zugefallenen Vorteils?
Dann wrst du meine Martha nicht! Doch  ich verstehe, was du sagen willst. Der herzlose Egoismus, der sich ber materiellen Gewinn zu freuen vermag, welcher aus dem Verderben anderer sprosst  diese Regung, die der einzelne, wenn er wirklich niedrig genug ist, sie zu fhlen, doch sorgfltig zu verbergen trachtet  zu der bekennen sich stolz und offen Nationen und Dynastien: Tausende sind unter unsglichem Leid zu Grunde gegangen  aber wir haben dadurch an Territorium, an Macht gewonnen: dem Himmel sei Dank fr den glcklichen Krieg.
Wir lebten sehr still und zurckgezogen in einer kleinen, am Ufer des Sees gelegenen Villa. Ich war von den durchgemachten Ereignissen so gedrckt, dass ich durchaus mit keinem fremden Menschen Umgang haben wollte. Friedrich respektierte meine Trauer und versuchte gar nicht, das banale Mittel Zerstreuung dagegen vorzuschlagen. Ich war es den Grumitzer Grbern schuldig  das sah mein zartfhlender Gatte wohl ein  ihnen eine Zeitlang in aller Stille nachzuweinen. Die der schnen Welt so rasch und grausam Entrissenen sollten nicht auch noch der Erinnerungssttte, die sie in meinem trauernden Herzen hatten, ebenso rasch und kalt beraubt werden.
Friedrich selber ging oft in die Stadt, um dort den Zweck seines hiesigen Aufenthaltes, das Studium der Rote-Kreuz-Frage zu betreiben. Von den Ergebnissen dieses Studiums habe ich keine klare Erinnerung mehr; ich fhrte damals kein Tagebuch, und so ist mir meist wieder entfallen, was mir Friedrich von seinen betreffenden Erfahrungen mitteilte. Nur eines Eindruckes erinnere ich mich deutlich, den mir die ganze Umgebung machte: die Ruhe, die Unbefangenheit, die heitere Geschftigkeit aller Leute, die ich zufllig sah  als lebte man mitten in friedlichster, gemtlichster Zeit. Fast nirgends ein Echo von dem stattgehabten Krieg, hchstens in anekdotischem Tone, wie wenn derselbe ein interessantes Ereignis mehr abgegeben htte  weiter nichts  das neben dem brigen Europaklatsch vorteilhaft Gesprchsstoff lieferte;  als htte das grausige Kanonendonnern auf den bhmischen Schlachtfeldern nichts Tragischeres an sich als eine neue Wagnersche Oper.
Das Ding gehrte nunmehr der Geschichte an, hatte einige Landkarten-Umnderungen zur Folge  aber dessen Schauerlichkeit war aus dem Bewusstsein geschwunden  in das der Unbeteiligten vielleicht niemals gedrungen ... vergessen, verschmerzt, verwischt. Ebenso die Zeitungen  ich las zumeist franzsische Bltter:  alles Interesse auf die fr 1867 sich vorbereitende Pariser Weltausstellung, auf die Hoffeste in Compigne, auf literarische Persnlichkeiten (es tauchten ein paar neue vielbestrittene Talente auf: Flaubert, Zola), auf Theaterereignisse: eine neue Oper von Gounod  eine von Offenbach der Hortense Schneider zugedachte Glanzrolle u. dgl. gerichtet. Das kleine pikante Duell, welches die Preuen und sterreicher _l-bas en Bohme_ ausgefochten, das war schon eine etwas verjhrte Angelegenheit ... O, was drei Monate zurckliegt oder dreiig Meilen entfernt ist, was nicht im Bereich des Jetzt und des Hier sich abspielt, dort reichen die kurzen Fhlhrnchen des menschlichen Herzens und des menschlichen Gedchtnisses nicht hin.
Gegen Mitte Oktober verlieen wir die Schweiz. Wir begaben uns nach Wien zurck, wo die Abwicklung der Verlassenschaftsangelegenheiten meine Anwesenheit erheischte. Nach Erledigung dieser Geschfte beabsichtigten wir, uns auf lngere Zeit in Paris niederzulassen. Friedrich fhrte im Sinn, der Idee der Friedensliga nach Krften die Wege zu ebnen, und er war der Ansicht, dass die bevorstehende Weltausstellung die beste Gelegenheit biete, einen Kongress der Friedensfreunde zu veranstalten; auch hielt er Paris fr den geeignetsten Ort, eine internationale Sache wirksam zu vertreten.
Das Kriegshandwerk habe ich niedergelegt, sagte er, und zwar habe ich das aus einer im Kriege selber gewonnenen berzeugung getan. Fr diese berzeugung nun will ich wirken. Ich trete in den Dienst der Friedensarmee. Freilich noch ein ganz kleines Heer, dessen Streiter keine andere Wehr und Waffen haben als den Rechtsgedanken und die Menschenliebe. Doch alles, was in der Folge gro geworden, hat klein und unscheinbar begonnen.
Ach, seufzte ich dagegen, es ist ein hoffnungsloses Beginnen. Was willst du  einzelner  erreichen, gegen jenes mchtige, jahrtausendalte, von Millionen Menschen verteidigte Bollwerk?
Erreichen? Ich? ... Wahrlich, so unvernnftig bin ich nicht, zu hoffen, dass ich persnlich eine Umgestaltung herbeifhren werde. Ich sagte ja nur, dass ich in die _Reihen_ der Friedensarmee eintreten wolle. Habe ich etwa, als ich im Kriegsheer stand, gehofft, dass ich das Vaterland retten, dass ich eine Provinz erobern wrde? Nein, der einzelne kann nur _dienen_. Mehr noch; er muss dienen. Wer von einer Sache durchglht ist, der kann nicht anders als fr sie wirken, als fr sie sein Leben einsetzen  wenn er auch wei, wie wenig dieses Leben an und fr sich zum Siege beitragen kann. Er dient, weil er muss: nicht nur der Staat  auch die eigene berzeugung, wenn sie begeistert ist, legt eine Wehrpflicht auf.
Du hast recht. Und wenn endlich Millionen Begeisterter dieser Wehrpflicht gengen, dann muss jenes von seinen Verteidigern verlassene, jahrtausendalte Bollwerk auch zusammenfallen.
Von Wien aus machte ich eine Pilgerfahrt nach Grumitz  dessen Herrin ich nun geworden. Doch ich betrat gar nicht das Schloss. Nur auf dem Friedhof legte ich vier Krnze nieder und fuhr wieder zurck.
Nachdem meine wichtigsten Geschfte geordnet waren, schlug Friedrich eine kleine Reise nach Berlin vor, um der beklagenswerten Tante Kornelie einen Besuch zu machen. Ich willigte ein. Fr die Dauer unserer Abwesenheit bergab ich meinen kleinen Sohn der Aufsicht Tante Mariens. Letztere war durch die Ereignisse der Grumitzer Cholerawoche unbeschreiblich niedergedrckt. Ihre ganze Liebe, ihr ganzes Lebensinteresse bertrug sie jetzt auf meinen kleinen Rudolf. Ich hoffte auch, dass es sie ein wenig zerstreuen und aufrichten werde, das Kind eine Zeitlang bei sich zu haben.
Am 1. November verlieen wir Wien. In Prag unterbrachen wir unsere Reise, um zu bernachten. Tags darauf, statt die Reise nach Berlin fortzusetzen, machten wir eine neue Pilgerfahrt.
Allerseelentag! sagte ich, als mein Blick auf das Datum eines mit dem Frhstck in unser Hotelzimmer gebrachten Zeitungsblattes fiel.
Allerseelen  wiederholte Friedrich. Wieviel arme Tote hier auf den nahen Schlachtfeldern, denen nicht einmal dieser Grber-Ehrentag zugute kommt  weil sie keine Grber haben ... Wer wird sie besuchen?
Ich sah ihn eine Weile schweigend an. Dann halblaut:
Willst du?
Er nickte. Wir hatten uns verstanden, und eine Stunde spter waren wir auf dem Weg nach Chlum und Kniggrtz.
~
Welch ein Anblick!
Eine Elegie Tiedges kam mir in den Sinn:

  _Welch ein Anblick! Hierher, Volksregierer!
  Hier bei dem verwitternden Gebein
  Schwre, deinem Volk ein sanfter Fhrer,
  Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.

  Hier schau her, wenn dich nach Ruhme drstet,
  Zhle diese Schdel, Vlkerhirt,
  Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfrstet,
  In die Stille niederlegen wird.

  Lass im Traum das Leben dich umwimmern,
  Das hier unterging in starres Grauen;
  Ist es denn so lockend, sich mit Trmmern
  In die Weltgeschichte einzubauen?_

Leider ja, es ist verlockend, so lang die Weltgeschichte  das heit diejenigen, welche sie schreiben  die Heldenstandbilder aus Kriegstrmmern aufbauen, so lang sie den Titanen des Vlkermordes Krnze reichen. Auf den Lorbeerkranz verzichten, dem Ruhme entsagen, wre edel  meint der Dichter? Erst werde das Ding, auf das zu verzichten so _wohlttig_ erschiene, seines Nimbus entkleidet und kein Ehrgeiziger wird mehr danach greifen.
Es dmmerte schon, als wir in Chlum ankamen und von da, Arm in Arm, in schweigendem Schauer, dem nahen Schlachtfelde zuschritten. Es fiel ein mit ganz kleinen Schneeflocken gemischter Nebel, und die kahlen ste der Bume bogen sich unter dem schrill klagenden Pfeifen eines kalten Novemberwindes. Massen von Grbern und Massengrber rings umher. Aber ein _Friedhof?_ Nein. Da hatte man keine mden Lebenspilger zur Ruhe friedlich hingebettet, da wurden mitten in ihrem jugendlichen Lebensfeuer, in ihrer vollsten Manneskraft strotzende Zukunftsanwrter gewaltsam niedergeworfen und mit Grabeserde berschaufelt. Verschttet, erstickt, auf ewig stumm gemacht  alle die brechenden Herzen, die blutig zerfetzten Glieder, die bitterlich weinenden Augen  die wilden Verzweiflungsschreie, die vergeblichen Gebete ...
Einsam war es auf diesem Kriegsacker nicht. Viele, viele hatte der Allerseelentag hierhergebracht  aus Freundes- und aus Feindesland  welche gekommen waren, auf der Sttte niederzuknien, wo ihr Liebstes gefallen. Schon der Zug, mit dem wir gekommen, war mit anderen Trauernden gefllt gewesen  und so hatte ich schon mehrere Stunden lang um mich jammern und klagen gehrt. Drei Shne  drei Shne ... einer schner und besser und lieber als der andere  habe ich bei Sadowa verloren! erzhlte uns ein ganz gebrochen aussehender alter Mann. Noch mehrere andere der Wagengenossen mischten ihre Klagen dazu: um den Bruder, den Gatten, den Vater.  Aber von allen diesen hat mir keiner solchen Eindruck gemacht, wie das trnenlose, dumpfe Drei Shne, drei Shne! des armen Alten.
Auf dem Felde selbst sah man von allen Seiten, auf allen Wegen schwarze Gestalten, gehen, oder knien  oder mhsam weiter schwanken, mitunter laut aufschluchzend zusammenbrechen. Es waren nur wenig Einzelgrber da, nur wenig inschrifttragende Kreuze oder Steine. Wir bckten uns und entzifferten, so gut das Dmmerlicht es noch gestattete, einige Namen.
Major von Reu vom 2. preuischen Garderegiment.
Vielleicht ein Verwandter vom Brutigam unserer armen Rosa, bemerkte ich.
Graf Grnne  Verwundet 3. Juli  gestorben 5. Juli ...
Was mag er in den zwei Tagen gelitten haben! ... Ob das wohl ein Sohn des Grafen Grnne war, der vor dem Krieg den bekannten Satz geuert: Mit nassen Fetzen werden wir die Preuen verjagen? Ach wie wahnwitzig und frevlerisch, wie schrill misstnig klingt doch jedes vor dem Kriege gesprochene Aufreizungswort, wenn man sichs an _solcher_ Stelle wiederholt! Worte:  weiter nichts  Prahlworte, Hohnworte, Drohworte  gesprochen, geschrieben und gedruckt  _die_ nur haben dieses Feld bestellt ...
Wir gehen weiter. berall mehr oder minder hohe, mehr oder minder breite Erdhgel ... auch da, wo der Boden nicht erhaben ist, auch unter unseren Fen modern vielleicht Soldatenleichen   
Immer dichter rieselt der Nebel:
Friedrich  setze doch deinen Hut auf: du wirst dich erklten.
Friedrich aber blieb unbedeckt  und ich wiederholte meine Mahnung kein zweites Mal.
Unter den Leidtragenden, die hier umherwandelten, befanden sich auch viele Offiziere und Soldaten; wahrscheinlich solche, die den heien Tag von Kniggrtz selber mitgemacht und jetzt an die Stelle gepilgert waren, wo ihre gefallenen Kameraden ruhten.
Jetzt waren wir an den Platz gelangt, wo die meisten Krieger  Freund und Feind nebeneinander  begraben lagen. Der Platz war  wie ein Kirchhof  umfriedigt. Hierher strmte die grte Anzahl der Trauernden, denn auf dieser Stelle war es am wahrscheinlichsten, dass die von ihnen Beweinten da begraben seien. An dieser Umfriedigung knieten und schluchzten die Beraubten, hier hingen sie ihre Krnze und ihre Grablaternen auf.
Ein groer schlanker Mann, von vornehmer jugendlicher Gestalt, in einen Generalsmantel gehllt, kam auf den Tumulus zu. Die anderen wichen vor der Stelle ehrerbietig zurck, und ich hrte einige Stimmen flstern:
Der Kaiser ...
Ja, es war Franz Joseph. Der Landesherr, der oberste Kriegsherr war es, der da am Allerseelentag gekommen war, fr seine toten Landeskinder, fr seine gefallenen Krieger ein stilles Gebet zu verrichten. Auch er stand unbedeckten, gebeugten Hauptes da, in schmerzerfllter Ehrerbietung von der Majestt des Todes. Lange, lange blieb er unbeweglich.  Ich konnte mein Auge nicht von ihm wenden. Was mochten fr Gedanken durch seine Seele ziehen  was fr Gefhle durch sein Herz, welches doch  das wusste ich  ein gutes und ein weiches Herz war? Es berkam mich, als knnte ich ihm nachfhlen, als knnt ich gleichzeitig mit ihm die Gedanken denken, die seinen gesenkten Kopf durchkreuzten:
... Ihr, meine armen Tapferen ... gestorben ... und wofr? ... Wir haben ja nicht gesiegt ... mein Venedig! Verloren ... so vieles, so vieles verloren ... auch euer junges Leben ... Und ihr habt es so opfermutig hergegeben ... fr mich ... O knnte ich es euch zurckgeben! Ich, fr mich, habe ja das Opfer nicht begehrt  fr euch, fr euer Land, ihr meine Landeskinder, seid ihr in diesen Krieg gefhrt wrden ... Und nicht durch mich ... wenn es auch auf meinen Befehl geschehen  hab ich denn nicht befehlen _mssen?_ Nicht meinetwillen sind die Untertanen da  nein, ihretwillen bin ich auf den Thron berufen ... und jede Stunde wre ich bereit, fr meines Volkes Wohl zu sterben ... O, htte ich meinem Herzensdrang gefolgt und nimmer ja gesagt, wenn sie alle um mich herum riefen: Krieg, Krieg!... Doch  konnte ich mich widersetzen? Gott ist mein Zeuge, ich konnte nicht ... Was mich drngte, was mich zwang  ich wei es selbst nicht mehr genau  nur so viel wei ich  es war ein unwiderstehlicher Druck von auen  von euch selber, ihr toten Soldaten ... O wie traurig, traurig, traurig  was habt ihr nicht alles gelitten und jetzt liegt ihr hier und auf anderen Wahlsttten  von Karttschen und Sbelhieben, von Cholera und Typhus hingerafft ... O htte ich nein sagen knnen ... du hast mich darum gebeten, Elisabeth ... O _htte_ ichs gesagt! Der Gedanke ist unertrglich, dass ... ach, es ist eine elende, unvollkommene Welt ... zu viel, zu viel des Jammers! ...
Immer noch, whrend ich so fr ihn dachte, haftete mein Auge an seinen Zgen, und jetzt  ja es war zu viel, zu viel des Jammers  jetzt bedeckte er sein Gesicht mit beiden Hnden und brach in heftiges Weinen aus.
So geschehen am Allerseelentag 1866 auf dem Totenfelde von Sadowa.


 Fnftes Buch
Friedenszeit

Die Stadt Berlin fanden wir in hellem Jubel. Jeder Ladenschwengel und jeder Eckensteher trug ein gewisses Siegesbewusstsein zur Schau. Wir haben die anderen drunter gekriegt! das scheint doch eine sehr erhebende und unter der ganzen Bevlkerung verteilbare Empfindung zu sein. Dennoch, in den Familien, die wir aufsuchten, fanden wir so manche tief niedergeschlagene Leute, solche nmlich, welche einen unvergesslichen Toten auf den deutschen oder bhmischen Schlachtfeldern liegen hatten. Am meisten frchtete ich mich, Tante Kornelie wiederzusehen. Ich wusste, dass ihr herrlicher Sohn Gottfried ihr Abgott, ihr alles gewesen, und ich konnte den Schmerz ermessen, der die arme beraubte Mutter jetzt erdrcken musste  ich brauchte mir nur vorzustellen, dass mein Rudolf, wenn ich ihn grogezogen htte ... nein, _den_ Gedanken wollte ich gar nicht ausdenken.
Unser Besuch war angesagt. Mit Herzklopfen betrat ich Frau von Tessows Wohnung. Schon im Vorzimmer bekundete sich die im Hause herrschende Trauer. Der Diener, der uns einlie, trug schwarze Livree; im groen Empfangszimmer, dessen Sitzmbel mit berzgen bedeckt waren, war kein Feuer angezndet und die Spiegel und Bilder an den Wnden waren smtlich mit Flor verhngt. Von hier wurde uns die Tr von Tante Korneliens Schlafzimmer geffnet, wo sie uns erwartete. dasselbe, ein sehr groer, durch einen Vorhang  hinter welchem das Bett stand  geteilter Raum, diente Tante Kornelie jetzt als bestndiger Aufenthalt; sie verlie nie mehr das Haus, auer um allsonntglich in den Dom zu gehen  und nur selten das Zimmer, nur tglich eine Stunde, welche sie in Gottfrieds gewesenem Studierkabinett verbrachte. In diesem Zimmer war alles auf derselben Stelle stehen und liegen geblieben, wie er es am Tage seiner Abreise verlassen. Sie fhrte uns im Laufe unseres Besuches hinein und lie uns einen Brief lesen, den er auf seine Mappe gelegt:

    Meine einzige, liebe Mutter! Ich wei ja, meine Herzliebste Du, dass Du nach meiner Abreise hierherkommen wirst  und da sollst Du dieses Blatt finden. Der persnliche Abschied ist vorbei. Desto mehr wird es Dich freuen und berraschen, _noch_ ein Zeichen zu entdecken, noch ein letztes Wort von mir zu hren, und zwar ein frohes, hoffnungsvolles. Sei guten Muts: ich komme wieder. Zwei so aneinanderhngende Herzen, wie die unseren, wird das Schicksal nicht auseinanderreien. Meine Bestimmung ist es, jetzt einen glcklichen Feldzug zu berstehen, Sterne und Kreuze zu erringen  und dann: Dich zur sechsfachen Gromutter machen. Ich ksse Deine Hand, ich ksse Deine liebe sanfte Stirn  o Du aller Mtterchen angebetetstes.
    Dein Gottfried.

Als wir bei Tante Kornelie eintraten, war dieselbe nicht allein. Ein Herr in langem, schwarzem Rocke, auf den ersten Blick als Pastor erkenntlich, sa ihr gegenber.
Die Tante erhob sich und kam uns entgegen; der Pastor stand gleichfalls von seinem Sitze auf, blieb aber im Hintergrunde stehen.
Was ich erwartet hatte, geschah: Als ich die alte Frau umarmte, brachen wir beide, sie und ich, in lautes Schluchzen aus. Auch Friedrich blieb nicht trockenen Auges, indem er die Trauernde an sein Herz drckte. Gesprochen wurde in dieser ersten Minute gar nichts. Was man in solchen Augenblicken  beim ersten Wiedersehen nach einem schweren Unglcksfall  zu sagen hat, das drcken Trnen vollstndig aus ...
Sie fhrte uns an ihren Sitzplatz zurck und wies uns nebenstehende Sessel an. Dann, nachdem sie die Augen getrocknet:
Mein Neffe, Oberst Baron Tilling,  Herr Militroberpfarrer und Konsistorialrat Mlser, stellte sie vor.
Stumme Verneigungen wurden gewechselt.
Mein Freund und geistlicher Berater, ergnzte sie, der es sich angelegen sein lsst, mich in meinem Schmerze aufzurichten 
Dem es aber leider noch nicht gelungen ist, Ihnen die richtige Ergebung, die richtige Freudigkeit des Kreuztragens beizubringen, geschtzte Freundin, sagte jener. Warum musste ich eben einen neuerlichen, so mattherzigen Trnenerguss sehen?
Ach, verzeihen Sie mir! Als ich meinen Neffen und seine liebe junge Frau zum letzten Mal sah, da war mein Gottfried  Sie konnte nicht weiter reden.
Da war Ihr Sohn noch auf dieser sndigen Welt, allen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt, whrend er jetzt in den Scho des Vaters eingegangen ist, nachdem er den rhmlichsten, seligsten Tod fr Knig und Vaterland gefunden hat. Sie, Herr Oberst, wandte er sich nun an meinen Mann, die Sie mir eben auch als Soldat vorgestellt wurden, knnen mir helfen, dieser gebeugten Mutter den Trost zu geben, dass das Schicksal Ihres Sohnes ein neidenswertes ist. Sie mssen es wissen, welche Todesfreudigkeit den tapferen Krieger beseelt  der Entschluss, sein Leben auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer zu bringen, verklrt ihm alles Scheideweh, und wenn er im Sturm der Schlacht, beim Donner der Geschtze sinkt, so erwartet er, zu der groen Armee versetzt zu werden und dabei zu sein, wenn der Herr der Heerscharen droben Heerschau hlt. Sie, Herr Oberst, sind unter jenen zurckgekehrt, welchen die gttliche Vorsehung den gerechten Sieg verliehen 
Verzeihen Sie, Herr Konsistorialrat  ich habe in sterreichischen Diensten gestanden 
O ich dachte ... Ah so ... entgegnete der andere ganz verwirrt ... Auch eine prchtige, tapfere Armee, die sterreichische. Er stand auf. Doch ich will nicht lnger stren ... die Herrschaften wollen gewiss von Familienangelegenheiten sprechen ... Leben Sie wohl, gndige Frau  in einigen Tagen will ich wiederkommen ... Bis dahin erheben Sie Ihre Gedanken zu dem Allerbarmer, ohne dessen Wille kein Haar von unserem Haupte fllt und welcher jenen, die ihn lieben, alle Dinge zum besten dienen lsst, auch Trbsal und Leid, auch Not und Tod. Ich empfehle mich ergebenst.
Meine Tante schttelte ihm die Hand:
Hoffentlich sehe ich Sie bald? Recht bald, ich bitte 
Er verneigte sich gegen uns alle und wollte der Tre zuschreiten.
Friedrich aber hielt ihn auf:
Herr Konsistorialrat  drfte ich eine Bitte an Sie richten?
Sprechen Sie, Herr Oberst.
Ich entnehme Ihren Reden, dass Sie ebenso sehr von religisem wie von militrischem Geiste durchdrungen sind. Da knnten Sie mir einen groen Gefallen erweisen 
Ich horchte gespannt auf. Wo wollte Friedrich nur hinaus?
Meine kleine Frau hier, fuhr er fort, ist nmlich mit allerlei Skrupel und Zweifel erfllt ... sie meint, dass vom christlichen Standpunkte aus der Krieg nicht recht zulssig sei. Ich wei zwar das Gegenteil  denn nichts hlt mehr zusammen als der Priester- und der Soldatenstand  aber mir fehlt die Beredsamkeit, dies meiner Frau klar zu machen. Wrden Sie sich nun herbeilassen, Herr Konsistorialrat, uns morgen oder bermorgen eine Stunde der Unterredung zu schenken, um 
O, sehr gern, unterbrach der Geistliche. Wollen Sie mir Ihre Adresse? ... Friedrich gab ihm seine Karte und es wurde sogleich Tag und Stunde des erbetenen Besuches festgesetzt.
Hierauf blieben mir mit der Tante allein.
Gewhrt dir der Zuspruch dieses Freundes wirklich Trost? fragte sie Friedrich.
Trost? _Den_ gibt es fr mich hienieden nicht mehr. Aber er spricht so viel und so schn von den Dingen, von welchen ich jetzt am liebsten hre  von Tod und Trauer, von Kreuz und Opfer und Entsagung ... er schildert die Welt, die mein armer Gottfried verlassen musste, und von welcher auch ich mich weg sehne, als ein solches Tal des Jammers, der Verderbnis, der Snde, des zunehmenden Verfalles ... und da erscheint es mir denn weniger traurig, dass mein Kind abberufen worden.  Er ist ja im Himmel und hier auf dieser Erde 
Walten oft Hllengewalten, das ist wahr  das habe ich jetzt wieder in der Nhe gesehen, erwiderte Friedrich nachdenklich.
Hierauf wurde er von der armen Frau ber die beiden Feldzge ausgefragt, wovon er den einen mit  den anderen gegen  Gottfried mitgemacht.
Er musste hundert Einzelheiten anfhren und konnte dabei der beraubten Mutter denselben Trost geben, den er einst mir aus dem italienischen Kriege gebracht: nmlich, dass der Betrauerte eines raschen und schmerzlosen Todes gestorben sei. Es war ein langer, trauriger Besuch. Auch die ganzen Einzelheiten der schaurigen Cholerawoche habe ich da wiedererzhlt und meine Erlebnisse auf den bhmischen Schlachtfeldern. Eh wir sie verlieen, fhrte uns die Tante noch in Gottfrieds Zimmer, wo ich beim Durchlesen des oben angefhrten Briefes  von dem ich mir spter eine Abschrift erbat  von neuem bittere Trnen vergieen musste.
Jetzt erklre mir, sagte ich zu Friedrich, als wir unseren vor Frau von Tessows Wohnung wartenden Wagen bestiegen, warum du den Konsistorialrat 
Zu einer Konferenz mit dir gebeten? Verstehst du nicht? ... Das soll mir als Studienmaterial dienen. Ich will wieder einmal hren  und diesmal notieren  mit welchen Argumenten die Priester den Vlkermord verteidigen. Als Fhrerin des Streites habe ich dich vorgeschoben. Einer jungen Frau geziemt es besser, vom christlichen Standpunkte aus Zweifel ber die Berechtigung des Krieges zu hegen als einem Herrn Oberst 
Du weit aber, dass wir solche Zweifel nicht vom religisen, sondern vom humanen Standpunkt 
Diesen mssen wir dem Herrn Konsistorialrat gegenber gar nicht hervorkehren, sonst wrde die Streitfrage auf ein anderes Feld verlegt. Die Friedensbestrebungen der Freidenkenden leiden an keinem inneren Widerspruch, und gerade den Widerspruch, welcher zwischen den Satzungen der Christenliebe und den Geboten der Kriegfhrung besteht, wollte ich von einem militrischen Oberpfarrer  d.h. also von einem Vertreter christlichen Soldatentums  erlutern hren.
Der Geistliche stellte sich pnktlich ein. Offenbar war ihm die Aussicht verlockend, eine belehrende und bekehrende Predigt vorbringen zu knnen. Ich hingegen blickte der Unterredung mit etwas peinlichen Gefhlen entgegen, denn es fiel mir darin eine unaufrichtige Rolle zu.  Aber zum Wohle der Sache, welcher Friedrich fortan seine Dienste geweiht, konnte ich mir schon einige berwindung auferlegen und mich mit dem Satze trsten: Der Zweck heiligt das Mittel.
Nach den ersten Begrungen  wir saen alle drei auf niederen Lehnsthlen in der Nhe des Ofens  begann der Konsistorialrat also:
Lassen Sie mich auf den Zweck meines Besuches eingehen, gndige Frau. Es handelt sich darum, aus Ihrer Seele einige Skrupel zu bannen, welche nicht ohne scheinbare Berechtigung sind, welche aber leicht als Sophismen dargelegt werden knnen. Sie finden z.B., dass das Gebot Christi, man solle seine Feinde lieben, und ferner der Satz: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen in Widerspruch zu den Pflichten des Soldaten stehen, der ja doch bemchtigt ist, den Feind an Leib und Leben zu schdigen 
Allerdings, Herr Konsistorialrat, dieser Widerspruch scheint mir unlslich. Es kommt auch noch das ausdrckliche Gebot des Dekalogs hinzu: Du sollst nicht tten.
Nun ja  auf der Oberflche beurteilt, liegt hierin eine Schwierigkeit; aber wenn man in die Tiefe dringt, so schwinden die Zweifel. Was das fnfte Gebot anbelangt, so wrde es richtiger heien (und ist auch in der englischen Bibelausgabe so bertragen) Du sollst nicht _morden_. Die Ttung zur Notwehr ist aber kein Mord. Und der Krieg ist ja doch nur die Notwehr im groen. Wir knnen und mssen, der sanften Mahnung unseres Erlsers gem, die Feinde lieben; aber das soll nicht heien, dass wir offenbares Unrecht und Gewaltttigkeiten nicht sollten abwehren drfen.
Dann kommt es also immer darauf hinaus, dass nur Verteidigungskriege gerecht seien, und ein Schwertstreich nur dann gefhrt werden darf, wenn der Feind ins Land fllt? Die gegnerische Nation aber geht von demselben Grundsatz aus  wie kann da berhaupt der Kampf beginnen? In dem letzten Kampfe war es Ihre Armee, Herr Konsistorialrat, welche zuerst die Grenze berschritt und 
Wenn man den Feind abwehren will, meine Gndige  wozu man das heiligste Recht hat, so ist es durchaus nicht ntig, die gnstige Zeit zu versumen und erst zu warten, bis er uns ins Land gefallen, sondern es muss unter Umstnden dem Landesherrn freistehen, dem Gewaltsamen, Ungerechten zuvorzukommen. Dabei befolgt er eben das geschriebene Wort: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Er stellt sich als Gottes Diener und Rcher ber den Feind, indem er trachtet, denjenigen, der gegen ihn das Schwert nimmt, durch das Schwert umkommen zu lassen 
Da muss irgendwo ein Trugschluss stecken, sagte ich kopfschttelnd, diese Grnde knnen doch unmglich fr _beide_ Parteien gleich rechtfertigend sein 
Was ferner den Skrupel betrifft, fuhr der Geistliche fort, ohne meine Einrede zu beachten, dass der Krieg an und fr sich Gott missfllig sei, so fllt dieser bei jedem bibelfesten Christen weg, denn die heilige Schrift zeigt zur Genge, dass der Herr dem Volke Israel selber befohlen hat, Kriege zu fhren, um das gelobte Land zu erobern, und er verlieh seinem Volke Sieg und Segen dazu. 4. Mose 21, 14 ist die Rede von einem eigenen Buche der Kriege Jehovas. Und wie oft wird in den Psalmen die Hilfe gerhmt, die Gott seinem Volke im Kriege angedeihen lie. Kennen Sie nicht Salomos Spruch (22, 31):

