 Mtter und Amazonen
Ein Umriss weiblicher Reiche
Sir Galahad (Bertha Eckstein-Diener)

Erstverffentlichung 1932


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A Dunyazad Digital Library book
Selected, edited and typeset by Robert Schaechter
First published October 2019
Release 1.01a * May 2023


 ber die Autorin

Bertha Diener wurde 1874 in Wien geboren, wo sie in einer wohlhabenden Industriellenfamilie aufwuchs. 1898 heiratete sie den Wiener Literaten und Privatgelehrten Friedrich Eckstein, der dem jdischen Grobrgertum entstammte, um die Heirat zu ermglichen aber zum Protestantismus bertrat. Sie bezogen ein Haus in Baden, wo sie einen literarischen Salon fhrten, in dem bekannte Persnlichkeiten des sterreichischen Kulturlebens verkehrten, wie Peter Altenberg, Karl Kraus, Adolf Loos und Arthur Schnitzler; 1899 wurde ihr Sohn Percy geboren. Bald danach begann sie ein Verhltnis mit dem Physiologen Theodor Beer, der 1903 eine andere Frau heiratete. Im darauffolgenden Jahr verlie Bertha Ehemann und Kind, und begann ausgedehnte Reisen, unter anderem nach gypten, Griechenland und England. 1910 bekam sie ihr zweites Kind, Roger, dessen Vater Theodor Beer war, und den sie in eine Pflgegefamile gab. Noch vor dem ersten Weltkrieg bersiedelte Bartha Eckstein-Diener nach Mnchen, Anfang der 1920er dann in die Schweiz, die sie als begeisterte Skifahrerin auch der Berge wegen liebte, und in der sie bis zu ihrem Tod 1948 lebte.
Bertha Eckstein-Diener, die ihre bekanntesten Werke unter dem Pseudonym Sir Galahad verffentlichte, verfasste neben Aufstzen und Essays fr Zeitungen und Zeitschriften und der bersetzung dreier Werke von Prentice Mulford acht Bcher  Romane mit historischem Hintergrund und kulturgeschichtliche Abhandlungen; eine Kulturgeschichte Englands blieb unvollendet. _Mtter und Amazonen_, an dem sie von 1925 bis 1931 arbeitete, ist ihr bedeutendstes Werk.


 ber dieses Buch

Auf ausfhrliche Anmerkungen und Bibliographie musste leider verzichtet werden, schreibt die Autorin, da die Aufzhlung smtlicher bentzten Quellenwerke, Zeitschriften, Artikel, Papyri, Broschren ... das Buch, bzw. den Preis ungebhrlich aufgeschwellt htte. Das ist, wenn berhaupt, wohl hchstens die halbe Wahrheit. Sir Galahad ist Literatin, keine Wissenschafterin, und, so umfassend auch die Studien und so tiefgehend die berlegungen sind, die diesem Buch zugrundeliegen, Sir Galahad wollte kein wissenschaftliches Werk vorlegen  ihren Verzicht auf auch nur annnhernd wissenschaftlichen Ansprchen gengende Quellenangaben sehe ich als demonstrativ. Vom formalen Korsett der Wissenschaftlichkeit lsst sie sich nicht einschrnken. Manchen Quellen, berlieferungen, Sagen und Mythen gegenber ist sie, die kritische Denkerin, liebevoll unkritisch. Von den historischen Berichten und den Quellen, auf die sie sich sttzt, halten viele einer nheren Betrachtung nicht stand  heute berholt, oder auch bereits damals hchst spekulativ oder fantastisch. Manches ist auch nur ungenau  sie, deren Blick auf die ganze Menschheitsgeschichte gerichtet ist, kann nicht allen Details ihre volle Aufmerksamkeit geben. Die stellenweise rassistische Terminologie, der Zeit geschuldet, wre fr heutige Texte inakzeptabel, manche zitierte Autoren seher wir heute kritisch, und bei manchen Stzen wnscht man sich, sie htte sie nicht geschrieben. Nichts von all dem aber schrnkt die Kraft, die Gre und die Bedeutung dieses Werkes ein.
_Mtter und Amazonen_ hat nicht einen Bruchteil der Aufmerksamkeit erfahren, die es verdient. Sir Galahad hatte keine fachliche Reputation, die Zeit, in der das Buch erschien, und auch die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hatten andere Sorgen, und fr den tglichen Kampf des modernen Feminismus scheint das Werk wenig tauglich  Sir Galahad urteilt nicht, beklagt keine Diskriminierung, stellt keine Forderung nach Gleichberechtigung auf. In ihrer Betrachtung Jahrtausender menschlicher Kultur auf allen Kontinenten geht es ihr um Greres  um die Anerkennung weiblicher Macht. _Am Anfang war die Frau._ Das Amazonenheer steht nicht vor den Mauern der Stadt, um ber Lohngleichheit oder die gerechte Aufteilung der Hausarbeit zu diskutieren ...
Auf Deutsch sind gedruckte Ausgaben dieses Buches (zuletzt bei Ullstein als Taschenbuch) nur antiquarisch erhltlich, ebenso eine englische bersetzung aus dem Jahr 1973, die digital nicht verfgbar ist. Eine neue frei verfgbare bersetzung, sowie eine auf aktuellem Stand wissenschaftlich fundierte kritische Edition, die hier nicht geleistet werden kann, wren wichtig und interessant. Nach fast einem Jahrhundert wre die Zeit dafr vielleicht reif.


 ber diese Ausgabe

Diese Ausgabe beruht auf der Originalausgabe von 1932. Die Gliederung der berschriftsebenen weicht, der besseren bersichtlichkeit wegen, vom Original ab. Die Orthographie wurde modernisiert, die Interpunktion unverndert beibehalten, die Zitate an Kapitelanfngen aber in Anfhrungszeichen gesetzt. In einigen Fllen entsprechen Kursivsetzung und Absatzumbrche nicht dem Original. Gelegentliche Druckfehler sowie falsch geschriebene Autorennamen sind korrigiert.
Alle Funoten, und dementsprechend alle in ihnen mglicherweise enthaltenen Fehler, sind meine (R.S.), Sir Galahads Original enthlt weder Fu- noch Endnoten. Der Groteil der Funoten betrifft die von Sir Galahad zitierten Autoren, von denen sie neben den Familiennamen zumeist nur Initialen von Vornamen nennt, oder nicht einmal diese. Ich habe mich bemht, diese Autoren zu identifizieren  aus Respekt ihnen gegenber, um Quellen und Zitate in einen historischen Kontext zu setzen, um es interessierten Lesern zu erleichtern, sich ber diese Autoren weitergehend zu informieren, aber auch um das breite Spektrum und, in den meisten Fllen, die Seriositt der von Sir Galahad herangezogenen Quellen deutlicher zu machen, als das bei einem simplen Ungnad oder Fisch im Text erscheint. Bei einigen Autoren hat es einige Mhe gekostet, sie zu identifizieren  ich hoffe, dass ich dabei keine Fehler begangen habe. Bei sehr wenigen ist es mir nicht gelungen, in einigen Fllen konnte ich Schreibweisen korrigieren oder Fehler richtigstellen (z.B. wenn es sich bei Hubert Mauss um Henri Hubert und Marcel Mauss handelt). Bei Personen, deren Bekanntheit vorausgesetzt werden kann (Goethe, Hegel, Darwin, Freud etc.) habe ich auf Funoten verzichtet. Zweite Vornamen sind nur angefhrt, wenn sie bei Zitierungen der jeweiligen Autoren gebruchlich sind, _Sir_ bei britischen Namen habe ich weggelassen. Bei den angegebenen biographischen Daten ist die Unterscheidung Ethnologe/Ethnograph nicht immer sicher, ebenso wie die Unterscheidung englisch/britisch, und fr manche englische Bezeichnungen wie explorer, classicist oder surveyor gibt es im Deutschen keine eindeutigen Entsprechungen. Ergnzende oder korrigierende Hinweise nehme ich gerne entgegen.
Zu antiken Autoren habe ich keine Funoten gesetzt. Den Zitaten selbst bin ich nicht nachgegangen, entsprechend sind (mit wenigen Ausnahmen) auch keine Werktitel in den Funoten angegeben. Auf inhaltliche Kommentare bzw. Hinweise auf Irrtmer, unhaltbare Spekulationen oder historische Ungenauigkeiten, habe ich verzichtet, das sollte einmal umfassender geleistet werden als ich es knnte.


 Inhaltsverzeichnis

Vorrede
Parthenogenese
Die schwarz-weien Eimtter
- Die weie Mutter
- Die schwarze Mutter
- Die groe Weberin
Mutterrecht
Das Symbol
- Das Ei
- Die Kaurimuschel
- Rechts  Links
- Sumpf und Acker
Die magische Menschheit
Das wechselnde Gesicht des Mutterrechts
- Nordamerika
- Mittel- und Sdamerika
- Die Couvade
- Indien
- Nar
- Die Malaien
- China, Japan, Formosa
- Su-Fa-La-Na-Ch-Ch-Lo  Ein tibetanisches Frauenreich
- Die lustigen Weiber von Kamtschatka
- Araber
- Juden
- Afrikanische Kniginnen
- Die Beschneidung
- Keltenland
- Germanien
- Rom
- Sparta
- Athen, das brige Griechenland und Grogriechenland
- Lykien, Lydien, Karia, Sumer (Babylon)
- Kreta, das Damenreich
- Lesbos
Die Zwei
- gypten
Theorien ber das Mutterrecht
- Bachofens Dreistufen-Theorie
- Die Vaertingsche Pendeltheorie
- Die berbleibseltheorie
- Die Kulturkreislehre von Frobenius
- Etwas wie eine Affenhypothese
- Mutterrecht und Astrologie
- Die soziologische Hypothese
Totemismus, Exogamie und Mutterrecht
Amazonen
- Die Thermodontinnen
- Die Libyerinnen und andere Amazonen
Die Zeitlose Menschheit


Mge in meiner ganzen Geschichte das richtig Gesagte von hmischem Tadel frei bleiben, die Fehler der Unwissenheit von Kundigeren berichtigt werden.
_Diodorus Siculus_


 Vorrede

    Motto an den Leser:
    Ding, iss auch Brocken!
    _Das Mrchen von der Unke_

Dies ist die erste weibliche Kulturgeschichte. Sie bemht sich, so _einseitig_ wie mglich zu bleiben, auf jener Seite nmlich, deren plastische Durchgestaltung bisher gefehlt hat. Auf der andern Seite wei jeder geistig halbwegs Interessierte lngst so ziemlich Bescheid, denn stets aufs Neue werden an den Kulturablufen gerade solche Phasen grndlich geschildert, in denen der Mann sein Weltbild geprgt hat, das Weibliche somit gar nicht oder nur indirekt, durch ihn hindurch, zur Verwirklichung gelangen konnte. Bewusst oder unbewusst bleibt die mnnliche Bhne das Lieblingsobjekt historischer Betrachtung.
Dagegen: Wie sieht die Welt denn berall dort aus, wo sie die Frau gerichtet hat, ihrem Naturwesen allein gem, ihrerseits mit Ausschaltung des Mannes als Persnlichkeit? Wieder einseitig. Gewiss. Doch gerade das Hlftenhafte hier wie dort mag dann, berblickt, sich zu Ganzem fgen, denn: die Wahrheit liegt in den Gegenstzen zugleich. Entstellung des Weltbildes durch das Vorurteil der Paternitt kann im Bewusstsein der Menschheit zwanglos kompensiert werden, wenn ihr gengend reine Frauenreiche mit ihren matriarchalen Grundgesetzen aufs Neue bildhaft vor der Seele auferstehen. Und der Frau sollen sie die Tradition geben, auf dass sie sich mit dem, was sie auf einmal kann und tut, nicht abkunftlos erscheine.
Kulturgeschichten sind Querschnitte durch Entwicklungen. Wo der Schnitt jedesmal ansetzt, wie er verluft, was von ihm getroffen, was blogelegt werden soll, das entscheidet ber die Resultate. Bei dieser Darstellung ist der Schnitt so ber die Erdkugel und durch die Rassen und Kulturen hingefhrt, dass er mglichst viele Seelenschichten trifft, denn dort, im magischen Blut- und Erdgrund, wurzeln recht eigentlich die Frauenreiche, wenn ihre Mauerkronen, zu Metropolen = Mutterstdten aufgewachsen, auch oben noch ziviles Treiben gut und hufig berstehen. Reiche sind es, niemals Staaten, irrational, zu tiefst lebendig, infolge guter Substanz durch nichts zusammengehalten als eine Art zauberhafter Brutwrme aus Magie und Gefhl, Ehrfurcht des Gestalteten vor der Gestalterin, der Gesitteten vor der Gesitterin; nicht spannungslos dabei, die Spannungen zeigen sich nur ganz anders gelagert, das macht sie ja so interessant, sogar in der Urpolaritt der Geschlechter sind Partner und Gegenspieler hier andre: nicht wie im Mnnerstaat Geliebter und Geliebte oder Gatte und Gattin. Im Frauenreich ist das Weltgeschehen bezogen auf die Polaritt MutterSohn, BruderSchwester. Das aber fhrt in abgrndige Bezirke, wird erst verstndlich aus dem Grundkeim weiblicher Existenz selbst und weist auf ein Urphnomen zurck.
Nachdem dessen Norm an Biologie, Mythos, magischer Seelenlage, Ursprung menschlicher Gesellungsformen besser anschaulich geworden ist, erfolgt ein mutterrechtlicher Spaziergang ber den Globus. Ausgeschnitten als ethnographische und historische Medaillons, reiht sich da, was bei mutterrechtlicher, matriarchaler, gynaikokratischer Grundstruktur an Farbe, Kraft oder sonstwie doch reizvolle Besonderung zeigt, bis aus diesen Einzelbildern das Ganze ersteht. Entfaltung eines feierlichen, formenreichen und frohen Schauspiels, das schlielich einmndet in unsern Tageskreis und hinausweist ber ihn.
Auf die notorisch leichte geistige Ermdbarkeit des Lesers ist, weil ein organischer Defekt, dabei alle Rcksicht genommen, auf seine ebenso notorische Faulheit und Flchtigkeit, weil nur Unart, gar keine. Also sind die reichlich vorhandenen Rosinen auf geradezu teuflische Weise der Gesamtmaterie derart einverleibt, dass diese mitzuschlucken weniger mhsam sein drfte, als jene herauszuklauben. Ding, iss auch Brocken!
Auf ausfhrliche Anmerkungen und Bibliographie musste leider verzichtet werden. Die Aufzhlung smtlicher bentzten Quellenwerke, Zeitschriften, Artikel, Papyri, Broschren aus verschiedensten Gebieten, alle ntig, um diese weibliche Kulturgeschichte zu ergeben, htte das Buch, bzw. den Preis ungebhrlich aufgeschwellt. Die Druckbogen fr die Bibliographie aber durch Krzung des Textes herauszusparen, erwies sich des allzu gedrngten Inhaltes wegen als unmglich; so sind diesem Zitate und Belege, wenigstens an wichtigen Stellen, eingefgt.
Zwei Persnlichkeiten haben die Mtter ihr bestes Teil zu danken: der Tiefe zu natrlich dem groen Entdecker des Mutterrechts, J. J. Bachofen{1}; neuer Blick in die junge ethnographische Weite kam durch Robert Briffault{2} hinzu. Die Hinweise seines Lebenswerkes auf sonst fast unbersehbare vlkerkundliche Quellen waren eine unschtzbare Hilfe.
{1: Johann Jakob Bachofen (18151887), Schweizer Historiker und Anthropologe. Sein Werk _Das Mutterrecht: eine Untersuchung ber die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religisen und rechtlichen Natur_ (1861) gilt als Ursprung moderner Matriarchatstheorien.}
{2: Robert Briffault (18761948), britischer Arzt, Verfasser des Werks _The Mothers. A Matriarchal Theory of Social Origins_ (1927).}
Fr den Amazonen-Teil gebhrt aller Dank den Herren Ephoros, Pherekydes, Isokrates, Hellanikos, Kleidemos, Eusebios, Dionysios Skythobrachion und von Milet,{3} Herodot, Diodor, Plutarch, Plinius, Strabo, Pompeius Trogus und den vielen noch lteren namenlosen Htern des Ahnenkults vor ihnen, die mit dem Takt der groen Weltleute, die sie waren, das ganze Material vom Aufgang der Menschheit berliefert haben, ungesichtet, wortgetreu, in glubiger Unterordnung unter die Tradition, selbst auf die Gefahr hin, ein paar Jahrtausende spter in einem bourgeoisen Zeittropfen als geistlose Abschreiber getadelt zu werden. Daher sind neue Quellen, obwohl frische Besttigung von allen Seiten zustrmt, nicht einmal vonnten, liest man nur die alten wieder stoffgerecht. Die Quellen, sagt J. Burckhardt{4} in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen, sind unerschpflich, weil sie jedem Leser und jedem Jahrhundert ein besonderes Antlitz weisen und auch jeder Lebensstufe des Einzelnen  es ist dies auch gar kein Unglck, sondern nur eine Folge des bestndig lebenden Verkehrs.
{3: Gemeint ist, dass Dionysios Skythobrachion und Dionysios von Milet ident sind.}
{4: Jakob Burkhardt (18181897), Schweizer Kulturhistoriker.}
Mit besonderer Bemhung wurde wenigstens versucht, alles Rohmaterial, historisches wie ethnographisches, nicht amorph, sondern lediglich an seiner Stelle derart eingefgt zu dulden, dass es die Plastik des Gesamtbaus bilde, also nichts von ihm im Text liegen bleibe, trmmermig und ungeschlacht, denn:
Wir sind alle gentigt, unsere Ziele weiter zu stecken, als unsere Krfte reichen, um nicht am Ende weniger zu leisten, als sie erlauben.{5}
{5: Bachofen. Im Original: ... um am Ende nicht weniger zu leisten, ...}
_Sir Galahad_,
im Herbst 1931


 Parthenogenese

    Was da ist, was da sein wird und was gewesen ist, bin ich. Meinen Chiton hat keiner aufgedeckt. Die Frucht, die ich gebar, war die Sonne.
    _Inschrift am Tempel der Gttin Neith_

    Was die Protozoen beschlossen haben, kann nicht durch Parlamentsbeschluss annulliert werden.
    _P. Geddes und Thomson, The Evolution of Sex_{6}
{6: Patrick Geddes (18541932), schottischer Biologe, und John Arthur Thomson (18611933), schottischer Naturforscher. _The Evolution of Sex_ erschien 1889.}

Am Anfang war die Frau. Der Mann erscheint erstmalig in Sohnesgestalt, als das biologisch Jngere und Sptere. Von den beiden geheimnisvollen Grundformen, in denen das Lebendige, bald hadernd verschlungen, bald sehnsuchtsvoll entzweit, durch die Zeit strzend sich aneinander entfaltet, ist das Weibliche lter, mchtiger, urtmlicher, denn weit in die Tierreihe hinein herrscht jungfruliche Entstehung: Parthenogenesis, und durch Zeitrume, unvergleichlich lnger als jene, die seit ihrem Aufhren verstrichen sind. Mehr noch: Das Urweib im Tierweibchen pflanzt nicht nur sich selbst fort, es hat ganz allein das Mnnliche hervorgebracht; das Mnnchen nie irgend etwas ohne das Weib. Fadenwrmer, Rdertiere, Salzkrebse, Blattluse, verschiedene Wespen- und Schmetterlingsarten, sie alle sind jungfrulich gebliebene Mtter. Parthenogenese reicht bis zu den Krustazeen. Daphniskrebse bringen von Mrz bis August alle vierzehn Tage elf bis zwlf Sprsslinge hervor, _erst dann erzeugen sie Mnnchen, mit denen sie sich begatten_.
Somit hat die Frau den Mann erschaffen, nicht umgekehrt. _Sie_ ist das Gegebene, _Er_ das Gewordene, _Sie_ die Ursache, _Er_ die Wirkung.
Immer in Gestalt der Mutter ragt sie ihm zuerst entgegen, ragt aus Urweltrumen bis hoch in die persnliche Schicht jedes Einzeldaseins hinein; und sein tiefstes Fhlen trgt keines Vaters Prgung, weil der ja ganz am Grund der Quelle nur ein Bruder war.
Urphnomene sind nicht da, um erklrt, sondern um eingesehen zu werden. Eingesehen und nachwirkend wiedererkannt, nicht nur am Auseinandergefalteten, auch am khl Abgebltterten, scheinbar abkunftlos Treibenden noch.
Das Urphnomen: Primat des weiblichen Naturprinzips, whrend, aus ihm gelst, das Mnnliche spter erscheint, spter zu Selbstndigkeit und Schpfertum heranreift, hat alles Menschenschicksal bald einschrnkend, bald entfesselnd in jedem Zeit- und Kulturkreis immer wieder aufs Neue aus seinem magischen Abgrund herauf entscheidend bestimmt.
Der Mythos wei es von je.

  Was da ist, was da sein wird und was gewesen
  ist, bin ich. _Meinen Chiton hat keiner aufgedeckt_,
  die Frucht, die ich gebar, war die Sonne,

stand ber dem Tor der gyptischen Neith. Auf andern Denkmlern heit sie: Nut, die Alte, welche die Sonne gebar und _die Keime der Gtter und Menschen legte_. In alten Texten: Vater der Vter, Mutter der Mtter, die _Seiende_ nmlich, welche von Anfang an gewesen ist. Dann wieder: Die Mutter der Morgensonne, die Schpferin der Abendsonne, welche gewesen ist, als nichts war, und welche geschaffen hat, was nach ihr war. Ihr Sinnbild, der unsterbliche Skarabus, rollt sein Urei als Weltkugel vor sich her, den Ball aus Mist, um ihm geflgelt und verjngt nach jedem Mondumlauf aufs neue selbst zu entkriechen. Den frhesten Fassungen der Schpfungsmythen gilt weiblicher Stoff allein als zeugende Kraft. In Babylon hie dieses Urwesen Thalat, erst als zweite Generation gebiert sie ein Gtterpaar: Apsu und Thiamat. Es sind jene Welteltern so vieler Kosmogonien, die, unaufhrlich aufeinander ruhend, von den herausdrngenden Kindern spter zu Himmel und Erde auseinandergerissen werden. Auch fr das frhe Griechenland geht aus der Urvagina, dem alles merkenden Abgrund, erst _Gaia_, die weibliche Erde, hervor. Diese zeugt jungfrulich, ohne Liebesumarmung, _Uranos_, den Himmel, dann mit ihm, ihrem Sohn, das Titanengeschlecht. Wieder aus dem weiblichen Abgrund Ginnungagab  Vertiefung, Hhle, Spalt sind immer weibliche Symbole  kommt nach altnordischer berlieferung _Ymir_, der Brauser, wie bei den Orphikern aus silbernem Weltei, dem Uterus expositus, Eros bricht, ltester und ehrwrdigster unter den Gttern. Auch Brahma weilt lange Zeit verborgen im Urei, hervortretend teilt er es dann in Himmel und Erde. Die hethitische Agdistis, androgyn, wie fast alle vorderasiatischen Gttermtter, trgt ein mnnliches Nebenglied in sich; spter aus ihr abgetrennt, wchst es sich zu Attis, dem schnen Jngling und Sohngeliebten, aus, und noch in den spten Mrchen der Steppenvlker erscheint die Frau als beide Eltern zugleich: unsre Mutter, der Held Karakus, wird sie dort genannt.
Von Anfang an gegeben, unwandelbar ist nur das Weib; geworden und darum stetem Untergang verfallen der Mann. Auf dem Gebiet des physischen Lebens steht also das mnnliche Prinzip an zweiter Stelle. Darin hat die Gynaikokratie ihr Vorbild und ihre Begrndung. Darin wurzelt auch jene, der Urzeit angehrige Vorstellung von der Verbindung einer _unsterblichen_ Mutter mit einem sterblichen Vater. In einem Aphrodite-Mythos erzhlt Plutarch, dass, als Theseus der Gttin am Meeresufer eine Ziege geopfert, sich diese ganz von selbst in einen Bock verwandelt habe, und seit der Zeit werde Aphrodite auf einem Bock reitend dargestellt. Auch hier erscheint das Muttertier als ursprnglich und von Haus aus gegeben. Aus dem Weib entsteht der Mann durch wunderbare Metamorphose der Natur. Aber der Bock ist doch nur Aphrodites Attribut, ihr untergeordnet und zu ihrem Dienst bestimmt. Aber mit Entzcken weilt ihr Auge auf dem Gebilde. Der Mann wird ihr Liebling, der Bock ihr Trger, der Phallus ihr steter Begleiter ... Sie freut sich des Dmons, den sie gezeugt. Doch berragt Kybele als Mutter den Attis, Diana den Virbius, Aphrodite den Phaton. Das weibliche stoffliche Naturprinzip steht voran, es hat das Mnnliche, als das Sekundre, Gewordene, nur in sterblicher Form Vorhandene und ewig Wechselnde, gewissermaen, wie Demeter die Cista, auf seinen Scho genommen. Das ist der hchste Ausdruck der Gynaikokratie. (Bachofen.)
So weit ab vom Mythos wie nur irgend mglich, durch die Statistik nmlich, ist es lange schon bekannt geworden, dass mnnliche Linien viel rascher aussterben. Das Mnnliche ist das wesentlich Sterbliche, das Weibliche grundstzlich unzerstrbar.
In Bildern, zuweilen aufwhlend und phantastisch, wie sich sonst nur das Leben in der Tiefsee abspielt, spiegeln frhe Mythen im parthenogenetischen Weltbild biologische Urzustnde wieder. Und nicht nur der Glaube an jungfruliche Entstehung, auch dass sie ein Vorzglicheres sei, gilt allgemein von je. Wer etwas auf sich hlt, wie Erlser, Heroen, Gtter, Ahnherrn, Knige, Weise, legt auf diese Entstehungsart Wert. Buddha und Quetzalcuatl, Huizilopochli und Plato, Montezuma und Dshingis-Khan sind von Jungfrauen geboren. Die Ainos von Japan, die Stmme Zentralasiens, chinesische Philosophen, siamesische Heroen, indianische Helden, tibetanische Propheten, sie alle wollen fr reine Muttergeburten gelten und lehnen einen leiblichen Vater ab.
Hierher gehren wohl auch noch allerhand halbreine Konzeptionen, mit leichter symbolischer Nachhilfe. So wird eine mongolische Prinzessin durch ein Nordlicht gravid, eine japanische Gttin durch den Genuss einer Kirsche; Lotosblumen schwngern Frstinnen von China. Die Shang-Dynastie fhrt sich auf die Prinzessin Kien-Ti zurck, der ein Schwalbenei in den Mund fiel, und die Mandschu stammen von einem Mdchen und einer roten Frucht ab. Beispiele ohne Ende. Doch verwischt sich hier bereits reine Parthenogenese und geht in unbefleckte Empfngnis, etwas ganz anderes, ber. Beiden Vorstellungen gemeinsam ist es nur, dass sie die Entstehung des Lebens nicht notwendig an einen krperlichen Geschlechtsakt binden. Whrend jedoch bei Parthenogenese das weibliche Prinzip alles allein zustande bringt, bleibt es bei unbefleckter Empfngnis passiv, empfngt eben nur, wenn auch nicht durch einen irdischen Mann, so durch einen Gott, durch Immaterielles, auf mystische oder sonst bernatrliche Weise. Darin liegt nicht notwendig betonte Hochachtung des Weiblichen, nur betonte Missachtung des Sexuellen. So bedeutet der extremen Geistreligion des Christentums die Jungfrau nichts als in Reinheit harrende Schale, zur Hegung des Heilands bereit.
Die Ureinwohner Australiens  es sind die primitivsten, jetzt in voller Auflsung begriffenen Rassen der Erde  kennen berhaupt nur unbefleckte Empfngnis und nichts sonst. Wird doch fr Naturvlker die Frau durch alles eher befruchtet als durch den Mann. Als Spencer und Gillen{7} in ihrem berhmten Werk berichteten, dass diese australischen Buschneger, so nahe der Natur, inmitten einer sehr ungenierten Tierwelt, deren Paarungs- und Brutzeiten sie in ihrer regelmigen Abfolge immer wieder mit erleben, doch beim Menschen die notwendige Beziehung zwischen Geschlechtsakt und Fortpflanzung nicht kennen wollten, vielmehr unsre Kausalittsreihe ablehnten, stie diese Angabe vielfach auf Unglauben. Sie wurde aber bei berprfung immer wieder besttigt.
{7: Walter Baldwin Spencer (18601929), australischer Biologe, Anthropologe und Ethnologe; Francis James Gillen (18551912), australischer Anthropologe und Ethnologe.}
Diese Urrassen sind, wenigstens in ihrem jetzigen Stadium, primitive Animisten, frher hatten sie eine hoch mythologische Phase, von Ahnengeistern umgeben. Am Boden, um Hlzer und Steine, wogen die unsichtbaren Schwrme, dringen mit Hilfe eines Sonnenstrahls, eines Windhauches, als aufgewirbelter Ahnenstaub auf dutzenderlei Weise in die Frau; tote Kinder werden daher mit Vorliebe an Kreuzwegen begraben, dort haben sie zur Wiederverkrperung bessere Gelegenheit, denn alles ist lauernder Seelen voll. Aus Erdnabeln, Hhlen mit einem Stein darauf, halten sie Lugaus nach leiblichen Mttern, um unversehens in sie zu schlpfen. Junge Mdchen fliehen diese Orte oder vermummen sich, hinken, auf Stcke gesttzt, an ihnen vorbei, markieren Vergreisung, um verschont zu bleiben. Gleiche Sitte besteht bei den Huronen, Algonkin und einigen westafrikanischen Stmmen.
Der Mann dient hchstens als Erffner, um dem Geist die Wege zu ebnen; mit der Erschaffung eines neuen Wesens hat er nicht das Geringste zu tun, weil ja gar nichts Neues erschaffen wird. Das Ganze bleibt eine reine Wohnungsfrage, zu erledigen zwischen Geist und Frau, bei der sie das Fleischgef abgibt, in dessen Saft nie aufhrende Seelen sich nach einem ganz geregelten unterirdischen Kreislauf innerhalb des Totseins, das verschiedene Grade hat, wieder einbetten und zu Krpern austragen lassen. Kinder oder gar Suglinge, die noch nicht voll gelebt haben, sind berhaupt nicht tief verstorben. Nach ganz flacher Todesbahn gleiten sie wieder nach oben. Ein australisches Weib ttet daher ihr Kleines so einfach, wie ein europisches zu ihm sagt: Geh weg, du strst mich jetzt. Sie wei, es kommt schon bald von selber wieder.
Keine Hochkultur ohne Reste dieses Animismus. Durch Platos Erdschlund, drhnend vor Geburt, steigen die Seelen auf und nieder, vom Leben kommend hinunter und wieder von drunten mit neuem Lebenslose, das sie gelost, herauf. Da die Mehrzahl der Naturvlker Totemrassen sind, stammen fr sie diese Seelen aus dem jeweiligen Totem, der groen Ahnenseele. Mit ihr sind sie nicht nur krperlich, sondern auf tief magische Weise verwandt. Der Totem selbst kann alles mgliche sein: Tier, Stein, Pflanze, Himmelsgegend, Windrichtung, Regen und Regenbogen, Sternschnuppe oder Stern. Den gleichen Totem haben bedeutet nicht nur strkste uere Bindung, sondern Gleichheit der Substanz. Etwas so Fundamentales, dass es seine Glieder untrennbar zu einem lebenden Block zusammenschliet und sie fr alle Ewigkeit von andern Menschen scheidet. Es erscheint der Beachtung nicht unwert, dass der Ausdruck Totem: ototeman  er stammt von den Ojibways und umfasst gleicherweise das Totemtier wie jedes Mitglied der ganzen Sippe  wrtlich bersetzt Abstammung in der weiblichen Linie heit, und dass auch das Wort ebussia bei den Fanti der Goldkste sowohl das totemische Tier als die mtterliche Familie bedeutet. Der weibliche Herdtotem eines groen Mutterclans von Assam drfte einer der ltesten berhaupt sein.
Animismus und unbefleckte Empfngnis gehren offenbar zusammen, sie kommen in ungezhlten Abarten bei den meisten Vlkern vor; jene aber, die durch ihre Rassenbeschaffenheit ber ihn hinaus zu Mythenschpfung und Hochkultur gelangt sind, haben an ihren Ursprung vorwiegend die Parthenogenese gesetzt, am khnsten die Indo-Arier.
~
Am Anfang war das Wort. In der Vedischen Naturreligion ist dieses Schpfungswort, aus dem die geistigen Urbilder aller Dinge, ihre platonischen Ideen, hervorgehen, die Gttin _Vc_. _Vc_ heit Sprache. Im Gegensatz zu den blichen feurigen Zungen, durch die ein mnnlicher heiliger Geist sich zu ergieen pflegt, formt und erweckt hier die Muttermundhhle allein das lebendige Wort, ohne dass eine Zunge als vterlicher Phallus dazu anschlge. In einer Hymne sagt die Gttin von sich:
Ich ging mit der Allmacht schwanger, ich wohne in den Wassern der Tiefe, breite mich aus von dort durch alle Geschpfe und berhre den Himmel mit meiner Krone. Gleich einem Windhauch brause ich durch alle Kreatur, ber die Himmel und ber die Erde.
Angefangen von den sublimen Grenzen metaphysischer Spekulation, durch alle Seelenschichten hin, bis zu den Praktiken der Hexen und Schamanen, in allen begabteren Rassen der fnf Erdteile und in allen lebensnahen Zeiten steht unerschtterlich das Axiom vom lebendigen Wort. Wortschpfung ist gleich Weltschpfung, Aufruf zur Gestalt, doch Bann und Beschwrung auch, somit der Urgrund der Nekromantik wie der Dichtung.
Das schpferische Wort besitzen und damit alle Dinge _bei ihrem wahren Namen nennen knnen_, heit auf ihre Urbilder wirken, sie leibhaftig _hervor-rufen_; es heit die ungeheuerlichste Zaubermacht ausben, im Guten wie im Bsen, heit ein jegliches von innen heraus verwandeln, von der natura naturans her, im Gegensatz zur bloen natura naturata.
Ihren rechten Namen nennen, heit Gtter und Dmonen sich untertan machen, heit Tote herbeiziehen, wieder herein aus freier Aufgelstheit, und alle Geschpfe zwingen, ihrer innersten Wesenheit nach zu erscheinen.
O wie gut, dass niemand wei, dass ich Rumpelstilzchen hei. Name ist Substanz. Was keinen Namen hat, existiert auch noch nicht. Daher fragen die Yoruba Westafrikas durch den Priester an, welcher verstorbene Ahne beabsichtige, in dem Neugeborenen zu wohnen, damit es seinen Namen erhalte; erst vermittels des gleichen Namens werden Vorfahre und Nachfahre einander gleich.
Der Christ erhlt durch die heilige Handlung der Taufe seinen Namen, Mnche und Nonnen beim Eintritt in den Orden ihren Geistnamen, Liebende auf der ganzen Welt nennen einander neu, und jedem Schriftsteller ist es unangenehm vertraut, dass keine Romanfigur glaubhaft zu leben beginnt, ehe er den einzig rechten Namen fr sie nicht etwa _er_-funden, sondern _ge_-funden hat. Vorher ist berhaupt nichts mit ihr anzufangen, sie bleibt deste Konstruktion, strahlt nicht, wirkt nicht, und triebe sie es noch so wahr.
Spricht die Physik von Massepunkt, Elektronen, Quanten, so ist auch das Beschwrung und Bann. Vom Namenszauber der Wilden bis zur modernen Naturwissenschaft, welche die Dinge unterwirft, bannt, indem sie Namen, nmlich Fachausdrcke, fr sie prgt, hat sich der Form nach nichts gendert. (Spengler.{8})
{8: Oswald Spengler (18801936), deutscher Geschichtsphilosoph und Kulturhistoriker (_Der Untergang des Abendlandes_).}
Wer umgekehrt den Namen auslscht, lscht das Geschpf mit aus. Bei vielen Naturvlkern besitzt jeder zwei Namen, einen scheinbaren und den wirklichen, von dem, um Missbrauch zu verhten, auer der engsten Familie niemand wissen darf, denn wrde dieser lebendige Name in sterbliche Materie eingeritzt, etwa in ein Blatt, dann beschworen und unter bestimmten Riten von einem belwollenden begraben, so schwnde mit der mhlich schwindenden Schrift der Trger zugleich dahin. Jeder Indianer glaubt, dass, was dem Namen geschieht, ihm selbst widerfahre. Ist ein Kaffernkind diebisch veranlagt, so wird sein Name wiederholt in den Dampf reinigender Zauberkruter hineingesprochen; das ahnungslose Kind  es darf von der Prozedur nichts erfahren  gilt dann als restlos von seinem Fehler befreit. Einem irischen Barden wieder misslang die Totfluchung eines Knigs von Ulster, weil sich dessen Name nach keinem bekannten Versma richtig skandieren lie. Metrum ist bannendes Schema, in das erst einmal verspannt, der Name zur magischen Weiterbehandlung parat liegt. Islndische Skalden waren deshalb strengen Gesetzen unterworfen, verfgten sie doch durch die Sprache ber jene ungemeine Macht, Urworte und damit neue Verknpfungsarten im kosmischen Kraftnetz zu bilden. In Sumatra fhren die Priesterinnen den Ehrentitel sihoro = Wort. Auch die Kabbala nennt ja Magie treiben durch zielgerichtete Worte und Begriffe auf Ideen wirken.
Jenes erste unergrndliche Wort aber, das die ewigen Ideen selbst hervorruft, ist in der indo-arischen Naturreligion die Gttin _Vc_. Darum auch sie im tiefsten, allertiefsten Grund umschwebt von Bildern aller Kreatur.
Als ihm in solchem Sinn das Urwort Mtter aufging, sagt Goethe zu Eckermann, habe er sich eines seltsamen Schauders nicht erwehren knnen.


 Die schwarz-weien Eimtter

    Die ltesten, ehrwrdigsten Gottheiten, vor denen alle oberen Gtter sich beugen, sind ursprnglich alles Erdmtter, die den Schicksalsfaden der ganzen Welt spinnen und das tiefe Geheimnis in den Mysterien bewahren.
    _C. A. Bernoulli_{9}
{9: Carl Albrecht Bernoulli (18681937), Pseudonym Ernst Kilchner, Schweizer evangelischer Theologe und Schriftsteller.}

    Die Religion ist der Ort, wo ein Volk sich die Definition dessen gibt, was es fr das Wahre hlt.
    _Hegel_

 Die weie Mutter
Wer durch allerhand oberes, heiter-seichtes, aufgeklrt-rhriges Gttergetriebe, durch dieses ganze Symposion von Rayonchefs hindurchstt ins dunkle Reich, trifft bei diesem Schichtenwechsel in tieferem, mchtigerem, beseelterem Zeitkreis auf eine einzige groe Gttin, die bis zum Mond reicht. Aus ihr geht die Himmelssippe dann hervor.
Diese Ur-Aphrodite hat viele Namen. Rhea, Neith, Demeter, Ischtar, Shing-Moo, Kybele, Agdistis, Bona Dea, Ana Perennia, Cailleach Bhiarach, Fir Dea, Bu-Anu, Anaitis, Bellona, Astarte, Harmonia, Unakuagsak, Tetevinan sind einige wenige davon.
Die ackerbautreibenden Ureinwohner Indiens, die Dravidas, lallen sie einfach als _Ma_, _Mata_ = Mutter an oder als schwarze, Finsternis triefende Erde = _Homo_ (humus). Das Infantilwort fr Mutterbrust wiederholt sich im Anlaut durch die verschiedensten Sprachen, so dass die Mtter Jesu und Buddhas Maria und Maja heien. Die Ackerbau hassenden und verachtenden Arier, Semiten, Zentralasiaten, verehren sie als Himmelsei, Weibgestirn  Mond. Aus ihrer vertrumten Brust fliet es so silbrig und weich in die nchtlich atmenden Pflanzen, quillt ber aus ihnen, wird nicht selten zum heiligen Rauschtrank und Lebenswahn. Auch der indische Soma ist ein Mondwein, im nchtlich uterinen Licht gewachsen, wie der Misteltrank der Kelten. Die groe Mutter der Eskimo, Sedna oder Unakuagsak, wirkt ebenfalls als kosmische Mondkraft, gleich jener von Neuseeland und Brasilien. Ebbe und Flut, Wachsen und Schwinden, Auflsung des Fleisches, Grung und Verwandlung der Weine, Phosphoreszenz, Fulnis der Hlzer, Eibrut, leichte Geburt treiben unter ihr.
Als Isis gleitet sie auf himmlischer Barke, der Mondsichel, durch das obere Fruchtwasser, fhrt als groe Nordgttin auf den Wagen der Nomaden einher oder in einem Schiff, auf Speichenrdern rollend und von Webern gezogen, sie selbst die groe Weberin. Das ber Land fahrende Schiff, ein ins Rollen gekommenes, in Bewegung geratenes Ei, herausgehoben aus trumenden Gewssern, dieses Sinnbild begleitet uralten Mutterkult aus babylonischer, indischer, gyptischer, altnordischer Frhe durch das ganze Mittelalter bis in unseren Karneval hinein. Der Fastnachtskarren ist es, das Narrenschiff, umtanzt von orgiastischen Schwrmen. Tacitus sah eine suebische Gttin in Gestalt eines rollenden Schiffes verehrt, und die Gttin Nerthus auf ihrem Schiffswagen, den bunte Gewebe schmckten, milchweie Khe zogen, begleiteten sieben deutsche Stmme auf der kultischen Fahrt.
In Irland ist der groe Mutterkult ein Hain- und Mondkult. Ihr Rauschtrank, klebrig wie Libido, quillt aus der glasigen Mistel, die zu bestimmten Mondphasen mit silberner Sichel von druidischen Priesterinnen oder Priestern in Frauengewndern geschnitten wird. Ihr zu Ehren ist das Jahr bei allen keltischen Stmmen ein Mondjahr und wird nach Nchten, nicht nach Tagen gezhlt. Die Dea Syria fllt aus ihrem eignen Mondei vom Himmel in den Euphrat, wird von Fischen ans Land gerollt, von Tauben bebrtet. Die arabische groe Mutter heit _Al-Uzza_. Ihr Heiligtum, die Kaaba, wurde in vorislamitischen Zeiten in Mekka von Priesterinnen gehtet, sie selbst verehrt in Gestalt eines schwarzen Steines (Mondei).
Die groe Mutter von Mexiko heit als Ahnfrau _Tonantzin_, als Erdbebenmutter _Thalli-Yjolta_ = schlagendes Herz der Erde, als Maismutter _Centeotl_. Wie die antiken Mysterieneier, wie die Erinnyen, die indische Aphrodite, wie alles Chthonische, der Erdtiefe Verhaftete ist auch sie schwarz-wei. Oben wei, vom Mund ab schwarz. In ihrem Tempel wurde sie verehrt unter der Form eines hockenden grnen Riesenfrosches, geschliffen aus einem einzigen, ungeheuren Smaragd, des Totemtieres der Sumpfzeugung. Die Karaiben sagen bei Erdbeben: Die groe Mutter tanzt. Immer und berall erscheint sie in doppelter Gestalt, als Erde und Mond; diese bilden ein geschlossenes Bezugssystem vorwiegend weiblicher Natur, bei dem der Mond das seelische, die Erde das stoffliche Teil vertritt. Der Krper ist ja Seelenform. Im Mond lsen sich die Seelen auf wie die Krper in der Erde.
Ischtar, die groe Mutter von Babylon, ist alles zugleich. Als ruhender Uterus = Erde, um den sich der ganze Kosmos dreht, hat sie den Tierkreis zum Grtel, ist auch Morgen- und Abendstern, Schpferin aller Dinge, groe Jgerin, Herrin der Schlachten, Himmels- und Erdknigin, Sternenknigin, gehrnte Mondgttin, Mutter der Gtter und Menschen, und wurde fast monotheistisch verehrt. Die babylonischen und sumerischen Kniginnen galten als Stellvertreterinnen der Ischtar, die babylonischen Knige als Gatten der Himmelsknigin. Ursprnglich sind die groen Lebensmtter alle Mondfrauen; wo der Ackerbau berwiegt, werden sie einschrnkend geschaut unter dem Bild der Ernte spendenden Mutter Erde. Primr aber sind sie eben das lebendige Schicksal selbst. Ihre Verehrung ist daher nicht ausschlielich weder an den regelmig besamten Ackerboden, noch an den mtterlichen Urschlamm gebunden, vielmehr an das weibliche Ei, mit dem alle Mondfrauen verbunden sind. Auch in Erdgestalt tragen sie die Mondinsignien als heilige Jungfrauen auf der Mondsichel, denn Jungfrauen bleiben sie alle, was _gattenlos_ heit, nicht _keusch_. Was ihnen als Priester dient, muss weibliche Mimikri treiben. Die Priester der Ischtar, der Dea Syria, der Diana von Ephesus, die Mondpriester Afrikas und Kleinasiens sind Eunuchen, jene der groen Mutter von Mexiko Greise. Religion ben ist auf der Urmutterstufe eben ein ausschlielich weibliches Amt, wie Zauber, Weissagung, Seherschaft, Lenkung der Naturkrfte, Magie. Soll ein Mann daran teilhaben, dann nur nach Ablegung seines eigenen und symbolischer Anlegung des anderen Geschlechts oder in androgyner Gestalt.
berall ist die groe Herrin fertig da, ein von Anfang an Gegebenes. Mnnliche Gottheiten dagegen haben eine Kindheit, brechen aus ihrem dunkeln Verschluss als Unmndige ans Licht, wie in der niedern Natur die jungen Mnnchen aus dem erwachsenen Muttertier parthenogenetisch hervorschlpfen. Die halbe Gtterwelt Kleinasiens zeigt diese Bildung: zeitlose Mutter, kindlicher Sohn; am reinsten aber zeigt Kreta sie. Dort hat die minoische Kultur, eine der originellsten und raffiniertesten der Welt, in den 1500 Jahren ihrer Blte keinen einzigen selbstndigen Gott gehabt, nur eine groe Mutter. Auf manchen Gemmen und Siegelringen aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. ist ihr lediglich etwas wie ein zwergisches Nebengeschpf gesellt  Sohn und Gatte zugleich , das Ganze nicht unhnlich einer Termitenknigin und ihrem winzigen Prinzgemahl.
Auch fr das hellenische Gefhl bleibt diese groe Mutter als Rhea die einzige erwachsene Gottheit der Insel, begleitet nur von idischen Daktylen: Fingerlingen, Dumlingen, kleinen Phalli. Es hngt noch gar kein Mann an ihnen. Vorerst sind sie nur als mnnliches Prinzip geboren, ohne Persnlichkeit, das nackte, spannenlange Prinzip, sonst nichts. Lange, nachdem oben die Welt voll entfalteter Gtter steht, rumort es noch in Form von Gnomen, Erdmnnchen, Heldenzwergen, dmonischen Schmieden, beklopft, gedmpft im dunklen Erdscho hmmernd, am schwelenden Innenfeuer den Stoff. Dort, tief unten, bringen die Daktylen der groen Mutter das Schmieden bei. Sogar die goldne, so gar nicht erdmtterliche Aphrodite droben im linden Licht hat so einen unansehnlichen, verkrppelten Feuerschmied, den hinkenden Hephaistos, zum unterirdischen Mann, whrend sie sich oben das vollentwickelte Exemplar Mars zum Geliebten nimmt. Noch heute hmmert ein Schmied in Gretna-Green eilige Paare zusammen; diesem Handwerk bleibt immer ein mnnlich dmonisches Wesen verhaftet, ein niedrig feuriges Zaubergetue, das eigene Bnde und Kasten bildet. Auch in den Mutterrechtszentren von Afrika mit weiblichen Huptlingen, weiblichen Kriegern schmiedet nie eine Frau, denn das ist Mnnerwerk.
Langsam vollendet sich der Machtwandel der Gtter. Erst tritt Mnnliches nur im Gefolge der groen Mtter auf, wird spter zu Sturm- und Mondherrn, denn wie aus der Erde die Daktylen, so tritt auch aus dem weiblichen Mondstoff ein mnnlicher Gott hervor. Das alles folgt, erst halb entfaltet, der groen Gttin als wilder, dienender Schwarm. Sogar Dionysos, der phallische Herr, Berauscher der Frauen in Frauengewndern und hermaphroditisch gebildet, ist nichts als der Oberste ihres Gefolges, wie die Daktylen die Untersten sind.
Mondgtter bleiben ohne Selbstzweck, von unsublimierter Mnnlichkeit, nur bestimmt, dem Weiblichen zu dienen. Auch Odin war ursprnglich Mond- und Windgott, in wartender Lufthhle die strmische Geielzelle des Aufruhrs. Das erklrt, warum er  selbst bei Wagner noch  stets in einer Graupelb daherkommt, whrend der Naive doch vermeinen sollte, sei einer schon ein Gott, so lge es nahe fr ihn, vorerst doch sich selber erfreuliches Wetter zu machen.
Stets und berall wird der groen Mutter freiwillig gedient, in Scheu, Rausch, Dankbarkeit, Ehrfurcht, Ekstase, als dem Urquell jeder Kreatur. Aus ihr schumt Reichtum, Liebe, Glck, Gut; alle orgiastischen Rauschfeste gehen auf Erdfrauen und Ur-Aphroditen zurck, die Mysterien wie der Karneval. Ernste Ordnerin ist sie und Lustprinzip zugleich. Und da sie aus ihrer Flle ohne Ende jedem ihrer Kinder das Seine spendet, ist sie das Naturrecht und die Gerechtigkeit. Wer aber _sie_ verletzt in irgendeiner Form, verletzt in ihr zugleich sich selbst, frevelt gegen die Schpfung und muss unweigerlich zugrunde gehen. Demeter, Themis, Dike, Poine, Nemesis, Erinnys, Justitia sind Trgerinnen uralter Erdordnung, nie vllig verdrngt vom spteren mnnlichen Recht. Fllt auch Osiris als Totenrichter den Spruch, eine Gttin mit niemals irrender Waage wgt ihm die Herzen vor. Mnnliches jus civile braucht Rechtssuchung und Rechtsfindung, weibliches jus naturale ist selbst das Recht, spendet es aus sich, und gegen dieses Urteil gibt es keine Appellation.
Hundertnamige, Einzige, weie Mutter, unbegreifliche Geberin, allen gibt sie Nahrung  auch dem Tod.

 Die schwarze Mutter

    Die Zeit schleppt Tag fr Tag durch mich hindurch, reit ab wie ein Bandwurm, dessen Kopf wo anders in einem andern Opfer wieder Leiden und Glieder zieht.
    Die groe Mutter wird mir zu schlafen geben schwarze Milch.
    _Paul Claudel_{10}
{10: Paul Claudel (18681955), franzsischer Schriftsteller, Dichter und Diplomat.}

    Der Bauch knickt ein, die Darmschlingen treten in seine Kontur, das letzte Gefhl flchtet sich in den Nabel, will auch da hinaus, _zurck in den Leib der Mutter_. Der Weg ist abgeschnitten  grauenhaft, der Weg ist abgeschnitten  _der andre ist der Tod!_
    _H. H. Jahnn_{11}
{11: Hans Henny Jahnn (18941959), pazifistischer deutscher Schriftsteller und Publizist. Zitat aus _Die Krnung Richards III._ (1921).}

Ja, Futter macht sie fr die alles verzehrende Zeit, sonst nichts. Aus holder Geborgenheit, tiefer als Traum, treibt sie die wehrlosen Geburten aus in das Nicht Umkehrbare, die Kette aus lauter nie wieder und viel zu grauenhaft, als dass man klage, denn ein Geborenes sein, es heit: herausgezerrt werden aus einem kleinen Kind und eingesperrt in einen eklen Alten, fortgeschleift werden an Haaren und Nerven in _eine Richtung_, ohne Verweilen, ohne Gnade, wo Glck und Dauer einander ausschlieen und jeder noch so heie Sieg in kalter Niederlage  dem sich zum Sterben Niederlegen  endet.
Das bedeutet der groen Mutter schwarz-weies Gesicht, in Persien und im Iran der schwarz-weie Mond, das bedeutet der Geier auf dem Haupt der Neith, der niederstt, das Weltaas zu vertilgen, alles, was da ber seine Zeit schon west, damit es nicht zu lange verweile. Groe Mutter ist nicht nur Aphrodite und Demeter, bona Dea, Fortuna, Abundantia, die Liebe und Nahrung spenden, auch als kinderfressende Mara erscheint sie, als Lamia, scheuliche Kali, fischugige Durga, schwarze Humus, Hekate, als mit den Todeshndinnen hetzende Diana, die bse Jgerin, wenn sie ihr Jnglingsopfer jagt, pfeilt, zur Strecke bringt, als Empusa, die, ein Angstgespenst, das eine Bein aus Erz, das andre aus Eselsmist, in einer Blutblase einhertreibt. Sie ist das Drachenhaus aller Puberttsriten, die bse Ahnfrau Hine-nui-te-po Neuseelands; ewig ausspeiender und wieder einsaugender Muttermund.
Doch Mater dolorosa zugleich. Unsterbliche Mutter des sterblichen Sohnes. Von Thrakien bis nach Samarkand, von Indien bis zum Nil ist die Welt voll klagender groer Mtter, mag der tote Sohn Tammuz, Attis, Adonis, Dionysos, Iasion, Ruadan, Christus heien; alle edlen Harze, Weihrauch, Bernstein gelten fr Trnen der Erdgttinnen um ihr sterbliches Kind. Das von ihr Hervorgebrachte, die Schpfung, wird meist symbolisiert durch den Baum. In Bengalen wird der Sohn in Gestalt eines Opferbumchens, mit Blumen, Frchten und brennenden Lichtern wie ein Christbaum geschmckt, von Jnglingen in den Fluss getragen, dort tanzt er fort, weggerissen vom Strom, um irgendwo unterzugehen. Attis wieder wird in Gestalt einer veilchenumkrnzten Pinie verehrt. Bei den Sumerern vor 6000 Jahren hie der wahre Sohn Damuzi, Wanderer, guter Hirte, Sohngeliebter der Ischtar; auch er ertrinkt, von der schwarzen Mutter in die Unterwelt geraubt, whrend ihr weies Gesicht oben in Trnen schwimmt. Wo die Shne spter als junge Korngtter erscheinen, folgt dem Tod ein Auferstehungsfest; und erst in viel spterer griechischer Zeit, als das Inzestverbot in Geltung stand, deutete man ihren Untergang in Strafe fr die Liebe zur Mutter um. Als Anaitis zu Ninive aber reit diese  Lebens- und Todesmutter zugleich  den Sohn in einer einzigen riesigen Feuerorgie wieder in sich hinein. Jedes Jahr wurde ihr der schnste Jngling ausgewhlt, eine ppig blhende Gestalt von halb weiblichen Formen, das weie Antlitz mit Psimythion, Augenbrauen und Wimpern mit Stimmi bemalt, mit goldenen Ketten, Ringen und Ohrgehenken reich geschmckt, in einem hellroten, durchscheinenden Gewand, Becher und Doppelbeil in den Hnden    von Weibern umgeben, unter purpurnem Baldachin, mit untergeschlagenen Beinen sitzend, so stellt man ihn dem Volk zur Schau. Nach einem Tag und einer Nacht orgiastischen Aufrausches wiederum mochte es eine andere Schau geben, wo dieser Herrliche    auf einem ungeheuren Rogus aus kstlichen Hlzern, mit golddurchwirkten Teppichen bedeckt und allerlei Rucherwerk und Aromen reich beladen, zu sehen war, der unter dem Geheul einer unermesslichen Menge und dem Schariwari einer gellenden, betubenden Musik angesteckt, eine ungeheure Feuersule zum Himmel wirbelte und mit Rauch und Duft das halbe Ninive berstrmte. (K. O. Mller.{12})
{12: Karl Otfried Mller (17971840), deutscher Altphilologe, einer der Pioniere der Klassischen Altertumswissenschaft.}
Das Problem der Unsterblichkeit besteht nun fr den Sohn offenbar darin, wie frher durch die weie, so jetzt durch die schwarze Mutter hindurchgeboren zu werden; dann ist sie nichts fr ihn gewesen als eine dunkelweiche Pforte ewiger Wiederkehr. Du Erde warst auch diese Nacht bestndig. Die polynesischen Mauimythen in ihren vielen Varianten handeln von nichts anderem als diesem zweimal durch die Mutter gehen. (Jung.{13}) Dort ist des Helden mtterliche Feindin die bse Ahnfrau Hine-nui-te-po. Um sie von innen her zu vernichten, kriecht er mutig in sie hinein, mahnt aber vorher die kleinen Vgel: seine hilfreichen Wunschgedanken, sie mchten jetzt nur ja nicht lachen, kme er erst glcklich wieder heraus, dann wre es Zeit, zu jubeln. Doch die kleinen Vgel lachen zu frh und zu laut, die bse Alte erwacht, schnappt zu  aus ihren Maulecken rechts und links fallen Mauis Beine, die Wiedergeburt misslingt. In Mystik, Religion, Philosophie, Mythos, Mrchen  immer das gleiche Motiv: der schwarz-weien Mutter doppelter Aspekt. In den Mythen der Eskimo, bei den nordamerikanischen Indianern, in Mexiko, in der Sahara, am Kongo, berall, fr alle Rassen ist der Tod durch die Frau in die Welt gekommen; sie alle wissen nicht, wieso, aber sie wissen es aus Natursichtigkeit.
{13: C. G. (Carl Gustav) Jung (18751961), Schweizer Psychiater, ehemaliger Schler Freuds, Begrnder der analytischen Psychologie.}
Trotzdem: ist sie denn bse, die groe Endgltige? Und nicht des Geborenen eigenste Sehnsucht auch? Die Sehnsucht hin zur heiligen Nacht. Aus der zermarternden Hatz des immer wachen Weiter endlich wegsinken drfen ins tiefe Zurck, in die traumlose Ruhe des Nicht-mehr-Seins. So tauschen fr den Abgekmpften, zu Tode Erschpften schwarze und weie Mtter sich wieder wunderlich aus. Die Gute war so bse, die Bse wird so gut.
_Demetrier_ hieen die Toten: der Demeter Gehrige, und hockend in der Embryonallage, wurden sie der Erde in den Scho gelegt; den Neugebornen gleich, ziehen sie die Schenkel wieder heran an den Bauch und betten sich zurck in den mtterlichen Grund. Zur Vereinigung mit der groen Erdseele kehren ihre Seelen heim.

 Die groe Weberin
Alle Muttergottheiten spinnen und weben. In verborgener Werkstatt verwachsen sie Adern, Fasern und Nervenstrnge zum Wundergeflecht des lebendigen Leibes. Aus ihnen kommt alles, was ist: aus Entstehen und Vergehen, den rhythmisch auftauchenden und wieder verschwindenden Fden, wirken sie die Wandeltapisserie der Welt. Maja, die Dea Syria, die von Sais weben sie zum Schleier der Illusion, Harmonia zum bestirnten Himmel, und Arachne verspinnt alle Liebesverschlingungen der Gtter und Menschen in ihr Netz.
Wenn die dunkle Wirkerin ihr Gewebe auch verkndet, wird sie dreigestaltet in die Zeit projiziert, als Vergangenheit  Gegenwart  Zukunft; Nornen, Parzen, Moiren nennt man sie dann. Charitinnen, wenn sie nur Holdes, Erinnyen, wenn sie nur bles weben. Ilithia, die Geburtshelferin, wird auch gute Weberin genannt, und Weber ziehen den Wagen der wandernden Nordgttin in Schiffsgestalt. Alles Verknoten, Verschlingen, Verflechten, Verspinnen gehrt der weiblichen Naturseite an, doch auch die Umgarnung mit dem Zaubergewirk, dem giftigen Nessushemd, auch die Wiederauflsung des Geflochtenen ist ihr Werk. Bei Nacht muss sie zertrennen, was sie bei Tag gewirkt, damit ewige Frische dem Gespinst erhalten bleibe, die nur mglich wird durch ewigen Tod. Gewandweberei war bei allen Kulturvlkern und ist noch heute bei Primitiven eine kultische Handlung, ein von Frauen gehtetes Geheimnis und besonderen Priesterinnen anvertraut, jedenfalls weibliche Erfindung und eine Art Organprojektion, denn die Kteis{14}, der weibliche Kamm, gleicht dem Webekamm, dessen Zhne die einzelnen Fden trennen. Dieser Kamm ist berall Gegenstand religiser Verehrung und Ursymbol der Frau. So tragen ihn persische und trkische Gebetsteppiche auf der Ostseite, wo die guten Wnsche stehen, eingewebt als Ornament; so viele Frauen der Geber des Teppichs dem Empfnger wnscht, so viele Kmme wiederholt das Muster.
{14: Griechisch: (Web-)Kamm, Rechen, Muschel, sowie Vagina bzw. Vulva.}
Zur Weberei der Erdmtter in Beziehung steht berhaupt jedes Geflochtene, Siegerhemden wie Totenhemden. Schwarz-weie Binden umwickeln den Verstorbenen als Nabelschnre ins Jenseits, auf dass der Schicksalsfaden nicht abreie und etwas da sei, was die groe Weberin ergreifen und weiterspinnen knne. Und wer in die Eleusinischen Mysterien der Demeter eingeweiht war, trug wiederum den heiligen Faden um Hand und Fugelenk, sichtbares Zeichen jener Unsterblichkeit, die ihm dort durch Schauung zuteil geworden war. Immer sind der Frau auch die geheimen Knste der Verknpfung zugehrig, wie sie fast jedes Volk als imitative Magie gegen Krankheit und jegliche Unbill in irgendeiner Form noch heute bt. (Am hufigsten gegen Warzen.) Die Wirkung liegt im Schrzen und Aufhalten des rinnenden Fadens; das Schicksal wird eben an bedenklichen Stellen in der Zeit abgeschnrt, gestaut, gewendet, zu- oder weggedreht. Sogar der rationale Zivilisationsmensch von heute trgt, ohne es zu wissen, noch als Tnie, Amulett, Schutzknoten gegen Halsbel: die Krawatte, denn das war ursprnglich ihr Sinn. brigens hngt auch fr die moderne Graphologie gerade alles, was Schlinge an den Buchstaben ist, mit dem Geschlechtlich-Schicksalhaften am Charakter zusammen; an diesen Knpfungsstellen zeigt sich eben, wie der Schreiber im tiefsten, allertiefsten Grund mit der groen Weberin steht.
Aus weiblicher Tiefe kommt alles Wissen um das Geschick, von den Oberen kennt es keiner; wer es erfragen will, muss hinunter zu ihr, hierauf grndet sich das Mysterienprinzipat der Frau. Zeusmysterien hat es nie gegeben, von den weiblichen Eleusinien aber schrieb Adesius dem Kaiser Julian: Wenn du einst an den Mysterien teilnimmst, so wirst du dich schmen, berhaupt nur als Mensch geboren zu sein. Und in einem Pindarschen Fragment heit es von ihnen:

  Glckselig, wer jene Kommunion
  unter der Erde geschaut hat.
  Er wei um das Ende des Lebens,
  er wei um den gottgegebenen Anfang.

berall, wo die Erde sich weiblich zum Kamm spaltet, brechen Orakel hervor. Aus ihm wachsen dann in Athen, Delphi, Sparta, Dodona die jungen Tempel der oberen profanen Gtter heraus. Auch der Areopag stand ber der heiligen Schlucht der Erinnyen; wer freigesprochen wurde, opferte dort den Ehrwrdigen, denn sie klagen ihn an, sie geben ihn frei. Sogar Delphi, die Hochburg des mnnlichen Geistgottes, ist um den uralten Nabelstein der Erdmutter Ga errichtet. Im Nabel selbst, einem Kuppelgewlbe inmitten des Apollotempels, liegt Gas Sohn, der Erdgeist Python, begraben, und ber die Dmpfe des weiblichen Abgrunds, die Kteis, gebeugt, weissagt Pythia: eine Frau. Dieses Orakel im Haus des Sonnengottes war, wie ein delphischer Priester dem Plutarch mitteilte, nur bei Nacht und Mondschein inspiriert. Auch die Moiren hatten hier ihren Schrein, hieen die Drei. Ananke aber wird Herrin der Gtter und Menschen genannt.


 Mutterrecht

    Lassen wir die Vergtterung der eignen Vernunft und den Gtzendienst selbstgeschaffener Idole  befolgen wir das alte, dem neas gegebene Orakel: antiquam exquirite matrem: der uralten Mutter folget nach.
    Vielgestaltig und wechselnd in seiner ueren Erscheinung folgt der Mythos doch bestimmten Gesetzen und ist an sicheren, festen Resultaten nicht weniger reich als irgend eine andre Quelle geschichtlicher Erkenntnis. Produkt einer Kulturperiode, in welcher das Vlkerleben noch nicht aus der Harmonie der Natur gewichen ist, teilt er mit dieser jene unbewusste Gesetzmigkeit, welche den Werken freier Reflexion stets fehlt.
    _J. J. Bachofen_

Wo die Totalitt der Macht mit solchem Tiefenglanz auf der weiblichen Naturpotenz gesammelt ruht, wo schicksalhafte Herrinnen der Auf- und Untergnge an der Spitze der Schpfung stehen, umklammert von Lebenden und Toten, denen ihr tieferer, unterer Mund das Urteil spricht, dort kann das Weltgefhl, so bis zum Erzittern angespannt mit der Symbolbreite des Muttertums, nicht folgenloser Glaube bleiben, der irgendwo im Leeren hngt; dieses Weltgefhl muss sich vielmehr durch alle Stufen auswirken bis in das Familienrecht. Denn nur das Lebendigste, das ganz und gar Wahre einer Weltzeit geht in ihren Mythos ein. Wem er Macht gibt, der hat sie auch realiter besessen; Vergottung dort vertrgt sich nie und nimmer mit Versklavung hier.
Und doch hat es wieder einmal ein paar Jahrtausende gedauert, bis das jemandem in allen Konsequenzen aufging. Natrlich ist hier J. J. Bachofen gemeint.
Dieser weiche, korpulente Basler Patrizier mit dem wunderschn geschwungenen Kindermund, einem Dutzend Millionen Schweizer Franken, einer Professur fr Rmisches Recht, vielen Ehrenstellen und einer fast unbegreiflichen Wissenskraft, entdeckte in tiefster innerer Vereinsamung das weibliche Weltalter am unteren Saum der Geschichte, mit priesterlicher, politischer und konomischer Vormachtstellung der Frau. Fr vierzehn Lnder und Stadtgemeinden: Lykien, Athen, Kreta, Lemnos, gypten, Tibet, Zentralasien, Indien, Orchomenos, Elis, Lokris, Mantinea, Lesbos und Kantabrien hat er es selbst nachgewiesen, fr den grten Teil der restlichen Erde diesen Nachweis  wie sich jetzt zeigt  mit Recht vorausgesagt.
Als vergleichender Rechtsforscher nannte er seine Wiederentdeckung nach ihrem wichtigsten, juristischen Merkmal: Mutterrecht. Dieses ignoriert den mnnlichen Anteil bei der Entstehung des Kindes und zhlt nur die Herkunft aus dem Mutterscho. _Herkunft_ im wrtlichen Sinn: wo es her = herauskommt, das allein gilt. Der Stammbaum ist somit weiblich, jeder Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Geburt fllt dahin, weil alle Kinder, dem Rang der Mutter folgend, ihren oder ihrer Sippe Namen tragen, und auch der Besitz erbt sich ausschlielich in weiblicher Linie, und zwar von der Mutter auf die Tchter, fort; die Shne gehen vllig leer aus, erhalten aber zuweilen bei ihrer Verheiratung von den Schwestern eine Aussteuer. Vom leiblichen Vater knnen sie nichts erben, weil dieser als mit ihnen gar nicht blutsverwandt gilt. Was er im Leben sich erwirbt oder erobert, fllt nach seinem Tod, ganz konsequenterweise, seiner _uterinen_ Sippe durch die gemeinsame Mutter, also den Kindern seiner Schwestern, zu. Diesen Neffen und Nichten steht er viel nher als ihr eigner Vater, und in der bergangsperiode zwischen Mutter- und Vaterrecht ist immer dieser Mutterbruder der einzige Mann, dem Einfluss in der Frauensippe zugestanden wird. Sogar das extrem vaterrechtliche Rom hlt noch die zweierlei Onkel rechtlich scharf auseinander; den Vaterbruder, patruus, und den Mutterbruder, avunculus, was ja so viel wie kleiner _Ahne_ heit.
So sieht im Nchternen die Struktur der Mutterfolge aus. Doch das bleibt Vordergrund. Klages{15} hat mit Recht Bachofen den vielleicht grten Erschlieer eines urzeitlichen Bewusstseinszustandes genannt, im Verhltnis zu dessen samt und sonders kultischen und mythischen Niederschlgen ausnahmslos alle Glaubenslehren der _geschichtlichen_ Menschheit im Lichte von Verdnnungen und Zersetzungen des Urquells erscheinen.
{15: Ludwig Klages (18721956), deutscher Philosoph und Psychologe.}
Immer hat es zwei Arten von Erkennern gegeben: Seher und Denker. Bachofen war beides, das hat ihn zum Tiefenforscher ohne Beispiel gemacht. Denn die Intuition als Wnschelrute deutet nur die Stellen einer noch blinden Tiefe, wo der Geist mit seiner zarten und planvollen Technik des Blolegens einzusetzen hat. Die Intuition schlgt dort an, wo sich das Schrfen lohnt. Immer war es gerade das unangenehmste Gelnde zwischen den Fachgebieten, jenes, gegen das alle Anrainer: Archologen, Philologen, Kulturhistoriker, Mythenforscher, jeder auf seinem Pltzchen hockend, sich gereizt und beleidigt abgrenzten  gerne meiden wir weitgreifende Fragen, denn: Gelehrte sind nicht neugierig  und mit eigenen Frderschlacken zudeckten, wo Bachofens Wunderinstrument ins Schwingen geriet. Dann wurde der Behbige hart vor Flei, sttzte jahrelang den Weg hinunter, Schritt um Schritt nach allen Richtungen und Regeln strenger Forschung. Methodisch, exakt. In diesen neuen Seelentiefen aber kam er dann zu den Gefilden und weiten Palsten innerer Kontinente, von denen jene Flchlinge, wie sie ausschlielich auf dem obersten dnnen Zeithutchen ihr zweidimensionales Blattlausdasein fhren, sich nichts ahnen lassen. Beschleunigte Blattluse, zugegeben. Doch auch bei dreihundert Kilometern Stundengeschwindigkeit wird immer nur auf der gleichen Flche rundum gesaust.
Auer Intuition und Wissen aber brauchte Bachofen fr seine psychische Palontologie noch ein Drittes: Einsamkeit ertragen zu knnen. In monumentaler Geschlossenheit nach auen und innen, der Tagesmeinung nicht gefllig, dastehen, breit, still, fern, unzugnglich dem Spott und dem Zweifel, den unreifen Frchten der Weisheit.
Damals, zwischen 1860 und 1890, waren die Leute durch die Aufklrung so verdummt, dass jeder Versuch, irrationale Daseinsformen an ihrer eignen irrationalen Quelle zu erfassen, fr Fiebergesichte, hheren Bldsinn galt. Als Diktator gebot jener fanatische Flachsinn, dem Erklrungen so leicht fallen, weil er gar nicht mehr dahin gelangt, wo die Probleme erst beginnen. Sein Bestreben ist es, die Welt mglichst platt zu sehen, nicht, um durch Klarheit dem ewig Dunkeln sein ewiges Recht zu sichern, sondern um eine de Selbstverstndlichkeit des Alls zu erzeugen und jene Dinge aus dem Weg zu rumen, welche einer freien Bewegung seiner Ellbogen, auch im Geistigen, entgegenstehen. (Weininger.{16})
{16: Otto Weininger (18801903), sterreichischer Philosoph (_Geschlecht und Charakter_).}
In der Historie herrschte damals der Unfug der kritischen Sichtung. Als ob das, was die Vergangenheit kritisch zu sichten sich vermisst, je selber etwas anderes sein knnte als ein Vorurteil der Gegenwart, wie der Historiker Bossier vom Historiker Mommsen und seiner Schule gesagt hat. Machte jede Zeit das ihrerseits so, dann blieben von der ganzen Geschichte nur die leeren Jahreszahlen stehen, mit gar nichts darin, hchstens gut dazu, in die Lotterie gesetzt zu werden. Zuvrderst suberte die Rabbia dieses Rationalismus ihre Objekte von allem phantastischen Beiwerk der Tradition, warf diese unbrauchbaren Notizen als unglaubwrdig, unwesentlich, am liebsten als bedeutungslose Anomalien, auf den Kehrichthaufen, was den sonst so sanften Bachofen Feuer und Galle spucken lie. Um etwas als mgliches historisches Objekt zu diskreditieren, gab es ein Bannwort sagenhaft oder, noch beschmender, mythisch. Was diese Eselsmtze aufbekam, daran rhrte keiner auch nur mit dem Schrhaken, aus Angst, nicht mehr fr ernst zu gelten.
Durch geniale Auenseiter siegten dann die Sagen auf der ganzen Linie. Lngst ist das Mrchenbuch zum Baedeker des Archologen geworden, der seinerseits dem Historiker weiter neues Material gewinnt. Wer Solides finden will, grbt Mythenkerne aus. Mit Schliemann fing es an. Weil seine unverwirrbare Urteilskraft, allem Hohn zum Trotz, homerische Tradition auch historisch ernst nahm, fand er die ganze mykenisch-pelasgische Schicht; weil Arthur Evans den Knig Minos und Ddalos und das Labyrinth ernst nahm, legte er im kretischen Formengut einen neuen Kulturkreis blo. Dass der Wunderheld des Gilgamesch-Epos zwei Drittel Gott und nur zu einem Drittel Mensch ist, mit Skorpionleuten anbindet, in die Unterwelt fhrt, infolge einer erotischen Differenz mit der Gttin Ischtar in Person beinahe die Riegel des Totenreichs zum Bersten bringt, hindert heute keinen ernsten Menschen mehr daran, in Uruk nach seinem Privathaus samt Frhstcksgeschirr zu fahnden, von dem der gleiche Mythen-Atem meldet.
Was durch Bachofen zu uns kam, ist ein ungreifbares Gut, kein Museumsstck, kein durchschreitbarer Palast, vielmehr die Hebung und Senkung des groen Atems selbst.
Und wie den Biologen, verwhnt wie sie sind, durch die unbegrenzten Mglichkeiten der niedren Lebensreiche, Sugetiere nur noch langweilig erscheinen, so dnkt die obere, verfestete Geschichte jeden lebensarm, der einmal in den Bann geraten ist des schpferischen Schauders, wie er die Bilder gebrende Prhistorie ganz erfllt, besonders bei den groen Kulturrassen und an jener Grenze, ehe sie rational geworden, in das taghelle Bogenstck ihres Schicksals einmnden, denn bei ihnen war, was unten vorging, am mchtigsten, sonst htten sie es spter nicht so hoch hinausgetrieben.
Dieses groe Vorher kann man sich gar nicht erfllt genug denken, und wie schon Bastian{17} gewusst hat, auch gar nicht vielstufig genug; mit ebenso berraschendem wie unvorhersehbarem Schichtenwechsel, ganz wie in der Geologie. Doch auch die eigentliche Historie, oder mindestens ein in der berlieferung bewahrtes Geschehen, drfte sich stellenweise viel weiter nach rckwrts dehnen, als noch vor kurzem mglich schien. Die Angaben der gypter, dass ihre Dynastien 28 000 Jahre vor Menes zurckreichten, dass Sumer eine ununterbrochene Geschichte bis mindestens ins 64 000ste, vielleicht sogar 400 000ste Jahr vor der groen Flut besitzen wollte, ist nicht mehr ohne weiteres als bloe Nimbushascherei abzutun. Die nach der Flut gegrndeten Reiche von Kisch und Uruk sollen 20 000 Jahre von halbgottartigen Knigen regiert worden sein. Vom fnften Jahrtausend an erscheinen die Herrscher ziemlich lckenlos; im vierten Jahrtausend erfolgte der Semiteneinbruch, der die Einheitlichkeit der alten Bevlkerung in Frage stellte, um das Jahr 3000 spaltet sich das Reich in Sumer und Akkad; es ist das Ende. (Ungnad.{18}) Bereits die ltere Steinzeit zeigt ja menschliche Kultur. Schon die Aurignacschicht geht etwa vierzigtausend Jahre zurck, die schwedischen Felsbilder an die Zehntausende von Jahren und die neuentdeckten sdafrikanischen Skulpturen aus dem Palolithikum, etwa dreiigtausend Jahre alt, sind selbst schon das Ende einer langen Entwicklung, denn sie zeigen ganz verschiedene Stile, einen byzantinisch-hieratischen, dann wieder spten Naturalismus und strksten Impressionismus, wie das berhmte Rodinsche Nashorn und andere Reliefs.
{17: Adolf Bastian (18261905), deutscher Arzt und Ethnologe, Grndungsdirektor des Museums fr Vlkerkunde in Berlin.}
{18: Arthur Ungnad (18791947), deutscher Semitist und Altorientalist.}
Also nirgends Anfang, berall Fortsetzung, nirgends bloe Ursache, immer zugleich schon Folge; ... das wahrhaft wissenschaftliche Erkennen besteht aber nicht nur in der Beantwortung der Frage nach dem _Was?_. Seine Vollendung erhlt es erst dann, wenn es das _Woher?_ zu entdecken vermag, um damit das _Wohin?_ zu verbinden. Bachofen, der souverne Deuter im ungreifbaren Reich des Bedeutsamen, stie bei den groen Kulturrassen in gypten, Kleinasien, besonders aber in Hellas, Rom, den griechischen Inseln, unmittelbar unter der fortlaufend registrierten Historie am Anfang der Heroenzeit mit ihren Stdtegrndungen auf eine Schicht, in der offenbar soeben ein totaler _Polwechsel der Macht_ stattgefunden hatte, nicht zwischen irgendwelchen Klassen oder Rassen, sondern zwischen den zwei _Urpolen_ selbst. Und darum wechselte die Natur samt den Himmelskrpern mit. Da wurde der Mond gestrzt, die Sonne erhht; Nacht und Tag, links und rechts, ungrad und grad, Letztgeburt und Erstgeburt tauschten den Vorrang.
Schrfste Zsur zwischen on und on! Frheres erlosch in erzwungenem Vergessen. Doch wie heimgezogene Gewitter, lngst schon unter dem Horizont, noch im Widerschein hoch oben in den Wolkenbnken zucken, so wetterleuchtete eine unermessliche seelische Entladung durch den langsam ergrauenden Mythos.
Auch fremdartige Trmmer von Recht liegen dort und da in der Tradition herum, tabu und fehl am Ort in der geschlossenen, obersten, nun klassisch gegltteten Ordnung. Oder lose Enden von Sitten, mit nichts verknpft, wehen eigenmchtig durch altertmliche Feste; allerhand unheimlicher Nonsens und doch wieder irgendwie dem hchsten der Nation, ihrem Heroenkult, verhaftet. Mitten im strengsten Vaterrecht zhlen jene Halbgtter, denen man doch zu entstammen sich rhmt, ihre Herkunft nach der Mutter. Die von Mnnern beherrschte Ehe heit: _Matri_monium, statt _Patri_monium. Sonst ganz ordentliche Leute, wie die Kreter, sagen tollerweise Mutterland statt Vaterland und warum kommt in Rom, wo alles Gute rechter Hand sich ordnet, im uralten Volksorakel des Vogelflugs das gnstige Omen von links?
Und dieses erst: politisch rechtlos ist die Frau der klassischen Zeit, doch in der Tradition trennen elische Matronen, denen jeder Heerfhrer widerspruchslos gehorcht, die streitenden Armeen, gebieten Frieden. Heute erscheint es beinahe unbegreiflich, hlt man die vielen Zeichen solcher Art mit beglaubigter Geschichte andrer barbarischer Vlker zusammen, dass die Zeit des Mutterrechtes je geleugnet werden konnte; stand doch klar und deutlich schon in Hannibals Vertrag mit den Galliern die Bestimmung, es sollte im Fall eines Streites ber dessen Auslegung die hchste, inappellable Entscheidung einem Kollegium gallischer Matronen zustehen. Die hchste matronale Rechtspflege ist immer jener Bestandteil der Frauenherrschaft, der sich am lngsten erhlt. Er stammt aus jener, spter zu Hexenfurcht verzerrten Ehrfurcht vor der unergrndlichen Autoritt, wie sie nur alte Frauen umgibt.
Bachofen, noch ganz allein mit seiner Entdeckung, staunte in Sage und Mythos den Erscheinungen weiblicher Gre nach. Sogar noch bei Homer trifft Odysseus in nicht weniger als fnf Reichen souverne Kniginnen an. Gerade der schroffe Gegensatz zu dem herrschenden System beweist solche Zge als ursprnglich und echt; eine sptere Zeit htte sie nie hinzudenken knnen; die Linie des Empfindens lag bereits zu weit ab. Hier irrt die Psychoanalyse wohl, wenn sie die mythische Herrschaft der groen Mtter als wunschtraumartigen Ersatz fr den verbotenen Inzest zu deuten sucht, denn diese Herrschaft hat sich ja lngst als historisch wahr erwiesen.
Bachofen ging jedem Sagenwandel nach, wo er zwar nicht das Geschehnis selbst, doch dessen Deutung und Moral zu ndern strebt. Da erscheint denn oftmals die gleiche Person bei gleicher Tat in doppelter Auffassung: dort schuldlos, hier verbrecherisch, dort gepriesen, hier verabscheut.
Das Ganze falsch gesehen: ein unbrauchbarer Haufe sich widersprechender Fragmente, richtig gesehen: alles wie aus einem Guss. Nmlich mit der Einsicht, dass links, gerade Zahlen, schwarz, wei, rot, Nacht, Mond, Unshnbarkeit des Muttermordes, Letztgeburtsrecht zur Frauenherrschaft gehren, wie rechts, blau, gelb, ungerade Zahlen, Tag, Sonne, Shnbarkeit des Muttermords, Erstgeburtsrecht zur Mnnerherrschaft. Geht eine Rasse von der einen zur andern ber, so schlgt der ganze Fcher symbolischen Lebensstils zugleich um; der Kosmos wechselt vom Sternenzelt bis zur kleinsten Handreichung. Dies gilt mit kleinen Abweichungen so ziemlich fr den grten Teil und beinahe fr jede Zeit, weil Mutterrecht nicht an eine bestimmte Rasse oder Epoche, vielmehr an eine bestimmte Seelenlage gebunden zu sein scheint. Manche Rassen verndern diese Seelenlage nie, andre sehr frh, manche zu frh, manche zu spt. Fr jede aber liegt die entscheidende Schicksalsstelle ihrer Kulturbahn in der Art, wie gerade diese Ablsung und unter welchen Erschtterungen sie sich vollzieht.
Diese letzten Folgerungen lagen weniger in Bachofens Linie, noch weniger in seiner Zeit, der das erdumfassende ethnographische Material, gesammelt in den letzten zwanzig Jahren, zum Vergleich fehlte. Dieses groe menschliche Nebeneinander ermglicht erst jene moderne Vogelschau, fr die das Rasse-Erleben unzhliger Vlker gleichzeitig als Reliefkarte sich breitet, die Vlker darin wie Meeraugen, deren Wasser- und Weltspiegel jeder auf seinem Niveau abgeglttet steht.
Gern aber und mit Recht empfand er sich den Palontologen verwandt, weil ja auch er in Schichten denke. (Bernoulli.) Und wie an sogenannten Leitfossilien ein ganzer erdgeschichtlicher Zeitcharakter mit allen ihm verhafteten Formen erkannt zu werden vermag, so lehrte er, aus einem oft unscheinbaren Mythenmerkmal schlieen, ob es sich hier um eine Mutterrechtsepoche handle oder nicht, und ob sie sich im Auf- oder Abstieg befinde. Nachdem einmal die richtige Grundeinsicht gewonnen war, strmten ihm, wie das ja immer geht, die Zeugnisse von allen Seiten nur so zu.
Und wieder, wie es in der Erdkunde Aufschlsse gibt, Stellen auch, wo Verwerfungen offen zutage liegen, versteinerter Aufruhr der Materie, so fand er Bruchstellen am Mythos, wo die lebende Entwicklung mit Hnden zu greifen war. Zu einem ganz groen Aufschluss ber die griechische Vorwelt wurde ihm die Orestessage, sogar noch in ihrer spten Fassung, durch die schyleische Trilogie; klassische Bruchstelle zwischen Mutter- und Vaterrecht, alter und neuer Seelenlage, Unter- und Oberwelt, den groen Eimttern und Apollo-Athene. Orest hat die Mutter gettet, um den Vater zu rchen; wer gilt nun mehr, Vater oder Mutter? Nach dem alten Erdrecht der Erinnyen ist jener rchende Mord, den Apollo dem Sohn befahl, die eine einzig-ewig unshnbare Snde.
Schon die Exposition der Eumeniden wirft diesen tiefsten Konflikt in ein einziges bebendes Bild: da liegt der von den Erinnyen bis in den Wahnsinn gehetzte Orest, hingeklammert an den apollinischen Altar, den einzigen der Erde nicht mehr unterworfenen Ort, whrend die drauen mit schlummernden Schlangenhaaren im Kreise kauern, trumen  manchmal zischt eine schlafende Locke auf , _warten_, bis ihr Opfer weiter muss, auf dass sie es zu Tode jagen. Doch dem Gejagten ordnet noch zu rechter Zeit Athene am Areopag das Gericht; entscheiden ber ihn sollen die angesehensten Brger; Apollo, der die Tat befahl, fhrt die Verteidigung. Unter den tobenden Anklagen der Erinnyen schreit der verzweifelnde Orest: warum verfolgt ihr denn nur mich! Warum habt ihr im Leben Klytemnstra nie verfolgt?
_Sie war dem Mann nicht blutsverwandt, den sie erschlug_, ist die Antwort der Erinnys und des Mutterrechts. Fr diese gilt nur die uterine Verwandtschaft, aus weiblichem Leib und weiblichem Blut; der Gatte aber ist ein fremder Mann, der ruchlos ihres Leibes, ihres Blutes Tochter Iphigenie gemordet hat. Klytemnstra erfllt nur der Nemesis Gebot, nimmt sie Blutrache an ihm fr ermordete Geburt; das ist nicht Recht nur, sondern tiefste Mutter_pflicht_. Darum sind die Erinnyen mit ihr und fr sie, aber gegen Orest, der seinerseits den grlichsten Frevel an der schaffenden Natur begeht, um seines Vaters  eines fremden Mannes  willen.
Ganz anders spricht Apollo, als Vertreter des neuen, vterlichen Sonnenrechts, zu den Richtern:

  Nicht ist die Mutter ihres Kindes Zeugerin,
  Sie hegt und trgt das auferweckte Leben nur.
  Es zeugt der Vater, aber sie bewahrt das Pfand,
  Dem Freund die Freundin, wenn ein Gott es nicht verletzt.

Und da die Stimmen der Richter sich die Waage halten, nimmt Athene, die mutterlose Kopfgeburt, die gerade Tochter, des Gottes bebender Strahl, noch ihren Stimmstein in die Hand und spricht:

  Mein ist es, abzugeben einen letzten Spruch,
  Und fr Orestes leg ich diesen Stein hinein,
  _Denn keine Mutter wurde mir, die mich gebar,_
  Nein, vollen Herzens lob ich alles Mnnliche.
  Es sieg Orestes auch bei stimmengleichem Spruch.

Mit diesem Freispruch ist der Untergang des Mutterrechts verkndet und der Sieg des Olympischen ber das Chthonische. Da aber erhebt sich jene, der _alle Wrden_ gebhren, die Erinnys, mit ihrem Fluch:

  Ich das erdulden, wehe!
  Unter der Erde ich mich verbergen, die Urweise, wehe!
  O neue Gtter, altes Gesetz, uraltes Recht,
  Ihr rennt sie nieder, reit sie fort aus meiner Hand,
  Und ich Unselige, schmachbeladen, bitteremprt,
    
  _Rchend zu Boden trief ich des Herzens
  Gifttropfensaat._

Das aber bedeutet Misswachs, Fehlgeburt, Tod. Erinnys ist nicht nur die rchende, auch die formende Urmacht, und von gleichem mtterlichen Stoff wie sie ist auch die Frau, die ja der Erde Stelle und Funktion vertritt. Durch den ungeshnten Muttermord ist Erinnys mit ins Herz getroffen, darum erhebt sich die ganze Natur zur Rache fr das gebrochene Mutterrecht. Sie selbst ist ja verletzt: die Ordnung der Dinge, das Recht der Natur ist erschttert und umgestrzt. In Unordnung gebracht, gestrzt, erschttert und verletzt aber kann sie nicht mehr richtig gebren, so verderben Pflanze, Tier und Mensch, die Frucht im Leib wie die Frucht auf dem Feld; dagegen hilft kein Sieg der sterilen himmlischen Mchte. Denn wie in der Religion des Heiligen Geistes die Snde wider den Heiligen Geist keine Verzeihung zu hoffen hat, so in jener Religion der stofflichen Kraft die Snde gegen das Prinzip derselben, gegen das Muttertum der Erde. (Bachofen.)

  Alles niederstrzen wird neuer Brauch,
  Wenn des gottlosen Muttermrders Schuld
  Vor Gericht siegen darf.

Athene, die Weise, bittet, schmeichelt, vermittelt, vershnt. An ihrer Seite soll Erinnys Mitherrscherin des Landes sein:

  In ehrender
  Wohnung, Erechtheus Tempel nah, wirst du dereinst
  Von _Mnnern_ hochgeachtet und von Weibern sein,
  Wie dir in andern Lndern nimmer ward zuteil.

So nehmen die Ehrwrdigen den Fluch zurck, damit:

  Nicht ersticke Misswachs jammervoll der Saaten Blhn,
  Schafe froh in Sattigkeit,
  Zwillingslmmer um sie her,
  Ernhr zu seiner Zeit der jungen Erde Grn,
  Der Grasung lieber Ort.

Hier in der Orestessage tritt der Schichtenwechsel offen zutage vom stofflichen Mutter- zum intellektuellen Vatertum, das seinem Gegensatz zur Parthenogenese in der rmischen Adoption die nicht mehr zu berbietende Form findet. Weiter kann Begriffs-Exzentrik nicht mehr getrieben werden, als wenn mit gewollter Ignorierung der gesamten krperlichen Erbmasse, durch Willensakt allein, ein beliebiger blutsfremder Mensch in einen Sohn verwandelt wird.
Den klassischen Polwechsel ins Apollinische auslsen darf also nur ein Mann: Orest. Ein Weib: Elektra, nicht, trotz Mutterhass und Vaterbindung.

  Die Weltzeit, die wir kennen,
  Schuf der Geist, der immer Mann ist.

schylus, bereits der Sohn dieser Weltzeit, endet seine Eumeniden mit einem faulen Kompromiss, dort, wo Urfehde steht zwischen den Grundsubstanzen. Dieser Konflikt muss, wie stets, wenn zwei Echtheiten zusammenprallen, im Tiefsten tragisch, weil unlsbar, sein. Trotzdem bohrt der Mythos rastlos an ihm herum, wirft sich mit umformender Wucht immer wieder ber ihn, immer wieder mit neuen Varianten Kompromisse suchend fr das, was ohne Kompromiss. Auch Alkmon rcht den Tod seines Vaters durch Muttermord; soweit die Erde reicht, kann er den Erinnyen nicht entgehen, bis ihm Apollo Rettung verkndet, wenn er seinen Fu auf einen Boden zu setzen vermag, der _von der Tat nichts wei_, weil ihn das Meer erst spter aufgeworfen hat. So wird ihm endlich die Schlamminsel am Ausfluss des Acheloos zum Asyl; schlielich aber erreicht ihn das Geschick durch die Brder seiner Frau. Auch in dieser Sage ist die Mutter: Eriphyle, in ihrem alten Recht, befreit sie sich von einem fremden Mann, um der Liebe zu dem Bruder und eines Zeichens dieser Liebe, des berhmten Halsschmuckes, willen. Umgekehrt wieder, ganz aus der Mentalitt des Mnnerrechts heraus, handelte Kriemhild, wenn sie um Siegfried, einen fremden Mann, zu rchen, die mutterleiblichen Brder ins Verderben lockt.
So lange an der Spitze der Schpfung eine groe Urmutter steht, aus deren Scho alles Leben hervorgeht, straft sie jede Verletzung dieses ihres Muttergesetzes an den Vlkern mit Unfruchtbarkeit, Misswachs, Pestilenz und _rgerem_ noch. Um dieses rgere wei das Gilgamesch-Epos, wenn es den Zorn der Herrin Ischtar singt und die _Urangst_ aus den Mythen aller Vlker, dass eine Zeit kommen knnte, da der Toten mehr wren als der Lebendigen und die schwarz-weie Eimutter ganz schwarz wrde.

  Nach Kurungea, dem finstern Land,
  Richtete Ischtar, die Tochter des Mondgottes, ihren Schritt,
  Nach dem Land ohne Wiederkehr,
  Nach dem Land, das du kennst,
  Nach dem Weg, dessen Bahn sich nicht wieder wendet,
  Nach dem Haus der Verwesung,
  Wo Staub ihr Trank, ihre Speise Kot,
  Wo sie Licht nicht schauen, in Finsternis wohnend.
  Bekleidet sind sie wie Vgel mit Flgelkleid.

  Als Ischtar zum Tor von Kurungea gelangte,
  Sprach sie zum Hter der Schwelle die Worte:
  Hter der Schwelle, ffne das Tor!
  Wenn du nicht ffnest, werde ich einstrzen die Tore,
  Zerbrechen die Riegel, zerschlagen die Pfosten,
  Ausheben die Tren,
  Werde ich herauffhren die Toten, dass sie essen und leben.
  Die Lebendigen essen, zu den Lebendigen
  Sollen sich scharen die Toten,
  Dass mehr als Lebendige der Toten es gebe.

Der Hter der Schwelle: Halt ein, Herrin, zertrmmre das Tor nicht, ich will gehen, deinen Namen zu knden der Knigin Ereschkigal. Hin geht der Pfrtner und sagt zu Ereschkigal: Siehe, deine Schwester Ischtar steht am Tor. Sie, die hlt die groen Orgien, die aufwhlt die Fluten vor Ea, dem Herrn. Als Ereschkigal das vernahm, ward gelb ihr Antlitz, gleich der abgehauenen Tamariske.

  Geh, Hter der Schwelle, ffne das Tor,
  Behandle sie nach den Gesetzen.

Da ging der Hter der Schwelle, ffnete ihr das Tor: Tritt ein, Herrin, die Unterwelt mge dir zujubeln. Der Palast von Kurungea freue sich deiner.
Bei jedem der sieben Tore des Totenreiches aber nimmt er ihr ein Amulett ab: das Kopftuch, die Anhnger aus den Ohren, die Ketten des Halses, das Schmuckstck ihrer Brust, den Geburtssteingrtel ihrer Hften, Spangen der Hnde und Fe, Schamtuch des Leibes. Nimmt ihr damit die Zauberkraft, so dass sie in den Unterweltschlaf versinkt.
Dadurch aber versinkt auch die Liebeskraft der Oberwelt in Schlaf.

  Nachdem die Herrin Ischtar nach Kurungea hinabgestiegen,
  Bespringt der Stier nicht mehr die Kuh,
  Beugt sich der Herr nicht mehr ber die Sklavin,
  Es schlft der Mann an seiner Sttte,
  Es schlft das Weib fr sich allein.

Sogar der Esel mag nicht mehr.
So fleht ein ganzer freudloser Kosmos um der Herrin Ischtar Rckkunft, trotz aller ihrer Grausamkeit und Willkr.
Wie nach jedem Systemwechsel die gestrzten, doch aus irgendeinem Grund nicht umzubringenden Idole ins Zuchthaus gesteckt oder verbannt werden, so steckt der Sinnwechsel der Sagen bei seelischem Umsturz die nach frherer Wertung besseren Kreise in irgendein Hllenverlies und sucht ihnen krampfhaft eine passende ewige Strafe gerade fr das, was frher ihr ewiger Ruhm war.
Auch im Hades befand sich solch eine hocharistokratische Verbrecherkolonie, mit Tantalus an der Spitze, und, als Vertreterinnen einstigen Mutterrechts, die Danaiden. Ihr Mythos gehrt zu jener ganzen Gruppe von Bluthochzeiten, bei denen Mdchen in der erzwungenen Hochzeitsnacht die Gatten tten, nur eine ausgenommen, die den ihren schont. Ursprnglich ist sie die einzige Verchtliche, spter natrlich die einzige Lbliche aus der Schar. Auch fr die lemnische Hochzeit gilt, wiewohl modifiziert, dieses Schema, das zu Bachofens Entdeckungen gehrt. Auf der Fraueninsel Lemnos whlt, wie berall im Mutterrecht, die Frau den Mann, der zu Sexualtreue verpflichtet ist. Sexualtreue wird bei eingeschlechtlicher Vorherrschaft fast immer vom Herrschenden dem Beherrschten als Moralsatzung auferlegt. Der Imperativ: tue-la Daudets verwandelt sich also hier zum tue-le.{19} Beides sind extreme Formen geschlechtlichen Besitzrechtes.
{19: Tte sie (Alphonse Daudet, _La Petite Paroisse_) / tte ihn.}
Das Unheil beginnt damit, dass die lemnischen Frauen, von je durch Schnheit und Glanz der Erscheinung berhmt, Aphrodites Dienst vernachlssigen. Die Gttin lsst ihnen diese Schnheit zwar, behaftet sie aber zur Strafe mit Dysosmie, was heute fehlender Sex appeal genannt wird. Aus Abscheu legen sich die Mnner daraufhin kriegsgefangene thrakische Sklavinnen zu. Dafr werden sie samt ihren Beischlferinnen in der Hochzeitsnacht von den lemnischen Frauen gettet. Eine Tat der Selbstachtung wie des Staatsgebotes, wenigstens nach mutterrechtlichem Gesetz. Nur Hypsipyle, die Knigstochter, schont ihren Vater Thoas. Im mnnerrechtlichen Argonautenmythos landen dann die Heroen auf der vllig mnnerlosen Insel. Iason verbindet sich mit Hypsipyle, seine Begleiter mit den andern Frauen, und nun beginnt der Sagensinn zu wechseln: die Lemnierinnen bereuen, wandeln ihre Sitten, die Kinder mit den Argonauten werden zum Zeichen dieser Wandlung nach den  Vtern genannt. (Apollodor.{20})
{20: Die sogenannte Bibliothek Apollodors, eine Zusammenstellung antiker Mythen aus dem 1. oder 2. Jh. n. Chr.}
Viel reicher an Aufschlssen und krasser auch ist das Geschick der Danaiden, welche nie bereuen. Frei ber die eigene Person verfgen ist Grund- und Urrecht im Frauenstaat. Dieses Recht brechen in frechem Zynismus die gyptusshne, indem sie den fnfzig Danaustchtern  nicht aus Liebe, sondern um die Herrschaft zu erheiraten; Reiche werden ja durch die Frau vererbt  Gewalt antun. schylus, wiewohl mitten im Mnnerrecht, erlaubte sich, seinen Zuhrern den Mythos unverstellt vorzufhren, der Bhnenwirkung wegen. In den Schutzflehenden sind alle Kontraste wohlerhalten, vom taubenartigen Zittern der gengstigten Mdchen an, bis zum Moment, da sie tanzend und schaudernd vor Triumph nach der Blutnacht aus den Todesgemchern der Schnder in den Morgen hinaustreten, ihr Werk zu besingen. Nur eine Verrterin war unter ihnen: Hypermnestra hatte schwchlich und schmhlich den Lynkeus geschont; darum wird die Pflichtvergessene in Fesseln vor ein Gericht gestellt.
Gerade von Hypermnestra, der bekehrten Amazone, stammt dann wieder im dreizehnten Geschlecht Herakles ab, der misogyne Sonnenheld, der es sich zum Ziel setzt, nicht Ruhe zu geben, bis die letzte Frauenherrschaft von der Erde vertilgt sei. Die Mglichkeit dazu erkennt Bachofen in der Schmach der Ahnfrau. Dass eine Danaide ihrem eigenen Geschlecht die Treue brechen konnte, brach das antike Mutterrecht.


 Das Symbol

    Worte machen das Unendliche endlich, nur das Symbol schlgt alle Seiten des menschlichen Geistes zugleich an.
    _J. J. Bachofen_

    Ich will gerade das hren, was sich nicht sagen lsst.
    _Paul Claudel_

 Das Ei
Was ist ein Natursymbol? Definiert hat es noch niemand, denn alles kann man mit ihm machen: es auseinanderfalten zu Mythos, Religion, Philosophie, Kunst, zur ganzen Weltwirklichkeit, nur eines kann man nicht: es erklren, weil es weder der sprachlichen noch der begrifflichen Schicht angehrt. Ein Symbol wird auch nicht gesucht und nicht gefunden, sondern nur _geschaut_, im Gegensatz zur Allegorie, der ein Begriff zum Grunde liegt. Diesem Begriff wird das passende allegorische Bild gesucht; ein rein verstandlicher, sthetisierender Vorgang. Darum ist in der Allegorie nie mehr enthalten, als in sie hineingedacht wurde. Das Symbol dagegen erregt wohl Gedanken, bleibt aber selbst unausdenklich. Symbolik ist ein Mssen, Allegorie ein Wollen. Wei jemand, dem Symbolschau verschlossen ist, deshalb mehr, wenn er das hrt? Einer sagt: Ein ungeheures Empfindungserlebnis, in Gestalt eines Bildes angeschaut. Ein andrer spricht von ihm als von etwas, das in schpferischem Rauschzustand durch das Auge empfangen wird.
Sicher war das Symbol einmal die wortlose Muttersprache einer magischen Menschheit. Der magische Mensch (homo divinans) ist wohl jener, der vielleicht bei einem Gewitter die Schwefellungen des rosafarbnen Blitzes fhlt, whrend der technische Mensch (homo faber) denkt: Mark 1,60 Stromverbrauch.
Nur wo Worte ganz nahe dem Erlebnis entsprungen, selbst noch Klangmagie in sich haben, wie bei den fnf oder sechs groen Dichtern, gelingt es manchmal, etwas von dem Sinngehalt des Symbols in die Sprache herberzufassen.
Claudel, das chthonische Genie aus Blei und ther, hat Worte, zutiefst in diesen primordialen Urstoff getaucht, einmal heraufgeholt fr einen Baum. Wenn eine symbolstumpfe Menschheit nicht einmal da mehr sprt, was ein Baum ist, dann gehrt sie eben zum Lasciate-ogni-speranza-Typus und tut besser daran, sich als rationalisierter Maschinenbestandteil auf Eisenbeton aufmontieren zu lassen.
Goldhaupt, der Held des Stckes, hat in die schwarze Mutter Erde soeben sein Liebstes verscharrt, Kopf voraus in den Lehm; so ein Ding mit einem Kindergesicht, gleich einer erworbenen Fee. Es ist Nacht und sein Herz schwer wie ein Stein am Ende eines Strickes. Der Sturm klatscht ihm eine Maske von Regen vor das Gesicht. Die drren Dornen zittern unter einem eisernen Himmel. Irrend ber die bittre Erde, kommt er immer weiter vom Weg ab.

  Wir kommen immer weiter ab, sagt Cebes, der Knabe-Bewunderer.
  _Simon Agnel_ (genannt Goldhaupt): Siehst du, ich habe mich nie gekmmert, bei keinem Menschen,
  Ob jung oder alt, um das, was er innen trug in sich selbst.
  Jedoch ein Baum ist mir Vater gewesen und Lehrer.
  Denn manchmal als Kind berfiel mich ein bitterlich finsterer Missmut,
  Da wurde mir jede Gesellschaft ein Greuel, die gemeinschaftliche Luft zum Ersticken,
  Und ich musste in die Einsamkeit, heimlich dort dieser Schwermut pflegen,
  Und fhlte, wie sie wuchs in mir.
  Und ich bin diesem Baum begegnet und hab ihn umarmt,
  In meine Arme geschlossen, wie einen altertmlichen Menschen.
  Denn bevor ich geboren war, und wenn wir lngst nicht mehr sein werden,
  Ist er da, und seine Zeit hat ein anderes Ma.   
  _Cebes:_ Und was hat dich der Baum gelehrt?
  _Simon:_ Jetzt, in dieser Stunde der Angst! Jetzt darf es sein, dass ich ihn wiederfinde!
  (Und sie gelangen zum Fu eines sehr groen Baumes.)
  O Baum, du, empfange mich! Ganz allein bin ich weggegangen aus dem Schutz deiner Zweige,
  Und jetzt ganz allein komm ich wieder zu dir, o mein festgewachsener Vater!
  Nimm mich wieder auf unter deinen Schatten, o Sohn der Erde! o Holz, in dieser
  Stunde der hchsten Not! In deinem Murmeln teile mir mit
  _Jenes Wort, das ich bin, und von dem ich den furchtbaren Trieb in mir spre!
  Du doch bist ganz ein dauernder Trieb, deines Leibes stetes Hinauf aus dem unbeseelten Urstoff._
  Wie du die Erde saugst, Alter,
  Eingesenkt ausschickst berallhin deine Wurzeln, starke und feine! Und wie du dem
  Himmel entgegenstrebst! Wie du dich ganz zusammenballst,
  Im Druck seines Odems ein riesiges Blatt, Gestalt du aus Feuer!
  Die unerschpfliche Erde, umschlungen vom Wurzelwerk deines Wesens,
  Und der unendliche Himmel mit der Sonne und dem Kreislauf der Sterne,
  Woran du dich heftest mit diesem Mund aus der Allheit deiner Arme,
  Mit dieser Lippe deines Leibes, und den du ergreifst mit allem in dir, was atmet,
  Die Erde und der ganze Himmel, sie mssen sein, damit du dich aufrecht erhaltest!
  O mge auch ich mich so aufrecht halten! O mge meine Seele nicht verderben!
  Dieser Grundsaft, dieser mein Innentau, diese Inbrunst,
  Deren Trger ich bin, o braucht ich sie nicht zu vergeuden an ein fruchtloses Bschel aus Grn und aus Blten!
  O mg ich einheitlich wachsen! O mg ich ein Einiger bleiben und grade!
    
  _Cebes:_ O Simon, so wirst du nicht weggehen! Hast du nichts vernommen unter diesem Baum der Erkenntnis?    Wenn dir wahrhaftig irgendein Gesetz ins Herz gepflanzt ist,    wenn irgendein Gebot und ein auermenschlicher Wille dich wie mit dem Knie hineinstt mitten unter uns Arme    erinnre dich meiner.
  _Goldhaupt:_ Ein Geist hat ber mich hingeweht, und ich erzittere wie ein Pfahl!
  Eine Kraft ist mir zuteil geworden, streng und wild!
  _Das ist der Furor des Mannes, und nichts vom Weib ist in mir._    O wirken! wirken! wirken! Wer gibt mir die Kraft zur Tat!
  (Er streckt sich buchlings zur Erde.)
  O Nacht! Mutter!
  Zerschmettre mich oder verstopf mir die Augen mit Erde!
  Mutter, warum hast du mir die Decke der Augenlider
  Mittendurch gespalten! Mutter, ich bin allein! Mutter,
  Warum zwingst du mich, zu leben?
  Lieber wr mir, morgen im Osten frbte die taubenetzte
  Erde sich nimmer rot!   
  Ich kann nicht! Siehe mich, mich, dein Kind!   
  Nun leg ich mich an deine Brust!
  Nacht! mtterliche Nacht! Erde! Erde!
  (Er wird ohnmchtig),

um dann am Morgen aufzustrmen und hinein in sein heroisches, ganz gepanzertes Siegerleben und den alexanderhaften Untergang am kaukasischen Tor.
Sein erster Lehrer auf diesem Wege war der Baum. Ein noch festgewachsener Vater, ein noch nicht freigelster Sohn der Mutter Erde, berall in sie eingesenkt mit Wurzeln, starken und feinen, doch schon an Luft, Sonnen- und Sternenwesen angesogen mit dem Bukett seines ganzen Krpers. Er ist ihm Knder: in deinem Murmeln teile mir mit jenes Wort, das ich bin, und von dem ich den furchtbaren Trieb in mir spre. Doch du bist ganz ein dauernder Trieb, deines Lebens stetes Hinauf aus dem Urstoff (mater = Materie, mre = terre).
Er ist ihm Beispiel: die Erde und der ganze Himmel, sie mssen sein, damit du dich aufrecht erhaltest! O mge auch ich mich so aufrecht halten! O mge meine Seele nicht verderben! Dieser Grundsaft, dieser mein Innentau, diese Inbrunst. O mg ich einheitlich wachsen, o mg ich ein Einiger bleiben und grade!
Der Erde ist das recht. Die groe Mutter mag es, wenn es sich erst mit pflanzenhaftem Oberkrper aus ihr losringt, dann auf vielen Beinen frei ber sie hinluft oder geflgelt sich in die Luft erhebt. Das sind nur Abbilder auf der Planetenmutter von dem, was das Urweibliche getan, als es die Aktivitt in sich als Geielzelle bildete und aus sich als Mann entlie. Mit ihm war die Weltunruhe da, das Aggressive, Bewegliche, Vorstoende, gradhin bis in die Unendlichkeit Strahlende: die Goldhupter jeder Zeit und Gestalt mit ihrem Schrei: Der Furor des Mannes, und nichts vom Weibe ist in mir.
Es bedarf wohl nicht erst der Erwhnung, dass solche Unbedingtheit und Ausschlielichkeit des einen oder andern Geschlechtsprinzips ihm nur als Idee zukommen. Realiter ist schon, anatomisch besehen, jeder Mensch zweigeschlechtig. Nicht einmal in Amerika, von wo das ble Schlagwort stammt, wachsen hundertprozentige Mnner. Auch der gockelhafteste he-man hat noch die weiblichen Milchwarzen und in Gestalt der Sacknaht die weibliche Scheide an sich, wie auch die kuhwarme Hausfrau als Phallusrest die Klitoris trgt. Am lebenden Exemplar kann es sich immer nur um die, sogar innerhalb eines Lebens stark schwankende, Dominanz der einen oder andern Anlage handeln. Zu viel _weibliches_ Hormon im _Mnnerblut_ soll zum Krebs disponieren. Warum heit die Krankheit Krebs, gerade nach dem Tierkreiszeichen, dessen magische Qualitt es dem weiblichen _Mond_ zuordnet? Eine sonderbare Wortintuition.
Der Baum, ein noch unbeweglicher Sohn, auf halbem Weg zu Goldhaupt, gehrt beiden Reichen, dem unteren wie dem oberen, an. Ein vereinfachtes Baumzeichen ist das ? und zugleich die Kreuzungsstelle der beiden Geschlechtspotenzen. Im Venuszeichen ? sitzt der Lebensbaum noch unten am Uterus fest. Im mnnlichen Marszeichen ? hat er ihn schon hinter sich gelassen und strmt auch nach rechts, der mnnlichen Richtung, weiter. Im Christentum wird er zum Marterholz der bsen Frau Welt, im Speichenrad ? der Swastika hat er Fchen bekommen, als das in die Zeit rasende Geschehen, Wille zur Tat der indischen Samsara. Noch chthonisch, aber nicht mehr weiblich, gehrt der Baum zum Kult aller groen Mtter und ist heilig wie sie. Einem heiligen Baume werden Prinzessinnen und Priesterinnen vermhlt, die Germanen schmckten ihn mit goldenen Ketten und Kronen, pflogen Rat mit ihm, ja ganze Vlker rhmen sich, von Eichen abzustammen.
Auf gleicher Symbolstufe steht die Mauer. Sie ist wie die Bume eine Geburt der Mutter Erde und durch die Fundamente, wie Bume durch die Wurzeln, mit dem Mutterleib auch nach der Geburt in fortdauernd fester Verbindung. So tragen die Naturmtter Mauerkronen auf dem Haupt, und in den meisten Sprachen sind Stdtenamen weiblich. Sogar Roma, Roma aeterna: _Urbs_, Hochburg des Mnnerrechts, ist es geblieben.
Im Baum wie in der Mauer wchst die mnnliche Potenz ans Licht. Excitare muros, heit es von ihnen: die schlafenden Mauern erwecken; was erweckt und erwacht, ist eben die Mnnlichkeit. Zum Schall der Erztrompeten werden die Mauern eroberter Stdte zerstrt. Was von Jericho gemeldet wird, kehrt bei den Rmern wieder, unter dem Schmettern der Tuba wurden Albas Mauern zusammengerissen, unter dem gleichen Sakralbrauch riss Mummius die korinthischen Mauern ein. Was die Tuba zerstrt, hat aber auch die Tuba gebaut. Dass Entstehen und Vergehen in vollkommener bereinstimmung stehen mssen, ist ein Satz, den die alte Jurisprudenz in vielen Anwendungen durchfhrt.
Thebens Mauern bauten sich selbstndig durch Amphitryons Musik auf. Die Erztrompete ist immer ein Phallussymbol, sie ruft den Stier Dionysos aus den zeugenden Meereswogen hervor und Achilles aus dem skyrischen Weiberversteck, wo auch seine Mnnlichkeit unter Weiberkleidern schlummerte. In Baum und Mauern ist die mnnliche Geburt zu sichtbarer Existenz gelangt, darum sind Phallus und Schlange so oft auf Mauern abgebildet, nicht obszn, sondern heilig gedacht; sie weihen die Mauer, schtzen sie vor Profanation, dass keiner seine Notdurft an ihr verrichte. Auf den Mauern ist das groe Fatum der Welt niedergeschrieben, denn es war allgemein Sitte, Gesetze auf Mauern einzuritzen. Sie verknden oberweltlich hart und sichtbar das Gesetz der Erde; was _oben gilt, doch von unten stammt_.
Symbole sind die Schlsselfiguren zum gesamten schpferischen Weltbild. Es ist eine Bachofensche Entdeckung, dass, was Gtter so nebenbei in der Hand halten, sei es ein schwarz-weies Ei in der Linken oder ein Schlangenstab in der Rechten, nicht Attribut und Anhngsel ist, sondern vielmehr der Zauberkern, aus dem sie selber kommen. Mythos, Bruche, Religionen, Kunst, Kultur entfalten sich aus ihm, wo sie beschlossen lagen in unfassbarer Verdichtung, sind freigewordene Energie der zerfallenden Ursymbole, ihr Auseinanderspielen in Musik und Gtter. Also gengt auch der Mythos noch nicht, das weibliche Weltalter aufzuzeigen, wirklich erfasst an seinem Ursprung wird es erst im Ei-Symbol, das alle groen Rassen an einer bestimmten Stelle ihrer Kulturbahn in gleicher Urbedeutung verehrt haben. Was jede aus ihm dann entwickelt hat, verschieden Schnes, verschieden Starkes, macht eben ein gutes Teil der Menschheitsentwicklung selber aus. Was allein fr die Antike aus ihm kommt, fllt die Mehrzahl der fnfhundert Seiten von Bachofens Grbersymbolik aus und kann hier nur an einem einzigen Beispiel kurz skizziert werden: Zirkus und Zirkusspiel, das von seiner eigenen Schpfung umsauste Ei.
Wo es den Menschen ernst ist, also an jeder unabnderlichen Wende, wie Geburt, Hochzeit, Tod, berall, wo es sie herausreit aus angenehm-vager Belanglosigkeit, wo ein Urproblem ihnen ans Mark stt, findet sich das Ei-Symbol. Es hngt in den Moscheen des Islam an Schnren aus der Kuppel, steht aus purem Gold in den peruanischen Tempeln, ruht, unten schwarz, oben wei, mit den Toten, wirkt bei allen Mysterien, bei Rechtsprechung, Sklavenbefreiung mit. Am reichsten und schnsten aber lebt es sich auseinander in den Zirkusspielen, die ursprnglich Leichenspiele fr gefallene Helden und nichts sind als der Umlauf um das Ei.
Im Ur-Ei selbst herrscht Stille und Gleichgewicht. Die Samen aller Dinge ruhen noch zeitlos in ihm. Erst aus der durchbrochenen Schale strmt im Zwiespalt ewig ruheloser Bewegtheit die sichtbare Schpfung heraus. Zwei Krfte, entgegengesetzt und doch im Ziel gleichgerichtet, beherrschen die irdische Welt und sichern durch ihr Zusammenwirken den Fortgang der Dinge. Schon Empedokles ist der erste romantische Dualist gewesen mit seinen polaren Krften Liebe und Hass, die als zwei Urwirbel im Chaos einsetzen, und Sigmund Freud mit seinen Sexual- und Todestrieben als polarem Urpaar wird nicht der Letzte sein.
Im Dioskurenmythos brechen die _zwei_ als gewaltiges Wagenlenkerzwillingspaar aus dem Leda-Nemesis-Ei hervor. Jeder von ihnen trgt noch seine Eihlfte als runden Hut auf dem Kopf. Mit ihrem Gespann daherfliegend, eines Eies Geflgel, fhren sie abwechselnd Tag und Nacht herauf.
Jede Stufe hat ihre Dioskuren. Im Krper sind die Lebensnerven _paarig_ und _gegenstzlich_ angelegt, indem sie dem sympathischen und dem _para_sympathischen Nervensystem vorstehen. Seelisch sind die _zwei:_ Introversion und Extravertierung, in denen alles psychische Geschehen abwechselnd pulst als Entfaltung und Sammlung. Fr den Geist ist es jenes Gegensatzpaar, in dem alles verstandliche Denken zwangsmig verluft: die Antinomien der reinen Vernunft. Die Zweiheit und das Entzweite, doch sich feindlich Ergnzende sind immer der geoffenbarte Inhalt des Eies.
Nun ihr Verhltnis zu den Rennen: In dem eifrmigen Zirkus stehen fnf, sieben oder zehn Holzsulen, auf ihrer Spitze je ein Ei. Nach jeder Umkreisung der Meta, des Zielsteines, durch die rasenden Gespanne wird ein Ei von einer Sule entfernt. Es ist Anfang und Ende jedes Umlaufs, steht da von Anbeginn, lter als die Quadrigen, die in unbesiegbarer Werdelust aus den Carceres hervorbrechen wie die Wagenlenkerzwillingsgespanne aus dem Nemesis-Ei. Gleichen Schrittes laufen sie nebeneinander her. Ihre gedoppelte, auf dasselbe Ziel gerichtete Anstrengung ist es, was ihnen unberwindliche Raschheit gibt ...    Pfeilschnell fliegt das siegreiche Gespann dahin; pfeilschnell ist auch der Lauf der Erscheinungswelt. Die Raschheit, mit der die beiden Krfte die Schpfung fortreien, hat in der Schnelligkeit des Doppelgespanns seinen Ausdruck gefunden. In dem Fortgang der Bewegung kehrt das Gespann stets wieder zu seinem Ausgangspunkt zurck, wie die Kreislinie, deren Vollendung sich in dem Anfang verliert. Treibt die eine der Krfte gradaus, so lenkt die andre um und fhrt wieder zurck. Die Vollendung jedes Daseins ist eine Rckkehr zu seinem Beginn, und in jeder Entfernung vom Ausgangspunkt liegt zugleich eine Wiederannherung an ihn. Zwei Richtungen sind in ebenso unerklrlicher Weise miteinander verbunden wie die zwei Krfte selbst, denen sie entsprechen.    Dieses Kreislaufs Bild sind die Umlufe der Wagen, die mit hchster Schnelligkeit die Meten umfliegen, um zum gleichen Ausgangspunkt zurckzukehren und dann den gleichen Raum von neuem wieder zu durchmessen.    Dadurch wird nun zweierlei zur Klarheit gebracht: erstlich die Verbindung des Eies mit dem Wagenrennen des Zirkus, zweitens das Entsprechen, welches die Vollendung jedes einzelnen Kreislaufs mit der Wegnahme je eines Eies verbindet. _Mit jeder Rckkehr zum Ausgangspunkt ist eines Daseins Kreislauf vollendet, ein neuer im Begriff, anzuheben. Entstanden, gewachsen und verschwunden ist eines Eies Ausgeburt, ein Neues tritt an seine Stelle._
Immer zu Ehren eines groen Toten wurde dieses Gesetz des Seins als Wettrennen gespielt. Die ersten Olympiaden setzte der Sage nach Endymion ein, sein Grabstein war zugleich die Meta (Pausanias). Er hatte vollendet; nun mochten, wo er aufgehrt, andre beginnen. Ist aber Bewegung tiefstes Lebensgesetz, dann ist der Schnellste zugleich der Lebendigste. Alle Heroen waren berhmte Lufer, wie der schnellfige Achilles. Denn nicht eselhaft und widerwillig verspreizt unaufhrlicher Antriebe bedrfen, vielmehr von Tat zu Tat in der Zeit seiner Bestimmung zu strzen, ist Ruhm und Verhngnis des Geborenen. Heroen, Wettrennen und Pferde sind immer eng dem laufenden Wasser verbunden, so die isthmischen Spiele dem Poseidon, der gewaltig zeugenden Flut, wenn sie mit weien Gischtrossen die Erde umrennt. Doch alles dreht sich um das Ei. Im feuchten Tal zwischen Aventin und Palatin im frhen Rom hatte Murcia, eine aphroditische Urmutter, zusammen mit einem dmonischen Sohn-Geliebten ihren Dienst. Der ppige Wiesengrund trug den Gtterstein, die Metae Murciae: Zielsulen der Murcia, und dort war es, wo Tarquin seinen Zirkus errichtete. Die Verbindung der Rennspiele mit dem Wasser, mit Flssen, Smpfen, feuchten, grasreichen Niederungen tritt berall, auch in Rom, hervor; daher auch die Delphine als Zirkussymbol erscheinen. Der Gedankenkreis, in welchem sich diese Vorstellungen bewegen, beherrscht auch alle brigen Teile des Zirkus und die damit verbundenen Heiligtmer, Kulte, Einrichtungen. Die Naturkraft, in ihrer doppelten weiblich-passiven, mnnlich-aktiven Potenzierung, in ihrer zwiefachen uerung als belebende und zerstrende Macht, hat im rmischen Zirkus eine so vollkommene und so mannigfaltige Darstellung gefunden, dass er als wahres Pantheon gelten und von den Kirchenvtern den Glubigen ihrer Zeit vorzugsweise als unrein und als sorgsam zu meidende Sttte der heidnischen Dmonenwelt bezeichnet werden konnte.
Jede Faser am frhen Menschen vibrierte vor der Wirklichkeit des feindlich sich ergnzenden Bruderkrfte-Paares. Fr sein Gefhl fut jedes ttig nach auen, in die Zeit wirkende Leben so natrlich auf der groen _Zwei_, wie zwei Beine den Krper vorwrts tragen. Daher die Doppelherrschaft Romulus-Remus, die der dipusshne, auf deren Altar sich die Flamme in zwei ewig nach entgegengesetzten Richtungen wehende Sulen teilt, die _zwei_ Konsuln, die _zwei_ Knige Spartas, das Duumvirat so vieler Magistraturen, die Doppelkniginnen der Amazonenreiche. Jeder Instinkt fr Wirklichkeit, also Wirken, verfllt unwillkrlich auf die _Zwei_. Auch der alte John D. Rockefeller hat es im gigantischen Trust seiner Standard Oil nicht anders gemacht und sie Duumviraten unterstellt. Immer je _zwei_ Direktoren wurden von ihm fr jede der vier Standard-Abteilungen: lproduktion, Transport, Herstellung, Verkauf eingesetzt. Ebenso ist die hufige Doppelherrschaft von Bruder und Schwester an den verschiedensten Stellen der Erde ein Zeichen, dass sich etwas zentrifugal abgelst hat aus der Mutterhut. Wo hingegen die Macht des Eies berwiegt, findet sich immer eine Matrone als zugleich geistliches und weltliches Oberhaupt, wie in den groen nord- und mittelamerikanischen Mutterclans, heute noch in Assam und in manchen Teilen von Afrika. Inwieweit und ob die mnnliche Einherrschaft: das Vatertum des Knigs oder Tyrannen, vielleicht als Kontraimitation der ursprnglichen Mutterfamilie anzusprechen sei, kann hier nicht untersucht werden.
Unter der Dominanz des Eies berwiegt meist der friedliche Zustand uterinen Lebens, satt, wohlig, unaggressiv, doch festgeschlossen in der Abwehr gegen auen. Ein Eroberungskrieg ist im Mutterreich fast unbekannt, Verteidigung des heimatlichen Eies aber hartnckig und mutig. Es bleibt in gewissem Sinn stets Innenwelt, ber die der Mond, das Weibgestirn, Zeit und Ordnung giet; denn die Mutter ist eine mit Nacht vermischte Gestalt. Astronomisch registriert, ging die Sonne in der Zeit des Mutterrechts natrlich genau so auf und unter wie sonst auch, das Sinnenleben aber kmmerte sich einfach nicht darum; selbst fr die Pflanzen galt der Mond als Quelle des Wachstums, nach ihm richtete sich die Aussaat, seine Viertel ordneten Bruche, Versammlungen, Feste, seine Umlufe teilten das Jahr, die Seligkeit im Ei war seinem Rhythmus unterworfen, und die Nacht bevorzugte Zeit fr Rat und Versammlung.
Mit diesem Zustand sind jedoch alle Grade der Lebenshaltung sehr wohl vereinbar, denn er fand sich ebenso in hohen Stadtkulturen wie bei den Lykiern, Karern, Lydiern wie unter primitiven Indianerstmmen oder im Handel treibenden Tibet. Im Reich des mtterlichen Ur-Eies ist meist noch alles frei und gleich; es sind mehr oder weniger einerlei Kinder fast ohne Gesetze durch eine Art zauberhafte Blutwrme in Ordnung gehalten. Darum wurde dem Sklaven bei seiner Freilassung das Haar geschoren und dem kahlen, gleichsam neugebornen Kindskopf der Ei-Hut aufgesetzt. So, bedeckt mit dem mtterlichen Ur-Ei, kehrte er unter dessen Schutz wieder in den vorgeburtlichen Zustand der Freiheit zurck.
Auch unsre Art, zu gren, bezieht sich noch auf das Leda-Ei. Wer den Hut dabei abnimmt, markiert Ungleichheit, als wage er die Brderlichkeit dem andern gegenber nicht. Ausschlielich ein Mnnergru natrlich! Nie und nirgends noch war es bei Frauen Sitte, voreinander oder vor dem Herrscher, nicht einmal vor dem Allerheiligsten, den Hut abzunehmen. Weiber sind ja selbst der Hut: das Ei. Der Ausdruck unter einen Hut bringen gehrt vielleicht ebenfalls hierher. Das erzwungene Einbekenntnis der Ungleichheit vor dem Gesslerhut auf seiner autoritativen Stange: dem Phallus, kommt fr ein symbolempfindendes Volk sehr wohl dem Verlust der demokratischen Freiheit selbst gleich und vermag einen Krieg zu entfachen. Wie die Wettrennen, so sind nach neuestem Wissen auch die Ballspiele aus dem Ei-Kult entstanden, und nicht etwa zur Ertchtigung, diesem blen Zweckwort fr eine erfreuliche Sache.
Kricket und Fuball sind ursprnglich magische Praktiken mit dem Mond-Ei, um Rekonvaleszenz zu untersttzen. Die Huronen spielten mit solchen Mondbllen nach einer, unserm Fuball hnlichen Regel, wenn der Huptling erkrankt war; auch die Indianer Kaliforniens rannten und spielten mit Bllen, um den neuen Mond zum Wachsen anzuregen, hngt doch Wetter, Ernte, ja die Erneuerung des Lebens selbst bei Mutterrechtsvlkern von diesem seinem Wachsen ab, nicht vom mnnlichen Sol. Sie sagen auch, die Ballspiele seien zuerst vom groen Hasen, also dem Mond, gestiftet worden, mit seinen Eiern als Bllen.
Beim Heraufkommen des Vater- und Sonnenkults in der Antike hat sich das Mnnliche aus Trotz im Mythos vom Vogel Phnix ein Gegen-Ei zum Weiblich-Stofflichen, nmlich das Myrrhen-Ei der Unsterblichkeit, geschaffen. Im groen Phnix- und Sothisjahr, mit dem, nach Vollendung einer groartigen Sternen- und Schicksalsbahn, jede neue Weltperiode anhebt, erscheint der purpur-goldne Wundervogel mit einem Ei im Schnabel; das legt er auf den Sonnenaltar zu Heliopolis nieder. Aus Myrrhen und hohl hat er es gebildet. Es ist ein Ei und auch ein Sarg, denn seines Vaters Leichnam legt er hinein, doch unbeschwert bleibt das Ei wie zuvor. In der aufflammenden Myrrhe wird dann des Phnix-Vaters Leiche auf dem Sonnenaltar zu Leben verbrannt. Verjngt fliegt er aus der Asche ins neue Phnixjahr hinein. Die mtterliche Ei-Form ist also zwar noch beibehalten, doch den letzten Grund der Dinge enthlt sie nicht mehr; aus immaterieller Feuerkraft kommt die Befruchtung, durch die das Ei nicht schwerer wird. Hier folgt Vater aus Sohn, Sohn aus Vater, lichtgezeugt in stofflosem Strahl, immateriell, unbefleckt und mutterlos.