  _Das Ross steht gerstet fr den Tag der Schlacht,
  Aber von dem Herrn kommt der Sieg._

Im 44. Psalm dankt und lobt David den Herrn, seinen Hort, der seine Hnde lehrt streiten und seine Fuste kriegen.
So herrscht denn der Widerspruch zwischen dem alten und dem neuen Testament: der Gott der alten Hebrer war ein kriegerischer, aber der sanfte Jesus verkndete die Botschaft des Friedens und lehrte Nchsten- und Feindesliebe.
Auch im neuen Testament spricht Jesus im Gleichnis Lukas 14, 31 ohne jeglichen Tadel von einem Knig, der sich mit einem anderen Knig in den Krieg begeben will. Wie oft gebraucht auch der Apostel Paulus Bilder aus dem Kriegsleben. Er sagt (Rmer 13, 4), dass die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst trgt, sondern Gottes Diener und ein Rcher ist ber den, der Bses tut.
Nun also  dann liegt in der heiligen Schrift selber der Widerspruch, den ich meine. Indem Sie mir zeigen, dass derselbe in der Bibel auch zu finden ist, rumen Sie ihn nicht weg.
Da sieht man die oberflchliche und zugleich anmaende Urteilsweise, welche die eigene, schwache Vernunft ber Gottes Wort erheben will. Widerspruch ist etwas Unvollkommenes, Ungttliches; indem ich also nachweise, dass ein Ding in der Bibel vorkommt, ist der Beweis erbracht, dass es in sich  mag es der menschlichen Einsicht noch so unverstndlich sein  keinen Widerspruch enthalten kann.
Wenn nicht vielmehr durch das Vorhandensein des Widerspruchs der Nachweis gefhrt wre, dass die betreffenden Stellen unmglich gttlichen Ursprungs sind. Diese Antwort schwebte mir auf den Lippen, doch habe ich sie unterdrckt, um das Streitobjekt nicht gnzlich zu verrcken.
Sehen Sie, Herr Konsistorialrat, mischte sich jetzt Friedrich in das Gesprch, noch viel krftiger als Sie hat ein Oberststckhauptmann im 17. Jahrhundert die Zulssigkeit der Kriegsgreuel durch Berufung auf die Bibel dargetan. Ich habe mir das Schriftstck aufgehoben und auch meiner Frau schon vorgelesen, sie wollte sich aber mit dem darin ausgesprochenen Geiste nicht befreunden. Ich gestehe, mir kommt das Ding auch etwas  stark vor ... und ich mchte gern Ihre Ansicht darber hren. Wenn Sie erlauben, so bringe ich das Dokument. Er holte aus einem Schubfach ein Papier hervor, entfaltete es und las:

    Der Krieg ist von Gott selbst inventieret und den Menschen gelehret worden. Den ersten Soldaten setzte Gott ein mit einem zweischneidigen Schwert vor das Paradies, um dem ersten Rebellen, Adam, solches zu verbieten. Im Deuteronomium ist zu lesen, wie Gott sein Volk durch Moses zum Sieg encouragieren lsst und ihnen sogar seine Priester als Avantgarde gibt.
    Das erste Stratagema ward der Stadt Hai beigebracht. In diesem Judenkrieg musste die Sonne zwei ganze Tage aneinander am Firmament stehend leuchten, damit der Krieg und die Victori konnte persequieret und viele Tausende erschlagen und die Knige aufgehenkt werden.
    Alle Kriegsgreuel sind vor Gott gebilligt, denn die ganze heilige Schrift ist voll davon und beweiset genugsam, dass der rechtmige Krieg von Gott selbst inventieret, dass also ein jeder Mensch von gutem Gewissen in demselben dienen, leben und sterben kann. Seine Feinde mag er verbrennen oder versengen, schinden, niederstoen oder in Stcke zerhauen  es ist alles recht , mgen andere daran judizieren was sie wollen: Gott hat in diesen Stcken nichts verboten, sondern die grausamsten Manieren, Menschen umzubringen, gebilliget.
    Die Prophetin Deborah nagelte dem Kriegsobersten Sissara den Kopf am Erdboden an. Gideon, der von Gott verordnete Fhrer des Volkes, rcht sich an den Obersten zu Senhot, die ihm etwas Proviant verweigert hatten, soldatisch; Galgen und Rad, Schwert und Feuer waren zu schlecht; sie wurden mit Dornen gedroschen und zerrissen  gleichwohl war es recht vor den gttlichen Augen. Der knigliche Prophet David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, inventierte die grausamsten Martern ber die schon berwundenen Kinder Ammon zu Rabboth; er lie sie mit Sbeln zerschneiden, mit eisernen Wagen ber sie fahren, zerschnitt sie mit Messern, zog sie hierdurch, wie man Ziegelsteine formieret, und also tat er in allen Stdten der Kinder Ammon. Ferner hat 

Das ist greulich, das ist abscheulich! unterbrach der Oberpfarrer. Nur einem rohen Sldling aus der verwilderten Zeit des 30jhrigen Krieges sieht es gleich, solche Beispiele aus der Bibel heranzuziehen, um darauf die Berechtigung der Grausamkeit gegen den Feind zu sttzen. Wir verknden jetzt ganz andere Lehren: im Kriege darf weiter nichts erstrebt werden, als die Unschdlichmachung des Gegners  bis zum Tode  ohne bswillige Absicht gegen das Leben eines einzelnen. Tritt solche Absicht, oder gar Mordlust und Grausamkeit gegen Wehrlose ein, dann ist das Tten im Kriege gerade so unmoralisch und unzulssig wie im Frieden. Ja, in vergangenen Jahrhunderten, wo Landsknechtsfhrer und fahrendes Volk den Kriegs als Handwerk betrieben, da konnte der Oberststckhauptmann solches schreiben; aber heutzutage wird nicht fr Sold und Beute und nicht ohne zu wissen, gegen wen und warum zu Felde gezogen, sondern fr die hchsten idealen Gter der Menschheit  fr Freiheit, Selbstndigkeit, Nationalitt  fr Recht, Glaube, Ehre, Zucht und Sitte ...
Sie, Herr Konsistorialrat, warf ich ein, sind jedenfalls sanfter und menschlicher als der Stckhauptmann; Sie haben daher aus der Bibel keine Belege fr die Statthaftigkeit der Greuel  an welchen unsere mittelalterlichen Vorfahren und vermutlich noch mehr die alten Hebrer  ihre Lust hatten  beizubringen; aber es ist doch dasselbe Buch und derselbe Jehova, der nicht sanfter geworden sein kann, von dem aber jeder nur so viel Besttigung sich holt, als es zu seiner Anschauung passt.
Auf dieses hin erhielt ich eine kleine Strafpredigt ber meinen Mangel an Ehrerbietung dem Worte Gottes gegenber und ber meinen Mangel an Urteil bei dessen Auslegung.
Es gelang mir jedoch, das Gesprch wieder auf unser eigentliches Thema zurckzuleiten und jetzt erging sich der Konsistorialrat in lange, diesmal ununterbrochen bleibende Ausfhrungen ber den Zusammenhang zwischen soldatischem und christlichem Geiste; er sprach von der religisen Weihe, die dem Fahneneid innewohnt, wenn die Standarten mit Musikbegleitung feierlich in die Kirche getragen werden unter der Ehrenbedeckung zweier Offiziere mit gezogenem Degen; da tritt der Rekrut zum erstenmal ffentlich mit Helm und Seitengewehr auf und zum erstenmal folgt er der Fahne seines Truppenteils, die jetzt entfaltet ist vor dem Altare des Herrn, zerfetzt wie sie ist und geschmckt mit dem Ehrenzeichen der Schlachten, in der sie getragen worden ... Er sprach von der allsonntglichen kirchlichen Frbitte: Beschtze das knigliche Kriegsheer und alle treuen Diener des Knigs und des Vaterlandes. Lehre sie, wie Christen ihres Eides gedenken und lass dann ihre Dienste gesegnet sein zu deiner Ehre und des Vaterlandes Besten. Gott mit uns, fhrte er weiter aus, ist ja auch die Inschrift auf der Grtelsschnalle, mit der der Infanterist sein Seitengewehr sich umgrtet, und diese Losung soll ihm Zuversicht geben. Ist Gott mit uns  wer mag wider uns sein? Da sind auch die allgemeinen Landes-, Bu- und Bettage, die beim Beginn eines Krieges ausgeschrieben werden, damit das Volk im Gebete des Herrn Hilfe erflehe, zugleich in der getrosten Hoffnung auf seinen Beistand und im Vertrauen auf den durch diesen Beistand zu erlangenden glcklichen Ausgang. Welche Weihe liegt fr den ausziehenden Krieger darin  wie mchtig hebt dies seine Kampfes- und Todesfreudigkeit! Er kann getrost, wenn ihn sein Knig ruft, in die Reihen der Kmpfer treten und auf Sieg und Segen fr die gerechte Sache rechnen; Gott der Herr wird dieselben unserem Volke ebensowenig entziehen, wie einst seinem Volke Israel, wenn wir nun zu ihm betend die Arbeit des Kampfes tun. Der innige Zusammenhang zwischen Gebet und Sieg, zwischen Frmmigkeit und Tapferkeit ergibt sich leicht  denn was kann mehr Freudigkeit im Angesicht des Todes gewhren, als die Zuversicht, wenn im Schlachtgewhl die letzte Stunde schlgt, vor dem himmlischen Richter Gnade zu finden? Treue und Glauben in Verbindung mit Mannhaftigkeit und Kriegstchtigkeit gehren zu den ltesten Traditionen unseres Volkes.
In diesem Tone ging es noch lange fort: bald in liger Milde, gesenkten Hauptes, mit sanftem Tonfall von Liebe, Himmel, Demut, Kindlein, Heil und kstlichen Dingen;  bald mit militrischer Kommandostimme, bei stolz in die Brust geworfener Haltung, von strenger Sitte und strammer Zucht  scharf und schneidig  Schwert und Wehr. Das Wort Freude wurde nicht anders als in den Zusammensetzungen Todes-, Kampfes- und Sterbensfreudigkeit gebraucht. Vom feldprobstlichen Standpunkt scheinen eben Tten und Gettetwerden als die vornehmsten Lebensfreuden zu gelten. Alles brige ist erschlaffende, sndhafte Lust. Auch Verse wurden deklamiert. Zuerst das Krnersche:

  _Vater, du fhre mich,
  Fhr mich zum Siege, fhr mich zum Tode!
  Herr, ich erkenne deine Gebote.
  Herr, wie du willst, so fhre mich,
  Gott, ich erkenne dich!_

Dann das alte Volkslied aus dem 30jhrigen Kriege:

  _Kein selger Tod ist in der Welt,
  Als wie vom Feind erschlagen,
  Auf grner Au, im freien Feld,
  Darf nicht hren gro Wehklagen.
  Im engen Bett, da einer allein
  muss an den Todesreihn,
  Hier aber findt er Gesellschaft sein 
  Fallen wie Kraut im Maien._

Ferner das Lenausche Lied vom kriegslustigen Waffenschmied:

  _Friede hat das Menschenleben
  Still verwahrlost, sanft verwstet,
  Wie er seiner Tat sich brstet,
  Alles hngt voll Spinneweben ...
  Ha! nun fhrt der Krieg dazwischen,
  Klafft und ghnt auch manche Wunde,
  Ghnt man seltner mit dem Munde,
  Kampf und Tod die Welt erfrischen._

Und schlielich noch das Wort Luthers:

    Sehe ich den Krieg an als ein Ding, das Weib, Kind, Haus, Hof, Gut und Ehre schtzt und Frieden damit erhlt und bewahrt, so ist er eine gar kstliche Sache.

Nun ja  sehe ich den Panther als eine Taube an, so ist der Panther ein gar sanftes Tierchen, bemerkte ich ungehrt.
Gern htte ich auch auf seine poetischen Ergsse die Worte Bodenstedts entgegnet:

  _Ihr mgt von Kriegs- und Heldenruhm
  So viel und wie ihr wollt verknden,
  Nur schweigt von eurem Christentum,
  Gepredigt aus Kanonenschlnden.
  Bedrft ihr Proben eures Muts,
  So schlagt euch wie die Heiden weiland.
  Vergiet so viel ihr msst des Bluts,
  Nur redet nicht dabei vom Heiland.
  Noch glubig schlgt das Trkenheer
  Die Schlacht zum Ruhme seines Allah,
  Wir haben keinen Odin mehr,
  Tod sind die Gtter der Walhalla.
  Seid was ihr wollt, doch ganz und frei
  Auf dieser Seite wie auf jener,
  Verhasst ist mir die Heuchelei
  Der kriegerischen Nazarener._

Aber unser kriegerischer Nazarener sah nicht, was in meinem Geiste vorging; er lie sich in seinem Redefluss nicht irre machen und als er sich empfahl, da hatte er das Bewusstsein, mich zweier Dinge berfhrt zu haben; dass der Krieg vom christlichen Standpunkte aus ein gerechtfertigter  und an und fr sich eine kstliche Sache sei. Durch diesen rhetorischen Sieg seiner Berufspflicht nachgekommen zu sein und damit dem fremden Herrn Obersten einen betrchtlichen Dienst erwiesen zu haben, war ihm sichtlich sehr befriedigend, denn als er sich zum Gehen erhob und wir ihm unseren Dank fr die bereitwillige Bemhung aussprachen, erwiderte er abwehrend:
Es ist an _mir_, Ihnen zu danken, mir die Gelegenheit geboten zu haben, durch mein schwaches Wort, dessen ganze Wirksamkeit dem vielfach herangezogenen Worte Gottes zuzuschreiben ist, solche Zweifel zu verscheuchen, welche sowohl der Christin als der Soldatenfrau nur qulend sein mussten. Der Friede sei mit Ihnen!
Ach! sthnte ich, nachdem er sich entfernt hatte, das war eine Qual!
Ja, das war es, besttigte Friedrich. Besonders unsere Unaufrichtigkeit war mir nicht behaglich  die falsche Voraussetzung nmlich, unter welcher wir ihn zur Entfaltung seiner Beredsamkeit bewogen haben. Einen Augenblick drngte es mich, ihm zu sagen: Halten Sie ein, hochwrdiger Herr, ich selber hege die gleichen Ansichten gegen den Krieg, wie meine Frau, und was Sie sprechen, soll mir nur dazu dienen, die Schwche Ihrer Argumente nher zu untersuchen. Aber ich schwieg. Wozu eines redlichen Mannes berzeugung  eine berzeugung, die noch dazu die Grundlage seines Lebensberufes ist  verletzen?
berzeugung?  bist du dessen sicher? Glaubt er wirklich die Wahrheit zu sprechen, oder betrt er seine Soldatengemeinde absichtlich wenn er ihr den sicheren Sieg verspricht, durch den Beistand eines Gottes, von dem er doch wissen muss, dass er von dem Feinde gerade so angerufen wird? Diese Berufungen auf unser Volk, auf unsere, als die einzig gerechte Sache, die zugleich Gottes Sache ist, die waren doch nur mglich zu einer Zeit, da ein Volk von allen brigen Vlkern abgeschlossen, sich fr das einzig Daseinsberechtigte, das einzig Gottgeliebte hielt. Und dann diese Vertrstungen auf den Himmel, um desto leichter die Hingebung des irdischen Lebens zu erlangen, alle diese Zeremonien  Weihen, Eide, Gesnge  welche in der Brust des in den Krieg Befohlenen die so beliebte Todesfreudigkeit  mit graut vor dem Worte  erwecken sollen, ist das nicht 
Alles hat zwei Seiten, Martha, unterbrach Friedrich. Weil wir den Krieg verwnschen, erscheint uns alles, was ihn sttzt und verschnt, was seine Schrecken verschleiert, hassenswert.
Ja, natrlich, denn dadurch wird das Gehasste erhalten.
Nicht dadurch allein ... Alte Einrichtungen stehen mit tausend Fasern festgewurzelt, und so lang sie da waren, wars doch auch gut, dass diejenigen Gefhle und Gedanken bestanden, durch die sie verschnt  durch die sie nicht nur ertrglich, sondern sogar beliebt gemacht wurden. Wieviel armen Teufeln half jene anerzogene Todesfreudigkeit ber das Sterbensweh hinweg; wieviel fromme Seelen bauen vertrauensvoll auf die ihnen vom Prediger zugesicherte Gotteshilfe; wieviel unschuldige Eitelkeit und stolzes Ehrgefhl ward nicht durch jene Zeremonien geweckt und befriedigt, wieviel Herzen schlugen nicht hher bei den Klngen jener Gesnge? Von allem Leid, das der Krieg ber die Menschen gebracht hat, ist doch wenigstens jenes Leid abzurechnen, welches wegzusingen und wegzulgen den Kriegsbarden und den Feldgeistlichen gelungen ist.
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Wir wurden von Berlin sehr pltzlich wieder abberufen. Eine Depesche meldete mir, dass Tante Marie schwer erkrankt sei und uns zu sehen wnsche.
Ich fand die alte Frau von den rzten aufgegeben.
Jetzt ist die Reihe an mir, sagte sie. Eigentlich gehe ich recht gern ... Seit mein armer Bruder und seine drei Kinder hinweggerafft wurden, hat es mich ohnehin auf dieser Welt nicht mehr gefreut  von diesem Schlag konnte ich mich nie mehr erholen ... Drben werde ich die anderen wiederfinden ... Konrad und Lilli sind dort auch vereint ... es war ihnen nicht bestimmt, auf Erden vereint zu werden ...
Wre zu rechter Zeit abgerstet worden  wollte ich zu widersprechen beginnen, aber ich hielt mich zurck: mit dieser Sterbenden konnte ich doch keinen Streit anheben und doch nicht an ihrer Lieblingstheorie Bestimmung zu rtteln versuchen.
Ein Trost ist mir, fuhr sie fort, dass wenigstens du glcklich zurckbleibst, liebe Martha ... Dein Mann ist aus zwei Feldzgen zurckgekehrt  die Cholera hat euch verschont  es hat sich deutlich erwiesen, dass ihr bestimmt seid, miteinander alt zu werden ... Trachte nur, aus dem kleinen Rudolf einen guten Christen und einen guten Soldaten heranzuziehen, damit sein Grovater noch da oben seine Freude an ihm haben mge ...
Auch darber schwieg ich lieber, dass ich fest entschlossen war, aus meinem Sohne keinen Soldaten zu machen.
Ich werde unaufhrlich fr euch beten ... damit ihr lange und zufrieden lebt 
Natrlich hob ich den Widerspruch nicht auf, dass eine unverrckbare Bestimmung durch den Einfluss unaufhrlichen Betens zum Guten gelenkt werden solle, doch unterbrach ich die Arme, indem ich sie bat, sich mit Sprechen nicht anzustrengen und erzhlte ihr, um sie zu zerstreuen, von unseren Schweizer und Berliner Erlebnissen. Ich berichtete, dass wir auch mit Prinz Heinrich zusammengekommen und dass derselbe in seinem Schlosspark dem Andenken der ebenso schnell gewonnenen als wiederverlorenen Braut ein Marmordenkmal aufrichten lasse.
Nach drei Tagen, ergeben und gefasst, mit den selbstverlangten  andchtig empfangenen Sterbesakramenten versehen, entschlief meine arme Tante Marie;  und so waren denn alle die Meinen, alle, in deren Mitte ich aufgewachsen, von der Erde geschieden ... In ihrem Testament war als Universalerbe ihres kleinen Vermgens mein Sohn Rudolf eingesetzt und zum Vormund  Minister Allerdings bestellt.
Dieser Umstand brachte mich nun in hufige Berhrung mit diesem einstigen Freunde meines Vaters. Er war auch ziemlich der einzige, der unser Haus besuchte. Die tiefe Trauer, in welche mich die Grumitzer Unglckswoche versetzt hatte, brachte es selbstverstndlich mit sich, dass ich ganz zurckgezogen lebte. Unser Plan, nach Paris zu bersiedeln, konnte erst ausgefhrt werden, wenn alle meine Geschfte in Ordnung gebracht waren, was jedenfalls noch einige Monate in Anspruch nehmen musste.
Unser Freund, der Minister, welcher, wie gesagt, beinahe unseren einzigen Umgang bildete, hatte in der letzten Zeit seinen Abschied genommen oder bekommen  das habe ich nie ergrnden knnen  kurz, er hatte sich ins Privatleben zurckgezogen, liebte es aber noch immer, sich mit Politik zu beschftigen. Er wusste stets das Gesprch auf dieses sein Lieblingsthema zu lenken und wir gaben ihm auch willig die Replik. Da sich Friedrich jetzt so eifrig mit dem Studium des Vlkerrechts befasste, so war ihm jede Diskussion willkommen, welche dieses Gebiet streifte. Nach dem Speisen (Herr von Allerdings  wir bezeichneten ihn unter uns immer mit diesem Spitznamen  war zweimal wchentlich bei uns zu Tisch geladen) pflegten die beiden Herren sich in ein langes politisches Gesprch zu vertiefen, wobei mein Mann es jedoch vermied, dieses Gesprch in die ihm so verhasste Kannegieerei ausarten zu lassen, sondern bemht war, dasselbe auf verallgemeinernde Standpunkte zu lenken. Hierin konnte ihm Allerdings allerdings nicht immer folgen, denn in seiner Eigenschaft als eingewurzelter Diplomat und Bureaukrat hatte er sich angewhnt, die sogenannte praktische Politik oder Realpolitik zu betreiben  ein Ding, welches ja nur auf die nchstliegenden Sonderinteressen gerichtet ist und von den theoretischen Fragen der Gesellschaftskunde nichts wei.
Ich sa daneben, mit einer Handarbeit beschftigt und mischte mich nicht in das Gesprch, was dem Herrn Minister ganz natrlich schien, denn bekanntlich ist fr Frauen die Politik viel zu hoch; er war berzeugt, dass ich dabei an andere Dinge dachte, whrend ich  im Gegenteil  sehr aufmerksam zuhrte, da es meines Amtes war, mir so gut als mglich den Wortlaut dieser Dialoge in das Gedchtnis zu prgen, um dieselben hernach in die roten Hefte einzutragen. Friedrich machte von seinen Gesinnungen kein Hehl, obwohl er wusste, welche undankbare Rolle es ist, gegen das allgemein Geltende sich aufzulehnen und Ideen zu vertreten, so lange dieselben noch in jenem Stadium sind, wo sie  wenn nicht als umstrzlerisch verdammt  so doch als phantastisch verlacht werden.
Ich kann Ihnen heute eine interessante Nachricht mitteilen, lieber Tilling, sagte der Minister eines Nachmittags mit wichtiger Miene. Man geht in Regierungskreisen, das heit im Kriegsministerium, mit der Idee um, auch bei uns die allgemeine Wehrpflicht einzufhren.
Wie? dasselbe System, welches vor dem Krieg bei uns so allgemein geschmht und verspottet wurde? Bewaffnete Schneidergesellen und so weiter?
Allerdings hatten wir vor kurzer Zeit ein Vorurteil dagegen  aber es hat sich bei den Preuen doch bewhrt, das mssen Sie zugestehen. Und eigentlich  vom moralischen Standpunkt  selbst vom demokratischen und liberalen Standpunkt, fr welchen Sie mitunter zu schwrmen scheinen  ist es doch eine gerechte und erhebende Sache, wenn jeder Sohn des Vaterlandes, ohne Rcksicht auf Stand und Bildungsstufe, die gleichen Pflichten zu erfllen hat. Und vom strategischen Standpunkt: htte das kleine Preuen jemals siegen knnen, wenn es die Landwehr nicht gehabt htte  und wre diese bei uns schon eingefhrt gewesen, wren wir jemals besiegt worden?
Das heit also, wenn wir ein greres Material gehabt htten so htte dem Feinde das seine nichts gentzt. _Ergo_  wenn berall die Landwehr eingefhrt wird, ist sie fr niemand mehr zum Vorteil. Das Kriegsschauspiel wird mit mehr Figuren gespielt, die Partie hngt aber doch wieder von dem Glck und der Geschicklichkeit der Spieler ab. Ich setze den Fall, alle europischen Mchte fhren die allgemeine Wehrpflicht ein, so bliebe das Machtverhltnis genau dasselbe  der Unterschied wre nur der, dass um zur Entscheidung zu gelangen, statt Hunderttausende, Millionen hingeschlachtet werden mssten.
Finden Sie es aber gerecht und billig, dass nur ein Teil der Bevlkerung sich opfere, um die hchsten Gter der anderen zu verteidigen, und diese anderen, zumal wenn sie reich sind, ruhig zu Hause bleiben drfen? Nein, nein  mit dem neuen Gesetz wird das aufhren. Da gibt es kein Loskaufen mehr  da muss jeder mittun. Und gerade die Gebildeten, die Studenten, solche, die etwas gelernt haben, die geben intelligente und daher auch sieghafte Elemente ab.
Bei dem Gegner sind dieselben Elemente vorhanden  also heben sich die durch gebildete Unteroffiziere zu gewinnenden Vorteil. Dagegen bleibt  gleichfalls auf beiden Seiten  der Verlust an unschtzbarem geistigen Material, welches dem Lande dadurch entzogen wird, dass die Gebildetsten  diejenigen, welche durch Erfindungen, Kunstwerke oder wissenschaftliche Forschungen die Kultur gefrdert htten  in Reih und Glied als Zielscheiben feindlicher Geschtze aufgestellt werden.
Ach was  zu dem Erfindungmachen und Kunstwerkproduzieren und Schdelknochen-Untersuchungen  alles Dinge, welche die Machtstellung des Staates um kein Quentchen vergrern 
Hm!
Wie?
Nichts, bitte fahren Sie fort.
 dazu bleibt den Leuten noch immer Zeit. Sie brauchen ja nicht ihr ganzes Leben lang dienen  aber ein paar Jahre strammer Zucht, die tun sicherlich allen gut und machen sie zur Ausbung ihrer brigen Brgerpflichten nur desto befhigter. Blutsteuer mssen wir nun einmal zahlen  also soll sie unter allen gleich verteilt werden.
Wenn durch diese Verteilung auf den einzelnen weniger kme, so htte das etwas fr sich. Das wre aber nicht der Fall  die Blutsteuer wrde da nicht _verteilt_, sondern vermehrt. Ich hoffe, das Projekt dringt nicht durch. Es ist unabsehbar, wohin das fhrte. Eine Macht wollte dann die andere an Heeresstrke berbieten und endlich gbe es keine Armeen mehr, sondern nur bewaffnete Vlker. Immer mehr Leute wrden zum Dienst herangezogen, immer lnger wrde die Dauer der Dienstzeit, immer grer die Kriegsteuerkosten, die Bewaffnungskosten ... Ohne miteinander zu fechten, wrden sich die Nationen durch Kriegsbereitschaft alle selber zu Grunde richten.
Aber lieber Tilling, Sie denken zu weit!
Man kann niemals zu weit denken. Alles, was man unternimmt, muss man bis zu seinen letzten Konsequenzen  wenigstens soweit, als der Geist reicht, auszudenken wagen. Wir verglichen vorhin den Krieg mit dem Schachspiel  auch die Politik ist ein solches, Exzellenz, und das sind gar schwache Spieler, welche nicht weiter denken als einen Zug, und sich schon freuen, wenn sie sich so gestellt haben, dass sie einen Bauer bedrohen. Ich will den Gedanken der sich unablssig steigernden Wehrmacht und der Verallgemeinerung der Dienstpflicht sogar noch weiter ausspinnen, bis zu der uersten Grenze  bis zu jener nmlich, wo das Ma bergeht. Wie dann, wenn, nachdem die grten Massen und die uersten Altersgrenzen erreicht sind, es einer Nation einfiele, auch Regimenter von Frauen aufzustellen? Die anderen mssten es nachahmen. Und in der Bewaffnung  in den Zerstrungsmitteln  wo wre da die Grenze? O dieses wilde, blinde In-den-Abgrundrennen!
Beruhigen Sie sich, lieber Tilling ... Sie sind ein rechter Phantast. Sagen Sie mir ein Mittel, den Krieg abzuschaffen, so wre es allerdings ganz gut. Nachdem aber das nicht mglich ist, so muss doch jede Nation trachten, sich darauf so gut als mglich vorzubereiten, um sich in dem unausweichlichen Kampf ums Dasein (so heit das Schlagwort des jetzt so modernen Darwin, nicht wahr?) die grte Gewinnchance zu sichern.
Wenn ich die Mittel, Kriege aufzuheben, vorschlagen wollte, so wrden Sie mich noch einen rgeren Phantasten schelten, einen sentimentalen, von Humanittsschwindel (so heit doch das beliebte Schlagwort der Kriegspartei?) angekrnkelten Trumer! ...
Allerdings knnte ich Ihnen nicht verhehlen, dass zur Erreichung eines solchen Ideals aller praktischer Untergrund fehlt. Man muss mit den vorhandenen Faktoren rechnen. Dazu gehren die menschlichen Leidenschaften, Rivalitten, die Verschiedenheit der Interessen, die Unmglichkeit, sich ber alle Fragen zu einigen 
Ist auch nicht ntig: wo die Zwistigkeiten beginnen, hat ein Schiedsgericht  nicht aber die Gewalt  zu entscheiden!
Einem Tribunal werden sich die souvernen Staaten, werden sich die Vlker niemals fgen wollen.
Die Vlker? Die Potentaten und Diplomaten wollen es nicht. Aber das Volk, man frage es nur, bei ihm ist der Friedenswunsch glhend und wahr, whrend die Friedensbeteuerungen, die von den Regierungen ausgehen, hufig Lge, gleinerische Lge sind  oder wenigstens von den anderen Regierungen grundstzlich als solche aufgefasst werden. Das heit ja eben Diplomatie. Und immer mehr und mehr werden die Vlker nach Frieden rufen. Sollte die allgemeine Wehrpflicht sich verbreiten, so wrde in demselben Mae die Kriegsabneigung zunehmen. Eine _Klasse_ von fr ihren Beruf begeisterter Soldaten ist noch denkbar: durch ihre Ausnahmestellung, die als eine Ehrenstellung gilt, die ihr fr die damit verbundenen Opfer Ersatz geboten; aber wenn die Ausnahme aufhrt, hrt auch die Auszeichnung auf. Es schwindet die bewundernde Dankbarkeit, welche die Heimgebliebenen den zu ihrem Schutze Hinausgezogenen weihen  weil es ja Heimgebliebene berhaupt keine mehr gibt. Die kriegsliebenden Gefhle, die dem Soldaten immer untergeschoben  und damit auch hufig erweckt werden, die werden dann seltener angefacht; denn wer sind diejenigen, die am heldenmtigsten tun, die am heftigsten von kriegerischen Grotaten und Gefahren schwrmen? Diejenigen, die davor schn sicher sind  die Professoren, die Politiker, die Bierhauskannegieer  der Chor der Greise, wie im Faust. Nach dem Verlust der Sicherheit wird dieser Chor verstummen. Ferner: wenn nicht nur jene dem Militrdienst sich widmen, die ihn lieben und loben, sondern auch alle jene zwangsweise dazu herangezogen werden, die ihn verabscheuen, so muss dieser Abscheu zur Geltung kommen. Dichter, Denker, Menschenfreunde, sanfte Leute, furchtsame Leute: alle diese werden von ihrem Standpunkte aus das aufgezwungene Handwerk verdammen!
Sie werden diese Gesinnung aber wohlweislich verschweigen, um nicht fr feige zu gelten  um sich hheren Orts nicht der Ungnade auszusetzen.
Schweigen? Nicht immer. So wie ich rede  obwohl ich lange geschwiegen habe  so werden die anderen auch mit der Sprache herausrcken. Wenn die Gesinnung reift, wird sie zum Wort. Ich einzelner bin vierzig Jahre alt geworden, bis meine berzeugung die Kraft gewann, sich im Ausdruck Luft zu machen. Und so wie ich zwei oder drei Jahrzehnte gebraucht  so werden die Massen vielleicht zwei oder drei Generationen gebrauchen, aber reden werden sie endlich doch.
~
Neujahr 67!
Wir feierten Sylvester ganz allein, mein Friedrich und ich. Als es zwlf Uhr schlug:
Erinnerst du dich des Trinkspruches, fragte ich seufzend, den mein armer Vater voriges Jahr um diese Stunde ausgebracht? Ich wage es gar nicht, dir jetzt Glck zu wnschen  die Zukunft birgt mitunter so unerwartet Frchterliches in ihrem Scho und noch kein Mensch hat solches abzuwenden vermocht ...
So benutzen wir die Jahreswende, Martha, um, statt vorauszudenken, zurckzuschauen in das eben verflossene Jahr. Was hast du, meine arme, tapfere Frau da alles leiden mssen! So viele deiner Lieben begraben ... und jene Schreckenstage auf den bhmischen Schlachtfeldern 
Ich bedaure nicht, die dortigen Greuel gesehen zu haben  wenigstens kann ich nunmehr mit der ganzen Kraft meiner Seele an deinen Bestrebungen teilnehmen.
Wir mssen deinen  _unseren_ Rudolf dazu erziehen, diese Bestrebungen weiter durchzufhren; in _seiner_ Zeit wird vielleicht ein sichtbares Ziel am Horizont aufsteigen  in unserer schwerlich.  Wie die Leute auf den Straen lrmen  die bejubeln doch wieder das neue Jahr, trotz der Leiden, welche ihnen das  ebenso eingejubelte  alte gebracht. O diese vergesslichen Menschen!
Schilt sie nicht zu sehr ob ihrer Vergesslichkeit, Friedrich. Mir fngt auch schon an, das vergangene Leid wie traumhaft aus dem Gedchtnis zu entflattern und was ich gegenwrtig empfinde, ist das Glck der Gegenwart, das Glck, dich zu haben, Einziger! Ich glaube auch  wir wollen zwar nicht von der Zukunft sprechen  aber ich glaube, wir haben eine schne Zukunft vor uns ... Einig, liebend, selbstndig, reich  wie viele herrliche Gensse kann uns das Leben noch bieten: wir werden reisen, die Welt kennen lernen, die so schne Welt ... Schn, solange Frieden herrscht, und der kann jetzt viele, viele Jahre andauern ... Sollte doch wieder Krieg ausbrechen, so bist du nicht mehr daran beteiligt ... auch Rudolf ist nicht bedroht, da er nicht Soldat werden soll ...
Wenn aber, wie Minister Allerdings berichtet, jeder Mensch militrpflichtig sein wird 
Ach, Unsinn.  Was ich also sagen wollte: wir reisen, wir ziehen uns in Rudolf einen Mustermenschen auf, wir verfolgen unser edles Ziel der Friedenspropaganda, und wir  wir lieben uns!
O du mein holdes Weib! ... Er zog mich an sich und ksste mich auf den Mund. Es war das erste Mal, nach all der Trennungs-, Schreckens- und Trauerzeit, dass sich der milden Zrtlichkeit seiner Liebkosungen wieder eine Flamme beimischte  eine Flamme, die mich mit ser Glut umloderte. Vergessen war Krieg, Cholera, Allerseelen in dieser seligen Sylvesternacht und   unser am 1. Oktober 1867 geborenes Tchterchen haben wir _Sylvia_ getauft.
Der Fasching desselben Jahres brachte wieder Blle und Vergngungen aller Art. Natrlich nicht fr uns  meine Trauer hielt mich von solchen Dingen fern. Was mich aber wunderte, war, dass nicht die ganze Gesellschaft solchem rauschenden Treiben entsagte. Es musste doch beinah in jeder Familie ein Verlustfall vorgekommen sein; aber, wie es scheint, man setzte sich darber hinaus. Zwar blieben einige Huser geschlossen, namentlich in der Aristokratie, aber an Tanzgelegenheiten fehlte es der Jugend nicht und natrlich waren die beliebtesten Tnzer diejenigen, welche von den italienischen oder bhmischen Schlachtfeldern heimgekehrt; und am meisten gefeiert wurden die Marineoffiziere  namentlich die Mitkmpfer bei Lissa. In Tegethoff, den jugendlichen Admiral (wie nach dem Feldzug von Schleswig-Holstein in den schnen General Gablenz), war die halbe Damenwelt verliebt. Custozza und Lissa, das waren berhaupt die beiden Trmpfe, welche in jedem Gesprch ber den abgelaufenen Krieg ausgespielt wurden. Daneben Zndnadelgewehr und Landwehr  zwei Institutionen, welche schleunigst eingefhrt werden sollten, und knftige Siege waren uns verbrgt. Siege  wann und gegen wen? Darber sprach man sich nicht aus; aber der Revanchegedanke, der jede verlorene Partie  wenn es auch nur eine Kartenpartie ist  zu begleiten pflegt, der schwebte ber allen Kundgebungen der Politiker. Wenn wir auch selber nicht gegen Preuen losziehen wrden, vielleicht wrden es andere auf sich nehmen, uns zu rchen. Allem Anschein nach wollte Frankreich mit unseren berwindern anbinden und da knnte ihnen so manches heimgezahlt werden  das Ding hatte in diplomatischen Kreisen sogar schon einen Namen: _La revanche de Sadowa_. So teilte uns Minister Allerdings befriedigt mit.
Es war zu Anfang des Frhjahrs, dass wieder so ein gewisser schwarzer Punkt am Horizont aufstieg  eine sogenannte Frage. Auch die Nachrichten von franzsischen Rstungen verschafften den Konjektural-Politikern das so beliebte Krieg in Sicht. Die Frage hie diesmal die Luxemburger.
Luxemburg? Was war denn das wieder so Weltwichtiges? Da musste ich erst wieder Studien anstellen, wie einst ber Schleswig-Holstein. Mir war der Name eigentlich nur aus Supps Flotte Bursche gelufig, worin bekanntlich ein Graf von Luxemburg sein ganzes Geld verputzt, putzt, putzt ... Das Ergebnis meiner Forschungen war folgendes:
Luxemburg gehrte nach den Vertrgen von 1814 und 1816 (ah, da haben wirs: Vertrge  da lsst sich schon ein Vlkerprozess daraus ableiten  eine hbsche Einrichtung, diese Vertrge) laut Vertrag dem Knig der Niederlande und zugleich dem deutschen Bunde. Preuen hatte in der Hauptstadt das Besatzungsrecht. Nun hatte aber Preuen im Juni 1866 seine Teilnahme am alten Bund gekndigt, wie sollte es jetzt mit dem Besatzungsrecht gehalten werden? Das war sie, die Frage. Der Prager Frieden hatte ja ein neues System in Deutschland eingesetzt und mit diesem war die Zusammengehrigkeit mit Luxemburg aufgehoben  warum behielten dann die Preuen ihr Besatzungsrecht? Allerdings das war verwickelt und konnte am vorteilhaftesten und gerechtesten durch Abschlachtung neuer Hunderttausende geschlichtet werden  das muss doch jeder einsichtige? Politiker zugeben. Dem hollndischen Volke hat niemals etwas an dem Besitz des Groherzogtums gelegen; auch dem Knig Wilhelm III. lag nichts daran, und er htte es gern fr eine Summe in seine Privatkasse an Frankreich abgegeben. Da begannen nun _geheime_ Verhandlungen zwischen dem Knig und dem franzsischen Kabinett. Recht so: Geheimnis ist ja der Kern aller Diplomatie. Die Vlker drfen von den Streitigkeiten nichts wissen  kommen diese erst zum Austrage, so haben sie das Recht, dafr zu bluten. Warum und wofr sie sich schlagen  das ist Nebensache.
Ende Mrz erst macht der Knig die Nachricht offiziell und am selben Tage, als er sein Einverstndnis nach Frankreich telegraphiert, wird der preuische Gesandte im Haag davon unterrichtet. Darauf beginnen Unterhandlungen mit Preuen. Dieses beruft sich auf die Garantie der Vertrge von 1859, auf Grundlage deren das Knigreich Holland bestand. Die ffentliche Meinung (wer ist das, die ffentliche Meinung? Wohl die Leitartikelschreiber?) in Preuen ist entrstet, dass das alte deutsche Reichsland losgerissen werden soll; im norddeutschen Reichstag  am 1. April  werden ber diesen Gegenstand feurige Interpellationen gestellt. Bismarck bleibt zwar ber Luxemburg kalt, veranstaltet jedoch bei dieser Gelegenheit Rstungen gegen Frankreich, was natrlich wieder franzsische Gegenrstungen zur Folge hat. Ach, wie ich diese Melodie schon kenne! Damals zitterte ich sehr, dass ein neuer Brand in Europa ausbreche. An Schrern fehlte es nicht: in Paris Cassagnac und Emile de Girardin, in Berlin Menzel und Heinrich Leo. Ob denn solche Kriegshetzer nur eine entfernte Ahnung haben von der Riesenhaftigkeit ihres Verbrechertums? Ich glaube kaum. Um jene Zeit war es  ich habe das erst viele Jahre spter erzhlen gehrt  dass Professor Simon dem Kronprinzen Friedrich von Preuen gegenber die schwebende Frage uerte:
Wenn Frankreich und Holland bereits abgeschlossen haben, so bedeutet das den Krieg.
Worauf der Kronprinz mit heftiger Erregung und Bestrzung erwiderte: Sie haben den Krieg nicht gesehen ... htten Sie ihn gesehen, so wrden Sie das Wort nicht so ruhig aussprechen ... Ich habe ihn gesehen und ich sage Ihnen, es ist _die grte Pflicht_, wenn es irgend mglich ist, den Krieg zu vermeiden.
Und diesmal wurde er vermieden. In London trat eine Konferenz zusammen, welche am 11. Mai zu dem erwnschten friedlichen Resultate fhrte. Luxemburg ward als neutral erklrt und Preuen zog seine Truppen fort. Die Friedensfreunde atmeten auf, aber es gab Leute genug, welche sich ber diese Wendung rgerten. Nicht der Kaiser der Franzosen  dieser wnschte den Frieden  aber die franzsische Kriegspartei. Auch in Deutschland erhoben sich Stimmen, welche das Verhalten Preuens verurteilten: Aufopferung eines Bollwerks, Wie Furcht aussehende Nachgiebigkeit und dergleichen mehr.  Auch jede Privatperson, welche auf den Rechtsspruch des Gerichtes hin auf irgendeinen Besitz verzichtet, zeigt solche Nachgiebigkeit  wre es besser, sie beugte sich keinem Tribunal und schlge mit den Fusten drein? Was die Londoner Konferenz erreicht, das knnte in solchen strittigen Fragen immer erreicht werden, und den Staatenlenkern wre jene Vermeidung immer mglich, die der nachmalige Friedrich III., Friedrich der Edle, die _grte Pflicht_ genannt.
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Im Mai begaben wir uns nach Paris, um die Ausstellung zu besuchen.
Ich hatte die Weltstadt noch nicht gesehen und war von der Pracht und dem Leben derselben ganz geblendet. Namentlich damals  das Kaiserreich stand auf seinem hchsten Glanzpunkte und smtliche Kronentrger Europas hatten sich da zusammengefunden  namentlich damals bot Paris ein Bild frhlichster und friedenssicherster Herrlichkeit. Nicht wie die Hauptstadt _eines_ Landes, sondern wie die Hauptstadt der Internationalitt erschien mir damals die  drei Jahre spter von ihrem stlichen Nachbar bombardierte  Stadt. Alle Vlker der Erde hatten sich in dem groen Champ de Mars-Palaste zu dem friedlichen  einzig ntzlichen, weil schaffenden und nicht zerstrenden  Kampf des Wettbewerbs versammelt; so viel Kunstwerke und Gewerbewunder waren hier zusammengetragen, dass sich in jedem Beschauer der Stolz regen musste, in so vorgeschrittener, immer noch weiteren Fortschritt versprechender Zeit zu leben: und neben diesem Stolz musste natrlich auch der Vorsatz entstehen, den Gang solcher genussspendenden Kulturentwicklung nicht mehr durch brutales Vernichtungwten zu hemmen. Diese hier als Gste des Kaisers und der Kaiserin versammelten Knige, Frsten und Diplomaten konnten doch bei all den ausgetauschten Hflichkeiten, Freundlichkeiten, Glckwnschen nicht daran denken, nchstens mit ihren Gastgebern oder untereinander Todesgeschoe zu tauschen? ... Nein: ich atmete auf. Dieses ganze blendende Ausstellungsfest schien mir die Brgschaft, dass jetzt eine Aera von langen, langen Friedensjahren begonnen. Hchstens gegen einen Mongolenberfall oder so etwas dergleichen konnten diese zivilisierten Leute noch das Schwert ziehen, aber gegeneinander?  das erlebten wir wohl nimmermehr. Was mich in dieser Auffassung bestrkte, war die Mitteilung, die mir ber einen Lieblingsplan des Kaisers gemacht wurde: _allgemeine Abrstung_. Ja, das stand bei Napoleon III. fest  ich habe es aus dem Munde seiner nchsten Verwandten und Vertrauten : bei nchster passender Gelegenheit wrde er smtlichen europischen Regierungen den Vorschlag unterbreiten, ihren Heeresstand auf ein Minimum herabzusetzen. Das lie sich hren  das war wohl eine vernnftigere Idee als diejenige einer allgemeinen Heeresverstrkung. Damit wre die bekannte Forderung Kants erfllt, welche in Paragraph 3 der Prliminar-Artikel zum ewigen Frieden also formuliert ist:

    Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhren. Dieselben bedrohen andere Staaten unaufhrlich mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerstet zu scheinen, reizen diese an, sich einander in Menge der Gersteten, die keine Grenzen kennt (o prophetischer Weisenblick!) zu bertreffen, und indem durch die darauf gewendeten Kosten der Friede endlich noch drckender wird als ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursachen von Angriffskriegen, um diese Last los zu werden.

Welche Regierung konnte einen Vorschlag, wie der Franzose ihn plante, ablehnen, ohne sich als eroberungsschtig zu entlarven? Welches Volk wrde gegen solche Ablehnung nicht revoltieren? Der Plan musste gelingen.
Friedrich teilte meine Zuversicht nicht.
Vor allem bezweifle ich, sagte er, dass Napoleon diesen Vorsatz auch aufrichtig hegt. Und wenn auch: der Druck der Kriegspartei wrde ihn an der Ausfhrung hindern. berhaupt werden die Throninhaber an der Bettigung solcher, aus der Schablone fallender groer Willensmeinungen von ihrer Umgebung immer gehindert. Zweitens lsst sich einem lebenden Wesen nicht so mir nichts, dir nichts befehlen, dass es aufhre zu sein. Da setzt es sich zur Wehr.
Von welchem lebenden Wesen sprichst du.?
Von der Armee. Dieselbe ist ein Organismus und als solcher lebensentfaltungs- und selbsterhaltungskrftig. Gegenwrtig steht dieser Organismus gerade in seiner Blte, und wie du siehst  das allgemeine Wehrsystem soll ja auch in anderen Lndern eingefhrt werden  ist er eben im Begriffe, sich mchtig auszubreiten. 
Und dennoch willst du dagegen ankmpfen?
Ja, aber nicht, indem ich hintrete und ihm sage: Stirb, Ungeheuer! denn auf das hin wrde mir besagter Organismus kaum den Gefallen erweisen, sich tot hinzustrecken. Sondern ich kmpfe dagegen, indem ich fr ein anderes, noch ganz schwach aufkeimendes Lebensgebilde eintrete, welches, indem es an Kraft und Ausdehnung zunimmt, das andere verdrngen soll. Dass ich in solchen naturwissenschaftlichen Metaphern spreche  daran bist du ursprnglich schuld, Martha. Du warst es, welche mich zuerst verleitete, die Werke der modernen Naturforscher zu studieren. Dadurch ist mir die Einsicht aufgegangen, dass auch die Erscheinungen des sozialen Lebens nur dann in ihrer Entstehung verstanden und in ihrem knftigen Verlauf vorausgesehen werden knnen, wenn man sie als unter dem Einfluss ewiger Gesetze stehend auffasst. Davon haben die meisten Politiker und hohen Wrdentrger keinen blauen Dunst  das lbliche Militr schon gar nicht. Vor einigen Jahren wre es mir auch nicht in den Sinn gekommen.
Wir wohnten im Grand-Hotel auf dem Boulevard des Capucines. dasselbe war zumeist mit Englndern und Amerikanern gefllt. Landsleute trafen wir nur wenige: der sterreicher ist nicht reiselustig. Wir suchten brigens auch keinen Anschluss: meine Trauer war noch nicht abgelegt und wir hegten keinen Wunsch nach geselliger Unterhaltung. Meinen Sohn Rudolf hatte ich natrlich bei mir. Er war jetzt acht Jahre alt und ein wunderbar gescheites Mnnchen. Wir hatten einen jungen Englnder aufgenommen, der bei dem Kleinen halb Hofmeister-, halb Kindermdchenstelle vertrat.
Zu unseren langen Stationen im Ausstellungspalast, sowie auch unseren zahlreichen Ausflgen in die Umgebung, konnten wir den Rudi doch nicht immer mitnehmen und die Zeit des Lernens war ja auch schon fr ihn gekommen.
Neu  neu  neu war mir diese ganze hier erschlossene Welt! All die von den vier Himmelsgegenden zusammengekommenen Menschen, von berall her die reichsten und vornehmsten; diese Feste, dieser Aufwand, dieses Gewimmel ... ich war frmlich betubt davon. Aber so interessant und genussreich es mir auch war, diese berraschenden und berwltigenden Eindrcke in mich aufzunehmen, so sehnte ich mich im stillen doch wieder aus dem Getse hinaus, nach irgendeinem abgelegenen, friedlichen Pltzchen, wo ich mit Friedrich und meinem Kinde  meinen _Kindern_, ich sah ja wieder Mutterfreuden entgegen  in ruhiger Zurckgezogenheit htte leben knnen. Es ist doch sonderbar  ich finde es in den roten Heften fters besttigt , wie in der Abgeschlossenheit die Sehnsucht nach Ereignissen und Taten, nach Erlebnissen und Vergngungen entsteht und mitten in diesen wieder die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe.
Von der groen Welt hielten wir uns fern. Nur bei unserem Gesandten Metternich hatten wir einen Besuch abgestattet und dabei erwhnt, dass wir unserer Familientrauer wegen keine Einfhrung bei Hofe und in die Gesellschaft wnschten. Dagegen suchten wir die Bekanntschaft einiger hervorragender politischer und literarischer Persnlichkeiten; teils aus persnlichem Interesse und zu geistiger Anregung, teils im Hinblick auf Friedrichs Dienst. Trotz der geringen Hoffnungen, die er auf einen greifbaren Erfolg seiner Bestrebungen hatte, verlor er diese niemals aus dem Auge, und er setzte sich mit verschiedenen einflussreichen Personen in Verkehr, von welchen er Frderung seiner Sache, oder mindestens Auskunft ber deren Stand erhalten konnte. Wir haben uns damals ein eigenes Bchelchen angelegt  wir nannten es Friedenspolitik  in welches smtliche, auf diesen Gegenstand bezgliche Urkunden, Notizen, Artikel usw. abschriftlich eingetragen wurden. Auch die Geschichte der Friedensidee, soweit wir von derselben Kenntnis erlangten, haben wir da zu Protokoll gebracht. Daneben die Aussprche verschiedener Philosophen, Dichter, Juristen und Schriftsteller ber Krieg und Frieden. Es war bald zu einem stattlichen Bndchen herangewachsen und im Laufe der Zeit  ich habe diese Buchfhrung bis auf den heutigen Tag fortgesetzt  sind sogar mehrere Bndchen daraus geworden. Wenn man das mit den Bibliotheken vergleicht, die mit Werken strategischen Inhalts gefllt sind, mit den ungezhlten Tausenden von Bnden, welche Kriegsgeschichte, Kriegsstudium und Kriegsverherrlichung enthalten, mit den militrwissenschaftlichen und militrtechnischen Lehrbchern und Leitfden ber Rekrutenabrichtung und Ballistik, mit den Schlachtenchroniken und Generalstabsberichten, Soldatenliedern und Kriegsgesngen: ja, dann freilich knnte einen der Vergleich mit den paar Heftchen Friedensliteratur kleinmtig machen  vorausgesetzt, dass man die Kraft und den Gehalt  namentlich den Zukunftsgehalt  eines Dinges nach dessen Ausdehnung bemessen wollte. Wenn man aber bedenkt, dass _eine_ Samenkapsel in sich die virtuelle Mglichkeit birgt, einen Wald entstehen zu machen, der ganze, ber weite Felder ausgedehnte Unkrautmassen verdrngen wird;  und ferner bedenkt, dass die Idee im Reiche des Geistes dasselbe ist, was das Samenkorn im Reiche der Pflanzen  dann braucht man um die Zukunft einer Idee nicht besorgt zu sein, weil sich bisher die Geschichte ihrer Entfaltung in einem kleinen Heftchen aufzeichnen lsst.
Ich will hier einige Stellen anfhren, wie sie unser Friedensprotokoll im Jahre 1867 aufwies. Auf der ersten Seite stand ein gedrngter historischer berblick:

Vierhundert Jahre vor Christus schrieb Aristophanes eine Komdie: Der Frieden, in welcher eine humanitre Tendenz vertreten ist.
Die griechische  spter nach Rom verpflanzte  Philosophie vertritt das Streben nach menschlicher Einheit  von Sokrates an, welcher sich Weltbrger nennt, bis zu Terenz, dem nichts Menschliches fremd, und zu Cicero, der die _caritas generis humani_ als den hchsten Grad der Vollkommenheit hinstellt.
Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erscheint Virgil und sein berhmtes 4. Hirtengedicht, welches der Welt den ewigen Frieden voraussagt, unter dem mythologischen Gewande des wiedererstandenen goldenen Zeitalters.
Im Mittelalter versuchten die Ppste fters, sich als Schiedsrichter zwischen den Staaten einzusetzen, aber vergebens.
Im 15. Jahrhundert kam ein Knig auf die Idee, eine Friedensliga zu bilden. Es war dies Georg Podiebrad von Bhmen, der den Kmpfen von Kaiser und Papst ein Ende machen wollte: er wandte sich dieserhalb an Ludwig XI. von Frankreich, welcher auf diesen Vorschlag jedoch nicht einging.
Zum Schluss des 16. Jahrhunderts fasste Knig Heinrich IV. von Frankreich den Plan einer europischen Staatenfderation. Nachdem er sein Land von den Schrecken der Religionskriege befreit, wollte er fr alle Zukunft die Duldung und den Frieden gesichert sehen. Er wollte die sechzehn Staaten, welche Europa bildeten (Russland und die Trkei zhlten noch zu Asien), in einen Bund vereint wissen. Jeder dieser sechzehn Staaten htte zwei Abgeordnete zu einem europischen Reichstag zu schicken gehabt; diesem aus 32 Mitgliedern bestehenden Reichstag wre die Aufgabe zugefallen, den religisen Frieden zu gewhrleisten und alle internationalen Konflikte zu schlichten. Wenn nur jeder Staat sich verpflichtete, den Entschlssen des Reichstages sich unterzuordnen, so war damit jedes Element eines zuknftigen europischen Krieges verschwunden. Der Knig teilte diesen Plan seinem Minister Sully mit, der denselben begeistert aufnahm und sofort mit den anderen Staaten zu verhandeln begann. Schon war Elisabeth von England, schon der Papst und Holland und mehrere andere gewonnen; nur das Haus sterreich wrde Widerstand geleistet haben, weil ihm territoriale Konzessionen abgefordert worden wren, in die es nicht gebilligt htte. Ein Feldzug wre ntig gewesen, um diesen Widerstand zu brechen. Die Hauptarmee htte Frankreich gestellt, welches von vornherein auf jede Gebietserweiterung verzichtete: einziger Zweck des Feldzugs und einzige dem Hause sterreich aufzulegende Friedensbedingung wre der Beitritt zum Staatenbund gewesen. Schon waren die Vorbereitungen getroffen und Heinrich IV. wollte sich selber an die Spitze des Heeres stellen, als er am 13. Mai 1610  unter der Mordwaffe eines wahnsinnigen Mnches fiel.
Keiner von seinen Nachfolgern und kein sonstiger Souvern hat diesen glorreichen Plan zur Erlangung des Vlkerglckes wieder aufgenommen. Die Regenten und Politiker blieben dem alten Kriegsgeist treu; aber die Denker aller Lnder lieen die Friedensidee nicht mehr fallen.
Im Jahre 1647 wird die Sekte der Quker gebildet, deren Grundlage die Verdammung des Krieges bildet. Im selben Jahre verffentlicht William Penn sein Werk ber den zuknftigen Frieden Europas, in dem er sich auf den Plan Heinrichs IV. sttzt. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts erscheint das berhmte Buch _La paix perpetuelle_ von dem _Abb de St. Pierre_. Gleichzeitig entwickelt denselben Plan ein Landgraf von Hessen und Leibniz schreibt einen gnstigen Kommentar dazu.
Voltaire macht den Ausspruch: Jeder europische Krieg ist ein Brgerkrieg. Mirabeau, in der denkwrdigen Sitzung vom 25. August 1790, sagt folgende Worte: Vielleicht ist der Augenblick nicht mehr entfernt, da die Freiheit, als unumschrnkte Herrscherin der beiden Welten, den Wunsch der Philosophen erfllen wird: die Menschheit von dem Verbrechen des Krieges zu befreien und den ewigen Frieden zu verknden. Dann wird das Glck der Vlker das einzige Ziel des Gesetzgebers sein, der einzige Ruhm der Nationen.
Im Jahre 1795 schreibt einer der grten Denker aller Zeit, Immanuel Kant, seine Abhandlung Zum ewigen Frieden. Der englische Publizist Bentham schliet sich den immer zunehmenden Reihen der Friedensvertreter  Fourrier, Saint-Simon u.a.  mit Begeisterung an; Beranger dichtet Die heilige Allianz der Vlker; Lamartine _La Marseillaise de la Paix_. In Genf stiftete der Graf Cellon einen Friedensverein, in dessen Namen er mit allen europischen Herrschern in propagandistische Korrespondenz tritt. Aus Amerika, Massachusetts, kommt der gelehrte Grobschmied, Elihu Burrilt, daher und streut seine Oliven-Bltter und seinen Funken vom Amboss in Millionen Exemplaren in die Welt und fhrt 1849 den Vorsitz in einer Versammlung der englischen Friedensfreunde. In dem Pariser Kongress, welcher dem Krimkrieg ein Ende machte, hielt die Friedensidee ihren Einzug in der Diplomatie, indem dem Vertrage eine Klausel beigesetzt ward, welche bestimmt, dass die Mchte sich verpflichten, bei knftigen Konflikten sich vorangehenden Vermittelungen zu unterstellen. Diese Klausel enthlt eine dem Prinzip des Schiedsgerichts dargebrachte Anerkennung,  _befolgt_ wurde sie aber nicht.
Im Jahre 1863 schlug die franzsische Regierung den Mchten vor, einen Kongress zu veranstalten, bei welchem die Grundlage zu allgemeiner Abrstung und zu einverstndlicher Verhtung knftiger Kriege gelegt werden sollte.