 Die Kaurimuschel
Es gibt _bedeutsame_ und _wirksame_ Symbole, diese gehren der Magie, jene der Religion an. Wie das Ei eines der bedeutsamsten, so ist die Kaurimuschel das am strksten magische der weiblichen Symbole, heibegehrt als Amulett und deshalb wohl die erste  _Weltwhrung_.
Sie galt schon zur Steinzeit und gilt noch heute bei fast allen Naturvlkern als  Scheidemnze im wahrsten Wortsinn: Sinnbild des weiblichen Genitals mit Kamm. Sie findet sich in palolithischen Hhlen, im prdynastischen gypten, in der Eisen- und Bronzezeit, in den Grbern Zentralasiens, wie am Kap Horn. Immer paarweise, die heilige weibliche Zwei, an Stirn, Armen und Beinen der Skelette befestigt. Auch der Warenverkehr zwischen Altgypten und Indien fand auf der Basis der Kaurimuschel statt. Die palolithischen Funde aber erweisen sie als wahrscheinliche Standard-Whrung der letzten zwanzig- bis dreiigtausend Jahre, nicht ihres realen, sondern lediglich ihres Bedeutungswertes wegen. Ihre hnlichkeit in Farbe und Form mit den weiblichen Geschlechtsteilen, ihre Herkunft aus den fruchtbaren Wassern, erfllt mit dem Rhythmus von Ebbe und Flut, der als mondbetont ja der Rhythmus der Geburten selber ist, machen sie zur Lebensspenderin und so sehr zum Abbild der groen Mutter selbst, dass die melanesische Aphrodite aus einer Kauri kommt. Rein zauberhaft ist ihr Wert. Denn die Australier, bei denen weder Produktionsmittel, noch Gter, noch Tausch irgendwelcher Art existieren, tragen dieses Amulett, wie die Frauen im verschtteten Pompeji es trugen.
Ennius nennt die Kauri: Matriculus, kleine Matrix. Sie hie auch porculus (Porzellan), was Vulva bedeutet; Tpferei, Muschel und Genital wurden gleichgesetzt. In Somaliland, Marokko, Zentralasien, Indien, Japan, China, Sdamerika, Australien, im Pandschab, in der Sdsee und der Tartarei wird sie gleicherweise als lebenspendendes Amulett gegen Sterilitt, Sonnenstich, bsen Blick, Menstruationsbeschwerden, Armut, fast jegliches bel, meist am Grtel, in der Nhe der Genitalien, und mit Schutzknoten um Hand- und Fugelenke getragen, von den splitternackten Sdseeinsulanern als einziges Ornament, von den Chinesen in die schwersten Seidengewnder eingenht.

 Rechts  Links
Nicht nur, dass frhe Kulturvlker, sondern auch die Primitiven der ganzen Erde viel mehr wissen, als sie dem Stand ihrer experimentellen Mittel nach wissen drften, ist lange eine uneingestandene Wahrheit gewesen. Wo man sie frher im Irrtum glaubte, hat es sich dann nicht selten herausgestellt, dass der Versager auf Seiten der Wissenschaft war. Edgar Dacqu hat fr diese Art Wissen das schne Wort Natursichtigkeit gefunden. Natursichtige Rassen schpfen aus einem unsichtbaren, der Ratio verschlossenen Reich hinter den intellektuellen Kulissen. Auf dieses Reich ist ihr ganzes, so unlogisches Handeln abgestimmt, das, fr den Verstand unbegreiflicherweise, dann die gewnschten Resultate erlangt.
Wohl berall und, so weit sich das beurteilen lsst, von je, gehrt Links der weiblichen, Rechts der mnnlichen Seite zu, wobei die Auszeichnung oder Missachtung der einen oder der andern von dem jeweils herrschenden Geschlecht diktiert, im Fall der milderen weiblichen Vormacht wohl eher nur  suggeriert wird.
Ethnologen, Folkloristen, Religionsbeflissene, sind sich darin ausnahmsweise einig, dass _rechts_ bei Eintritt einer solaren Kulturperiode die bevorzugte Seite wird, bei Mondkult und der Rechnung nach Nchten statt nach Tagen aber _links_. Dem mnnlich-solaren Christentum gilt die frher verehrte linke Seite daher fr dmonenverdchtig, hexisch und teuflisch, sie muss durch geweihte Gegenstnde erst entdmonisiert werden. _Links_ gleich linkisch, auch das franzsische gauche in dieser Doppelbedeutung, und _rechts_ gleich _richtig_ und _recht_ erscheinen als spte Umdeutungen.
Rechts und links sind kosmische Eigenschaften. Schon die Chemie zeigt, dass gewisse Verbindungen den polarisierten Lichtstrahl nach links drehen, andre nach rechts. Das Kolloide, Chaotische, nicht Auskristallisierte (Kristall ist die heroische Form der Materie) entspricht hier dem weiblichen Links. Dieser Urdualismus geht durch die andern Reiche der Natur, denn wie es linksdrehende chemische Verbindungen gibt, so auch linksspiralige Pflanzen. Wilhelm Flie{21} hat das Verdienst, als erster unter den wissenschaftlich Gebildeten bemerkt zu haben, was alle Intuitiven von je wussten, dass linke Mnner mehr nach der weiblichen Art tendieren. Bei vernderter innerer Sekretion beginnt die _Verweiblichung_ des Mannes stets auf der _linken_ Seite, die _Vermnnlichung_ der Frau auf der _rechten_. Aus der Asymmetrie, bedingt durch die Linkslage des Herzens, ist das nicht mehr zu erklren.
{21: Wilhelm Flie (18581928), deutscher Mediziner und Physiologe.}
Nach Ansicht des ganzen Altertums gehen die Knaben aus dem _rechten_, die Mdchen aus dem _linken_ Hoden hervor.
Bei zahlreichen Naturvlkern, so auf Celebes, reicht die Frau dem Mann die Essschssel nur von rechts, sie selbst isst von der linken Seite.
Im mutterrechtlichen Tibet drehen sich die Gebetsmhlen nach links. (Rockhill{22}, Land of the Lamas.)
{22: William Woodville Rockhill (18541914), US-amerikanischer Diplomat. _The Land of the Lamas: Notes of a Journey Through China, Mongolia and Tibet_ (1891).}
Im mnnerrechtlichen Frankreich bedeutet nicht nur gauche linkisch, sondern sinistre zugleich verhngnisvoll, unheilbringend.
In seinem Mutterrecht und der Grbersymbolik hat Bachofen sich um die Entsprechungen links = weiblich und rechts = mnnlich eingehend bemht. Er fasst die linke Seite als passiv, die rechte als aktiv auf. _In der Linken liegt die Zaubermacht, in der Rechten die uere Gewalt._ Zaubermchtig als Amulett oder herumgetragen bei Prozessionen wirkt im mutterrechtlichen gypten die _linke_ Isishand. Im Islam wird sie zur linken Hand der Fatima, der Tochter des Propheten, denn ganz ohne das Weibliche kommt keine Religion aus; musste doch sogar das Christentum sich die Herrin Ischtar auf der Mondsichel herberholen zu Vater und Sohn.
Zum Dank fr die Errettung aus dem Labyrinth durch Aphrodites Hilfe stiftet ihr Theseus auf Delos einen Altar aus lauter _linken_ Hrnern, um ihn tanzen die Jnglinge den Kranichtanz.
Die Pelopiden haben auf der _linken_ Schulter das Gorgonenhaupt als Zeichen mtterlicher Abstammung.
Da alle Arzneikunst von je weiblich ist, so hie der vierte Finger der _linken_ Hand medicinalis; er wurde den Gtterbildern mit Wohlgerchen bestrichen. In einer Flutsage vom Ursprung der Katze heit es: da sich in der Arche das Musepaar in unbescheidener Weise vermehrte, sah sich Noah zu Manahmen veranlasst und wandte sich an den Herrn. Der lie aus dem _rechten_ Nasenloch des Lwen einen Kater, aus dem linken eine Katze springen.
Schlielich scheint es der Beachtung nicht unwert, dass von allen frhen, also gefhlsechten Madonnen, etwa bis zur Renaissance, in Plastik oder Malerei das Kind fast stets auf dem _linken_ Arm getragen wird.

 Sumpf und Acker
Geil, faul, hemmungslos brodelt Laich und schlammiges Getier aus der anonymen Feuchte. Schilf schiet in Bscheln auf, Rhricht; aus dem Nabel wsseriger Blumen hngen nach unten gequollene Schluche. Hin und wieder birst eine Schleimblase in der lauen Nhrflut.
Im Sumpf bleibt die mnnliche Potenz unsichtbar, erkannt wird immer nur der mtterliche Stoff und seine Binsengeburt ..., so ist die Sumpfzeugung das Bild der regellosen, auerehelichen Geschlechtsmischung, wie der Ackerbau das Bild geordneter Besamung durch die Ehe ist, mit eindeutiger, zeitlich geregelter, wohlgeratener Frucht. Ur-Ei und Sumpf gehren zusammen. Alles Sumpfgetier, Frsche, Schildkrten, Enten, sind der groen Mutter, wo sie als Allumarmerin verehrt wird, heilig. Die Schildkrte hat die Erdschale aus dem Sumpf gehoben, trgt sie getrocknet auf ihrem Rcken, auf dieser Erdschale aber steht Aphrodite, begleitet von Binsenknaben und Nymphen, mit Schilfkronen im Haar. Am lernischen Sumpf werden fromme Geschlechtsorgien gefeiert, die groe Mutter von Mexiko hockt selbst als smaragdner Riesenfrosch auf ihrem Altar. In Indien, Mesopotamien, Kleinasien, gypten, Italien, Griechenland, um nur die wichtigsten Kulturlnder zu nennen, ist Sumpfkult das Sinnbild schrankenloser Vermischung. Am aufschieenden Lotos erkennt Isis den Ehebruch ihres Brudergatten mit Nephtis, und in dem langen, schilfhnlichen Haar der Schenkel bekundet Homer, nach Heliodor, seinen unehelichen Ursprung. (Bachofen.) Sari, der Nilschilf, heit Isishaar, und das Gesetz des Manu warnt bereits vor der Heirat in eine Familie mit starkbehaartem Krper, der ungeregelte Sinnlichkeit bekundet. Je nach der Einstellung mag der Sumpf als holde Feuchte oder Sndenpfuhl erscheinen. Das Deutsche setzt Hurkind (Horbarn, horgetimbarn) in Verbindung mit Horo, Horon, Sumpf, Kot. Auf hnlicher Idee beruht die gallische Vaterschaftsprobe am Rhein: die unechten Kinder versinken im Schlamm des Flussbettes, die echten erheben sich ber die Oberflche. (Grbersymbolik.) Der Ausdruck in die Binsen gehen gehrt wohl ebenfalls hierher. Und somit bringt der Sumpfvogel Storch eigentlich nur die unehelichen Kinder.
Der Sumpfkult ist beinahe prreligis. Er verehrt den Erdstoff selbst als uralten Fruchtbarkeitszauber. Fr ihn sind alle im Morast stelzenden, langschnabeligen Vgel, wie der indische Adebar, besonders aber der Knigsreiher Oknos, tiergestaltete Naturphalli. Die ersten Eimtter, etwa auf dem lykischen Harpyenmonument, auch die Sirenen, werden noch als halb Ur-Ei, halb Vogel mit Frauenkopf gebildet, und die Goldente Penelops ist mit Penelope, einer jener ewigen Weberinnen, die bei Nacht zertrennen, was sie bei Tag gewirkt haben, von gleicher Religionsbedeutung. (Grbersymbolik.) Blinde Begattung treibt auch noch Lamia, die groe Hetre, die whrend der Liebe die Augen im Beutel verbirgt.
Bachofen nimmt drei Hauptstufen menschlicher Entwicklung an. Zwei sind weiblich-stofflich, die Dritte mnnlich-geistig. Der ersten Mutterstufe mit ihrer aphroditischen Sumpfreligion entspricht eine Urzeit der ganz ungeregelten Geschlechtsmischung. Erst auf der zweiten Stufe steigt das eigentliche Mutterrecht in seine ganze Macht und Flle: das Eheliche. Im Religisen ist ihm der Demeter-Kult mit seinen Ackerbausymbolen, Festen und Riten, vor allem der Gesetzgebung, verhaftet. Was frher Sumpf mit Binsenknaben, ist jetzt Acker mit jungen Korngttern geworden, die anonymen Vorgnge im Trben werden sicher, geregelt und offenbar in der Arbeit des Pfluges. Die Rechtssprache bei Ehevertrgen entlehnt ihre Ausdrcke dem Ackerbau, spricht vom Pflgen und Bebauen des Sporium, der weiblichen Furche; sen und zeugen sind sprachlich schon das gleiche, beides heit: speirein. Der die Erde aufreiende Pflug wird gleich dem Phallus zum heiligen Symbol, denn Verwundung ist das Wesen der Liebe. (Plutarch.)
Auf der demetrischen Stufe erreicht das Mutterrecht seinen Gipfel. Es ist die Zeit, wo Frau, Gyne und Queen nicht nur sprachlich das gleiche bedeuten. Die Mutter ist der Inbegriff der Macht. Adel der Geburt wird ausschlielich nach weiblichen Ahnen bemessen. Wie aller Reichtum dem Stoffe entspriet, so gehrt alle Habe der stofflichen Frau, alles, was der Mann mit seinem Arm erwirbt, legt er ihr freiwillig in den Scho, denn nur dort trgt es sichere Frucht. Hierauf ruht alles Erbrecht im System der Gynaikokratie, denn der Sumpf schuf weder Werte noch Sicherheit, er war auch nicht adelig im Sinn einer Differenzierung, wie es der Acker ist. Schon bei Plato heit es, der Same werde durch den Boden, dem er anvertraut wird, gar oft zur Mutter Natur umgestaltet, nie aber gehe das Land in des Samens Art ber. Auf dieser Analogie basiert das alte Mutterrecht, das ja weder von der Spermazelle noch von der gleichen Anzahl Chromosomen bei der Zeugung etwas wusste. Tierzchter sind allerdings mutterrechtlicher Ansicht; bei den Pedigree eines Rennpferds, berhaupt Vollbluts, wird fast nur die Stutenlinie bewertet, dem Beschler geringerer Einfluss zuerkannt.
Im Matriarchat zhlt der weibliche Urgrund allein. Bei den Etruskern wird Tages aus der Mutterfurche hervorgeackert, und die jungen Korngtter Kleinasiens sind immer Sohngeliebte zugleich, denn herangereift, fllt ihr Same auf den gleichen Boden, dem sie entsprossen sind.
Sogar Rom, das sein Familienrecht und seinen Staat ganz auf die juristische Fiktion des Vaters aufbaut, kennt genau das cereale Recht, als jus terrae, setzt diesem zwar das jus seminis entgegen, rumt ihm aber manchmal den Platz. Ganz mutterrechtlich bleibt die Bestimmung: wer einen fremden Acker best, gewinnt die Frchte nicht, sie fallen dem Eigentmer des Grundstcks zu, und das gleiche gilt vom Bauen auf fremdem Grund.
Ackerbau und geregelte Geschlechtsbeziehung gehren dem gleichen Weltgefhl an, hierdurch entsteht jedoch ein Gegensatz innerhalb des Weiblichen selbst, denn Aphrodite hasst die Ehe. Nicht deshalb hat sie Helena mit allem Liebreiz geschmckt, damit sie in den Armen eines einzelnen Mannes verwelke. Jede dauernde Verbindung ist eine Verletzung des aphroditischen Rechts und muss geshnt werden. Das ist, nach Bachofen, der Sinn jener heiligen Geschlechtsfeste bei allen Vlkern, denen sich auch zur Zeit der Hochkultur keine Dame entziehen durfte. Beim bergang von der ersten zur zweiten Mutterrechtsstufe aber musste jedes junge Mdchen vor der Eheschlieung sich erst vom alten Naturrecht durch eine lngere oder krzere Periode der Prostitution loskaufen, meist in Form von Tempelprostitution. Spter wurde dieses Opfer immer mehr eingeschrnkt, sei es, wie in den nasamonischen Riten, dass alle Hochzeitsgste der Braut beiwohnten, und als letzter erst der Brutigam, sei es, dass der Loskauf in Form einer Stellvertreterin oder einer Opfergabe erfolgte, wie etwa durch Abschneiden des Haares.
Als vergleichender Rechtsforscher hat Bachofen diese Wandlung auch innerhalb des Dotalrechts verfolgt. Ursprnglich war die Mitgift das durch Hingabe des Krpers Verdiente, in der heiligen Prostitutionsperiode galt die solcher Art erworbene Summe als Abstandsgeld fr die Gottheit, bis das Mdchen schlielich im demetrischen Zeitalter Mitgift und Vermgen von der Familie erhlt, als Zeichen vlliger Befreiung von heiliger Prostitution.
Die Bedeutung der Mitgift einerseits, des Brautkaufs andererseits, schlielich auch der obligatorischen Tempelprostitution, gehrt zu den kompliziertesten und umstrittensten Fragen im Kulturwandel; sie so einfach von einem Gesichtspunkt aus ordnen zu wollen, geht wohl nicht mehr an.
Gegen die Theorie eines allgemeinen hetrischen Sumpfkults, wie ihn Bachofen annimmt, wurde und wird  uerlich  mit Recht viel eingewendet. Was den Hetrismus betrfe, so fnde sich vllig regellose Geschlechtsmischung nirgends, am wenigsten bei den ganz Primitiven. Was man frher dafr gehalten habe, auch das unterliege heiligen Beschrnkungen und oft feierlicheren Zeremonien als irgendeine Ehe. Freie Liebe sei nie restlos frei. Was aber den Sumpf als Religionsstufe angehe, so kme er fr Steppen-, Wsten-, arktische und alpine Rassen, die ihn nicht kennen, rein geographisch nicht in Betracht.
Sumpfzeugung im Sinne Bachofens ist eben auch eine _innere_ Wahrheit. Jede Zeugung ist ja ganz am Grund eine Sumpfzeugung. Wo eben auer diesem Sumpf, der holden Feuchte oder dem Sndenpfuhl, nichts mitwirkt aus andern krperlich-seelischen Bereichen, dort herrscht der Sumpfkult, mag die Umwelt geographisch auch zur Steppe gehren.
In der Gradation des Geschehens ist demetrisches Mutterrecht bei Bachofen die hchste dem Weiblichen erreichbare Stufe. Abgelst wird sie durch das mnnliche Vaterrecht. In ihm steht Geist gegen Stoff, Tag gegen Nacht, Sonne gegen Mond. Jedes Heroenzeitalter ist das des eigentlichen Kampfes zwischen den beiden polaren Mchten MannFrau, mgen die reprsentativen Sonnenhelden Herakles, Perseus, Achill, Mithras, Christus oder wie immer heien. Mit dem Vaterrecht beginnt der eigentliche Aufgang des Abendlandes, dessen Untergang wir jetzt lesend genieen, aber weniger genieerisch erleben. Gesichert wurde dieser Aufgang erst durch den Sieg Roms ber Karthago, der hetrisch gerichteten Dido-Stadt mit ihrem Astarte-Kult. Das gehrt zu Bachofens Komplex: asiatischer Romantizismus.
Seine Antithese von Vater- und Mutterrecht = GeistMaterie, liee sich auch ganz anders formulieren; dann stnde Geist gegen Seele, graue Hirnrinde gegen Zirbeldrse.
Die drei Stufen: zwei weiblich-materielle, eine mnnlich-geistige, steigen nicht friedlich auseinander auf, jede frhere welkt auch nicht von selbst ab, sie wird vielmehr infolge von berspannung ihrer Macht gewaltsam berwunden. Durch rastlosen geschlechtlichen Missbrauch in der Zeit des Hetrismus emprt oder zu Tode erschpft, setzt angeblich zuerst die Frau in ihrer Sehnsucht nach reinerem Dasein, unter langen Kmpfen die geregelte Ehe durch, steigt dann whrend der demetrischen Periode zu solcher Herrschaft auf, dass sie nun wieder ihrerseits den Mann versklavt und selbst zur Amazone oder Omphale entartet. Nun folgt im Heroenzeitalter die mnnliche Gegenbewegung, einsetzend in der klassischen Welt mit Perseus, Herakles, Theseus, Bellerophon. Sie bringt, wenigstens auf europischem Boden, mit Rom den endgltigen Sieg des Vaterrechts.
An diesem Wandelbild menschlichen Werdens fllt die rhrende Einfalt mancher Begrndungen seines Wandels auf, etwa die von der ersten aphroditischen zur zweiten demetrischen Stufe. Das nimmt Bachofen natrlich nichts von seiner Gre, the great learned Swiss nennen ihn die Englnder, es fixiert diese Gre nur an eine genau umrissene Stelle in der Zeit, wie ja in allen Reichen der Natur auch die mchtigste Einzelerscheinung stets irgendein Merkmal der Zeitsignatur an sich trgt. In diesem Fall heit sie: klassisch-romantische Brgerlichkeit.
Nach einem beilufigen Rundblick ber die unklassische Vlkerkunde soll Bachofen in dem Kapitel Theorien ber das Mutterrecht mit diesen noch einmal konfrontiert werden, hat er doch vor siebzig Jahren jenes Mutterrecht entdeckt, dessen Ursprung und Bedeutung seither zum Zentralproblem der Kulturgeschichte geworden ist. Bei ihm gibt es noch keine Urhorde, er wei noch nichts vom Langhaus der Primitiven, von Totem und Tabugesetzen, noch von jener Vollmagie, auf der vier Fnftel aller kultischen Bruche beruhen. Wohl wird jetzt von vielen Seiten in den psychischen Dschungel eingedrungen, Bachofen aber tat es auf seine eigene, unnachahmliche Weise; mit einer Belebung von innen her. Mit einer Art von drittem, fhlendem Stirnauge sah er unerschpfliche Entsprechungen. Wer die Feuilleton-Antithese: apollinischdionysisch loswerden will, mit der Nietzsche einer ganzen Generation die tieferen Zugnge verstellt hat, lasse sich von Bachofen fhren. Er hatte nicht nur Format, er vermochte es auch auszufllen.


 Die magische Menschheit

    Leichter vom Biss einer Kobra geheilt als vom Blick einer zornigen Priesterin.
    _Afrikanisches Sprichwort_

    Der Glaube des Andern heit Aberglaube.

Gegen den verfehlten Ausdruck Naturvlker ist nicht mehr aufzukommen. Also mge er hier zuweilen weitergebraucht werden, doch mit einer gewissen reservatio mentalis, nmlich nie im Gegensatz zu irgendwelcher Kultur, weil da kein Gegensatz besteht, hchstens zur Zivilisation; denn fhrt man diese an hochkultivierte, wie unkultivierte, begabte, wie unbegabte Naturvlker  es gibt beides  von auen heran, so verfallen sie ihr zwar, verfallen aber, in Ruhe gelassen, nicht von selbst auf sie. Versiegen bei nachlassender Rassenkraft ihre Impulse, so verwesen solche Vlker vielleicht bei lebendigem Leib, aber die Regression ins Anorganische, zu Rechenschiebern oder sonstwie nummernartigen Produkten scheint ihnen von innen heraus nicht zu drohen, weil bei ihnen keine Massenbildung auftritt.
Auch die Bezeichnung Primitive ist eigentlich fehl am Ort. Die meisten sind Platoniker. Haben ganz unabhngig, rein intuitiv die Ideenlehre entwickelt, welche nicht wenigen Zivilisierten, trotz heiem Bemhen, verschlossen bleibt; mehr noch: sie sind vom Platonismus _durchdrungen_. Ein Maori, von Missionaren befragt, was er damit meine, dass alles beseelt sei, erwiderte wrtlich: Wenn etwas nicht vom Schatten eines Gottes besessen wre, knnte dieses Ding keine Form haben.
Viele Primitive kennen und benennen die zartesten psycho-physischen Unterschiede von Wirkungsstrmen, Krften, Strahlen, Wellen zwischen Geschpf und Geschpf, fr die unsre Nerven zu stumpf sind, _unsre Instrumente soeben erst fein genug werden_. Dr. Cazzamalli, Professor an der Universitt Mailand, ist es bei seinen Versuchen in den Jahren 192324 gelungen, zerebrale Radiowellen, die von Sensitiven in hellseherischem Zustand ausgehen, zu registrieren und hrbar zu machen; also Ausstrahlung von besonderen Gehirnwellen, wie sie _nur_ bei telepsychischen Phnomenen auftreten. In der Isolierkammer erzeugen sich dann elektromagnetische Oszillationen in direkter Abhngigkeit von hellseherischen Zustnden der Versuchsperson. Prasselgerusche, Zischen, Tonmodulationen im Apparat (Hrer) setzen sofort aus, sobald sich die Television des Hellsehenden auflst. Bei _schpferischen_ Akten knstlerisch oder sonst hochbegabter Versuchspersonen _nicht_ medialer Veranlagung zeigt sich nur eine sehr geringe Beeinflussung des Apparates, bei Schwachsinnigen gar keine, genau wie bei den Intellektuellen. Die Fachsprache der Naturvlker fr solcher Art Gefhltes, unsichtbar Wirkendes ist nicht weniger przis gestuft als etwa das Sanskrit fr die Philosophie. Das alles besteht sehr wohl mit Kopfjgerei, Blutorgien, Menschenopfern zusammen, bedingt sie sogar gewissermaen. Diese Menschen sind ihrer Mehrzahl nach auch mit dem zweiten Gesicht begabt, haben Ahnungsorgane, axiomatische Botschaften von Entsprechungen. Wer mchte solches primitiv nennen! Ihre Kompliziertheit ist nur ganz anders gelagert als bei uns. Nicht rational.
Was aber knnte platterdings primitiver sein als so mancher Graue-Hirnrinden-Helot, eingeengt in seine festgefahrenen Denkgeleise, abgezweckt auf Nutzeffekt.
Dies soll nicht dem Thema: Wir Wilden sind doch bessere Menschen, sondern nur der Einsicht dienen: wer in die Rtsel der Mutterreiche auch nur hineinahnen will, wird gut tun, alle verstandlich banalen Denkketten drauen zu lassen.
Dass die Konstanz der Natur eine Illusion ist, wissen wir zwar, machen aber selten von dieser Einsicht Gebrauch. Keine engere Verblendung als etwa unser wissenschaftliches Weltbild fr objektiver, wahrer zu halten als ein anderes, weil die Wahrnehmung hier auf eine bestimmte, objektiv genannte Weise verengt wird, etwa auf das Ablesen der Zahlen von Messinstrumenten, whrend die ganze brige Persnlichkeit dabei absichtlich ausgeschlossen bleibt. Bei der sogenannten streng wissenschaftlichen Erkenntnis wird nur ein andrer Teil des Subjekts in Ttigkeit gesetzt und ergibt eine anders gerichtete Einseitigkeit im _Subjektiven_ oder mit den Worten Edgar Dacqus{23}, des Neubegrnders dieser Einsicht: Es zeigte sich jedesmal, dass das Existente, in Teile und Atome aufgelst und danach wieder aus den Teilen und Atomen aufgebaut, lediglich eine in die Denkform von Quantitten, bewegten Krpern und Raumentfernungen bersetzte Systemisierung war und so zu einer Art allegoriehafter Symbolik wurde. Jedoch nun nicht eine Symbolik, die inneres Leben unmittelbar zum Ausdruck brachte, sondern larvenhaft war.
{23: Edgar Dacqu (18781945), deutscher Palontologe und Religiosphilosoph.}
Ein larvenhaftes Weltbild fr Larven. Seine Groartigkeit soll damit durchaus nicht geschmlert werden. Wie jede Askese hohen Stils  es gibt auch ordinre, verbldende Askesen , hat gerade dieses einseitig ins uerste Treiben einer besonderen Betrachtungsart dort drauen, am uersten Ende des Denkstrahls, Ekstasen aus eisiger Phantastik erzeugt, Visionen wie nur je ein Geheimwissen, denn das ist sie, unzugnglich hinter ihren Differenzialgleichungen in einer Exklusivitt, wie sie kein Hochgrad eines Ritterordens je besa.
Wo dieser Graue-Hirnrinden-Fanatismus aber nicht hinter dem Stacheldraht seiner Gleichungen bleibt, wirkt sich seine grandiose Einseitigkeit fr die Sinngebung des Gesamtlebens notwendig tragisch aus, wie in der Astronomie mit ihrer Leere, de und Bezugslosigkeit zum brigen Dasein. Das Weltbild eines Monstrums, wie es J. von Uexkll{24} genannt hat. Da hngt grotesk ein unbetrchtliches Etwas an einem fabriksschlotlangen Auge, das zu seinem brigen Organismus in keiner Weise passt, sammelt in dieser knstlichen Gigantenlinse, was nur einem ganzgewachsenen Giganten anstnde. Ein Wesen, auf natrliche Weise mit solchem Teleskopauge begabt, htte doch im brigen uns vllig unvorstellbare Sinne  gewiss eine andre Zeit , die ihm wieder einen harmonischen Kosmos schfen. Dies ungefhr Uexklls Gedankengang. Hier und jetzt aber hat das Mnnliche in einer rabiat groartigen Organprojektion sich einen knstlichen Hirnphallus aus Stahl und Glas riesenhaft an den Kopf gesetzt, der ihm eine monstrs-unpassende Umwelt erzeugt, wie er selbst mit dem phallischen Riesenrefraktor vor der Stirn zum unpassenden Monstrum wird. Nicht als ob jener Ausschnitt im Teleskop nun richtig wre und der Rest _noch_ falsch, vielmehr: zwei subjektive Bilder widersprechen einander, weil nicht zusammen geboren. Goethe wusste sehr wohl, warum er nie durch ein Fernrohr schauen wollte.
{24: Jakob Johann von Uexkll (18641944), deutscher Biologe, Zoologe und Philosoph.}
Im Gegensatz zum gradfort strzenden Geist lebt Seele gesammelt in einer Welthhle, von fester Himmelsschale der oberen funkelnden Eihlfte gern umschlossen, dass nichts von ihr entweiche. Fr diesen weiblich gebildeten Kosmos hat Frobenius{25} das Wort hhlenhaft geprgt; in seinem Sinn will es hier verstanden sein, nicht aber als Spenglers magische Welthhle, die dieser einer einmaligen, von den Arabern getragenen Hochkultur zuspricht.
{25: Leo Frobenius (18731938), deutscher Ethnologe.}
Alle Mutterreiche sind vorwiegend uterin empfunden. Nichts irrt und strebt da ins _unendlich Leere_, alle Kreatur bleibt von einer unbewussten Eihaut umspannt, dafr im _unendlich Erfllten_. _Lebensdichte statt Lebensferne._ Das Weltei ist durchpulst von einem seelennhrenden Allfluid; jedes Wesen da drinnen wirkt auf das andre mit einer uns unvorstellbar ziehenden Kraft, wie sie vielleicht ungeborne Zwillinge aneinander spren.
Lvy-Bruhl{26} und die moderne franzsische Schule fanden zuerst, dass die Naturvlker (der Welthhle) infolge dieser pulsierenden Dichte in metaphysischen Kollektivvorstellungen leben. In diesem uns vielleicht infolge Verdrngung der Zirbeldrse durch das Grohirn nicht mehr zugnglichen Reich spielt sich das Wesentliche ihres Daseins ab. Daher ist auch ihr System von Ursache und Folge gar nicht berschaubar, weil bezogen auf jene zweite, hintergrndige wogende Wand. Es ist eine andre Kausalreihe im Unsichtbaren; die uns offenliegenden Tatsachenketten weist er (der Primitive) zurck.
Da uns aber jene zweite, allfluidische Seelenwelt verschlossen bleibt, in der Ursachen gesehen, in die Wirkungen hinbergezielt werden, so erscheinen uns die angewandten Mittel ber alle Maen lppisch. _Es sind die Mittel der Magie._ Sie setzt eine uns verborgene, aber axiomatische Beziehung vor die sinnliche.
{26: Lucien Lvy-Bruhl (18571939), franzsischer Philosoph und Ethnologe.}
Der magische Mensch lebt jedoch nicht etwa im bersinnlichen, nur im Anderssinnlichen. Fr ihn ist Zauber nicht Zauber, sondern das natrliche Ausntzen und Dirigieren von Krften. Fr ihn ist wieder unsre Technik, deren Zustandekommen er nicht begreift, zaubern. Wir zaubern ja auch, wenn zaubern heit: mit unbekannten Krften operieren. Elektrizitt ist auch eine okkulte Kraft, wir wissen nicht, was Elektrizitt ist, die Theorien wechseln alle zehn Jahre von Grund auf, aber die praktische Anwendung wchst und erweitert sich durch die Erfahrung. Zaubern ist Erfahrung und Machtwirkung mit Krften, deren Wesen unbekannt ist, also  _alles_.
Magie und Wissenschaft ist es ferner gemeinsam, dass sie beide eine Gesetzmigkeit im Ablauf des Geschehens voraussetzen, gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen, das Bezugssystem ist nur ein anderes. S. Reinach{27} hat Magie die Strategie des Animismus, Hubert{28} und Mauss{29} haben sie die Technik des Animismus genannt. Beschwrung, Zauberei sind fr den magischen Menschen Praxis, nicht Spekulation. Was dieser Praxis zum Grunde liegt, sind fr ihn gar nicht zu diskutierende Axiome seines Bewusstseins. _Magie selbst ist eine Erfahrungswissenschaft des zweiten Gesichts_ und ruht auf dem Gefhl fr einen Seelenstoff, verschieden von der Einzelseele; auf einer durchwaltenden Kraft und, im Gegensatz zu unbelebten Naturkrften, einer lebenden kosmischen Potenz, mag sie nun Manitu, Orenda, Wakonda, Mana heien. Einem magischen Menschen die Existenz dieser lebendigen Fluida, in deren Wirkungswelt er atmet, ausreden wollen, wre ebenso aussichtsreich, als wollte irgendein vllig anders organisierter Jemand uns die Existenz der Luft ausreden, whrend wir, zuhrend, bei jedem Atemzug unsre Lungen mit ihr fllen.
{27: Salomon Reinach (18581932), franzsischer Archologe, Philologe, Kunsthistoriker und Religionswissenschafter.}
{28: Henri Hubert (18721927), franzsischer Archologe und Soziologe.}
{29: Marcel Mauss (18721950), franzsischer Soziologe, Ethnologe und Religionswissenschafter.}
Fr den magischen Menschen bewhrt sich Magie, denn sein Kosmos funktioniert, wiewohl es nach unsern Begriffen unmglich scheinen sollte, mit so irrwitzigen Mitteln irgendwelche, fr das praktische Leben brauchbare Resultate zu erzielen. Frazer{30} glaubte die Entstehung der Religion aus dem Versagen der Magie erklren zu sollen; von ihr enttuscht, htte die Menschheit sich nun an Gtter zur Erreichung ihrer Ziele gewandt. Diese Ansicht ist von Beth{31}, der Religion, wohl mit Recht, aus grundverschiedener Schpferkraft ableitet, schon damit einleuchtend widerlegt worden, dass kein Magie treibendes Volk diese je aufgegeben hat, trotz aller Religion.
{30: James George Frazer (18541941), schottischer Ethnologe und Klassischer Philologe, Mitbegrnder der Religionsethnologie.}
{31: Karl Beth (18721959), deutscher Theologe und Religionswissenschafter.}
Im ganzen Stillen Ozean heit eines dieser unsichtbaren Materialien der Magie: Mana. Codrington{32} sagt von ihm: Es wird fr ein Etwas gehalten, verschieden von den gewhnlichen Naturkrften, und kann Gutes wie Bses wirken, weil es unpersnlich ist. Sein Besitz gereicht zum grten Vorteil. Mana ist an nichts festgebunden, kann berall hin mitgeteilt werden. Geister, vom Krper getrennte Seelen, hhere Wesenheiten besitzen es in Flle. Es geht von persnlichen Existenzen aus, kann sich aber vermittels Wasser, Steinen, Knochen usw. uern; auch Wortfolgen, Zauberlieder sind Mana und machtvoll, wenn sie den Namen eines Geistes enthalten. Hat jemand Mana bekommen, so kann er es wie immer gebrauchen. Findet jemand einen Stein ungewhnlicher Gestalt, von dem er glaubt, er sei Manatrger, so macht er die Probe, legt ihn unter einen Baum; bringt dieser berreiche Ernte, so ist der Stein Manavehikel und kann auch andern Steinen Mana bermitteln (Magnetismus, Induktionsstrme). Manahaltige Personen verdingen sich um hohen Lohn. Auch in Europa taugen ja nur bestimmte Leute zu Grtnern, weil Pflanzliches in ihrer Hut gedeiht. Mit Mana kann man Regen machen, die Naturkrfte beherrschen, Krankheiten erzeugen und beseitigen, es ist im Guten wie im Bsen anwendbar, von wunderbarer, unerklrlicher Wirkung, aber nur quantitativ, nicht qualitativ vom Gewhnlichen verschieden, vielmehr seine machtvolle Steigerung.
{32: Robert Henry Codrington (18301922), anglikanischer Priester und Anthropologe. Seine Studie der melanesischen Gesellschaft und Kultur gilt als ein Klassiker der Ethnographie.}
Dann gibt es den individuellen Seelenstoff, wie er an allen Ausscheidungen, Abfllen von Haaren und Ngeln, an allen in der Hand oder am Krper getragenen Gegenstnden haftet. Von diesem Seelenstoff entwendet der feindliche Zauberer, um mit ihm schdigende Praktiken zu treiben (pars pro toto). Nach dem entschwundenen Teil des Seelenstoffes wiederum sucht der befreundete Zauberarzt oder lockt den Entwendeten durch nahegebrachte frische Teilchen; folgt der entwendete Seelenstoff nicht, so muss der Patient sterben. (Beth.)
Nun ist es sehr lehrreich, zu beobachten, wie alterfahrene, ruhige Farmer und Kolonisten, recht nchterne Kostgnger, wenn sie einmal jahrelang in solcher Umwelt gelebt haben, ihr Verhalten zu ndern beginnen. Leute, die hier in Europa nur an die Hchster Farbwerke glauben, verwenden dort statt Chemikalien unweigerlich den Schamanen, gilt es, Insektenschwrme von ihren Plantagen abzulenken. Sie lassen Lwen mit Fernbann belegen, vertrauen auch ruhig dem Jagdzauber ihrer eingebornen Begleiter, die mit tagelangen grotesken Riten und Bruchen unbekannter Fernsuggestion die Beute zwingen, ihnen an bestimmten Stellen ber den Weg zu laufen, als knne kein Geschpf in dieser magisch-uterinen Lebensdichte sich recht gerichteter Einflussstrme anderer erwehren. Und wer mit Verstand lange unter Malaien gelebt hat, lernt es, nicht leichtfertig Rachegelste Eingeborner und damit den Ttungszauber durch Defixionspuppen auf sich zu ziehen. Vielleicht hat er zu oft bemerkt, dass die Gehassten dann schwer erkrankten, oh, gewiss an einem ganz normalen Leiden, ihm aber schien das nicht gengender Beweis gegen den vermuteten Zusammenhang. Der bessere schwarze Magier mordet durch natrlichen Tod. Arsenik in den Kaffee zu schtten, bringt schlielich eine mechanisierte Hausgehilfin auch zustand. Alles recht unwahrscheinlich! Zugegeben, aber mit den Verhltnissen ndern sich die Probabilitten. Tropenneurose! Regression ins Infantile! Wenn man will. Solche Dinge lassen sich nie endgltig beweisen, nie endgltig widerlegen. Dass Primitive nach bertretung einer ihrer Tabuvorschriften oft innerhalb weniger Tage  vielleicht infolge Autosuggestion  sterben, ist von Missionaren und Ethnographen hufig beobachtet worden. Ein australisches Kind, gefragt, warum es so bedrckt sei, erwiderte, es habe ein Stckchen vom weiblichen Beuteltier, dem Totem, gegessen und sei nun verloren. Wenige Tage darauf starb es, ohne sichtliche Erkrankung. (Lvy-Bruhl.)
Was gilt nun bei solchen Axiomen als Verbrechen? Mord ist oft durch eine kleine Entschdigungssumme an die Familie zu begleichen, whrend das Essen einer Kokosnuss an einem bestimmten Tag mit dem Tod bestraft wird. Der Mord war Privatsache, die Verletzung einer Tabu-Vorschrift des ganzen Stammes Gefhrdung.
Was Fernwirkung auf Tiere betrifft, so haben Versuche mit Pferden sogar in Gegenden aus armiertem Beton einen verblffenden Effekt gehabt. Wurde Pferden eine gewisse Bewegung anbefohlen, so zeigte sich, dass in weitabliegenden Gestten andre Pferde anfingen, die gleichen Bewegungen zu gleicher Zeit mitzumachen. Steinzeitliche Tierdarstellungen auf Felsen oder in Hhlen sind schon lngst, wiewohl sie ausgezeichneten Stil haben, nicht mehr als Kunst, lart pour lart, sondern als Jagdzauber erkannt worden.
Auch totemische Riten werden nur aus dem Teilhaben an Wesenheiten, die wir nicht kennen, wenigstens erahnbar. So hat jeder magische Mensch hohen Stils an drei Totems teil: am Stammestotem, dem weitaus wichtigsten, dann, je nach seinem Geschlecht, an einem mnnlichen oder weiblichen Totem, schlielich aber erwirbt jeder bei der Reife mit seinem neuen Namen zugleich seinen Privattotem, den er selbst in sich zu finden hat.
Das Tagesleben des Naturmenschen ist, als prlogisch und bilderdurchstrmt, gerne mit unserem Traumdasein verglichen worden. Es wurde auch, was dem Materialismus nahelag, versucht, allen Geisterglauben aus dem Traum abzuleiten. Da der Primitive Traum von Wirklichkeit nicht unterscheiden knne, habe er, von Verstorbenen trumend, diese eben als weiter existierend und real vorhanden betrachtet. Nun haben Naturvlker aber eine Traumkultur und eine Traumwissenschaft, so fein gestuft, wie sie sich die Psychoanalyse wnschen knnte. Lvy-Bruhl sagt darber: In erster Linie unterscheiden sie die Wahrnehmungen, die ihnen in ihrem Traum zuteil werden, sehr wohl von denen, die sie im Wachzustand empfangen, mgen die beiden im brigen auch noch so gleich sein. Sie erkennen sogar sehr verschiedene Kategorien von Trumen an und legen ihnen mehr oder weniger Wert bei. Die Ojibways (N.-A.-Indianer) haben ihre Trume in verschiedene Klassen geteilt und einer jeden einen Namen gegeben. Der vortreffliche Bischof Baraga hat in seinem Sprachwrterbuch die Namen der Indianer fr einen schlechten Traum, fr einen unreinen, fr einen unheilvollen Traum, auch fr einen guten und glcklichen Traum zusammengetragen. (Kohl.{33}) Die Primitiven bringen also in der vollen Erkenntnis der _Ursache_ und mit _Bewusstsein_ der einen Art Wahrnehmungen ebensoviel Glauben entgegen wie der andern. Die Illusionstheorie ist unzureichend. Wie geht es zu, dass sie trotz ihrem Wissen um die _bloe Getrumtheit des Traumes_ sich dennoch auf ihn verlassen? Dies zu erklren, ist es wieder unumgnglich ntig, die mystischen Kollektivvorstellungen in Berechnung zu ziehen, die aus der Wahrnehmung wie aus dem Traum etwas schaffen, das von dem, was diese fr uns bedeuten, ganz verschieden ist.
Aus Schlafmagie erwchst ja auch die Ehe. Ehe heit zusammen schlafen. Was in diesen acht aus je vierundzwanzig Stunden unbewusst zusammengelebt wird, ist das Bindende, nicht was bei Tag, wachbewusst, zusammengeredet wird.
{33: Johann Georg Kohl (18081878), deutscher Reiseschriftsteller.}
Magie ist Besitzergreifung der Umwelt nur mit anderen Mitteln. Mit den magisch richtigen Mitteln. _Diese aber sind, weil an Begabung gebunden, in hohem Ma Sondergut einzelner oder einer Sippe._ Solche Gabe, durch Opfer, Bruche, Weihen, rituelle Orgien gepflegt und erhht, bedarf noch einer besonderen Lebensweise in Permanenz, denn alles muss lange in einer Richtung betrieben werden, ehe es Resultate ergibt. _Jede Esoterik ist ihrem Wesen nach asozial, sozial erst in ihren Auswirkungen._
Magie fhrt also zu Priestertum. Es wird Clangut, _notwendig Frauengut_; denn wer verstnde sich aus ureigenstem Organgefhl heraus wohl besser auf jene geheimnisvollen Lebensstrme, naturhaft-nhrenden Arkana, die den uterinen Kosmos durchfluten, als jene, deren Abbild er ist. _Frau und Welt sind Entsprechungen, man kann die eine fr die andre setzen, und beider Gezeiten, Rhythmus und Flutwelle des groen wie des kleinen Eies lenkt der gleiche Mond, der sie als Schicksal riesengro umleuchtet._ Dieses Weibgestirn regelt die Wasser des Ursprungs. Nach zehn seiner Umlufe wird jeder Mensch in die Zeit: das Schicksal, entlassen.
Fr eine magisch natursichtige Menschheit muss der priesterliche Wert der Frau hoch ber dem Sexuellen stehen, beide bleiben an die Mutterimago in hohem Grad fixiert. Wer am lngsten Weib ist, im Weibswesen aus Blut und Mondmagie am erfahrensten, der herrscht. Also herrscht die _Matrone_. Die sechzehn elischen Matronen und jene auf den Balearen trennen die streitenden Heere und gebieten Frieden. Das gallische Matronenkollegium hat als inappellable Instanz die letzte Entscheidung im Hannibalischen Vertrag. Csar berichtet, wie die weisen Frauen dem Heer des Ariovist den Kampf vor dem Mondwechsel verbieten; in Peru wie in Assyrien, im alten Karthago wie im heutigen Mittelamerika, in Afrika und auf Sumatra bilden Matronen die Priesterkollegien, und stets heien sie Mtter, denn auf der Ehrwrde liegt der Akzent; auch die delphische Pythia musste eine Witwe sein, wie die am Amazonas, in Patagonien, bei den Abiponen; die weiblichen Geheimbnde der ganzen Erde werden von Greisinnen gelenkt. Der Globus war einmal so berschwrmt von alten Priesterinnen, wie in einer anderen Zeit mit jungen Eroberinnen zu Pferd. Opfern, Besprechen, Bruche ben, Heilkunst, Prophetie, Zauber brauen, der ber Felder geschttet wird, das war immer in den Hnden der Frau und ihr streng gehtetes Wissen. In Nord-Borneo haben die Frauen eine eigene Priestersprache, unverstndlich dem Laien, gleich unserem Kirchenlatein. Frher Gottesdienst ist weiblicher Geheimkult von China ber Irland bis Kalifornien, von Alaska bis zum Kap Horn; bei kultivierten wie barbarischen Vlkern. War je ein Ausspruch unangebracht, so das: mulier taceat in ecclesia.{34} Ohne mulier gbe es gar keine ecclesia, sie ist ihr Werk. Priesterinnen lenken Feuer und Wasser, manchmal mit gefesselter, manchmal mit entfesselter Sexualkraft, durch Jungfrulichkeit oder heilige Prostitution unter gottesdienstlichen Zoten.
{34: Die Frau schweige in der Kirche (Paulus, 1. Korintherbrief).}
Zu Frazers Lieblingsstudien gehren schon lange priesterliche Frauensippen. Er hat die Vestalinnen in den beiden Amerika, in Afrika, dem archaischen Italien mit seiner beispiellosen Grndlichkeit zurckverfolgt bis zum Zenit ihrer Macht. Sogar in der mnnerrechtlichen Hochphase des republikanischen Rom bahnten ihnen Liktoren, wo sie gingen, den Weg. Konsuln und Prtoren wichen zur Seite, neigten die Embleme vor ihnen. (Plutarch.) Bei den Zirkusfesten saen sie auf erhhtem Ehrensitz, wie die Priesterin der Demeter bei den Olympischen Spielen. Jede Beleidigung einer Vestalin wurde mit dem Tod bestraft. Keinem Menschen untertan, der vterlichen Gewalt entzogen, blieben sie vllig frei.
Ursprnglich waren die Vestapriesterinnen Gattinnen des Knigs von Rom gewesen, als dem Reprsentanten der Gottheit; durch die Ehe mit ihnen wurde er erst legitim und sakrosankt. Sie werden ja auch fter als Mtter rmischer Knige erwhnt. Servius Tullius galt als Sohn einer Vestalin und eines feurigen Phallus, der aus der heiligen Flamme gegen sie zngelte.
Heliogabal, der Verworfenheitssnob, wre recht klein geworden, htte er erfahren, dass jener Frevel, von dem er so viel hielt: der Sexualverkehr mit einer vestalischen Jungfrau, nichts war als eheliche Pflicht, wie seine Vorgnger, die rmischen Priesterknige, sie zu leisten pflegten. Da es aber damals Sir James Frazers Magical Origin of Kings nicht gab, wusste man eben noch zu wenig ber das prhistorische Rom, und die Blamage kam nicht heraus.
Die Vestalinnen hatten Feuer und Wasser zu regulieren, vornehmlich den Stand des Tiber. In selbstverfertigten Gefen, der Numa-Keramik, aus besonderen Erden unter bezaubernden Bruchen gebrannt, schpften sie von der heiligen Quelle auerhalb der Porta Capena Wasser fr jene, der Feuchtigkeit und Lebensordnung dienenden Tempelriten. Nichts, was durch profane Wasserleitungsrohre geflossen, durfte verwendet werden. Vielleicht bringen nur lebensnahe Menschen, die um solche Feinheiten wissen, auch etwas mit der Natur auf magische Weise zustand.
Reinheit regelt, Orgie entfesselt. So erzhlt H. Junod{35} von den Regenmacherinnen der Baronga, eines sdlichen Bantustammes: Die Frauen ziehen sich splitternackt aus, legen dann Haarschmuck und Grtel aus einer besonderen Schlingpflanzenart an. Unter eigenartigen, erregenden Schreien wird eine Prozession geformt, werden Lieder von einer abstoenden Obsznitt gesungen, und wird zu einer Htte gezogen, wo eine Frau Zwillinge geboren hat. Diese Frau besprengen sie mit Wasser. Dann geht es unter obsznen Gesngen und Tnzen von wilder Perversion zu den Quellen, die auf zeremonise Art gereinigt werden. Mit dem Quellwasser besprengen sie die Ahnengrber. In all der Zeit darf sich kein Mann blicken lassen. Finden sie irgendwo einen Neugierigen versteckt, wird er schwer misshandelt und fortgejagt.
Den guten Pater Junod erinnern diese mysterisen Riten und dies ausschweifende Wesen betrblich an die heidnischen Bruche thrakischer Bacchantinnen. Bei den frheren Einwohnern von Transvaal hieen die Regenruferinnen itsugwana, junge Mdchen waren das, mit Zebrastreifen bemalt; in den Nchten bestimmter Mondviertel liefen sie singend von Kral zu Kral und in die Felder, brauten heiliges Bier aus besonderem Korn fr ihre Riten.
{35: Henri Alexandre Junod (18631934), franzsischsprachiger schweizerischer evangelischer Theologe, Ethnologe, Sprachwissenschafter und Sdafrika-Missionar.}
Bei den Hereros haben die Tchter des Huptlings das Wetter zu machen. Als Hterinnen der Flamme entzndeten heilige Frauen der fnf Erdteile die Mondfeuer bei den Saatfesten, verbrannten erst Zauberkruter in ihnen, dann besondre Grser und Wurzeln des Waldes zu Pflanzenasche, die ber die cker gestreut wurde.
Die Umdeutung solcher Flammenfeste in Sonnwendfeiern stammt aus spterer Zeit, wie Briffault eindringlich erlutert hat. Dass sie Mond- und Frauenfeuer waren, geht nach ihm aus ihrer Beziehung zur Menstruation hervor. In Persien, wie im indianischen Wigwam, muss Feuer ausgelscht und die Asche aus dem Haus getragen werden, wo eine Frau menstruiert, also tabu ist. Erst nach ihrer Reinigung wird frisches Feuer entzndet. Auch am jdischen Sabbat darf kein Feuer brennen, weil der Sabbat, nach Mondwochen gerechnet, wahrscheinlich auf das Menstruationsfest der babylonischen Mondgttin Ischtar zurckgeht, an deren Statue dann Leinenbinden gewechselt wurden, Menses gelten stets als kleine Geburt, groe und kleine als Gipfel des magischen Weibwesens und tabu im Sinne heilig-bler Macht. Periodisches Verlschen und Entznden von Feuern geschieht ausschlielich durch die Priesterin, in manchen Mythen bringt sogar eine Frau das erste Feuer vom Mond herab. Weil sie teil hat am Mondwesen, mit seiner Flut und Wetterschleppe, dem Pflanzenhaften, Sfteziehenden an ihm, das nach zehn seiner Umlufe aus ihr selbst gewaltsam Lebendiges ans Licht zieht, wird sie auch bei Nicht-Ackerbauern, wie den Nomaden Zentralasiens, bei Zigeunern, Ariern, Indo-Skythen, als Priestergttin verehrt, hier eben als Mehrerin der Herden und Herrin des Jagdzaubers.
Der uralte, mutterrechtlich gewusste Zusammenhang von Pflanzentrieb und Mond kommt jetzt, mit dem neuerlichen Aufstieg der Frau, wieder ins  diesmal wissenschaftliche  Bewusstsein. Die englische Physikerin E. Semmens arbeitet seit Jahren an den Problemen polarisierten Lichts und seinem rtselhaften Einfluss auf Organismen. Nach ihr bewirkt es in den Zellen der Pflanzen die rasche Umwandlung von Strke in Zucker und erhht dadurch die Keimfhigkeit der Samen, die bei polarisiertem Mondlicht gest werden, wie es auch auf die Nerven von Tieren und Menschen nachweisbar als Mondsucht wirkt. Was schlielich die atmosphrischen Strungen betrifft, so lieen sich die Meteorologen als jene einzigen Leute definieren, die noch nicht darauf gekommen sind, dass der Mond Einfluss auf das Wetter hat.
Neben den Frauen gelten dmonische Schmiede von je als die ersten mnnlichen Magier. Sie sind ja die Daktylen, Erstgeborne der groen Mutter, das primitive mnnliche Prinzip an sich, zynisch-selbstbewusst. Schmiede sind auch stets vaterrechtlich organisiert, oft mitten in Kerngebieten afrikanischen Mutterrechts.
Dann war es wohl zuerst Jagdzauber, in dem der Mann sich magisch versuchte, wenn auch zgernd. Auf den algerischen Steinzeitbildern von Tiut ist der Bogenschtze noch durch eine langhinschleifende Nabelschnur mit der beschwrenden Mutter verbunden. Auch heute gilt ein Jger bei roten wie bei schwarzen Rassen fr uerst gefhrdet, verabsumt die Frau zu Hause bestimmte Riten oder unterbricht sie durch andern Sexualverkehr den Kontakt mit ihm. Darauf beruht die Wertung ehelicher Treue, nicht auf Eifersucht, die aus ganz andrer Mentalitt stammt; gar voreheliche weibliche Keuschheit ist bei Naturvlkern fast unbekannt, wenn vielfach auch fr Unverheiratete die Pflicht des Abortierens oder der Empfngnisverhtung besteht, einer bei Primitiven frhgebten und hochentwickelten Kunst.
Die Frau hat von Natur Herrschaft ber den magischen Kosmos. Hellsehen, Hellfhlen, Fernsehen, Fernwirken sind wahrscheinlich Ursinne und werden Priesterinnen als ihr Erb und Eigen von vornherein zuerkannt. Der mnnliche Schamane muss sie erst erwerben, ehe er etwas taugt, muss vorher den Durchgang durch Tod und Auferstehung erlebt haben, etwa in der groen Medizintanzweihe nordamerikanischer Indianer, die, eingeleitet mit Askese, Giften, Torturen, Ekstasen, bis zum Sturz in Bewusstlosigkeit und Trance geht.
Extreme weibliche Mimikri, als Vorbedingung mnnlichen Priestertums, herrscht bei den Chukchi in Nordost-Asien. Der Schamane trgt nicht nur, wie weltblich, Frauenkleider, sondern ist berdies einem _Gatten_ vermhlt. In diesen Sittenkreis gehrt auch die heilige Homosexualitt mnnlicher Tempelprostituierten, mit Verstmmelungen, die ein weibliches Genital vortuschen, bei den hochkultivierten Vlkern Kleinasiens mit aphroditischem Mutterkult.
Und doch: alles nur Kindesbewegungen innerhalb des uterinen Kosmos! Der reifende Mensch misst ihn aus, indem er seine Glieder regt, bleibt aber drinnen. Erst ausgetrieben in sein Pathos der Unendlichkeit wird er ganz Mann, in anderem Sinn noch als der Schmied. _Vielleicht aber bleibt in jedem neuen on, in jedem Auf- und Untertauchen wechselnder Kulturen jener heroische Augenblick am Rande des Kraters die wahre Erfllung, wo Tiefe noch und Ferne bereits offen steht: Introversion wie Extravertierung._
In der magischen Welt wirkt der Mensch als Dmon unter Dmonen, gleitet zwischen strmenden Instinkten zahlloser Wesen, durchwaltet von Seele, in einer Lebensdichte und Steigerung ohnegleichen. Wer umgekehrt alles Belebte als mechanisch zu entseelen strebt, gelangt notwendig zur Aufhebung des Lebens in sich selbst. Erst ist alles Subjekt  dann Objekt, auch das _Ich_. Wo die Psychologie anfngt, hrt die Psyche auf.
Die Technik ist sehr stolz darauf, immer mehr vom Organischen fort  das heit _weg_zuschreiten, tierische und pflanzliche Stoffe immer mehr durch synthetisch hergestellte, anorganische Verbindungen zu ersetzen und meint dabei, je vollkommener sie wrde, desto befreiter, rein menschlicher knnte der Mensch sich ber ihrem Fundament bewegen. Als ob jemand inmitten des Anorganischen berhaupt am Leben bleiben knnte, als ob Umwelt, Innenwelt und Wirkungswelt einander nicht bedingten.
_Es ist nicht gleichgltig_, ob jemand auf Beton isoliert, nur Metall und Glasdinge berhrend, in einem Gestell aus leeren Blechrhren schlft oder auf Edelholz in den Armen eines Baumes, es sei denn, er wre nur mehr ein beliebig auf- und abmontierbarer Sowjetbestandteil.
_Andernfalls aber ist es nicht gleichgltig_, ob er gekleidet geht in chemische Kunstprodukte, lebendiger Vergangenheit bar, hergestellt ohne eine einzige tierische oder pflanzliche Faser, oder ob ihm die Haut umatmet wird von dem Zaubergewirk, aus Werdesften gesponnen, in dem ein Kriechendes sich schlafen legt, um als Geflgeltes zu erwachen. Wer auf Seide, in Seide gehllt, liegt, ruht selbst wie die Chrysalide im Ur-Ei der Metamorphose, getrnkt von Wunder, das den Werdeschlaf bebrtet: im Kokon. Geheimnisvoll, organisch anders, um eine Stufe hher als der Schlaf auf Leinwand, ist der Seidenschlaf.
Bald aber verbindet nur noch das Stckchen Sohlenleder den Zivilisierten mit der lebendigen Natur. Es ist sehr fraglich, ob er, auf die Dauer in einen derart anorganischen Wohnleib gesetzt, durch ihn devitalisiert: _ent_lebt, seine Organe wird behalten knnen. Die zusammengepferchte Masse der Mitzivilisierten kann ihm wenig helfen, statt der einerlei Aura von Lebenslaien braucht es hier die Vielfalt schaffender Schauder aus freien, wilden Geschpfen und allem, was sie berhrt. Daher der Drang, zurck zur Negerplastik, zum Wildgeruch durchschweiter Masken, Trommeln aus Affenhaut, ttowierten Krbissen, Fetischen aus unbekannten Hlzern, Federn, Borsten, Knochen; lauter bsartigen, unverstndlichen, blden Dingen, aber vitalisiert, tobend vor Weltaufgang.
Daher auch der Drang zu den Naturvlkern.
Nach der Pioniergeste des Durchquerens, Fhnchenaufpflanzens, Anmalens weier Globusstellen trieb es pltzlich den besten, echtesten Menschenschlag, wie in Heimweh und stiller Angst, weg von zu viel Mathematik und Gesetz, hin zu den Wesen im seelennhrenden Allfluid, um zu sehen, zu begreifen, zu fhlen  rasch, nur rasch, denn das zergeht unheimlich beim Kontakt mit der Zivilisation, zersetzt sich wie exotische Tiefseefauna, die berhaupt schon mit verzerrten, verstlpten Organen sichtbar wird, berhrt sie, andrem Lebensdruck entstammend, unsre eigne Schicht.
So rafften diese neuen Eindringlinge, richtig gewiesen durch die lteren Erfahrungen der Missionare, moralisch enger aber seelisch feiner Beobachter, was sich von einer magischen Menschheit noch erraffen lie: nicht Elfenbein, Gold, Kautschuk, sondern diesmal ausnahmsweise Einsicht. Sie kamen als Lernende und ohne Vorurteil. Zu staunen gab es viel. Bei den vergleichenden Studien am lebenden Objekt gewann Sir Edward Tylor{36} die berzeugung, dass die Hlfte der Menschheit, auf unterster wie hchster Kulturstufe, mutterrechtlich organisiert sei, die andre Hlfte es  frher einmal gewesen sei. Dies galt vor dreiig Jahren, jetzt ist die Verteilung durch die Einbrche des Islam wie der Zivilisation, auch durch das Aussterben vieler Stmme, eine andre.
{36: Edward Burnett Tylor (18321917), britischer Anthropologe, Ethnologe und Religionswissenschafter.}
Da sie es zutage liegend fand, so untersuchte die vergleichende Vlkerkunde das Mutterrecht vielfach anders als Bachofen, der vorzglich unter klassischen Quadern das Seine so schn und genau und voll Figur heraufgebracht hatte. Die Merkmale stimmen aber bei beiden berein. In gewissem Gegensatz zu Bachofen und lteren Ethnographen, wie Morgan{37} und Tylor, sieht die neue Kulturkreislehre die Menschheit schon ursprnglich polar gespalten. Patriarchat wie Matriarchat sind nach Frobenius{38} getrennte Kulturkreise, bereits von Anbeginn gegenstzlich ausgeprgt in der Art der Hausung, im Verhltnis zum Erdboden, im primitivsten Gert, der einfachsten Handreichung. Nie knnen sie ineinander bergehen, wenn auch einander durchdringen; sie wandern, pendeln. Jeder dieser Kreise, der mnnliche wie der weibliche, hat, viele Rassen nacheinander erfassend, die groen Kulturen aus sich hervorgebracht.
{37: Lewis Henry Morgan (18181881), US-amerikanischer Anthropologe.}
{38: Leo Frobenius (18731938), deutscher Ethnologe.}
So oder so gesehen: an der Existenz und grundlegenden Bedeutung des Matriarchats zweifelt wohl heute bei uns kein Einsichtiger mehr, und von je war es selbst unter streng vaterrechtlichen Rassen, wie etwa den Chinesen, wohlbekannt. Nur gerade die europischen Vlker blieben ihm gegenber hartnckig wie mit Blindheit geschlagen.
Das war nur mglich, weil gerade sie vom vaterrechtlichen Rom ihren Staat, vom vaterrechtlichen Judentum ihre Religion erhalten hatten, und schlielich fgte es auch noch ihr Geschick, dass sie in bersee, wie an den eignen Grenzen, fast ausschlielich mit dem Islam auf Leben und Tod zusammenstieen. Eingeschlossen in dieses Vaterrechtsdreieck, das strkste der Erde, wurde es ihnen zum Urma der Welt, wiewohl sogar bei Rmern, Juden und islamitischen Stmmen nicht wegzudeutende Spuren gewaltsam verdrngten Mutterrechts sich finden. Patriarchat besteht auer in Europa nur im brahmanischen Indien, in China, bei Semiten und den Konvertiten des Islam. Ursprnglich vielleicht bei den Osthamiten.
Das salische Gesetz hatte nach vielen Neufassungen  anfangs ging es lange nicht so weit  schlielich fr Deutschland das weibliche Thronrecht abgeschafft; wichtiger aber noch war, dass die Kirche sich das magische Thronrecht von Anfang an erstritt und, so weit sie konnte, jene weibliche Aristokratie der Priesterinnen und Prophetinnen vertilgte, von der Grimms Mythologie erzhlt, so dass im spten Mittelalter, bei so verkehrter Auslese, nur magisches Lumpenproletariat briggeblieben war. Sklavinnen, nicht Herrinnen des zweiten Gesichts, kolloide Naturen ohne Eigenform, Einbruchstellen wildwuchernder Dmonie, durch die das Chaos ewig hereindrohte. Diese zersetzten Reste wurden dann, vielleicht mit Recht, ausgeruchert, wie wir pestverdchtige Fetzen verbrennen.
Als Erinnerung an den einstigen Wirkungskreis blieb nur das Wort Wetterhexe brig, und lediglich der Syntax wegen las man bei Tacitus den Satz: die Germanen glauben, dass etwas Vorahnendes und Heiliges dem Weibe eigen sei, dessen Rat man deshalb befolgen, dessen Antworten man wohl beachten msse.


 Das wechselnde Gesicht des Mutterrechts

Aus dem berechtigten Bewusstsein heraus, Trger einer Hochkultur zu sein, schloss der Europer bis vor kurzem noch, dass die Frau, nicht einmal nach seinen Gesetzen vllig gleichberechtigt, es doch in niedreren Gesellschaften oder gar bei Primitiven wesentlich schlechter haben msse.
Nichts konnte irriger sein. Mit zwei einzigen Ausnahmen: in Teilen von Melanesien und bei den australischen Urrassen, wo sie unterdrckt wird, steht die Frau bei den Naturvlkern freier, mchtiger, vor allem konomisch weit gesicherter da als in Europa. Sieht man sie schwere Arbeit verrichten, den Mann dagegen oft herumlungern oder Nebenschliches basteln, so geschieht das, weil ihm das Wichtige zu tun und zu entscheiden nicht selten untersagt bleibt, denn es ist meist ihr Besitz, auf dem sie vllig freiwillig die Arbeit tut. Nach matrilokaler Sitte ist ihr der Mann nachgefolgt in ihr eigenes Heim, wo er bis zu einem gewissen Grade Gast bleibt und der Sippe seiner Frau fremd. Eheliche Bindung aber tritt bei Naturvlkern fast ausnahmslos hinter der Sippenbindung zurck. Wiewohl also durch das Gesetz der Exogamie zur Heirat nach auswrts gezwungen, bleibt der Mann mit allen Instinkten doch seiner eigenen Sippe verhaftet, verkrpert in der Mutter, die ihn meist bis zum vierten Lebensjahr gesugt hat. ber diese zauberhafte Anhnglichkeit sind die Beobachter des Staunens voll; unfassbar fr ausgeflachte Gefhlslagen erscheint solch direkte Kraft. Mit der Ehepartnerin besteht dagegen wenig Lebensgemeinschaft, sie wird nur besucht, ihr gehren auch die Kinder, denen meist der Vater gering gilt. Dem Primitiven steht darum an erster Stelle die Mutter, an zweiter die uterine Schwester, lebt er auch von ihnen getrennt.
In den allerniedrigsten menschlichen Gesellschaften, schreibt Schweinfurth{39}, gibt es ein Band zwischen Mutter und Kind, das ein Leben lang hlt, mag auch der Vater ein Fremder bleiben. Die grte Beleidigung fr einen Neger ist eine abfllige Bemerkung ber seine Mutter, sogar bei den vaterrechtlichen Hereros wird in jeder Gefahr erst die Mutter gerettet. Die gefrchteten Kopfjger auf Borneo, die Dayaken, erkennen keinerlei Verpflichtung gegen ihren Vater an, die Mutter aber bleibt etwas Heiliges. Wer in Melanesien, obzwar die Frau dort unterdrckt wird, eine Schiffsbemannung auch nur fr eine Woche mieten will, hrt sehr oft von grauhaarigen Mnnern in den Vierzigern sagen, sie tten gerne mit, mssten aber erst die Mama um Erlaubnis fragen. (J. Chalmers and W. Gill.{40}) Als ein paar der geschicktesten Aluten nach Petersburg eingeladen waren, um sich auf der Newa mit ihren Kanus zu produzieren, verdienten sie sehr viel Geld und wurden malos verwhnt, man drang in sie, zu bleiben, aber nein, sie wollten ihre Mtter um keinen Preis lnger allein lassen. (J. Weniaminoff{41}, Charakterzge der Aluten von den Fuchsinseln.) Camerons{42} Afrika-Expedition wurde vom Fhrer, weil dieser seine Mutter sehen wollte, hunderte Meilen auf Umwegen gefhrt; ein andrer Eingeborner wieder getraute sich nicht, seiner Mutter einen Abschiedsbesuch vor der Reise zu machen, aus Furcht, dann kontraktbrchig zu werden. Htte ich sie wiedergesehen, knnte ich nicht mehr fort, sagte der Mann mit Trnen in den Augen. Von den Buschmnnern wird ganz hnliches berichtet, und die Hottentotten sind ihren Mttern vllig hrig. Der hchste Schwur der Herero lautet: bei den Trnen meiner Mutter. Den Irokesen gilt es als scheulichstes Verbrechen und als etwas ohne Beispiel, dass ein Sohn gegen seine Mutter rebelliere.
{39: Georg August Schweinfurth (18361925), russisch-baltendeutscher Afrikaforscher.}
{40: James Chalmers (18411901), schottischer christlicher Missionar; William Wyatt Gill (18281898), australischer Missionar und Ethnologe. Chalmers wurde 1901 auf Goaribari Island (Papua Neuguinea) erschlagen und verspeist.}
{41: Innokenti Weniaminov (17971879), russischer Priester, Erzbischof, Metropolit und Missionar.}
{42: Verney Lovett Cameron (18441894), britischer Afrikaforscher, durchquerte als erster Europer Zentralafrika.}
Die gleiche tiefe Bindung besteht zwischen Mutter und Tochter; immer und berall bleiben die Frauen zusammengebndelt, die Gesellschaft des angeheirateten Mannes wird nur zeitweilig gesucht, seine Einmischung meist verbeten. Stets gilt die Verehrung der alten Frau, auch wenn sie nicht die Mutter ist. In Afrika werden Greisinnen vielfach von den Mnnern verwhnt, jeder strebt, ihnen eine Freude zu bereiten, jeder sorgt fr sie. Geht es im australischen Busch drunter und drber, dann whlen die Mnner eine Greisin zur Gromutter, die mchtige Privilegien erhlt, unverletzlich ist, Streitigkeiten schlichtet, Krieg und Frieden regelt, den Mnnern die Speere wegnehmen darf  alles bei den gleichen Australiern, denen die Frau sonst gering gilt. J. G. Fletcher Moore{43}, auch Spencer und Gillen schlieen aus frhen Mythenzgen, aus gewissen religisen Anzeichen, dass diese Gromutter der Rest eines zertrmmerten Frauenreiches sei, dem aus Ressentiment spter die strengste Fernhaltung der Frau von wichtigen Zeremonien folgte.
{43: George Fletcher Moore (17981886), australischer Kolonist, Politiker und Forscher.}
Was aber ist ein Frauenreich? Wo gibt oder wo gab es das? Wann und wie steigt die Kurve der Herrschaft so steil an? Welches ist der Stufengang von einfacher Mutterfolge ber Mutterrecht zu Matriarchat und extremer Gynaikokratie; oder ist das gar nicht Gradation eines Gleichen? Reit vielleicht etwas ab, und ein ganz andres befreit sich? Und unter welchen Formen? Das alles gehrt zum wechselnden Gesicht des Mutterrechts.
Dr. M. Vaerting und Schulte-Vaerting haben hchst anregende Untersuchungen ber weibliche Eigenart im Mnnerstaat und mnnliche Eigenheit im Frauenstaat angestellt.{44} Sie vergleichen gerechterweise die Geschlechter nur unter _gleichen_ Bedingungen: Mnner bei Mnnervorherrschaft mit Frauen bei Frauenvorherrschaft, beide somit in _gleich gnstiger_ Lage, oder Mnner bei Frauenherrschaft mit Frauen bei Mnnerherrschaft, beide somit in _gleich ungnstiger Lage_. Sie prfen auch die Situation bei Gleichberechtigung, um zu sehen, was dann schlielich von der durch das herrschende Geschlecht jeweils verkndeten gott- und naturgewollten Eigenart des andern Geschlechts brigbleibt.
{44: Dr. M. Vaerting, _Die Neubegrndung der Psychologie von Mann und Weib_. Band 1: _Die weibliche Eigenart im Mnnerstaat und die mnnliche Eigenart im Frauenstaat_. Band 2: _Wahrheit und Irrtum in der Geschlechterpsychologie_, Karlsruhe 1921 u. 1923. Die Autorin ist die deutsche Pdagogin und Soziologin Dr. Mathilde Vaerting (18841977). Die Einleitung ist von einem Autorenduo Dr. Mathilde Vaerting und Dr. Mathias Vaerting unterzeichnet, Mathilde Vaerting war allerdings nicht verheiratet, und einen Dr. Mathias Vaerting hat es nicht gegeben. Auch Hermann Schulte-Vaerting ist ein Pseudonym Mathilde Vaertings, das sie bei anderen Schriften verwendet hat. Im Laufe dieses Buchs kommt Sir Galahad des fteren auf Dr. Vaerting, Schulte-Vaerting oder die Vaertings zu sprechen, die sie jeweils als mnnlich apostrophiert, es handelt sich aber immer um Mathilde Vaerting.}
Der Befund erscheint auf den ersten Blick verblffend. Die Normen kehren sich weitgehend um. Vaertings sind der Ansicht, dass viele Zge, die fr eingeboren weiblich oder mnnlich gelten, lediglich das Produkt eingeschlechtlicher Vorherrschaft sind, bei Herrschaftswechsel sich aber automatisch umkehren bis ins groteske Detail. Zuvrderst setze stets die umgekehrte Arbeitsteilung ein. Das beherrschte Geschlecht gehrt ins Haus, hat zu kochen, die Kinder zu hten, Schamgefhl und Gemt zu entwickeln, sich zu schmcken, schn und jung zu sein und, als oberste Pflicht, zu gehorchen. Das herrschende Geschlecht reserviert sich die Geschfte auerhalb des Hauses, gilt bei sich selbst wie dem beherrschten fr den geistig berlegenen Teil, fordert dafr von dem geistig weniger Begabten Liebreiz und Jugend: dieser Zustand wird auch vom jeweils Beherrschten als der natrliche empfunden. Es zeige sich somit, dass fr den Mann im Frauenstaat genau das gleiche gelte wie fr die Frau im Mnnerstaat, und dass weibliche Schwche und Schutzbedrftigkeit nicht _Ursache_, sondern _Folge_ der Arbeitsteilung im Mnnerstaat seien. Diese Untersuchungen der Vaertings haben zu den Bachofenschen Merkmalen des Mutterrechts eine Reihe neue hinzugebracht. Die alten, stets wichtigsten sind:
Der weibliche Familienname wird erhalten, der mnnliche geht unter. Kinder einer Adligen bleiben adlig, mag auch der Vater ein Sklave sein, die Kinder eines Adligen mit einer Sklavin bleiben Sklaven. Die Kinder folgen der Mutterlinie, der Vater ist mit ihnen nicht verwandt, kann ihnen auch nichts vererben; was er erwirbt, fllt seiner uterinen Sippe, also den Schwesterkindern, zu. Beweglicher wie unbeweglicher Besitz liegt in den Hnden der Frau und wird von ihr in erster Linie auf die Tchter vererbt, die Shne gehen leer aus oder erhalten eine Mitgift, werden auch zuweilen von Mttern oder Schwestern verheiratet. Wo etwa ein Huptlingsrang zu vererben ist, geht er nie auf den Sohn, sondern wieder auf die Schwestershne ber. Der Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Geburt fllt dahin. Die Frau tritt als werbender Teil auf.
Die von den Vaertings ergnzten Merkmale betreffen die verschiedensten Gebiete. Vor allem verfgt die Frau frei ber ihren Krper, unterbricht also Schwangerschaften, wann sie will, oder verhindert sie. Weibliche Kinder scheinen bevorzugt, weil sie das Geschlecht fortpflanzen, Knaben aber nicht; diese werden manchmal gettet, wie im vaterrechtlichen China umgekehrt die Mdchen. Krperlich ist die Frau geschmeidiger und strker als der Mann durch die freie Bettigung auerhalb des Hauses, der Mann dagegen verfettet, wird zum Hausmtterchen, lsst die Kinder nicht einen Augenblick aus den Augen. Von den Kamtschadalen sagt Meiners{45}, sie seien so huslich, dass sie nicht einen Tag fort sein mgen. Werden sie aber dazu gezwungen, so bewegen sie ihre Frauen, mitzureisen, weil sie ohne diese nicht leben knnen. Nach Westermarck{46} wird beim Encounter-Bai-Stamm die vterliche Wartung des Neugebornen einfach fr unerlsslich gehalten. Deshalb ttet die Mutter ein nach dem Tode des Mannes gebornes Kind lieber gleich. hnliches gilt bei den Creeks (Nordamerika). Im Frauenstaat hlt die Frau Hausarbeit fr unter ihrer Wrde, wie im Mnnerstaat der Mann. Auf sexuellem Gebiet ist _sie_ der werbende Teil in der Liebe, das wusste schon Bachofen; jetzt wird es dahin ergnzt, dass _er_ auch Schamhaftigkeit und Zurckhaltung zu wahren habe; auch Gehorsam in der Ehe wird von ihm  in gypten sogar ausdrcklich im Heiratskontrakt  verlangt. Treue desgleichen, _sie_ aber bleibt frei. Ihr steht auch das alleinige Recht auf Scheidung und Verstoung zu. Junggesellen werden im Frauenstaat ebenso verspottet wie im Mnnerstaat die alten Jungfern.
{45: Christoph Meiners (17471810 ), deutscher Philosoph und Ethnograph.}
{46: Edvard Westermarck (18621939), finnischer Philosoph, Soziologe und Ethnologe.}
Als der umworbene, passive Teil, der erotisch erregen muss, um gewhlt zu werden, auch durch die grere Mue im Haus wird der Mann putzschtig, die berufsttige Frau, bei der es mehr auf den Verstand ankommt, bleibt einfach und ungeschmckt. Von Libyen, einem mchtigen Mutterrechtszentrum, erzhlt schon Strabo, dass sich die Mnner sorgfltig ondulierten, viel Goldschmuck trugen, eifrig waren im Abreiben der Zhne und Beschneiden der Ngel. Der Haarputz ist so knstlich, dass man sie selten beim Lustwandeln einander berhren sieht, damit des Haares Zierputz unverletzt bleibe. Bei den von Frauen beherrschten Khonds tragen die Mnner nach Westermarck sehr langes Haar, das sie eifrig schmcken. Die Mnner von Tana (Hebriden) tragen das ihre zwlf bis achtzehn Zoll lang und teilen es in sechs- bis siebenhundert kleine Locken oder Flechten. In Nordamerika reicht es den Mnnern bis auf die Fe. Bei den Latuka trgt der Mann eine derartig knstliche Frisur, dass er zehn Jahre zu ihrer Vollendung braucht. Nach Tacitus frbten vornehmlich die germanischen Mnner sich das Haar. Bei den gyptern hie die Frau die ihren Mann kleidet. Er musste zwei Kleider haben, sie besa nur eines und trug sich weit einfacher. Im Frauenstaat ist der Jngling das Schnheitsideal und wird meist von der viel lteren Frau geheiratet, genau wie im Mnnerstaat das junge Mdchen vom reifen Mann, ohne dass dies anstig erschiene. Phalluskult wird im Frauenreich getrieben wie Venuskult im Mnnerreich. Was die Religion bei eingeschlechtlicher Vorherrschaft betrifft, so sind, der Vormachtstellung entsprechend, die Hauptgottheiten stets vom eigenen Geschlecht, zu dem auch greres Vertrauen besteht, nur die Sexualgottheiten vom anderen.
Auf sozialem Gebiet ist Kommunismus fr den Anfang der mutterrechtlichen Sippe bezeichnend. Nach dem bergang zum Privateigentum ist die Frau im alleinigen Besitzrecht, wie im Mnnerstaat der Mann. Das herrschende Geschlecht sichert sich jeweils die Freiheit und Vormacht, indem es das beherrschte Geschlecht ernhrt, ihm also die passive Rolle im Hause zuteilt, sich selbst aber die wichtigen und entscheidenden Geschfte auerhalb des Hauses.
Zum Unterschied vom Mnnerstaat gilt im weiblichen die Todesfurcht fr eine schtzenswerte Eigenschaft, weil Leben, von der Frau unter Mhsal geboren, ihr naturgem als das wertvollste Gut erscheinen muss. Auch auf sexuellem Gebiet ist die eingeschlechtliche weibliche Herrschaft nicht die vllige Umkehrung der mnnlichen. Die Tyrannei gegen das andre Geschlecht zeigt nie solche Auswchse; so bleibt es bei Anstzen zur Mnnerprostitution, schon weil ihr der Organismus des Mannes Grenzen setzt. Frauenprostitution fehlt. Polygamie gilt als typisch vaterrechtlich, Polyandrie, Vielmnnerei deutet auf Mutterrecht (mit Ausnahmen).
Wiewohl diese Liste eindrucksvoll zusammengestellt ist, liee sich etliches gegen sie einwenden. Bei einem Teil der Merkmale wirken rassische, zivilisatorische, zeitliche, rein dynastische Ursachen zu sehr mit, andere sind berhaupt nicht aufrecht zu erhalten, wie etwa die Huslichkeit. Bei strengen Mutterreichen der Naturvlker ist sogar das Umgekehrte erstes Gebot. Der Mann darf gar nicht ins Haus, auer zum Sexualverkehr, sogar seine Mahlzeiten muss er vielfach auswrts einnehmen und lebt nur als schweifender Fleischbringer am Rand des wohlorganisierten Frauenclans, jenem Zentrum, von dem er seine Ordres bekommt, ohne es anders denn als Gast zu betreten. Erinnert man sich an die Symbolbedeutung des Zimmers, Frauenzimmers, und wie das Haus berdies als Organprojektion auch von der Frau im Mutterclan ganz allein erbaut wird, so kann es nicht wundernehmen, wenn der Mann dort nur zu einem einzigen Zweck eingelassen wird. Ehe auf Besuch ist gerade in den groen Muttergesellschaften Regel, so bei nordamerikanischen und kanadischen Indianern, bei den Sioux, Algonkin, also Ojibways, Delawaren, Mohikanern, bei Irokesen, bei den Bororos in Zentralbrasilien, bei den Karaiben, auf Borneo, doch auch in Afrika bei den Hottentotten. Es ist nicht so, dass hier ein mnnliches Langhaus den Vorzug htte; der Mann darf einfach nicht im Mutterclan dauernd sich aufhalten, dabei kann ber die Tatsache der Frauenherrschaft kein Zweifel sein. Von den Hottentotten etwa heit es: Die Frauen haben von je eine Stellung eingenommen, die an Despotismus grenzt, der Mann hat kein Wort zu sagen, die Frau herrscht unumschrnkt. (T. Hahn, Tsuni-Goam,{47} ferner Jakobowsky, M. Poix.{48}) Bei dem am tiefsten stehenden, aber mutterrechtlich extremsten Indianerstamm, den Seri, kann nur der Bruder die Htte bewohnen, der Ehemann nicht, wiewohl er vor einem Matronenkollegium die strengste Aufnahmeprfung bestehen muss, ehe er sich der Frauensippe anschlieen darf. Auch im tibetanischen Frauenreich, einer hohen Stadtkultur, blieben Kniginnen und weiblicher Ministerrat im Palast. Mnner, als Beauftragte, mussten kommen, Weisungen entgegennehmen und wieder gehen.
{47: Theophilus Hahn (18421905), _Tsuni-Goam: The Supreme Being of the Khoi-Khoi_ (1881).}
{48: Diese beiden Autoren konnte ich nicht identifizieren.}
Vaertings Hauptbeispiel gypten versagt zum Teil. Kilometer und Kilometer von Reliefs zeigen den Mann auer Haus beschftigt, und _die Armee war rein mnnlich_; auch die rzteschaft. Was das aber in gypten bedeutet, wei schon Herodot: Bei ihnen ist alles voll von rzten; die einen sind als rzte fr die Augen bestellt, andre fr den Kopf, andre fr die Zhne, andre fr den Unterleib, andre fr die unsichtbaren Krankheiten. Und Diodor: Auf Feldzgen, sowie auf Reisen innerhalb der Landesgrenzen werden alle gratis rztlich behandelt, denn die rzte beziehen ein Gehalt von Staats wegen. Dass Medizin, sonst eiferschtig gehtetes weibliches Monopol, von Mnnern gebt wurde, wirkt brigens bei sonst so klarer Frauenherrschaft auffllig.
Noch weniger stimmt es dort mit vorwiegend mnnlicher Putzsucht. Von Schmucklosigkeit oder grerer Schlichtheit der herrschenden Frau ist nirgends viel zu sehen. Fast die erste Kunde aus prdynastischer Zeit verknpft den Namen einer Frau mit ihrer Haarwuchspomade; von der beispiellosen weiblichen Krperpflege melden die Frauengrber. Was sich da an Schminkstiften, Wimpernsalben, Lippenpomaden, Haarfrbemitteln, Manicure-Instrumenten findet, bertrifft die Einrichtung jedes Neuyorker Beauty parlours weit. Auch Aufschlitzen der Lidspalten zur Verlngerung des Auges war blich, die Feinheit der Frauensandalen berhmt. Viel an hatte keines der Geschlechter, die Frau aber das ihre aufs feinste plissiert und drapiert. Um den Schmuck zu beurteilen, gengt ein Rundgang durch das Kairomuseum. Satrapen, orientalische Herrscher, Moguln, Khane, indische Prinzen, der griechische und rmische arbiter elegantiarum hinwiederum waren bei extremer Mnnerherrschaft genau so geschniegelt und berschmckt, stundenlang gesalbt und massiert, wie nur irgendwelche Mnner bei Frauenherrschaft. Was Haarfrben betrifft, so ist das blondine Rezept Cesare Borgias noch erhalten, der gewiss kein Mnnchen im Frauenstaat war. Zum Haarfrben der Germanen, knnte man dies Merkmal berhaupt gelten lassen, fehlt wieder die Gynaikokratie, denn Lamprecht{49} hat ausschlielich Mutterrecht bei ihnen nachgewiesen, mehr nicht; jener entgegen stnde auch die starke Homosexualitt, von der so viel die Rede ist: Obgleich ihre Weiber ganz wohlgestaltet sind, so halten sie sich doch sehr wenig zu diesen, sondern werden wie durch unsinnige Raserei zur Umarmung des mnnlichen Geschlechtes getrieben, und weit davon entfernt, hierin eine Schande zu sehen, halten sie es vielmehr fr entehrend, wenn einer die angetragene Gunst eines anderen nicht annimmt. (Diodor.)
{49: Karl Gotthard Lamprecht (18561915), deutscher Historiker.}
Alles, was mit Haar und Haartracht zusammenhngt, hat eine Symbolbreite, die zu ignorieren sich immer rcht. Meist gilt seine Lnge als Zeichen der Kraft (Simson, Indianer). Bei den Germanen ist es zudem Standeszeichen, besonders im blonden Ton das begehrte Rassenmerkmal. Wenn germanische Mnner sich also ihre langwallenden gepflegten Haare nachfrbten, so zum Unterschied von den Unfreien, die stets geschoren und meist dunkler waren (daher Gscheerter als Schimpfwort). Hier hat also das Frben gerade umgekehrte Bedeutung: die mnnliche Freiheit.
Was die Polygamie betrifft, so ist sie fr Mnnerherrschaft ein mehr als fragliches Symptom geworden, weil sie fast berall von den Frauen nicht nur geduldet, sondern begnstigt wird. Seiten lieen sich dafr mit Beispielen fllen. Eine Fulagattin, mchtig und sehr klug, eine von fnfen, wurde gefragt, ob sie nicht lieber die Einzige wre, sie bekreuzigte sich auf heidnisch vor solcher Zumutung. So sei es doch viel amsanter, bequemer und besser, sie knne den Mann doch nicht allein unterhalten, die Konversation der vier andern sei eine Erlsung (nach Briffault zitiert). Je mehr Frauen, desto besser, ist der Wahlspruch der afrikanischen Dame. Miss Kingsley{50} berichtet, sie wsste von einer ganzen Anzahl Mnner, die viel lieber nur eine Frau gehabt und ihr Geld in zivilisierter Weise fr sich ausgegeben htten, aber die Weiber erlaubten es nicht, hassten auch die Missionre, weil sie Monogamie verlangten, und wrden sich eines erotisch einfltigen Mannes schmen.
{50: Mary Kingsley (18621900), englische Forschungsreisende, bekannt durch ihr Buch _Travels in West Africa_ (1897).}
Frauen scheinen von Natur fr erotische Freiheit begabt. Auch in der Mutterrechtsgesellschaft herrscht daher groe sexuelle Toleranz, bei Beschrnkungen durch Heiratsklassensysteme aber treffen diese beide Teile gleich. Die mnnlichen Harems afrikanischer Prinzessinnen hinwiederum mit Todesstrafe fr Untreue sind mehr dynastisches Symptom; der Ungehorsam eines Sklaven gegen die Majestt wird bestraft, genau wie der einer Sklavin des gleichen Harems.
Polyandrie wieder kann die verschiedensten Ursachen und Formen haben. In Tibet, wo die Braut alle ihre Schwger mitheiratet, scheint das ein Rest der alten Gruppenehe und wird allerdings von den Frauen eifrig aufrechterhalten. Aus der gleichen Gruppenehe leitet sich umgekehrt der Brauch bei mutterrechtlichen Indianern ab, dass ein Mann erst die lteste Schwester, dann nacheinander, wie sie mannbar werden, die jngeren Schwestern aufheiratet.
Was endlich die Prostitution betrifft, so gilt sie auerhalb Europas nirgends als Schmach. Es wre fast die Antithese zu wagen: heilige Prostitution  unheilige Ehe. Also gab es, und gerade in den hochkultivierten Frauenreichen, in gypten, Lydien, dem prarischen Indien, und bei Gleichberechtigung, wie in Sumer, heilige Tempelprostitution, der sich keine knigliche Prinzessin und keine noch so hochgestellte Dame an bestimmten Festen entziehen durfte. Sie hatte sich jedem Fremden, der sie begehrte, wahllos hinzugeben, denn in dem Fremden konnte sich der Gott inkarnieren.
Es geht eben nicht an, Geist, Seelen und Instinktstrme so reicher Herkunft als Formtrger auszuschalten und die Divergenz ihrer Stilgebilde aus Herrschen und Beherrschtsein ableiten zu wollen. So bleibt von den neuen mutterrechtlichen Merkmalen, als sowohl wichtig wie gesichert, die freie Schwangerschaftsunterbrechung: Kultur des Gebrens und Nicht-Gebrens, schlielich die Heirat der lteren Frau mit dem jungen Mann, wie umgekehrt bei Vaterrecht die Verbindung des lteren Mannes mit der jungen Frau.
Bei Frauenherrschaft herrschen also die schnen Jnglinge und bei Mnnerherrschaft die schnen Mdchen, im Frauenstaat die Mnner und im Mnnerstaat die Frauen.
Nur ein Aperu: eine Wahrheit, winzig wie ein Pfefferkrnchen, rcht sich durch Penetranz fr ihre Winzigkeit.
Sehr richtig haben die Vaertings Galanterie als etwas typisch Mnnerrechtliches gesehen. Das berhmte dixhuitime{51}, das franzsische Frauenjahrhundert, war das Gegenteil von Gynaikokratie, die Frau stieg nur von Mannes Gnaden auf, in dem Mae, wie sie ihm gefiel, und fiel, verlor sie seine Gunst.
{51: Das 18. Jahrhundert.}
Eine galante Frau wre danach auch Semiramis gewesen und strenggenommen nicht unter die groen Beispiele von Frauenherrschaft zu zhlen, wiewohl ihre Gre echt genug war, um sogar sagenhaft zu werden. Reichsgrnderin, Stdtebauerin, Gesetzgeberin, Ingenieurin, Gartenarchitektin allerbesten Stils, wurde sie das alles doch nur vermittels zweier Ehen, der ersten mit einem Offizier, der zweiten mit Knig Ninus. Den lernte sie in Begleitung ihres Mannes auf einem Feldzug kennen, bei der vergeblichen Belagerung eben jener Stadt, die eine ihrer kriegstechnischen Erfindungen ihm dann gewann. Auf diesem Zug erfand sie auch eine ebenso schne wie praktische Tracht  die spter persisch genannte. Als Knigswitwe aber htte sie bei der Grojhrigkeit ihres Sohnes alle Unternehmungen im Stich lassen und abdanken mssen, vermied das aber durch eine List. Sie trug von nun an seine Kleider, nur mit eingesetzten Lederrmeln, damit ihre Mdchenarme sie nicht verrieten, lie sich krnen und regierte als junger Knig selber weiter. (Pompeius Trogus.) Dass diese Frau aussehen konnte wie ihr achtzehnjhriger jngster Sohn, sollte das ungute Gefhl gegen Heroinen, stammend aus der Generation lterer Wagnersngerinnen, zu mildern geeignet sein.
Die Vaertingsche Pendeltheorie ber die Mnner- und Frauenherrschaft soll ihre Stelle unter den andern Hypothesen zu diesem Problem noch spter finden.
Erst zeige das Mutterrecht selbst sein wechselndes Gesicht.

 Nordamerika
Das indianische Antlitz des Mutterrechts ist immer selbstbewusst, starkknochig, doch nie herrscherisch-hart gewesen, mit einer Ausnahme, als es sich vom Mond ab- und der gewaltsamen Sonne zukehrte: bei den Natchez.
Es blieb das erfahrene Gesicht der alten Frau, die nie stirbt, und war zu Hause von Alaska bis nach Mexiko hinab, der pazifischen wie der atlantischen Kste entlang und durch die ungeheure Mitte der Prrie hin, voll Bffelherden im wehenden blauen Gras, dort, wo jetzt ein Schwarm grellackierter Gespensterheuschrecken aus Metall von Horizont zu Horizont in ewigen Weizen beit und ratternde Fordflhe auf schnurgeraden Kreidestrichen sich im rechten Winkel kreuzen.
Gewiss hat es auch patriarchalische Indianerstmme gegeben, im groen Ganzen aber ist Nordamerika ein berwiegend mutterrechtlich-demokratischer Kontinent, und dies so stark, dass, wer einwandert, langsam der Ahnenseele seines Bodens auch krperlich verfllt. Nach dem bekannten Experiment ergeben tausend, bereits in der dritten Generation angesiedelte Weie verschiedenster Rasse, bereinander photographiert, das Bild eines  _Indianers_. Soweit die Tradition reicht, ist es auch wegen dieses mtterlich-demokratischen Urgrunds nie und nirgends zu einer echten Monarchie gekommen, nur beauftragte Huptlinge, lokale Vorbilder des Prsidenten der Union, wurden im Fall der Gefahr vorbergehend mit besonderer Macht belehnt.
Fr den Durchschnitt indianischen Mutterrechts gilt ungefhr, was Pre Lafitau{52} von den fnf groen Stmmen des Irokesenbundes im Osten sagt: In den Frauen ruht alle wirkliche Autoritt des Landes. Die Felder und alle Ertrge gehren ihnen, sie sind die Seele der Ratsversammlungen, die Herren ber Krieg und Frieden, sie verwahren den Fiskus oder ffentlichen Schatz: sie sind es, denen man die Gefangenen bergibt, sie begrnden die Ehen, ihrer Herrschaft unterstehen die Kinder, und ihr Blut bestimmt die Erbfolgeordnung. ber den Durchschnitt streng erging es nur gerade bei einigen dieser Stmme den unverheirateten jungen Mnnern in sexueller Hinsicht. Sie wurden von den Mdchen des eignen Clans abgesperrt und von ihren Mttern exogam in einen fremden verheiratet, meist an weit ltere Frauen. Dieses typische Symptom fr Mutterrecht entstammt nicht durchaus einseitigem Egoismus, weil ja die Jnglinge dieser Gesellschaftsordnung lange an die Mutterimago fixiert bleiben; ihre spteren Ehepartnerinnen  Indianer heiraten viele Male  whlen sie dann aus beliebigen Altersklassen vllig frei. Absperrung von jungen Mdchen der eigenen Sippe aber dient dem Gesetz der Exogamie, die wieder ganz andrer Wurzel entspringt.
{52: Joseph-Franois Lafitau (16811746), franzsischer Jesuit, Missionar, Ethnologe und Naturforscher; gilt als Begrnder der vergleichenden Sozialanthropologie.}
So sehr berwiegt bei Indianern die Bedeutung weiblicher Erbmasse, dass die Kayugas, im 16. Jahrhundert, fast aufgerieben durch ewige Kriege, die Mohawks ersuchen lieen, ihnen Mnner fr ihre Gattinnen zu schicken, damit ihr Stamm nicht verlsche. Biologisch hat das manches fr sich. Bei Vaterrecht wren die Kayugas, um nicht auszusterben, umgekehrt nach fremden Frauen aus gewesen; ihnen jedoch galt als alleiniger Rassetrger das weibliche Blut.
Urbild matriarchalischen indianischen Gemeinlebens sind vielleicht am ehesten die Senekas, der Hauptstamm der Irokesen. Sie bewohnten vor Ankunft der Europer von Frauen erbaute Langhuser; rechts und links lagen abgeteilte Schlafrume, in der Mitte der Esssaal mit der Feuerstelle. In dieses 60 bis 100 Fu lange Mutterhaus, das hodensote, wurden Mnner fremder Clans zwar als Gatten aufgenommen, doch regierten die Frauen, berwachten und verteilten die Vorrte, und wehe dem glcklosen Mann oder Liebhaber, der verabsumt htte, seinen Anteil Lebensmittel beizusteuern. Mochte er noch so viele Kinder gezeugt, noch so viel privaten Besitz im Hause haben, jeden Moment konnte er dann gewrtig sein, auf Befehl seine Decke zu nehmen und abzuziehen. Ungehorsam galt weder fr ratsam noch fr bekmmlich. Falls nicht im letzten Augenblick noch eine alte Tante oder Gromutter zu seinen Gunsten intervenierte, hie es Umschau halten nach anderer Frau in anderem Clan. Die Scheidungszeremonie selbst bestand lediglich darin, dem Mann sein Bettzeug vor die Tr zu setzen. Doch war auch er zu gehen vllig frei, tat es oft, fast immer bei Delawaren und Irokesen, sobald die Frau gravid wurde, oder whrend der langen Stillungsperiode, um es bei der nchsten Gattin ebenso zu machen. ber die meisten befreundeten Stmme hin gab es demnach lauter Halbbrder und Halbschwestern verstreut, die einander als solche gar nicht kannten, ruhig heirateten, waren sie doch nach Mutterrecht nicht miteinander verwandt.
Auch Polygamie und Polyandrie herrschten vielfach als Rest uralter brderlich-schwesterlicher Gruppenehe, die dem Mann alle Schwestern seiner Frau oder der Frau alle Brder ihres Mannes mit zum Sexualverkehr gab, so bei den Senekas und andern Irokesen, den Den in Alaska, den Kiowas, Mandan, Omahas, auch den Sacks und Foxes am Mississippi. Solches war Brauch, doch niemals Zwang. In Vancouver erhielt der Gatte das Jagdrecht nur durch seine Frau, nach der Scheidung fiel es an sie zurck und bildete ihre Mitgift fr die nchste Ehe. Sexuelle Beschrnkungen gab es, wie schon Vater Theodat{53} jammert, auer dem Gesetz der Exogamie fast keine: Die jungen Mnner haben Freiheit, sich dem Bsen hinzugeben, sobald sie dessen fhig sind, und die jungen Mdchen gleichfalls, sogar Vater und Mutter dienen als Kuppler fr die Tchter. Bei Nacht laufen die Mdchen und Frauen von einer Schlafstelle zur andern, die jungen Mnner tun das gleiche und nehmen sich ihr Vergngen, wo sie es finden, doch ohne jede Gewalt; sie vertrauen ausschlielich auf den guten Willen der Frauen. Der Gatte tut dasselbe in bezug auf die nchste Nachbarin, und die Frau in bezug auf den nchsten mnnlichen Nachbarn. Von Eifersucht ist dieserhalb nichts an ihnen zu vermerken, und sie empfinden darob weder Scham noch Schande. Diese spezielle Schilderung gilt den auch politisch vollkommen matriarchalen Huronen (Wyandots).
{53: Thodat-Gabriel Sagard (16141636), franzsischer Franziskaner, einer der ersten christlichcn Missionare in Neufrankreich.}
Die Neigung der Indianer, whrend der Graviditt ihrer Frauen einfach wegzuziehen, bewog diese naturgem zu hufiger Schwangerschaftsunterbrechung. Auch die jungen Mdchen, besonders bei den frohen Stmmen der Ebene, Creeks, Cherokesen und andern, abortierten geschickt, sicher und fast ausnahmslos, stieg doch ihr erotischer Wert mit der Anzahl der Geliebten. Diese voreheliche Karriere mit vorzglichen Heiratschancen sollte keiner vorzeitigen Strung zum Zufallsopfer fallen; Naturvlkern erscheint ja Keuschheit oder Jungfrulichkeit bei Erwachsenen eher in der Bedeutung von Schwachsinn, der mitleidig belchelt wird. In den Muttergesellschaften fhrt das freie Verfgungsrecht ber den eignen Krper zu einer guten Beherrschung seiner Gesetze. Afrikanerinnen sind besonders berhmt fr natrliche antikonzeptionelle Methoden durch frhgebte Muskelkontraktion, whrend bei extrem vaterrechtlichen Vlkern, wo manchmal erst das dritte Kind am Leben bleiben darf, die geschlechtlich verkmmerten und unwissenden Frauen alle Qualen der Graviditt und Geburt vergeblich zu leiden haben. Auf einer Salomonsinsel mssen alle eignen Neugebornen auf Befehl der Mnner lebend begraben werden, und man importiert, um die Schererei der Aufzucht zu ersparen, von auswrts ltere Kinder.
Die Creeks hatten auch weibliche Huptlinge, wie nicht wenige andre Stmme, so die Narraganset auf Rhode Island, die zu den kanadischen Algonkin gehrigen Potavatami, die Winnebagos vom Jgerstamm der Sioux. Gewiss im ganzen gesehen eine starke Minderheit. Das ist vielfach gegen die praktische Auswirkung des Matriarchats eingewendet worden. Wohl mit Unrecht. Wo der Akzent auf magischen Fhigkeiten liegt, beordert ein weiblicher Priesterclan eben den seelisch abhngigen Jger und Krieger, der trotzdem im Physischen beraus khn und tapfer sein kann, zum ueren Dienst; dort, wo die Frauen sich nicht vorwiegend priesterlich bettigen, wie bei den zentralasiatischen Nomaden, fhren sie auch vielfach persnlich das Heer. Nun ist aber gerade im demokratischen Amerika der Huptling meist nur primus inter pares, erreicht nirgends eine Macht, die ihm, wenn ntig, nicht leicht wieder knnte entzogen werden. Von der Bedeutung indianischer Priesterinnen, Prophetinnen, Zauberrztinnen, auf der Prrie und bei primitiven Stmmen mehr noch als bei Ackerbauern, knden hingegen auer Heldengesngen und Kultbruchen auch viele Bekehrungsberichte: Sie haben groe Ehrfurcht vor diesen alten Hexen, und obwohl sie nur Unsinn reden, folgen die Mnner ihren Eingebungen, und diese Frauen sind die Herrinnen. Wie viele von ihnen mussten allein die guten Patres vom Missionshaus des heiligen Franz, dem heutigen San Franzisko, verbrennen, ehe diese Heiden herangereift waren zur Religion der Liebe.
Der Drang nach sexueller Abwechslung lag offenbar im starken indianischen Temperament, gefrdert wurde er durch die Bedeutungslosigkeit des Vaters fr den Mutterclan, den ewiggleichen, aus dem sich zu eigener Familiengrndung nie junge Paare ablsten. War die Ehe von Dauer, so verlor der Mann sogar bisweilen seinen Namen, wie bei den Creeks, wurde nur Vater des soundso genannt, also nach seinem Kind, nicht das Kind nach ihm  bei Matriarchat ein nicht seltener Brauch, etwa in Patagonien oder dem alten Arabien, bei Kantabrern und Lokrern. Bei den Aluten des russischen Amerika, jenen, die auch ihre Mtter nie lange allein lassen, nimmt der Gatte bei der Eheschlieung sogar den Namen der Gattin an. (Holmberg.{54})
{54: Uno Holmberg-Harva (18821949), finnischer protestantischer Theologe, Religionshistoriker und Ethnograph.}
Bei den Tlinkit in Alaska, den Navachos, Ojibways, Cherokesen, Arapahos, Dakotastmmen, um nur einige zu nennen, verkndet ungeheures Getse das Herannahen der Schwiegermutter. Alles schreit und bentzt Schwirrhlzer, um den Schwiegersohn zu warnen vor ihr, die in der Navachosprache dojischini heit: sie, die ich nicht sehen darf. bertretung dieses Verbotes soll je nachdem Erblindung, Tod, Selbstmord, Sterilitt bescheren oder noch wsteren Jammer ungeahnter Art. Ein Australneger starb schon fast vor Schreck, weil der Schatten seiner Schwiegermutter, whrend er schlief, auf seine Fe gefallen war. In Melanesien meidet ein Mann den Strand, solange ihre Fuspur noch nicht vom Meer versplt ist, in Neu-England geht er ihrer Person meilenweit aus dem Weg. Whrend ein Missionar in Neu-Guinea Schule hielt, fiel ein sechsjhriger kleiner Bub pltzlich wie ein Klotz Holz unter den Tisch, weil die Schwiegermutter seines groen Bruders soeben am Hause vorberging. Fr Reisende durch Australien, Afrika, Melanesien, Amerika wird dieses Tabu zu einer unversieglichen Quelle der Erheiterung.
Vielleicht der ergtzlichste Anblick meines Lebens, schreibt schmunzelnd Captain Bourke{55}, war ein verzweifelter Chiricahua-Apache, Ka-e-tenny genannt, berhmt als verwegenster und mutigster Mann seines Volkes, als er der Begegnung mit der Schwiegermutter zu entrinnen suchte. An Steine geklammert, das Gesicht verborgen, hing er an exponierter Stelle und wre zerschmettert worden, htten sie sich gelst. Frau und Schwiegermutter hingegen trifft bei matrilokaler Ehe keinerlei Beschrnkung im Verkehr mit Gliedern des angeheirateten Clans.
{55: John Gregory Bourke (18461896), US-amerikanischer Offizier und Ethnologe.}
Dieses Tabu schien rtselhaft eingeboren, und nie wurde sein Sinn bisher befriedigend erklrt. Warum nicht einfach jene fragen, die es halten? denkt der Laie hier erstaunt. Weil echte Bruche Taten des Blutes sind, zu tief natrlich, um bis in die Flche der Begrndung heraufzureichen. Das macht ja die Erforschung von Naturvlkern so schwer. Diese Menschen sind durchaus unfhig, auch nur ihre Sitten zu schildern (so selbstverstndlich sind sie ihnen), geschweige denn sie zu erklren, also ihre Anschauung in Worte zu kleiden, ihre Empfindung anders als in unbewussten Gebruchen zum Ausdruck zu bringen. (Frobenius.) Lord Avebury{56} meinte, dies msse mit Frauenraub zusammenhngen, eine seinerzeit beliebte Erklrung fr alles zwischen Himmel und Erde; die Schwiegermutter solle gemieden werden, denn man habe ihr die Tochter gewaltsam weggenommen, entfhrt. Abgesehen davon, dass bei gewaltsamer Entfhrung doch weit eher die Brder oder der Vater als zu Meidende in Betracht kmen, hat E. B. Tylor auch gezeigt, dass dieses Tabu am hufigsten wie strengsten in der matrilokalen Ehe gilt, wo die Tochter das Heim gar nicht verlsst, bei Vlkern mit dem weit spteren Frauenraub dagegen uerst selten und in abgeschwchter Form. Dann wieder hie es, die Gefahr unehrbarer Annherung solle ausgeschaltet werden; so erblhte auch fr die Psychoanalyse hier ein prchtiger dipuskomplex.
{56: John Lubbock, 1. Baron of Avebury (18341913), britischer Archologe, Biologe und Ethnograph.}
Der Navacho umgeht nun das ganze, so bedrohliche Tabu auf beraus einfache Weise: er heiratet erst die Schwiegermutter, dann die Tochter. Den gleichen talentierten Ausweg fanden auch die Cherokesen, sowie die Karaiben Sdamerikas; bei den Wagogo und Wahehe in Ostafrika aber muss ein Mann sogar, der Sitte gem, erst mit der Mutter sexuell verkehrt haben, ehe er die Tochter heiraten darf. Die Theorie vom bertragenen Inzestverbot fllt somit dahin. Wo das Tabu milder wirkt, kann die Schwiegermutter auch durch ein Geschenk vershnt werden, so bei den Dakotas durch den Skalp eines Feindes.
In neuester Zeit hat R. Briffault dieses weltumgreifende Tabu als Mutterrechtserscheinung angesprochen. Dem exogamen Mann steht kein Recht an die neue weibliche Gruppe zu, deren Haupt er nunmehr untersteht; fr ihn ist dieses Haupt eine fremde, beleidigte Mutter. Von ihr darf er sich als Eindringling weder erwischen, noch vor ihr sich blicken lassen, ohne rchender Folgen gewrtig zu sein, es sei denn, er vershne sie durch ein Geschenk oder trete als ihr eigner Sexualpartner in den Clan.
So lebe, meint Briffault, in der vagen Gre dieses Tabu, wenn auch nur schattenhaft, noch etwas nach von der ehrfrchtigen Scheu, die der primitiven Menschenmutter galt und ihrer natrlichen Dominanz in der Urfamilie, deren Schpferin sie einstmals war. Gefhle, so weitverbreitet und so tief, dass unter den unkultivierten Rassen in fnf Weltteilen kein Brauch hartnckiger, kein Familiengesetz bindender erscheint als ... diese absurden Hemmungen und traditionellen Regeln, wie sie sich berall gerade an die Mutter der Frau heften ... solche Gefhle sind niemals bloe Alfanzereien, vielmehr in ihrem Ursinn so bedeutsam wie vital. Als berlebsel, hohl und albern jetzt, stellen sie doch Teile einer primitiven menschlichen Gruppe dar, die, entwickelt aus der tierischen Familie, nur mit Hilfe der Exogamie sich ihre mtterliche Grundgestalt bewahren konnte.
Bei Kultivierten klingt das Tabu in Bsen-Schwiegermutter-Scherzen mit ihrem hmisch-lppischen Umwitzeln gerade dieser Figur noch leise nach, denn Kichern ist bekanntlich berkompensierte Furcht.
Unter europischem Einfluss wechselten allmhlich eine Reihe Indianer-Stmme von der Mutter- zur Vaterfolge, ehe sie ihren Rassentod durch Flintenkugeln starben oder ihn  berlebten in lppischen Reservaten, wo Huptlinge federnbespickt auf Bahnsteigen hocken, um durchreisenden Versicherungsagenten aus Chikago Kriegsbeile oder Friedenspfeifen, je nach Wunsch, aus ttowierten Musterkoffern gegen Dollar anzudrehen.
Wie unbeugsam jedoch die Urgesetze der Frauensippe fortbestanden, zeigt am besten jener Chokta-Indianer, der ganz offen dem Missionr Dr. Byington{57} in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erklrte, er wolle nur deshalb Brger der Vereinigten Staaten werden, damit er den eignen Kindern seinen Besitz vermachen knne, sonst fiele dieser unweigerlich an die Mutterseite zurck.
{57: Cyrus Byington (17931868), US-amerikanischer Missionar. 1830 waren die Choktaw vor die Wahl gestellt worden, die US-Staatsbrgerschaft anzunehmen und sich amerikanischen Gesetzen zu unterstellen, oder ihre Heimat im Staat Mississippi zu verlassen.}
So selbstndig universal erwiesen sich diese Indianerinnen, so einfach jeder Situation ganz allein gewachsen, dass eine, kanadischen Stammes, nachdem sie waffenlos, werkzeuglos, fast nackt aus feindlicher Gefangenschaft entsprungen war, nach sieben Monaten mitten in der Wildnis unter behaglichsten Verhltnissen lebend aufgefunden wurde, in einer hbschen, selbstgebauten Htte voller Vorrte und mit einer warmen, geschmackvoll bestickten, funkelnagelneuen Garderobe; alles gleichsam aus dem Nichts erschaffen. Erst hatte sie ingenise Fallen gelegt fr Wild und Vgel, um von dem Fleisch zu leben, die Felle zu gerben, mit den Sehnen einen Bogen zu bespannen; auch Messer und Nadeln hatte sie fabriziert, war vorzglich in Form, munter und wohlhabend. (S. Hearne{58}, nach Briffault zitiert.)
{58: Samuel Hearne (17451792), englischer Entdecker, Pelzhndler und Naturforscher; der erste Europer, der eine Entdeckungsreise auf dem Landweg durch Nordkanada bis zum Arktischen Ozean machte.}
Viel vom original indianischen Wesen hat sich seltsamerweise gerade an seinem hchsten und primitivsten Stamm erhalten: den Pueblos und den Seri, beide rein matriarchal.
Die Seri-Indianer am Kalifornischen Golf waren infolge von Feuersteinpfeilen und allgemeiner Fremdenfeindlichkeit bisher fast unbekannt. Sie entzogen sich prinzipiell jeder Antwort, indem sie den Frager erschlugen, und somit auch ethnologisch ehrbarer Annherung. Sie auszurotten, lohnt keiner Regierung, auch besorgen sie das durch ewige Fehden langsam selbst. Dr. McGee{59} gelang es, wenigstens jene auf dem mexikanischen Festland in der Provinz Sonora zu beobachten, und durch Dolmetscher erfuhr er das Wichtigste vom Leben der brigen Sippen auf der Insel Tiburon, ihrem Hauptversteck. Die sozialen Einheiten sind Mutterclans, an deren Spitze je ein Urweib hockt. In der Hierarchie von Tchtern und Enkelinnen verkrpert sich ihr hchster Stammesstolz: die Blutreinheit. Selbst nennen die Seri sich Kunkak: Frauenschaft. Ihr Totem ist der Pelikan. Zu sagen, sie lebten steinzeitlich, wre Schmeichelei und bertreibung, auer den Pfeilspitzen aus Feuerstein verwenden sie nichts Zubereitetes. Um einen Knochen zu zerreiben, wird einfach ein Kiesel vom Boden genommen, gibt man ihnen Messer, wissen sie nicht, was damit tun, und wollen es auch nicht lernen.
{59: William John McGee (18531912), US-amerikanischer Erfinder, Geologe, Anthropologe und Ethnologe.}
Die Frauen herrschen unumschrnkt. Der Gatte ist schwer erkennbar, weil unverhltnismig jnger als seine Frau, und ohne irgendwelche Autoritt. Seine Beziehung zum Haus wird niemals klar, denn so elend und flchtig die Htte auch gebaut ist, darf er sie nicht betreten; sie mit zu bewohnen ist nur dem Bruder erlaubt. Ob Vaterschaft berhaupt anerkannt wird, bleibt ungewiss, jedenfalls gibt es kein Wort dafr. Um in dieses elende Leben einzuheiraten, wird jeder Brutigam erst den hrtesten Proben durch ein Matronenkollegium ausgesetzt, sonst darf er sich der Sippe nicht gesellen.
Die Mnner jagen, fischen und kmpfen, bei jedem Streit wird die Clanmutter angerufen, lammfromm angenommen ihr Entscheid, alle Rechtsprechung geht von den Frauen aus, die ihre Brder zur Exekutive entsenden. Ein mnnlicher Huptling wird von den Weibern nur fr uere Kriegfhrung gewhlt, und zwar im Hinblick auf die Zauberkrfte seiner Frau, da er in freien Stunden auch zum Regenmachen verwendbar sein soll, dem Urbezirk weiblicher Magie, und das allein nicht fertigbringt. Jedenfalls bleibt er ein heimatloser Potentat, wandernd nach den Jahreszeiten und dem Gutdnken der Frauen, die in ihren eignen Ratsversammlungen alle Bewegungen des Stammes bestimmen und auch im Kriegsrat der Mnner Sitz und Stimme haben.
Angesichts der Australneger, vieler anderer Stmme und jetzt der Seri-Indianer hat sie doch etwas fr sich, die oft belchelte Manie der Kunsthistoriker, jeder wichtigen Rasse krampfhaft eine Urheimat zu suchen, als wre es beleidigend fr bessere Leute, dort, wo man sie findet, auch entstanden zu sein.
Alle begabten Menschen gehen eben irgendeinmal von zu Hause fort, wo immer dieses zu Hause auch liegen mge; nicht aus Not, sondern aus Drang. Groe Schweifende, halten sie es seit der lteren Steinzeit so und machen sich dadurch bei kleinen Leuten unbeliebt. Diese groen Schweifenden, verhasst bei denen, ber die sie hinschweifen, sind allemal jubelnde Formtrger, und das phnomenale Gestrahl, das sie sinnlos hinaustreibt, treibt dann gebremst, sinnvoll aus ihnen den monumentalen Stil. Ureinwohner hingegen knnen nirgends bis fnf zhlen, und stellenweise mssen sie noch jeden Tag mit Pfeilen nach ihrem Frhstck schieen, wie jemand einmal treffend bemerkt haben soll.
Doch groe Form erfordert Opfer. Die Taten ihrer schweifenden Trger sind nie moralisch gewesen, moralisch ist, nach Goethe, stets nur der Zuschauer.
Die Seri brachten es nie ber eine Art schlampigen Unterschlupfs aus Gestrpp, die Pueblos (Hopi, Moki, Zuni) hingegen zeigten New York, wie man Wolkenkratzer baut. Zuerst legten sie in den Steilwnden der Caons von Neu-Mexiko und Arizona terrassenfrmig mit Flachdchern ihre zwanzig- und mehrstckigen Huser an, von auen mit Feuerwehrleitern zugnglich, und gerade durch dieses Motiv wie Skyscrapers anzusehen.
Als riesige Ruinen stehen diese Anlagen noch berall im Sdwesten herum und gehren zu den berhmtesten Sehenswrdigkeiten Amerikas. Spter adoptierten die Pueblos diesen Stil auch in der Ebene fr ihre festungsartigen Drfer von solider Ziegelkonstruktion. Alles von Frauen erfunden und mit eigenen Hnden von den Fundamenten auf erbaut. Bis zur Ankunft der Europer war es noch keinem Mann eingefallen, sich um Architektur zu kmmern; als der erste auf Befehl der Padres eine Mauer errichten sollte, stand er elend beschmt und fehl am Ort, von hhnenden Frauen und Kindern umjohlt. Die spanischen Missionre erzhlen mit Stolz von den schnen Kirchen und Klstern, die ihnen die Eingebornen errichteten, und zwar ganz allein die Frauen, Mdchen und kleinen Jungen, denn bei diesen Vlkern ist es Sitte, dass Frauen die Huser bauen. Von den Fundamenten und Mauern an stellten sie das ganze Gebude innen und auen schlsselfertig her. So war es wenigstens vor der europischen Invasion und ist es bei den Zuni noch heute.
Auer Terrassen und Hfen an den eigentlichen Wohnhusern liegen noch mindestens ein halbes Dutzend sonderbare, beinahe unterirdische Rieseneier in jeder Pueblostadt herum, Klubs: halb Schwitzbad, halb Tempel, weil die Dampfreinigung mit Weihen und dem Einttowieren eines besonderen Seelenstoffs, so dem Orenda oder Wokanda bei den Algonkin, tief zusammenhngt. Wie es in der Sdsee mana-Trger gibt, so ist bei Indianern ein guter Jger, wer eben Wokanda besitzt, die Ttowierung eigner Art scheint es zu bannen, anzuziehen, zu vertiefen oder beweist auch wohl nur seine Anwesenheit in Ttowierten.
Bei den Pueblos erreichen diese Schwitztempel oder Gemeinschaftshuser den grten Umfang. Jedes Dorf hat eins bis sechs der kreisrunden Bauwerke. Ein groer unterirdischer Raum ist zugleich Badezimmer, Rathaus, Klublokal und Kirche. Er besteht aus einer weiten Vertiefung, denn das Dach ist beinahe auf gleicher Hhe wie der Erdboden, manchmal etwas hher ... Rundum an den Seiten sind Sitzbnke und mitten auf dem Fuboden ein viereckiger steinerner Behlter fr Feuer, worin bestndig aromatische Pflanzen verbrannt werden. Man betritt das Haus mit Hilfe einer Leiter durch ein Loch im Dach, das gerade ber dem Feuerplatz gelagert ist und also zugleich als Ventilator und zum Abzug des Rauches dient. Gegen die Deutung dieser Rotunden als typische Mnnerbund-Lokale spricht nicht nur das unzweifelhafte Matriarchat bei den Pueblos, nicht nur, dass diese Bauten ausschlielich Frauenwerk sind, sondern vor allem ihre Gestalt: rund, tief in die Erde gemuldet, mit dem einzigen engen Eingang, der Feuerstelle gegenber. Ein Mnnerbund im Uterus? Wenn irgendwo, so musste doch gerade hier, bei betontem Gegensatz zur Weibwelt, die mann-mnnliche sich eine echte Eigenform erschaffen haben, denn nichts ist wesentlich, was nicht erscheint. Auch fehlt das typische Emblem dieser Richtung hier vollstndig, der _Schdel:_ hartschaliger Gegenuterus, _Geistei_, dessen Verwendung als Kultobjekt und Zimmerzier den Ort der Mnnerbnde bei Primitiven berall zum reinen Beinhaus macht. (Bei studentischen Vereinigungen wird er durch die Fechtmaske ersetzt.)
Die isolierten Rundbauten der Pueblos erklren sich ohne Zwang aus der frher weit strengeren matrilokalen Sitte, die Mnner nur auf Besuch ins eigene Haus lie. So wurden ihnen diese, von den Spaniern Estufas genannten, Wohnsttten abseits errichtet, wo sie auch schliefen. Jetzt ist alles weit laxer geworden, mutterrechtliche Organisation besteht zwar noch, ist aber bereits im bergang begriffen, und das bedeutet schlielich immer Untergang.
Kein Indianerstamm ist brigens so oft, so genau und mit so viel Begeisterung geschildert worden. Man wei, wie das Zuimdchen um seinen jungen Mann wirbt, indem es ihm ein selbstgebackenes Brot in die Hand drckt, man wei, wie er ihr dann als Brutigam auf der Sonnenterrasse die Luse auskmmt und Mokassins fr sie nht, und schlielich die Art, wie Squaws Tpferei betreiben, die wirklich von antiker Anmut ist. Sie modellieren ihre Schalen nach der eigenen Brust, lassen die Stelle der Brustwarze bis zuletzt offen, verschlieen sie dann unter groer Feierlichkeit mit abgewandten Augen, um nicht steril zu werden. Und das unschuldige Feuer zum Brennen der Gefe entzndet stets ein kleines Kind.
Nach Kroeber{60} scheiden sich die Puebloleute unaufhrlich, so dass Mnner und Frauen in mittleren Jahren meist viele Ehepartner hinter sich gelassen haben, und selbst Alter schtzt vor Scheidung nicht. Binden wie Lsen aber geht gewaltlos vor sich. Jegliches geschieht freiwillig zwischen den Geschlechtern. Jene schn gefrbten und zusammengesetzten Gewnder, Federschmuck und Lederarbeit, die der Mann so hei begehrt, barsch zu verlangen, kme ihm nie in den Sinn. Schweigend wartet er ab, ob sie ihm geschenkt werden, und verbirgt seine Enttuschung, ist dies nicht der Fall. Hat die Frau ihrerseits einen Mann satt, macht sie ein Paket aus seinen Sachen und setzt es vor die Tre, ohne Szene, ohne Zank.
{60: Alfred Louis Kroeber (18761960), US-amerikanischer Anthropologe.}
Auch vor und neben der Ehe tut jeder so ziemlich, was er mag, und junge Mdchen schlafen bei verheirateten Mnnern ohne Scheu; Mutterrecht ist ja immer large in sexuellen Dingen, was sollte ihm auch an Jungfrulichkeit gelegen sein? Dass die Rasse deshalb nicht verlotterte, dafr sorgten auf dem ganzen Kontinent die Tapferkeitsproben als Teil der Reifezeremonien, wie fast alle Naturvlker sie ben, am hrtesten freilich die reinen Kriegerrassen, mgen sie noch zum Teil matriarchal organisiert sein oder nicht. Die notwendige Zucht ist hier eben anders gelagert, nicht im Erotischen, das dadurch frei bleibt von Neurose.
Bei den Hopis, als ltesten Ackerbauern, erreichen die Agrikulturriten mit dem von der Ahnfrau gestifteten Schlangentanz ihre Hhe. Zu bestimmten Mondzeiten stt ein Alter ins Stierhorn, whrend Mnner, denen lebende Schlangen aus dem Mund hngen, den heiligen Felsen umtanzen; Frauen singen Litaneien dazu und streuen Maismehl auf Schlangen und Erde, bis beide wei sind wie von Schnee, dann lassen die Mnner alle Schlangen zu Boden fallen, wo sie abermals bedeckt werden mit neuem Mehl. Auf den Pueblodrfern wieder mischen Priesterinnen als Regenzauber Mehl und zerriebene heilige Wurzeln mit Quellwasser in selbstverfertigten, unter geheimen Bruchen gebrannten Gefen, gleich denen der Vestalinnen Roms. Mond- und Wasserzauber, Quellen hten, heilige Gerte nach ihrem eignen Wesen formen, weben und bauen sind ursprnglich immer Sache der Frau. Jeden Mondmonat fhren sie Mirakelspiele auf in groem Kostm, mit Masken, Tnzen und Musik. Der Klerus besteht aus vierzehn Priestern; an ihrer Spitze steht die Schiwanakia, als Priesterin der Fruchtbarkeit. Sie bewahrt die Kultobjekte und kann jeden Priester sofort, ohne Angabe von Grnden, seines Amtes entheben, das ihre erbt sich von Mutter zu Tochter fort.
Geheime Gesellschaften blhen hier wie bei allen Indianerstmmen; Mnner und Frauen haben die ihren streng gesondert, doch gibt es eine einzige Persnlichkeit, die Mitglied aller sein darf, und das ist eine  Frau.
Pueblo-Mythologie scheint mehr als die andrer Stmme berrankt mit Riten und Nebenlegenden, wie barockes Christentum. Ihr zugrund aber liegt ein Demeterkult mit Fruchtbarkeitszauber verbunden, dessen Eleusinien zu eben jenem Mehl- und Schlangentanz geworden sind. Er ist das gemimte Mysterium der Mutter des Samens Muyenmut und ihres Sohngeliebten, des Schlangenheros, Mondgottes und Beherrschers der Schatten. Ewig sich hutender sterblicher Sohn der unsterblichen Mutter, steigt er zu ihr als Befruchter hinab; und was in Eleusis der Phallus in der Cista war, sind hier die Schlangen im Mehl. Denn dass die rote Rasse durchwegs ohne Gtterpantheon gewesen sei und nichts als den groen Geist Manitu monotheistisch verehrt habe, ist lngst als frommer Wunschtraum der Padres erkannt, die hier gern mit ihrem Jehova eingehakt htten. Den Weltgeist gibt es eben noch auerdem entweder ungeteilt oder weiߓ und schwarz, schn und hsslich, in Dioskurenform gespalten zum Zwillingspaar der Mondgttin und sich in seiner Zweiheit befehdend, wie Romulus und Remus.
Als reines Lebensprinzip ist Manitu gleich Odem, Geisthauch, Pneuma; wen er da anniest wird wieder jung, und wo dieser Allhauch sich rhythmisch abgrenzt, skandierend einen Namen formt, _spricht er die Einzelseele aus_. Kommunion mit Manitu zu suchen ist daher Um und Auf der Reifezeremonien; mgen sie auch sonst mancherlei bedeuten, ihr innerster Sinn ist _Wiedergeburt_, bei der sich diesmal der Knabe aus der groen Weltseele heraus selbst neu gebren muss zum vollwertigen Stammesglied. Erst dann werden ihm auch die Stammeszeichen einttowiert. Wer diese Puberttsriten nicht durchgemacht hat, kann nicht heiraten, und wre er krperlich noch so viril, darf hchstens den Tanz der nichtigen jungen Hunde und andern Kinderhops tanzen, wird nirgends fr voll genommen, und kein Mdchen rhrt ihn an. Auch seine Mutter, weit entfernt, den Sohn zurckzuhalten, treibt ihn, wie einst aus sich, so jetzt mit aller Kraft der zweiten Geburt entgegen. Nach wochen-, manchmal monatelangen Fasten, Martern, Praktiken aller Art, damit er eben auer sich gerate, sinkt der entrckte Knabe fern ab, irgendwo allein in eine Art Trance, um den Lebenstraum zu suchen, der ihm seinen Privatmanitu, den Individualtotem, als neuen Namen und neue Seele offenbaren soll.
Indianer beschneiden zwar nicht bei ihren Puberttsweihen, wie es Australier, Afrikaner, Semiten, Malaien tun, desto grausamer sind dafr die allgemeinen Tapferkeitsproben; ein hufiger Ausgleich bei besonders heroischen Rassen: Indianern, Spartanern, die jene scheulichen lokalen Operationen an Geschlechtsorganen vermeiden.
Hochgefhrlich, oft tdlich ist aber der eine wie der andre Brauch. Zahlreiche Vlker tilgen ja auch sonst reuelos Stammesglieder fr ein Gebrechen oder auch nur Versagen aus, das uns vllig nichtig scheint, weil wir es nicht bezogen sehen auf jenen mystischen Hintergrund eigentlichen Daseins, der sich fr uns geschlossen hat. So wird bei den afrikanischen Eve jedes Kind, dem das Zahnen Schwierigkeiten macht, sofort gettet, doch dienen diese, in vielen Lndern scheinbar so wichtigen Vorderzhne, nicht etwa zum Beien, sondern zum  Ausgeschlagenwerden bei den spteren Knaben- und Mdchenweihen. Indianische Geheimbnde bestrafen wieder Straucheln whrend eines rituellen Tanzes mit dem Tod. Lauter esoterische Gesetze, vor deren geheimnisvollen Fronten wir, Profane, ratlos stehen; fr das, was wichtig, was unwichtig, versagt hier, weil auf andrer Daseinsflche, unser Ma.
Ist die Form des Mythischen das _Bild_, so ist jene des Dmonischen der _Tanz_. Sein Rhythmus stt den Tnzer aus der eigenen hindurch in eine fremde Schicht, und zwar besetzt jeder Tanz andres dmonisches Gebiet mit flatterndem Gefhl. Jeder Schritt, jede Gebrde hlt da eine Geisterwelt in Schwebe; wer strauchelt, strzt ein Chaos unbeherrschter Dmonie auf seine Mittnzer herab und zerbricht die Kollektivekstase. Mit jeder Weihenprobe steigt das Recht auf neuen Tanz. Mancher wieder ist erblich, mancher kann auch angeheiratet werden, ein andrer dagegen bleibt exklusives Frauengut. Um die Vorherrschaft eines Geschlechts zu beurteilen, gengt es also nicht, zu wissen, wem Haus und Kinder gehren, wessen Name erhalten bleibt, vielmehr: wer darf und unter welchen Voraussetzungen tanzen? Dass die Heilkunst unter natrlichen Bedingungen schon deshalb weibliche Domne sein msse, weil jede Mutter von Natur Zauberworte habe, die Schmerz stillen und beruhigen, dieser Annahme halten manche Ethnologen im Fall der Indianer die mnnliche Medizingesellschaft der Algonkin entgegen, die Midiwiwin. Wie steht es nun damit? Die Midiwiwin hat viele Stufen. Jede Stufenweihe besteht aus Tanz, Tten und Auferwecken des Initianden. Jeder neue, hhere Grad der magischen Heilkraft wird nun dem Ohnmchtigen vor seiner Wiedergeburt jedesmal in Form einer  _Muschel_ in den Krper geschossen, somit in ihn hineinpraktiziert in Gestalt des weiblichen Genitals. Dieses erst beglaubigt ihn wie eine Mitgliedskarte, als von rechtens dem Bund der Zauberheiler zugehrig. Wer die symbolische Weltbedeutung der Kaurimuschel nicht kennt, fr den kann es allerdings auch rein mnnliche indianische Medizin geben, fr Indianer nicht.
Mnnersache dagegen bleiben die Bffeltnze und andrer Jagdzauber. Totemische Tnze beider Geschlechter werden nicht dem Totem zu Ehren aufgefhrt, wie ein Ballett fr einen illustren Gast, sie sind vielmehr mystische Kommunion mit ihm. Tanzt eine Sippe etwa den Regen, den Prriewolf, die durchscheinenden Steine, so stellt sie nicht nur durch Masken vor, was sie tanzt, sondern wird selbst dazu, geht zurck auf den Wesensgrund von Regen, Prriewolf, durchscheinende Steine; den gleichen Totem haben heit daher viel mehr als gleichen Blutes sein, es heit Teilhaben an der gleichen platonischen Idee. Wer bei solchem Tanz strauchelt, war in seiner Seele geflscht und muss radikal zurckgeschickt werden.
Ein tropischer Stamm hat den Ara zum Totem. Gefragt, ob sie das bildlich meinten, sagten die Leute, nein, ganz wirklich. Aber um Himmelswillen, sie knnten doch nicht sie selber und zugleich im selben Moment der meterlange Papagei dort oben sein? Der Identitt mit dem Totem liegt eine mystische Symbiose zugrund. Den rationalen Menschen brechen nur ganz seltene Trume noch zuweilen aus der Zwangsjacke der Logik heraus, und geben ihm diese fluktuierende Welt mit ihrem Reichtum prlogischer Lebensformen frei. Auf einer ganz anderen Flche liegen die indianischen Tapferkeitsproben im engeren Sinn. Sogar bei den in ihrer Huslichkeit so gemtlichen Pueblos bersteigen sie jedes fr europische Begriffe ertrgliche Ma. Schon die kleinen Kinder werden dabei ffentlich mit Bndeln der dolchscharfen Juccapalme gepeitscht, bis ihnen die Haut in Streifen hngt, doch kein Kind von ber fnf Jahren darf auch nur eine Miene dabei verziehen, ohne entehrt zu sein. Bei den Stmmen Britisch Columbiens zerschneiden die jungen Kriegerkandidaten einander die Oberkrper, schlitzten die Fingerspitzen auf, legen sich trockene Fichtennadeln auf Arme, Hnde und Brust, znden sie an und halten unbeweglich still, bis die Asche zerfllt. Die Puberttsweiheproben bei den Cheyennes, Crees, Arapahos, Mandan, Omahas waren sogar in Indianisch-Amerika berhmt. Nach viertgigem Fasten und Drsten wurden den Knaben Schulter- und Brustmuskeln mit Messern durchbohrt, Holzpflcke durch die Wunden gestoen, Stricke an deren Enden befestigt und die Krper bis zur Decke hochgezogen, dann herumgeschwungen, dass sie sich wie Kreisel drehten. Herabgelassen, liefen die Jnglinge dann, schwere Gewichte an den gleichen Stricken nachschweifend, um die Wette, all die Zeit von ihren Richtern und dem ganzen Stamm scharf beobachtet, ob auch keiner mit der Wimper zucke, doch sie lchelten ihren Qulern in die Augen und erfanden selbst immer noch neue Zutaten denn jede Narbe war ein Stammes- und Ehrenzeichen mehr.
Dieses Ordale: die Echtheitsprobe soll der roten Rasse frs ganze Leben jenes Unvergleichliche, Unersnobbare gegeben haben, was man _Haltung_ nennt; etwas von dieser Haltung war wohl auch der Jugend Spartas eigen. Als Ordale fr das heroische Ethos der Indianerinnen gilt das Gebren. F. X. de Charlevoix{61} berichtet voll Bewunderung, wie sie oft Tag und Nacht in Wehen liegen und, weil in diesem Zustand aufs hchste tabu, auch schutzlos im Freien, ganz allein, ohne einen Laut von sich zu geben. Zeigen diese Frauen den geringsten Schmerz, wren sie entehrt, unwrdig, Mutter zu sein, und ihre Kinder als Feiglinge verachtet. Bei vielen Stmmen Sdamerikas wird eine Kreiende, die einen einzigen Schrei ausstt, sofort gettet. Heroische Haltung in dieser Situation ist Ehrensache bei den meisten Frauen roter, schwarzer oder gelber Rasse.
{61: Pierre Franois Xavier de Charlevoix (16821761), franzsischer Jesuit, Reisender und Historiker.}
Eine zweite, sehr strenge Disziplin wiederholt sich monatlich. In den Mondzeiten, wo die unheimlichen Sfte ihres mystischen Wesens berquellen, gilt die Frau fast auf der ganzen Welt als die Inkarnation aller Schrecken, tabu im Sinn von heilig-bse; ein Blick von ihr kann mit schauerlicher Krankheit schlagen, ein Gewehr im gleichen Raum mit ihr geht dann nie mehr los oder ttet den Besitzer. Meist soll sie sich in die Einsamkeit zurckziehen, berall Zweige streuen, damit niemand nach ihr den Weg bentze. In solchen Tagen ist sie ungefhr mit der Verantwortung eines Arztes beladen, der mit Pestkulturen manipuliert, auch wohl selbst gefhrdet durch das ausbrechende Dmonentum ihres Geschlechtes, muss tagelang fasten, darf den eignen Krper nicht berhren, ist zu Brechkuren und allerhand inneren Reinigungen verpflichtet. Auch Europa kennt und respektiert bis zu einem gewissen Grad dieses tabu. Keine Franzsin, die ihren Mond hat, wird eine Majonnse rhren, eine Sddeutsche wahrscheinlich nicht in den Keller zu jungem Wein gehen, eine Grtnerin weder Obst noch Blumen pflcken, denn je nach seiner Art gerinnt, versuert, welkt ein jedes Ding zu solcher Zeit in ihrer Nhe; Spiegel sollen sich trben, Edelsteine erblassen, Metalle anlaufen oder rosten.
Die Indianerin muss bei der ersten Menstruation meist einen bis zwei Monate in der Einsamkeit und strenge fastend verbringen. Merkt bei den Mohawks das Mdchenkind die ersten Anzeichen ihrer Reife, so flieht sie und verwischt ihre Spur. Wird ihr Verschwinden endlich bemerkt, macht sich ihre Mutter oder eine andre Verwandte auf die Suche, oft vergehen drei bis vier Tage, ehe die Vermisste gefunden wird; erst dann nimmt diese etwas Nahrung, die ihr gebracht wird, zu sich und kehrt nach etwa zwanzig Tagen zum Wigwam zurck. Der weltbekannte Brauch, nicht unter einer Leiter durchzugehen, soll mit der Angst, eine menstruierende Frau knne oben sitzen, zusammenhngen. (Briffault.)
Eine allgemeine Blutscheu der Naturvlker kommt als Ursache dieses tabu, das auch ebenso bei hochzivilisierten Chinesen, Arisch-Indern, Persern besteht, nicht in Frage, Blut ist sogar meist etwas Hochbegehrtes; tabuiert ist nur die spezielle Herkunft, daher auch das weitverbreitete Gebot knstlicher Defloration vor der Ehe. Europische Eltern in China sind meist wenig erbaut, wenn sie entdecken, wie weit chinesische Kinderfrauen in dieser Hinsicht schon recht frh die pflichtgeme Obsorge fr ihre Pfleglinge getrieben haben. Wo knstliche Methoden nicht Brauch sind, haben die meisten Priester, so in Indien alle Brahmanen, da sie durch ihren heiligen Stand immun sind, die Verpflichtung, diese Handlung zu vollziehen. Indianerstmme nhen bei der Reife die jungen Mdchen in Scke, wie sonst nur Leichen, lassen ihnen gerade die kleinste ffnung zum Atmen und ruchern sie mit reinigenden Dmpfen so lange, bis nicht wenige erstickt sind. So werden die Frauen schlielich die Opfer einer bertriebenen, wahrscheinlich von ihnen persnlich gefrderten mystischen Scheu, die nicht nur den Mann, sondern wohl auch sie selbst vor dem Mondwesen ergriff, das an kritischen Schicksalstagen mit einer selbstndig geisternden Dmonie verantwortungslos in ihnen kreist. Je weiter sich nun eine soziale Struktur vom Matriarchat entfernt, desto mehr schmilzt vom heilig-bsen dieses Weibheits-tabu das heilig weg, bis es fr die Kirchenvter nicht mehr den Schauder vor kosmischer Kraft, vielmehr vor dem Satanischen an sich bedeutet. Und erst recht fr den Puritanismus, dessen Pflicht vor Gott es geradezu ist, die Frau eisern in Ungefhrlichkeit niederzuhalten, trgt doch jede von ihnen eine Miniaturdependance des Hllenpfuhls in sich.
beraus interessant ist es nun, wie die Urkraft des eingebornen, nur unterbrochenen amerikanischen Matriarchats, die rabiat vaterrechtlich-puritanischen Einwanderungswellen geglttet hat. Sein Sieg war fast kampflos und von erheiternder Vollstndigkeit. Mit dem Unterschied, dass der Mann jetzt als Dollar- statt als Bffeljger weit mehr fr den Frauenclan zu arbeiten hat als frher und kein Feuerwasser zu trinken bekommt, ist seine Lage in der Union ungefhr wieder so, wie sie im matronalen Langhaus bei den Seneka war, und wenn bei gelegentlicher Unart oder Unfolgsamkeit nicht irgendeine alte Tante in letzter Stunde ein gutes Wort fr ihn einlegt, ist er ostraziert und hat so wenig zu lachen wie sein Vorgnger, der rote Krieger des Landes. Dies alles ist vom neuen oder eigentlich alten Matriarchat viel weniger durch Dauerlrm, Gewalt und Gesetze erreicht worden, als einfach so, was immer die geheimnisvollste und sicherste Art der Autoritt bedeutet. Dabei sind die Indianer selbst zum Vaterrecht bergegangen unter dem mchtigen Einfluss eben jener puritanischen Pioniere, deren unmittelbare Nachkommen jetzt unter der stillen Gegenwirkung des seelisch noch gar nicht durch Hochkulturen ausgesogenen Bodens zu Mutterrecht regredieren. Vielleicht wandelt er sie partiell zu den Ureinwohnern, die, vorzeitig vernichtet, sich nicht zu Ende leben konnten. Der Fall Nordamerikas ist ja in jeder Hinsicht ohne Beispiel. Dort wird eine der gewaltigsten mechanisierten Zivilisationen aus spteuropischer Erbmasse einem fremden Riesenkontinent auf die blanke Seele gestellt. Sonst ist in Kolonien berall ein Puffer von Eingeborenen da, die das Bodenstndige auch weiterhin aufnehmen und ausleben; oben bleiben die Eroberer aus Grnden der Selbsterhaltung seelisch und krperlich so streng fr sich und dem Lande innerlich fern, wie nur irgend mglich, was die bekannte Zweischichtigkeit ergibt. Die Indianer eigneten sich jedoch nicht zur Unterrasse und starben lieber aus, die importierten Neger sind selber fremd, haben aber auf Jahrhunderte hinaus die afrikanische Wucht fast unwandelbar im Blut; die Weien, diesmal hemmungslos, ffneten sich weit der andern Erde, als wre sie erbmig ihre eigene.
Was kann nunmehr geschehen in dieser noch nicht dagewesenen Lage? Wird die Zivilisation nicht ihrerseits das Seelentum des Mutterrechts dort abwandeln? Denn der Typus des wurzelhaften Urweibes, als sein naturhafter Trger, ist in den hohen Formen der Mechanei (ein Frobeniussches Wort) gar nicht denkbar. Es wird also vielleicht eine Mannheit aus lauter infantilisierten Athleten, Rekordbrechern, Trustmagnaten unter Mutterrecht geben, aber keine Mtter dazu. Oder doch  in einer neuen Variante?
In seinem Amerikabuch meint Graf Keyserling{62}, angeregt durch das in der Union Gesehene, gewiss mit Recht, ein erfreulicher oder gedeihlicher Sozialismus, ein gewaltloser also, habe nur Aussichten unter ausgesprochener Gynaikokratie. Da es Mtter nicht mehr gibt, die ltere Frau dem Mutterrecht aber unentbehrlich ist, so steht nach Keyserling Amerika momentan unter Tantenrecht. Ob der Tantentyp nur eine Zwischenstufe bildet, um etwas ganz Neuem  natura _facit_ saltus  Platz zu machen, muss abgewartet werden.
{62: Hermann Keyserling (18801946), deutschbaltischer Philosoph.}
Rckschlag ins Indianerhafte, zwar gigantisiert durch puritanische Zivilisation, aber ganz unzweifelhaft irgendwie indianisch, uneuropisch, ist eine Erscheinung, wie Mrs. Eddy{63}; dieser evangelischen Schamanin gelang es, das alte Mysteriumprinzipat der Frau, Zauberheilen durch Beschwrung im allergrten Stil, mit der Christian Science wieder einzufhren, wie Dr. C. Jung als erster bemerkt hat. Andere Rothautsitten sind die Tanzrekorde. Tagelanges Tanzen bis zur Bewusstlosigkeit gehrte als Tapferkeits- und Widerstandsprobe zu den indianischen Puberttsriten. Was schlielich die zahllosen mnnlichen und weiblichen Geheimbnde betrifft, so scheint der einzige Unterschied gegen frher, dass sie  annoncieren.
{63: Mary Baker Eddy (18211910), Grnderin der Christian Science-Kirche.}
Nur eine Sonnensippe gab es in Nordamerika, die Natchez. Sonnenmatronen aber gibt es nirgends auf der Welt, nur Sonnenjungfrauen. Das alte Urweib nimmt auch hier nicht mehr die Mitte ein, es ist nach dem Hintergrund verschoben, dirigiert zwar von ihm aus noch die handelnden Personen, vorn auf der Bhne aber sind Tchter und ein Sohn. Dieser Tchterclan, von der csarischen Sonne zu selbstherrlichen, aristokratischen jungen Priesterinnen ausgebrtet, fhrt ein bevorzugtes, bis auf Agrikulturriten und Heilkunst verantwortungsloses Dasein, ein Bruder oder Sohn aus diesem, streng nach weiblicher Linie zhlenden Adelskreis wurde jeweils von der Urmutter im Hintergrund mit der ueren Macht und dem Titel groe Sonne belehnt, blieb ihr jedoch verantwortlich, auch ausgeschlossen von dem sonst in solchen Fllen blichen dynastischen Inzest mit seinen Schwestern.
Die Priesterprinzessinnen ihrerseits nahmen sich zu Sklavengatten oder Geliebten wen sie wollten aus dem Volk, da ja die mnnliche Erbmasse nicht zhlte. Diese Sexualdiener blieben ohne Rang, wurden nach Belieben gewechselt oder getomahawkt, hieen die Kter und mussten in Gegenwart ihrer Herrinnen in demtiger Stellung verharren. Auch ttete man sie bei deren Tod oder beim Tod eines Kindes, das sie gezeugt, ganz hnlich, wie in Dutzenden von afrikanischen Monarchien auch, nur dass bei diesen noch immer weit gewichtiger, als groer Mond, hinter dem Sohn- und Tchtergetriebe eine alte Kniginmutter steht.