Recht sprlich sind die Eintragungen, die zu jener Zeit mein Protokoll fllten! Das ist spter anders geworden. Sie beweisen aber, dass die _Mglichkeit_ des Weltfriedens schon von altersher ins Auge gefasst worden war. Nur vereinzelt, von groen Zwischenrumen getrennt, erhoben sich die Stimmen und verhallten  nicht nur unbeachtet, sondern zumeist auch ungehrt. Mit allen Entdeckungen, allem Fortschritt, allem _Wachstum_ gehts nicht anders:

  _Naht von ferne sich der Frhling,
  Zwitscherts da und dort hervor,
  Rckt er weiter in das Land ein,
  Schmetterts laut im groen Chor.
  So im weiten Kreis der Zeit
  Flsterts lang schon da und dort,
  Kommt der richtige Moment,
  Stimmen alle ein sofort._
  (Mrzrot)
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Und wieder nahte meine schwere Stunde.
Aber diesmal wie so anders, als zu jener Zeit, da Friedrich mich verlassen musste  um des Augustenburgers willen. Diesmal war er an meiner Seite, auf des Gatten richtigem Posten: durch seine Gegenwart, durch seinen Mitschmerz der Gattin Leiden mildernd. Das Gefhl, ihn da zu haben, war mir ein so beruhigendes und glckliches, dass ich darber das physische Ungemach beinah verga.
Ein Mdchen! Das war unseres stillen Wunsches Erfllung. Die Freuden, die man an einem Sohne hat, die wrde uns ja der kleine Rudolf bieten; jetzt konnten wir dazu auch noch diejenigen Freuden erleben, welche so ein aufblhendes Tchterchen seinen Eltern verschafft. Dass sie ein Ausbund von Schnheit, von Anmut, von Holdseligkeit sein wrde, unsere kleine Sylvia, daran zweifelten wir keinen Augenblick.
Wie wir beide nun ber der Wiege dieses Kindes selber kindisch wurden, was fr se Albernheiten wir da sprachen und trieben, das will ich gar nicht versuchen zu erzhlen. Andere als verliebte Eltern verstnden es doch nicht, und alle solche sind wohl selber grad so toll gewesen.
Wie das Glck doch selbstisch macht! Es folgte jetzt eine Zeit fr uns, in der wir glcklich alles andere  was nicht unser huslicher Himmel war  gar zu sehr vergaen. Die Schrecken der Cholerawoche nahmen in meinem Gedchtnis immer mehr die Gestalt eines entschwundenen bsen Traumes an, und auch Friedrichs Energie in Verfolgung seines Zieles lie einigermaen nach. Es war aber auch entmutigend: berall, wo man mit jenen Ideen anklopfte  Achselzucken, mitleidiges Lcheln, wo nicht gar Zurechtweisung. Die Welt will, wie es scheint  nicht nur betrogen, sondern auch unglcklich gemacht werden. Sowie man ihr Vorschlge unterbreiten will, das Elend und den Jammer fortzuschaffen, so heit das Utopie, kindischer Traum, und sie will nichts hren.
Dennoch lie Friedrich sein Ziel nicht gnzlich aus den Augen. Er vertiefte sich immer mehr in das Studium des Vlkerrechts, setzte sich in brieflichen Verkehr mit Bluntschli und anderen Gelehrten dieses Zweiges. Gleichzeitig  und zwar mit mir in Gemeinschaft  betrieb er auch fleiig andere, namentlich naturwissenschaftliche Studien. Er plante, ber den Gegenstand Krieg und Frieden ein greres Werk zu schreiben. Doch ehe er sich an die Ausfhrung machte, wollte er durch lange und eingehende Forschungen sich dazu rsten und schulen. Ich bin zwar ein alter k.k. Oberst, sagte er, und die meisten meiner Alters- und Ranggenossen wrden es verschmhen, sich mit Lernen abzugeben ... man hlt sich gewhnlich fr unbndig gescheit, wenn man ein ltlicher Mann in Amt und Wrden ist  ich selber vor einigen Jahren, hatte auch solchen Respekt vor meiner Person ... Nachdem sich mir aber pltzlich ein neuer Gesichtskreis aufgetan, nachdem ich einen Einblick in den modernen Geist gewann, da berkam mich das Bewusstsein meiner Unwissenheit ... Nun ja, von alledem, was jetzt auf allen Gebieten an neuer Erkenntnis gewonnen worden, davon hat man ja in meiner Jugend _gar nichts_  oder vielmehr das Gegenteil gelernt. Da muss ich jetzt  trotz der Silberfden an den Schlfen  wieder von vorne anfangen.
Den Winter nach Sylvias Geburt verbrachten wir in aller Stille in Wien. Im folgenden Frhjahr bereisten wir Italien. Weltkennenlernen gehrte ja auch zu unserem neuen Lebensprogramm. Frei und reich waren wir, nichts hinderte uns, es auszufhren. Kleine Kinder sind zwar auf Reisen ein wenig lstig, aber wenn man gengendes Personal von Bonnen und Wrterinnen mitfhren kann, so lsst es sich schon machen. Ich hatte eine alte Dienerin zu mir genommen, welche einst meine und meiner Schwester Kindsfrau gewesen, dann einen Wirtschaftsbeamten geheiratet hatte und jetzt verwitwet war. Diese Frau Anna war meines vollstens Vertrauens wrdig und in ihren Hnden konnte ich meine kleine Sylvia mit voller Beruhigung zurcklassen, wenn wir  Friedrich und ich  auf mehrere Tage unser Hauptquartier verlieen, um Ausflge zu machen. Ebensogut war Rudolf bei Mr. Foster, seinem Hofmeister, aufgehoben. Doch geschah es hufig, dass wir den achtjhrigen kleinen Mann mit uns nahmen.
Schne, schne Zeiten! ... Schade, dass ich damals die roten Hefte so stark vernachlssigte. Gerade da htte ich so viel des Schnen, Interessanten und Heiteren eintragen knnen; aber ich habe es unterlassen, und so sind mir die Einzelheiten jener Jahre meist aus dem Gedchtnis entschwunden: nur in groen Zgen kann ich mir noch ein Bild davon zurckrufen.
In das Friedensprotokoll fand ich Gelegenheit, eine erfreuliche Eintragung zu machen. Es war dies nmlich ein Zeitungsartikel, gezeichnet B. Desmoulins, worin der franzsischen Regierung der Vorschlag gemacht wird, sich an die Spitze der europischen Staaten zu stellen, indem sie das Beispiel gbe, abzursten.

    So wird sich Frankreich das Bndnis und die aufrichtige Freundschaft aller Staaten sichern, welche dann aufhren wrden, sich vor Frankreich zu frchten, dessen Mithilfe sie bentigten. So wrde sich allgemeine Entwaffnung von selber einstellen, _das Prinzip der Eroberung wre auf immer aufgegeben_ und die Konfderation der Staaten wrde ganz natrlich einen obersten Gerichtshof internationaler Gerechtigkeit bilden, welcher imstande sein wird, auf dem Weg des Schiedsrichteramtes alle Streitigkeiten zu schlichten, welche der Krieg niemals zu entscheiden vermocht. Indem es so handelte, wrde Frankreich die einzige reelle und einzige dauerhafte Kraft  nmlich das Recht  auf seine Seite gebracht, und dem Menschengeschlecht auf ruhmreiche Weise eine neue Aera erffnet haben. (Opinion Nationale 25. Juli 1868.)

_Beachtung_ hat dieser Artikel natrlich wieder nicht gefunden.
Im Winter 1868 bis 1869 kehrten wir nach Paris zurck und diesmal  auch von dieser Seite wollten wir das Leben kennen lernen  strzten wir uns in die groe Welt.
Es war ein etwas ermdendes, aber fr einige Zeit doch recht genussreiches Treiben. Wir hatten  um ein Zuhause zu haben  uns ein kleines mbliertes Hotel im Viertel der Champs Elises gemietet, wo wir unseren zahlreichen Bekannten, bei denen wir tglich zu irgendwelchen Festen geladen waren, auch manchmal revanche bieten konnten. Von unserem Gesandten beim Tuilerienhofe eingefhrt, waren wir fr den ganzen Winter zu den Montagen der Kaiserin vergeben; auerdem standen uns die Huser smtlicher Botschafter offen, sowie die Salons der Prinzessin Mathilde, der Herzogin von Mouchy, der Knigin Isabella von Spanien und so weiter. Auch viele literarische Gren lernten wir kennen  den grten freilich nicht, denn dieser, ich meine Viktor Hugo, lebte in der Verbannung; doch sind wir Renan, Dumas, Vater und Sohn, Octave Feuillet, George Sand, Arsne Houssaye und einigen anderen begegnet. Bei dem Letztgenannten haben wir auch einen Maskenball mitgemacht. Wenn der Verfasser der _Grandes dames_ in seinem prachtvollen kleinen Hotel der Avenue Friedland eines seiner venetianischen Feste gab, so war es Gewohnheit, dass daselbst die wirklich groen Damen unter dem Schutze der Maske sich in der Nhe die kleinen Damen  bekannte Schauspielerinnen u. dgl.  besahen, welche hier ihre Diamanten und ihren Witz funkeln lieen.
Wir waren auch sehr fleiige Theaterbesucher. Mindestens dreimal wchentlich verbrachten wir die Abende entweder in der italienischen Oper, wo Adelina Patti  eben mit dem Marquis de Caux verlobt  die Zuhrerschaft entzckte, oder im Thtre Franais, oder auch in einem kleineren Boulevard-Theater, um Hortense Schneider als Groherzogin von Gerolstein oder andere Operetten- und Vaudeville-Berhmtheiten zu sehen.
Es ist doch sonderbar, wie, wenn man in diesen Wirbel des Glanzes und der Unterhaltungen gestrzt ist, wie einem diese kleine groe Welt pltzlich so schrecklich wichtig vorkommt und die darin waltenden Gesetze von Eleganz und chic (damals hie es noch chic) eine Art ganz ernsthaft genommener Pflichten auferlegen. Im Theater einen geringeren Platz einnehmen als eine Proszeniumsloge; in den Bois mit einem Wagen sich zeigen, dessen Gespann nicht tadellos wre; auf den Hofball gehen, ohne eine von Worth unterschriebene 2000-Franken-Toilette zu tragen; sich zu Tische setzen (_Madame la baronne est servis_ ...) auch wenn man keine Gste hat, ohne sich von dem wrdevoll amtierenden _matre dhtel_ und einigen Lakaien die feinsten Gerichte und edelsten Weine auftragen zu lassen:  das wren alles arge Verste.
Wie leicht  wie leicht geschieht es einem, wenn man von dem Rderwerk solcher Existenz erfasst worden, dass man alle seine Gedanken und Gefhle auf dieses im Grunde gedanken- und gefhllose Treiben verwendet; dass man darber vergisst, Anteil zu nehmen an dem Gang der wirklichen Welt drauen  ich meine das Universum  und an dem Bestande der eigenen Welt da drinnen  ich meine das husliche Glck. Mir wre es vielleicht so ergangen  aber davor schtzte mich Friedrich. Er war nicht der Mann dazu, sich von dem Strudel der Pariser _haute vie_ hinreien und verschlingen zu lassen. Er verga ber der Welt, in der wir uns bewegten, weder das Universum, noch unseren Herd. Ein paar Vormittagsstunden blieben uns nach wie vor der Lektre und der Familie geweiht, und so brachten wir das grte Kunststck fertig, neben dem Vergngen auch das Glck zu pflegen.
Fr uns sterreicher hegte man in Paris viel Sympathie. Oft wurde in politischen Gesprchen auf eine _Revanche de Sadowa_ angespielt, so gewiss, als msste die uns vor zwei Jahren geschehene Unbill wieder gut gemacht werden. Als ob sich berhaupt derlei wieder gut machen liee! Wenn Schlge nicht anders zu tilgen sind, als wieder durch Schlge  dann kann das Ding ja niemals aufhren. Gerade meinem Manne und mir, weil dieser beim Militr gewesen und den bhmischen Feldzug mitgemacht, gerade uns glaubten die Leute nichts Angenehmeres und Hflicheres sagen zu knnen, als eine hoffnungsvolle Anspielung auf die bevorstehende Sadowa-Rache, welche bereits als ein geschichtliches, das europische Gleichgewicht sicherndes und durch politisch-diplomatische Vorkehrungen gesichertes Ereignis behandelt wurde. Eine bei nchster Gelegenheit den Preuen zu gebende Schlappe war eine vlkerpdagogische Notwendigkeit. Die Sache wrde nicht tragisch ausfallen ... nur so etwas den bermut gewisser Leute dmpfen. Vielleicht gengte zu diesem Zwecke auch schon diese an der Wand hngende Peitsche: sollte der bermtige etwa kecke Anwandlungen bekommen, so war er ja gewarnt, dass sie auf ihn heruntersausen werde  die _Revanche de Sadowa_.
Wir lehnten natrlich solche Trstungen entschieden ab. Altes Unglck wird durch neues Unglck nicht verwischt, ebensowenig als altes Unrecht durch neues Unrecht getilgt werden kann. Wir versicherten, dass wir keinen anderen Wunsch hegten, als den nunmehrigen Frieden nicht mehr gebrochen zu sehen.
Dasselbe war  so behauptete er wenigstens  auch der Wunsch Napoleons III. Wir verkehrten so viel mit Personen, welche dem Kaiser ganz nahe standen, dass wir gengend Gelegenheit hatten, dessen politische Gesinnungen, wie er sie in vertraulichen Aussprchen laut werden lie, kennen zu lernen. Nicht nur, dass er den momentanen Frieden wnschte, er hegte den Plan, _den Mchten allgemeine Abrstung vorzuschlagen_. Aber um dieses auszufhren, fhlte er sich augenblicklich nicht sicher genug im Innern des Landes. Eine groe Unzufriedenheit kochte und grte unter der Bevlkerung, und in der nchsten Nhe des Thrones gab es eine Partei, welche darzustellen bemht war, dass dieser Thron nicht anders zu festigen wre, als durch einen auswrtigen glcklichen Krieg; so eine kleine Triumphpromenade am Rhein, und der Glanz und Bestand der napoleonischen Dynastie wre gesichert. _Il faut faire grand_ meinten diese Ratgeber. Dass der Krieg, welcher im vorigen Jahre ber die Luxemburger Frage in Aussicht stand, vereitelt worden, war jenen sehr unlieb; die beiderseitigen Rstungen waren schon so schn gediehen, und jetzt wre das Ding berstanden ... Aber auf die Lnge sei ein Kampf zwischen Frankreich und Preuen doch unvermeidlich ... Unaufhrlich drang von solchen Dingen zu uns. Dergleichen ist man ja gewhnt, in den Zeitungen anschlagen zu hren  so regelmig, wie die Brandung an der Kste. Dabei braucht man noch nicht an den Sturm zu denken; man lauscht ganz ruhig der Musikkapelle, die am Strande ihre lustigen Weisen spielt  die Brandung gibt nur einen leisen, unbeachteten Grundbass dazu ab.
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Das glnzende, von Vergngungsmhen berbrdete Treiben erreichte seinen Hhepunkt in den Frhlingsmonaten. Da kamen noch die langen Boisfahrten in offenem Wagen, die verschiedenen Gemldeausstellungen, Gartenfeste, Pferderennen, Picknickausflge hinzu  und bei alledem nicht weniger Theater, nicht weniger Visiten, nicht weniger Diners und Soireen, als mitten im Winter. Wir begannen schon stark, uns nach Ruhe zu sehnen. Diese Art Leben hat eigentlich nur dann den wahren Reiz, wenn Koketterie- und Liebschaftsgeschichten damit verbunden sind. Mdchen, welche eine Partie suchen, Frauen, die sich den Hof machen lassen und Mnner, die Abenteuer wnschen  fr solche bietet jedes neue Fest, bei welchem man dem Gegenstand seiner Trume begegnen kann, ein lebhaftes Interesse  aber Friedrich und ich? ... Dass ich meinem Gatten unwandelbar treu war, dass ich mit keinem Blick einem anderen gestattete, sich mir mit verwegenen Hoffnungen zu nahen  das erzhle ich ohne jeglichen Tugendstolz. Es ist doch ganz selbstverstndlich.
Ob ich unter anderen Verhltnissen auch all den Verlockungen widerstanden htte, denen in solchem Vergngungswirbel hbsche junge Frauen ausgesetzt sind  das kann ich ja nicht wissen; wenn man aber eine so tiefe und vollbeglckte Liebe im Herzen trgt, wie ich sie fr meinen Friedrich empfand, da ist man auch gegen alle Gefahr gepanzert. Und was ihn anbelangt: war er mir treu? Ich kann nur so viel sagen: ich hab es nie bezweifelt.
Als der Sommer ins Land gezogen kam, der _grand-prix_ vorber war und die verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Paris zu verlassen begannen  die einen nach Trouville und Dieppe, nach Biarritz und Vichy, die anderen nach Baden-Baden, die dritten auf ihre Schlsser  Prinzessin Mathilde nach St. Gratien, der Hof nach Compigne  da wurden wir mit Aufforderungen, das gleiche Reiseziel zu whlen und mit Einladungen nach den Landsitzen bestrmt; aber wir waren durchaus nicht gesonnen, die eben durchgemachte Luxus- und Vergngungskampagne des Winters auch noch ins Sommerliche zu bertragen.
Nach Grumitz wollte ich vorderhand nicht zurckkehren: ich frchtete zu sehr das Wiedererwachen der schmerzlichen Erinnerungen; auch htten wir dort  der vielen Verwandten und Nachbarschaften wegen  nicht die gewnschte Einsamkeit gefunden.
So whlten wir denn abermals als Aufenthaltsort einen stillen Winkel der Schweiz. Wir versprachen unseren Pariser Freunden, im nchsten Winter wiederzukommen, und traten vergngt, wie ferienreisende Schler, unsere Sommerfahrt an.
Was nun folgte, war wirklich eine Erholungszeit. Lange Spaziergnge, lange Lesestunden, lange Spielstunden mit den Kindern und keine Eintragungen in die roten Hefte  letzteres ein Zeichen von Sorglosigkeit und Seelenruhe.
Auch Europa schien damals so ziemlich sorgenlos und ruhig zu sein. Wenigstens sah man nirgends schwarze Punkte. Selbst von der berhmten _Revance de Sadowa_ hrte man nichts mehr verlauten.
Den grten Verdruss, den ich damals empfand, der war mir durch die seit einem Jahr bei uns in sterreich eingefhrte allgemeine Wehrpflicht bereitet. Dass mein Rudolf einst werde Soldat sein _mssen_  das konnte ich nicht fassen. Und da phantasieren die Leute von Freiheit!
Ein Jahr Freiwilliger  trstete mich Friedrich  das ist nicht viel.
Ich schttelte den Kopf.
Und wre es nur ein Tag! Keinen Menschen sollte man zwingen knnen, ein bestimmtes Amt, das er vielleicht hasst, auch nur einen Tag zu bekleiden, denn an diesem Tag muss er das Gegenteil von dem, was er fhlt, zur Schau tragen, muss beschwren, das mit Freuden zu tun, was er verabscheut  kurz, er muss lgen  und meinen Sohn wollte ich vor allem zur Wahrhaftigkeit erziehen.
Dann htte er um ein paar Hundert Jahre spter geboren werden mssen, Liebste! erwiderte Friedrich. Ganz wahr kann nur ein freier Mann sein: und mit diesen beiden  Wahrheit und Freiheit  ists noch schlecht bestellt in unseren Tagen, das wird mir  je mehr ich mich in mein Studium vertiefe  desto klarer.
Jetzt, in unserer Weltabgeschiedenheit, hatte Friedrich zu seinen Arbeiten doppelte Mue und er oblag denselben mit wahrem Feuereifer.
So glcklich und zufrieden wir in der Einsamkeit lebten, so blieben wir doch bei dem Entschlusse, den folgenden Winter wieder in Paris zu verbringen. Diesmal aber nicht in der Absicht, uns zu belustigen, sondern um fr unsere Lebensaufgabe einigermaen praktisch zu wirken. Dabei hegten wir zwar nicht die _Zuversicht_, etwas zu erreichen  aber wenn einem auch nur die Mglichkeit des Schattens einer Chance geboten scheint, fr eine Sache, die man als die edelste Sache der Welt erkannt hat, etwas leisten zu knnen, so empfindet man es als unabweisbare Pflicht, diese Chance zu versuchen.
Wir hatten nmlich, wenn wir in unseren traulichen Gesprchen die Pariser Erinnerungen rekapitulierten, auch jenes Planes des Kaisers Napoleon gedacht, der uns durch die Mitteilungen seiner Vertrauten zu Ohren gekommen  des Planes, den Mchten Abrstung vorzuschlagen. Daran knpften wir unsere Hoffnungen und unsere Projekte. Friedrichs Forschungen hatten ihm die Memoiren Sullys in die Hnde gespielt, in welchem der Friedensplan Heinrichs IV. mit allen Einzelheiten verzeichnet stand. Davon wollten wir dem Kaiser der Franzosen eine Abschrift zukommen lassen; zugleich wrden wir versuchen, durch unsere Verbindungen in sterreich und Preuen diese beiden Regierungen auf die Vorschlge der franzsischen Regierung vorzubereiten; ich konnte dies durch Minister Allerdings bewerkstelligen, und Friedrich besa in Berlin einen Verwandten, der in einflussreicher, politischer Stellung und bei Hofe sehr gut angeschrieben war.
Im Dezember, als wir nach Paris bersiedeln wollten, wurden wir jedoch daran gehindert. Unser Schatz  unsere kleine Sylvia erkrankte. Das waren bange Stunden! ... Natrlich traten da Napoleon III. und Heinrich IV. in den Hintergrund: unser Kind im Sterben!
Aber es starb nicht. Nach zwei Wochen war alle Gefahr vorbei. Nur untersagte uns der Arzt, mit der Kleinen whrend der rgsten Winterklte zu reisen. Wir verschoben demnach unsere Abfahrt auf den Monat Mrz.
Diese Krankheit und diese Genesung  die Gefahr und die Rettung  wie hatten die unsere Herzen erschttert und dieselben  ich htte dies nicht mehr fr mglich gehalten  einander wieder nher gebracht! Gemeinschaftliches Zittern vor einem grlichen Unglck, welches man besonders wegen der Verzweiflung des andern frchtet, und gemeinschaftlich geweinte Freudentrnen, wenn dieses Unglck abgewendet, das vermag gar mchtig zwei Seelen in eine zu verschmelzen.


 Sechstes Buch
1870/71

Vorahnungen? Die gibt es nicht. Paris htte sonst, als wir an einem sonnigen Nachmittag des Mrz 1870 dort anlangten, mir keinen so heiteren, lustversprechenden Eindruck machen knnen. Man wei es heute, was damals in krzester Frist derselben Stadt fr Schrecknisse bevorstanden  aber mich beschlich nicht das mindeste trbe Vorgefhl.
Wir hatten schon im voraus  durch den Agenten John Arthur  dasselbe kleine Palais gemietet, welches wir im letzten Jahre bewohnt, und an der Einfahrt desselben erwartete uns auch unser vorjhriger _matre dhtel_. Als wir, um zu unserer Wohnung zu gelangen, ber die elysischen Felder fuhren  es war eben die Bois-Stunde  da begegneten wir mehreren unserer alten Bekannten und tauschten frhliche Wiedersehensgre. Die vielen kleinen Veilchenkarren, welche um diese Jahreszeit in den Straen von Paris herumgerollt werden, fllten die Luft mit tausend Frhlingsversprechungen; die Sonnenstrahlen funkelten und spielten regenbogenfarbig in den Springbrunnen des Rundplatzes und hefteten kleine Fnkchen an die Wagenlaternen und das Pferdegeschirr der zahlreichen Gefhrte. Unter anderem fuhr auch die schne Kaiserin in einem _ la Daumont_ bespannten Wagen an uns vorbei und winkte, mich erkennend, einen Gru mit der Hand.
Es gibt so einzelne Bilder und Szenen, die sich in das Gedchtnis einfotografieren und -fonografieren, samt den sie begleitenden Empfindungen und einigen gleichzeitig gesprochenen Worten. Schn ist doch dieses Paris! rief damals Friedrich aus  und meine Empfindung war ein kindisches Sichfreuen auf den kommenden Aufenthalt. Htte ich gewusst, was mir, was dieser ganzen, in Glanz und Heiterkeit getauchten Stadt bevorstand   
Diesmal vermieden wir es, uns, wie im verflossenen Jahre, in den Strudel weltlicher Vergngungen zu werfen. Wir erklrten, keine Balleinladungen annehmen zu wollen und hielten uns von den groen Empfngen fern. Auch das Theater besuchten wir nicht mehr so hufig  nur wenn irgendein Stck besonderes Aufsehen machte  und so kam es, dass wir die meisten Abende allein oder in Gesellschaft weniger Freunde, in unserem Heim verbrachten.
Was unsere Plne in bezug auf des Kaisers Abrstungsidee betraf, so kamen wir eigentlich schlecht damit an. Napoleon III. hatte zwar seine Idee nicht ganz aufgegeben, aber der jetzige Moment  hie es  sei zu deren Ausfhrung durchaus ungeeignet. In der Umgebung des Thrones war man sich bewusst, dass dieser Thron nicht auf gar festen Fen stand; eine groe Unzufriedenheit kochte und grte im Volk, und um diese niederzuhalten, wurden alle Polizei- und Zensurmaregeln verschrft  was nur um so grere Unzufriedenheit zur Folge hatte. Das einzige, so sagten gewisse Leute, was der Dynastie neuen Glanz und Bestand geben knnte, wre ein glcklicher Feldzug ... Dazu lag freilich keine nahe Aussicht vor, aber von Abrstung sprechen, wre ganz und gar gefehlt; dadurch wrde ja der ganze Nimbus der Bonaparte zerstrt, welcher ja auf dem Ruhmeserbe des groen Napoleon beruhte. Auerdem war uns auch auf unsere Anfragen aus Preuen und sterreich kein ermunternder Bescheid geworden. Man war da in die ra der Vergrerung der Wehrmacht (das Wort: Armee begann aus der Mode zu kommen) getreten und da fiele das Wort Abrstung als grober Misston hinein. Im Gegenteil, um die Segnungen des Friedens zu erhalten, musste man die Wehrkraft nur recht steigern  den Franzosen war nicht zu trauen ... den Russen auch nicht ... den Italienern schon gar nicht; die fielen gleich ber Triest und Trient her, wenn sich Gelegenheit dazu bte  kurz, nur schn fleiig das Landwehrsystem pflegen.
Die Zeit ist nicht reif, sagte Friedrich, wenn wir solche Mitteilungen erhielten. Und die Hoffnung, dass ich in Person das Reisen der Zeit beschleunigen knne oder gar die ersehnten Frchte daran sprieen sehe  die muss ich vernnftigerweise wohl aufgeben ... Was ich beitragen kann, ist gar winzig. Aber von der Stunde an, da ich dieses Winzige als meine Pflicht erkannt, ist es mir doch zum Grten geworden  also harre ich aus.
Wenn auch vorlufig das Entwaffnungsprojekt ins Wasser gefallen war, eine Beruhigung hatte ich doch: es war kein Krieg in Sicht. Die bei Hofe und auch in der Bevlkerung vorhandene Kriegspartei, welche da meinte, dass die Dynastie in Blut aufgefrischt werden sollte und dass dem Lande wieder ein Portinchen Ruhm erwachsen msse, die musste auf Angriffsplne und auf den verlockenden kleinen Feldzug um die Rheingrenze verzichten. Denn Frankreich besa keine Verbndeten; im Lande herrschte groe Trockenheit, Futtermangel war vorausgegangen, man musste die Militrpferde verkaufen, nirgends eine schwebende Frage, das Rekrutenkontingent ward vom gesetzgebenden Krper herabgesetzt, kurz  so erklrte bei dieser Gelegenheit von der Tribne herab Ollivier: der Friede Europas ist gesichert.
_Gesichert._ Ich freute mich ber dieses Wort. In allen Zeitungen ward es wiederholt und viele Tausende freuten sich mit mir. Was kann es denn fr die meisten Menschen besseres geben, als gesicherten Frieden? Wieviel diese Sicherheit aber wert war, die da am 30. Juni 1870 von einem Staatsmann verkndet worden, das wissen wir heute alle. Und das htten wir auch schon damals wissen knnen, dass derlei staatsmnnische Versicherungen  welchen das Publikum immer wieder mit gleich naivem Vertrauen lauscht  doch keine, gar keine Brgschaft enthalten. Die europische Lage weist keine schwebende Frage auf, darum ist der Friede gesichert:  welche schwache Logik! Die Fragen knnen ja jeden Augenblick herangeschwebt kommen;  erst wenn man fr diesen Fall ein anderes Mittel in Bereitschaft hielte, als den Krieg, erst dann wre man gegen den Krieg gesichert.
Wieder zerstreute sich die Pariser Gesellschaft nach allen Windrichtungen. Wir aber blieben  Geschfte halber  zurck. Es hatte sich uns nmlich ein auerordentlich vorteilhafter Ankauf geboten. Durch die pltzliche Abreise eines Amerikaners war ein kleines, erst halbvollendetes Hotel in der Avenue de lImperatrice feil geworden, und zwar um einen Preis, der nicht viel mehr betrug, als die zur Ausschmckung und Einrichtung des Objektes bereits verwendete Summe. Da wir nun einmal die Absicht hatten, auch in Zukunft einige Monate des Jahres in Paris zu verbringen und da der betreffende Kauf zugleich ein vortreffliches Geschft war, so schlossen wir den Handel ab. Die Fertigstellung wollten wir selber berwachen und zu diesem Behuf blieben wir in Paris. Die Ausschmckung eines eigenen Nestes ist zudem eine so genussreiche Arbeit, dass wir dafr die Unannehmlichkeit, den Sommer in der Stadt zu bleiben, gern auf uns nahmen.
brigens blieb uns auch in geselliger Beziehung noch Ansprache genug. Das Schloss der Prinzessin Mathilde, St. Gratien, ferner Schloss Mouchy, dann Baron Rothschilds Besitzung, Ferrires, und noch mehrere andere Sommersitze unserer Bekannten lagen in der Nhe von Paris, und ein- oder zweimal wchentlich statteten wir bald da, bald dort einen Besuch ab.
Es war, ich erinnere mich, im Salon der Prinzessin Mathilde, dass ich zum erstenmal von der Frage hrte, die zur schwebenden werden sollte.
Die Gesellschaft sa  nach dem Gabelfrhstck  auf der Terrasse, mit dem Ausblick nach dem Park. Wer alles da war? Dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen  nur zwei der anwesenden Persnlichkeiten sind mir im Gedchtnis geblieben; Taine und Renan. Die geistvolle Herrin von St. Gratien liebte es, sich mit literarischen und wissenschaftlichen Gren zu umgeben.
Die Unterhaltung war eine sehr rege und ich kann mich erinnern, dass es meist Renan war, der das Wort fhrte, geistsprhend und witzig. Wie man unglaublich hsslich sein kann und dabei doch unglaublichen Zauber ausben, davon ist der Verfasser des Lebens Jesu ein merkwrdiges Beispiel.
Jetzt fiel das Gesprch auch auf Politik. Fr den spanischen Thron werde ein Kandidat gesucht ... Ein Prinz von Hohenzollern solle die Krone erhalten ... Ich hatte kaum hingehorcht, denn was konnte es mir, was konnte es allen hier Gleichgltigeres geben, als der spanische Knigsthron und derjenige, der darauf zu sitzen kme? Doch da sagte jemand:
Ein Hohenzoller? Das wird Frankreich nicht dulden.
Das Wort schnitt mir in die Seele, denn was heit dieses nicht dulden? Wenn das im Namen eines Landes gesagt wird, so sieht man im Geiste die dieses Land personifizierende Riesenjungfrauen-Statue mit trotzig zurckgeworfenem Kopfe und mit der Hand am Schwertesknauf.
Doch es wurde bald wieder auf ein anderes Gesprchsthema bergegangen. Wie folgenschwer diese spanische Thronfolge noch werden sollte, das ahnte unter uns noch niemand. Ich auch nicht, natrlich. Mir war nur das anmaende das wird Frankreich nicht dulden als ein Misston im Gedchtnis haften geblieben und damit zugleich die ganze umgebende Szenerie.
Von nun an sollte die spanische Thronfolge immer lauter und aufdringlicher werden. Tglich wurde der Raum grer, den sie in den Zeitungen und in den Salongesprchen einnahm und ich wei, dass sie mich in hohem Grade langweilte; diese Hohenzollern-Kandidatur: man konnte bald gar nichts anderes hren. Und mit einer Entrstung wurde davon gesprochen, als knnte Frankreich nichts Beleidigenderes widerfahren; die meisten durchschauten es als eine von Preuen ausgehende Provokation zum Kriege. Es ist doch klar  hie es  Frankreich konnte die Sache nicht dulden; wenn also die Hohenzollern darauf bestehen, so ist das die reine Herausforderung. Das verstand ich nicht. brigens war ich ohne Sorge. Wir erhielten Briefe aus Berlin, worin uns von wohlunterrichteter Seite mitgeteilt wurde, dass man bei Hofe nicht den mindesten Wert darauf lege, dass die spanische Krone einem Hohenzollern zufalle. Wir beschftigten uns demnach weit mehr mit unserem Hausbau, als mit der Politik.
Aber allmhlich wurden wir doch aufmerksam. So wie vor dem Sturm ein gewisses Bltterrascheln durch den Wald geht, so raschelt es vor dem Krieg von gewissen Stimmen durch das Volk. _Nous aurons la guerre, nous aurons la guerre!_ das tnte durch die Pariser Luft. Da erfasste mich unsgliches Bangen. Nicht um die Meinen  denn wir sterreicher waren ja vorlufig aus dem Spiele; im Gegenteil: uns sollte ja mglicherweise Satisfaktion geboten werden  die bekannte Sadowa-Rache. Aber wir hatten es verlernt, den Krieg vom nationalen Standpunkt aus zu betrachten, und was er vom menschlichen, vom edelmenschlichen ist  dass wei man ja. Das drcken folgende Worte aus, die ich einst aus dem Munde Guy de Maupassants gehrt:

    Quand je songe seulement  ce mot  la guerre   il me vient un effarement, comme si lon me parlait de sorcellerie, dinquisition, dune chose lointaine, finie, abominable, contre nature ...