 Mittel- und Sdamerika

    Die Mnner sind khn, grausam und ihren Frauen untertan.
    _A. de Herrera_{64}
{64: Antonio de Herrera y Tordesillas (15491625), spanischer Historiker.}

Auf dem Hochplateau von Peru, wo juwelene Sonnenuntergnge armdicke Barren aus Licht quer ber den Weg werfen, so kompakt anzusehen, dass der Hindurchschreitende ihren Anprall zu spren glaubt, stand ein Frauenkloster, ganz aus purem Gold, mit goldnen Mbeln, goldnem Herd, goldnen Tpfen, Pfannen, Krgen, jeder Gegenstand aus Gold. Goldne Tren gingen auf in einen goldnen Garten mit goldnen Wegen und goldnen Bumen, in denen goldne Vgel golden nisteten. Goldner Mais stand hoch mit goldnen Blttern und Kolben, und goldne Hirten mit goldnen Krummstben hteten goldne Herden auf goldner Trift.
Mit dieser Goldwelt hatten gewaltttige Sonnenshne: die Inkas, ihre vestalischen Feuerbrute umbaut. Dort hteten diese Tag und Nacht jene Flamme, die einmal jhrlich bei der Sommersonnenwende direkt aus dem Gottesstrahl mit dem Brennspiegel neu entzndet wurde, dort woben sie die weien Wollgewnder der Prinzen und Priester, bereiteten Wein und Brot fr die Tempelriten, formten und brannten als allereigenste Geheimkunst die Tempelgefe fr den magischen Dienst.
Sie hieen mama-cuna, peruanische Mtter, waren aber, trotz Sonnenflamme und Feuerbrautschaft, auch goldumbaut noch Mondfrauen geblieben, wie seit unvordenklichen Zeiten, und einmal im Jahr trugen sie das Bild der eignen Gottheit, der mamaquilla, auf den Schultern in den Sonnentempel mitten hinein. Das Heiligtum der Gttin in Cuzco, der Hauptstadt, hatten die ersten Inkas, als zu gefhrlich, sofort zerstrt. Die brigen Lokaldienste belieen sie zwar, stifteten aber ihrem Vater, der Sonne, einen neuen Kult mit mnnlichem Klerus und befahlen ihn frs ganze Reich. Die ziemlich unabhngigen Stmme kehrten sich gar nicht oder nur pro forma an dieses Dekret, hielten weiter zu ihren Landesgttern, Mond und Mutter des Maises an der Spitze, deren Dienst mit heiligen Tnzen, Riten und Agrikulturmagie die einheimischen Priesterinnen auch weiterhin versahen. Wie? Im Sonnenland Peru, unter dauernder Hhenbestrahlung, im souvernen Licht, wo die Leute sich die Schienbeine an Sonnenuntergngen stoen, muss erst durch spte Monarchie auf das Tagesgestirn hingewiesen und sein Kult als zwangsweise Neuerung eingefhrt werden? Es wre doch zu vermeinen, hier stnde die Sonne, nichts als die wache Sonne, von jeher obenan. Doch bewahre, Fruchtbarkeit und Leben spendet Peruanern, Chilenen wie Mexikanern ausschlielich der Mond. Der columbische Schpfungs-Mythos ist sogar rein parthenogenetisch. Die groe Gttin Bachue entsteigt den Wassern mit einem mnnlichen Kind, ihrem Sohn. Nachdem er zu ihrem Geliebten herangewachsen, erzeugen sie beide das Menschengeschlecht, worauf Bachue, jetzt in Gestalt einer Schlange, also selbst zum Mann gehutet, in das abkunftlose Fruchtwasser des Nicht-mehr-Seins zurckkehrt.
Sonnentempel und Kult von Cuzco blieben eine hfische und dynastische Angelegenheit. Abgeschieden vom Land, haben die Inkas mit Knaben- und Mdchenopfern in unerhrten Stilen ihr starkes und doch unwirkliches Dasein auf einem Sonderhochplateau sich selber vorzelebriert. Immer erweist sich eben die Gradation der groen Weltkrper als Entsprechung einer Seelenlage. Sonne als Anblick bleibt ohne Belang, bis sie nicht von anders her noch bestimmend in die Merkwelt fllt. Gewiss sprten die Peruaner, genau wie ihre spten Herren, die Inkas, den Tagesglanz auf ihrer Haut, doch _bedeutete_ er ihnen nichts, dazu schwang der Rhythmus des weiblichen Mondes zu stark durch ihre Vorstellungen hin, das zeigt schon der Topfkult, mit eigenem Topfgott in Mexiko und Peru. Wo Tpferkunst: das Formen der Weibheit, noch einmal und ber sich hinaus, dem Zelebrieren eines Geschlechts-Mysteriums gleichkommt, verhangen mit Ehrfurcht und Geheimnis, ist die Frau dominant, der Mann dort, wo er sie als profanes Handwerk auf offenem Markte selbst betreibt. Bei den Indianerstmmen, verstreut in den wundervollen Tiefen der tropischen Wlder am Fu der Bolivischen Anden: den Yurakaren, bleibt heute noch jede Frau mit vestalischen Ehren umgeben, whrend sie Gefe formt. Tpferei ist keine alltgliche Sache bei diesen aberglubischen Menschen und wird mit seltsamen Vorsichtsmaregeln umhtet. Den Frauen allein ist sie anvertraut. Feierlich entfernen sie sich, die Tonerde zu suchen, droht Gewitter, ziehen sie sich in die verborgensten Waldtiefen zurck, um niemandem zu begegnen. Dort bauen sie eine eigne Htte. Whrend der Arbeit ben sie bestimmte Zeremonien und ffnen niemals den Mund, verstndigen sich durch Zeichen miteinander, fest berzeugt, dass ein einziges gesprochenes Wort die ganze Keramik im Feuer zersprengen wrde; auch kommen sie ihren Mnnern nicht in die Nhe, sonst mssten alle Kranken sterben. In jeden Gegenstand, den Frauen herstellen, geht nach Ansicht des Volkes eben noch ihre geheime Naturverbundenheit mit allen Schpferkrften ber. Daher auch die Scheu, etwas von weiblichem Eigentum anzurhren. Heute noch wagt in Neu-Mexiko kein Mann auch nur den Verkauf eines Eies oder eines Huhnes, ohne, in Abwesenheit der Frau, wenigstens seine kleinen, manchmal noch kindlichen Tchter vorher um Erlaubnis gefragt zu haben. (Bandelier.{65}) Von den Eingebornen Nicaraguas sagt Herrera, dass die Weiber allein allen Handel auf dem Markt treiben, whrend die Mnner nur das Haus fegen drfen: Sie sind so unter der Herrschaft der Frauen, dass, wenn sie deren Zorn erregen, ihnen einfach die Tre gewiesen wird. Die verprgelten Mnner gehen dann zu den Nachbarn und bitten diese, ein gutes Wort fr sie einzulegen und ihre Wiederaufnahme zu vermitteln. Die Frauen bentzen ihre Mnner, um ihnen aufzuwarten, und behandeln sie wie Domestiken. Im westlichen Peru sind die Frauen die einzigen, die ihre wilden, hndelschtigen Mnner bndigen knnen: Die Frauen sind beraus mchtig. Sie vershnen die kmpfenden Parteien und ordnen Frieden an, denn diese hchst barbarischen Menschen gewhren alles denen, die sie gesugt haben. (N. del Techo.{66}) Unter den Guaranistmmen von Paraguay ist es den Mnnern die grte Genugtuung, ihre alten Frauen glcklich zu sehen, sie folgen ihnen auch und tun alles, was sie ihnen sagen. Dafr revanchierten sich die herrschenden Damen durch ein noblesse oblige in der Erotik. Eine von hchstem Rang soll gesagt haben, dass wohl ordinre Weiber ohne Erziehung sich unhflich benehmen knnten, keine wohlgeborne Frau mit natrlichem Feinempfinden aber drfe so manierlos sein, ihre Gunst einem Bewunderer zu versagen. (Briffault.)
{65: Adolph Francis Alphonse Bandelier (18401914), schweizerisch-amerikanischer Archologe.}
{66: Nicolaus del Techo (16111680), franzsischer Jesuit, Missionar in Paraguay.}
Die Belanglosigkeit des Lichts gerade im Lichtland Peru kann nicht als Einwand gelten gegen jene Erdseele, das Paideuma{67}, die Landschaft, oder wie sonst man das geheimnisvolle Beziehungssystem zwischen Umwelt und Innenwelt benennen will, denn dieses formt sich viel feiner umwegig aus, liegt wohl so einfach nicht zu Tag, dass einer bestimmten Zahl Sonnenstunden im Jahr nun allemal ein rational berwaches, genau berechenbares Kulturwesen durch alle Zeit entsprechen msste. Solch ein primitiver Schluss liegt viel zu nahe, um wahr zu sein.
{67: Paideuma ist der von Leo Frobenius geschaffene Begriff fr Kulturseele, die Seelenlage einer Kultur.}
Die Inkas waren heraufgekommene Huptlinge, und nach der mythischen Tradition hngt die Grndung der Dynastie in ihren vier ersten Vertretern mit vier Frauen des Landes zusammen. Oft und oft in der Geschichte ist es die erste Sorge der Usurpatoren gewesen, Legitimitt zu suchen durch Verbindung mit jenem weiblichen Blut des Landes, das die Erbfolge bestimmt. Nach Briffault wren diese vier Frauen wohl die fhrenden Priesterinnen gewesen, jedenfalls diente der eingeborne weibliche Klerus als Vorbild fr die heiligen Frauen der Inkas, nun umgezchtet auf Sonnenkult. Spter traten die Knigstchter und Schwestern, insofern sie nicht zum dynastischen Inzest verwendet wurden, in den vestalischen Dienst. Dass seine Mitglieder zur Herrscherfamilie gehrten, ergibt sich aus ihrer Todesart bei Untreue. Sie wurden lebendig begraben gleich den Vestalinnen Roms, deren knigliches Blut auch nicht vergossen werden durfte.
Die mexikanische Dynastie hatte ihrem sehr blutigen Sonnenkult ebenfalls Vestalinnen eingegliedert, doch in weniger strenger Form. Diese konnten Weihen frs Leben nehmen oder auf Zeit, um dann zu heiraten, wie die brigen Landespriesterinnen auch. Sie hatten die beiden ewigen Feuer auf der groen Stufenpyramide zu hten, den Idolen Weihrauch zu entznden, die Gewnder der Priester zu weben, gingen selbst in weie Wolle gekleidet, ohne jeden Schmuck.
Lange schon zerfallen die Mayastdte in den Wldern von Yukatan, und der Sonnenkult der Inkas ist tot wie ihre Mumien in den Gewlben, doch immer noch huschen die peruanischen Mnner und Mdchen, frische Kokabltter zwischen den Zhnen, in der neuen Luft vom jungen Mond umher und beten: mama-quilla, stirb nicht, wachse, mama-quilla, denn vom Mond hngt ihr Leben von Monat zu Monat ab.
Sdamerika ist das gelobte Land der Medien, kein Kontinent, nicht einmal Afrika ausgenommen, bleibt daher so durchsetzt mit geheimen Gesellschaften, gegrndet auf Spiritismus, Telepathie, Weissagung, Trance, deren Trger naturgem Priesterinnen sind. Was da durch ganz Zentralamerika bis tief in den Sden hinunter getrieben wird, ist hauptschlich Nugualismus, von nugua = die Buschseele, inkarniert in einem Tier. Die Hochgrade des Ordens lehren die menschliche Seele vom Krper zu lsen, auszutreten, um nach Belieben in dem Tier zu wohnen, frei schweifend an zwei Orten zugleich, unverwundbar, hellsichtig, hellhrig, belehnt mit der ganzen Geheimkraft des Dschungels. In diese Kunst der Entkrperung oder Doppelverkrperung soll zuerst eine Frau, eine mchtige Bezauberin, die indianischen Stmme eingeweiht haben, andre ihrer Art grndeten unter den Azteken eigene Stdte als Hochburgen der Magie, wie Malinalko, oder herrschten als feenartige Kniginnen, gleich jener Coamizagul in Honduras, die lebend gen Himmel fuhr, und kaum einen indianischen Nationalhelden gibt es, der sich der Sage nach nicht von Prophetinnen htte leiten lassen.
Dr. Brinton{68}, der grte Kenner des Nugualismus, betont stets von neuem, wie die Frauen in der herrschenden Priesterkaste nicht nur hchste esoterische Grade einnehmen, sondern nicht selten ganz an der Spitze stehen und das mysterise Band dieser Organisationen durch alle Fhrnisse hindurch unzerreibar von Generation zu Generation erhalten. Diese weiblichen Adepten wurden die Seele der Revolten gegen die Spanier und von diesen voll Furcht und Wut verfolgt. Fast ein Jahrhundert nach der gewaltsamen Bekehrung des Landes zum Christentum brachte ein zwanzigjhriges Mdchen, Maria Candelaria, die Prophetin und Jeanne dArc Zentralamerikas, den allgemeinen Aufruhr zustand fr die alten Gtter und zur Vertreibung der Fremden. Gegen diese fhrte sie ein organisiertes Heer und bedrohte eine Zeitlang ernstlich die spanische Macht, der sie auch nach Unterdrckung der Revolution nie in die Hnde fiel. Die Spanier fingen nur ihre zwei jungen Adjutantinnen und lohnten deren lieutenanthafte Treue und Verschwiegenheit natrlich mit bestialischer Hinrichtung. Junge Indianermdchen sind aber schon durch die Beschneidung  die kleinen Schamlippen samt Klitoris werden radikal abgetrennt  und sonstige Tapferkeitsproben einiges mit Haltung zu tragen gewhnt. Die Foltertricks der Inquisition brachten sie nicht aus der Fassung.
{68: Daniel Garrison Brinton (18371899), US-amerikanischer Archologe und Ethnologe.}
Das Visionre, der Triebreichtum im Medialen, gab den Indianerinnen Sdamerikas die bermacht, frher sogar am elendesten Ende des Kontinents, wo man es am wenigsten htte vermuten sollen: bei den Feuerlndern. Der Tradition nach sollen ihre Frauen eine derartige Priestertyrannei ausgebt haben, dass eine Art mnnliche Gegenrevolution erfolgte mit Weibermassaker und Einfhrung einer mnnlichen Herrschaft. Ob diese tatschlich besteht, darber gehen die Meinungen sehr auseinander. Das Volk, von Feinden immer mehr abgetrieben bis an den Rand der Welt, lebt jetzt in den elendesten Verhltnissen, polygam wie polyandrisch, doch geht die Werbung von den Frauen aus, die grer, ebenmiger und intelligenter als die Mnner sind, auch frher die Jagd ausbten, wie jetzt ganz allein den Fischfang als einzige Nahrungsquelle der Rasse. Splitternackt, mit dem Wuchs von Siegerinnen lenken die Weiber in den eiskalten Nchten die Kanus, ihr ausschlieliches Eigentum, ins Meer hinaus und fischen auf primitivste Art, aber so erfolgreich, dass die Missionare und fremden Matrosen mit ihren weit besseren Methoden den krzeren ziehen. Die Leinen sind aus Pflanzenfasern geflochten, die Kder ohne Haken befestigt; whrend der Fisch anbeit, wird er mit den bloen Hnden gefangen. Ein berfluss an Beute wird dann im Missionshaus eingetauscht gegen Theologie und Biskuits. Nur die Frauen knnen, und zwar berhmt gut, schwimmen, die Mnner nicht. Diese boxen und ringen dafr in ffentlichen Spielen, angefeuert von der Weiblichkeit, die nichts so sehr bewundert wie Brutalitt, auch wenn sie dann selber unter ihr zu leiden hat.
Ob die Feuerlnder nur uerst herabgekommene Indianer oder doch Ureinwohner sind, scheint nicht vllig festzustehen. Das Gros der eigentlichen Indianer soll aus Nordamerika ber die Landbrcke von Panama eingewandert sein, wiewohl die Sprachen mit denen des andern Kontinents keinerlei Verwandtschaft zeigen. Welche Rassen jedoch Trger jener zehntausendjhrigen Kulturen waren, deren Reste in den kyklopischen Ruinen Boliviens erhalten sind, wei niemand mehr.
Das Riesendreieck tropischen Tieflands zwischen Anden, Orinoko und den Nebenflssen des Amazonas, reich an Baumwolle, Tabak, Zuckerrohr, wird von lauter mutterrechtlichen Stmmen bewohnt, den Tupi, Karaiben, Aruak. Bei den Tupi ist die Ehe nicht nur matrilokal, sondern zugleich Dienstehe. Mehrere Bewerber mssen im Haus der Frau oder ihrer Eltern zwei bis drei Jahre gratis arbeiten; wer am meisten geleistet hat, wird als Gatte angenommen. Ahne der Tupi ist der Mond. Fr ihre alten Wunderrztinnen waren sie von je berhmt. Aruak wie Karaiben haben Mutterfolge, die Karaiben berdies den Schwiegermuttertabu, der durch die Heirat mit der Tabuierten umgangen wird. Zu den mnnlichen Puberttsriten gehrt das Eingenhtwerden in einen Sack voll eigens ausgehungerter Raubameisen. Wer die Probe lautlos bersteht, darf sofort heiraten, falls er noch Lust dazu hat. Auch die weiblichen Tapferkeitsproben sind von raffinierter Hrte.
Alle diese Stmme gehen jedoch bereits zum Vaterrecht ber. Das wird an zwei Erscheinungen klar, die schon Bachofen als typisch entdeckt hat: dem Mnnerkindbett und der Vormachtstellung des Mutterbruders in der Sippe an Stelle der Mutter selbst.
Nicht so sehr unter brgerlichem, als unter priesterlichem Matriarchat standen noch zur Zeit Pater Dobrizhofers{69} die Abiponen am Gran Chaco, zwischen Anden und Paraguay. Ein alter Weiberbund bte groen Einfluss mit einem Urweib als Hterin der Quellen.
{69: Martin Dobritzhofer (17171791), sterreichischer Jesuit, Missionar in Paraguay, Pionier der modernen Ethnologie.}
Von anderen Stmmen am Gran Chaco wird jetzt noch Polyandrie gemeldet, auch whlt die Frau den Mann, doch spricht die Sitte des Mnnerkindbetts fr ein bergangsstadium zwischen den beiden Rechten. Mit Hilfe der verwilderten europischen Pferde sind die Gran-Chaco-Leute gegenwrtig reine Reitervlker geworden, haben Stndeordnung und Anstze von Rittertum und Erbadel. Bei einem ihrer Stmme, den Tschamakoko, mssen die Jnglinge vor der Heirat erst zu erfahrenen Witwen in die Eheschule gehen. Das alles waren bisher Spielarten des alten Matriarchats und seiner bergnge zum Vaterrecht, es gibt aber noch eine andre Ablsung, einen andern Polwechsel der Macht: den vom Alter zur Jugend, dann kann sich das Doppelsternsystem der Bruder-Schwester-Herrschaft bilden, ohne Matronen- oder Geronten-Bevormundung, mit der Arbeitsteilung in priesterliches und kriegerisches Amt. Im Nachlass eines deutschen Forschers und Ingenieurs fand sich diese Schilderung des rituellen Inzesttanzes zwischen dem Huptling-Bruder und der Priesterin-Schwester, wie er ihn vor wenigen Jahren bei einem der Indianerstmme an den Grenzen zwischen Brasilien und Venezuela im Quellgebiet des Rio Taquado mitangesehen hat:{70}
{70: _Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs_ (1915) ist ein noch heute erhltlicher Roman des sterreichischen Schriftstellers Robert Mller (18871924). Sein Protagonist, dessen Reise und der hier geschilderte Inzesttanz sind fiktiv.}
In der sechseckigen Tempelhtte tanzen das geschwisterliche Herrscherpaar: der Huptling Laluac und seine Schwester, die Priesterin Zaona, den heiligen Inzesttanz vor ihrem Herrn, dem Sauggott Mocki, dem Blutgtzen, dem Tanz-in-die-Luft-Dmon, zweischdlig, auf jeder Stirn ein Tausendauge, eine Riesenbrombeere. Das gttliche Unterteil besteht aus einem mannshohen dicken Schaft, einem borkenlosen Baumstamm, der wie ein unendlicher Kragen das halslos schwebende Haupt trug. Aus dem Schaft wuchsen sechs Paar klauenartige Knufe, wie zwei Reihen Ziegeneuter angeordnet.
Mchtige Jger saen im Halbkreis, die Tr im Rcken. Des Huptlings beste Leute. Ihre Muskeln schwollen im Rausch, lebten im Zucken des Feuerscheins, wie ein erstarrtes Getmmel von vielerlei Rund. Das Fleisch nahegerckter Gestalten wlbte und verschlang sich in merkwrdigen Knoten und Schnecken, wie eine seltsam quellende, mystische Masse. In faustgroen Bildungen und Wchsen saen erschreckende Krfte gespeichert. Diese Gliederzucht krampfte die Brste der wilden Mnner zusammen, und sie stieen rhythmisch wehevolle, brennende Schreie aus oder summten aus gepressten Zhnen gleich einem Schwarm toller Mcken, die gestimmten Klppel der Holzmusik prasselten melodisch gegeneinander. Unentzifferbar, nur in ihren Wirkungen demtig zu fassen, zog des Gtzen blutsaugerische Miene die Versammlung empor. Aus seinen grnen Augen zuckte der elevatorische Blick. Er, das Scheusal, konnte elfisch schwebende Schnheit erwecken.
Und Zaona begann zu tanzen. Der Gott trug sie. Sie balancierte auf einem Bein, ihr Rumpf, nach rckwrts geworfen, bildete einen raffinierten dnnen Bogen, eine kitzelnde Kurve, die verrucht wirkte; ihr achsellanges, straffes Haar fegte den Boden. Dann duckt sie sich, springt wie ein Panther, trgt ein Scheit vom Holzsto fort und schwingt es rasend mit den Zhnen, einen feurigen Kreis um sich ziehend, wobei ihre magre Figur bis in jedes Schlpfchen erleuchtet steht. Ihr wildes, kleines Gesicht glht verkniffen vor Gier und Ekstase, wie durchhitzte Bronze. Der Chor der harten Mnner im Schatten, die in den gegrtschten Knien hngen, antwortet ihren dumpfen Gaumenschreien mit einer Art tierischen Wohllauts, einem sehr physischen Sehnsuchtsmotiv von zittern und hoffen machender bestialischer Melancholie. Zaona sieht aus wie ein junger feuriger Krieger und ist doch ganz Sanftmut, ganz Weib. Die Priesterin, die Tnzerin, die Kurtisane im Urzustand. Da fliegt das schmale, splitternackte Ding, eine Schlinge, aus Nerven, Muskeln, Wirbeln und zahmen Knochen geflochten, gleichsam durch den Raum, sauste wie ein Peitschenhieb von Eck zu Eck, lag wie ein Faden am Boden vor Mocki, dem wulstigen Gtzen. Und Gott stand still und war mchtig. Seine Ruhe gebar Rhythmus, sie war der Grundton, von dem sich Bewegung abhob. Sie hatte den Blutdurst ihrer Seele getanzt, den Pumatanz, den Mckentanz, den Grillentanz. Und nun geschah an diesem unvergesslichen Abend etwas Entscheidendes: Zaona tanzte zum viertenmal.
Als sie vom Boden wieder in die Hhe kam, stand Luluac da, ihr prinzlicher Bruder. Sie ging ihm bis zu den Hften. Er war hoch, und sein Oberkrper war wie ein Keil in Hften und Ges gepflanzt ... Auf seinem kleinen, buchtigen Schdel sa die Krone aller indianischen Federkronen. Die wildesten und buntesten Flgel des Dschungels hatten zu der wilden Graviditt dieses Huptlings beigesteuert. Die geringste Neigung erhielt in dieser Weise eine gespenstige Bedeutung an dem Kopf des jungen Huptlings.
Dieses Prachtstck von einem Federbusch machte den langen Luluac bermenschlich, als er mit seiner Schwester Zaona zum Tanz antrat. Die groteske berlegenheit des Mannes war ein Genuss fr alle, die es ansahen. Zaona schien bis in die letzten Fasern davon berhrt. Gefllig bog sie sich unter ihm. Whrend sie tanzten, traten an ihren Krpern die Merkmale wilder geschlechtlicher Erregung zutage. Sie betrachteten einander aus den Augenschlitzen mit bestialischer Verliebtheit.
Der Instinkt der Inzucht, der bei primitiven oder bei berfeinerten Rassen, die noch gesund sind, auftritt, machte sich in ihren Sympathien geltend. Obwohl Zaona klein war, zeigte ihr Krper doch auffallende Gemeinsamkeiten mit dem ihres Bruders. Sie waren beide lang, ihre Gesichter waren nahezu gleich im Ausdruck. Sie waren in die eigne Art verliebt, und wie sie da tanzten, gaben sie der Wollust ber die Absolutheit und Rassigkeit ihres Wesens Ausdruck. War die zweiknospige Narzisslaune, das Prinzip der Eigenverehrung, nicht eine Verbesserungs- und Erhaltungstendenz der Schnheit? hnlichkeit wirkt bei differenzierten Sugetieren abstoend auf die Phantasie. Aber darber hinaus wirkt sie bei ausgebauten Rassen mit Gleichgewicht und gereiftem Geschmack anziehend. Innerhalb edler Rassen gengt der verschrfte Geschlechtsunterschied, der in harte und zarte Typen scheidet, der Sehnsucht nach Variation.
Zaona tanzte tief und hingegeben. Es verlangte sie nach dem gefiederten Pfeile Luluac. Luluac bewegte sich in mnnlichen, khlen Kurven mit sichtbarer technischer Meisterschaft. Er blieb hart, rhythmisch, formell, nur seine Augen gaben sich feurig. Man verstand, er begehrte Zaona, er turnte um sie, aber er verhielt sich vor ihren Lockungen reserviert; man konnte nicht wissen, wie gefhrlich das kleine Frauenzimmer war, ob es erlaubt war, sie zu berhren: eine Priesterin, eine Prinzessin; dem Sterblichen, der sie nahm, konnte Unheil drohen.
Zaonas Knchel waren gefesselt, die Bracelets hatten sich ineinander verhakt. Sie sprang in kurzen, federnden Schritten, die wie Blle waren, sie umkreiste Luluac, sank in die Knie und verschrnkte die Arme hinter dem Nacken. Luluac lie sie nahe herankommen. Schon ergreift er sie in einer Pose, die seine Nacktheit drastisch preisgibt, als er sich wieder zurckzieht. Er verwahrt sich gegen die Wirklichkeit eines solchen berirdisch begehrlichen Wesens. Sie ist ein Trug der Sinne, der Untergang bedeutet. Vielleicht ist sie eine Pantherfrau und zerreit den menschlichen Geliebten, der sich betren lsst. O ber ihre Zahmheit! Er schwingt die Arme, zckt Speer und Schild, denn es gilt, einen Puma sich vom Leib zu halten. Er fllt pltzlich in den bekannten Kriegstanz, hebt die Beine mit wagrechten Schenkeln und spielt ein Rennen am Ort.
Zaona umschmeichelt ihn mit vollendeten Linien. Ihre gehobbelten Knchel folgen mit unterwrfigen kleinen Schritten. Traurig ist es, wie die Knorpel der gespannten Kniekehlen sich berhren. Da kann auch Luluac nicht lnger widerstehen. Eine suggestiv getanzte Umarmung bedeutet Besitznahme. Er hat sie nicht berhrt, die Gebrde bleibt sthetisch. Alle verstehen die Anspielung, die in den gerungenen Armen liegt. Luluac nimmt das Werben der Pantherin an. Die geschlechtliche Spannung der beiden Krper ist gestiegen, beide sind selig, beide sind nahe daran, sich zu vergehen. Zaona rosst wie eine junge Stute. Eine weiche Musik schwellt die Muskeln und Nerven und weckt die Spitze und Unschuld der mnnlichen Empfindung. Der kreisrunde Verfolgungswahn dieser Natur erzeugt gelinden Schwindel, die Schlfen hmmern, und die Augen laufen mit dem Gehirn zu einer einzigen sehnschtigen Masse zusammen. Luluac schreit rasend auf, und die Mnner fallen triumphierend und befriedigt ein. Der wilde, schne Kriegerprinz hat nun Zaona, die Priesterschwester, in seine Htte gefhrt, die zugleich der Tempel ihrer Gottheit ist.