Als die Nachricht eintraf, dass Prim dem Prinzen Leopold die Krone angetragen, hielt der Herzog von Grammont im Parlament eine mit groem Beifall aufgenommene Rede, ungefhr nachstehenden Inhalts:
Wir mischen uns nicht in fremde Angelegenheiten, aber  wir glauben nicht, dass die Achtung vor den Rechten eines Nachbarstaates uns verpflichtet, zu dulden, dass eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setzt, zu unserem Schaden das bestehende Gleichgewicht der Krfte von Europa (O dieses Gleichgewicht  welcher kriegsdurstige Heuchler hat diese hohle Phrase erfunden?) stre und die Interessen, die Ehre Frankreichs in Gefahr bringe.
Ich kenne ein Mrchen von George Sand, genannt Gribouille. Dieser Gribouille hat die Eigenheit, wenn Regen droht, sich aus Furcht vor dem Nasswerden in den Fluss zu strzen. Wenn ich hre, dass der Krieg angetragen wird, um drohenden Gefahren vorzubeugen, so muss ich immer an Gribouille denken. Wohl htte ein ganzer Hohenzollernstamm sich auf Karls V. und noch auf verschiedene andere Throne setzen knnen, ohne Frankreichs Interessen und Frankreichs Ehre nur den tausendsten Teil von dem Schaden zuzufgen, der ihnen aus dem klugen Das knnen wir nicht dulden erwachsen ist.
Dieser Fall, fuhr der Redner fort, wir hegen die feste Zuversicht, wird nicht eintreten. Wir rechnen in dieser Beziehung auf die Weisheit des deutschen und auf die Freundschaft des spanischen Volkes. Sollte es anders kommen  _dann_, meine Herren, werden wir wissen, stark durch Ihre Untersttzung und die der Nation, unsere Pflicht ohne Schwanken und ohne Schwche zu tun. (Strmisches Bravo.)
Von da ab beginnt die Kriegshetze in der Presse. Besonders ist es Girardin, welcher seine Landsleute nicht genug anfeuern kann, die unerhrte Khnheit, welche in dieser Thronkandidatur liege, gehrig zu zchtigen. Es wre gegen alle Wrde Frankreichs, wenn es da nicht sein Veto einlegte ... freilich, Preuen wird nicht nachgeben, denn es ist ihm daran gelegen, dem Wahnsinnigen, den Krieg heraufzubeschwren. Durch seine Erfolge von 1866 berauscht, glaubt es, jetzt auch ber den Rhein seine Sieges- und Raubzge machen zu drfen  aber da sind wir da, Gott sei Dank, solche Gelste den bermtigen Spitzhelmen zu vertreiben ... In diesem Tone geht es fort. Napoleon III. zwar, wie wir durch ihm nahestehende Personen erfahren, wnscht nach wie vor die Erhaltung des Friedens; aber in seiner Umgebung finden die meisten, dass ein Krieg jetzt unvermeidlich sei, dass  da man im Volke ohnehin mit der Regierung unzufrieden  das Beste, was man tun knne, um sich den Respekt des ruhmschtigen Landes zu sichern, ein glcklicher Krieg wre: _il faut faire grand_.
Nun wird in der Runde bei anderen europischen Kabinetten ber die Angelegenheit angefragt. Jedes erklrt, dass es den Frieden wnsche. In Deutschland wird ein aus Volkskreisen stammendes Manifest verffentlicht, welches unter anderem auch von _Liebknecht_ unterzeichnet ist, worin es heit: der bloe Gedanke an einen deutsch-franzsischen Krieg sei ein Verbrechen. Bei dieser Gelegenheit erfahre ich und kann es in mein Friedensprotokoll eintragen: dass eine Verbindung mit Hunderttausenden von Mitgliedern existiert, welche die Abschaffung aller Vorurteile des Standes und der Nation zum Programmpunkt erhoben hat.
Benedetti erhlt die Mission, den Knig von Preuen aufzufordern, dass dieser dem Prinzen Leopold die Annahme der Krone verbiete. Knig Wilhelm befand sich augenblicklich zur Kur in Ems  Benedetti begibt sich dahin und erhlt am 9. Juli eine Audienz.
Wie wird der Ausgang sein? Ich erwarte die Nachricht mit Zittern.
Die Antwort des Knigs lautet einfach: dass er einem volljhrigen Prinzen nichts verbieten knne.
Diese Antwort versetzte die Kriegspartei in triumphierende Freude: Also man will es darauf ankommen lassen? ... Man will uns bis aufs uerste reizen? Das Haupt des Hauses sollte einem Mitglied desselben nichts verbieten und gebieten knnen? Lcherlich! Das ist offenbar abgemachtes Komplott: die Hohenzollern wollen sich in Spanien festsetzen und dann von Osten und Sden unser Land berfallen. Und das sollten wir abwarten? Die Demtigung sollten wir uns gefallen lassen, dass man unseren Protest nicht beachtet? Nimmermehr: wir wissen, was die Ehre, was der Patriotismus uns gebeut ...
Immer lauter und lauter, immer unheimlicher rascheln die Sturmesvorboten. Da, am 12. Juli kommt eine Botschaft, die mich mit Entzcken erfllt: Don Salusto Olozaga zeigt offiziell der franzsischen Regierung an, dass Prinz Leopold von Hohenzollern, um keinen Vorwand zu einem Krieg zu bieten, auf die Annahme der angebotenen Krone _verzichtet_.
Nun Gottlob: die ganze Frage war ja damit einfach weggerumt. Die Nachricht wird um 12 Uhr mittags in der Kammer mitgeteilt und Ollivier erklrt, dass dies das Ende des Streites sei. Am selben Tag wurden jedoch (offenbar die Ausfhrung frherer Befehle) Truppen und Material nach Metz dirigiert und in derselben Sitzung macht Clement Duvernois folgende Interpellation:
Was haben wir fr Brgschaften, dass Preuen nicht wieder hnliche Verwickelungen heraufbeschwrt, wie diese spanische Kronkandidatur? Dem muss vorgebeugt werden.
Schon wieder regt sich Gribouille: Es knnte  vielleicht  einmal  ein leiser Regen uns nass zu machen  drohen: also schnell in den Fluss gesprungen:  und abermals wird Benedetti nach Ems geschickt, diesmal den Knig von Preuen aufzufordern, dass er dem Prinzen Leopold ein- fr allemal und fr alle Zukunft verbiete, auf die Kandidatur zurckzukommen. Kann wohl auf solches Vorschreiben-wollen einer Handlung, zu welcher der Aufgeforderte nicht einmal befugt ist, etwas anderes erfolgen als ungeduldiges Achselzucken! Das mussten diejenigen doch wissen, welche die Anforderung stellten.
Am 15. Juli wieder eine denkwrdige Sitzung. Ollivier verlangt einen Kredit von fnfhundert Millionen fr den Krieg. _Thiers stimmt dagegen._ Ollivier entgegnet: er nehme die Verantwortung vor der Geschichte auf sich. Der Knig von Preuen habe sich geweigert, den franzsischen Botschafter zu empfangen und dies durch eine Note der Regierung angezeigt. Die Linke verlangt diese Note zu sehen. Die Majoritt verbietet tumultuarisch und durch Abstimmung die Vorzeigung des (wahrscheinlich gar nicht existierenden) Dokuments. Diese Majoritt bewilligt alles, was die Regierung fr den Krieg fordert. Solche patriotische Opferwilligkeit, die da ohne Zaudern das _Verderben_ bewilligt, wird natrlich wieder mit den bereitliegenden Phrasenklischees gehrig bewundert.
16. Juli. England macht Versuche, den Krieg zu hindern: Vergebens ... Ja, gbe es eingesetzte Schiedsgerichte  wie leicht und einfach wre da ein so geringfgiger Konflikt gehoben.
19. Juli. Der franzsische Geschftstrger in Berlin berreicht der preuischen Regierung die Kriegserklrung.
_Kriegserklrung._ Die vier Silben sprechen sich ganz gelassen aus. Was ists auch weiter? Der Beginn einer auer-politischen Aktion, und so nebenbei eine halbe Million Todesurteile.
Auch dieses Aktenstck habe ich in die roten Hefte eingetragen. Es lautete:

    Die Regierung Sr. Majestt des Kaisers der Franzosen konnte den Plan, einen preuischen Prinzen auf den spanischen Thron zu erheben, nur als ein Unternehmen gegen die territoriale Sicherheit Frankreichs betrachten und hat sich daher gentigt gesehen, von Sr. Majestt dem Knige von Preuen die Versicherung zu verlangen, dass eine hnliche Kombination mit seiner Zustimmung nicht wieder vorkommen werde. Da Se. Majestt diese Zustimmung verweigert und im Gegenteil unserem Gesandten erklrt hat, er gedenke sich fr dieses Vorkommnis die Mglichkeit vorzubehalten, die Umstnde zu befragen, so hat die kaiserliche Regierung in dieser Erklrung des Knigs einen Hintergedanken erkennen mssen, welcher fr Frankreich und fr das europische Gleichgewicht (da haben wirs schon wieder, das berhmte Gleichgewicht: Seht dieses Wandbrett mit den kostbaren Schalen darauf  es schwankt  die Schalen knnten herunterfallen  also schlagen wir hinein ...) bedrohlich ist. Diese Erklrung hat einen noch schwereren Charakter erhalten durch die Mitteilung, welche dem Kabinett gemacht wurde, von der Weigerung, den Gesandten des Kaisers zu empfangen und mit ihm neue Auseinandersetzungen einzuleiten (also durch solche Dinge: mehr oder minder freundlichen Verkehr zwischen Regenten und Diplomaten, wird das Schicksal der Vlker bestimmt ...). Infolgedessen hat die franzsische Regierung es fr ihre Pflicht(!) gehalten, ohne Verzug an die Verteidigung (ja, ja, Verteidigung  niemals Angriff) ihrer verletzten Wrde, ihrer verletzten Interessen zu denken und entschlossen zu diesem Zwecke alle Maregeln zu ergreifen, welche von der ihr geschaffenen Lage geboten werden, betrachtet sie sich von jetzt an als im Zustand des Krieges mit Preuen.

Zustand des Krieges ... Bedenkt derjenige, der auf dem grnen Tuch seines Schreibtisches dieses Wort zu Papier bringt, dass er seine Feder in Flammen getaucht hat, in blutige Trnen, in Seuchengift? ...
Also wegen eines fr einen vakanten Thron gesuchten Knigs und infolge einer zwischen zwei Monarchen gepflogenen Unterhandlung war diesmal der Sturm entfesselt? Sollte Kant doch recht haben mit seinem ersten Definitivartikel zum ewigen Frieden:
Die brgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein?
Allerdings fielen durch Verwirklichung dieses Artikels manche Kriegsursachen weg, denn die Geschichte zeigt, wie viele Feldzge dynastischer Fragen willen unternommen wurden, und alle Einsetzung monarchischer Gewalt beruht ja nur auf glcklicher Kriegfhrerschaft; indessen: auch Republiken sind kriegerisch. Der _Geist_ ist es, der alte, wilde, der in den Vlkern  seien sie nun in dieser oder jener Form regiert  Hass und Rauflust und Siegesehrgeiz anfacht.
Ich erinnere mich, welch eine ganz eigentmliche Stimmung mich selber in jener Zeit erfasste, da der deutsch-franzsische Krieg sich vorbereitete und dann losbrach. Diese Gewitterschwle vorher, dieses gewaltige Sturmwehen nach der Erkltung ... Die ganze Bevlkerung war in Fieber, und wer kann solcher Epidemie sich entziehen? Natrlich  nach altem Brauch  wurde der Beginn des Feldzuges schon als Siegeszug betrachtet, das ist ja so patriotische Pflicht. _ Berlin   Berlin!_ jubelte es durch die Straen und von den Imperialen der Omnibusse herab; die Marseillaise an allen Ecken und Enden: _Le jour de gloire est arriv!_ In jeder Theatervorstellung musste die erste Schauspielerin oder Sngerin  in der Oper war es Marie Sa  im Jeanne dArc-Kostm vor die Rampe treten und fahnenschwingend dieses Kampflied singen, welches vom Publikum stehend angehrt, und bisweilen mitgesungen wurde. Auch wir haben das eines Abends mit angesehen, Friedrich und ich, und auch wir mussten von unsern Sitzen uns erheben. Mussten nicht aus uerem Zwang, wir htten uns in den Hintergrund der Loge zurckziehen knnen  sondern mussten, weil wir _elektrisiert_ waren.
Siehst Du, Martha, erklrte mir Friedrich, solcher Funke, der da von einem zum anderen springt und diese ganze Menge in einem vereinten und erhhten Herzschlag erheben macht  das ist Liebe 
Meinst Du? Es ist doch ein hassendes Lied:

  _dass ihr unreines Blut
  Unsere Furchen trnke _

Tut nichts: vereinigter Hass ist auch eine Form von Liebe. Wo sich zwei oder mehrere in einem gemeinsamen Gefhl zusammentun, da lieben sie einander. Lass nur einmal einen hheren Begriff, als den der Nation, nmlich den der Menschheit und der Menschlichkeit, als gemeinsames Ideal aufgefasst werden, dann 
Ach wann wird das sein? seufzte ich.
Wann? Das ist sehr relativ. Im Verhltnis zu unserer Existenzdauer  nie; im Verhltnis zu derjenigen unseres Geschlechtes  morgen.
~
Wenn ein Krieg ausgebrochen ist, so spalten sich alle Anhnger der neutralen Staaten in zwei Lager; die einen nehmen fr diesen, die anderen fr jenen Teil Partei: es ist da wie eine groe schwebende Wette, bei der jeder mithlt.
Wir beide, Friedrich und ich, mit wem sollten wir sympathisieren, wem den Sieg wnschen? Als sterreicher waren wir patriotisch vollkommen berechtigt, unsere berwinder aus dem vorigen Kriege diesmal als berwundene sehen zu wollen. Ferner ist es auch naturgem, dass man jenen, in deren Mitte man lebt, von deren Gefhlen man unwillkrlich angesteckt wird, die grere Sympathie zuwendet  und wir waren ja von Franzosen umgeben. Dennoch: Friedrich war preuischer Abkunft, und waren nicht auch mir die Deutschen, deren Sprache ja die meine ist, stammverwandter als ihre Gegner? Auerdem war die Kriegserklrung nicht von den Franzosen aus so nichtigem Grunde  nein, nicht Grunde, _Vorwande_  ausgegangen, mussten wir daher nicht einsehen, dass die Sache der Preuen die gerechte war, dass diese nur als Verteidiger und dem Zwang gehorchend in den Kampf zogen? Und war die Einmtigkeit nicht erhebend, mit welcher die vor kurzem noch sich befehdenden Deutschen sich jetzt zusammenscharten? Sehr richtig hatte Knig Wilhelm in seiner Thronrede vom 19. Juli gesagt:

    Das deutsche und das franzsische Volk, beide die Segnungen christlicher Gesinnung und steigenden Wohlstandes gleichmig genieend, waren zu einem heilsameren Wettkampfe berufen, als zu dem blutigen der Waffen. Doch die _Machthaber Frankreichs_ haben es verstanden, das wohlberechtigte aber reizbare Selbstgefhl unseres groen Nachbarvolkes durch berechnete Missleitung fr persnliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten 

Kaiser Napoleon erlie seinerseits folgende Proklamation:

    Angesichts der anmaenden Ansprche Preuens haben wir Einsprache getan. Diese ist verspottet worden. Vorgnge folgten, welche Verachtung fr uns zeigten.{3} Unser Land ist dadurch tief aufgeregt und augenblicklich erschallt das Kriegsgeschrei von einem Ende Frankreichs zum anderen. Es bleibt uns nichts mehr brig, als unsere Geschicke dem Lose, welches die Waffen werfen, zu berlassen. Wir bekriegen nicht Deutschland, dessen Unabhngigkeit wir achten. Wir haben die besten Wnsche dafr, dass die Vlker, welche das groe deutsche Volkstum ausmachen, frei ber ihre Geschicke verfgen. Was uns betrifft, so verlangen wir die Ausrichtung eines Standes der Dinge, welcher unsere Sicherheit verbrge und unsere Zukunft sicherstelle. Wir wollen einen dauerhaften Frieden erlangen, begrndet auf die wahren Interessen der Vlker; wir wollen, dass dieser elende Zustand aufhre, bei dem alle Nationen ihre Hilfsquellen aufwenden, um sich gegenseitig zu bewaffnen.
{3: Diese Vorgnge wurden 18 Jahre spter wie folgt beurteilt. In seinem Werk ber den Feldzug von 1870 schreibt General Boulanger: Aprs avoir obtenu une satisfaction lgitime, nous avons voulu imposer une humiliation au roi de Prusse; nous en sommes venus  prendre une attitude diplomatique aggressive, presque inconsciente. La renopciation formelle du Prince Leopold de Hohenzollern nous tait acquise, nous avions en outre lassentiment du roi de Prusse  cette renonciation. La rparation tait suffisante car elle demeurait sur le domaine respectif des interts de la France, des droits de la France et des obligations du chef de la famille Hohenzollern. Nous devions nous en tenir l. Notre gouvernement poussa plus loin. Il voulut un engagement catgorique du roi Guillaume pour lavenir. En portant si haut ses prtentions il deplaait lobjet et le terrain du litige. Iles faisait une provocation directe au souverain de la Prusse.}

Welche Lektion, welche gewaltige Lektion spricht aus diesem Schriftstck, wenn man es mit den folgenden Ereignissen zusammenhlt! Also um Sicherheit, um dauernden Frieden zu erlangen, wurde dieser Feldzug von Frankreich unternommen? Und was ist daraus entstanden?  _Lanne terrible_ und dauernde  noch immer dauernde  Feindschaft. Nein, nein:  mit Kohle lsst sich nicht wei frben, mit _asa foetida_ nicht Wohlgeruch verbreiten und mit Krieg nicht Frieden sichern. Dieser elende Zustand, auf den Napoleon anspielte, wie hat der seither sich noch verschlimmert! Es war dem Kaiser Ernst, voller Ernst mit dem Plane, eine europische Abrstung anzubahnen, ich habe es durch seine nchsten Verwandten mit Bestimmtheit erfahren, aber die Kriegspartei hat ihn gedrngt, gezwungen  und er gab nach ... Dennoch konnte er sich nicht enthalten, in der Kriegsproklamation selber seine Lieblingsidee anklingen zu lassen. Es sollte deren Verwirklichung nur hinausgeschoben sein. Nach dem Feldzug  nach dem Siege ... sagte er sich zum Trost. Es ist anders gekommen.
Auf welcher Seite also unsere Sympathien standen? Wenn man dazu gelangt, den Krieg an und fr sich zu verabscheuen, wie das bei Friedrich und mir der Fall war, so kann das echte, naive Passionieren fr den Ausgang eines Feldzuges nicht mehr eintreten; die einzige Empfindung ist eben die: Htte er nur nie begonnen  dieser Feldzug  und wre er nur schon aus!
Ich glaubte nicht, dass der gegenwrtige Krieg lange dauern und bedeutende Folgen haben werde. Zwei oder drei gewonnene Schlachten hier oder dort und man wrde sicherlich parlamentieren und dem Ding ein Ende machen. Um was schlug man sich denn eigentlich? Um gar nichts. Das Ganze war mehr eine Art Waffenpromenade, von den Franzosen aus ritterlicher Abenteuerlust, von den Deutschen aus tapferer Verteidigungspflicht unternommen; ein paar getauschte Sbelhiebe und die Gegner wrden sich wieder die Hnde reichen ... Trin, die ich war! Als ob die Folgen eines Krieges im Verhltnis zu den Ursachen seines Entstehens blieben. Der _Verlauf_ ist es, der die Folgen bestimmt.
Gern htten wir Paris verlassen, denn der ganze von der Bevlkerung gezeigte Enthusiasmus berhrte uns hchst peinlich. Aber der Weg nach Osten war nunmehr _versperrt_; auch hielt uns der Bau unseres Hauses zurck  kurz: wir blieben. Geselligen Umgang hatten wir beinahe keinen mehr. Alles was nur konnte, hatte Paris geflohen und unter den obwaltenden Umstnden dachte auch unter den Zurckgebliebenen keiner daran, Einladungen auszuteilen. Nur einige unserer Bekannten aus literarischen Kreisen, die noch anwesend waren, suchten wir fters auf. Gerade in dieser Phase des beginnenden Krieges war es Friedrich interessant, die betreffenden Urteile und Ansichten der hervorragenden Geister kennen zu lernen. Da war ein ganz junger Schriftsteller, der spter zu solcher Berhmtheit gelangte, Guy de Maupassant, von dessen uerungen, die mir aus der Seele gesprochen waren, ich einige in die roten Hefte eintrug:

    Der Krieg  wenn ich nur an dieses Wort denke, so berkommt mich ein Grauen, als sprche man mir von Hexen, von Inquisition  von einem entfernten, berwundenen, abscheulichen, naturwidrigen Dinge. Der Krieg  sich schlagen! Erwrgen, niedermetzeln! Und wir besitzen heute  zu unserer Zeit mit unserer Kultur, mit dem so ausgedehnten Wissen, auf so hoher Stufe der Entwickelung, auf der wir angelangt zu sein glauben  wir besitzen Schulen, wo man lernt zu tten  auf recht groe Entfernung zu tten, eine recht groe Anzahl auf einmal.
    ... Das Wunderbare ist, dass die Vlker sich dagegen nicht erheben, dass die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem bloen Worte Krieg.
    Jeder, der regiert, ist ebenso verpflichtet, den Krieg zu vermeiden, wie ein Schiffskapitn verpflichtet ist, den Schiffbruch zu vermeiden. Wenn ein Kapitn sein Schiff verloren hat, wird er vor ein Gericht gestellt und verurteilt, falls man erkennt, dass er sich Nachlssigkeit zuschulden kommen lie. Warum wird die Regierung nach jedem erklrten Kriege nicht gerichtet? Wenn die Vlker das verstnden, wenn sie sich weigerten, ohne Grund sich tten zu lassen  dann wre es mit dem Kriege aus.

Und Erneste Renan lie sich also vernehmen:

    Ist es nicht herzzerreiend, zu denken, dass alles, was wir Mnner der Wissenschaft in fnfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit einem Schlage zusammengestrzt ist: die Sympathien zwischen Volk und Volk, das gegenseitige Verstndnis, das fruchtbare Zusammenarbeiten. Wie ttet ein solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lge, welche Verleumdung des einen Volkes wird nun nicht aufs neue in den nchsten fnfzig Jahren von dem anderen mit Begierde geglaubt werden und sie fr unabsehbare Zeiten voneinander trennen! Welche Verzgerung des europischen Fortschrittes! In hundert Jahren werden wir nicht wieder aufrichten knnen, was diese Menschen an einem Tage heruntergerissen haben.

Ich hatte auch Gelegenheit, einen Brief zu lesen, den Gustave Flaubert in jenen ersten Julitagen, als eben der Krieg ausgebrochen war, an George Sand geschrieben hat. Hier ist er:

    Ich bin verzweifelt ber die Dummheit meiner Landsleute. Die unverbesserliche Barbarei der Menschheit erfllt mich mit tiefer Trauer. Dieser Enthusiasmus, der von keiner Idee beseelt ist, macht, dass ich sterben mchte, um ihn nicht mehr zu sehen. Der gute Franzose will sich schlagen: 1. weil er sich durch Preuen herausgefordert glaubt; 2. weil der natrliche Zustand des Menschen die Wildheit ist; 3. weil der Krieg ein mystisches Element in sich hat, das die Menschen fortreit. Sind wir wieder zu den Rassekmpfen gekommen? Ich frchte es ... Die schrecklichen Schlachten, die sich vorbereiten, haben nicht einmal einen Vorwand fr sich. Es ist die Lust, sich zu schlagen, um sich zu schlagen. Ich beklage die gesprengten Brcken und Tunnels. All diese menschliche Arbeit, die verloren geht! Sie haben gesehen, dass ein Herr in der Kammer die Plnderung des Groherzogtums Baden vorgeschlagen hat. Ach, dass ich nicht bei den Beduinen sein kann!

Ach, rief ich, als ich diesen Brief zu Ende gelesen, dass wir nicht fnfhundert Jahre spter geboren sind  das wre doch besser als die Beduinen.
So lange werden die Menschen nicht mehr brauchen, um vernnftig zu werden, entgegnete Friedrich zuversichtlich.
Das wre jetzt das Stadium der Proklamationen und der Armeebefehle.
Immer wieder die alte Leier und immer wieder das zu Beifall und Begeisterung hingerissene Publikum. ber die in den Manifesten verbrgten Wege wird gejubelt, als wren dieselben bereits erfochten.
Am 28. Juli erlie Napoleon III. vom Hauptquartier in Metz folgende Urkunde. Auch diese habe ich eingetragen  nicht etwa aus geteilter Bewunderung  sondern aus Zorn ber das ewig gleich hohle Phrasenwerk.

    Wir verteidigen Ehre und Boden des Vaterlandes. Wir werden siegen. Nichts ist zu viel fr die ausharrenden Anstrengungen der Soldaten Afrikas, der Krim, Chinas, Italiens und Mexikos. Noch einmal werdet ihr beweisen, was eine franzsische Armee vermag, die von Vaterlandsliebe durchglht ist. Welchen Weg immer wir auerhalb unserer Grenzen einschlagen, wir finden dort die ruhmreichen Spuren unserer Vter. Wir werden uns ihrer wrdig zeigen. Von unseren Erfolgen hngt das Schicksal der Freiheit und der Zivilisation ab. Soldaten  tue jeder seine Pflicht und der Gott der Schlachten wird mit uns sein.

_Le Dieu des armes_ durfte natrlich nicht fehlen. Dass die Fhrer besiegter Heere schon hundertmal dasselbe gesprochen, das hindert die anderen nicht, bei jedem neuen Feldzug wieder dasselbe zu sprechen, und damit dasselbe Vertrauen zu wecken. Gibt es etwas Krzeres und Schwcheres als das Gedchtnis der Vlker?
Am 31. Juli verlt Knig Wilhelm Berlin und erlsst nachstehendes Manifest:

    Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr fr die Ehre und fr die Erhaltung unserer hchsten Gter zu kmpfen, erlasse ich eine Amnestie fr politische Verbrecher. Mein Volk wei mit mir, dass Friedensbruch und Feindschaft nicht auf unserer Seite waren. Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unseren Vtern und in fester Zuversicht auf Gott den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.