 Die Couvade,
von couver = brten, zu deutsch Mnnerkindbett, ist bei sdamerikanischen Indianern als bergangssymptom zum Vaterrecht mehrfach erwhnt worden. Ganz roh und beilufig gesprochen, spielt sich dabei ungefhr folgendes ab: wenn die Frau entbindet, legt sich der Mann schluchzend zu Bett, windet sich in scheinbaren Wehen, sthnt, erhlt warme Wickel um den Leib, wird gepflegt, muss tage-, wochen-, manchmal monatelang aufs strengste fasten, gilt bis nach dem ersten Bad fr unrein, ganz als wre er selbst die Wchnerin.
Dieser Brauch, der je nach Rasse, Zeit, Zone reich ist an charmanten und erstaunlichen Abarten, war schon den Reiseschriftstellern und Historikern der Antike bekannt. Herodot bezeugt ihn fr afrikanische Stmme, Nymphodor fr Skythen am Schwarzen Meer, Diodor fr Korsika, Strabo fr die Keltiberer Spaniens; ihre direkten Nachkommen, die Basken in den Pyrenen, ben ihn noch heute, und auf der Insel Zypern gab es sogar eine heilige Couvade, die keiner einzelnen Geburt galt, denn alljhrlich beim Aphroditefest musste sich ein schner Jngling im offenen Zelt hinlegen und Stimme wie Bewegungen einer kreienden Frau nachahmen. Aus China berichtet Marco Polo als erster vom Mnnerkindbett unter dem Bergstamm der Miautse, und moderne englische Forscher besttigen seine Angaben.
Bei dem freundlichen Eifer, mit dem man jetzt alle exotischen Rassen schnell noch photographisch, phonographisch, photometrisch exploitiert, registriert, studiert, ehe sie  ruiniert durch unbekmmliche Zivilisation  endgltig verschwinden, hat es sich so nach und nach herausgestellt, dass nicht so sehr viel weniger Mnner in Wehen liegen als Frauen; dass die Couvade von Sibirien bis Sdamerika, auf dem Malaiischen Archipel, in Afrika, China, Brasilien, Indien, bei hohen wie niedren Rassen in unzhligen Varianten wenigstens andeutungsweise besteht, oder krzlich noch bestand.
So scheinbar klar der Sachverhalt, so dunkel sein Sinn. Soviele Gelehrte, soviele Meinungen. Weil Bruche lter als Logik sind, als uraltes Erbgut noch in unsre Schicht hereinragen, hat eine Frage nach Grnden bei jenen, die sie ben, wenig Zweck; echte Bruche leben und verblassen innerhalb der reinen Zone des natrlichen Gefhls, ohne Verstandliches zu streifen. Abgesehen von ihrem Unvermgen, geben Naturvlker ungern Auskunft ber ihr Tun, spren sofort die Suggestion, das, was gehrt werden will, und antworten den unbewussten Wnschen des Fragers gem. Ist denn etwa auch heute in Deutschland oder der Schweiz vom Volk zu erfahren, warum in Thringen ein Manneshemd vor das Fenster der Wochenstube gehngt wird, oder warum im Aargau die Frau beim ersten Ausgang nach der Entbindung die Hose des Mannes anzieht, whrend sie im Lechtal seinen Hut aufsetzt? An Ort und Stelle wei niemand mehr, was das soll, der Vlkerkundige, mit seinem Vergleichsmaterial aus fnf Erdteilen, erkennt wenigstens sofort, es handle sich hier um Reste echter Couvade, mit ihrem so charakteristischen Rollentausch der Geschlechter, wie immer er ihren Ursprung auch deuten mge, je nachdem er den Akzent auf die eine oder andre der verwickelten Begleitzeremonien legt, denn das Urwunder Leben zieht weite Zauberkreise, Ring um Ring.
So sind eine ditetische und eine pseudomtterliche, eine vorgeburtliche, geburtliche und nachgeburtliche Couvade zu unterscheiden. Der vorgeburtlichen wegen ist bereits Vater werden, nicht nur Vater sein, fr den magischen Menschen schwer.
Fhlt sich die Gattin eines Brahmanen schwanger, so kaut der Gatte keinen Betel, was hrter ist als Tabakverzicht fr den Raucher, und fastet bis zur Niederkunft. Auf den Philippinen darf der Brutigam schon eine Woche vor der Hochzeit kein saures Obst mehr essen, sonst bekommt sein knftiges Kind Leibschmerzen, in Borneo wieder nichts verkorken, sonst leidet es an Verstopfung. In China muss sich der Mann vor heftigen Bewegungen ngstlich hten, sonst ist durch die Erschtterung auch der Ftus im Mutterleib bedroht. Aus gleichem Grund fhrt der Jambim-Mann nicht auf den Fischfang: das Meer (groes Fruchtwasser) soll nicht durch Ruderschlag gestrt werden. Malaien im Archipel rhren keine scharfen Werkzeuge an, tten kein Tier, meiden jede Handlung, die verletzenden Charakter hat.
Vor der Entbindung sind strenge Ditregeln fast berall fr beide Elternteile gleichmig Vorschrift. Whrend die Frau aber nach der Geburt sich meistens bald wieder frei bewegen darf, um, von gewissen Speiseverboten abgesehen, wieder halbwegs normal zu leben, beginnt fr den Mann die _nach_geburtliche Couvade oft in einer, die _vor_geburtliche an sadistischer Belstigung weit berragenden Form. Bei den Karaiben von Cayenne muss er sich zu sechsmonatigem Fasten in die Hngematte legen. Wenn er sie dann, nur noch Haut und Knochen, zum erstenmal verlsst, um sich nach Hause zu begeben, bringen ihm die dort versammelten Gste mit einem Agutizahn blutige Risse bei und reiben Pfeffer in die Wunden. Er geht dann, wirklich krank, wieder in die Hngematte und isst bis zum Ende des siebenten Monats weder Vgel noch Fische.
La Borde{71} erzhlt, wie viele Indianerstmme Sdamerikas dem jungen Vater, nachdem er lange gefastet, allerhand Entbehrungen durchgemacht, die Hngematte nur nachts verlassen hat, die Haut am ganzen Krper zerfetzen; whrend sie ihm dann Pfeffer und Tabakjauche in die Wunden reiben, darf er keinen Schmerzenslaut von sich geben, worauf sein edles Blut dem Kinde ins Gesicht gerieben wird, damit es davon ebenso tapfer werde wie er.
{71: Sieur de la Borde, franzsischer Missionar, _Relation des Carabes sauvages des Isles Antilles de lAmrique_ (1674).}
Nicht auszudenken, was Vater sein gar bei Polygamie fr so einen armen, rastlos eingepkelten Mann an Martyrium bedeutet. Bis zum Greisenalter kommt er aus den gepfefferten Wunden und allerhand Marter nicht mehr heraus. Viel dieser Art gehrt offensichtlich schon dem groen Bereich sympathetischer und imitativer Magie an, nicht mehr dem eigentlichen Mnnerkindbett. Darum meint Lvy-Bruhl, und mit ihm die franzsische Schule, dieses sei selbst nur Teil einer Gesamtheit von Vorsichtsmaregeln und tabus, die beide Elternteile sich abwechselnd auferlegen. Dem Europer seien sie nur beim Mann, als besonders ungewohnt, zuerst aufgefallen, daher sei die Couvade als Phnomen fr sich betrachtet worden, was unrichtig sei. Die Wesensgemeinschaft, mystische Partizipation, das Blutsband bei primitiven Rassen wirke derart stark, dass, was der eine tut, der andre zu spren bekommt. Darum trinkt auch in Brasilien der Bororo ruhig in der Apotheke selbst die Medizin, wenn sein Kind zu Hause krank liegt, und sie wirkt auch so. Thurnwald nimmt sogar an, die eigentliche Couvade, die echte, sei gar kein als ob, der Mann empfinde wirklich die Wehen mit, und auch Tylor entscheidet sich dabei wenigstens fr sympathetische Magie, die ja in Irland je und je als Mittel galt, um Geburtsschmerzen auf den Mann zu bertragen. Es ist dies die viel errterte transference of pain (Frazer). Sie wird als so strenges Geheimnis bei den Kelten gewahrt, dass es noch keinem Forscher gelang, ihren Ritus selbst zu beobachten, nur soviel ist bekannt, dass der Mann seine Zustimmung zum Gelingen geben muss.
Der Englnder Pennant berichtet darber: Ich sah den Sprssling aus einem solchen Kindbett, welcher sanft zur Welt kam, ohne seiner Mutter das geringste Unbehagen zu verursachen, whrend ihr armer Mann vor Schmerzen brllte in seiner sonderbaren, unnatrlichen Not.
In Estland gibt die Braut bei der Hochzeit dem jungen Gatten Bier und Rosmarin gemischt zu trinken. Dem Berauschten kriecht sie dann zwischen den Beinen durch, was die bertragung eines Teiles von den knftigen Geburtsleiden auf ihn bewirken soll, doch nur wenn er whrend der Zeremonie nicht erwacht; hier fehlt also eine Einwilligung, whrend sie bei den Kelten Vorbedingung ist. Nach Frazer werden Wehenschmerzen nicht nur auf den Gatten, sondern auch auf andre Mnner oder auf eine Holzfigur bertragen. Ploss{72} und anfangs auch Bastian glaubten noch, die Dmonen des Kindbettfiebers sollten durch die Maskerade des Rollentausches irregefhrt werden, abgelenkt von der Frau auf den Mann, wo sie dann blamiert dastehen, machtlos und fehl am Ort. Der Meinung Dr. Vaertings, die Couvade sei ein praktischer berrest von Gynaikokratie, der Mann als Pflegeperson hte die erste Zeit nach der Geburt das Bett, um das Neugeborene bei sich warm zu halten, steht die Verbreitung dieser Sitte vorwiegend unter dem quator entgegen.
{72: Hermann Heinrich Ploss (18191885), deutscher Gynkologe und Anthropologe.}
Die Psychoanalyse wieder legt ihren Vaterkomplex allen Qualen und Speiseverboten zugrunde, also seelische Erschtterungen, gemischt aus Schuldbewusstsein und Vergeltungsangst, Zrtlichkeit und Hass. Ihre ganze Kette von Schlssen hngt, was die Couvade betrifft, an der bekannten Freudschen Hypothese vom Vatermord in der Urhorde, dem gemeinsamen Verzicht der Shne auf die begehrte Mutter und Einsetzen der Totem-Mahlzeit als Erinnerung an den Vaterfra, jenes denkwrdige Ereignis der Menschheitsgeschichte, welches zur Bildung der Religion, der Kunst und der sozialen Organisation fhrte.
Das Kind gilt allgemein fr den wiederverkrperten Grovater. Der Sohn, jetzt selbst Vater geworden, fhlt also hier die Vergeltung drohen, dass einer kommt, der, herangewachsen, an ihm das gleiche tun wird, was er an seinem Vater getan (auf hherer Stufe mindestens zu tun gewnscht), daher vielfach die Ttung der Erstgeburt. Bei der groen Ambivalenz der Beziehung zum Vater schlagen dann bei spteren Kindern Zrtlichkeit und Reue durch; Hass und frhere Untat werden jetzt wieder berkompensiert durch selbstauferlegte Leiden. Die Speiseverbote sollen sich dann, da das Tier ja als Ersatzopfer gilt, auch auf dieses, den Totem, beziehen. Die _eigentliche Couvade_, die Geburtsnachahmung, wird von Reik{73} begrndet als Annullierung der Geburt des Kindes durch die Mutter, um es aus der inzestusen Libidofixierung an diese zu lsen. Der Inzestwunsch war ja Grund des Vatermordes gewesen und ist Motiv alles Vaterhasses. Nur die Rckgngigmachung der inzestusen Einstellung des Kindes kann den jungen Vater schtzen vor knftiger Gefahr. Diese kann aber nicht radikaler abgewendet werden, als indem die Weibsgeburt annulliert wird. Nicht die Mutter hat das Kind geboren, sondern der Vater, ihm also soll dessen Liebe zuflieen, und vor seinen eiferschtigen Mordgelsten bleibt er bewahrt.
{73: Theodor Reik (18881969), sterreichisch-amerikanischer Psychoanalytiker.}
Dass auch Mdchen geboren werden, ist der Psychoanalyse offenbar entgangen. Ihr ganzer Gedankenweg hat nur fr Knabengeburten Sinn, die aber als solche erst nach dem Verlassen des Mutterleibes kenntlich werden. Alle Shnungen, Leiden, Beschrnkungen, Martern der _vor_geburtlichen, geburtlichen und anstandshalber auch _nach_geburtlichen Couvade, denn ber ein Sichdrcken von letzterer bei weiblichen Babies ist nichts bekannt, nimmt demnach der junge Vater stets zu fnfzig Prozent  fond perdu auf sich. Schuld, Shne, die doppelte Vergeltungsangst wirken ja nur in dem Bezugsystem VaterSohn.
Was einen groen Teil der Speiseverbote angeht, die sich immer auf _beide_ Elternteile gleichmig erstrecken, so spricht viel fr Lvy-Bruhls Ansicht, es handle sich dabei um imitative Magie; sie betreffen auch gar nicht den Totem im besonderen, dieser darf ja in der Regel auerhalb der Couvade ebensowenig gegessen werden. Sicher imitativ magisch ist etwa die Scheu, Yamwurzeln zu genieen, damit das Kind nicht lang und dnn werde, oder Taroknollen, damit es nicht kurz und dick bleibe, das Meiden von Schweinefleisch, damit es keine borstigen Haare bekomme; auch Fettes und Schweres wird erst wieder als Nahrung gestattet, wenn das Kind selbst anderes als Milch vertrgt, ganz unabhngig davon, welchem Totem der Stamm angehrt.
Bachofen, der aus seinem riesigen Wissen zahllose Beispiele zur Couvade zusammengestellt hat, hlt mit breitem Griffe an der _gebrenden_ Gebrde des Mannes als ihrem Wesentlichen fest. Auch ihm ist diese ein Versuch des Vaters, Anteil an dem Kinde zu gewinnen, natrlich in anderm Sinn, als sie es der Psychoanalyse ist. Er sieht hier ein typisches Symptom fr die bergangsstufe vom Mutter- zum Vaterrecht, und tatschlich findet es sich fast nur in dieser und nicht bei Mnnerherrschaft. _Des Vaters Mnnlichkeit ordnet sich der weiblichen Potenz unter und offenbart sich in Muttereigenschaft. Der Geburtsakt hat also noch den Vorrang an Wichtigkeit vor dem Zeugungsakt. Dieser allein gengt nicht, erst wenn der Mann durch die Naturwahrheit des Muttertums hindurchgegangen ist, kann er Vater sein._ Niemandem vor Bachofen war es eingefallen, einer Betrachtung der Couvade auch die Formen der Adoption einzufgen, die als Abart der Elternschaft unbedingt hierher gehrt. So erzeugt sich der Rmer in selbstherrlichem Vaterrecht ganz allein auf rein geistigem Wege ein Kind, sogar durch Willensakt noch nach dem Tode, denn er konnte im Testament zum Sohn bestimmen, wen er wollte, ohne ein Weib zu befragen, whrend an der Grenzscheide zweier Schichten sogar ein derart aufgeklrter Gott wie Zeus nicht einmal seinen unehelichen Sohn Herakles anerkennen darf, ehe nicht eine Gttin die weibliche Tat des Gebrens an ihm vollzogen hat. Hera bestieg ihr Lager, nahm den Herakles an ihren Leib und lie ihn dann an ihren Gewndern zur Erde fallen, womit sie eine wirkliche Geburt nachahmte. Ganz hnlich geht die Adoptionszeremonie heute noch auf Borneo bei den matriarchalen Dayaken vor sich: Die Adoptivmutter thront in Gegenwart vieler Gste auf einem hohen Sitz und lsst sich den zu Adoptierenden von rckwrts durch die Beine kriechen. Auch im mittelalterlichen Europa, in Arabien und in Byzanz, kamen hnliche Adoptionsbruche vor. Abt Guibert{74} vermeldet, wie Balduin von Flandern durch den Frsten von Edessa _nach den Sitten des Volkes_, also mutterrechtlich, an Kindesstatt angenommen wurde: Er lie ihn nackt innerhalb des leinenen Untergewandes treten, welches wir Hemd nennen, drckte ihn an sich und bekrftigte alles mit einem feierlichen Ku. Dies tat auch sein Weib.
{74: Guibert von Nogent (ca. 1055  ca. 1125), franzsischer Benediktiner, Historiker, Theologe und Autor autobiographischer Erinnerungen.}
Eine ergreifend selbstlose Couvade ben Frauen, wenn sie den Wehen ihrer Shne in den Puberttsriten mit dem eigenen Krper nachhelfen. Die Reifezeremonie kommt ja einer Wiedergeburt gleich. Durch Fasten, Leiden, Bewusstlosigkeit, Trance muss sich der Knabe selber neu zum Mann gebren, macht die lebensgefhrliche Beschneidung durch und monatelanges Ritual unter Fhrung alter Mnner im Busch. In Australien, wo die Frauen, wahrscheinlich nach Zertrmmerung einer alten Vormachtsstellung, klglich unterdrckt sind, bedeutet das Eingehen des Sohnes in die Mnnergemeinschaft so viel wie vllige Ablsung von ihr. Wie Personen in Trauer und Wchnerinnen zugleich werden daher die Mtter der Novizen behandelt. Sie enthalten sich genau der gleichen Speisen wie der Sohn, der fern im Busch die Beschneidung erleidet, sonst kme er in Gefahr, salben sich tglich den Krper mit jenem l oder Fett, das als Mittel zu seiner Genesung gilt. Im Haar tragen sie ein Alpita: das Schwanzende eines lebhaften Nachttiers, um ihn im Wachbleiben zu untersttzen, weil Enthaltung vom Schlaf zu den Weiheproben gehrt. Abgesondert vom Lager des Stammes, leben sie einzeln an einzelnen Feuern; niemand kommt ihnen nahe, niemand spricht sie an. Jeden Morgen vor Tau und Tag singen diese Mtter die vorgeschriebenen Gesnge, und whrend sie aufrechtstehend singen, nehmen sie brennende Scheite vom Feuer und schwenken diese in der Richtung, wo sie das Lager der Novizen vermuten. Und wenn ein Novize von einem Tabu, das sich auf die Nahrung bezieht, befreit wird, erscheint gleichzeitig auch seine Mutter davon erlst. (Mathews.{75}) Nie vorher war die mystische Verbundenheit so stark als eben in der Zeit, da die Mutter sie selber als letztes Mittel der endgltigen Ablsung zum letztenmal benutzt.
Die vterliche Couvade will Anteil am Kind gewinnen, die mtterliche Couvade gibt den ihren auf.
{75: Robert Hamilton Mathews (18411918), australischer Landvermesser und Anthropologe.}

 Indien
Erwiesenermaen seit vier Jahrtausenden, wahrscheinlich ein Vielfaches dieser Zeit, ergieen sich Verfolger und Verfolgte, Verdrnger und Verdrngte in das tropische Becken Indiens. Seinen Pflanzenflaum dngte buntestes Blut, sehr edles oder nur brutales, abenteuerndes jeder Schattierung. Noch festgeschlossene Kulturen drangen aus Nordwesten vor, blhten hier auseinander, welkten ein. Doch whrend die Mitte vom Geschaukel der Kriegselefanten drhnte oder im Anbrausen einer halben Million Tatarenpferdchen vibrierte, schlielich glattgewalzt sich breitete unter die sthlernen Tiere aus Zweck und Zahl, blieben gewisse Randzonen fast unberhrt: ganz oben die uerste Ostgrenze mit den Hgeln von Assam, ganz unten ein Streif der Malabarkste.
Was sich in Assam als lebendiger Gesellschaftskrper erhalten hat, wirkt so berraschend, wie etwa heute noch einem Diplodocus im Fleisch zu begegnen. Nicht darin nur liegt die Kuriositt, dass in der bedeutendsten Gemeinschaft des Landes eine Frau quasi als Ppstin und Frstin in ihrer Person geistliche und weltliche Macht vereinigt, dass Priesterinnen bei allen wichtigen Opfern mitwirken, whrend Mnner nur als ihre Beauftragten ministrieren  solches kommt auch wohl in Afrika vor , einzig aber ist die gestockte Zhigkeit, mit der sich hier in jeder einzelnen sozialen Zelle, der Familie, jene Gesetze ganz unverndert halten oder bisher gehalten haben, wie sie sonst nur whrend einer befristeten Periode des Matriarchats bestehen, als welches sich dann von innen her lebendig selbst verwandelt. Bei diesen, soweit bekannt, vllig autochthonen Bergstmmen findet sich heute noch im Zentrum jedes Haushaltes eine Gro- oder Urgromutter, je lter, desto besser, als Haupt, Quelle und Band der Gemeinschaft. Sie heit junge Gromutter im Gegensatz zur Ahnfrau und Familiengttin. Um sie gruppieren sich Enkel und Urenkel, doch keine Schwiegershne. Diese werden lediglich bentzt, um die Familie der Frau fortzusetzen, heien U-shongkha = Besamer und haben ihre Gattinnen nur nachts zu besuchen. Die Bindung ist so lose, dass bisher nicht sicher festzustellen war, ob nur sukzessive oder echte Polyandrie besteht. Darf der Mann, wie bei einigen Stmmen, ins Weiberhaus ziehen  es ist das bereits eine Entartungserscheinung , so gehrt, was er nach der Heirat verdient, der Familie seiner Frau, whrend seine frheren Einnahmen restlos der eigenen Mutter gehrten. Dabei ist Privatbesitz ziemlich hoch entwickelt, der Wohlstand sogar gro, doch geht alles Gut nur von den Mttern auf die Tchter ber; Haupterbin ist das jngste Kind. Bachofen htte seine Freude an dieser Bevorzugung der Jngstgeburt gehabt; er selbst fand sie nie am lebenden Objekt, belegt nur in Sage und Tradition, als Merkmal chthonisch-materiellen Dranges, auf jenen Spross alle Hilfe zu hufen, durch den der Tod am lngsten hinausgezgert, das Leben einer Generation am weitesten vorgeschoben bleibt. Eine restlos weibliche Welt somit, ohne Spur mnnlicher Gegenbewegung oder ursprnglicher Kameradschaft in Form von Junggesellenhusern. Sir Charles Lyall{76}, der beste Kenner dieser Stmme, nennt ihre soziale Organisation eines der vollkommensten Beispiele erhaltenen Mutterrechts, in logischer und grndlicher Weise durchgefhrt, die solche, die gewohnt sind, die Autoritt des Vaters als Kern der Familie und Gesellschaft zu betrachten, nachdenklich stimmen sollte.
{76: Sir Charles James Lyall (18451920), britischer Orientalist und hoher Beamter in Britisch-Indien.}
Natrlich gilt in Assam ein Vater nicht als mit seinen Kindern verwandt. Er hat nach keiner Seite irgendwelchen Erbanspruch, und was er selbst verdient, fllt nach seinem Tod der Schwester-Seite zu. Riesige flache Gedenksteine fr Verstorbene tragen den Namen der Clanmutter, hinter ihnen die aufrechten Steine, gleich den Menhirs im alten Britannien, bezeichnen die mnnliche uterine Verwandtschaft. Die lebenden sozialen Einheiten, Maharis = Mutterschaften genannt, weichen bei den verschiedenen Stmmen, Synteg, Khasi, Garos, Lalung, nur graduell in ihren Sitten voneinander ab; am konservativsten sind die Synteg, der Zersetzung am nchsten die Lalung. Von den Koch sagt Dalton{77}: Stirbt eine Frau, so wird der Familienbesitz unter die Tchter verteilt, und wenn ein Mann heiratet, lebt er bei seiner Schwiegermutter und gehorcht ihren Befehlen sowie denen seiner Frau. Mnnern ist Werbung nicht gestattet, doch, wie es scheint, entwickeln sie auch als Umworbene kein Liebesspiel, wie das unter andern Vlkern mit matrilokaler Ehe Sitte ist, auch solchen primitivster Art. Bei Papuas auf einigen Inseln der Torres-Strae, um ein beliebiges Beispiel zu geben, spielt sich solch eine Werbung ungefhr folgenderweise ab: Der junge Mann, oft schon mehrfach verheiratet und doch noch von jungen Mdchen begehrt, ist sehr vorsichtig, verlangt ausfhrliche und genaue Liebeserklrungen, ehe er sich auf etwas einlsst, Sicherheiten, damit er nicht am Ende im Stich gelassen werde. Die Konversation luft dann im allgemeinen etwa so: Du mich wirklich mgen? fragt der Jngling. Ja, ich mag dich mit meinem Herzen innen drin. Aug sieht dich mit dem Herzen. Du mein Mann. Da er sich aber nicht so rasch ergeben will, wird weitergefragt: Wie du mich mgen? Worauf die junge Dame ins Detail geht: Ich mag deine schnen Beine, du hast einen herrlichen Krper, deine Haut ist gut, ich mag dich ganz und gar. Endlich wird sie die Sache zum Klappen bringen, indem sie ihn auffordert, den Hochzeitstag zu bestimmen. (A. C. Haddon.{78})
{77: Edward Tuite Dalton (18151880), Ire im Dienst der East India Company; Soldat, Verwaltungsbeamter und Anthropologe.}
{78: Alfred Cort Haddon (18551940), britischer Zoologe, Anthropologe und Ethnologe.}
Welches Geschlecht das andre umwirbt, bleibt schlielich ohne Belang, ist nur durch Stauung der Vorlust in der Phantasie, das Geflle der Liebe, das kstliche Potential gewahrt. Bei den Mutterschaften Assams jedoch scheint Spannung, Erschtterung, Triumph, jede seelische Auswertung der Sexualitt zu fehlen. Weder wird die Frau erobert, noch der Mann, laue Duldung bleibt es, darf er ins Haus, und das nur als Besamer. Auch in Amazonenstaaten, wie sich spter zeigen soll, gilt hnliches, gilt es sogar als ethische Forderung, unter Ausschaltung des Mannes als Persnlichkeit den Geschlechtsakt wahllos mit ihm zu ben,  dort aber im Zwang feurigster Askese, als heroisches Mittel, denn es geht um die Schaffung leidenschaftlicher Eigengestalt von vllig neuem Rang: geprgte Form, die lebend sich entwickelt. Das Dasein der Maharis dagegen verluft schicksallos. Sie sind ein flchenhafter Schleimpatzen mit Zellkern geblieben, wo nichts sich stuft, nichts sich nach Hhe oder Tiefe zchtet. Aufgabe und Bedeutung der strengen Muttersippen lag, wie Briffault sicher richtig gesehen hat, in der Fixierung gewisser altruistischer Gebote fr die soziale Gemeinschaft, ohne die sie nicht bestehen kann, geschweige denn htte entstehen knnen. Gebote, wie sie aber als _Instinkt_ sich eben nur in Form von Mutterliebe finden, nmlich Junges, Schwaches und Hilfloses zu schtzen, whrend Vaterliebe bereits eine Schwchung der mnnlichen Ur-Instinkte durch Nachahmung der weiblichen bedeutet, sind nach der Meinung von Jodl{79}, Nemilow{80} und mancher anderen jedenfalls nichts Ursprngliches. E. Reclus{81} sagt darber: Der Frau verdankt die Menschheit alles, was sie menschlich gemacht hat ... Ungeachtet der Lehrmeinungen, die heute gerade in Schwung sind, bleibe ich dabei, dass die Frau Schpferin der primordialen Elemente aller Zivilisation gewesen ist. Gewiss war auch sie am Anfang nur ein Menschenweibchen, doch dieses Weibchen nhrte, beschtzte, erzog, was schwcher als sie selbst, whrend ihr Mnnchen, ein schrecklicher Wilder, nur zu verfolgen und zu tten verstand. Notwendigkeit zwang ihn zum Mord, und diese Pflicht schien ihm nicht unerfreulich. So war er von Natur aus reiende Bestie, sie ihrer Funktion nach  Mutter. (Les Primitifs.)
{79: Friedrich Jodl (18491914), deutscher Philosoph und Psychologe.}
{80: Antoni W. Nemilow, russischer Biologe, _Die biologische Tragdie der Frau_ (1923).}
{81: lie Reclus (18271904), franzsischer Ethnograph und Anarchist.}
In Assam erscheint das Schema eines urtmlichen Mutterclans petrifiziert durch vorzeitigen Stillstand seiner Entwicklung; offenbar funktionierte der innere Rhythmus nur schlaff, Unmndige wurden zu lange beschtzt und fanden ihrer Unmndigkeit kein Ende. So wurde die Schicksalstelle der Ablsung verpasst. Das Leben, insofern es lebendig ist, aber besteht aus unausgesetzten siegreichen Ablsungen gegen die dauernde innere Hemmung widerstrebender Angst: und seine letzte, krnende Ablsung belohnt sich als talentierter Tod, dem unerlsslichen Beweis vollendeter Persnlichkeit.
Ungemessene Zeitrume ruhen wohl schon die Maharis als stagnierendes Gefge im Unbewussten. Kein Geschlecht findet die Energie, sich vom vorhergehenden innerlich zu befreien; nicht nur die beherrschten Mnner, auch die herrschenden Frauen, unmndigen Geistes im erwachsenen Leib, erscheinen hierdurch infantilisiert. Jede bleibt der um eine Generation lteren seelisch hrig, was zu ununterbrochener absoluter Greisinnenhegemonie fhrt, auch bei Vaterrecht findet sich als Gegenstck ja berbetonte Greisenherrschaft des fteren.
Gelegentliche Matronenkollegien gehren dagegen, wie der Gottesfriede von Elis{82} beweist, zur hohen Zeit der Gynaikokratie; zur Stagnation nur die ausschlieliche berwertigkeit der jeweils allerltesten Greisin, ohne Ansehung der Person. In dem gewiss konservativen Tibet fand sich von solcher Urweibdominanz auch nicht die Spur; dort steht als Herrin im Mittelpunkt jeder Gemeinschaft ein Mensch in seiner Blutflle, kameradschaftliche Gattin und Wahlschwester zugleich. Etwas buerisch zwar, weil schwer arbeitend und sesshaft, schlgt in ihr Wesen doch schon die Frische, wenn auch noch nicht die wehende Weite Zentralasiens herein, von dessen Frauen es in reichen Zeiten hohen Lebensstils heit: Sie haben mehr an Dienern und Pagen zur Verfgung als die Mnner, sie reiten in groem Prunk auf ihren Pferden spazieren und schmcken ihre Huser mit Gold und Edelsteinen, doch sind sie nicht keusch und verkehren uneingeschrnkt auch mit Fremden und werden deshalb von ihren Gatten nicht getadelt, ber die sie gewissermaen herrschen. Den gleichen Glanz und die Eigenherrlichkeit der Linie hat jede Erobererschar gehabt, die von da niederschweifte in die tropische Se.
{82: Der olympische Friede, der berlieferung nach ein im frhen 9. Jh. v. Chr. geschlossenes Abkommen griechischer Stmme zur Gewhrleistung des sicheren Ablaufs der Olympischen Spiele.}
Heute bewohnen trkische Stmme dieses Gebiet, einst aber erfolgten aus ihm die verschiedenen arischen Einbrche nach Nordindien, wo immer die Urheimat ihrer Trger auch gelegen haben mag, und immer werden sie, aus getrenntesten Jahrhundertfahrten krperlich wie ihren Bruchen nach, fast gleich geschildert, ob es sich nun um Indo-Skythen oder Saka, die Get-ti chinesischer Berichte oder die Jat im Pendschab handelt, nmlich so, wie sie bereits in vedischer Zeit erscheinen: langschenklig, schlank, mit sehr dichtem, mig blondem Haar, hellen, scharfen, tiefen Augen, alle frei, ohne Sklaven, da sie sich smtlich fr adeliger Abstammung halten, mit dem Rossopfer als hchstem Fest, der auerordentlichen Ehrfurcht vor ihren Frauen, die das Leben der Mnner in allem teilen, Polyandrie und Mutterrecht. Schon die fnf Nationen der vedischen Arier, die fnf Jayati-Shne leiten sich selbst von einer Stammutter _Ita_, ihrer Eponyme (Erschafferin und Namengeberin), ab. Aus Jayatis Shnen gingen dann die ersten indo-arischen Dynasten, die Mond- oder Parava-Herrscher, hervor. Auch die Helden der groen Epenzeit, die Pndavas im Mahbhrata, sind metronym, nach der Stammutter Pandaia genannt. Alle fnf Pndava-Brder heiratet die Prinzessin Draupadi. Da die fnf Brder auch fnf getrennte Palste mit Grten besitzen, weilt sie bei jedem abwechselnd zwei Tage lang. Eine sptere Prinzessin aus dem Haus der Pndava unternahm die Expedition nach Lanka (Ceylon) und grndete dort ein Reich; ihre sieben Brder wurden ihr von der Mutter sukzessive nachgeschickt, und jeder erhielt von der Prinzessin-Schwester dann Teile des Landes als Regent zugewiesen. Die Maura-Dynastie, Grnderin des ersten gro-indischen Reiches, mit den illustren Knigen Chandragupta und Asoka, dem Frderer des Buddhismus, leitete sich gleichfalls von einer Frau, _Maura_, her und erhielt durch sie das Thronrecht von den Nandas. Auch Knig Gautamiputra nannte sich ausschlielich nach seiner Mutter Gautami, und dass er eigentlich Satakarni hie, kmmerte keinen Menschen.
Polyandrie, fr sich betrachtet, ist gewiss kein sichres Merkmal fr Mutterrecht, fgt sich aber hier ergnzend zu den brigen. In den Epen ist sie geradezu die Regel. Auer Draupadi mit fnf, ist eine andre Prinzessin mit sieben, Jatila, nach den Puranas, mit zehn Brdern verheiratet. In einer vedischen Hymne werden die Aswins, das gttliche Wagenlenker- und indische Dioskurenpaar, nach einem Sieg bei den Wettspielen von einer Frau als ihre gemeinsamen Gatten begrt und anerkannt. Und im Rig-Veda heit es: In der Ferne die strahlenden Maruts hangen ihrer jungen Frau an, die ihnen allen gemeinsam gehrt. Brderliche Polyandrie scheint ein allgemeiner Brauch unter Ariern gewesen zu sein und findet sich bei verschiedenster Umwelt; im skandinavischen Mythos ist Frigga gleichfalls die Gattin von Odins Brdern We und Wili. Betonung dieses Tatbestandes tut not, weil ganze Generationen von Privatdozenten bestrebt waren, ihn wie einen Flecken auf der wohl reichlich abgelegenen Familienehre zu verwischen.
Zum grten und machtvollsten Feind nicht der Frauen, aber ihres freien Weltwesens, wurde das Brahmanentum, als es ber die Kschatrias, die Kriegerkaste der ritterlichen Formtrger, nach bitteren Kmpfen die Oberhand gewann. Was Spengler von den beiden _Urstnden_ jeder Kultur, Adel und Priestertum, sagt, hat sich nirgends so, wie mit Silberstift umrissen, rein zu Tag gelebt wie in Arisch-Indien vom Anfang des zweiten bis zur Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. In den frhen Hymnen fluten sie noch beinahe ungetrennt. Auch diese ltesten Teile der Veden gelten jetzt fast allgemein als erst nach dem Einbruch, also bereits in Indien und ziemlich spt, etwa im 12. Jahrhundert v. Chr., entstanden. Kaum ein grellerer Gegensatz ist denkbar als zwischen dem, was in ihnen selbst als Lehre und Leben sich zeigt, und dem, was nachtrglich brahmanisches Gesetz bestimmt. Tritt dort von alters her die edle Frau, von Mnnern begleitet, als Anordnerin des Opfers auf, so wird sie hier von jeder religisen und ffentlichen Handlung ausgeschlossen. Einst Mitschpferin der Hymnen  mindestens eine im Rig-Veda stammt erwiesenermaen von einer Frau , darf sie jetzt nicht einmal lesen, was sie selber dichtete, weil heilige Schriften nur geeignet seien, den weiblichen Geist zu verwirren. Noch in den Sutras aber stehen die Disputationen der Prinzessin Gargi mit dem Weisen Yajnavalkya Satz um Satz als klassisch verzeichnet, weil sie Brahmas Wissen besaߓ.
Die groen National-Epen, eine bereits brahmanisch redigierte Sammlung von Helden- und Ritterballaden, deren Beliebtheit an sich nicht zu zerstren war, zeigen noch beide Tendenzen nebeneinander, doch auch, wie rasch und grndlich in vielem der Umschwung gekommen sein muss. Im Mahbhrata sagt Pandy zu Kunty, seiner jungen Frau: Nun will ich dir von den alten Bruchen erzhlen, wie die erleuchteten Rishis, wohlvertraut mit jeder Regel der Moral, sie vorgezeichnet hatten. So hre denn, o Schngesichtige mit dem sen Lcheln, frher waren die Frauen nicht in Husern eingeschlossen, abhngig von Gatten und Verwandten. Sie pflegten frei hinzugehen, wohin sie wollten, sich vergngend nach bestem Vermgen. Und keineswegs, o du mit den herrlichen Eigenschaften, hingen sie ihren Mnnern in Treue an, ohne deshalb, o Liebreizende, schuldig befunden zu werden, denn dies war der gutgeheiene Brauch der Zeit ... Wahrlich, dieser Brauch, so nachsichtig den Frauen, hat die Sanktion der Ehrwrdigkeit. Die gegenwrtige Sitte hingegen, dass sie einem Mann frs Leben verbunden sind, ist erst krzlich aufgerichtet worden.
Beim Einbruch nach Indien, vielleicht um 2000 v. Chr., waren die mutterrechtlichen Arier wahrscheinlich auch noch kastenlos gewesen, hchstens dass Kriegeradel bestand. Nachdem sich ein Priesterstand abgesondert hatte, der das spekulative Denken spter zu einer vielleicht nie wieder erreichten Hhe fhren sollte, ging es ihm zuvrderst um die religise Ausschaltung der Frau. Ihr fiel ja von jeher der Hauptanteil am _Asvamedha_, dem heiligen Rossopfer, zu; sein Ritual des Befruchtungszaubers spielte sich in einer Art hieros gamos{83} ausschlielich zwischen Knigin und geschlachtetem Pferd, ursprnglich vielleicht dem noch lebenden Pferd, ab, whrend Mnner nur assistierten. Das musste von Grund auf gendert werden, deshalb findet sich bereits im Mahbhrata die sehr bezeichnende Stelle: _Das Gesetz ist aufgerichtet worden_, dass die Frau mit heiligen Zeremonien nichts zu schaffen hat, denn es gibt eine Offenbarung darber ... Die Gattin erringt den Himmel nur durch Gehorsam gegen den Gemahl. Im Buch Manu endlich  ausschlieliches Werk der Brahmanen, nicht der Kriegerprinzen  erreicht das indische Vaterrecht einen Gipfel, der Rom bei weitem bertrifft. Nach ihm darf die Frau nie eigenen Willen genieen, bleibt vielmehr als Mdchen dem Vater, als Gattin dem Gatten, als Witwe dem Sohn unterstellt. Mag ein Mann auch lasterhaft, verworfen, bar jeder guten Eigenschaft sein, die gute Frau muss ihn doch immerdar wie einen Gott verehren.
{83: Hochzeit zweier Gtter (Hierogamie, Theogamie).}
Mge sie absolute Herrin sein ber ihre Schwiegervter, verkndet dagegen eine vedische Hymne, absolute Herrin ber ihre Schwiegermutter, lasst sie herrschen ber ihres Gatten Schwestern, herrschen ber ihres Gatten Brder. Selbst unter Brahmanen sind mitunter noch Mutterrechtsreste zu finden, so erkennen jene von Bengalen nur einen Schwestersohn als Familienpriester an. Unabhngig von den Ariern, die das Matriarchat hatten, aber wieder aufgaben, bestand es bei den eingebornen Dravida-Rassen von je, erhielt sich auch unter unabhngigen Herrschern, oder im Sden, wo der brahmanische Einfluss nicht durchdrang. Im Gebiet von Malabar und Travancor fanden ltere Reisende verschiedene Frauenstaaten, wo nur Kniginnen allem Ansehen nach unumschrnkt regieren. Schaudernd ob solcher Entartung, schreibt noch der alte Meiners{84} Ende des 18. Jahrhunderts ber ein Knigreich Attinga, dessen Alleinherrscherinnen, zur Ehelosigkeit verpflichtet, sich dafr Geliebte hielten nach Laune, gemeiniglich machen daher die schnsten Jnglinge des Hofes ihr Serail aus. Genau der gleiche Brauch sowie die Thronfolge in ausschlielich weiblicher Linie sind heute durch mindestens ein Dutzend afrikanischer Beispiele zu typisch belegt, als dass Zweifel an den vllig unabhngig und dabei innerlich hchst widerstrebend gemachten Angaben der alten Weltreisenden ber Analoges in Indien berechtigt wren. Sie besttigten nur eine vorbergehend in Vergessenheit geratene Tradition. Auch Strabo erzhlt bereits von den Damen indischer Hfe, wie sie als geborne Herrinnen Waffen zu fhren verstehen und amazonenhaft die Krieger in die Schlacht begleiten. Nur aus solch ganz altem Instinkt heraus werden jene Phnomene verstndlich, dass ganze Armeen sich begeistert, und unbeirrt durch den Islam, immer wieder von Frauen, als ihren angestammten Fhrerinnen, leiten lassen, wie whrend des indischen Aufstandes durch die berhmte Rani von Jhansi{85}.
{84: Christoph Meiners (17471810), deutscher Philosoph und Ethnograph.}
{85: Lakshmibai (18281858), Rani (Knigin) des nordindischen Staates Jhansi, eine Fhrerin des Aufstandes gegen die englische Herrschaft von 18571859, 1858 im Kampf gefallen.}

 Nar
Wer heute als Fremder in Portugal bei Patrizierfamilien von kauffahrender Tradition zu Gast ist, dem kann es widerfahren, dass er die Tochter oder sonst eine Dame des Hauses mit einem altererbten Vornamen gerufen hrt, der sein Ohr zwischen all den romanischen Wellenlngen in nicht nher zu fassender Weise entzckt.
Er wird ihn gleich nachsprechen, bis auf den Grund ausschmecken wollen, aber der Klang zerschmilzt nicht, drngt sich auch die Zunge noch so schmeichlerisch zwischen seinen aufreizenden Diphtong. Er bleibt fremdartig und ganz.
_Nar._ Was mag das sein? Ein ernster Edelstein, ein tropischer Wohlgeruch oder eine neue Art von feinem Eigensinn?
_Nar_ oder _Nayar_ heit die aristokratische Kaste der Tamilen an der Malabarkste, Indiens sdlichem Streif, im toten Winkel des Weltverkehrs gelegen. Die Tamilen, eine der schnsten indischen Rassen, waren bereits vor der arischen Einwanderungswelle hier zu Hause, die Adelstradition ihrer obersten Schicht, der _Nar_, ist uralt, und solange diese Tradition durch die Jahrtausende zurckreicht, sollen unter ihnen nie andere als Liebesehen vorgekommen sein, von nichts getragen als reinem Gefhl, vllig unvermischt mit konomischen oder streberhaften Einflssen. Begreiflicherweise sind sie deshalb seit jeher und von allen Seiten ethisch angepbelt worden. Es hie, so etwas sei eben keine richtige Heirat und zhle nicht mit. Erklrlich von den Leuten! Ganz unrecht hatten sie nicht damit, bedenkt man, dass Ehe eine wesentlich juristisch geregelte, soziale und konomische Institution ist, die fast nirgends den Menschen aus freier Wahl in den Sinn gekommen war, vielmehr stets zu einem bestimmten Moment ihrer Tradition oder Geschichte durch einen Stifter musste anbefohlen werden.
Von Regierungsvertretern und Kommissionen mit Fragen belstigt, erklrten die _Nar_, ihre Eheschlieung sei die tali-kettu-Zeremonie: das Binden des Tali im neunten oder elften Lebensjahr. Doch wurde ihnen nachgewiesen, dies sei nur ein Pubertts-, kein Eheritus, er gebe die Eingeweihte nicht einem bestimmten Partner, sondern dem Sexualleben als solchem frei. Als Zeichen dieser Freiheit wird ihr ein durchbohrtes Goldblttchen an einem Faden um den Hals gehngt, was auch bei andern Dravida-Rassen Brauch ist. Es zeigt symbolisch an, dass dem Liebesverkehr mit der jungen Tali-Trgerin kein Hindernis mehr im Wege steht. Das Hindernis selbst entfernt ein Fremder, der den Gott vertritt, ein Brahmanenpriester oder sonst Geweihter und als solcher gefeit gegen das bse Zauberblut des Hymenrisses; wer immer aber es sein mge, gewinnt dadurch keinerlei weiteres Anrecht, verliert sogar, was er als mglicher Lebenspartner vorher besa. Sein Dienst ist durchaus einmalig, die Annherung nicht wiederholbar. Der Verlobte oder Mann der eigentlichen Wahl wird also kaum jemals ausersehen werden zu dieser, brigens fr ganz mechanisch erachteten Operation; unerlsslich zwar, doch nicht im geringsten gefhlsbetont.
Nach dem Binden des tali ist die kleine _Nar_-Dame fr den Rest ihres Lebens frei, zu whlen, wen sie will, und fr so lange, als sie will. Ein Wort, nach Wunsch und Belieben eines der beiden Partner, lst die Verbindung jederzeit. Auch simultane Gatten kann die junge Frau besitzen, steht ihr der Sinn danach, nur ebenbrtig mssen sie sein. Beziehung zu einem Mann niedrigerer Kaste ist das einzige, was als Ehebruch und diffamierend gilt, gleichwie es schmachvoll fr einen _Nayar_ wre, mit unadeligen Frauen zu schlafen. konomische oder privatrechtliche Hindernisse gibt es dagegen nicht. Weder Mann noch Frau knnen an Geld oder Ansehen durch Liebe das geringste gewinnen oder verlieren. _Sie_ bleibt auf alle Flle in ihrem Erbheim, in das die Kinder, ohne als mit dem leiblichen Vater verwandt zu gelten, als Eigentum der Mutter hineingeboren werden, erhalten und erzogen von ihren privaten oder der Sippe Mitteln. _Er_ ist im allerstrengsten Sinn Gast in diesem Haus, wohl Gatte, aber nie Familienvater, nimmt keine Mahlzeit dort, wo ihn ja auch die Pflicht des Unterhalts nicht trifft. Lediglich kleine Aufmerksamkeiten, ein Beitrag zum Nadelgeld, sind fr ihn das bliche, doch durchaus nicht Gesetz. Grerer Reichtum seiner Frau oder Frauen kann somit fr einen _Nayar_ weder von parasitischem Vorteil noch demtigend sein. Ist _er_ hingegen der wohlhabendere Teil, so ziehen Frauen und Kinder keinesfalls daraus Nutzen oder Erbe, denn sein Vermgen hrt nie auf, der eigenen uterinen Muttersippe zu gehren, also den Schwestern oder Schwesterkindern, an die es nach seinem Tode fllt.
K. Kannan Nayar{86} sagt ber die Sitten seiner Kaste: Heirat unter den _Nar_ bleibt wahrhaft rein und einfach ... Sie ist Ehe um der Ehe allein willen, nicht zur Verewigung der Familie gedacht, vielmehr eine soziale Einrichtung zur friedlichen Stillung des blindesten menschlichen Dranges. Solch eine Einrichtung ist also erwiesenermaen mglich ohne die geringste Strung des Zivilrechts, das die erbschaftliche bertragung von Familienwerten regelt.
{86: Diesen Autor konnte ich nicht identifizieren.}
Somit durfte hier die Liebe alle Zeit, vllig unbeschwert, wie nirgends sonst, ganz nach eigenen Gesetzen leben, nur in jene steigernden Konflikte verspannt, die aus der Dmonie des Erotischen selber stammen. Das Resultat waren Wesen, grad von der Quelle an, im reinen Rauschen ihres Blutes, ahnungslos, dass es so etwas geben knne, wie das Brot eines Mannes essen, ganz frei vom Rattenschmutz irgendwelcher Abhngigkeit, lebenslang geborgen, unvergrbert, unverletzt, in der erdgttlichen Matrix ihrer unverlierbaren Frauenheimat, die weit mehr war als bloes Heim, Wesen der feingezogenen Unterscheidungen, jede Pore erfllt mit jener, shakti genannten, Bezauberungsgabe, der unbeschreiblichen Emanation der Frau, wie Tagore{87} es nennt.
{87: Rabindranath Tagore (18611941), bengalischer Dichter, Philosoph, Maler, Komponist und Musiker, Literaturnobelpreistrger von 1913.}
Als die Portugiesen zu ihrer groen Zeit als khne Schweifer am seligen Saum der Malabarkste mit ihren Handelsschiffen landeten, betroffen vom Lebensrang seiner Bewohner und anfangs unsicher, wie hier vorzugehen sei, wurden sie, sollte man seinen Ohren trauen, von diesen exklusiven Herrschaften frmlich angefleht, ihren Bruten oder jungen Tchtern die Blume abzunehmen, da sie der Heirat im Wege sei.  Worauf solch ein Fremder aufs groartigste bewirtet, geehrt und beschenkt wurde. Vielleicht aber gelang ihm beim Tafeln mit seinen exotischen Gastgebern das innere Feixen nicht so breit, wie er zuerst gedacht: als ob sein Selbstgefhl bei diesem Handel doch irgendwie zu kurz gekommen wre. berlisten, Sich-Heranpirschen, Verschlagenheit, berwltigung hatten eben gefehlt. Wo war hier jener Schaden an Leib und Seele geblieben, ohne dessen Zufgung ein Don-Juaneskes Unternehmen den inneren Sinn und Reiz verliert? Statt Trnen, Entsetzen, gestammelten Klagen um Unersetzliches, nur ein flchtiger, freundlicher Dank. Schien das denn mglich: so einem samtugigen Mdchenkind alles getan zu haben und ihr nichts zu sein? Denn darber hatte man den Fremden nicht im Zweifel gelassen: eine zweite Nacht, etwas wie ein Wiederholungsversuch, wre sein sicherer Tod. Also war man kaum andres gewesen als der Domestique am Wagenschlag oder, freundlicher gesprochen, einer, der gnnend andern die Tre ffnet zu froher Fahrt.
Heimgekehrt von gelungenen Reisen voller Abenteuer und Gewinn, wird der portugiesische Handelsmann bei behaglichem Bramarbasieren nicht eben diese Seite des skurrilen Erlebnisses betont haben, das, was Wehmut und Verzicht daran war. Was verschlug denn auch so einem Weltfahrer mit seiner guten Ladung an Elfenbein und Kopra diese oder jene Episode! Doch wenn ihm, es mochte Jahre spter sein, ein Kind geboren wurde, ein Mdchen gar, dann wollte sich im ganzen christlichen Kalender mit allen lieben Heiligen schlecht und recht kein Name finden, der den Vater so aus tiefster Seele anzumuten schien.
Schlielich, wohl entgegen dem gekrnkten Einspruch einer Gattin, gar entgegen priesterlicher Mahnung, hie das Mdchenkind: _Nar_.

 Die Malaien
Sie sind die ersten in dem verwirrenden Gewimmel, die der Weltreisende berall leicht erkennen lernt infolge ihrer soliden Fleischigkeit inmitten der schlankgestreckten Tropenrassen. Whrend diese vor Rikschas gespannt dahertraben, rudern oder Lasten schleppen, was ihnen im senkrechten Licht das letzte Gramm Fett von den glatten Knochen treibt, bettigt sich der Malaie auf bekmmlicherem Posten gerne schattenseits. Er gibt einen brillanten Matre dHtel ab, mit sauberem, straffem Aussehen, klugem, wohlrasiertem Eierkopf und kleinwinzigen Fingerngeln an beraus tauglichen Hnden. Nicht auszudenken, dass es einem Malaien irgendwo einmal schlecht gehen knnte. Von ganz unten sieht man ihn fast nie in die Hhe kommen, gewhnlich ist er schon halbwegs oben, zum Schluss meist sehr weit oben als Kaufherr, Geldmann oder Besitzer von Reisfeldern. Jovial und hflich, erweckt er unbndiges Vertrauen, was ja bei Wuchergeschften die Hauptsache sein soll.
Wer wrde es dieser Menschenart ansehen, dass sie um irgend etwas anderes als dinglichen Besitz kmpfen knne, und doch fhrte sie noch vor hundert Jahren in Westsumatra den Pandriekrieg um ihr altes Mutterrecht, verteidigt es auch heute, zwar waffenlos, aber zh und erfolgreich, gegen den stets aggressiven Islam, wenn auch eine gewisse Auflockerung nicht zu verkennen ist. Die Malaien brachten das Matriarchat wohl schon aus Zentralasien mit, von wo sie, ein Zweig der gelben Rasse, ber Indien her den nach ihnen benannten Archipel besetzten, dessen indo-australische Urbevlkerung vor der dynamischen berlegenheit und Tchtigkeit der Eroberer ziemlich dahinschwand.
Wo Malaien sind, und das ist ein weites Stck der Tropen, gilt Mutterrecht, wenn auch in sehr verschiedener Stufung. Die konservativste Form findet sich noch in den groen, reichen Sippen auf Sumatra, deren Mitglieder bald sabuah parui = eines Bauches oder Samandai = eine Mutter habend heien. Rcksichtsvolle Zartheit gegen Frauen ist auf Sumatra meist grer als in irgendeinem Teil Europas, was schon die alten Reiseberichte vermerken.
Die erwachsenen und verheirateten Mnner drfen nicht im Stammhaus der Weiber, sondern nur im Bethaus wohnen. Kinder werden in die Familie der Mutter hineingeboren, dort unterhalten und erzogen. Der Mann, auch wenn er reich und angesehen, zieht nicht ins Haus der Frau, verbringt nur ab und zu eine Nacht bei ihr. Sie erhlt im Mutterhaus ihre eigene Wohnung und so viel Hausrat, wie sie braucht. Kinder erben von der Mutter, nicht vom Vater, seine Besitztmer oder Einnahmen gehen an die Kinder der Schwester ber, ebenso seine Titel und Wrden. (Nieuwenhuis.{88}) Auf Leben und Erziehung seiner Nachkommen, mit denen er als nicht verwandt gilt, hat der Mann nicht den geringsten Einfluss, in der eigenen uterinen Sippe dagegen kann er als ltester Mutterbruder zu Ansehen und Fhrung gelangen; hier macht sich eben bereits das Avunculat stark bemerkbar, stets ein Zeichen dafr, dass die Wechseljahre, das Klimakterium beim Mutterrecht, im Anzug sind. Zwischen den stagnierenden, wenn auch wohlhabenden Maharis von Assam und dem formalen Spitzentypus der trwards von Malabar nehmen die mchtigen malaischen Muttergefge kulturell eine Mittelstellung ein. Ihre Strke sind ausgezeichnete Verwaltung, daher Prosperitt, wo sie darin versagen, gelingt es dann reich gewordenen Mnnern die begehrten Frauen aus dem Weiberverband herauszukaufen, sie herauszulsen in jedem Sinn, weil hier in erster Linie nur noch Wirtschaft gegen Wirtschaft steht, leicht Vertauschbares also, nicht zwei geschlossene Gebilde gegenstzlicher seelischer Struktur einander bekriegen. Zwischen den Geschlechtern geht es daher durchaus untragisch zu bei frhlicher, handfester Verstndigung mit bergewicht der Frau, die hierin offenbar im Sinnlichen fhrt.
{88: Anton Willem Nieuwenhuis (18641953), niederlndischer Ethnologe.}
Zur malaischen Rasse gehren auch die Dayaken auf Borneo, ihrer unentwegten Kopfjgerei wegen bekannt und der unheimlich genialen Art, die erjagten Kpfe zu prparieren. Lngst schon wre dieser Sport bei ihnen eingeschlafen, verlangten ihn die Frauen nicht immer wieder als Beweis von Mut, ehe sie ihre Gunst verschenken. Hier hlt sich demnach ein Schdelkult, sonst Symptom der Mnnerbnde, ohne eine Spur von diesen lediglich auf weiblichen Wunsch. An Gre, Kraft, Ausdauer sind die Dayakinnen dem andern Geschlecht vllig gleich. Amazonisch ausgebildet, ziehen sie mit in den Krieg oder verteidigen in Abwesenheit der Mnner ganz allein ihre Siedlungen gegen den Feind. Jede trgt einen Speer und jagt mit den Hunden.
rztinnen werden auf Borneo weit hher bezahlt als ihre mnnlichen Kollegen, Priesterinnen ben die wichtigsten religisen Funktionen aus, wobei sie eine den Mnnern unbekannte Sprache verwenden; sie leiten die Opferhandlungen und tanzen den Schwerttanz, jene hchste kriegerische Zeremonie zur Beschwrung des Sieges. Natur- und Stammesgeister, die ja als Machtreservoire gelten, aus denen durch besonderes Ritual geschpft werden kann, heien unterschiedslos Gromtter. Charles Brooke{89}, Nachfolger seines Onkels Sir James Brooke, der in Nordost-Borneo das Sultanat Sarawak grndete, zeigt sich von den Dayakfrauen in jeder Hinsicht entzckt und hlt sie in politischen Dingen fr weit geschickter als ihre Mnner. Nach seiner Angabe wurde die Linggabevlkerung von Nordost-Borneo viele Jahre hindurch von zwei vornehmen alten Frauen regiert. An Eheformen zeigt die groe Insel eine ganze Musterkarte; voreheliche Freiheit wird dagegen berall gleich ausgiebig genutzt, dafr dauert das jhrliche wahllose Vermischungsfest, ein Befruchtungszauber, um die Natur zu reichem Tier- und Pflanzensegen anzueifern, nur eine Viertelstunde lang, dann tritt wieder vllige Ordnung ein.
{89: Charles Brooke (18291917), der zweite Weie Raja von Sarawak auf Borneo.}
See- und Bergdayaken weichen in manchen Bruchen voneinander ab, so sind die mnnlichen Tapferkeitsproben, wie sie die Frauen im Gebirge verlangen, weit eher den indianischen an Ausgiebigkeit verwandt. Legt ein Mdchen ihrem Verehrer brennendes Zeug auf die Arme, so muss er es dort zu Ende glimmen lassen, ohne einen Muskel zu verziehen, und die tiefen weien Narben dieser Marter werden dann erotisch hoch geschtzt. Ob die phantastischen Formen der Zirkumzision oder eigentlich Inzision, bei der die seltsamsten Gegenstnde in den Wundkanal gesteckt werden, damit er nicht zuwachse, eine Folge der Frauenherrschaft sind, darber gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls finden sie sich berall, wo mutterrechtliche Malaien leben oder wohin ihr Einfluss reicht, wie in Burma; dort sah J. H. van Linschotten{90} Mnner, die vorn am Glied haselnuss- bis walnussgroe Schellen trugen. Manche Ethnologen, Kulturkritiker und rzte erblicken darin ein Gegenstck jener schmerzhaften Operation, wie das Vernhen der Nubierinnen oder die fetischistische Fuverstmmelung der Chinesinnen unter Vaterrecht, eben Praktiken, ausschlielich bestimmt, das Vergngen beim herrschenden Geschlecht zu steigern auf Kosten des Beherrschten. Ploss, der ebenfalls dieser Meinung ist, berichtet: Um dem Weibe den Genuss bei der Begattung zu erhhen, durchbohren sich viele Dayaks die Eichel des Gliedes mit einer silbernen Nadel von oben nach unten; sie lassen diese Nadel so lange darin, bis die durchbohrte Stelle als Kanal verheilt ist. Vor dem Beischlaf wird dann hier hinein ein festsitzender Apparat gefgt, welcher eine starke Reibung bewirkt und dadurch den Geschlechtsgenuss der Frau erheblich steigert. Die in diesen Kanal eingebrachten Krper sind verschieden: kleine Stbchen aus Messing, Elfenbein, Silber, ja auch aus Bambus. Manchmal wird eine sich spreizende Krause aus den Wimperhaaren eines Bockes mitsamt dem ganzen Augenlidrand, anzusehen wie das Halsband einer Bulldogge, um das Glied gebunden. Ein Apparat, bei dem Borsten in den Stbchen befestigt werden, heit Ampallang. Die Frau gibt dem Manne ihren Wunsch, dass er sich einen solchen anschaffe, auf symbolische Weise zu erkennen: er findet in seiner Reisschssel ein zusammengerolltes Siriblatt mit einer hineingesteckten Zigarette, deren Lnge das Ma des gewnschten Ampallang darstellt.
{90: Jan Huygen van Linschoten (15631611), hollndischer Kaufmann, Autor und Entdecker.}
Der Varianten sind unzhlige. Auf Sumatra werden unter die eingeschnittene Haut dreieckige Gold- und Silberstckchen oder Steine geschoben, die dort einheilen, auf Borneo ein Messingdraht, dessen gespaltene Enden als steife Quaste hervorragen. Dass die Malaiinnen Mnnern mit solchen Akkomodationen den Vorzug geben oder andre, die sie nicht bieten, ganz zurckweisen, ist sicher. Die Fortdauer der schmerzhaften und gefhrlichen Operationen geht wohl auf ihren Einfluss zurck, ob der Ursprung, ist fraglich. Dagegen spricht die weite Verbreitung ganz hnlicher Inzisionen zum Einfgen von Gegenstnden an andern Krperffnungen, wie Ohren, Nase und Mund, wo sie ganz ohne direkten oder indirekten Lustgewinn bleiben, aber zum Schutz dienen gegen den bsen Blick; auch die weltweite Sitte, die Hand beim Ghnen vor den Mund zu halten, entspringt abwehrender Angst und fand erst spter die sthetische Motivierung. Krperffnungen als solche sind eben dem Eindringen schwarzer Magie tiefer ausgesetzt und bedrfen jener Goldplttchen, Borsten, Eberzhne, Steinchen und andern bewhrten Amulettmaterials. Besonders die kostbaren, beim Mann so exponierten Geschlechtsorgane mssen durch Gegenzauber umhegt werden, wobei glnzende Dinge, Gold, Silber oder Metallglckchen wie Maskotts am Auto zu wirken haben, nmlich weniger als Glcksbringer, als um belwollen auf sich abzulenken, weg von seinem eigentlichen Ziel. Symbol-, Instinkt- und Zauberhandlungen sind jedoch benachbart genug, um gelegentlich zu Vikariieren, so dass eine auch die Funktion der andern bernehmen kann. Trugen die Rmer als Abzeichen der mtterlichen Abstammung silberne Halbmondchen, die lunulae, an den Schuhen, so begaben sie sich damit zugleich ganz bewusst in den Glanzschutz des bse Blicke bannenden Metalls. Geprellt um wichtigere Beute, sank dann das Feindliche rechtzeitig hypnotisiert bis an den Krperrand hinab, um hchstens noch die Zehen zu bedrohen; in hnlicher Weise kann die Glocke, obwohl allgemeines Libidosymbol, dem Glied der Burmesen als Maskott dienen.
Bei allem, was mit Puberttsweihen, also der Beschneidung, zusammenhngt, fllt es besonders hart, zu entscheiden, was primr, was sekundr, wann und inwieweit Motive sich berlappen. So kann eine bestimmte Narbenform manchmal Stammesmerkmal bedeuten, ein Passvisum sein, um nach dem Tod ins richtige Jenseits und nicht etwa in den Feindeshimmel zu gelangen.
Gerade bei den malaiischen Reiferiten aber geht es keinesfalls an, den Einfluss des weiblichen Sexualwillens auf Ausgestaltung von Inzision und Amulettwesen zu leugnen, wie manche englische Kulturkritiker es tun; der gegenteiligen Zeugnisse sind zu viele. So wird auf den Aru-Inseln, zwischen Celebes und Neuguinea, auch auf dem benachbarten Serong, die Knabenbeschneidung nach dem detaillierten Wunsch der Mdchen in ganz bestimmter Weise ausgefhrt, um der Frau das Wollustgefhl bei der Ausbung des Beischlafes zu erhhen. (Riedel.{91}) Eine ursprnglich unbeabsichtigte, vllig zufllige Nebenwirkung ist hier offenbar allmhlich zur Hauptsache geworden  kein seltener Fall. Dass aber andre, und zwar weit mchtiger gefgte Frauenverbnde nichts hnliches verlangt oder durchgesetzt haben, versagt als Gegenargument  eine Frage der Temperamentsunterschiede eben. Jedes durch Freiheit und Selbstbestimmung gesteigerte Krpergefhl strebt naturgem danach, andre Krper seinen eigenen Wunschphantasien anzupassen. Dass diese unter Malaien so bestrzend direkt, so penetrant primr zielen, ist gar nicht wegzudenken aus Gesamtform, Bestimmung und Lebensplan dieser heftig eingefleischten, vielleicht nicht eben tiefer, aber solider als andre verkrperten Rasse.
{91: Johann Gerard Friedrich Riedel (18321911), kolonialer Verwaltungsbeamter, Biologe und Ethnograph.}

 China, Japan, Formosa
Schon das Wort Reich der Mitte gab die Suggestion von ewig Ausgewogenem. Ein fertig geborenes Gebilde schienen _Sina_ und sein Sohn des Himmels dem Europer, bis er, langsam umlernend, zu der Erkenntnis kam, dass gerade China unter der scheinbaren Einform der Monarchie die interessantesten sozialen Experimente, Umgruppierungen, selbst Umstrze durchprobiert hatte.
Aus diesen Wirbeln taucht auch die Frau in verschiedenen Spielarten, bis ihre Kontur s erstarrt. Die Tataren Dschingis Khans und Timurs fanden die Straen voll leichtbekleideter, freier und natrlicher Wesen, ohne Lotosfe, die Jesuiten dagegen so keusch gezchtete Hauskrppel, dass schon die Taufe als indezente Handlung auf sie wirkte. Die hbschen Bildchen von katholischen Heiligen mit bloen Fen und wallendem Hemd, dessen rmel von ekstatischen Armen zurckfielen, wurden zwar betrachtet, doch einzig als Pornographie, was nicht in der Absicht der Bekehrer lag. Auch der wundervolle Stil der Kurtisanen hielt, gerade infolge raffinierter Sexualitt, auerhalb der Liebesstunde auf erlesene Distanz.
Die stilbildende Kraft, mit der das zu unumschrnkter Herrschaft gelangte Vaterrecht, allerdings nur in den oberen Schichten Chinas, die Frau zwang, sich sogar in zwei Varianten zu spalten: legitime Gebrerin und Tochter der Blumen, hoa-niu, ist fr den Betrachter ein exquisiter Genuss, wie alle hohe Form; was hingegen mit dem Schlagwort Stellung der Frau bezeichnet zu werden pflegt, so sah es damit vielleicht in keinem Land und zu keiner Zeit, trotz hflicher Umgangsformen, so bel aus wie in China whrend seiner Hochkultur, ganz abgesehen vom Tten weiblicher Kinder, um die hohen Kosten spterer Hochzeit zu sparen, whrend Shne, des Ahnendienstes wegen, als hochwillkommen galten. Ein wohlgebornes Mdchen verlie nach dem siebenten Lebensjahr kaum mehr das Haus, blieb vllig unwissend, die Heirat war eine konomische und soziale Angelegenheit, vereinbart zwischen den beiderseitigen Familien, die Ehe selbst eine Sache der Fortpflanzung fast ohne menschliche Verbundenheit, ganz auf Sicherung der legitimen Vaterschaft gestellt. Im Haus also: Wrde, Reinheit des Blutes, Beschrnkung, gehorsame Treue, verkrpert in der groen Frau, der dann im Lauf der Zeit Nebenfrauen beigegeben werden. Auer dem Haus: beseelte Sinnlichkeit der infantil gewollten freien Frauen, feinste Auslese an Anmut und erotischem Talent. Vom Standpunkt des Vaterrechts eine logische und radikale Befriedigung all seiner Ansprche, die mit einem einzigen weiblichen Typus kaum je ihr Auslangen finden knnen.
Neben dem chinesischen Hetrismus erscheint der recht berschtzte griechische als barbarische Stmperei. Gewiss gab es sehr verschiedene Stufen der hoa-niu; damit aber ein junges Mdchen zur hchsten Kaste in den grnen und roten Distrikten, wo die Kurtisanen wie Schwestern zueinander sind, Eintritt erlange, musste sie vor andern durch Schnheit, Charme und Geist glnzen, Meisterschaft erlangt haben in Gesang, Flten- und Gitarrenspiel, Geschichte und Philosophie. Nicht genug damit, wird von ihr verlangt, dass sie alle Schriftzeichen, enthalten in der Lehre des Lao-tse, dem Tao-te-king, zu malen verstehe. Hat sie dann noch mehrere Monate im Pavillon der hundert Blumen verbracht, die letzten Feinheiten in Tanz und Gesang erlernt, darf ihr der Titel freie Frau zuerkannt werden. Nun ist sie erlst von den beschwerlicheren Pflichten des Geschlechts, Gebren und Stillen, und mag sich wohl erhaben fhlen ber das junge Mdchen unter der Kontrolle des Vaters, ber die legale Konkubine unter der ihres Herrn, ber die legitime Frau, bewacht vom Gatten, ber die Witwe, bevormundet vom Sohn ... (A. P. L. Bazin.{92}) Der auerordentliche politische Einfluss, den die Tchter der Blumen in China ausgebt haben, gehrt jedoch bereits der mnnlichen Kulturgeschichte an, in der Weibliches nur indirekt, durch den Mann hindurch, zur Auswirkung gelangt. An den Fundamenten der groen chinesischen Zivilisation dagegen hat das Weibliche selbst unmittelbar Anteil.
{92: Antoine-Pierre-Louis Bazin (17991863), franzsischer Sinologe.}
Ein Sinologe von der Autoritt des verstorbenen Professors R. Wilhelm{93} hat das Matriarchat in China bis in die dritte Dynastie verfolgt. Erst durch das Haus Tschou wird die Bildung der Vatersippe fertig, mit Exogamie der Frau. In den ltesten Zeiten, heit es dagegen, haben die Menschen ihre Mutter gekannt, nicht aber ihren Vater. Die frhen Clannamen sind zusammengesetzt mit dem Bestimmungsnamen Frau, ja, auch jenes Wort, das heute Familienname bedeutet, trgt als Andenken daran, aus welchem Zusammenhang es stammt, noch das Bestimmungszeichen Frau. Diese hundert (nach der Mutter zhlenden) Clans waren das wehrhafte Volk. Dies alles deutet auf ursprnglich matriarchale Zustnde in China, die Umwandlung scheint nicht ohne Kmpfe vor sich gegangen zu sein. Prof. Wilhelm schliet auch aus Opferbruchen fr die Ahnengeister des Hauses, bei denen stets die groe Frau mitwirken muss, auf Vormachtstellung in frherer Zeit. Auch heute noch haben bei jeder Eheschlieung die Verwandten mtterlicherseits den Vorrang und die Ehrenpltze der vterlichen Sippe gegenber, und das chinesische Wort fr Heirat selbst heit: hun-yin, einen Mann nehmen.
{93: Richard Wilhelm (18731930), deutscher evangelischer Theologe, Missionar und Sinologe.}
Wie sich Urtmliches am lngsten in dynastischen Bruchen hlt, so weist die chinesische Geschichte zu einer Zeit, wo der Frau kein ffentliches Amt mehr zu bekleiden gestattet war, mchtige Kaiserinnen auf, die nicht nur fr minderjhrige Shne, sondern aus eigner Machtvollkommenheit weiter regierten. In den beiden ersten Jahrhunderten n. Chr. gab es allein drei sehr groe und sehr despotische Herrscherinnen; eine von ihnen, Sing-Zche, versuchte sogar selbst eine neue Dynastie zu grnden. Jede Kaiserin-Witwe whlte zudem die Hauptfrau des Kaisers, seine acht Kniginnen und ernannte meist ihre eigenen Brder zu seinen Ministern, ein Zeichen von ausgesprochenem Avunculat.
Wie China gerade in der Dynastie, so zeigt umgekehrt Japan gerade im Volk noch Spuren seines Mutterrechts, whrend die Samurai-Kaste sklavisch das sptere chinesische Vaterrecht nachzuahmen bestrebt war. Bei den unteren Schichten blieb die Scheidung wie die Wiederverheiratung fr beide Teile gleich leicht und blich. Die Frau wird mit Respekt behandelt und bt ihr Recht, den Mann zu entlassen, bei der geringsten Herausforderung aus. Die alte japanische Familienordnung war vllig uterin bis ins 14. Jahrhundert, die Ehe matrilokal; die Frau blieb demnach in ihrem eignen Heim und empfing den Mann dort nur zu Besuch.
Auf dem, jetzt zu Japan gehrigen, Formosa fand Janet MacGovern{94} vllig gynaikokratische Zustnde vor. Bei den Paiwans ist eine Frau Huptling, und die Wrde erbt sich stets von Mutter zu Tochter fort. Die Taiyals, ein andrer formosischer Stamm, whlen eine Priesterknigin zu Regenzauber und glcklicher Kopfjagd. Rechtsstreitigkeiten schlichtet ihr Spruch, dem jeder sich fgt. Land, Jagdrecht und smtliche Gter sind ausschlielich weiblicher Sippenbesitz. Den Mnnern ist sogar das Betreten der Speicher und der Wirtschaftsrume verboten. Ehe Formosa an Japan fiel, durfte kein Jngling heiraten, ohne zuvor mindestens einen Chinesen erschlagen zu haben. Ob die politische Umgruppierung zu einer zeitgemen Variante dieses Gesetzes gefhrt hat, konnte noch nicht festgestellt werden. Kopfjger sind ein fleiiger, aber eher schweigsamer Schlag.
{94: Janet B. Montgomery McGovern, _Among the Headhunters of Formosa_ (1922). Leider konnte ich keine biographischen Angaben zu der Autorin finden.}
Von den Lit-si auf der Insel Hainan, westlich von Formosa, sagt Wolter{95}: Bei ihnen haben in allen Dingen die Frauen das entscheidende Wort, dem sich die Mnner bedingungslos unterwerfen. Sie beschftigen sich mit dem Ackerbau, whrend die Mnner der Jagd obliegen.
{95: Diesen Autor konnte ich nicht identifizieren.}
Die amerikanische Expedition unter F. R. Wulsin{96} stie auch in China selbst, im Quellgebiet des Hoangho, krzlich auf einen prchinesischen Stamm mit der Urweibform des Matriarchats, die den alten Frauen alle Wrden und mter bertrgt. Da Polyandrie auf Zeit herrscht, so sehen die Kinder den Mann als Vater an, der ihnen von der Mutter als solcher bezeichnet wird, die brigen heien Onkel, doch bleiben diese Beziehungen ohne praktische Bedeutung; Name und Besitz erben sich ja doch in der weiblichen Linie fort. Nur Frauen haben das Recht, Handel zu treiben, denn alle Gter, mit denen dies geschehen knnte, sind ihr Eigentum, jedenfalls darf ohne ihre Einwilligung nichts verkauft werden. Auerdem gibt es in Sdchina, wenigstens so weit die Nachrichten reichen, zwei ausschlielich von Frstinnen regierte Landstriche.
{96: Das Ehepaar Janet Elliott Wulsin (18941963) und Frederick Roelker Wulsin (18911961) unternahmen von 19211925 Expeditionen in China, Tibert und der ueren Mongolei.}
Die Man-Tseu, ein Stamm von dreieinhalb Millionen Menschen, wird von einer Knigin aus dem heiligen Frauenclan beherrscht. In diesem ist die Knigsmacht erblich, sie kann immer nur von einer Frau ausgebt werden. (W. Gill.{97})
{97: William John Gill (18431882), englischer Forschungsreisender.}
Von dem andern sdchinesischen Frauenreich berichtet J. Gray{98}: Es ist der Erwhnung wert, dass einer der eingebornen Stmme stets von einer Frau regiert wird. Diese Souvernin erhlt von ihren Untertanen den Titel Noi-Tak. Sie bringen ihr tiefste Ehrfurcht entgegen, und der ganze Stamm ist unter dem Namen _Nu-kun, die von Frauen Beherrschten_, bekannt. Das Vorrecht, diese Stmme zu regieren, besitzen die weiblichen Mitglieder einer einzigen Familie, somit besteht beim Tod einer Frstin wenig Wahrscheinlichkeit eines Streites um die Nachfolge. Da die Chinesen es ja im allgemeinen seltsam finden, dass Grobritannien und andre, nicht unter dem salischen Gesetz stehende, europische Lnder bisweilen von Frauen selbstndig regiert werden, so sind sie einigermaen geneigt, die Einwohner solcher Lnder, und besonders Englands, als nur wenig, wenn berhaupt, hherstehend zu betrachten als den Stamm der_ Nu-kun_.
{98: John Henry Gray (18231890), anglikanischer Erzdiakon von Hongkong.}

 Su-Fa-La-Na-Ch-Ch-Lo  Ein tibetanisches Frauenreich
Tschomo-Lungma: Gottesmutter des Landes, oder Tschomo-Uri: Mutter des Trkisengipfels, heit den Tibetanern ihrer Heimat und der Erde hchster Berg. Sie nennen den Schlussstein der Welt so natrlich Mutter, wie ihn die Englnder einen angelschsischen Gentleman nennen, nmlich Everest. Um seinen Fu die wundervollen, halbtropischen Tler in Mont-Blanc-Hhe, deren Sohle noch voll Obst, Getreide, Lilienwiesen steht, sind durch die berhmte und unglckliche Expedition zur Bezwingung der Gipfelpyramide im tibetanischen Jahr des eisernen Vogels durch Bild und Film bekannt geworden.
Gelbe Gesichter, Trkise in den Ohren, tauchen auf in reichen Drfern, gesalzener und gebutterter Tee wird in Achattassen mit silbergetriebenen Deckeln diesen fatalen und unbeschaulichen Fremden mit buerischem Zeremoniell gereicht. Aus den Tlern weht gelber Rosenwind, auf dem Grund ihrer Schluchten hngt dunkle Waldrebe ber blauen Mohn, Felstauben gurren an Kristallquellen, Hhlen mit Klausnern sind eingesprengt bis hoch in die Gletscherpanzer des Himalaya, der als Riesenmagnet alles zu sich heraufzieht. Drauen, nicht mehr in seinem Windschatten, auf den offenen Wanderstraen gegen Lhassa hin, hilft das geduldige, demtige Mittelalter der Lamasereien jedem weiter. Sie stehen gegen den ewigen Sturm, gedrckte Vierecke aus mchtigem Stein, von Gebetswimpeln umflattert, innen voller Mnche mit roten oder gelben Kegelmtzen; ihr Abt gleicht einer Alraunwurzel in chinesischem Brokat. Dienend umgleiten sie einen vergoldeten Riesenbuddha; hochaufgeschossen schwebt ber dem ewigen Gestank der Butterlampen sein versunkenes Gesicht.
Aus holzdunklen Tempeltiefen fauchen knollig verschlungene Fabelwesen gegeneinander geiferndes Rot. Hier schneiden Heiligtmer selbst solche Teufelsfratzen, dass den Dmonen angst und bange wird auf ihrem allereigensten Gebiet, was den falschen Eindruck des durchweg Infernalischen bei diesem Kult erweckt. Er meint es aber gut. Nur unter der Devise: Contre corsaire, corsaire et demi wird bei seinen Teufelstnzen auf hautberspannten Schdeln so bestialisch getrommelt, auf menschlichen Oberschenkelknochen so falsch geblasen, dass sogar der Bse feige wird.
Die Lamas selbst, mongoloide Franziskaner, sind emsig aus nach immer noch braveren Inkarnationen, ganz ohne jene quittengelbe Verruchtheit, die literarische Weinreisende in Grauen als hartnckige Wunschtrume an sie gehngt. Alle paar Jahre wird ein Mnch von Lhassa aus im ganzen Land umhergeschickt, die wilden Tiere zu zhmen. Wo er gewesen, frisst alles aus der Hand; besonders Vgel kommen vertraulich auf jeden Begegnenden zu, Blutfasane, Fuchs-Enten, Wildgnse und vielerlei Kleines, das singt.
Da die Jakherden allen Lebensbedarf decken, jagt oder verletzt auch auerhalb der heiligen Bezirke niemand ein Tier. Die Leute scheinen ber jedes lebende Wesen froh, das mit ihnen die dnne Eisluft ihrer grellbraun auseinandergefalteten Wste eben noch ertrgt. Sterben sie doch selber frh. Nur wenige Herzen halten lnger als fnfundvierzig Jahre dem forcierten Sauerstoffgepumpe stand. beltter frieren nach dem Tode weiter, denn die Hlle wird kalt gedacht. Heizung, gar im berfluss, wo es doch stets mit dem trockenen Jakmist zu sparen gilt, bliebe ohne Schrecken fr Menschen, die im quarzenen Frost mit schwarz gefirnisten Gesichtern leben mssen, zum Schutz gegen Klte-Kopfschmerz und blutende Haut. Doch gibt es Kompensationen. Dieses rmste aller Lnder kennt keine Armut. Jeder besitzt Haus, Herde, Land oder seinen Anteil daran. Nicht viel Luxusdinge, doch des Notwendigen bergenug.
Die Seligkeit, weniger Einwohner zu haben, als es bequem und sicher zu ernhren vermag, dankt Tibet wohl seiner uralten, von den Frauen heldenhaft verteidigten Vielmnnerei. Vielleicht haben auch sie die Abnderung ursprnglicher Gruppenehe in eine rein brderliche Polyandrie durchgesetzt, whrend zuerst wohl alle Brder einer Sippe sich allen Schwestern der andern Sippe verbanden, nicht nur jener Einen, die jetzt ber Liebes- und Arbeitskraft smtlicher mnnlichen Familienglieder allein verfgt. Tibetanerinnen zetern gern und ehrlich emprt gegen die unheilige Barbarei des Westens, seinen Frauen nur je einen Gatten auf einmal zu erlauben. Sie begreifen nicht, wie eine Frau es da zuwege bringen solle, reich und wohlversorgt zu werden, ohne gleichzeitig im Genuss mehrerer Ehemnner zu sein. Je mehr, desto besser. Ein bruderloser oder auch nur bruderarmer Mann wird schwer eine tchtige Frau zur Gattin gewinnen. Glauben Sie nicht auch, dass wir tibetanischen Frauen es weit besser haben? sagte eine von ihnen, als sie den seltsamen monandrischen Brauch fremder Lnder erfuhr. Bei uns ist die Hausfrau wirkliche Herrin der vereinigten Einknfte und des Erbes smtlicher Brder, alle einer Mutter entsprungen, alle ein Fleisch, ein Blut, denn Brder sind eins, mgen sie auch getrennte Seelen haben. Und weil diese mitgeheirateten Brder eben doch nur eins sind, hat die Frau das anerkannte Recht, ihr eheliches Glck noch durch wildfremde Ergnzungsgatten, ganz nach freier Wahl, zu komplettieren. Whrend sie diese Neuerwerbungen zu sich nimmt, steht es der ursprnglichen Bruderschar keineswegs frei, nun ihrerseits der Gemeinschaft neue Privatfrauen beizufgen, obwohl jeder Bruder auerhalb des Heims, ohne dass sein Kollektivanteil deshalb erlischt, auf Zeit  seien es Jahre, Monate oder nur Wochen  nebenbei heiraten darf.
Hier gehen eben zwei grundverschiedene Bindungssysteme nebeneinander her: leicht lsliche Individualehen und die fast unlsliche Gruppenehe als nicht von Person zu Person, vielmehr von Sippe zu Sippe eingegangener Vertrag. Stirbt demnach jener lteste Bruder, der ihn durch Brautkauf schloss, so geht die Witwe an den Zweitltesten als den Rechtsnachfolger des Verstorbenen ber, ein bei den Juden als Levirat bekannter Brauch. Das gynaikokratische Tibet ist demnach in seiner Gruppenehe patriarchal, denn die Braut wird durch Geldeswert erworben, bleibt Besitz der fremden Sippe und zieht, falls sie nicht selbst eine groe Erbin ist, in deren Haus, obwohl es weder einen individuellen Vater, noch fr Vaterfamilie ein eigenes Wort gibt. Die Kinder tragen den Mutternamen und bleiben Familiengut. Gruppengefhl ist alles. So sehr fhlt sich die Frau verantwortlich fr ihre neue Sippe und deren Wohl, dass sie, strbe ihre Schwiegermutter mit Hinterlassung eines mnnlichen Suglings, diesen kleinen Schwager selbst aufziehen und spter bei seiner Pubertt hinzuheiraten wrde, als wre es die natrlichste Sache der Welt. Stirbt die Frau selbst, so tritt automatisch ihre Schwester die Nachfolge bei den verwitweten Brdern an, sollte sie auch  ein hufiger Fall  bereits Nonne gewesen sein. Ihrer sexuellen Reaktivierung steht da nichts im Wege. Lamaistische Ordensregeln bleiben ja fr Frauen durchaus lax, so dass Klosterschwestern sich nicht selten im Nebenberuf als Koffertrger bettigen, wozu die Weiber vortrefflich gebaut sind, weil durchwegs geschickter, strker, grer als der Mann. Letzteres will allerdings nicht viel besagen, die Rasse bleibt wie geduckt vor dem allzu nahen Oberende atembarer Luft, also ohne die Hybris berheblicher Beine.
Nonnen als Koffertrger sind ein Symbol. Sie wollen, trotz ihrem Stande, gar nichts mit Dalailamatum und Papstschaft zu tun haben, sondern dass es mit den Gtern vorwrts gehe im Lande. Hier in Tibet kommt die vielgerhmte Frauenmacht ausnahmsweise nicht aus Priester- und Zauberwesen her, aus ehrfrchtiger Scheu vor bernatrlicher, sondern aus kindhaftem Vertrauen zu natrlicher Kraft des weiblichen Geschlechts. Es ist der zentralasiatische Aspekt des Matriarchats: vorwiegend weltlich und hufig gipfelnd in militrischem Fhrertum. Die Tibetanerin ist dem Mann weit berlegen, nie scheu; whrend die Mnner vor den Fremden davonliefen oder sich versteckten, begegneten ihnen die Frauen stets mit Wrde ... sprachen ungeniert und flieend ... Sie haben ein besseres Herz, mehr Courage und einen nobleren Charakter als die Mnner. (Savage Landor.{99}) Der ganze, sehr bedeutende Handel mit Metall, Webereien, Wolle, Fellen, Moschus, Borax wurde von altersher durch einen obersten Frauenrat geleitet. Die Frauen kaufen und verkaufen, sagt Ser Marco Polo{100}, und ein alter chinesischer Bericht macht ausdrcklich darauf aufmerksam, es drfe kein Handelsgeschft ohne die ausdrckliche Zustimmung eines Weiberklngels abgeschlossen werden.
{99: Arnold Henry Savage Landor (18671924), englischer Maler, Reiseschriftsteller und Forscher.}
{100: _The Book of Ser Marco Polo_ ist der Titel einer 1871 erschienenen englischen bersetzung des Reiseberichts von Marco Polo (12541324).}
Fr Gste oder Reisende hat dieses, den Fremden so abgeneigte Volk nur eine Verwendung: als Deflorateure. Ist einmal der Blut-Tabu, die Gefahr, mit dem Blut ihres Hymenrisses in Berhrung zu kommen, von den Mdchen entfernt, so sind die jungen Geschpfe vllig frei, ihr Wert und Ruhm steigt mit den vorehelichen Liebhabern, deren Zahl durch Abzeichen, eine Art Halsschmuck, weithin sichtbar gemacht wird. Darum verstand auch der Gouverneur von Leh gar nicht, wo der Marquis Cortanze eigentlich hinauswollte, als dieser neugierig frug, welcher der Brder nach der Hochzeit zuerst der Braut beiwohnen drfe. Er erwiderte, es werde wohl meist der lteste sein, doch bleibe dies ohne Belang. Ein jhrliches Vermischungsfest, die Hutwahl, gibt berdies jedem Mann, dem es gelingt, seiner Tnzerin den Hut, Symbol der Macht, zu rauben, diese fr den Tag zu eigen. Hingegen liegt der hohe Wert einer geehelichten Frau darin, sie auf Lebenszeit zur Schalterin und Walterin des gemeinsamen brderlichen Besitzes gewonnen zu haben. In diesem Land sind Frauen die Herren des Hauses. Die Mnner leben in Abhngigkeit, erweisen ihnen groe Hochachtung und behandeln sie mit solcher Liebe und Unterwrfigkeit, dass ohne ihre Zustimmung nichts unternommen werden kann. Diese Schilderung gilt jedoch nur fr das echte Inner-Tibet der Viehzucht und ehrwrdigen Vielmnnerei. In den ppigen Tlern des Ackerbaus gegen Indien zu ist der Konservatismus durch regellose Polygamie, Kinderprostitution, Verlotterung des huslichen Lebens und Bordellwesen verdrngt worden. Damit verglichen, wirkt brderliche Vielmnnerei sich in ihren Resultaten weit reinlicher aus, mindestens in jener Form, wie sie seit je in ihren alten Hochburgen, von der chinesischen Grenze angefangen, durch Tibet, Kaschmir, Afghanistan, in Nordindien auch vom reinsten arischen Blut, den Radschputen, seit vedischer Zeit gebt wird und heute noch bei dreiig Millionen hchst achtbarer Leute besteht.
Was wurde diesem Brauch nicht schon alles zugrunde gelegt. Armut. Er blht aber gerade in bestsituierten Kreisen. Frauenmangel. Woher sollte dieser stammen? Einen eventuellen berschuss an mnnlich Geborenen schlucken die Klster, denn jeder vierte Tibetaner ist Lama, whrend die Anzahl der Nonnen viel geringer bleibt. Oder sollten weibliche Geburten vernichtet werden, die absolute Herrin des Hauses nur Mnner um sich dulden? Wenig wahrscheinlich. Auch ist darber nichts bekannt. Nach den meisten Zeugnissen herrscht sogar berfluss an Frauen, der nach den Tlern abwandern muss. Dann wieder gelten die Lebensbedingungen bei Viehzucht fr die Ursachen brderlicher Gruppenehe. Gewiss fhrt das Weiden der Herden einen Mann oft monatelang in die Ferne, fort von der vereinsamten Frau. Der vaterrechtliche Viehzchter  es gibt auch solche  verfllt deshalb noch lange nicht auf den Ausweg der Polyandrie. Ihm wird der Aufenthalt, fast obdachlos, im Schneesturm, offenbar nicht gengend verschnt durch die Vorstellung, wie ein anderer, dank seiner Vorsorge, derweil warm bei der gemeinsamen Gattin zu Hause sitzen kann. berall ist die Ursache der Vielmnnerei gesucht worden, nur nicht dort, wo sie am nchsten lge, nmlich bei der Frau. Jedenfalls besteht diese selbst in ihrem fhigsten Typus auf dem herrschenden Zustand der Dinge, nmlich darauf, weltliche Leiterin einer ganzen Mnnersippe zu sein. Das liegt ihr wohl im Blut aus der gar nicht so fernen Zeit her, da in diesem Land Mnner, ein ganzes Volk sogar, als Beauftragte von einer Knigin in der Mitte ihres Palastes aus Anweisungen erhielten, kamen, gingen und gerne taten nach der Herrin Beschluss. Jetzt ist es, als lebten diese groen Systeme nach ihrem Zerfall in einer Unzahl winziger von hnlichem, wenn auch nicht identischem Bau noch fort. Was nicht mehr zum alten Menschenschlag und seinen Lebensformen passt, wandert in die bereits indisch verfrbten Tler ab. Von der Struktur tibetanischer Weiberreiche selbst erzhlen chinesische Chroniken bis ins achte nachchristliche Jahrhundert hinein. So besagt das Buch Tang Shu:{101}
{101: Im 11. Jh. verfasste offizielle Geschichte der Zeit der Tang-Dynastie.}
Das stliche Knigreich der Frauen wird Su-fa-la-na-ch-ch-lo (goldene Familie) genannt und ist ein Teil des Chiang. Auch im fernen Westen ist ein von Frauen beherrschtes Land, darum heit dieses das stliche zum Unterschied.
Von Ost nach West ist es neun Tagereisen, von Nord nach Sd zwanzig Tagereisen lang. Es hat achtzig Stdte und wird von einer Knigin beherrscht, die im Kang-yen-Tal residiert, einer schmalen, steil abstrzenden Schlucht, die der Jo-Strom in sdlicher Richtung durchfliet. Es gibt ber vierzigtausend Familien und zehntausend Soldaten. Die Herrscherin heit Pin-chin, ihre weiblichen Beamten heien Kao-pa-li und sind wie unsre Staatsminister. Sie beauftragen die Mnner mit allen ueren Obliegenheiten, und darum werden diese Beauftragte der Frauen genannt. Aus dem Innern des Palastes erhalten die Mnner die Befehle und geben sie weiter.
Die Herrscherin hat in der Nhe ihrer Person einige hundert Frauen, und jeden fnften Tag wird ein Staatsrat abgehalten. Stirbt die Herrscherin, so zahlt das Volk mehrere Myriaden Goldmnzen ein und whlt aus dem kniglichen Clan zwei kluge Frauen, eine zum Regieren und die andre als Aushilfsknigin, um im Fall des Todes der ersten deren Nachfolgerin zu werden. Wenn die, welche stirbt, unverheiratet war, so folgt ihr die andere verheiratete, so dass keine Mglichkeit einer Revolution oder des Aussterbens der Dynastie besteht. Sie bewohnen Huser: das der Knigin ist neun Stock, jene der Bevlkerung sind sechs Stock hoch. Die Herrscherin trgt einen schwarzen oder blauen plissierten Rock aus rundem Gewebe, ein berkleid, ebenfalls schwarz oder blau, mit langen, auf dem Boden nachschleppenden rmeln, im Winter ein mit Stickereien verziertes Lammfellkleid. Sie trgt ihr Haar in viele kleine Zpfchen geflochten, auch Ohrgehnge und jene Art Lederschuhe, die in China als so-i bekannt sind.
Die Frauen achten die Mnner nicht hoch, und Reiche halten sich immer eine groe Anzahl mnnlicher Diener, die ihnen die Frisur richten und das Gesicht bunt mit Ton bemalen mssen, jeden Tag in einer andern Farbe. Die Mnner besorgen auch den Kriegsdienst und bewirtschaften den Boden. Die Shne tragen den Familiennamen der Mutter. Das Land ist kalt und nur zum Anbau von Gerste geeignet. Ihre Haustiere bestehen vornehmlich aus Schafen und Pferden. Es wird Gold gefunden. Ihre Gewohnheiten gleichen sehr denen von Hindostan. Unser elfter Monat ist ihr erster. Zum Prophezeien gehen sie am zehnten Mond in die Berge, streuen Krner umher und locken damit einen Schwarm Vgel an. Pltzlich erscheint ein Vogel gleich einem Blutfasan. Der Seher schlitzt ihm den Kropf auf. Enthlt dieser Getreidekrner, so gibt es ein fruchtbares Jahr, wenn nicht, so drohen Schwierigkeiten. Dieses heien sie das Vogelorakel.
Sie tragen drei Jahre Trauer, ohne die Kleider zu wechseln oder sich zu waschen. Wird die Knigin beerdigt, so folgen ihr drei- bis viermal zehn Menschen ins Grab.
Nach den nheren geographischen Angaben im Text eines zweiten Berichtes, dem Sui Shu{102}, geht hervor, dass dieses Knigreich im ersten nachchristlichen Jahrtausend ganz Nordtibet umfasste. Der erwhnte Borax ist heute noch tibetanischer Exportartikel. Auch das jetzt noch bliche Zhmen wilder Vgel durch Priester drfte als letzter Rest des erwhnten Vogelorakels fortbestehen. Ein zweites, westliches Reich lag nach den stets verlsslichen chinesischen Annalen an den Ufern des Kaspisees, und von ihm wird eine hnliche Struktur wie vom stlichen gemeldet, nur mit dem Unterschied, dass es ausschlielich von Frauen bewohnt, also ein reiner Amazonenstaat war. Hinzugefgt wird, die Frauen dort verfertigten sehr kostbare Dinge, und ihr Land grenze an Fou-lin, dessen Herrscher stets einen seiner Shne ins Frauenreich entsende, um die Knigin zu heiraten. Ein mnnlicher Spross solcher Ehe folge aber niemals seiner Mutter auf dem Thron. Aus diesem Land sei vor dem Jahr 634 noch keine Gesandtschaft in China eingetroffen. Amazonische Reiche scheinen demnach in einem ihrer Kerngebiete, der Umgegend des Kaspisees, bis gegen das Jahr 1000 hin ziemlich ungestrt fortbestanden zu haben.
{102: Offizielles Geschichtswerk der Zeit der Sui-Dynastie aus dem 7. Jh.}
Rockhill, dem es vor der gegenwrtigen gnzlichen Sperre gelang, ins Innere des verbotenen Landes zu dringen, erfuhr bei seiner Expedition von Tibetanern, das groe Frstentum Po-Mo im nordstlichen Tibet werde jetzt noch (Ende des vorigen [19.] Jahrhunderts) von einer Knigin beherrscht, die berhmt sei im Gebrauch der Schleuder. Dieser Teil des Landes blieb ihm unzugnglich, doch berall, wohin sein Weg ihn fhrte, staunte er der gleichen Frage nach: Auf welche Art haben diese Frauen es zuwege gebracht, eine so restlose Herrschaft ber die Mnner zu gewinnen, wie konnten sie ihre berlegenheit so vollstndig und dabei so annehmbar gestalten fr eine Rasse gesetzloser Barbaren, die sich nur ungern den Anordnungen von Huptlingen fgen? Das ist ein Problem, des Nachdenkens wohl wert!

 Die lustigen Weiber von Kamtschatka
Sie lieben ihre Weiber dergestalt, dass sie die willigsten Knechte von ihnen seyen. Das Weib hat ber alles zu befehlen und verwahrt alles, woran etwas gelegen ist. Er ist Koch und Arbeiter vor sie, staunt der alte Steller{103} vor hundertsechzig Jahren als erster Mitteleuroper auf dieser kuriosen Halbinsel ganz rechts oben bei Treibeis, Robben und springenden Lachsen. Dann schttelt er den Kopf ber das ihm vllig neue Phnomen matrilokaler Dienstehe und missbilligt es. Hier sitzt ihm die Ursache von so viel Unnatur: Durch diese Art zu Heyrathen wurde der erste Grad zum Regiment der Weiber und zur Untertnigkeit der Mnner gelegt, weil sie allezeit vorher ihren Bruten flattieren, zu Gefallen leben und zu den Fen liegen mssen. Und noch einmal schttelt er Kopf und Zopf, weil diese Frauen allezeit die Freiheit in allem prtendieren, nach fremder Liebe trachten, unersttlich und dabei dergestalt ruhmschtig sind, dass diejenige vor die glcklichste gehalten wird, welche die mehresten Buhler herzhlen kann.
{103: Georg Wilhelm Steller (17091746), deutscher Arzt, Ethnologe und Naturforscher.}
Wiewohl beide Geschlechter gemeinsam auf den Fischfang gehen, die Fische schneiden, reinigen und trocknen, halten doch nur die Frauen alle Vorrte unter stndiger Verwahrung in Disposition. Was daraus folgt, rgert wieder Stellers Zeitgenossen, den alten Meiners, besonders: Wenn die Mnner sich gegen ihre Weiber versndigen, so versagen die letzteren den ersteren nicht nur die eheliche Umarmung, sondern auch den Tabak, der den Kamtschadalen unentbehrlicher als Branntwein ist. Die Stillung dieses Bedrfnisses und die Gunstbezeugungen der Weiber erzwingen die Mnner nicht mit Gewalt, sondern durch die demtigsten und anhaltendsten Bitten und Liebkosungen. Zeigen sich die Frauen aber nicht sprde, so dnkt ihn das noch greulicher als das Verweigern des Sexualverkehrs. Die Kamtschadalinnen sind nicht weniger schamlos als ihre Mnner und ben nicht nur wie diese ffentlich und selbst vor den Augen von Kindern die unnatrlichsten Lste aus, sondern sie kommen auch ffentlich nieder und berlassen sich den Umarmungen ihrer Mnner und Liebhaber ohne alle Scheu, gleich den unvernnftigen Tieren.
Dafr ist Dr. Vaerting wieder von ihnen entzckt, weil sie seine Theorie der umgekehrten Arbeitsteilung bei Frauenherrschaft und die hhere weibliche Intelligenz als Resultat dieses Zustandes sttzen. Die Mnner wollen weder Heim noch Kinder auch nur fr Stunden verlassen, jedenfalls nie ohne ihre Frauen sein, whrend diese so vielerlei Arbeit haben, dass man allerdings mehr Verstand bey ihnen supponieren muss, als bey den Mnnern, welches sich auch in der Tat also befindet. (Steller.) Ein anderer Reisender sagt: In Kamtschatka sind die Mnner unter der eisernen Fuchtel der Frauen.
An tibetanische Verhltnisse erinnert Meiners Bemerkung: Die grte Empfehlung eines unverheirateten Mdchens ist eine ungewhnliche Menge von Liebhabern, denen sie ihre Liebkosungen geschenkt hat    ein solches Mdchen hat sich desto mehr Hoffnung auf die Liebe ihres zuknftigen Ehemannes zu machen, je handgreiflichere Beweise sie von ihren Erfahrungen in der Liebe geben kann. Findet ein Brutigam seine Erwhlte jungfrulich, so pflegt er seiner Schwiegermutter Vorwrfe wegen ungengender erzieherischer Obsorge zu machen. Natrlich war die Schwangerschaftsunterbrechung von je vllig frei; die Verminderung des Volkes, 1910 blieben nur viertausend Einwohner brig, hat aber nicht darin ihren Grund, sonst mssten alle Mutterrassen aussterben, vielmehr in der Verseuchung durch gewissenlose Kosaken und russischen Schnaps. Bei der Entdeckung und Annektierung Kamtschatkas war die Bevlkerung blhend und kerngesund.
Lappen- und Eskimoweiber sind lange nicht so gynaikokratisch organisiert wie die Bewohner Kamtschatkas, doch unabhngig und in mancher Hinsicht dem andern Geschlecht berlegen. Sie verschmhen oft die Bindung an einen Mann, bauen ihre eigene Htte, machen ihre eigenen Netze, Waffen und Gerte, mit denen sie ganz allein auf Jagd und Fischfang gehen. Heit doch die groe Mutter der Eskimo: sie, die keinen Gatten nehmen will.
Von den Tungusen sagt ein chinesischer Historiker, sie seien beraus jhzornig, leicht bereit, in einem Wutanfall Vater oder Bruder zu tten. Verletzung der Mutter aber wre ihnen unmglich, weil sich ihrer Meinung nach das Blut nur durch sie, nicht durch den Vater fortpflanzt.
ber die Insel Sachalin im nordstlichen Asien schreibt der japanische Reisende Mania Rinso{104} eindeutig, sachlich und przis: In diesem Lande ist es Sitte, dass die Frauen ber ihre Mnner herrschen, sie behandeln sie wie Sklaven und lassen sie alle Arbeit tun.
{104: Mamiya Rinzo (ca. 17751844), japanischer Seefahrer und Kartograph.}

 Araber
Ich will deine Herden nicht mehr zur Weide treiben, lautete die Scheidungsformel im alten Arabien. Die groen Herden, der Reichtum des Landes, waren meist im Besitz der Frauen, der Mann nur ihr Hirte, ihr Gast in Haus und Zelt, die sie eigenhndig errichtet hatten. Auch Mohammed wurde von einer reichen Grogrundbesitzerin, seiner ersten Frau, die sich auerdem auf eintrgliche Handelsgeschfte famos verstand, ebenso als Prophet finanziert wie privat ein Leben lang ausgehalten, hatte auch kein anderes Heim als die Huser seiner Gattinnen und wusste daher nicht, wo schlafen, nachdem er sich eines Tages mit allen vieren gleichzeitig zerzankt hatte. Noch immer ist bei manchen Araberstmmen, wie den Bedawi, die Ehe matrilokal, der Mann nur Gast.
An dieser gesicherten materiellen Lage der Frau nderte der Islam, zeit seines Bestehens, auffallend wenig; finanziell bleibt sie unter ihm vllig unabhngig, erbt gleich ihren Brdern, hat das sorgloseste Leben, verwaltet ihr Vermgen frei und braucht es whrend ihrer Ehe unter gar keinen Umstnden anzugreifen, denn der Mann ist verpflichtet, sie ihrem Stand gem mit Dienern, Komfort und einem wrdigen Heim zu umgeben. Findet sie sich nicht gut genug gehalten, steht ihr das Recht zu, seine Einrichtung zu verkaufen oder zu verpfnden, ihn auch gerichtlich zu belangen. ber Harems und alles, was mit ihnen zu tun hat, ist ja je und je so viel lstern-pickser Kitsch, sentimentaler Sadismus und suffragettesaure Emprung ausgegossen worden, dass Lady Wortley Montague{105} als Kennerin der Verhltnisse durchaus recht hat, wenn sie sagt: I cannot but admire the extreme stupidity of all the writers, that have given account of them. Eine trkische Dame konnte stets kommen und gehen, wann es ihr beliebte, auch bei Freundinnen ber Nacht bleiben, ohne Rechenschaft ber ihre Zeit zu geben; der Mann aber hatte stets vorher anzufragen, ob sein Besuch genehm sei. Schon der Ausdruck unter dem Pantoffel stehen kommt aus dem Trkischen, denn _die Gattin_ stellt die Pantoffeln vor die Tr, wenn sie einen ehelichen Besuch in ihrem Schlafzimmer nicht zu empfangen wnscht. Dass ein Mann in Arabien und Persien in Gegenwart seiner Mutter nicht einmal sitzen darf, auer mit ihrer speziellen Erlaubnis, gilt als bezeugt.
{105: Lady Mary Wortley Montagu (16891762), englische Reiseschriftstellerin und Lyrikerin.}
Die arabische Kultur selbst aber ist lange vor dem Islam prachtvoll aufgegangen, und sie zieht ihren ganzen glitzernden Bogen als ritterliches Matriarchat. Aktiv, nicht marienhaft passiv, direkt, nicht nur indirekt, wirkt es sich hier aus. Eine weibliche Ritterschaft hat intensiv teil an jenem sternklaren Stil nie wiederkehrend ungetrbter Tnung, mit seinen blanken Spielregeln, hochgemuten, trockengebauten Lebensformen voll Anmut und Noblesse, deren berlegenheit als beschmendes Wunder die Spitzen der Kreuzfahrer so sehr traf, dass sie, wie unter der magischen Berhrung ihres allereigensten Wunschtraums, sich zu Jngern ihrer Feinde entflammten. Hier zeigt es sich an einem beglaubigten Fall, dass eine weiblich betonte Kultur, wenn nicht vorzeitig aufgelst, sich genau so zu einer ritterlichen Periode stellen kann, mit allem hohen Schpferglck der Form, wie eine durchaus patriarchale, nur feiner und froher als diese wird sie vielleicht sein. Schn, reich, ihre eigenen Herrinnen, lehnten die Frauen des alten Arabien es ab, sich an einen Mann zu binden, glichen darin alle der Mawia bint Afzar, die vllig groe Dame und vllig frei den Mann heiratet, dem es gelingt, ihr zu gefallen, und sich trennt von ihm, sobald die Laune wechselt, doch immer nur die berhmtesten Krieger und Dichter, die hchsten Talente und nobelsten Charaktere whlt. (Caussin.{106}) Wo assyrische Inschriften von Arabien handeln, haben sie es bezeichnenderweise stets mit Kniginnen, nicht mit Knigen zu tun, nur jene werden ernannt oder besttigt; zwar spricht Sanherib{107} auch seinen eignen Sohn Assurnadin-sum wrtlich: _Frstin_ des Himmels und der Erde an, da er ihn zum Knig von Babylon macht; das wrde aber, statt gegen die arabische Frauenherrschaft zu zeugen, diese erst recht bejahen, weil hier das Ansehen eines Mannes durch den weiblichen Frstentitel erhhte Wrde erhlt. Auch Claudian{108} berichtet: Das weibliche Geschlecht herrscht unter den Sabern, und ein groer Teil der Barbaren steht unter der bewaffneten Macht von Kniginnen.
{106: Jean Jacques Antoine Caussin de Perceval (17591835), franzsischer Orientalist.}
{107: Sohn Sargons II., Assyrischer Knig von 705 bis 680 v. Chr.}
{108: Antiker Dichter des spten 4. Jh.}
Bis zum Untergang der sarazenischen Blte fochten arabische junge Mdchen zu Pferd, befehligten eigene Truppen, und Prinzessinnen in Schuppenpanzern kmpften im Jahre 633 siegreich vor Damaskus gegen die Byzantiner, doch ledig aller Lanzknecht-Allren, immer wie Lichtgestalten von oben her. Sicherlich waren diese Frauen den grten Teil ihres Lebens sehr geniebare irdische Wesen, doch bleibt ein ungreifbares Etwas an ihnen, zugleich dem zwiespltigen Gesicht der Landschaft zauberisch verschwistert, einer Landschaft, die zwar das Fruchtfleisch der Oasen fassbar trgt, doch berflimmert steht von winkender Ferne, aus der die Fei Morgan, fata morgana, ewig Unerreichbares zu reichen scheint. Immer wieder voraus in dieses Unerreichbare stuben unter frharabischen Sonnen berittene Sibyllen nach Umarmungen im solid gepflockten Zelt. Das muss ihrem Reiz wohl das berfliegende gegeben haben, das nie zu Erschpfende, das Bindende auch; denn schickte ein Stamm in Bedrngnis zu einem andern um Hilfe, so versagte dieser sie niemals, lag dem Hilferuf eine weibliche Haarlocke bei.
Wie Griechenland, hatte Arabien auch seine sieben Weisen, nur dass sie hier  Frauen waren, und nichts fiel dem Islam so schwer, als die weibliche Priesterschaft der Kaaba in Mekka durch mnnliche zu ersetzen, ganz zu schweigen von den Himmelsflschungen, die Mohammed ersinnen musste, bis es ihm gelungen war, die groe arabische Mutter Al-Uzza in Allahs Tchterlein zu verwandeln. Nun, von oben her widersprach ihm mindestens niemand direkt, bei den irdischen Genealogien aber, als die Stellung eines Mannes von seiner vterlichen Herkunft abhngen sollte, whrend die lteren arabischen Stmme alle metronym nach mtterlichem Adel zhlten, ergaben sich schreiende Widersprche und Ungerechtigkeiten. Um die Abstammung als patriarchal darzustellen, wurde in fast mythologischem Ausma geschwindelt, doch manchmal konnte man nicht umhin, Fakten anzuerkennen. So durfte in den frhen Tagen des Kalifats der Sohn einer Konkubine nie zum Thron berufen werden, war auch sein Vater Kalif, weil weiblicher Adel unerlsslich blieb. Bevor Mohammed die vaterrechtliche Baalsehe, von Baal = Herr, einfhrte, gab es zweierlei Ehen in Arabien, eine Beena-Ehe, bei der beide Teile das gleiche Recht auf Scheidung hatten, und neben dieser die Mota-Ehe mit dem Recht der Frau auf Polyandrie. Diese wollte der Prophet berhaupt nicht als korrekte Bindung gelten lassen und nannte sie einer arabischen Dame gegenber Hurerei, worauf er die Zurechtweisung erhielt: Eine freie Frau begeht keine Hurerei.

 Juden
Sogar in relativ spter Zeit erkannten die rabbinischen Schriftgelehrten den vier Matriarchaten, _Sarah_, _Rebekka_, _Rahel_, _Leah_, eine mchtigere Stellung zu als den drei Patriarchaten, _Abraham_, _Isaak_ und _Jakob_. Nach Robertson Smith{109}, einer der grten Autoritten fr archaisches Semitentum, war der Stamm _Levi_, also gerade der Priesterstamm, metronym. Es war der Stamm _Leah_, zu dem ein Gatte: _Levi_, erst gefunden werden musste. Diese Spur einer weiblichen Vormacht gerade im Religisen ist hier besonders interessant; sie ist nach der Zahlensymbolik auch noch an der weiblichen _Zehn_ der mosaischen Gebote zu erkennen, im Gegensatz zur mnnlichen _Zwlf_. Die Einstellung zum gynaikokratischen gypten schwankt dagegen stark; wohl wird der Dienst am goldnen Kalb als Rckfall in den Apiskult, auch in den der Baale, gezchtigt; das Schwein fr unrein zu halten aber lernten die Juden am Nil. Das gyptische Kastenwesen kennt ja lediglich eine Art Parias: die Sauhirten, denn das Schwein ist _Sonne und Mond_ zuwider. Der Sabbat, natrlich reiner Mondfeiertag, folgt den Phasen des Weibersterns, was gewiss auf ursprngliches Mutterrecht deutet.
{109: William Robertson Smith (18461894), schottischer Theologe.}
Ganz rein erkennbar wird es an Abrahams Ehe mit seiner Stiefschwester Sarah, wenn er dem Knig von Gerar auf seine Frage erwidert: brigens ist sie wirklich meine Schwester, die Tochter meines Vaters  nur nicht die Tochter meiner Mutter , und sie wurde mein Weib. Die vterliche Abstammung zhlt blutmig gar nicht mit, sonst trfe diese Ehe das Inzestverbot. Von Patriarchat kann somit hier die Rede noch nicht sein. Auch das bekannte Wort aus dem Ersten Buch Mose: Darum verlsst ein Mann Vater und Mutter, um seinem Weibe anzuhangen, kann matrilokal gedeutet werden. Dafr spricht besonders die vierzehnjhrige Dienstehe Jakobs im Hause seines Mutterbruders, um Leah und Rahel. Sein Erzeuger Isaak nimmt es gleichfalls fr gegeben an, dass er nach der Heirat bei seiner Frau wohnt, ihr anhangt, statt sie in die Vaterfamilie zu verpflanzen; und Laban, sein Onkel mtterlicherseits, sagt: Wohlan, du bist mein Bein und mein Fleisch, was genau der Blutnhe des uterinen Neffen nach mutterrechtlichem Empfinden entspricht.
Sobald sich die Juden in Kanaan angesiedelt hatten, schwand jedenfalls die matrilokale Sitte; die Gattin zog in des Mannes Haus. Gar als unabhngige Fhrerin der hebrischen Stmme wird nur ein einziges Mal eine Frau erwhnt: Deborah, und das gerade im vielleicht ltesten Fragment jdischer Literatur: dem Buch der Richter.
Ob Lilith, die Urteufelin und Adams erste Frau, Erschafferin aller Dmonen, der deklassierte Restbestand einer groen Mutter sei, mag bezweifelt werden. Des fteren wurde auch das Levirat: die Verpflichtung, des verstorbenen Bruders Witwe zu heiraten, den Acker des Bruders fruchtbar zu machen, als Beweis von Polyandrie betrachtet, wohl mit Unrecht. Hier liegt weit eher ein Rest der brderlich-schwesterlichen Gruppenehe vor, der auch jene Jakobs mit Leah und Rahel angehrt.