Notwehr, Notwehr: das ist die einzig statthafte Art des Ttens; daher rufen beide Gegner: Ich wehre mich. Ist das nicht Widersinn?  Nicht so ganz  denn ber beiden waltet eine dritte Macht, die Macht des berkommenen alten Kriegsgeistes.  Nur gegen den sich zu wehren, sollten alle sich verbnden ...
Neben den obigen Manifesten finde ich in meinen roten Heften eine Eintragung, mit dem sonderbaren Titel berschrieben:
_Htte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet, wre da der Krieg ausgebrochen?_
Die Sache verhielt sich so. Unter unseren Pariser Bekannten befand sich auch der Literat Alexander Weill, und dieser war es, der obige Frage aufwarf, indem er uns nachstehendes erzhlte:
Meyerbeer suchte einen talentvollen Mann fr seine zweite Tochter und seine Wahl fiel auf meinen Freund Emil Ollivier. Ollivier ist Witwer. Er hat in erster Ehe die Tochter Liszts geheiratet, die der berhmte Pianist von der Grfin dAgoult (Daniel Stern) hatte, mit der er lange Zeit im ehelichen Verhltnis lebte. Diese Ehe war sehr glcklich und Ollivier hatte den Ruf eines tugendhaften Ehemannes. Er besa kein Vermgen, aber als Redner und Staatsmann war er schon berhmt. Meyerbeer wollte ihn persnlich kennen lernen und zu diesem Zwecke gab ich  es war im April des Jahres 1864  einen groen Ball, dem die meisten Zelebritten der Kunst und der Wissenschaft beiwohnten und wo natrlich Ollivier, der von mir von der Absicht Meyerbeers unterrichtet war, die erste Rolle spielte. Er gefiel Meyerbeer. Die Sache war nicht leicht in Gang zu bringen. Meyerbeer kannte die unabhngige Originalitt seiner zweiten Tochter, die nie einen anderen Gatten als den ihrer freien Wahl ehelichen wrde. Es wurde verabredet, dass Ollivier nach Baden komme, um dort dem Mdchen zufllig vorgestellt zu werden, als Meyerbeer pltzlich vierzehn Tage nach diesem Ball starb. Ollivier war es  erinnern Sie sich?  der ihm im Nordbahnhof eine Trauer- und Lobrede hielt. Nun behaupte ich, ja, ich bin dessen sicher: htte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet, der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wre nicht ausgebrochen! Hier meine plausiblen Beweise. Vorerst htte Meyerbeer, der das Kaisertum bis zur Verachtung hasste, nie seinem Tochtermann erlaubt, Minister des Kaisers zu werden. Man wei, dass, wenn Ollivier der Kammer gedroht htte, eher seine Demission zu geben, als den Krieg zu erklren, dieselbe Kammer nie den Krieg erklrt htte. Der gegenwrtige Krieg ist das Werk dreier intimer Stuben- und Geheimminister der Kaiserin, mit Namen: Jerome David, Paul de Cassagnac und Duc de Grammont. Die Kaiserin, von dem Papste aufgereizt, dessen religise Puppe sie ist, wollte diesen Krieg, an dessen Sieg sie nicht zweifelte, um die Nachfolge ihres Sohnes zu sichern. Sie sagte: _Cest ma guerre  moi et  mon fils!_ und die drei obengenannten ppstlichen Anabaptisten waren ihre geheimen Werkzeuge, um den Kaiser, der keinen Krieg wollte, und die Kammer durch falsche und verhehlte Depeschen aus Deutschland zum Krieg zu zwingen!
Das nennt man Diplomatie! unterbrach ich schaudernd.
Hren Sie weiter, fuhr Alexander Weill fort. Den 15. Juli sagte mir Ollivier, den ich auf der _place de la concorde_ antraf: Der Friede ist gesichert  eher gbe ich meine Demission. Woher nun kam es, dass derselbe Mann einige Tage spter, statt seine Demission zu geben, den Krieg selbst _dun coeur lger_, wie er in der Kammer sagte, erklrte?
Leichten Herzens! rief ich mit neuem Schauer.
Hier liegt ein Geheimnis, das ich aufklren kann. Der Kaiser, fr den das Geld nie einen anderen Wert hat, als um Liebe und Freundschaft sich zu erkaufen  er glaubt, wie Jugurtha in Rom, ganz Frankreich wre feil, die Mnner wie die Weiber  hat die Gewohnheit, wenn er einen Minister annimmt, der nicht reich ist, ihn durch ein Geschenk von einer Million Franken nher an sich zu fesseln. Daru allein, der mir dieses Geheimnis entdeckte, lehnte dieses Geschenk ab: _timeo Danaos et dona ferentes_. Und er allein, nicht gebunden, gab seine Demission. So lange der Kaiser zauderte, erklrte sich Ollivier, mit der goldenen Kette an seinen Meister gefesselt, neutral  eher fr den Frieden. Sobald aber der Kaiser von seiner Frau und den drei ultramontanen Anabaptisten berrumpelt ward, erklrte sich auch Ollivier fr den Krieg und entseelte sich lebendig mit leichtem Herzen und  voller Tasche.{4}
{4: Briefe hervorragender Mnner an Alexander Weill. (Zrich, Verlagsmagazin)}
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_O Monsieur, o Madame_  welches Glck, welche groe Nachricht! Mit diesen Worten strzten eines Tages Friedrichs Kammerdiener und hinter ihm der Koch in unser Zimmer. Es war am Tage von Wrth.
Was gibts?
An der Brse ist eine Depesche angeschlagen: wir haben gesiegt. Die Armee des Knigs von Preuen ist so gut wie vernichtet ... Die Stadt schmckt sich mit dreifarbigen Fahnen  es soll heute abend illuminiert werden.
Im Laufe des Nachmittags stellt sich jedoch heraus, dass die Nachricht eine falsche  ein Brsennmanver  war. Ollivier hlt von seinem Balkon aus eine Ansprache an die Menge.
Nun  desto besser. Wenigstens wrde man nicht beleuchten mssen. Diese Freudenkundgebungen anlsslich vernichteter Armeen  d.h. anlsslich zahlloser zerrissener Leben und gebrochener Herzen  das htte in mir auch wieder den Flaubertschen Wunsch erweckt: Ach wr ich doch bei den Beduinen!
Am 7. August Unglcksbotschaft. Der Kaiser eilt aus St. Cloud nach dem Kriegsschauplatz. Der Feind ist ins Land gedrungen. Die Bltter knnen ihrer Entrstung ber die Invasion nicht heftig genug Ausdruck geben. Der Ruf _ Berlin!_  deuchte mir  bedeutete doch auch beabsichtigten Einfall  doch _daran_ war nichts Entrstendes;  dass aber die stlichen Barbaren in das schne, gottgeliebte Frankreich einzufallen sich unterstanden: das war schier Wildheit, Frevel  dem musste rasch gesteuert werden.
Der interimistische Kriegsminister erlsst ein Dekret, dass alle rstigen Brger von dreiig bis vierzig Jahren, welche der Nationalgarde noch nicht angehren, derselben sofort einverleibt werden mssen. Es bildet sich ein Ministerium der Landesverteidigung. Die bewilligte Kriegsanleihe von fnfhundert wird auf tausend Millionen erhht. Ganz herzerfrischend ist es, wie opferfhig die Leute ber das Geld und das Leben der anderen stets verfgen. Eine kleine finanzielle Unannehmlichkeit macht sich dem Publikum zwar sogleich fhlbar: wenn man Banknoten wechseln will, muss man dem Wechsler zehn Prozent zahlen  es ist nicht so viel Gold vorhanden, als die Bank von Frankreich Noten ausgeben darf.
Und jetzt, deutscherseits Sieg auf Sieg ...
Die Physiognomie der Stadt Paris und ihrer Einwohner verndert sich. Statt der stolzen, prahlerischen, kampfesfrohen Laune tritt Bestrzung und grimmiger Zorn ein. Immer mehr verbreitet sich das Gefhl, dass eine Vandalenhorde ber das Land niedergegangen  etwas Schreckhaftes, Unerhrtes, wie etwa eine Heuschreckenwolke oder sonst eine Naturplage. Dass sie mit ihrer Kriegserklrung die Plage selber heraufbeschworen, dass sie dieselbe fr unerlsslich hielten,  damit ja nicht etwa ein Hohenzollern in ferner Zukunft auf die Idee kommen knne, um den spanischen Thron zu werben  das hatten sie vergessen. ber den Feind kommen entsetzliche Mrchen in Umlauf. Die Ulanen, die Ulanen: das hat einen phantastisch-dmonischen Klang, beinahe als hiee es das wilde Heer. In der Einbildung der Leute nimmt diese Truppengattung ein teuflisches Wesen an. Wo immer von der deutschen Kavallerie ein khner Streich ausgefhrt wird, wird er den Ulanen zugeschrieben  eine Art Halbmenschen, ohne Sold, darauf angewiesen, von Beute zu leben. Neben den Schauergerchten entstehen aber auch wieder Triumphgerchte. Das Erfolglgen gehrt mit zu den Chauvinistenpflichten. Natrlich: der Mut muss aufrecht erhalten werden. Das Gebot der Wahrhaftigkeit  wie so viele andere Sittengebote  verliert seine Gltigkeit im Kriege. Aus der Zeitung _Le Volontaire_ diktierte mir Friedrich folgende Stelle fr meine roten Hefte:

    Bis zum 16. August haben die Deutschen schon 144 000 Mann verloren, der Rest ist dem Verhungern nahe. Aus Deutschland ziehen die letzten Reserven herbei, _la landwehr et la landsturm_; alte Mnner von 60 Jahren mit Feuersteingewehren, an der rechten Seite eine ungeheure Tabaksdose, an der linken eine noch grere Schnapsflasche, im Munde eine lange tnerne Pfeife; keuchend unter der Last des Tornisters, auf welchem die Kaffeemhle und in welchem der Fliedertee nicht fehlen darf, ziehen sie hustend und sich schneuzend vom rechten an das linke Rheinufer, diejenigen verfluchend, welche sie den Umarmungen ihrer Enkel entrissen haben, um sie dem sicheren Tode entgegenzufhren.  Was die deutscherseits gebrachten Siegesnachrichten anbelangt  so sind dies die bekannten preuischen Lgen.

Am 20. August verkndet Graf Palikao in der Kammer, dass drei gegen Bazaine vereinte Armeekorps in die Steinbrche von Jaumont geworfen wurden. (Sehr gut! Sehr gut!) Zwar wei niemand, was das fr Steinbrche seien, und wo selbe gelegen sind; und wie sich die drei Armeekorps darin verhalten, das macht sich auch niemand klar; aber von Mund zu Mund geht die frohe Botschaft: Sie wissen schon? ... In den Steinbrchen ...  Ja, ja, von Jaumont. Keiner uert einen Zweifel oder eine Frage: es ist, als ob alle aus der Gegend von Jaumont gebrtig wren und die armeeverschlingenden Steinbrche so gut kennten, wie ihre Tasche.
Um diese Zeit tauchte auch das Gercht auf, der Knig von Preuen sei aus Verzweiflung ber den Zustand seines Heeres _verrckt_ geworden.
Man hrt nur noch Ungeheuerlichkeiten. Die Aufregung, das Fieber der Bevlkerung nimmt stndlich zu. Der Krieg _l-bas_ hat aufgehrt, als Waffenspaziergang betrachtet zu werden; man fhlt, dass die losgelassenen Gewalten jetzt Furchtbares ber die Welt bringen  es ist nur noch von vernichteten Heeren, von wahnsinnigen Fhrern, von teuflischen Horden, von Kampf bis aufs Messer die Rede. Ich hre es donnern und grollen  was sich da erhebt, ist der Sturm der Wut und der Verzweiflung. Der Kampf um Bazeilles bei Sedan wird geschildert, als wren dort von den Bayern die unmenschlichsten Greuel verbt worden.
Glaubst du das, fragte ich Friedrich, glaubst du das von den gutmtigen Bayern?
Es mag ja sein. Ob Bayer oder Turko, ob Deutscher, Franzose oder Indianer: der sich seines Lebens wehrende und zum Tten ausholende Krieger hat allemal aufgehrt, menschlich zu sein. Was in ihm geweckt und gewaltsam aufgestachelt worden, ist ja eben die Bestie.
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Metz gefallen ... So lautete an jenem Tage die zwar noch verfrhte, aber einige Zeit spter doch zur Wahrheit gewordene Nachricht, die in der Stadt wie ein einziger groer Schreckensschrei widerhallte.
Mir ist die Nachricht von der Einnahme einer Festung eher eine Erleichterung bringende Botschaft; denn ich denke: das gibt doch eine Entscheidung. Und danach nur  dass die blutige Partie _aus_ sei  nur danach geht mein Sehnen. Aber nein: nichts ist noch entschieden  es sind ja noch mehr Festungen da. Nach einer Niederlage heit es nur, sich aufraffen und doppelt krftig entgegenhauen  das Glck der Waffen kann ja wechseln. Jawohl, bald dort, bald hier kann der Vorteil sein; wre dabei nur nicht auf beiden Seiten der sichere Jammer, der sichere Tod.
Trochu fhlt sich veranlasst, den Mut der Bevlkerung durch eine neue Proklamation zu heben und beruft sich darin auf einen alten Wahlspruch der Bretagne: Mit Gottes Hilfe fr das Vaterland. Das klingt mir nicht eben neu  ich muss hnlichem schon in anderen Proklamationen begegnet sein. Es verfehlt eben seine Wirkung nicht: die Leute sind begeistert. Jetzt heit es, Paris in eine Festung umwandeln.
Paris Festung? Ich kann den Gedanken nicht fassen. Die Stadt, welche Viktor Hugo _la villelumire_ genannt, welche der Anziehungspunkt der ganzen zivilisierten, reichen, Kunst- und Lebensgenuss suchenden Welt ist, der Ausgangspunkt des Glanzes, der Mode, des Geistes  diese Stadt will sich nun befestigen, das heit sich zum Zielpunkt feindlicher Angriffe, zur Scheibe der Beschieung machen, sich allem Verkehr abschlieen und sich der Gefahr aussetzen, in Brand geschossen oder ausgehungert zu werden? Und das tun diese Leute _de gait de coeur_, mit Opfermut, mit Freudeneifer, als gelte es die Vollbringung des ntzlichsten, edelsten Werkes? Mit fieberhafter Hast wird an die Arbeit geschritten. Es mssen Wlle fr Aufstellung von Mannschaften gebaut werden und Schiescharten eingeschnitten; ferner vor den Toren Grben ausgehoben, Zugbrcken angelegt, Deckwerke neu errichtet, Kanle berbrckt und mit Brustwehren angeschttet, Pulvermagazine gebaut, und auf der Seine eine Flottille von Kanonenbooten aufgestellt werden. Welches Fieber von Ttigkeit, welcher Aufwand von Anstrengung und Flei; welche riesige Kosten von Arbeit und Geld! Wie das alles, fr Werke der Gemeinntzigkeit verwendet, erfreulich und erhebend wre  aber fr den Zweck der Schadenzufgung, der Vernichtung  welche nicht einmal Selbstzweck, sondern strategischer Schachzug ist  es ist unfasslich!
Um einer voraussichtlich langen Belagerung widerstehen zu knnen, verproviantiert sich die Stadt. Bis jetzt  allen Erfahrungen gem  hat es noch keine uneinnehmbaren Festungen gegeben; die Kapitulation ist stets nur eine Frage der Zeit. Und immer wieder werden Festungen errichtet, immer wieder werden sie mit Vorrten versehen, trotz der mathematischen Unmglichkeit, sich auf die _Dauer_ vor Aushungerung zu schtzen.
Die getroffenen Maregeln sind groartig. Es werden Mhlen eingerichtet und Viehparks angelegt, aber schlielich muss der Augenblick _doch_ kommen, wo das Korn ausgeht und das Fleisch verzehrt ist. Aber so weit denkt man nicht; bis dahin ist der Feind ber die Grenze zurckgedrngt oder im Lande vernichtet. Der vaterlndischen Armee schliet sich ja das ganze Volk an. Alles meldet sich zum Dienst oder wird dazu herangezogen; so werden zur Besatzung von Paris smtliche Feuerwehrleute des Landes berufen. In der Provinz mag es unterdessen brennen  was liegt daran? So kleine Unglcksflle verschwinden, wo es sich um ein National-_desastre_ handelt. Am 17. August sind schon 60 000 Pompiers in die Hauptstadt eingerckt. Auch die Matrosen werden einberufen, und tglich bilden sich neue Truppenkrper unter verschiedenen Namen: _volontaires, claireurs, franctireurs_.
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In immer beschleunigterer Bewegung folgten einander nun die Ereignisse. Aber nur noch kriegerische Ereignisse. Alles andere ist aufgehoben. Rings um uns wird nichts anderes mehr gedacht als _mort aux Prussiens_. Ein Sturm des wilden Hasses sammelt sich an; noch ist er nicht losgebrochen, aber man hrt ihn rauschen. In allen offiziellen Kundgebungen, in allem Gassenlrm, in allen ffentlichen Vorkehrungen  immer nur das eine Ziel: _mort aux Prussiens_. All diese Truppen, regelmige und unregelmige, diese Munitionen, diese nach den Befestigungen drngenden Arbeiter mit ihren Werkzeugen und Karren, diese Waffentransporte; alles was man sieht und was man hrt, das deutet in Formen und in Tnen, das blitzt und poltert, das funkelt und tost _mort aux Prussiens_.  Oder mit anderen Worten  dann klingt es freilich wie ein Ruf der Liebe und durchglht auch weiche Herzen  _pour la patrie!_  aber es ist dennoch dasselbe.
Ich fragte Friedrich:
Du bist doch preuischer Abstammung  wie berhren dich diese von allen Seiten laut werdenden feindlichen Gesinnungen?
Dieselbe Frage hast du schon im Jahre 1866 an mich gerichtet  und damals antwortete ich dir  wie auch heute  dass ich unter diesen Hassesuerungen nicht als Landesangehriger, sondern als Mensch leide. Fasse ich die Gesinnungen der Leute hier vom nationalen Standpunkt auf, so kann ich ihnen nur recht geben; sie nennen es _la haine sacre de lennemi_  und diese Regung bildet einen wichtigen Bestandteil des kriegerischen Patriotismus. In diesem einen Gedanken gehen sie nun auf: ihr Land von dem feindlichen Einfall wieder zu befreien. Dass sie die Einfallenden auch durch ihre Kriegserklrung gerufen  das vergessen sie. Sie haben es ja auch nicht selber getan, sondern ihre Regierung, welcher sie aufs Wort geglaubt, dass sie es tun musste, und jetzt verlieren sie keine Zeit mit Vorwrfen, mit Erwgungen, wer das Unglck heraufbeschworen; es ist nun einmal da und alle Kraft, alle Begeisterung wird darauf verwendet, es wieder abzuwenden, oder mit sorglosem Opfermut vereint zu Grunde zu gehen. Glaube mir, es liegt viel edle Liebesfhigkeit in uns Menschenkindern, schade nur, dass wir sie in den alten Feindschaftsgeleisen vergeuden ... Und drben, die gehassten, die einfallenden, die rothaarigen, stlichen Barbaren  was tun die? Sie sind herausgefordert worden und sie dringen in das Land derjenigen ein, welche das ihre zu berfallen drohten: _ Berlin,  Berlin!_ Erinnerst du dich noch, wie dieser Ruf die ganze Stadt durchschallte, sogar von den Dchern der Omnibusse herab?
Nun marschieren jene nach Paris! Warum rechnen ihnen das die _ Berlin_ Rufer als Verbrechen an?
Weil es keine Logik und keine Gerechtigkeit geben kann in jenem Nationalgefhl, dessen oberster Grundsatz der ist: Wir sind wir  das heit die ersten, die anderen sind Barbaren. Und jener Vormarsch der Deutschen von Sieg zu Sieg flt mir Bewunderung ein. Ich bin doch auch Soldat gewesen und wei, was an dem Begriffe Sieg fr ein Zauber haftet, welcher Stolz, welcher Jubel da hineingelegt wird. Ist es doch das Ziel, der Lohn fr alle gebrachten Opfer, fr den Verzicht auf Ruhe und Glck, fr das eingesetzte _Leben_.
Warum bewundern aber die berwundenen Gegner, die ja doch auch Soldaten sind und wissen, welcher Ruhm den Sieg begleitet, warum bewundern die ihre berwinder nicht? Warum heit es niemals in einem Schlachtbericht der verlierenden Partei: Der Feind hat einen _glorreichen_ Sieg errungen!?
Weil  ich wiederhole es  der Kriegsgeist und der patriotische Egoismus _die Verneinung aller Gerechtigkeit ist_.
So kam es  ich sehe es aus allen unseren in den roten Heften eingetragenen Gesprchen aus jenen Tagen  dass wir an gar nichts anderes dachten, denken konnten, als an den Verlauf des gegenwrtigen Vlkerduells.
Unser Glck, unser armes Glck  wir _hatten_ es, aber wir durften es nicht genieen. Ja, alles besaen wir, was uns einen lieblichen Himmel auf Erden schaffen konnte: grenzenlose Liebe, Reichtum, Rang, den herrlich sich entwickelnden Knaben Rudolf, unser Herzenspppchen Sylvia, Unabhngigkeit, reges Interesse an der Welt des Geistes ... aber das alles war wie hinter einen Vorhang gestellt. Wie durften, wie konnten wir an unseren Freuden uns laben, whrend um uns alles litt und zitterte, schrie und tobte? Das ist, als wollte man sich recht gtlich tun an Bord eines sturmgepeitschten Schiffes.
Ein theatralischer Mensch, dieser Trochu, berichtete mir Friedrich eines Tages  es war am 25. August  Was wurde heute fr ein Effekt-Coup ausgefhrt? Darauf verfllst du nimmer.
Die Frauen zum Militrdienst einberufen? riet ich.
Um Frauen handelt es sich wohl, aber sie sind nicht einberufen  im Gegenteil.
Also die Marketenderinnen abgeschafft  oder die barmherzigen Schwestern?
Noch immer nicht erraten. Abschaffung ist zwar dabei  und Marketenderinnen, insofern sie den Becher der Lust reichen, und barmherzig  in gewissem Sinn  sind die Abgeschafften auch; kurz  ohne weitere Charade: die Demimonde wird ausgewiesen.
Und das hat der Kriegsminister verfgt? Welcher Zusammenhang? 
Ich finde auch keinen, aber die Leute sind ber die Maregel entzckt. Einmal sind sie immer froh, wenn _etwas geschieht:_ von jeder neuen Verordnung erwarten sie eine Wendung, wie manche Kranke, die jedes angewandte Mittel als mgliches Heilmittel begren. Wenn das Laster aus der Stadt getrieben ist  meinen die Frommen  wer wei, ob dann der Himmel nicht wieder seine Huld ber die Bewohner ergiet? Und jetzt, da man sich auf die ernste, entbehrungsvolle Zeit der Belagerung vorbereitet, was sollen da die tollen, verschwenderischen Hetren? So erscheint den meisten  die Betroffenen ausgenommen  die Maregel als eine wrdevolle moralische und nebstbei noch eine patriotische, da eine groe Anzahl dieser Frauen Fremde sind. Englnderinnen, Sdlnderinnen, ja sogar Deutsche  vielleicht Spioninnen darunter! Nein, nein, jetzt hat die Stadt nur Platz fr ihre eigenen Kinder und nur fr ihre tugendhaften Kinder!
Am 28. August kam es noch schlimmer. Wieder eine Ausweisung: binnen drei Tagen hatten _alle Deutsche_ Paris zu verlassen.
Das Gift, das tdliche, langwirkende, welches in _dieser_ Maregel lag, davon hatten die Rezeptschreiber wohl keine Ahnung: damit war der Deutschenhass geweckt. Wie lange dieses Unglck noch ber den Krieg hinaus furchtbare Frchte tragen sollte  das wei ich heute. Von da ab waren Frankreich und Deutschland  diese zwei groen, blhenden, herrlichen Lnder nicht mehr zwei Nationen, deren Heere einen ritterlichen Zweikampf ausfochten: in das _ganze_ Volk drang der Hass fr das ganze gegnerische Volk. Die Feindschaft ward zu einer Institution erhoben, die sich nicht auf die Dauer des Krieges beschrnkt, sondern als Erbfeindschaft ihren Bestand unter kommenden Geschlechtern sichert.
Ausgewiesen  binnen drei Tagen die Stadt verlassen mssen : ich hatte Gelegenheit zu sehen, wie hart, wie unendlich hart dieser Befehl manche brave, harmlose Familie traf. Unter den Geschftsleuten, welche uns zu der Ausstattung unseres Heims Waren lieferten, befanden sich mehrere Deutsche: ein Wagenfabrikant, ein Tapezierer und ein Kunsttischler. Seit zehn bis zwanzig Jahren in Paris niedergelassen, wo sie einen huslichen Herd gegrndet, wo sie sich durch Heirat mit Parisern verschwgert hatten, wo sie alle ihre geschftlichen Verbindungen besaen  und jetzt mussten sie fort, binnen drei Tagen fort, ihr Haus verschlieen; alles verlassen, was ihnen lieb und gewohnt war; ihr Vermgen, ihre Kundschaft, ihren Erwerb einben   Bestrzt kamen die armen Wichte zu uns gerannt und teilten uns das Unglck mit, das sie betroffen; auch die Arbeit, die sie eben fr uns zu liefern im Begriffe waren, musste eingestellt, die Werksttte geschlossen werden. Hnderingend und mit Trnen in den Augen klagten sie uns ihr Leid: Ich habe einen kranken alten Vater, sagte der eine, und meine Frau sieht tglich ihrer Niederkunft entgegen und in drei Tagen mssen wir fort!  Ich habe keinen Sou im Hause, jammerte der andere, alle meine Kunden, die mir Geld schulden, werden nicht so schnell ihre Verpflichtungen einhalten, und ich selbst kann nun meine Arbeiter, welche Franzosen sind, nicht auszahlen  noch acht Tage und ich htte eine groe Bestellung erledigt, die mich zum wohlhabenden Mann gemacht htte  und jetzt muss ich alles im Stiche lassen ...
Und warum, _warum_ war alles das ber die Armen hereingebrochen? Weil sie einer Nation angehrten, deren Heer erfolgreich seine Pflicht tat, oder weil  um in die Ursachenkette weiter zurckzugreifen  weil ein Hohenzollern vielleicht in Zukunft einen angetragenen spanischen Thron anzunehmen sich einfallen lassen knnte ... Nein, auch dieses weil ist nicht bei der letzten Ursache angelangt, dasselbe deckt nur den Vorwand, nicht die Ursache zu jenem Kriege. 
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Sedan! Kaiser Napoleon hat seinen Degen bergeben.
Die Nachricht berwltigte uns. Da war denn richtig eine groe, geschichtliche Katastrophe eingetreten. Die franzsische Armee geschlagen  ihr Fhrer schwach und matt, so war die Partie denn aus  von Deutschland glnzend gewonnen. Aus, aus! jubelte ich; gebe es schon Leute, die das Recht htten, sich Weltbrger zu nennen, die knnten heute ihre Fenster beleuchten; gbe es schon Tempel der Humanitt, aus _diesem_ Anlass mssten _Tedeums_ gesungen werden  die Schlchterei ist aus!
Frohlocke nicht zu frh, mein Schatz, mahnte Friedlich. Dieser Krieg hat schon lange nicht mehr den Charakter einer auf dem Brette der Schlachtfelder gekmpften Partie  die ganze Nation kmpft mit. Fr _eine_ vernichtete Armee werden zehn neue aus dem Boden gestampft.
Wre denn das gerecht? Es sind doch nur deutsche Soldaten ins Land gedrungen, nicht das deutsche Volk  also kann man ihnen nur wieder franzsische Soldaten gegenberstellen.
Dass du immer wieder an Gerechtigkeit und Vernunft appellierst  du Unvernnftige  einem Rasenden gegenber. Frankreich rast vor Schmerz und Zorn, und vom Standpunkt der Vaterlandsliebe ist sein Schmerz heilig, sein Zorn gerechtfertigt. Was sie nun auch Verzweifeltes tun  persnliche Ichsucht ist nicht dabei, sondern hchster Opfermut. Wenn nur die Zeit schon da wre, wo die Tugendkraft, die dem Menschenverbande innewohnt, von der Vernichtungsarbeit ab- und der Beglckungsarbeit zugewendet wrde! Aber dieser unselige Krieg hat uns von diesem Ziele wieder ein gutes Stck zurckgeschleudert.
Nein, nein  ich hoffe, der Krieg ist jetzt zu Ende.
Wenn auch (was ich brigens bezweifle), es sind die Saaten zu knftigen Kriegen gestreut  und wre es nur die Hassessaat, welche die Ausweisung der Deutschen enthlt. So etwas wirkt weit ber das lebende Geschlecht hinaus.
Der 4. September. Wieder ein Gewaltakt, ein Leidenschaftsausbruch  und zugleich wieder ein Heilmittel zur Rettung des Vaterlandes: der Kaiser wird abgesetzt. Frankreich erklrt sich als Republik. Was Napoleon III. und seine Armee getan: es gilt nicht. Fehltritte, Verrat, Feigheit  das alles haben einige Personen  der Kaiser und seine Generle  verbrochen; das hat nicht Frankreich getan, dafr ist es nicht verantwortlich. Indem der Thron gestrzt ward, hat man die Bltter, worauf Metz und Sedan verzeichnet stehen, einfach aus dem Buche von Frankreichs Geschichte herausgerissen. Jetzt erst wird das Land selber Krieg fhren, wenn anders Deutschland es wagt, die verruchte Invasion fortzusetzen ...
Wie aber, wenn Napoleon gesiegt htte? fragte ich, als mir Friedrich obige Mitteilungen gemacht.
Dann htten sie seinen Sieg und seinen Ruhm als des Landes Sieg und Ruhm aufgefasst.
Ist das gerecht?
Kannst du dir diese Frage denn nicht abgewhnen?
Meine Hoffnung, dass die Katastrophe von Sedan den Feldzug zu seinem Ende gebracht, musste ich bald schwinden sehen. Alles um uns gebrdete sich kriegerischer als je. Die Luft war mit wildem Groll und heier Rachgier geladen. Groll gegen den Feind und beinahe ebenso gegen die gestrzte Dynastie. Die Schmhreden, die Pamphlete, die jetzt auf Kaiser und Kaiserin und auf die unglcklichen Feldherren regneten, die Verdchtigungen und Verleumdungen, der Schimpf, der Spott : es war ekelerregend. Da glaubte die rohe Menge die ganze Niederlage vom Lande auf ein paar Menschen abzuwlzen; und nun diese Menschen zu Boden lagen, bewarf man sie mit Kot und Steinen  und jetzt erst wrde das Land es zeigen, dass es unberwindlich sei.
Die Vorbereitungen zur Verschanzung von Paris werden eifrig fortgesetzt. Die Gebude in dem Gefechtsbereich der Haupt-Enceinte werden gerumt oder gar eingerissen. Die Umgebung wird zur Einde. Truppen von Menschen ziehen von drauen mit ihrem Haushalt in die Stadt. O diese traurigen Zge von Wagen und Packpferden und beladenen Menschen, die da die Trmmer ihrer aufgestrten Herde durch die Straen wlzen! Das hatte ich schon einmal in Bhmen gesehen, wo das arme Landvolk vor dem siegenden Feinde floh, und nun musste ich in der frhlichen, glnzenden Weltstadt das gleiche Jammerbild erschauen  es waren dieselben ngstlichen, trben Mienen, dieselbe Mhseligkeit und Hast, dasselbe Weh.
Endlich, gottlob, wieder einmal eine gute Nachricht: Durch englische Vermittelung angeregt, wird in Ferrires eine Zusammenkunft zwischen Jules Favre und Bismarck veranstaltet. Da wrde man doch zu einer Einigung, zu einem Friedensschluss gelangen!
Im Gegenteil! Die Kluft wird jetzt erst recht offenbar. Schon seit einiger Zeit wird von den deutschen Zeitungen die Besitznahme von Elsass-Lothringen befrwortet. Man will das ehemals deutsche Land sich wieder einverleiben. Das historische Argument fr den Anspruch auf diese Provinzen zeigt sich nur teilweise haltbar, daneben wird das _strategische Argument_ vorgebracht: als Bollwerk bei voraussichtlichen, zuknftigen Krisen unentbehrlich. Und bekanntlich sind ja die strategischen Grnde die hochwichtigsten, unumstlichsten  daneben darf sich ein ethischer Grund erst in zweiter Linie geltend machen.  Andererseits: die Kriegspartie war von Frankreich verloren worden; war es nicht billig, dass dem Gewinner ein Preis zufiel? Htten im Falle _ihres_ Erfolges die Franzosen nicht die Rheinprovinzen sich aneignen wollen? Wenn der Ausgang eines Krieges nicht fr den einen oder den anderen Teil Gebietserweiterung zur Folge haben soll, wozu wird dann berhaupt Krieg gefhrt?
Unterdessen lsst das siegreiche Heer im Vormarsche sich nicht abhalten: die Deutschen sind schon vor den Toren von Paris. Die Abtretung Elsass-Lothringens wird offiziell verlangt. Dagegen erhebt sich der bekannte Ausspruch: Keinen Zoll unseres Territoriums  keinen Stein unserer Festungen  (_pas un pouce  pas une pierre_).
Ja, ja  tausend Leben  nur keinen Zoll Erde. Das ist der Grundgedanke des patriotischen Geistes. Man will uns demtigen, riefen die franzsischen Patrioten, eher wird sich das erbitterte Paris unter seinen Trmmern begraben.
Fort, fort! entscheiden wir jetzt. Wozu ohne Notwendigkeit in einer belagerten fremden Stadt verbleiben, wozu unter Leuten leben, die von keinen anderen als Hass- und Rachegedanken erfllt sind, die uns mit scheelen Blicken und oft mit geballten Fusten betrachten, wenn sie uns deutsch reden hren? Freilich ohne Schwierigkeiten konnten wir jetzt nicht mehr aus Paris, aus Frankreich hinaus; man hatte berall Gefechtsgebiete zu passieren, der Eisenbahnverkehr war fr Privatreisende hufig verschlossen, unseren Neubau im Stiche lassen, war auch nicht angenehm, aber gleichviel: unseres Bleibens war nicht mehr.  Eigentlich waren wir schon viel zu lange dageblieben, die Erregungen, die ich in letzter Zeit durchgemacht, hatten mich so stark erschttert, dass meine Nerven darunter litten. Ich wurde hufig von Schttelfrost und ein paarmal auch von Weinkrmpfen befallen.
Schon waren unsere Koffer verpackt und alles zur Abfahrt bereit, als ich wieder einen Anfall bekam, diesmal so heftig, dass ich ins Bett gebracht werden musste.
Der herbeigeholte Arzt erklrte, dass ein Nervenfieber oder gar eine Gehirnentzndung im Anzug sei und man vorlufig nicht daran denken drfe, mich den Strapazen einer Reise auszusetzen. 
Ich lag lange, lange Wochen danieder. Nur eine sehr traumhafte Erinnerung ist mir von dieser ganzen Zeit geblieben. Und sonderbar: eine se Erinnerung. Ich war doch schwer krank und Trauriges und Schauriges trug in dem Orte meines Aufenthaltes  eine belagerte Stadt  unaufhrlich sich zu, und dennoch, wenn ich daran zurckdenke: es war eigentmlich freudenvolle Zeit. Freuden, ja, so recht intensive Freuden, wie Kinder sie zu empfinden pflegen. Die Gehirnkrankheit, die ich durchgemacht, die fast immerwhrende Abwesenheit oder doch nur halbe Anwesenheit des Bewusstseins machte, dass alles Denken und Urteilen, alles Erwgen und berlegen aus meinem Kopf geschwunden war und nur ein vager Daseinsgenuss zurckblieb, wie solcher  wie gesagt  von Kindern, namentlich von zrtlich gewarteten Kindern, empfunden wird ... An zrtlicher Wartung fehlte es mir nicht. Der Gatte, besorgt und liebend, unermdlich, war Tag und Nacht um mich. Auch die Kinder brachte er hufig an mein Lager. Was mein Rudolf mir alles vorerzhlte! Ich verstand es meist nicht, aber seine liebe Stimme erklang mir wie Musik; und das Zwitschern unserer kleinen Sylvia, unserer Herzenspuppe, wie s belustigte mich erst das. Da gab es hundert kleine Scherze und Einverstndnisse zwischen Friedrich und mir ber das Gebaren unserer Tochter ... Worin diese Scherze bestanden, das wei ich auch nicht mehr; aber ich wei, dass ich lachte und mich freute  ganz unbndig. Jeder der gewohnten Spe schien mir der Gipfel der Witzigkeit und je fter wiederholt, desto witziger und kstlicher. Und mit welcher Wonne ich die gereichten Trnkchen schlrfte: da bekam ich tglich zur bestimmten Stunde eine Limonade  so etwas gttertrunkhnliches habe ich whrend meines ganzen gesunden Lebens nicht gekostet  und allabendlich eine opiumhaltige Arznei, deren sanfteinschlfernde, in _bewussten_ Schlummer wiegende Wirkung mich mit einem Gefhle seliger Ruhe durchrieselte. Dabei wusste ich, dass der geliebte Mann an meiner Seite war, mich htend und wahrend als seines Herzens teuerster Schatz. Der Krieg, der drauen vor den Toren wtete, von dem wusste ich beinahe nichts mehr; und wenn mir doch zuweilen eine Erinnerung davon aufblitzte, so betrachtete ich das Ding als etwas so fern liegendes, so mich durchaus nicht berhrendes, als spielte es sich in China oder auf einem anderen Planeten ab. Meine Welt war hier in diesem Krankenzimmer  in diesem Rekonvaleszentenzimmer vielmehr, denn ich fhlte mich genesen  dem Glck entgegen.
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Dem Glcke? Nein. Mit der Genesung kam auch das Verstndnis wieder und die Auffassung des Grlichen, das uns umgab. Wir waren in einer belagerten, hungernden, frierenden, jammererfllten Stadt. Der Krieg wtete noch fort.
Inzwischen war der Winter hereingebrochen, eisigkalt. Jetzt erfuhr ich erst, was whrend meiner langen Bewusstlosigkeit alles vorgefallen. Die Hauptstadt des Bruderlandes, Straburg, die wunderschne, die echt deutsche, die kerndeutsche Stadt ist beschossen worden; ihre Bibliothek zerstrt; im ganzen fielen 193 722 Schsse  vier oder fnf in der Minute.
Straburg ist _genommen_.
 Das Land gert in wilde Verzweiflung  jene Verzweiflung, welche in Raserei und Wahnsinn ausartet. Man schlgt im Nostradamus nach, um darin Prophezeiungen der jetzigen Ereignisse zu finden, und neue Seher lassen sich mit Weissagungen vernehmen. rger noch: _Besessene_ treten auf: es ist wie ein Rckfall in mittelalterliche, hllenfeuer-durchzuckte Geistesnacht ...
Knnte ich zu den Beduinen! rief Gustav Flaubert. Knnte ich in das halbbewusste Traumland meiner Krankheit zurck! so klagte ich. Jetzt war ich wieder gesund und musste all das erfahren und erfassen, was Grauenvolles um uns vorging. Da begannen wieder die Eintragungen in die roten Hefte und ich finde folgende Notizen vor:

    1. Dezember. Trochu setzt sich auf den Hhen von Champigny fest.
    2. Dezember. Hartnckiges Gefecht um Brie und Champigny.
    5. Dezember. Die Klte wird immer strenger. Ach, die zitternden, blutenden, armen Wichte, die drauen im Schnee gebettet  _sterben_. Auch hier in der Stadt wird furchtbar an Klte gelitten. Der Verdienst ist auf Null gesunken. Kein Feuerungsmaterial zu beschaffen. Was gbe mancher drum, wenn er _nur_ ein paar Stckchen Holz da htte  und wre es der gewisse Thron von Spanien ...
    21. Dezember. Ausfall aus Paris.
    25. Dezember. Eine kleine Abteilung preuischer Kavallerie wird aus den Husern der Ortschaften Trov und Soug mit Flintenschssen begrt (das ist Patriotenpflicht). General Kraatz befiehlt die Zchtigung dieser Ortschaften (das ist Kommandantenpflicht) und lsst brennen. Anznden lautet das Kommandowort, und die Leute  vermutlich sanfte, gutmtige Burschen  gehorchen (das ist Soldatenpflicht) und legen den Brand an. Die Flammen schlagen zum Himmel und die armen Heimsttten strzen krachend ein ber Mann und Weib und Kind  ber fliehende, weinende, brllende und brennende Menschen und Tiere.

O du frhliche, o du selige, o du heilige Weihnachtszeit!
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Soll Paris nur ausgehungert werden, oder auch beschossen?
Gegen letztere Annahme strubt sich das Kulturgewissen. Diese _ville-lumire_, dieser Anziehungspunkt aller Vlker, diese glnzende Sttte der Knste  mit ihren unersetzlichen Reichtmern und Schtzen bombardieren wie die erste beste Zitadelle? Nicht denkbar; die ganze neutrale Presse (so erfuhr ich spter) protestiert dagegen. Die Presse der Kriegspartei in Berlin hingegen ermuntert dazu: das sei das einzige Mittel, den Krieg zu Ende zu fhren und die Seinestadt _erobern_  welcher Ruhm! Die Proteste brigens sind es gerade, welche gewisse Kreise in Versailles bestimmen, diese strategische Maregel  weiter ist ja eine Beschieung doch nichts  zu ergreifen. Und so geschah es, dass ich unterm 28. Dezember mit zitternden Zgen niederschrieb:
Es ist da ... Wieder ein dumpfer Schlag ... Eine Pause  und wieder 
Weiter schrieb ich nicht. Aber ich erinnere mich genau der Empfindungen jenes Tages. In dem Es ist da lag neben dem Schrecken eine gewisse Befreiung, eine Erleichterung, ein Nachlassen der beinah schon unertrglich gewordenen Nervenanspannung. Was man so lange teils erwartet und befrchtet, teils fr menschenunmglich gehalten  es war nun da.
Wir saen beim Gabelfrhstck (das heit, wir aen Brot und Kse  die Lebensmittel waren schon karg), Friedrich, Rudolf, der Hofmeister und ich, als der erste Schlag erdrhnte. Wir alle erhoben betroffen die Kpfe und wechselten Blicke. Sollte dies? ...
Aber nein  es war vielleicht ein zugefallenes Haustor oder sonst etwas. Nun war ja alles still. Wir nahmen das vorhin unterbrochene Gesprch wieder auf, ohne nur des Gedankens zu erwhnen, welchen jener Ton in uns erweckt hatte. Da  nach drei bis vier Minuten  kam er wieder. Friedrich sprang auf:
Das ist die Beschieung, sagte er und eilte ans Fenster.
Ich folgte ihm. Von der Strae drang ein Gemurmel herauf, Gruppen hatten sich gebildet: die Leute standen und horchten oder wechselten erregte Worte. Jetzt kam unser Kammerdiener in das Zimmer gestrzt  zugleich erklang eine neue Salve.
_Oh monsieur et madame  cest le bombardement!_
Zu der offenen Tr herein drngten nunmehr smtliche anderen Diener und Dienerinnen bis herab zum Kchenjungen. Bei solchen Katastrophen  Kriegs-, Feuer- oder Wassernot  da fallen alle gesellschaftlichen Schranken, da laufen alle Bedrohten zusammen. Viel mehr als vor dem Gesetze, mehr noch als vor dem Tode  der in seinen Bestattungszeremonien solche Standesunterschiede kennt  fhlen sich alle gleich vor der _Gefahr_. _Cest le bombardement  cest le bombardement!_ Jeder, der zu uns in das Zimmer herbeigeeilt kam, stie diesen selben Ruf aus.
Es war entsetzlich  und dennoch, ich erinnere mich genau meiner Empfindung: ein gewisses bewunderndes Erschauern, eine Art Genugtuung, etwas so Gewaltiges zu erleben, mitten drin zu sein in dieser schicksalsschweren Begebenheit und vor der eigenen Lebensgefahr dabei _nicht_ zu erbeben. Die Pulse schlugen mir, ich fhlte etwas wie  wie soll ichs nennen?  Stolz des Mutes.
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Das Ding war brigens weniger schauervoll, als es im ersten Augenblick geschienen. Keine brennenden Gebude, keine angstschreienden Menschenhaufen, keinen unaufhrlich die Luft durchschwirrenden Bombenhagel  sondern immer nur dieses dumpfe, ferne, von langen und lngeren Zwischenrumen getrennte Rollen. Man fing nach einiger Zeit beinahe an, sich daran zu gewhnen. Die Pariser whlten als Spaziergangsziel solche Punkte, von welchen aus man die Kanonenmusik besser hren konnte. Hier und da fiel ein Gescho auf die Strae und platzte, aber wie selten kam einer dazu, zufllig in der Nhe zu sein. Zwar fielen manche tdliche Bomben herab, aber in der Millionenstadt hrte man von diesen Fllen nur so vereinzelt, wie man auch sonst gewohnt ist, unter den Lokalnachrichten seiner Zeitung verschiedene Unglcksflle zu vernehmen, ohne dass es einem besonders nahe ginge: Ein Maurer von einem vierstockhohen Gerst gefallen oder eine anstndig gekleidete Frauensperson sich ber das Brckengelnder in den Fluss gestrzt u. dgl. m. Der eigentliche Kummer, der eigentliche Schrecken der Bevlkerung, das war nicht das Bombardement: das waren der Hunger, die Klte, die Not. Aber _eine_ solche Nachricht von einem unheilbringenden Gescho hat mich tief erschttert. Dieselbe kam in Form einer schwarzumrandeten Traueranzeige ins Haus:
Herr und Frau N. geben Nachricht von dem Tode ihrer zwei Kinder Franois (8 Jahre alt) und Amlie (4 Jahre), welche eine durch das Fenster fliegende Bombe erschlagen hat. Um stille Teilnahme wird gebeten.
Stille Teilnahme! Ich stie einen lauten Schrei aus, nachdem ich das Blatt berflogen. Ein Gedanke, ein mit Blitzesschnelle vor meinem inneren Auge erscheinendes Bild zeigte mir den ganzen Jammer, der in dieser schlichten Traueranzeige lag ... ich sah _unsere_ beiden Kinder, Rudolf und Sylvia  nein, es war nicht auszudenken!
Die Nachrichten, die man erhlt, sind sprlich; alle Postkommunikation natrlich unterbrochen: nur durch Brieftauben und Luftballons wird mit der Auenwelt verkehrt. Die Gerchte, die allenthalben auftauchen, sind der widersprechendsten Art. Man meldet siegreiche Ausflle, oder man verbreitet die Kunde, dass der Feind schon im Begriffe sei, Paris zu erstrmen, um es an allen Ecken anzuznden und dem Erdboden gleich zu machen; oder man versichert, dass, ehe man einen Deutschen in die Mauern dringen liee, die Kommandanten der Forts sich selber und ganz Paris in die Luft sprengen wrden. Es wird erzhlt, dass die smtliche Bevlkerung des Landes, namentlich aus dem Sden (_le midi se lve_) ber die Belagerer im Rcken herfllt, um ihnen den Rckzug abzuschneiden und sie bis auf den letzten Mann zu vernichten.
Neben den falschen Nachrichten gelangen auch einige wahre  deren Richtigkeit sich spter besttigte  bis zu uns. So von einer auf der Strae von Grand Luce dicht an Le Mans ausgebrochenen Panik, wobei Greueltaten sich zutrugen: auer Rand und Band gekommene Soldaten warfen Verwundete aus den bereitstehenden Eisenbahnwaggons, um an deren Stelle Platz zu nehmen.
Von Tag zu Tag wird es schwerer, Lebensmittel zu beschaffen. Die Fleischvorrte sind erschpft; es gibt schon lngst keine Rinder und Schafe mehr in den angelegten Viehparks; bald sind auch alle Pferde verzehrt, und es beginnt die Periode, wo die Hunde und Katzen, die Ratten und Muse, schlielich auch die Tiere des _jardin des plantes_, selbst der so beliebte, arme Elefant als Speise dienen mssen. Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen. Stunden- und stundenlang mssen die Leute vor den Bckerlden in der Reihe harren, um ihre kleine Ration zu bekommen, doch die meisten gehen leer aus. Erschpfung und Krankheiten machen reiche Todesernte. Whrend gewhnlich in der Woche 1100 Menschen starben, weisen die Pariser Sterbelisten jetzt wchentlich 45000 auf. Tglich also ungefhr 400 unnatrliche Todesflle  das heit also _Morde_. Wenn auch der Mrder kein einzelner war, sondern ein unpersnliches Ding, nmlich der _Krieg_, so sind es darum nicht minder Morde. Wen traf die Verantwortung? Etwa jene parlamentarischen Grosprecher, welche in ihren Hetzreden mit stolzem Pathos erklrten  wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli getan  dass sie die Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nhmen? Knnen denn eines Menschen Schultern stark genug sein, solche Verbrechenslast zu tragen? Gewiss nicht. Es fllt auch niemandem ein, die Prahler nachtrglich beim Wort zu nehmen.
Eines Tages, es war um den 20. Januar herum, kam Friedrich, von einem Gang durch die Stadt heimgekehrt, mit erregter Miene in mein Zimmer.
Nimm dein Eintragebuch zur Hand, meine eifrige Geschichtsschreiberin! rief er mir zu. Heute gibt es einen wichtigen Posten. Und er warf sich in einen Sessel.
Welches meiner Bcher? fragte ich. Das Friedensprotokoll?
Friedrich schttelte den Kopf:
O, mit dem ists Wohl fr lange Zeit vorbei. Der Krieg, der jetzt gefochten wird, ist zu gewaltiger Natur, um nicht kriegerisch fortzuwirken. Auf der Seite der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Hass- und Rachesaaten ausgestreut, dass daraus eine knftige Kampfernte hervorwachsen muss und andererseits hat er fr den Sieger solche groartige umwlzende Erfolge zustande gebracht, dass dort eine gleich groe Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird.
Was ist denn so Bedeutendes geschehen?
Knig Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Es gibt jetzt _ein_ Deutschland  ein einiges Reich  und ein mchtiges Reich. Das gibt einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte. Und du kannst dir denken, wie in dem neuen, aus Massenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit hoch in Ehren gehalten sein wird. Die beiden vorgeschrittensten Kulturlnder des Festlandes sind es also hinfort, welche den Kriegsgeist pflegen werden  das eine, um den erhaltenen Schlag zurckzugeben: das andere, um die errungene Machtstellung zu bewahren; hier aus Hass, dort aus Liebe; hier aus Vergeltungssucht, dort aus Dankbarkeit  gleichviel: klappe dein Friedensprotokoll nur zu  auf lange Zeit hinaus stehen wir unter dem blutigen und eisernen Zeichen des Mars!
Deutscher Kaiser! rief ich  das ist wahrlich groartig. Und ich lie mir die Einzelheiten dieses Ereignisses erzhlen.
Ich kann doch nicht umhin, Friedrich, sagte ich, mich ber diese Nachricht zu freuen. So ist die ganze Schlachtarbeit doch nicht verloren gewesen, wenn daraus ein neues groes Reich hervorgegangen.
Vom franzsischen Standpunkt aber doppelt verloren ... Und wir beide htten wohl das Recht, diesen Krieg nicht einseitig  von der deutschen Seite  zu betrachten. Nicht nur als Menschen, sogar nach engerem, nationalem Begriffe htten wir das Recht, die Erfolge unserer Feinde und Unterwerfer von 1866 zu beklagen. Und dennoch, ich gebe dir zu, dass die erreichte Vereinigung des zerstckelten Deutschlands eine _schne_ Sache ist; dass diese Bereitwilligkeit der brigen deutschen Frsten, dem greisen Sieger die Kaiserkrone zu reichen, etwas Begeisterndes, Bewundernswertes hat. Es ist nur schade, dass eine solche Vereinigung nicht aus friedlichem, sondern aus kriegerischem Werke hervorgegangen ist. Wie also, wenn Napoleon III. die Herausforderung des 19. Juli nicht abgesendet htte, wre da in den Deutschen nicht genug Vaterlandsliebe, nicht genug Volkskraft, nicht genug Einigkeit gelegen, um aus sich heraus dasjenige zu bilden, worauf sie jetzt ihren Nationalstolz setzen werden: Ein einig Volk von Brdern?  Jetzt werden sie jubeln  des Dichters Wunsch ist erfllt. Dass sie vor kurzen vier Jahren einander in den Haaren gelegen, dass es fr Hannoveraner, Sachsen, Frankfurter, Nassauer und so weiter keinen rgeren Hassbegriff gab als Preuen  das wird zum Glck vergessen sein. Dafr aber der Deutschenhass, hier zu Lande, wie wird der nunmehr gedeihen!
Mir schauderte.
Das bloe Wort Hass begann ich 
Ist dir verhasst? Du hast recht. So lange dieses Gefhl nicht recht- und ehrlos gemacht wird, so lange gibt es keine menschliche Menschheit. Der Religionshass ist berwunden, aber der Vlkerhass bildet noch einen Teil der brgerlichen Erziehung. Und doch gibt es nur ein veredelndes, ein beglckendes Gefhl hieneden  das ist die Liebe. Nicht wahr, Martha, davon wissen _wir_ etwas zu erzhlen?
Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte zu ihm auf, whrend er mir zrtlich das Haar aus der Stirn strich.
Wir wissen, fuhr er fort, wie s es ist, wenn im Herzen so viel Liebe wohnt  freinander, fr unsere Kleinen, fr alle Brder der groen Menschenfamilie, denen man so gern, so gern das drohende Leid ersparen wollte ... Aber sie wollten nicht.
Nein, nein Friedrich  so umfassend ist mein Herz doch nicht. Die Hassenden alle kann ich nicht lieben.
Aber doch bemitleiden?
In dieser Weise plauderten wir lange weiter. Ich wei es noch heute so genau, weil ich damals fters  neben den kriegerischen Ereignissen  auch Bruchstcke unserer daran geknpften Gesprche in die roten Hefte eintrug. An jenem Tags haben wir auch wieder einmal von der Zukunft gesprochen: jetzt wrde Paris kapitulieren mssen, der Krieg hatte ein Ende  und dann konnten wir wieder mit gutem Gewissen glcklich sein. Da berschauten wir die Gewhrleistungen unseres Glcks. In den acht Jahren unserer Ehe nicht ein hartes, nicht ein unfreundliches Wort  so viel miteinander durchgelitten und durchgenossen  so war unsere Liebe, unser Einssein derart befestigt, dass eine Abnahme nicht mehr zu frchten war. Im Gegenteile!  nur stets inniger wrden wir uns aneinander schlieen  jedes neue gemeinschaftliche Erlebnis gbe zugleich ein neues Band ab. Wenn wir erst ein paar weihaarige alte Leutchen geworden  mit welcher Freude konnten wir da auf die ungetrbte Vergangenheit zurckblicken, welch goldig-milder Lebensabend lag dann noch vor uns!
Dieses Bild von dem glcklichen alten Prchen, das wir einst abgeben sollten, hatte ich mir so oft und lebhaft vorgestellt, dass es sich mir ganz deutlich eingeprgt und sogar im Traum sich wiederholte, wie etwas wirklich Geschehenes. Mit verschiedenen Einzelheiten: Friedrich mit einem Samtkppchen und einer Gartenschere ... ich wei selber nicht warum, denn niemals hatte er Lust zur Grtnerei gezeigt, und von einem Hauskppchen war schon gar nie die Rede gewesen;  ich mit einem sehr kokett gesteckten schwarzen Spitzentuche auf dem silberweien Haar, und als Umgebung eine von der untergehenden Sommersonne warm erleuchtete Parkpartie; dazu lchelnd getauschte freundliche Blicke und Worte: Weit du noch? ... Erinnerst du dich, damals als 
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Viele der vorangehenden Bltter habe ich mit Schaudern und mit berwindung geschrieben. Nicht ohne inneres Entsetzen vermochte ich die Auftritte zu schildern, die ich auf meiner Fahrt nach Bhmen und whrend der Cholerawoche in Grumitz mitgemacht. Ich habe es getan, um einer Pflichtmahnung zu gehorchen. Ein geliebter Mund hat mir einst den feierlichen Befehl erteilt:
Falls ich frher sterbe, musst du meine Aufgabe bernehmen, fr das Friedenswerk zu wirken. 
Wre mir dieses bindende Gehei nicht geworden, nimmer htte ich es ber mich gebracht, die Schmerzenswunden meiner Erinnerungen so schonungslos aufzureien. Jetzt bin ich aber bei einem Erlebnis angelangt, das ich berichten, nicht aber schildern will  nicht kann.
Nein, ich kann nicht, kann nicht!
Ich habe es versucht: zehn halbgeschriebene, zerrissene Bltter liegen auf dem Boden neben meinem Schreibtisch  ein Herzkrampf befiel mich  die Gedanken stockten oder kreisten wild in meinem Hirn   ich musste die Feder wegwerfen und weinen, bitter, heftig, klglich weinen, wie ein Kind.
Jetzt, einige Stunden spter, nehme ich meine Aufgabe wieder vor. Aber auf die Beschreibunq der Einzelheiten nachstehenden Geschehnisses, auf Mitteilung dessen, was ich dabei empfunden  muss ich verzichten.
Die Tatsache gengt:
Friedrich  mein Einziger!  ward infolge eines bei ihm gefundenen Berliner Briefes der Spionage verdchtigt ... von einer fanatischen Rotte umringt _ mort   mort le Prussien!_  vor ein Patriotentribunal geschleppt   am 1. Februar 1871     standrechtlich erschossen.


 Epilog
1889

Als ich zum erstenmal wieder zu Bewusstsein gelangte war der Friede geschlossen  die Kommune berstanden. Monatelang hatte ich  von meiner treuen Frau Anna gepflegt  in einer Krankheit dahingelebt, ohne zu wissen, dass ich lebe. Und was es fr eine Krankheit war  ich wei es heute noch nicht. Meine Umgebung nannte es zartsinnig: Typhus; ich glaube aber, dass es einfach  Wahnsinn war.
So ganz dunkel erinnerte ich mich, dass die letzte Zeit mit Vorstellungen von knatternden Schssen und lodernden Brnden gefllt war; vermutlich vermengten sich da mit meinen Phantasien die in meiner Gegenwart besprochenen Ereignisse der Wirklichkeit, nmlich die Kmpfe zwischen Versaillern und Kommunarden, die Brandlegung der Petroleusen. 
Dass  als ich meine Vernunft wieder erlangte und mit dieser auch das Verstndnis meines tiefen Unglcks: dass ich da mir kein Leid angetan oder dass der Schmerz mich nicht ttete, das lag wohl an dem Besitze meiner Kinder. Durch diese konnte, fr diese _musste_ ich leben. Noch vor meiner Krankheit  an dem Tage selber, an dem das Schreckliche ber mich hereingebrochen  hat mich Rudolf am Leben erhalten. Ich war laut jammernd auf die Knie gesunken, indem ich wiederholte: Sterben  sterben! ... Ich muss sterben! Da umfassten mich zwei Arme und ein bittendes schmerzhaft-ernstes, wunderliebes Knabengesicht sah mich an:
Mutter!
Bis dahin hatte mich mein Kleiner nie anders als Mama genannt. dass er in diesem Augenblick  zum erstenmal  das Wort Mutter gebraucht, das sagte mir in zwei Silben: Du bist nicht allein  du hast einen Sohn, der deinen Schmerz teilt  der dich ber alles liebt und ehrt, der niemand hat auf dieser Welt, als dich  verlass dein Kind nicht, Mutter!
Ich presste das teure Wesen an mein Herz;  und um ihm zu zeigen, dass ich verstanden hatte, stammelte auch ich:
Mein Sohn, mein Sohn!
Zugleich erinnerte ich mich meines Mdchens  _seines_ Mdchens, und mein Entschluss, zu leben, war gefasst.
Aber der Schmerz war zu unertrglich: ich verfiel in geistige Nacht. Und nicht nur dieses eine Mal.
Im Laufe der Jahre  in immer lngeren Zwischenrumen  blieb ich Rckfllen von Tiefsinn unterworfen, von welchen mir dann in genesenem Zustande gar keine Erinnerung blieb. Jetzt, seit mehreren Jahren, bin ich schon ganz frei davon. Frei von der _bewusstlosen_ Schwermut heit das, nicht aber von bewussten Anfllen bittersten Seelenschmerzes. Achtzehn Jahre sind seit dem 1. Februar 1871 vergangen, aber der tiefe Groll und die Trauer, welche die Tragdie jenes Tages mir eingeflt  die kann keine Zeit  und lebte ich hundert Jahre  verwischen. Wenn auch in letzter Zeit die Tage immer hufiger sich einstellen, da ich, von den Begebenheiten der Gegenwart eingenommen, an das vergangene Unglck nicht denke, da ich sogar die Freude meiner Kinder so lebhaft mitempfinde, dass mich selber noch etwas wie Lebensfreude durchwallt, so vergeht doch keine Nacht  _keine_  in der mich mein Elend nicht erfasste. Das ist etwas ganz Eigentmliches, das ich schwer beschreiben kann, und das nur solche verstehen werden, welche hnliches an sich erfahren haben. Es deutet wie auf ein Doppelleben der Seele. Wenn auch das _eine_ Bewusstsein, im wachen Zustande, von den Dingen der Auenwelt so eingenommen sein kann, dass es zeitweilig _vergisst_, so gibt es in der Tiefe meiner Persnlichkeit noch ein zweites Bewusstsein, welches jene schreckliche Erinnerung immer mit dem gleichen treuen Schmerz bewahrt: und dieses Ich  wenn das andere eingeschlafen  macht sich dann geltend, rttelt das andere gleichsam auf, um ihm sein Leid mitzuteilen. Allnchtlich  es drfte immer um dieselbe Stunde sein  erwache ich mit einem unsglichen Wehgefhl ... Das Herz krampft sich zusammen und mir ist, als sollte ich bitter weinen, klglich schluchzen. Das dauert so einige Sekunden, ohne dass das aufgeweckte Ich noch wei, warum jenes andere unglckliche gar so unglcklich ist ... Das nchste Stadium ist dann ein weltumfassendes Mitleid, ein voll schmerzlichsten Erbarmen geseufztes: O ihr armen, armen Menschen! Da nun sehe ich unter hageldichten Mordgeschossen aufschreiende Gestalten zusammenbrechen  und jetzt erst erinnere ich mich, dass auch _mein_ Liebstes so zusammenbrach ...
Aber im Traume, sonderbar: da wei ich nie etwas von meinem Verlust. Da geschieht es hufig, dass ich mit Friedrich spreche und verkehre, als wre er noch am Leben. Ganze Auftritte aus der Vergangenheit  aber keine trben  spielen sich dabei ab: das Wiedersehen nach Schleswig-Holstein; die Scherze an Sylvias Wiege: unsere Futouren in den Schweizer Bergen; unsere Studienstunden ber geliebten Bchern und hier und da jenes gewisse Bild im Abendsonnenschein, wo mein weihaariger Mann mit seiner Gartenschere die Rosenzweige stutzt   Nicht wahr, lchelt er mir zu, wir sind ein glckliches altes Paar?    
Meine Trauerkleider habe ich niemals abgelegt  selbst am Hochzeitstage meines Sohnes nicht. Wer einen solchen Mann geliebt, besessen und verloren  so verloren  dessen Liebe muss auch strker sein als der Tod, dessen Rachegroll kann nimmer erkalten.
Aber wen trifft dieser Zorn? An wem sollte ich Rache ben? Die Menschen, welche die Tat vollbracht, trifft nicht die Schuld. Der allein Schuldige ist der _Geist des Krieges_ und diesem nur knnte mein  allzuschwaches  Verfolgungswerk gelten.
Mein Sohn Rudolf stimmt mit meinen Gesinnungen berein  was ihn aber nicht hindert, natrlich, alljhrlich die Waffenbungen mitzumachen und was ihn nicht hindern kann, wenn morgen der ber unseren Huptern schwebende europische Riesenkrieg ausbricht, an die Grenze zu marschieren. Und dann werde ich es vielleicht noch einmal sehen mssen, wie mein Teuerstes auf der Welt dem Moloch hingeopfert  wie ein liebgesegneter Herd, an welchem meinem Alter Ruhe und Friede winkt, in Trmmer geschlagen wird.
Werde ich _das_ noch erleben mssen und dann unwiederbringlich dem Wahnsinn verfallen, oder werde ich den Triumph der Gerechtigkeit und Menschlichkeit noch sehen, der jetzt, gerade jetzt in weitverzweigten Bndnissen und in allen Schichten der Vlker so sehnsuchtskrftig nach Bettigung ringt?
Die roten Hefte  mein Tagebuch  weisen keine weiteren Eintragungen auf. Unter das Datum 1. Februar 1871 habe ich ein groes Kreuz gemacht, und damit schloss auch meine Lebensgeschichte ab. Nur das sogenannte Protokoll  ein blaues Heft  welches Friedrich mit mir angelegt und in das wir die Phasen der Friedensidee aufgezeichnet haben, ist seither mit einigen Notizen bereichert worden.
In den ersten Jahren, welche dem deutsch-franzsischen Krieg folgten, htte ich  abgesehen von meinem geisteskranken Zustande  kaum Gelegenheit gehabt, eine Friedenskundgebung zu verzeichnen. Die zwei einflussreichsten Nationen des Festlandes schwelgten in Kriegsgedanken: die eine im stolzen Rckblick auf die errungenen Siege, die andere in sehnender Erwartung einer bevorstehenden Revanche. Allmhlich legte sich der Wogengang dieser Gefhle. Diesseits des Rheins wurden die Standbilder der Germania etwas weniger angejubelt und jenseits diejenigen der Stadt Straburg mit weniger Trauerfloren geschmckt. Da, nach zehn Jahren, konnte die Stimme der Friedensjnger wieder gehrt werden. Bluntschli, der groe Vlkerrechts-Gelehrte  derselbe, mit welchem mein Verlorener sich in Verbindung gesetzt  war es, der bei verschiedenen Wrdentrgern und Regierungen sich deren Ansicht ber den Vlkerfrieden einholte. Damals fiel des schweigsamen Schlachtendenkers bekannter Ausspruch: Der ewige Frieden ist ein Traum  und nicht einmal ein schner Traum.
Je nun: wenn Luther den Papst gefragt htte, was er von einem Abfall von Rom hlt, die Antwort wrde da auch nicht reformationsfreundlich ausgefallen sein, schrieb ich damals neben Moltkes Worte in das blaue Heft.
Heute gibt es fast niemand mehr, der diesen Traum nicht trumte oder der dessen Schnheit nicht zugeben wollte. Und auch Wache gibt es  ganz helle Wache  welche die Menschheit aus dem langen Schlaf der Barbarei erwecken wollen und tatkrftig, zielbewusst sich zusammenscharen, um die _weie Fahne_ aufzupflanzen. Ihr Schlachtruf ist: Krieg dem Kriege, ihr Losungswort  das einzige Wort, welches noch imstande wre, das dem Ruin entgegenrstende Europa zu erlsen  heit: Die Waffen nieder!  Allerorts  in England und Frankreich, in Italien, in den nordischen Lndern, in Deutschland, in der Schweiz, in Amerika  haben sich Vereinigungen gebildet, deren Zweck es ist, durch den Zwang der ffentlichen Meinung, durch den gebieterischen Druck des Volkswillens die Regierungen zu bewegen, ihre zuknftigen Streitigkeiten einem  durch sie selber vertretenen  internationalen Schiedsgericht zu bermitteln und so ein fr allemal an Stelle der rohen Gewalt das Recht einzusetzen. Dass dies kein Traum, keine Schwrmerei ist, beweisen die Tatsachen: Alabama, die Karolineninseln und mehrere andere Fragen wurden auf diese Art schon beigelegt. Und nicht nur Leute ohne Macht und Stellung  wie einst der arme Grobschmied  sind es nunmehr, welche sich zu diesem Friedenswerk zusammentun, nein: Parlamentsmitglieder, Bischfe, Gelehrte, Senatoren, Minister stehen auf den Listen. Dazu noch jene Partei, deren Anhnger schon nach Millionen zhlen, die Partei der Arbeiter, des _Volkes_, auf deren Programm unter den wichtigsten Forderungen der Vlkerfrieden obenansteht.  Mir ist das alles bekannt (die Mehrzahl der Leute erfhrt es nicht), weil ich mit jenen Persnlichkeiten im Verkehr geblieben bin, mit welchen Friedrich im Hinblick auf sein edles Ziel Verbindungen angeknpft hatte. Was ich durch diese ber die Erfolge und Plne der Friedensgesellschaften erfahren, das wird getreulich in das Protokoll eingetragen.
Die letzte dieser Eintragungen ist folgender Brief, den auf eine diesbezgliche Anfrage der Prsident der in London ihren Hauptsitz habenden Liga an mich geschrieben hat:

    International Arbitration and Peace Association.
    London 41, Outer Temple July 1889.
    Madame.
    You have honoured me by inquiring as to the actual position of the great question to which you have devoted your life. Here is my answer: At no time, perhaps, in the history of the world, has the cause of peace and goodwill be more hopeful. It seems that, at last, the long night of death and destruction will pass away: and we who are on the mountain top of humanity, think that we see the first streaks of the dawn of the kingdom of Heaven upon earth. It may seem strange, that we should say this at a moment, when the world has never seen so many armed man and such frightful engines of destruction ready for their accursed work:  but when things are at their worst, they begin to mend. Indeed, the very ruin which these armies are bringing in their train, produces universal consternation; and soon the opressed Peoples must rise and with one voice say to their rulers: Save us, and save our children from the famine which awaits us, if these things continue;  Save Civilisation and all the triumphs which the efforts of wise and great men have accomplished in its name; save the world from a return to barbarism, rapine and terror!
    What indications, do you ask, are there of such a dawn of a better day? Well, let me ask in reply is not the recent meeting at Paris of the Representatives of _one hundred_ Societies for the declaration of international concord, for the substitution of a state of law and justice for that of force and wrong, an event unparalleled in history? Have we not seen men of many nations assembled on this occasion and elaborating with enthusiasm and unanimity, practical schemes for this great end? Have we not seen, for the first time in history, a Congress of Representatives of the parliaments of free nations declaring in favour of treaties being signed by all civilised States, whereby they shall bind themselves to defer their differences to the arbitrament of ebuity, pronounced by an authorised tribunal instead of a resort to wholesale murder.
    Moreover, these representatives have pledged themselves to meet every year in some city of Europe, in order to considor every case of misunderstanding or conflict, and to exercise their influence upon Governments in the cause oft just and pacific settlements. Surely, the most hopeless pessimist must admit that these are signs of a future, when war shall be regarded as the most foolish and most criminal blot upon mans record?
    Dear Madam accept the expression of my profound esteem.
    Yours truly
    Hodgson Pratt.

Die interparlamentarische Konferenz, auf welche Hodgson Pratt anspielt  die erste derartige Versammlung, welche die Geschichte aufweist  ward von _Jules Simon_ prsidiert. Hier ein Bruchstck aus seiner Erffnungsrede:

    Ich bin glcklich, in diesen Rumen die autorisierten Vertreter der Friedensfreunde verschiedener Nationen gegenwrtig zu sehen. Eine gewisse Anzahl hat sich eingefunden. Ich wollte es wre eine Menge, oder ich wollte auch, die Zahl wre kleiner, aber es wre dies, statt eines freiwilligen  ein offizieller diplomatischer Kongress. Aber, was wir nicht mit Gesetzeskraft verfgen knnen, dazu knnen wir doch wirksam beitragen. Als Vertreter der verschiedenen Staaten knnen wir von der grten Gewalt, die es gibt  nmlich die Gewalt, die uns von unseren Whlern bertragen ist  den vortrefflichsten Gebrauch machen.
    Sie sollen es wissen, meine Herren, die _Majoritt_ unseres Landes ist friedensfreundlich. Lassen Sie mich denn in bereinstimmung mit den Franzosen Sie alle aus tiefstem Herzensgrunde willkommen heien usw. usw.

Die bei dieser Konferenz anwesenden Mitglieder der dnischen, spanischen und italienischen Parlamente haben beschlossen, im Verlauf der nchsten Sessionen ihren betreffenden Regierungen den Antrag auf Einsetzung internationaler Schiedsgerichte vorzubringen. Die nchste interparlamentarische Konferenz soll im Juli 1890 in London zusammentreten.
Auch ein Frstenmanifest findet sich in dem blauen Heft  datiert Mrz 1888  ein Manifest, aus welchem endlich  mit altem Herkommen brechend  statt des kriegerischen, ein friedlicher Geist hervorleuchtete. Aber der Edle, der jene Worte an sein Volk erlassen, der Sterbende, der mit dem Aufwand seiner letzten Kraft nach dem Szepter griff, das er handhaben wollte, als wrs ein Palmenzweig  der blieb machtlos an das Schmerzenslager gefesselt, und nach kurzer Frist war alles vorbei ...
Ob sein Nachfolger  der begeisterungsglhende, der Groes wollende  sich fr das Friedensideal begeistern wird?? Nicht ists unmglich.
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Mutter, willst du bermorgen deine Trauerkleider nicht ablegen?
Mit diesen Worten trat heute morgen Rudolf in mein Zimmer. Fr bermorgen nmlich  30. Juli 1889  ist die Taufe seines erstgeborenen Sohnes angesetzt.
Nein, mein Kind, antwortete ich.
Aber bedenke, an einem solchen Freudenfeste wirst du doch nicht traurig sein  warum also das uere Zeichen der Trauer beibehalten?
Und du wirst doch nicht aberglubisch sein und frchten, das schwarze Kleid der Gromutter knne dem Enkel Unglck bringen?
Das wohl nicht  aber es stimmt nicht zu der umgebenden Frhlichkeit. Hast du denn einen Eid geschworen?
Nein  es ist nur ein gefasster Vorsatz. Aber ein Vorsatz, der an ein _solches_ Andenken sich knpft  du weit, was ich meine  der nimmt die Unverbrchlichkeit eines Eides an.
Mein Sohn neigte das Haupt und beharrte nicht weiter.
Ich habe dich in deiner Beschftigung gestrt ... du schreibst?
Ja  meine Lebensgeschichte. Ich bin gottlob zu Ende. Das war das letzte Kapitel 
Wie willst du den Schluss deiner Geschichte geben? Du lebst ja noch  und sollst noch viele Jahre, viele glckliche Jahre unter uns verbringen, Mutter! Mit der Geburt meines kleinen Friedrich, den ich dazu erziehen werde, die Gromama anzubeten, beginnt ja wieder ein neues Kapitel fr dich.
Du bist ein gutes Kind, mein Rudolf. Ich msste undankbar sein, wenn ich an dir nicht Stolz und Freude htte ... und ebenso stolze Freude macht mir meine  _seine_ holde Sylvia: ja, ich gehe einem gesegneten Alter entgegen. Ein milder Abend  aber die Geschichte des Tages ist doch aus, wenn die Sonne untergegangen, nicht wahr?
Er antwortete nur mit einem stummen, mitleidsvollen Blick.
Ja, das Wort Ende unter meiner Biographie ist berechtigt. Als ich den Entschluss fasste, dieselbe zu schreiben, beschloss ich zugleich, beim 1. Februar 1871 abzubrechen. Nur, wenn du mir auch noch durch den Krieg entrissen worden wrest, was ja so leicht htte geschehen knnen  zum Glck warst du zur Zeit des bosnischen Feldzuges noch nicht wehrpflichtigen Alters  nur dann htte ich mein Buch noch verlngern mssen. Doch so wie es ist, war es schon schmerzlich genug zu schreiben.
Und wohl auch  zu lesen ... bemerkte Rudolf, in der Handschrift bltternd.
Das hoffe ich. Wenn dieser Schmerz nur in einigen Herzen tatkrftigen Abscheu gegen die Quelle des hier geschilderten Unglcks weckt, so werde ich nicht vergebens mich geqult haben.
Hast du aber auch alle Seiten der Frage beleuchtet, alle Argumente erschpft, den Wurzelkomplex des Kriegsgeistes analysiert, die wissenschaftlichen Grundlagen gengend aufgebaut? Hast du 
Mein Lieber, wo denkst du hin? Ich habe ja nur sagen knnen, was sich in _meinem_ Leben  in meinen beschrnkten Erfahrungs- und Empfindungskreisen abgespielt. Alle Seiten der Frage beleuchtet? Gewiss nicht! Was wei ich z.B.  ich, die reiche, hochgestellte  von den Leiden, die der Krieg ber die Massen des Volkes verhngt? Was kenne ich von den Plagen und bsen Einflssen des _Kasernenlebens?_ Und die wissenschaftlichen Grundlagen? Wie komme ich dazu, in konomisch-sozialen Fragen bewandert zu sein und diese sind es  so viel wei ich nur  welche schlielich alle Umbildungen bestimmen ... Keine Geschichte des vergangenen und zuknftigen Vlkerrechts stellen diese Bltter dar  eine Lebensgeschichte nur.
Frchtest du nicht eins? Man merkt die Absicht und 
Verstimmt wird man doch nur durch eine durchschaute Absicht, die der Urheber schlau zu verbergen meinte. Die Meinige aber liegt unverhohlen zu Tage  ist sie doch mit drei Worten schon auf dem Titelblatt verkndet.
Die Taufe hat nun gestern stattgefunden. Diese Feier gestaltete sich zu einer doppelt glckverheienden, denn meine Tochter Sylvia und ihres kleinen Neffen Taufpate  den wir schon lange heimlich im Herzen trugen : Graf Anton Delnitzky  haben sich bei dieser Gelegenheit verlobt.
So bin ich durch meine Kinder rings von glcklichen Verhltnissen umgeben. Rudolf, seit sechs Jahren in den Besitz des Dotzkischen Majorats gelangt und seit vier Jahren mit der ihm von Kindheit an bestimmt gewesenen Beatrix, geborenen Griesbach  dem wunderlieblichsten Geschpf, das man sich vorstellen kann  verheiratet, sieht nun durch die Geburt eines Erben seinen sehnlichsten Wunsch erfllt. Kurz: beneidenswerte, glnzende Lose.
Ein im Gartensaal eingenommenes Diner versammelte die Taufgste. Die Glastren standen offen und die Luft des herrlichen Sommernachmittags strmte rosenduftend herein.
Neben mir an unserer Tafelrunde, sa Grfin Lori Griesbach, Beatrixens Mutter. Dieselbe ist nunmehr Witwe. Ihr Mann fiel in der bosnischen Expedition. Sie hat sich den Verlust nicht stark zu Herzen genommen. Keinesfalls trgt sie ewige Trauer. Im Gegenteile: diesmal ist sie mit granatrotem Brokat und brillantenem Geschmeide angetan. Sie ist gerade so oberflchlich geblieben, wie sie es in ihrer Jugend war. Toilettenfragen, ein paar franzsische und englische Moderomane, Gesellschaftsklatsch: das gengt noch immer, ihren Horizont zu fllen. Selbst das Kokettieren hat sie nicht ganz gelassen. Auf junge Leute hat sie es zwar nicht mehr abgesehen, aber ltere, hohen Rang oder hohes Amt bekleidende Persnlichkeiten sind vor ihren Eroberungsgelsten nicht sicher. Gegenwrtig scheint mir, hat sie Minister Allerdings aufs Korn genommen. Dieser hat brigens seinen Namen gewechselt: wir nennen ihn jetzt, eines neu angenommenen Ausdrucks halber Minister Andererseits.
Ich muss dir ein Gestndnis machen, sagte mir Lori, nachdem ich mit ihr auf des Tuflings Gesundheit angestoen. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, da wir unseren beiderseitigen Enkel getauft haben, muss ich dir gegenber mein Gewissen entlasten. Ich war ganz ernstlich in deinen Mann verliebt.
Das hast du mir schon fters gestanden, liebe Lori.
Er blieb aber stets ganz gleichgltig.
Auch das ist mir bekannt.
Du hattest doch einen goldtreuen Mann, Martha! Dasselbe kann ich von dem meinigen nicht behaupten. Aber nichtsdestoweniger: es hat mir sehr leid getan um Griesbach. Nun  er starb eines glorreichen Todes, das ist mein Trost ... Freilich ist das eine langweilige Existenz als Witwe. Besonders wenn man lter wird ... so lange man Freier und Courmacher hat, ist die Witwenschaft nicht ohne ... aber jetzt, ich versichere dich, es wird einem in der Einsamkeit ganz melancholisch ... Bei dir ist das etwas anderes: du lebst bei deinem Sohn  aber ich verlange mir gar nicht, bei der Beatrix zu bleiben ... Sie verlangt es brigens auch nicht: Schwiegermutter im Haus, das tut nicht gut; denn man will doch im Hause die Herrin sein ... Zwar rgert man sich mit den Dienstboten, das ist schon wahr; aber wenigstens kann man ber sie befehlen. Du darfst es mir glauben: ich wre gar nicht abgeneigt, noch einmal zu heiraten. Natrlich eine Vernunftheirat mit irgendeinem gesetzten 
Minister oder so etwas  unterbrach ich lchelnd.
O du Schlau  du durchblickst mich schon wieder! Du  schau dorthin, bemerkst du denn nicht, wie der Toni Delnitzky in deine Sylvia hineinredet. Das ist ja kompromettant.
Lass gut sein. Die Beiden sind auf dem Wege von der Kirche hierher einig geworden. Sylvia hat es mir anvertraut  morgen wird der junge Mann bei mir um ihre Hand anhalten.
Was du nicht sagst? Nun, dann kann man ja gratulieren! Soll zwar mitunter ein leichter Vogel gewesen sein, der schne Toni ... aber das sind sie ja alle  das geht schon nicht anders und wenn man bedenkt, welche prchtige Partie er ist ...
Das hat meine Sylvia nicht bedacht: sie liebt ihn.
Nun, desto besser  das ist eine schne Zugabe in die Ehe.
Zugabe? Es ist das Um und Auf.
Einer der Gste, ein k.u.k. Oberst a.D., klopfte an sein Glas und: o weh  ein Toast! dachten wohl die meisten, indem sie ihre Sondergesprche unterbrachen und sich seufzend anschickten, dem Redner zu lauschen. Es war aber auch zum seufzen; dreimal blieb der Unglckliche stecken und die Wahl seiner vorgebrachten Wnsche war nicht minder unglcklich. Der Tufling wurde gepriesen, in einer Zeit geboren zu sein, in der das Vaterland bald Shne brauchen werde ... Mge er einst ruhmreich wie sein mtterlicher Urgrovater, wie sein vterlicher Grovater das Schwert fhren ... mge er selbst viele Shne zeugen, die ihrerseits den Vater und den Vtern Ehre machen, und wie so viele der auf den Feldern der Ehre gebliebenen Vter ... Vter  fr die Ehre des Landes ihrer Vter  ihrer Vter und Vatersvter siegen oder  kurz: Friedrich Dotzky lebe hoch!
Die Glser klirrten, aber die Rede hatte nicht gezndet.
Dass dieses kaum ins Dasein getretene Leben jetzt schon auf die Totenliste kommender Schlachten gesetzt wurde, machte keinen freundlichen Eindruck.
Um dieses dstere Bild zu verscheuchen, fhlte sich einer der Anwesenden veranlasst, die trstliche Bemerkung vorzubringen, dass die gegenwrtigen Konjunkturen einen lngeren Frieden verbrgten, dass der Dreibund 
Damit war das allgemeine Gesprch wieder glcklich auf das politische Gebiet gebracht und Minister Andererseits ergriff das Wort.
In der Tat (Lori Griesbach hing an seinem Munde), es liegt zu Tage: die Wehrtchtigkeit, welche wir erreicht haben, ist etwas Groartiges und drfte alle Friedensbrecher abschrecken. Das Landsturmgesetz, welches alle tauglichen Staatsbrger vom 19. bis 42., die einstigen Offiziere sogar bis zum 60.  Lebensjahre zum Kriegsdienst verpflichtet, erlaubt uns, beim ersten Aufgebot allein 4 800 000 Soldaten aufzustellen. Andererseits lsst sich nicht leugnen, dass das wachsende Mehrerfordernis, welches von der Heeresverwaltung in Anspruch genommen wird, schwer auf der Bevlkerung lastet, und dass die zur ausgiebigen Schlagfertigkeit des Reiches erforderlichen Manahmen im umgekehrten Verhltnis zur Frage der Regelung der Finanzlage stehen; es ist aber andererseits erhebend, mit welchem opferfreudigen Patriotismus die Volksvertreter stets und allerorts die von dem Kriegsministerium geforderte Mehrbelastung bewilligen; sie erkennen die von allen einsichtigen Politikern zugegebene, durch die Wehrhaftigkeitsentfaltung der Nachbarstaaten und durch die politische Situation bedingte Notwendigkeit, alle anderen Rcksichten dem eisernen Zwang der militrischen Krftigung unterzuordnen.
Der leibhaftige Leitartikel! bemerkte jemand halblaut.
Andererseits fuhr aber fort:
Umsomehr, als dadurch ja eine Brgschaft geschaffen wird fr die Erhaltung des Friedens. Denn, indem wir in traditionellem Patriotismus zur Sicherung der Grenzen es der unausgesetzten Steigerung der Wehrkraft unserer Nachbarstaaten gleichtun, erfllen wir eine erhabene Pflicht und hoffen, etwa drohende Gefahren auch fernerhin zu bannen. So erhebe ich denn dieses Glas auf dasjenige Prinzip, welches, wie ich wei, unserer Baronin Martha so sehr am Herzen liegt  ein Prinzip, das auch die Signaturmchte der mitteleuropischen Friedensliga hochhalten, und ich fordere Sie auf, mit mir anzustoen: Es lebe der Frieden! Mge seine Wohltat uns noch recht lange erhalten bleiben!
Darauf trinke ich nicht, sagte ich. Der bewaffnete Friede ist _keine_ Wohltat ... und nicht _lange_ soll uns der Krieg verhtet bleiben, sondern immer. Wenn man sich auf die Meerfahrt macht, soll die Zusicherung nicht gengen, dass recht lange das Schiff an keiner Klippe zerschelle. Dass die _ganze_ Fahrt glcklich berstanden werde, _danach_ wird der ehrliche Kapitn trachten.
Doktor Bresser, noch immer unser bester Hausfreund kam mir zu Hilfe:
In der Tat, Exzellenz, knnen Sie an den ehrlichen, aufrichtigen Friedenswillen jener glauben, die mit Leidenschaft, mit Begeisterung  Soldaten sind? Die alles, was _den Krieg gefhrdet_  nmlich Abrstung, Staatenbund, Schiedsgericht  nicht nennen hren wollen? Knnte denn die Freude an Arsenalen und Festungen und Manvern und dergleichen bestehen, wenn diese Dinge wirklich nur als das betrachtet wrden, wofr man sie ausgiebt: als Vogelscheuchen? Also, damit man sie niemals brauche, der ganze Kostenaufwand ihrer Herstellung! Die Vlker mssen ihr ganzes Geld hergeben, um an den Grenzen Befestigungen zu machen, in der Absicht, sich ber die Grenzen dann Kusshndchen zuzuwerfen? Zu einer bloen Friedens-Aufrechterhaltungs-Gendarmerie lsst sich das Militr nicht herabdrcken  der oberste Kriegsherr wird doch nicht einem Heer von ewigen Kriegsvermeidern vorstehen sollen? Hinter dieser Maske  der _si vis pacem_-Maske  blinzeln die einverstndlichen Blicke, und die jedes Kriegsbudget bewilligenden Abgeordneten blinzeln mit.
Die Volksvertreter? unterbrach der Minister. Man kann den Opfermut doch nur loben, dessen diese in ernsten Zeiten niemals ermangeln und welcher in der einhelligen Votierung der entsprechenden Gesetze erhebenden Ausdruck findet.
Verzeihen Sie, Exzellenz, diesen einhelligen Stimmabgebern wollte ich einem nach dem andern zurufen: Dein Ja wird jener Mutter ihr einziges Kind rauben;  deines bohrt jenem armen Wicht die Augen aus;  deines schiet eine unersetzliche Bcherei in Brand;  deines zerstampft das Hirn eines Dichters, der deines Landes Ruhm gewesen wre ... Aber ihr habt dieses Ja votiert, um nur ja nicht feige zu scheinen  als ob man gerade nur fr sich die Assentierung frchten msste.  Seid ihr denn nicht da, um des Volkes Willen zur Geltung zu bringen? Und das Volk will die produktive Arbeit, will die Entlastung, will den Frieden ...
Ich hoffe, lieber Doktor, bemerkte der Oberst bitter, dass Sie niemals Abgeordneter werden; das ganze Haus wrde Sie auspfeifen.
Mich dem auszusetzen, wrde schon beweisen, dass ich nicht feige bin. _Gegen_ den Strom zu schwimmen, erfordert die sthlerne Kraft.
Wenn aber der Ernstfall eintrete und man stnde unvorbereitet da?
Man bereite einen Rechtszustand vor, der den Eintritt des Ernstfalles unmglich mache. Denn was _dieser_ Fall sein wird, Herr Oberst, von dem kann heutzutage kein Mensch einen klaren Begriff fassen. Bei der Furchtbarkeit der gegenwrtig erreichten und noch immer steigenden Waffentechnik, bei der Massenhaftigkeit der Streitkrfte wird der nchste Krieg wahrlich kein ernster sondern ein  es gibt gar kein Wort dafr  ein Riesenjammer-Fall sein ... Hilfe und Verpflegung unmglich ... Die Sanittsvorkehrungen und Proviantvorkehrungen werden den Anforderungen gegenber als die reine Ironie sich erweisen; der nchste Krieg, von welchem die Leute so gelufig und gleichmtig reden, der wird nicht Gewinn fr die einen und Verlust fr die anderen bedeuten, sondern _Untergang fr alle_. Wer hier unter uns stimmt fr diesen Ernstfall?
Ich allerdings nicht, sagte der Minister; Sie auch nicht, lieber Doktor  aber die Menschen im allgemeinen ... Auch unsere Regierung nicht, dafr kann ich gutstehen  aber die anderen Staaten. ...
Mit welchem Rechte halten Sie andere Leute fr schlechter und unvernnftiger als sich und mich? Da will ich Ihnen ein kleines Mrchen erzhlen:
Vor der geschlossenen Pforte eines schnen Gartens, gar sehnschtig hineinschauend, stand ein Haufen Menschen, tausendundeiner an der Zahl. Der Pfrtner hatte den Auftrag, die Leute hereinzulassen, falls die Mehrzahl unter ihnen den Einlass wnschte.  Er rief den einen herbei: Sag  aber aufrichtig  mchtest du herein?  O ja, ich schon, aber die anderen Tausend sicher nicht. Diese Antwort schrieb der kluge Pfrtner in sein Notizbuch. Dann rief er einen zweiten. Der sagte dasselbe. Wieder trug der Kluge unter die Rubrik ja die Ziffer 1, unter die Rubrik nein die Ziffer 1000 ein.
Das ging so bis zum letzten Mann. Dann addierte er die Zahlen. Das Ergebnis war: 1001 ja, ber eine Million nein. So blieb das Tor verschlossen, denn das nein hatte eine erdrckende Majoritt. Und das kam daher, weil jeder, statt nur fr sich, auch fr die anderen antworten zu mssen glaubte.
Allerdings, sprach der Minister nachdenklich, und wieder schlug Lore Griesbach bewundernde Augen zu ihm auf  es wre allerdings eine schne Sache, wenn die einstimmige Votierung einer Entwaffnungsvorlage stattfinden wrde;  aber andererseits, welche Regierung wird es wagen, den Anfang zu machen? Allerdings gibt es nichts Wnschenswerteres als Eintracht: aber andererseits: wie kann man, so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen usw. bestehen, _dauernde_ Eintracht fr mglich halten?
Erlauben Sie, nahm jetzt mein Sohn Rudolf das Wort. Vierzig Millionen Einwohner eines Staates bilden ein Ganzes. Warum also nicht mehrere hundert Millionen? Soll das mathematisch und logisch beweisbar sein: so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen usw. bestehen, knnen wohl 40 Millionen Leute darauf verzichten, sich untereinander zu bekriegen  drei Staaten sogar, wie gegenwrtig der Dreibund, knnen sich verbnden und eine Friedensliga bilden  aber fnf Staaten knnen dies nicht, drfen dies nicht? Wahrlich, wahrlich: unsere heutige Welt gibt sich fr ungeheuer klug aus und belchelt die Wilden  und doch: in manchen Dingen knnen auch wir nicht bis fnf zhlen.
Einige Stimmen erhoben sich: Was? Wild?  Das _uns_  mit unserer berfeinerten Kultur? Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts?
Rudolf stand auf:
Ja, wild  ich nehme das Wort nicht zurck. Und so lange wir uns an die Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben. Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit  die Blicke sind nach vorwrts gerichtet, alles drngt mchtig zu anderer, zu hherer Gestaltung ... Die Wildheit mit ihren Gtzen und ihren Waffen  schon schleuderten sie viele von sich. Wenn wir der Barbarei auch noch nher sind als die meisten glauben, so sind wir vielleicht auch der Veredelung nher als viele hoffen. _Schon lebt vielleicht der Frst oder der Staatsmann_, der die in aller knftigen Geschichte als die ruhmreichste, leuchtendste der Taten geltende Tat vollbringen wird, der die allgemeine Abrstung durchsetzt. Schon strzt jener Wahn zusammen, kraft dessen der Staatsegoismus einen so tuschenden Anschein von Berechtigung hat  der Wahn, dass der Schaden des einen den Nutzen des anderen befrdere ... Schon dmmert die Erkenntnis, dass die _Gerechtigkeit_ als Grundlage alles sozialen Lebens dienen soll ... und aus solcher Erkenntnis wird die Menschlichkeit hervorblhen, die Edelmenschlichkeit, wie Friedrich Tilling zu sagen pflegte ... Mutter, hier, dieses Glas trinke ich dem Andenken deines ewig unvergessenen Geliebten und Betrauerten, dem auch ich alles verdanke, was ich denke und was ich bin. Und aus diesem Glase  er warf es an die Wand, wo es zerschellte  wird kein anderer Trunk mehr gemacht und heute  zu des Neugeborenen Tauffest wird kein anderer Toast mehr gesprochen, als dieser: es lebe die Zukunft! _Ihre_ Aufgaben zu vollbringen, dazu wollen wir uns sthlen  nicht: unserer Vatersvter  wie die alte Phrase lautet  wollen wir trachten, uns wrdig zu zeigen  nein: unserer Enkelshne! ... Mutter  was ist dir? unterbrach er sich. Du weinst? ... Was siehst du dort?
Mein Blick war nach der offenen Glastr gerichtet. Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen Rosenstock mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend  in lebenswahrer Deutlichkeit  mein Traumbild: Ich sehe die Gartenschere flimmern  das weie Haupthaar glnzen ... Nicht wahr  lchelt er zu mir herber  wir sind ein glckliches altes Paar?
Weh mir!   

_Ende_