 Afrikanische Kniginnen
Herrschen ist ursprnglich eine magische Berufung, oder es ist nichts. Auch kriegerische Eroberer legen zu ihrer hheren Beglaubigung spter besonderen Wert auf sie. Magie aber war vor allen Gttern als das ltere und Ehrwrdigere. Wer erst einmal von Gottes Gnaden herrscht, ist bereits ein Parven, von Volkes Gnaden  eine Opportunittsnull, aus eigenen Gnaden  ein turbulenter Feldwebel; beinahe eine Contradictio in adjecto aber ist ein aufgeklrter Potentat, denn mit der ganzen Potestas wird er ja gerade um okkulter, nicht aufgeklrter oder aufklrbarer Gaben willen belehnt.
Priesterknigtum, wie es Frazer berall als das Ursprngliche nachgewiesen hat, bildet sich daher aus einem heiligen Clan, dessen Erbmasse solche Begabung verbrgt, und bleibt an ihn gebunden, soll die Monarchie von Dauer sein. Diese aristokratische Mitte belehnt Schling nach Schling mit dem hchsten Amt. Anfnglich drngt sich niemand besonders dazu, denn es ist unbequem, verantwortungsvoll und endet, auch wenn die Regierung tadellos verluft, strend vorzeitig mit ritueller Schlachtung. Bei Naturvlkern musste der knftige Herrscher nicht selten aus dem Busch, wo er sich versteckt hielt, herausgejagt, eingefangen und gewaltsam gekrnt werden, worauf er nicht mehr viel zu lachen hatte. Unausdenkbare Tabus beschrnken sein Leben Tag und Nacht, kein freier Schritt bleibt ihm gestattet. Jeder Speiserest, alles, was er berhrt hat, was von ihm stammt: jedes Haar, jeder Abfall seiner Ngel, jede Hautschuppe, selbst seine Fustapfen sind Tabus von erschreckender, heilig-verdchtiger Macht; Missbrauch, mit ihnen getrieben, wre nicht nur sein, sondern des ganzen Volkes Untergang.
Zu eines Priesterknigs tglichem Arbeitspensum gehrt: Regen machen oder zum Aufhren bringen, berhaupt die Jahreszeiten in Ordnung halten, Seuchen und Plagen vom Volk abwenden, die Geburten (indirekt) regeln, Vieh und Acker fruchtbar erhalten. Damit verglichen scheint Krieg gegen uere Feinde Erholung und Kinderspiel. Geht etwas schief, wird er keinesfalls mehr Gelegenheit bekommen, mit irgendeinem Vehikel und samt dem Kronschatz zu einem neutralen Stamm hinber zu wechseln und seine Memoiren, wie und warum es denn eigentlich schief gegangen, dort gegen Sachwerte einzutauschen. Doch auch wenn eitel Segen, reiche Ernten, Friede, Wohlstand, Fruchtbarkeit seine Regierung begleiten, erwartet ihn unausweichlich der rituelle Knigsmord. Nach einer bestimmten Reihe von Mond- oder Sonnenjahren wird ihm entweder der Kopf abgeschlagen, oder seine Knigsfrauen erwrgen ihn eigenhndig, dies meist bei den ersten Anzeichen nachlassender Kraft, die ja nur ihnen bekannt sein knnen. Er ist eben nichts als das ausbende Werkzeug, entsandt aus einer Priestersippe, die fast berall auf eine Ahnfrau zurckgeht, selbst bei den Sonnenreichen von Peru, Chile, Mexiko und bei den Natchez, im prarischen Indien, in Tibet, bei den Kelten, bei prchinesischen wie chinesischen Stmmen, in den groen frharabischen und westasiatischen Reichen, in den Bergen von Assam, sogar in dem sonst gar nicht mutterrechtlichen Samoa.
Auf Afrikas riesigem, dunklem Mondkrper zergeht soeben vor unseren Augen dieses Priesterknigtum, wo es in allen seinen Phasen mit unerhrter Pracht bestand, und wo es schon zergangen ist, fhlt sich die Tradition noch blutwarm an. Was auf der brigen Erde aus den verschiedenen Kulturen, bei jeder aus einem anderen Jahrtausend, erst mhsam zwischen Schutt herausgeklaubt werden muss, liegt hier ausgebreitet und in die gleiche Zeitschicht gehoben nebeneinander da. Nicht mehr fr lange. Unsere Generation ist die letzte, die noch etwas davon zu schauen bekam, auch sie nur noch Reste, und diese im Verfall.
Noch im 16. und 17. Jahrhundert bestanden weite Teile des Kontinents aus blhenden zusammenhngenden Reichen, wie das Kaiserreich _Kongo_ unter den _Mani-Kongo_. Durch die europische Ausbeutung, das Wegschleppen ganzer Stmme in die Sklaverei, sind diese Reiche erst entvlkert und verarmt, dann auch bald zerfallen. Gewiss hat es auf dem massigen Landkrper mit uralten stdtisch-ritterlichen Kulturen verschiedenster Rassen auch die verschiedensten Staatsformen gegeben, deren Spuren Frobenius nachgegangen ist. Das Knigtum aber berall dort, wo es entweder in ursprnglich matriarchalen Kerngebieten, mit dem Westen, bodenstndig ist oder von den mutterrechtlichen hamitischen Eroberern aus dem Norden auch ostwrts eingefhrt wurde, schpft Kraft und Legitimitt aus einer priesterlich-magischen Weibersippe, muss doch in Afrika sogar ein gewhnlicher Schamane eine Regenmacherin zur Mutter haben, um beglaubigt zu sein. Auch von der Ehefrau bleibt er zuweilen abhngig; wird sie gravid, verliert der Zuluregenmacher seine Fhigkeiten, weil Graviditt ihr vorbergehend die Zauberkrfte lhmt, er allein aber nichts ber die Natur vermag.
In den meisten afrikanischen Reichen geht somit die Macht ursprnglich von einem Hochplateau priesterlicher Prinzessinnen aus. Ob es dann eine Knigin gibt oder ihrer zwei, wie Doppelsterne, ob eine Knigin-Mutter als ruhender Zentralkrper mit einem Knig-Sohn und seinen Schwester-Gattinnen zu Trabanten, den Schwerpunkt des Systems bildet, ob ein knigliches Geschwisterpaar regiert, das sind alles nur Spielarten ber dem Grundschema heiliger Ordnung, gegrndet auf heiligem Knnen weiblicher Provenienz. _Kniginnen selber aber unterliegen nie und nirgends rituellem Mord_, sie verhngen ihn nur ber den im ruhenden weiblichen Kraftfeld ewig wechselnden Mann, und zwar wieder nach dem uralt eingeborenen Gesetz: sterblicher Sohn  unsterbliche Mutter, die schwarze Todesmutter und mater dolorosa zugleich ist. Dieser Sohn, der Frhlingsmensch ist, wie Tammuz, Attis, Adonis, erwhltes Opfer, das der Welt Brde trgt und ihre Schuld der Vergnglichkeit begleichen muss.
In den ltesten Zeiten, sagt Rehse{110}, gab es in Afrika keine regierenden Prinzen, doch hatten die Neger groe Knigreiche, von Gttinnen beherrscht. Diese Gttinnen hatten Priester und Priesterinnen, die alle Staatsgeschfte im Namen ihrer heiligen Herrinnen besorgten.
{110: Hermann Rehse, _Kiziba. Land und Leute; eine Monographie_ (1910). Nhere Informationen zum Autor konnte ich leider nicht finden.}
Da der Adel mtterlich bleibt, ohne dass ein mnnliches Prinzip ihn je verndern knnte, so nehmen die Prinzessinnen zu Geliebten oder zeitweiligen Gatten, wen sie wollen; der Knig aber, wiewohl aus dem innersten Frauenclan herausgeboren, hlt nur durch die Heirat mit einer Prinzessin-Schwester legitim den Thron; er regiert zwar uerlich, ist fr alles verantwortlich, sie aber herrscht. Bei den _Banyoro_, wie in vielen andern Monarchien, durfte gerade die Knigin-Schwester von ihrem Gatten keine Kinder haben und abortierte im Fall einer Graviditt. Diese htte sie nmlich zu lange von der Gemeinschaft mit dem Knig getrennt, der in seinen okkulten Fhigkeiten als durchaus abhngig von ihr gilt; genau wie der Zuluregenmacher von seiner Ehefrau. Heute ist das Knigreich _Banyoro_ christianisiert und eine Knigin-Schwester nur dem Namen nach des Herrschers Gattin.
In allen _Bantu_reichen gab es nur Kniginnen, ganz ohne Prinzgemahl, die zu Liebhabern Gemeine und Sklaven whlten. Sieben Kniginnen herrschten nacheinander in _Angola_; die letzte, _Singa NGola_, verteidigte ihr Reich heldenmtig bis zum uersten gegen die portugiesische bermacht. Als man ihr schlielich Titel und Krone lassen wollte unter der Bedingung, dass sie die fremde Suzernitt anerkenne, war sie zu stolz dazu und dankte zugunsten eines Scheinknigs ab. Um zwei mchtige Kniginnen von _Mpororo_ in _Ost-Zentralafrika_ hat sich bereits ein ganzer Sagenkreis gewoben. Sie sind Hohepriesterinnen, eigentlich Ppstinnen, und regieren das Land gemeinsam aus rein geistlicher Macht zum Entzcken des Volkes. So gro ist ihre Heiligkeit, dass es ihnen verwehrt bleiben muss, den Boden zu berhren; ihr Leben lang werden sie daher von ihrem Ministerium in Krben umhergetragen. In _Latuka_, dem nrdlichsten Teil von _Uganda_, hatte eine alte Knigin viele Jahre lang den Thron ganz allein inne, weil, wie sie erklrte, niemand wrdig sei, ihr Gatte zu heien. Ganz unabhngige Kniginnen herrschen an der _Goldkste_ unter den _Fanti_, einem Zentrum alten Mutterrechts, auch das Reich _Ubemba_ im nrdlichen _Rhodesien_ wird von einer Knigin ganz allein regiert. Der Ruhm einer alten Herrscherin von _Angonna_, ihr Mut und ihre Weisheit sind heute, nach hundert Jahren, noch sprichwrtlich.
Die Zahl der weiblichen Huptlinge bei kleineren Stmmen ist Legion, denn Frauen werden, weil weniger grausam, lieber gewhlt. Bei vielen Dynastien kannten sich die Ethnologen anfangs nicht recht aus, schlossen oft aus mnnlichen Titeln auf mnnliche Herrscher, was sich spter als schwerer Irrtum erwies, heit doch in _Loango_ die Hauptprinzessin _Mani-Lombo_ = Knig, und der gegenwrtige _Kazambe_ ist gleichfalls eine Frau. Livingstone, Stanley, Wissmann{111} trafen bei ihren Reisen auf eine Reihe weiblicher Potentaten; im ganzen _Sambesi_gebiet, im nrdlichen Kongobecken, im _Zentralsudan_ gibt es herrschende Frauen, und am unteren _Kassai_ scheint ein Zentrum weiblicher Huptlinge und Regenten zu bestehen. (H. Baumann.{112}) Selbst wo ein Mann herrscht, bleibt die Knigin-Mutter eigentlicher Regent. Nicht immer ist sie seine leibliche Erzeugerin, ebensooft auch Sippenlteste, wie die Erd- und Feuermutter in _Loango_. Vielfach geniet sie groe Freiheiten sexueller Natur, hat mehrere Liebhaber, darf aber weder regelrecht verheiratet sein, noch Kinder von ihren Geliebten haben. (H. Baumann.)
{111: David Livingstone (18131873) und Henry Morton Stanley (18411904) sind wohl die beiden bekanntesten Afrikaforscher  Doctor Livingstone, I presume? (1871). Hermann Wissmann (18531905), deutscher Afrikaforscher, durchquerte 1881 als erster Europer Zentralafrika von West nach Ost.}
{112: Hermann Baumann (19021972), deutscher Ethnologe, Afrikanist und Kulturhistoriker.}
Hchst sonderbar und unerklrlich bleibt der Brauch, dass eine Knigin-Mutter, regiert sie mit ihrem Sohn zusammen, wie in _Benin_, _Uganda_ und _Dahomey_, ihm nach der Krnung nicht mehr begegnen darf; beide verkehren dann lediglich durch Abgesandte miteinander. In _Togo_ werden der Frauenknigin Huptlinge beigegeben, die jedoch nur mit Zustimmung des Weiberrates Beschlsse fassen drfen. Wo schlielich die profane weibliche Macht durch das vordrngende Mnnerrecht gebrochen ist, besteht immer noch die religise. Bei den _Landuma_ wird der Knig von einer Priesterin: der _Simo_, gekrnt; auch den Herrscher des riesigen Lundareiches in Zentralafrika, den _Muata-Jamwo_, krnt seine Mutter, die nach Ansicht einiger Ethnologen die berhmte _Lukokescha_ selber ist. Dieses kolossale _Lunda_ widersteht in seinem dynastischen Gefge allen Versuchen des Knigs, die hierarchische Frauensippe zu strzen und sich selbst an deren Stelle durchzusetzen, wie es den Knigen von _Dahomey_ lngst gelungen ist; in Lunda behauptet sich aber die _Lukokescha_ neben und ber ihm. Sie ist immer eine der kniglichen Prinzessinnen, von der Frauensippe zur Mitregentschaft ernannt, und des Knigs Vollschwester, wird aber Mutter genannt, heilige Clanmutter; als solche krnt sie ihn auch. Sie selbst bleibt unverheiratet und kinderlos, hlt sich jedoch so viele Sklavenliebhaber, wie es ihr passen mag. Des Knigs legitime Frauen sind zwei andre Prinzessinnen, aus deren Kindern der Nachfolger gewhlt wird; hier setzt sich also bereits eine direkte mnnliche Erbfolge durch, whrend in den ganz echten Frauenreichen kein Sohn des Knigs kraft dieser Sohnschaft Herrscher werden kann. Doch davon abgesehen, behlt die heilige Weibersippe, reprsentiert durch die Lukokescha, unverndert ihre Macht. Sie ist unverletzlich, hat einen eigenen Hofstaat, und nichts darf ohne ihre Zustimmung beschlossen werden. Sogar den _Muata-Jamwo_ in Person abzusetzen und einen neuen zu ernennen, hat sie das Recht, bte es auch, soviel bekannt, im Jahre 1873 wirklich aus.
Zu Audienzen und Ratsversammlungen reitet sie auf dem Rcken eines Mannes, wie im Plutarchischen Mythos Aphrodite auf dem Bock, den sie erschaffen, reitet. Diese reprsentativen Ritte auf Mnnerrcken sind auch fr andre afrikanische Herrscherinnen blich, wie die Knigsschwester von _Uganda_. Diese darf, wiewohl Bruder-Gattin, auch nebenbei noch Sklavengeliebte, doch um der magischen Fhigkeiten willen keine Kinder haben. Sie und die Knigin-Mutter sind dem Herrscher von Uganda nicht nur als Mitregenten beigegeben, sie fhren auch selbst den Titel Knig. Stirbt aber die Knigin-Mutter, so bemchtigt sich des Volkes  es ist das intelligenteste und kultivierteste Innerafrikas  jedesmal groe Unruhe, und aus der Sippe der Verstorbenen muss sofort, ohne Interregnum, eine neue Knigin-Mutter beschafft werden, whrend dem Tod des Knigs viel weniger Bedeutung zukommt. Ganz hnlich wie in Uganda steht es damit in 38 anderen afrikanischen Monarchien, die einzeln aufzuzhlen wohl nicht ntig scheint.
Eine der Lukokescha ganz hnliche Stellung mit allen Rechten und Pflichten nimmt die _Nalolo_ bei den _Marotse_ ein. lteste Schwester des Herrschers, hlt sie sich einen Prinzgemahl in recht bedauernswerter Rolle; beide Geschwister haben ihre eigenen Residenzen, Ratsversammlungen, Ministerien und Palste. (Beguin.{113})
{113: Eugne Bguin, _Les Ma-Rots : Etude gographique et ethnographique du Haut-Zambze_ (1903). Missionar, nhere Informationen zur Person konnte ich leider nicht finden.}
Die _Baganda_- und _Bakitara_-Kniginnen sind gleichfalls Schwestern ihres Gatten und aus den schon erwhnten Grnden kinderlos. Fast berall, wo Schwestern von der Clanmutter dem Herrscher zur Regentschaft mitgegeben werden, leben sie zwar sexuell in schrankenloser Freiheit, doch mit der Pflicht, zu abortieren, um jenes magische Doppelwesen, welches sie mit dem Bruder-Knig bilden sollen, nicht zu stren, whrend das momentan nicht unmittelbar herrschende Hochplateau der andern Prinzessinnen dafr zu sorgen hat, dass der heilige Clan nicht aussterbe. Zu diesem Zweck halten sie sich Sklavenliebhaber, die nach Laune und Belieben gewechselt, enthauptet, jeder Erniedrigung ausgesetzt, gewhnlich auch, wie mohammedanische Haremsfrauen hinter Schloss und Riegel gehalten, bei dem geringsten Verdacht einer Untreue sofort gefoltert und hingerichtet werden. Drfen sie ausnahmsweise einmal den Palast verlassen, so scheucht ein Glckchen die Bevlkerung aus ihrem Weg, damit kein Frauenblick sie treffe. Am genauesten sind diese Zustnde bei den _Aschanti_ der _Goldkste_ bekannt geworden. Die Zentralstellung nimmt oder nahm dort, denn seit 1896 steht das Land unter englischer Oberhoheit, eine Sippenlteste, Knigin-Mutter genannt, ein. Der Knig bedarf ihrer Besttigung und wird unter den Shnen der Prinzessinnen gewhlt; auch ihn abzusetzen, hatte sie das Recht und gebrauchte es reichlich. Die letzte Knigin-Mutter soll nach britischen Berichten mehrere Dutzend Gatten haben hinrichten lassen, denn sie pflegte ihren mnnlichen Harem stets in toto abzuschaffen und whlte ihn von Grund aus neu. Smtlichen Prinzessinnen stand es frei, zu heiraten, wen sie wollten, so gleichgltig blieb der Vater ihrer Kinder, nur schn sollte er sein. Starb die Prinzessin vor dem Gatten, so musste dieser auf ihrem Grab Selbstmord begehen; wurde ein Kind geboren, musste sich der Vater vor ihm beugen, ihm Treue und Gehorsam schwren; starb aber das Kind, so starb der Vater mit ihm.
Abgesehen vom Schicksal der ranglosen Sklaven-Gatten, entscheidet die Frauensippe ursprnglich auch ber Lebens- und Todesrhythmus des von ihr gebornen und ernannten Knigs. Bei den _Schilluk von Faschoda am Weien Nil_ bestimmen auch heute die Knigsschwestergattinnen allein die Zeit der rituellen Hinrichtung; sie erwrgten den Knig frher sogar mit eigener Hand. Eine Abschwchung dieser als heilig empfundenen Macht und der erste Schritt zum Mnnerrecht ist es bereits, wenn an ihre Stelle der Mutterbruder tritt und, wie bei den _Mundang_, den Bestimmungen des rituellen Knigsmordes nach im neunten Regierungsjahr den Knig enthauptet. Einst waren wohl allgemein diese dem lunaren Rhythmus folgenden Perioden weit krzer bemessen, daran erinnert noch die Sitte, dass bei den _Banyoro_ Ostafrikas, wenn der junge Mond erscheint, ein Bote dem Knig das Ereignis mit den Worten meldet: Herr, du hast den Mond berlebt.
Was bei den _Schilluk_, _Mundang_ und einigen andern heute noch geschieht, zeigt das dynastische Mutterrecht Afrikas immer in Gestalt einer heiligen Sippe, an der das Mnnliche in einer Kette von Jnglingen vorberzieht, deren Macht an ihre Blte gebunden bleibt und einwelkt mit ihr. Frhlingstrger sind sie nur, ohne Persnlichkeitswert in den Augen der Frauen, und somit ohne Anspruch auf Alter; ihr ewiger Opfertod verbrgt die ewige Jugendfrische der Welt. Etwas Grundanderes muss ritueller Knigsmord bei Vaterrecht bedeuten, Frobenius hlt ihn dort fr die Darbringung des angesehensten Mannes, doch ist es ja mglich, dass beide Formen, wiewohl in der Wurzel entzweit, sich oben in den feinsten Enden ihres Sinnes wieder irgendwo verzweigen. Frobenius erzhlt von seiner Begegnung mit einem solchen vaterrechtlichen Knig, der Rasse _unstrflicher Aethiopen_ angehrig, welcher, wie mehrere andre _Dakka_frsten, im darauffolgenden Jahr den Opfertod erleiden sollte: Er sprach sich selbst darber aus, fand es ganz natrlich, dass er im nchsten Jahr geopfert werden sollte; er sah dem Tag seines Lebensabschlusses mit uns unbegreiflicher Gelassenheit entgegen und uerte sich sehr trocken: In den letzten Jahren waren die Ernten nicht gut, die Regen waren schlecht, nach meinem Tod soll der Regen besser fallen. Und spter sagte er: Ich habe einen kleinen Enkel, den ich sehr liebe. Er soll eine Frau aus guter Sippe heiraten. Von diesem Enkel will ich mich, wenn ich aus dem Busch zurckkehre, wiedererzeugen lassen ... Er uerte sich in einem Tone, in dem wir etwa von einer kleinen Reise reden wrden. Es war keine Spur von Spannung zu vermerken, der wir unwillkrlich schon anheimfallen, wenn uns auch nur der Umzug von einer Wohnung in die andre ... bevorsteht.
Nach Frobenius findet des Knigs Opferung stets zur Periode der Knabenweihe statt, auf dass er der gndige Geist des Busches werde. Um die Gnade dieses Buschgeistes zu gewinnen, wird ihm das Blutopfer der Beschneidung dargebracht, damit haben aber alle, die in Zukunft den Busch zur Herstellung von Farmen roden, also ihn verwunden wollen, sich selbst schon eine Wunde geschlagen, die den Buschgeist (in Form des Panthers und toten Knigs zugleich) gndig stimmen soll.
Ein eigenartiger Zustand hat sich in _Dahomey_ herausgebildet. Dort gelang es schon vor geraumer Zeit einem Potentaten, die Macht der Frauen insofern zu brechen, als er nur mehr die Mitregentschaft der Knigin-Mutter zu dulden hat. Dem freien Treiben seiner Schwestergattinnen aber machte er ein Ende, indem er sie als seine Vestalinnen einsperrte und ihnen den mnnlichen Harem verbot. Nun ist ihre Ttigkeit nicht mehr administrativ oder politisch, vielmehr darauf beschrnkt, den Kosmos in Ordnung zu halten, indem sie mit selbstverfertigten Gefen aus den heiligen Quellen Wasser fr die Tempelriten des Regengottes schpfen. Gleich ihren altrmischen Kolleginnen werden sie Mtter genannt. Ihnen beigegeben sind in gewissem Sinn die Amazonen von Dahomey, sie haben wie die Prinzessinnen priesterliche Funktion und sind auch die offiziellen Gattinnen des Knigs, insofern er den Mondgott, den Herrn der Weibwelt, vertritt. Einer dieser Priesterknige lehnte es in rhrender berschtzung europischer Staatenlenker rundweg ab, seinen Namen unter ein offizielles Dokument, bestimmt fr den franzsischen Prsidenten, damals Carnot, zu setzen, aus Angst, dieser treibe vielleicht bsen Zauber mit der Unterschrift.
Seine Amazonen lassen sich, wenn es darauf ankommt, fr ihn und das Land buchstblich in Stcke hacken. Ohne ihren Opfermut htte _Dahomey_ lngst seinen Rang verloren. Ihnen verdankte es Knig _Gueso_, dass er bei der desastrsen Unternehmung gegen _Abeokuta_ mit dem Leben davonkam. Sie hielten trotz grauenhaften Verlusten stand, whrend die Mnnerarmee ausriss. Bei einer andern Gelegenheit, unter _Guesos_ Nachfolger, lieen sie sich lieber niederhauen, als gleich dem restlichen Heer zu fliehen. (Briffault.) Ihre Formel fr Feigheit lautet: Du bist ein Mann. Werden Manver abgehalten, so brechen die Strmenden durch alle Hindernisse, durch Kakteen und Dorngestrpp, ziehen dann nach solchen bungen lchelnd im Lager ein, blutberstrmt, whrend ihnen die Haut in Streifen gefetzt vom Krper weht. Der militrischen Tchtigkeit kommt die als Elefantenjgerinnen gleich. Ihre Erscheinung, sagt Captain Duncan{114} von den Life Guards, ist martialischer als bei den meisten Mnnern; im Fall eines Feldzuges wrde ich in diesem Land Frauen als Soldaten den Mnnern bei weitem vorziehen. Nach allem, was ich in Afrika gesehen habe, scheint mir der Knig von _Dahomey_ eine Armee zu besitzen, die allen anderen westlich der groen Wste berlegen ist.
{114: John Duncan (18051849), schottischer Entdeckungsreisender. Die Life Guards waren ein britisches Kavallerieregiment.}
Weibliche Krieger nehmen in Afrika verschiedentlich die Stellung von Schweizergarden ein, doch gibt es auch weibliche Nationalarmeen, so die des Sultans von _Zanzibar_ und die sdostafrikanische im alten Reich _Monomotapa_. Dieser ist an den Grenzen des Knigreiches Damut in der Nhe des _Sambesigebietes_ eine eigene Provinz zugeteilt, auch fllt sie, als eine Art Prtorianergarde, die Entscheidung bei der Knigswahl. (Dapper.{115}) Ein Frauenreich mit einer Herrscherin und weiblichem Heer ganz auf amazonischer Grundlage war das der _Galla_.
{115: Olfert Dapper (16361689), niederlndischer Arzt und Schriftsteller; verfasste bedeutende historische und geografische Werke, hat selbst die Niederlande aber nie verlassen.}
Kaum ein andrer Kontinent findet die Frauen so verbndelt wie Afrika, teils als Prinzessinnen, teils als Kriegerinnen, in geheimen Gesellschaften oder ganz schlicht ihrer Muttersippe verhaftet, worber die Missionre dauernd Klage fhren, weil die Frauen nach der geringsten Provokation, einem unhflichen Wort, einfach vom Mann weg und wieder nach Hause laufen, dort, wo die Ehe nicht von Anfang an schon matrilokal war. Bei manchen Stmmen, wie den _Useguha_, bestehen sie auf alle Flle darauf, nach ein paar Jahren heimzukehren. ber die seelische Dnnhutigkeit der Afrikanerinnen sind alle Berichte des Staunens voll; bei den _Warega_ am _Kongo_ ist Beleidigung einer Frau Kriegsgrund, Hflichkeit und Courtoisie etwas von selbst Verstndliches. Ebenso ist ihr Einfluss beraus stark. Zur Frau des letzten Sultans von _Nyangara_ kamen bei jeder Schwierigkeit die groen Huptlinge des Landes und baten um ihren Rat. Wer bei den _Manbuttos_ eine Kuriositt oder was immer kaufen will, erhlt vom Mann die charakteristische Antwort: Frage meine Frau, es gehrt ihr. (Schweinfurth.{116}) Und bei den _Banyai_ sagt jeder Eingeborne, von dem etwas verlangt wird: Ich werde meine Frau fragen. Stimmt sie zu, so tut er es, wenn nicht, so kann ihn keine berredung oder Belohnung dazu bringen, ihrer Entscheidung entgegen zu sein. Unter den _Bega_ herrschen die Frauen in einer Weise, die schwer mit dem hochfahrenden Wesen dieser stolzen und ungezhmten Nomaden zu vereinbaren ist. (W. Junker.{117})
{116: Georg August Schweinfurth (18361925), russisch-baltendeutscher Botaniker und Afrikaforscher.}
{117: Wilhelm Junker (18401892), deutsch-russischer Afrikaforscher.}
Die _Hottentotten_-Weiber gebrden sich als vllige Despoten, der Mann hat berhaupt nichts zu sagen. (T. Hahn.) Von den _Buschmnnern_ gilt das gleiche. Diese leben nomadisch auf dem Plateau der _Kalahari_ und drfen sich nur mit Erlaubnis der fhrenden Matrone einem Clan auf Wanderungen anschlieen, nachdem sie sich durch Jagdbeute eingekauft haben. Ist man unzufrieden mit ihnen, wird die Verbindung sofort gelst, und sie haben zu gehen. Bei den _Ovoherero_ besitzt der Mann berhaupt kein Heim, er wohnt als unbezahlter Arbeiter in den Husern seiner Frauen zu Gast; so ist es ganz allgemein in _Ostafrika_. Oft hat der Mann sechs bis sieben Frauen, die er abwechselnd besucht, um ihnen bei der Feldarbeit zu helfen, deren Ertrag aber nicht ihm gehrt.
Bei den _Beni-Amer_ in _Nordostafrika_ ist der Mann direkt in einer bedauernswerten Situation. Er wird nicht nur ausgebeutet, sondern das zynisch offene Streben geht dahin, ihn zu ruinieren. Beim geringsten Versto setzt man ihn vor die Tr, das Weib hetzt ihm ihre Sippe auf den Hals, und erst nach langen Bitten durch Vermittlung der Nachbarn darf er sich ins Haus zurckkaufen gegen ein Kamel oder eine Kuh; auch fr jede Entbindung muss ihr ein hoher Preis in Form eines Geschenkes bezahlt werden. Besitzt der Gatte schlielich nichts mehr, wird er davongejagt, um einem neuen Opfer Platz zu machen. So einem armen Tropf je eine Spur von Neigung oder Rcksicht zu zeigen, ihn gar bei einer Erkrankung zu pflegen, wre unauslschliche Schmach. Liebe und Zrtlichkeit gelten einzig dem Bruder. (Munzinger.{118}) Gleiche Zustnde herrschen in _Dongola_.
{118: Werner Munzinger (18321875), Schweizer Afrikaforscher.}
Auch der in Afrika so verbreitete Brautkauf ist nicht notwendig ein Zeichen von Mnnerherrschaft, vielmehr nur dort, wo die Braut um den erlegten Betrag aus ihrer Sippe herausgekauft wird. Ein Preis, bei der Heirat bezahlt, kann dagegen auch Einkauf des Mannes ins Haus der Frau bedeuten; er ist dann jene mnnliche Mitgift, die in altgyptischen Heiratskontrakten eine so groe Rolle spielt. Bei den _Tuareg_, den blonden Berbern Nordafrikas und der Sahara, betrgt sie vier Meharis, milchweie Eilkamele, mit denen die Frau dann Handel treibt; denn auch nach der Scheidung verbleibt die Mitgift ihr Besitz, und da die Lsung der Ehe gleichfalls zu ihren Rechten gehrt, vermag sie leichtlich so im Lauf der Zeit sich eine hbsche Anzahl Kameltiere als Karawanenbestandteile zu erehelichen. Selbst die Aschanti-Prinzessinnen lassen sich unverschmt teuer von ihren Sklavengatten kaufen, was einem Einkaufen in den mnnlichen Harem gleichkommt, ob die Erwhlten wollen oder nicht; denn dankend abzulehnen, wre unbekmmlich.
Von den beiden starken Mutterrechtsgebieten Afrikas, die zuweilen bis zur Gynaikokratie ansteigen, greift das westliche auf die atlantischen Inseln ber. Eine der _Kanaren_, _Gomeira_, war von einer Knigin beherrscht, und eine gewhlte Frstin regiert heute die Insel _Oranga-Grande_ im Bissagiosarchipel. Diese Frau hat einen Hofstaat eingerichtet mit einer Regierung, bestehend aus Premierminister, Rechnungsfhrer, Hafenwart und Dolmetscher. (Revue dEthnographie 1924.) Von dieser seiner uersten Grenze zieht das westafrikanische Mutterrecht in breitem Band ber den Kontinent. Das zweite, dessen Trger hauptschlich Hamiten sind, stammt aus dem Norden und dringt nach Ostafrika hinunter. Dass beide frher noch weiter verbreitet waren, zeigen deutliche Spuren und rein erhaltene Enklaven; im West- und Zentralsudan sind die Herrscherfamilien mutterrechtlich, die Unterworfenen vaterrechtlich organisiert, eine Zweischichtigkeit, wie sie die Kulturbahn der hamitischen Eroberer oft begleitet. Das Modewort hamitisch ist leider nicht ganz zu vermeiden, doch soll seine irrefhrende Vagheit nicht beschnigt werden, die, wenn seine Popularitt so weiter wchst, dem alten indo-germanisch an Verwirrungsmglichkeiten bald ebenbrtig zu werden droht. Genau wie indo-germanisch, bezeichnet nmlich auch hamitisch etwas Linguistisches. Es gibt keine hamitische Rasse, nur eine hamitische Sprachgruppe, zu der krperlich ganz verschiedene Vlker gehren; es wre somit verfehlt, sich unter Hamiten einen streng umrissenen Menschentypus vorzustellen, denn sie knnen thiopisch dunkel oder schottisch hell sein, allerdings niemals das, was man Neger nennt.
Nach H. Baumann ist es auffallend, dass die strksten Zentren des Matriarchats in Gebieten hherer politischer Ordnung liegen. Mit seinen Grenzen beginnt auch die westafrikanische Kultur eine durchaus neue Welt, hhere Staatsformen, groartige bildende Kunst, zahlreichere Musikinstrumente, grere mythenbildende Phantasie ... In Sdafrika kommt Mutterrecht dagegen wieder bei ganz tiefstehenden Jgervlkern der Urrassen vor. Im _Sudan_ und _Nordnigeria_, auch sonst, wo regierende Frauen selten sind, haben sie dafr hohe Stellen und wichtige Verwaltungsposten in der Provinz inne. Frobenius hat eine Reihe von Erzhlungen gesammelt, die von Stadtkniginnen handeln, denn auch in Afrika spielte bisweilen die Polis eine hnliche Rolle wie in Griechenland; Timbuktu, Bokani, Raba, Gbatatschi, Omdurman stellen sich nunmehr als weibliche Grndungen heraus, und auch heute noch gehrt den Frauen gerade in den Stdten als hoch Beamteten die Fhrung; so gibt es eine Herrin des Marktwesens, Mutter der Fremden genannt, dann eine Oberherrin aller Frauen und Mdchen und eine aller Jnglinge.
Was im Norden vom Roten Meer bis zum Atlantik reicht, Marokko, die Sahara, den Atlas umfasst, all diese jetzt Berber genannten Stmme sind, abgesehen von etwas negroider und arabischer, also semitischer Beimischung aus dem 7. Jahrhundert n. Chr., ethnisch immer noch den alten _Libyern_ der griechischen Berichte, den Numidiern der rmischen gleich. Nach neuester Ansicht sollen sie einen nicht ausgewanderten Teil jener Mittelmeerrasse bilden, die, als _Minoer_ die _kretische_ Kultur, als _Pelasger_ die _mykenische_ des griechischen Festlandes und der _gis_ geschaffen hat. Auch die auerordentlichen Bauten in _Lykien_, _Karien_, _Lydien_ an der kleinasiatischen Kste gehen dann auf sie zurck. Jene Wstenbildung, die dem glcklichen Arabien dieses angenehme Adjektiv kostete, die grne Weide der Sahara austrocknete und heute noch versandend auf Spanien bergreift, trieb offenbar diesen Teil der _Libyer_ bers Meer zur Kolonisierung, und berall hinterlieen sie eine Grundlage von Matriarchat: jenes ihrer Ahnen aus Nordafrika, bei deren Nachkommen, den heutigen _Berbern_, es wie einst besteht. Das Berberproblem selbst aber gehrt gegenwrtig zu den ganz groen ethnischen und kulturellen Belangen, denn _Berber_ oder _Libyer_ sind eine weie Rasse und erscheinen schon auf altgyptischen Reliefs hellugig und blond. Wo ihre, _Tuareg_ genannten, Stmme zurckgezogen in der Bergregion des Atlas leben, daher ohne arabische Beimischung geblieben sind, knnen sie ganz leicht mit Schotten verwechselt werden.
Zu dieser hellen Tnung der Berber oder alten Libyer hat, wie es scheint, nicht wenig ein nordafrikanischer Zweig der sogenannten steinzeitlichen _Cro-Magnon_-Rasse beigetragen, jener ersten Blondrasse Europas, lange vor der nordischen, und im Gegensatz zu dieser von rundschdligem Typus, den man zu Unrecht jetzt berall als schsisch anzusprechen gewohnt ist. uerst zhe, macht sie den Grundstock des hellen Europers von heute aus; an Kopf, Gesicht, Krperform, also auch physisch, von der zweiten lichten Rasse, der nordischen, wahrscheinlich eingewanderten, ganz verschieden, selbst in den Nuancen der Pigmentierung; denn wie diese aschblond und blauugig, so ist die Cro-Magnon-Rasse gelbblond und grauugig, nur die Lichtheit haben sie gemeinsam. Schon die alten Germanen des Tacitus sollen eine Mischung aus beiden gewesen sein. Paudlers Entdeckung, es gbe in Europa zwei total getrennte Blondrassen, kommt als wahre Erleuchtung fr Menschen, die noch Sinn haben fr Blut, Zucht, also lebendigstes Leben, dort, wo die Natur mit feinstem Stilgefhl nach einer Idee gebildet hat, denn bisher waren die Ur-Unterschiede zwischen den blonden Typen weder durch slawischen noch durch alpinen Einschlag gefhlsmig irgendwie einzusehen.
Von allen hellen wie dunkeln Berberstmmen bewahren die _Tuareg_ (Singular: Targi) libysche Art, vor allem Sprache und Literatur, am reinsten, und zwar ausschlielich die Frauen. Nur sie knnen jene altlibysche Schrift lesen, deren historische Dokumente vom Sinai bis zu den Kanaren reichen, mit Schriftzeichen, hnlich den noch unentzifferten minoischen auf Kreta. Die Mnner der _Tuareg_ dagegen gelten fr Analphabeten, sie hocken unttig herum und werden nur zur Fortpflanzung benutzt, damit die Rasse nicht aussterbe. Handel und fast aller Realittenbesitz liegt in den Hnden der hochkultivierten Damen, von denen schon die alten arabischen Reisenden schwrmten, sie seien wunderschn und ihr Wort Gesetz. Das Haus der Gattin darf der Mann jedesmal erst betreten, nachdem er angefragt hat, ob sein Besuch genehm sei. Meist ist er bei jeder seiner Frauen nur ein paar Wochen zu Gast, whrend sie ihrerseits in seiner Abwesenheit ganz offen leben, mit wem sie wollen. Kinder folgen dem Rang der Mutter und erben nicht vom Vater, der eigenes Vermgen den Kindern seiner Schwester hinterlsst nach blicher matriarchaler Ordnung. Auch die Tibbu-Damen der Ostsahara sind alles und die Mnner nichts; whrend diese in manchen Gebieten sogar schwarz verschleiert gehen mssen, wie im Sagenland der amazonischen Knigin Antinea, das bisher nur ganz wenige Europer gesehen haben, tragen jene die Gesichter frei. Die Berber von Tunis und Algier sind durch den Islam patriarchalisch geworden, in Marokko aber heiratet ein vierzehnjhriges Mdchen, ohne jemand zu fragen, sie schickt hchstens eine Anzeige N. N., Tochter von N. N., hat Soundso zum Mann genommen, die typische Mutterrechtsformel, sie disponiert auch selbstndig ber ihr Vermgen oder erwirbt sich eines, falls sie noch keines besitzt.
Die Tuaregfrauen allein verwalten die uralte Kultur, kennen Dichtung und Philosophie und sind die Flamme historischer Tradition. Dort, wo sie heute leben, aber lagen bereits jene prantiken allerltesten Amazonenreiche, deren Geschick nach Griechenland und Kleinasien hinberspielt.

 Die Beschneidung
Dass es mglich sein sollte, mehr Fehlurteile pro Bogen auf Papier zu drucken, als sich in lteren Errterungen ber die Beschneidung finden, scheint unvorstellbar. Da gab es vor allem die aseptische Theorie. Weil hauptschlich nur die jdischen Formen der Zirkumzision bekannt waren, so bekannt wie die Juden selbst als praktisch rationales Volk, so musste jede ihrer Manahmen, ganz gleichgltig auf welchem Gebiet und welcher Seelenstufe, wieder einen praktisch rationalen Zweck verfolgen, etwa das Verbot, Schweinefleisch zu essen, den Zweck, gegen Trichinengefahr geschtzt zu sein. Je mehr sich religises Gefhl fr Trichinen oder Asepsis zu interessieren schien, desto mehr konnte es auf herablassende Anerkennung rechnen.
So war des Lobes kein Ende ber die eminenten Vorteile einer nur rituell eingekleideten, aber im Grund rein hygienischen Operation. Worin die eminenten Vorteile eigentlich bestanden, darber war man sich weniger einig, als dass sie eben eminent seien. Bald sollte die Zirkumzision den Geschlechtstrieb anregen, bald ihn dmpfen, besonders aber sollte sie aseptisch wirken. Fr die Sitte weiblicher Defloration und Beschneidung gab es dagegen nur Worte wie: widerliche Nachfferei, pervers, ekelerregend, infam oder bestialisch. Briffault meint ganz mit Recht, stnden hier berhaupt Asepsis und Sauberkeit in Frage, dann wre von den beiden Praktiken die weibliche weit eher empfehlenswert, und die Gewissenhaftigkeit, mit der chinesische Kinderfrauen an ihren weiblichen Pfleglingen alles, was innerer Reinigung im Wege steht und ja doch einmal entfernt werden muss, lieber gleich entfernen, hat unendlich mehr fr sich als die unsinnige Verstmmelung mnnlicher Organe.
Htte sich der ursprngliche Brauch knstlicher Defloration und weiblicher Beschneidung bei Juden und Rmern lnger gehalten, als es der Fall war, gbe es jetzt zweifellos eine groe medizinische Literatur, um die sanitren Vorzge dieser Maregel darzutun. So aber galt sie einseitig befangenen rzten fr abstoenden Unfug, frauenrechtlerischen Kreisen, die hier eine Wollstlingslaune witterten, komischerweise wiederum fr einen Gipfel mnnlicher Brutalitt gegenber entrechteter Weiblichkeit. Auch davon kann die Rede nicht sein. Gerade in den alten, mchtigen Matriarchaten wurde die Operation von Frauen an Frauen ausgefhrt und ist heute noch gerade bei Mutterrechtsvlkern, wie Karaiben, Kamtschadalen, Malaien und vielen afrikanischen Stmmen, typisch. Dass sie den Kopten aus Schnheitsgrnden fr wichtiger gilt als die mnnliche und von ihnen sogar dem Vatikan abgetrotzt wurde, kann darber nicht tuschen. Seit sechstausend Jahren gehrt dieses Merkmal eben in gypten zum Bilde der Frau. Darum rebellierten die neubekehrten Kopten ganz einfach und heirateten wieder Ketzerinnen, als die katholische Priesterschaft die weibliche Beschneidung verbot. Schlielich musste das Kardinalskollegium de propaganda fide rzte nach gypten schicken zur Untersuchung, ob die zu stark entwickelten intimen Teile der Nordafrikanerinnen berechtigten Anlass zur Exzision gben. Rom zeigt sich ja stets konziliant, wo sein Arm nicht hinreicht, sondern nur eine Handvoll Missionre.
Mdchenbeschneidung war ursprnglich gewiss keine Schnheitsoperation und erschien der Gewohnheit erst als solche. Sie gehrt, wie die der Knaben, zum Ritual fast aller Reifeweihen, von Frazer the central mystery of primitive society, Zentralmysterium der frhen Gesellschaft, genannt und war nicht nur bei Naturvlkern, vielmehr bei einer Reihe Hochkulturen, wie in gypten, Indien, Mexiko, Arabien, Babylon, die ganze Zeit ihres Bestehens hindurch Brauch. gyptische und arabische Damen ben sie noch heute wie vor Jahrtausenden. Mohammed nennt Zirkumzision eine Verpflichtung fr den Mann und eine Ehrensache fr die Frau. Nach arabischer Tradition ist die weibliche Form sogar lter und ging der mnnlichen voraus. Sarah nahm sie zuerst an Hagar vor, dann beschnitten Sarah und Abraham sich selbst auf Allahs Befehl (zitiert nach Briffault). Auch Strabo berichtet sie von den Jdinnen; bei den abessinischen Juden ist sie eine Vorschrift, die diese nach ihrer eigenen Aussage bereits aus Palstina mitgebracht hatten. Auer bei Abessiniern, gyptern, Arabern, Nubiern herrscht weibliche Exzision in ihrer radikalen Form: Abschneiden der Klitoris und der kleinen Schamlippen und Vorhaut noch bei einer Reihe von Vlkern West-, Ost- und Sd-Afrikas, auf Madagaskar, bei den Malaien, Kamtschadalen und zahlreichen Indianerstmmen Sdamerikas, die mildere Form als knstliche Deflorierung auf der greren Hlfte der Welt.
Wir, bei denen die Puberttszeit ungeleitet und nur im geheimen diffus schwelend verluft, knnen uns keine Vorstellung machen von Reifezeremonien, deren offene Vehemenz an Ernst den beiden Schicksalsstellen Geburt und Tod gleichkommt. Seit es eine neue Tiefenpsychologie gibt, kreist sie daher um dieses Zentral-Mysterium, doch fast ausschlielich hypnotisiert von seiner mnnlichen Gestalt. In der Tat wirkt diese noch dramatischer, weil sie als Ausgeburt in eine vllig neue Daseinsform das Ritual von Tod und Auferstehung enthlt, whrend die weibliche eine bereits bestehende Wesensart nur durch Entfernung von Hemmungen restlos freilegt. Uneingeweihte Mnner aber zhlen als Menschen berhaupt nicht mit; wer sich da drcken wollte oder auch nur durch unglcklichen Zufall nicht dabeigewesen wre, knnte nicht heiraten, seine Kinder wren nicht Stammesglieder, er selbst wrde Hunden oder andern Tieren gleichgewertet werden.
Auf die Frage, was uns europische Grostdter eigentlich an solch blutigen Alfanzereien afrikanischer Neger oder Australier im Busch noch interessieren knnte, wre zu entgegnen, dass dort in Riten eindrucksvoll genau zutage kommt, was auch das unergrndlich verwobene Schicksal jedes einzelnen inmitten neuer Sachlichkeit, Autos und Flugpost bestimmt, nmlich Stokraft und Richtkraft seiner Triebe, das grauenhaft Bedeutsame ihrer jeweiligen Fixierungen und Ablsungen. Das, womit er lebt. _Das Material seiner Siege wie seiner Niederlagen._
Herausgearbeitet aus einem Wust von Varianten, bleibt als Schema der Puberttsweihen etwa das Folgende: die Novizen werden meist pltzlich von den Frauen und Kindern, ihrer bisherigen Umwelt, getrennt und in den Busch verschleppt. Dort in einem eigenen Lager unterziehen erwachsene Mnner, ihre Mentoren, Beschtzer und Quler zugleich, die Knaben monatelangen Prfungen, geradezu Martern. Schlaf- und Nahrungsentzug, Keulenschlge auf den Kopf, Spierutenlaufen, Aderlsse, Ausreien der Haare, Ausschlagen oder Abfeilen der Vorderzhne, Lanzenstiche wechseln mit Schreckerscheinungen und Todesdrohungen ab, bis Schwche, Benommenheit, knstliches Fieber bei den erschtterten Knaben eintreten; dann erst beginnen die Wiedergeburtsmittel: Ekstase und Trance. Die Beschneidung selbst geschieht meist in einer Htte, die als verschlingendes Ungeheuer maskiert ist, mit glhroten Augen bemalt, und mit einer rachenfrmigen Tr. Im Bauch des Untiers vollzieht sich die so tief ins Leben schneidende Operation; sie ist sein Biss. Sofort nach Heilung der Wunde gilt Sexualbettigung nicht nur fr erlaubt, sondern fr geboten. So kommt es zu wilden Orgien als Abschluss der Puberttsriten, auch homosexueller Natur, besonders dort, wo zu diesem Zweck durch Subinzision etwas wie eine knstliche Vulva entstanden ist. Bei der Rckkehr zum Stamm oder ins Dorf sind die Eingeweihten oft mit der weien Todesfarbe angestrichen; die Augen mit Kalk verschmiert, taumeln sie hin und her, kennen weder ihre Eltern noch den eigenen Namen, mssen alles neu lernen, benehmen sich wie frisch herbergeboren aus andrer Existenz, wobei schwer entscheidbar bleibt, was _echt_ an diesem Zustand, was Hypnose oder einfach Theater.
In Australien trgt das ganze Ritual berdies stark frauenfeindlichen Charakter. Todesdrohungen halten das andre Geschlecht vom Lager und seinen Geheimnissen fern, was mit deutlich betonter Homosexualitt zusammenhngt. Weiberhass wie Subinzision fehlen dagegen, ohne dass die Weihen selbst deshalb an Bedeutung verlren, in mutterrechtlichen Gebieten ganz. So sind Indianerinnen bei allen Tapferkeitsproben dabei, die fr weit wichtiger gelten als die rtliche Operation; auf ihre Bewunderung wird sogar besonderer Wert gelegt, als kehrten gerade ihnen zur Freude die, in Mnner verwandelten, Knaben zurck. Auch Ablsung aus der kindlichen Umwelt steigert sich nicht zum weiberfeindlichen Akt; ein eventueller leichter Zuschuss von neuentstandner Homosexualitt aber geht mit stillem Mutterrecht dann allezeit recht gut zusammen, wie Sparta und Germanien zeigen. Nur in echten Gynaikokratien ist kein Platz fr sie.
Dass die Knabenweihen zum Komplex der Mnnerbnde und Altersklassen gehren, diese selbst aber wieder als zweite, selbstndige Grundform menschlicher Vergesellschaftung der Familie entgegenstehen, diese Ansicht vertritt H. Schurtz{119} in seinem bekannten Buch Altersklassen und Mnnerbnde. Seiner Meinung nach ermglicht berhaupt nur die gegenseitige Sympathie der Mnner, vor allem der Mnner gleichen Alters den engeren sozialen Zusammenhalt grerer Gruppen. R. Thurnwald{120} geht noch weiter und nennt diese Mnnerbnde mit ihren Klubhusern die ersten greifbaren Formen der Staatsbildung. Wohl tiefer als beide, weil khner, hat hier Hans Blher{121} gesehen, nmlich statt vager Sympathie die Rolle der Erotik in der mnnlichen Gesellschaft, und seiner schn geschwungenen Intuition diesen Gesamttitel gegeben, denn nichts ohne Eros. Aus dem Mann-Mnnlichen entspringt nach ihm der Staat, aus dem Mann-Weiblichen die Familie.
{119: Heinrich Schurtz (18631903), deutscher Ethnologe und Historiker.}
{120: Richard Thurnwald (18691954), sterreichisch-deutscher Ethnologe.}
{121: Hans Blher (18881955), deutscher Schriftsteller und Philosoph.}
Durch Th. Reik sind im Anschluss an die Couvade und unter den gleichen Voraussetzungen wie diese, nmlich dem Prolog in der Urhorde: _Vatermord und Fra_, auch die Puberttsriten der Wilden psychoanalysiert worden, so eingehend, dass ein paar kurze Andeutungen dieser Arbeit keineswegs gerecht werden knnen, wie immer man sich grundstzlich zu ihrer ersten Hypothese stellen mag. Hier in dieser Arbeit geht es jedoch gar nicht darum, verschiedene Ansichten ber Mnnerbeschneidung wertend gegeneinander zu halten, vielmehr sollen nur zusammengetragene Merkmale der Knabenweihen in toto jenen der Mdchen verglichen werden. Denn um diese und ihre Begrndung geht es. Fr die Psychoanalyse Freudscher Richtung ist mnnliche Beschneidung, um eine andre kmmert sie sich kaum, ein Kastrationsquivalent, welches das Inzestverbot auf das wirksamste untersttzt ... Es wurde angeregt durch die unbewusste Vergeltungsfurcht des selbst zum Vater gewordenen Mannes. In ihm lebt noch die unbewusste Erinnerung an die inzestusen und feindseligen Regungen der Kindheit, die seinen Eltern zugewendet waren. Er frchtet die Realisierung dieser Wnsche, deren geschdigtes Objekt er selbst sein knnte, nun vom eigenen Kinde ... Die Beschneidung ist also Bestrafung fr inzestuse Wnsche der Knaben, die bei herannahender Reife gewaltsam von den bewusst oder unbewusst begehrten Mttern getrennt werden.
Auch die Qulereien, heuchlerisch als Mut- und Standhaftigkeitsproben eingekleidet, sind nach der Psychoanalyse sadistische Rache der Vter fr die gegen sie selbst gerichteten bsen Wnsche der Jugend. Dabei schwanken die Mnner zwischen schadenfrohen feindseligen Gefhlen und zrtlichen homosexuellen Regungen; werden also zu Qulern und Beschtzern zugleich. Die Verschlingungsrite durch das Ungeheuer ist eine Todesdrohung, welche sich als eine psychische Reaktionserscheinung auf die unbewussten Mordabsichten der Jnglinge gegen die Vter erweist. Das verschlingende Ungeheuer aber ist der Totem, der Ahne und Grovater. Mit ihm identifizieren sich jetzt die Vter, sie sind es eigentlich, welche die dem Ungeheuer zugeschriebenen bsen Regungen gegen die Neophyten hegen, und projizieren diese nur auf das Totemtier. Sein Biss ist die Strafe der Kastration. Warum frisst das Vaterungeheuer seine Shne zur Puberttszeit? Wenn wir uns dem Glauben an die Geltung des Taliongesetzes anvertrauen, msste die Antwort lauten: weil die Shne ihn einst selbst gettet und gefressen haben. Reik hlt die Auferstehungsriten nicht fr eine direkte Fortsetzung des Todesdramas, das vielleicht in frher Zeit gar kein als ob war, sondern realer Schluss der Zeremonie. Jedenfalls gehren sie, seiner Meinung nach, zu den gegenstzlichen zrtlichen Tendenzen. Die primitiven Vter sind nun bereit, die Jnglinge wohlwollend in den Kreis der Mnner aufzunehmen, doch nur unter einer Bedingung: die jungen Leute mssen ihren inzestusen und feindseligen Regungen entsagen ... Was ihrer sonst harrt, zeigt deutlich genug die Todesdrohung. Daher das Vergessenmssen, das Ausgelschtsein frherer Existenz beim Erwachen drben auf der anderen, der Vterseite, wo sie jetzt eingereiht werden. Diese Identifizierung mit dem Vater als Totemtier, die folgende Einweihung in die Stammesriten der Erwachsenen wird berdies mit neuen Blutbnden und feierlicher Mahlzeit, also Einverleibung des Totem, besiegelt. Durch ihre Neugeburt, diesmal nicht aus der Mutter, werden die Jnglinge hinbergezogen zum eigenen Geschlecht, zugleich ist der Infantilwunsch, die Identifizierung mit dem Vater, erfllt. Da eine inzestuse Bindung nicht mehr besteht, kann auch der Sexualtrieb von nun an freigegeben werden.
C. Jung, der bekannte Analytiker Schweizer Richtung, kommt zu ganz anderen Resultaten. Ihm ist Wiedergeburt im Gegenteil ein Zweimal-durch-die-Mutter-Gehen. Sie also ist das verschlingende Ungeheuer, wie schon die frhen Mythen zeigen, ist jener Walfischdrache, dessen Bauch der Sonnenheld nach jedem Verschlungensein immer wieder siegreich entsteigt. Jung meint im Gegensatz zu Freud, die unterste Grundlage inzestusen Begehrens laufe gar nicht auf Kohabitation mit der Mutter hinaus, sondern auf den eigenartigen Gedanken, wieder Kind zu werden, in den Elternschutz zurckzukehren, in die Mutter hineinzugelangen, um wieder von der Mutter geboren zu werden. Es ist also einer ein Held, wenn seine Gebrerin bereits einmal seine Mutter war ... wer sich durch seine Mutter neu zu erzeugen vermag. Darum gibt der Mythos so vielen Helden zwei Mtter und kleidet das in die Fabel vom Aussetzen des Kindes ein, damit es auf diese Weise noch zu einer Pflegemutter gelange. Dionysos, der typische Heros des Todes und der Auferstehung, fhrt sogar den Beinamen _bimeter_ = _zweimuttrig_, weil nach Semeles Tod Zeus sich den Embryo in den Leib pflanzt, um ihn muttergleich auszutragen. Bei Tod- und Wiedergeburts-Ritus im Sinne Jungs gibt es somit weder Vergeltungsfurcht, noch was sonst mit ihr zusammenhngt, weil in Wirklichkeit das Problem die Sublimierung der Infantilpersnlichkeit ist ... eine Opferung und Wiedergeburt des Infantilhelden. Held aber ist personifizierte Libido, diese nicht nur sexuell, sondern viel weiter als Inbegriff strebender Sehnsucht gefasst. Fr Jung und gegen Reik spricht auch das Bildgefhl. Verschlingendes Ungeheuer in Form einer Htte, eines Zimmers, Frauenzimmers, kann nie den Grovater bedeuten.
Vielleicht wre hier daran zu erinnern, dass sogar bei den so frauenfeindlichen Riten der Australier die leibliche Mutter des Novizen whrend der ganzen Zeit seiner Wiedergeburt in engster Verbindung mit ihm und jenen Vorgngen im Bauch des Ungeheuers bleiben muss, damit er glcklich wiederkehre. Die Wunde aber, der Biss des Muttertiers, als Durchtrennung der Nabelschnur gedeutet, entlsst ihn ins neue Leben hinaus.
R. Briffault endlich hlt ohne Rcksicht auf Details am Begleitritual aus mehreren Grnden die mnnliche Beschneidung einfach fr eine Nachahmung der lteren, weiblichen. Zirkumzision sei schon nach Form und Art dessen, was dabei entfernt werde, das Analogon zur Deflorierung; whrend diese jedoch organisch sinnvoll und geboten scheine, entbehre jene jeder selbstndigen Berechtigung. Ferner bertrage sich nur in diesem einen, einzigen Fall das sonst so typisch auf die uterine Sphre beschrnkte Blut-Tabu auch auf die mnnliche Wunde, um diese eben als _weiblich_ zu kennzeichnen. Schlielich habe auch das Gebot mglichst baldigen Geschlechtsverkehrs nach der Operation fr die Knaben keinen wie immer zu deutenden Sinn, tue aber bei radikaler Mdchenbeschneidung als Mittel gegen Narbenbildung und ihre strenden Folgen not.
Diese Ansicht bersieht wohl zu sehr das rein mnnlich Ringende an der Symbolik jeder Knabenweihe. Da tappt nicht ein irgend Etwas unmndig weiblichem Vorbild nach, im Gegenteil, was sich da radikal wegreit, will anders werden und eigen. Wozu wre denn sonst alles auer sich geraten, wenn nicht, um den Novizen in etwas durchwegs Neues zu verwandeln: _eben in den Mann_.
Wie viele Deutungen auch das Zentral-Mysterium der Puberttsweihen bereits umkreisen, weil in ihm ein so groes Stck allgemein menschlicher Kulturlinie noch ungeschaut im Dunkel luft, ganz befriedigen kann dennoch keine. Ohne eine neue versuchen zu wollen, sei hier nur klarer herausgearbeitet, was seinen zwei unabhngigen Grundformen, der mnnlichen und der weiblichen, gemeinsam bleibt, und was sie wieder trennt. Vielleicht wird krperlich-seelischer Sinn der Mdchenbeschneidung dadurch allein schon zum erstenmal deutlicher erkennbar. ber sie wurde zwar reichlich geschrieben, doch weniger reichlich nachgedacht, weil man in ihr nur eine Nachahmung des mnnlichen Vorbildes sah. Briffault tut das zwar nicht, er kommt ja sogar zu dem umgekehrten Ergebnis, dafr verwischen sich ihm die Unterschiede wieder zuungunsten der mnnlichen Form. An der weiblichen gilt ihm knstliche Defloration wohl mit Recht als Prventivschutz gegen das bsartige Mondblut des Hymenrisses. Was aus Mond und Sonne stammt, gehrt ja zwei Blutgruppen in Urfehde an, die sich zu meiden haben. Dagegen schildert er die eigentlichen Operationen weit ber die Defloration hinaus zwar eingehend, erklrt sie aber weiter nicht.
Schon die bloe Existenz von Puberttsriten bei der gesamten magischen Menschheit beweist, _dass hier ein gewaltiger Ur-Instinkt das Ereignis der Reifung und die Art ihres Eintritts fr das berhaupt Entscheidende im Dasein jedes Einzelnen hlt. Ferner scheint dieser Instinkt entschieden dagegen, die Form der Ablsung vom Infantil-Leben einem mehr oder weniger wohlwollenden Ungefhr zu berlassen._ Er packt da selber radikal zu, damit nichts weiter mitgeschleppt werde, was nicht mehr auf den Weg der Erwachsenen gehrt, auch nichts gebunden zurckbleibt, denn der Mensch bedarf seiner ganzen Libido, um die Grenzen seiner Persnlichkeit auszufllen, und dann erst wird er imstande sein, sein Bestes zu tun. (Jung.) Die Puberttsweihen erzwingen eine restlose Ablsung vom Kinderstadium durch Erschtterungen, so stark und neu, dass alles Bisherige auf Nimmerwiedererstehen versinkt; und kollektiv werden sie erlebt, um die soziale Bindung, das Stammesgefhl zu frdern. _Wer die Weihen nicht aushlt oder nicht mitgemacht hat, kann nie dazu gehren, weil die Garantie fehlt, dass bei ihm die Infantilablsung richtig im Sinn des Stammes erfolgt ist. Wo das aber der Fall war, lebt ein Mensch ja auch wirklich anders, hat andere Himmel und Hllen, anderes Schicksal, sogar einen anderen Tod._
Erst in der Methode, abzulsen, setzt dann der Unterschied zwischen Knaben- und Mdchenriten ein. Zwar mssen beide Geschlechter etwas opfern, _denn Opfer ist Macht_; jede neue Stufe  und gegen jede bumen sich innere Hemmungen  wird eben nur erreicht _durch Mut und Schmerz_ , der Grund, warum so viele Leute vorzeitig seelisch kleben bleiben. Doch whrend bei den Jnglingen das Opfer, die Wunde, der Biss, die Reistelle, der Schmerz am Zentrum des Lebens selber liegt, wird das Mdchenkind nur gesubert von den Resten an Doppelgeschlechtigkeit, die ihm noch anhaften. Es opfert die Klitoris: das Penisrudiment mit seinen mnnlichen Schauern; unter dem Messer endet sein Zwitterwesen, brig bleibt dann rein herausgeschlt: die Weiblichkeit. Wo dieses perverse Nebenreich aber nicht entfernt wurde, geben ihm eine Reihe von Vlkern an jeder Strung schuld; ist bei den _Kehal_, einer Kaste am oberen Indus, oder den _Brahuin_ in Beludschistan eine junge Frau nach sechsmonatlicher Ehe noch nicht gravid, so lsst sie sich die Klitoris beschneiden, worauf gewhnlich Schwangerschaft eintreten soll. Auch die moderne Medizin sieht ja im berwertigwerden dieser Sphre, durch die naheliegende Reizverschiebung gegen sie hin, die Hauptursache weiblicher Frigiditt.
Da bei den Mdchenweihen der Biss an sekundrer Stelle liegt, fehlen auch Tod- und Wiedergeburtsriten. Eine so tiefgehende Ablsung mit Verlschen und Neuentznden des Bewusstseins scheint hier instinktmig nicht bedingt, denn die Mdchennovizen bleiben ja, nachdem sie neu gesubert, weiter _auf ihrem eingeborenen Mutterweg_, whrend sich die Knaben von ihm, der einer abhngigen Kindlichkeit bisher natrlich war, gewaltsam trennen mssen, denn ihrer ist der _Mnnerweg_, sein Ziel: _der andre Schicksalspol_.
Das Einstoen und Abfeilen der Vorderzhne wiederholt nur gleiches. Zhne haben immer phallische Bedeutung, ihre Krzung oder Entfernung auch bei den Mdchenweihen entspricht also dem Stutzen der Klitoris, bei Knaben der Wunde, dem Opfer, dem Abreien von der alten Verwachsungsstelle mit dem Muttergrund; da sie ja bereits abgenabelt sind, kann dies nur an der korrespondierenden Lebensquelle, dem Penis, zum Ausdruck kommen.
Wenn Frobenius von einigen vaterrechtlichen thiopenstmmen erfuhr, die Beschneidung gelte ihnen als Opfer an die Mutter Erde, Verwundung am eigenen Krper als Shne fr knftige Verletzung des Busches durch Aufreien seines Bodens mit der Pflugschar, so ist das nur ein etwas anderes Bild, eine geringe Abwandlung fr frher Gesagtes. Der zum Mann wiedergeborene Knabe reit als Besamer die weibliche Erde auf, Voraussetzung dieses Aufreiens ist der Schmerz, die Wunde, der Biss, das eigene Losreien von der muttergebundenen vormnnlichen Existenz, nach Jung die Ablsung vom Infantilhelden.
Ziel dieser Untersuchung aber war weniger das Abwgen verschiedener Theorien ber die Knabenweihe als Sinngebung  _weiblicher_ Beschneidung. Ihre Naturgebotenheit, geradezu Notwendigkeit, jedenfalls Unabhngigkeit von der mnnlichen Form, welche der beiden immer man fr zeitlich frher ansehen mag. Wahrscheinlich entsprangen sie gleichzeitig, weil der gleichen Seelenlage angehrig, _die Wissen in Bildern empfing und weitergab_. Allerdings zerfllt der weibliche Ritus selbst wieder in zwei vllig unabhngige Abschnitte von verschiedenster Bedeutung: Beschneidung und knstliche Defloration. Entfernung der Klitoris befreit das Mdchenkind von den gefhrlichen Rudimenten des andern Geschlechts im eigenen Krper, arbeitet seine Weiblichkeit rein heraus. Knstliche Deflorierung dagegen ist nicht zum Wohl des Mdchens da, vielmehr zum Schutz des Mannes vor der Berhrung mit dem tief feindlichtabuierten Mondblut des Hymenrisses, die er auch bei Vaterrecht nicht weniger scheut und hchstens geweihten Personen, also Priestern, zuzumuten wagt.
Dieses besondere Tabu ist aber nur eine Abart des groen universellen Schauders vor dem dmonischen Bezugssystem Frau-Mond. Dmonisch ist alles der Zeit Unterworfene, somit alles Begegnen in ihr. Das Anheben der Lebenszeit selbst, also gleich alles weitere Zu- und Auseinander des Daseins beherrscht der Mond, denn die weiblichen Eizellen lsen sich mit seinen Umlufen vom Eierstock, whrend Spermatozoen stets vorhanden sind. Ob ein mondgereiftes, von ihm einmal monatlich in den Uterus gesandtes Eichen gerade da ist, davon hngt jene allererste dmonische Begegnung mit der Geielzelle ab, der Anfang eines neuen Schicksals. Auch jeder Abortus  die Menstruation ist nichts anderes  und jede Entbindung sind ein Vielfaches des Mondzyklus. Er dirigiert das Konzert der weiblichen Hormone. Auch der mnnerrechtlichste Mann wird ungefragt, der Bahn des Weibersterns gehorsam, nach dessen zehntem Umlauf hinausgestoen ins Leben: den Ort der dmonischen Begegnungen. Jener Urgedanke der Menschheit, die Astrologie, hat gewiss beim Mond angefangen. _Wie drauen Ebbe und Flut, so lenkt der Mond die Gezeiten der inneren Lebenswasser, ihre Welle zieht ihm nach._ Doch warum nur in der Frau?
Darwin meinte bekanntlich, da tierisches Leben den grten Teil seiner Entwicklung im Meer verbraucht, so habe sich dessen Rhythmus durch unausdenkbar lange Zeitrume allem Lebendigen und seinen physiologischen Funktionen einverleibt, so dass jenes Flutphnomen auch die Landabkmmlinge noch durchpulst, und zwar ausschlielich Weibchen, weil ja die lngste Zeit in den marinen Formen noch Parthenogenese herrschte. In dem weit spter entstandenen Mnnlichen war die Fixierung des Mondflutrhythmus nicht so tief und verlor sich am Land wieder.
Fr moderne Biologie zhlt diese Deutung allerdings nicht. Sie glaubt nicht mehr an das alte Mrlein der Monisten: Es war einmal ein Fisch, der ans Land gesplt wurde, da verwandelte er sich in einen Lurch, der Lurch verwandelte sich immer weiter und weiter zum Affen und dann zum Menschen. Sie lehnt eine von Subjekten unabhngige Weltbhne ab. Jedem Subjekt ist seine Spezialbhne zugewiesen, statt der einen Monistenwelt erhebt sich ein neues Universum, das aus Abertausenden von Umwelten besteht, die alle nach einem groartigen Plan ineinandergefgt sind. Zugleich aber erhebt sich aus dem Friedhof der Formeln, in dem die Mathematiker alles Leben beerdigen wollen, die neue Anschauung vom lebenden Weltall. Dfte, Tne, Farben, Rume, Zeiten sind nicht blo urschlich miteinander verknpft, sondern planmig verwoben. Das Mrlein vom Fisch, der Lurch wurde, fllt zusammen, denn Fisch und Lurch leben in ganz verschiedenen Welten, die nicht beliebig miteinander vertauscht werden knnen. (J. von Uexkll.) Es ist das Leibnizische Weltbild, die Arten bleiben getrennt, weil jede schon aus andrer Monadenprovenienz stammt.
Die planmige Verwobenheit des Weiblichen mit dem Mond geht also noch viel tiefer, als Darwin sie sah.

 Keltenland
Schon im Astralen beginnt das Frauenreich. Weisheit zwitschernd schlpfen gekrnte Vogelfeen zwischen den Sphren hin und her, verschlieen frwitzige Zauberer im leuchtenden Grab. Herrinnen aus Mondstoff, wie grnliche Nachtfalter, spannenlang, durchsichtig und wunderschn, schenken dem irdischen Liebling nach einer Liebesnacht noch ein paar Knigreiche und ewige Jugend hinzu oder entlassen ihn, nach Willkr, mit Triefaugen und einem weien Bart, wogegen gar nichts zu machen war. Vor ihnen her flieen schimmernde Energien und spielen mit Weltgesetzen, ihre Anmut lenkt die Umlufe der Sterne, und weil ihr freies Naturwesen sich auch gern den aristokratischen Standesunterschieden der Kultur fgt, so vermengen sich fr den verzauberten Mann leichtlich elbische Wesen, Kniginnen, Priesterinnen, Gttinnen und freie Frauen.
Wie bei Vaterrecht meist eine mnnliche Oberwelt sieht, dass die Tchter der Erde schn sind, und die blichen Konsequenzen daraus zieht, so bemerkt im Keltenland eine berirdische Weiblichkeit ihrerseits das gleiche bei den Shnen der Erde und lsst sich zu ihnen herab. Auf welcher Seite aber die Herablassung besteht, darauf eben kommt es an. Weltstunde ist die Mitternacht. Der mnnliche Tag wird von zwei weiblichen Nchten umschlossen, nach ihnen wird gezhlt. Der Mond ist Herr der Zeit, schenkt Somnambulismus, Orakel bei den Phasen und im Rauschtrank aus klebriger Mistel pflanzliche Seherschaft. Nackt und mit Wuoa bemalt tanzen gallische und britische Priesterinnen in seinem Licht. Irland und Schottland selbst sind Frauensiedlungen, nach Erin und Scota, also Frauen, benannt. Irlands ltestes Dokument, das Buch von Leinster, schildert ausfhrlich, wie das Matriarchat von hier aus durch die siegreichen Glen den berwundenen Pikten aufgezwungen wurde. Die irischen und glischen Heldensippen heien nach den Mttern, nicht nach den Vtern, und von Erbrecht und Sukzession in weiblicher Linie bei den Kelten berichtet schon Livius. Unabhngige Kniginnen als Anfhrerinnen im Krieg auer Boadicea werden von verschiedenen Historikern bezeugt, ja so sehr galt weibliche Herrschaft als die von vornherein gegebene, dass britische Gefangene, vor Claudius gebracht, weder ihn noch die rmischen Insignien beachteten, vielmehr direkt auf den Thron der Agrippina zuhielten, um sich tief vor ihr zu neigen, zur groen Skandalisierung der Rmer im allgemeinen und des Tacitus im besonderen.
Bei Briten und Iren blieb die Ehe sogar die Ritterzeit hindurch matrilokal. Die Frau in ihrem Schloss whlt, wen sie will, hnlich der arabischen groen Dame, ist keines Mannes Eigentum, verschenkt sich aber gromtig und frei. So sagt Emer: Erhebe dich, o wunderbarer Ailill, jegliche Ruhe wird dir, Tapferster! Schling die Hand um meinen Nacken: der Anfang der Liebeslust  wonnig ist ihre Gabe  ist Mann und Weib im gegenseitigen Kssen. Wenn dir dies aber nicht gengt, trefflicher Mann, dann gebe ich dir zur Heilung vom Liebesschmerz, o Geliebter, von meinem Knie bis zu meinem Nabel. (Zimmer.{122}) Diese rasche, dabei ganz naive Intimitt ohne jeden Zynismus kam von der Sitte fr junge Mdchen und Damen des Hauses, den fremden Rittern sofort ein warmes Kruterbad zu bereiten, ihnen darin Gesellschaft zu leisten und sie dann kunstgerecht zu massieren. Le ttonner doucement. In der originalirischen Tristansage fllt jene Schwierigkeit ganz dahin, die spter bei Gottfried von Straburg den Beteiligten solches Kopfzerbrechen macht: wie Knig Marke in der Hochzeitsnacht zu tuschen sei. In Cornwall wre die Unterschiebung der jungfrulichen Brangne bei dieser Gelegenheit durchaus nicht ntig gewesen. Marke htte ja nie erwartet, Iseult noch unberhrt zu finden. Echt keltisch ist dagegen des Helden Stellung als Neffe und Erbe. In Mythos, Sage, Geschichte und Literatur spielt, ganz dem Sinn des Mutterrechts gem, nie ein Sohn, stets der Schwestersohn die Hauptrolle.
{122: Heinrich Zimmer (18511910), deutscher Keltologe und Indologe.}
Beim Adel waren beide Geschlechter sportlich trainiert und krperlich tadellos gebildet, vom Volk dagegen behauptet Strabo, die sehr huslichen Mnner neigten zur Verfettung und drften gesetzlich ein bestimmtes Grtelma nicht berschreiten, die Weiber dagegen wirkten grer, schner und geschmeidiger. Die Frau war auch der werbende Teil. Ein Grieche, Gast auf der Hochzeit einer keltischen Huptlingstochter, schildert, wie alle jungen Mnner der Gegend zum Festbankett geladen sind, ohne dass es einen Verlobten gbe. Dann erscheint das Mdchen, einen goldenen Becher mit Wein in der Hand, sieht sich die Versammlung sachkundig an und whlt den Brutigam durch berreichen ihres Bechers.
Auf den britischen Inseln hielt sich das Matriarchat bis weit in die christliche Zeit hinein, auf dem Festland fiel es schon infolge der viel intensiveren Romanisierung. Doch als Hannibal durch Gallien zog, wurde zwischen ihm und den Bewohnern vereinbart, dass Meinungsdifferenzen ber den Umfang des Schadens, den seine Truppen beim Durchzug anrichten wrden, und dessen Wiedergutmachung ausschlielich von einem obersten Rat gallischer Frauen geprft werden sollten. Der Schiedsspruch dieses Matronenkollegiums hatte fr beide Parteien inappellabel zu sein. Eine weise Maregel, denn die edelmetallreichen keltischen Gebiete waren stets zum Plndern verlockend. Csar machte der gallische Feldzug zu einem der reichsten Mnner seiner Zeit  so viele Tempelschtze schleppte er weg. Vorher wollten ihn seine Glubiger nicht einmal ber die rmische Grenze lassen, es sei denn, Freunde brgten fr seine Privatschulden mit einem Betrag im Wert von etwa zwanzig Millionen Mark. Aus den reichen Muttergesellschaften brachte er dann als Beute leicht das Zehn- und Zwanzigfache heim.

 Germanien
Der gewichtlos schwebenden keltischen Mondwelt, dem leichtesten der uterinen Reiche, ragt das schwere germanische aus Erdnabeln entgegen, wolkig-prophetisch oder kriegerisch-beglnzt. Seine drei Nornen heien Herrinnen der Gtter und Menschen, gleich der griechischen Anangke. Tiefe, Wrde, Weisheit, Macht wachsen unten bei den Mttersteinen am Rhein.
Im Krieg wurde jedem Heer eine Prophetin beigegeben, nichts unternommen ohne ihren Rat. Zu Hause galten Priesterinnen mehr als Priester, Seherinnen mehr als Seher. Ganze Vlkerschaften hingen an dem Gttermund solcher Jungfrauen oder harrten in ehrerbietiger Entfernung von den erhabenen Burgen, auf welchen sie wohnten, auf die Gttersprche, welche sie in Streitigkeiten mehrerer Nationen oder bei groen Unternehmungen geben wrden. Sachsen und Franken beriefen den Volksthing nur bei Voll- und Neumondnchten ein. Nach Tacitus Meinung ist die grte Gewalt ber diese germanischen Vlker zu gewinnen, indem man sich Mdchen vornehmer Familien als Geiseln sichert. Lieber gehen die Huptlinge selbst oder lassen die Shne ziehen als Tchter und Frauen. Weit noch ber die Romanisierung hinaus wurde die uterine Linie bevorzugt. Zur Zeit Friedrichs I. folgten Kinder einer Freien mit einem Sklaven oder eines Freien mit einer Sklavin in jedem Fall dem Stand der Mutter. Kein Kind ist seiner Mutter Kebskind, also Gleichstellung des ehelichen und des unehelichen Kindes gilt noch im 13. Jahrhundert. Der Nibelunge Nt nennt drei burgundische Knige als Shne der vrou Uoten, ohne einen Vater auch nur zu erwhnen. Die Langobarden heien nach einer Stammutter _Gambara_, Ost- und Westgoten ziehen ins Heim ihrer Gattinnen, Besitz und Titel werden ursprnglich nur durch die Frauen vererbt, so dass in Sachsen Hermingisil noch sterbend dem Sohn Radger einschrft, nach seinem Tode die Witwe zu heiraten nach Ahnengesetz. Thronanwrter fhlen sich erst legitimiert, wenn sie die Knigin in Besitz genommen haben, Edbald, Knig von Kent, ehelicht deshalb seine Stiefmutter, Ethelbald, Knig der Westsachsen, die Witwe seines Vaters Ethelwulf. Eine andere Westsachsenknigin zieht es dagegen vor, ganz allein weiter zu regieren. Auch Holland hatte zu Tacitus Zeit nur eine Knigin, ganz ohne Prinzgemahl.
In Skandinavien geht bis ins 8. Jahrhundert die Herrschaft auf die Tochter ber und erst durch diese auf einen Gatten; Hamlets Mutter vergibt ebenfalls mit ihrer Hand den Thron. Ganz im Einklang hierzu stehen altdeutsche Frauenstrophen aus dem 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert, in denen, wie bei der gyptischen mutterrechtlichen Lyrik, weibliche Dichter um den Mann werben. Im Sinn der gleichen Sitte steht die Antwort jener Geisel in Rom auf die Hnseleien einer Kaiserin, dass Germaninnen sich so frei benhmen: Wir verkehren offen mit den Edelsten, ihr Rmerinnen heimlich mit den Gemeinsten.
Der konservative Jurist Amira schreibt ber die Germanen, dass erst im 6. nachchristlichen Jahrhundert die Gleichstellung der vater- und der mutterrechtlichen Verwandtschaft erfolgt sei. Vllig deutlich lsst sich das wachsende Mnnerrecht unter rmischem Einfluss am Salischen Gesetz verfolgen. Es gibt nicht weniger als zehn Fassungen; die letzte enthlt jene berhmte Ausschlieung des weiblichen Geschlechts von der Thronfolge, in den ersten hat die Herrscherin bei wichtigen Entscheidungen noch volles Mitbestimmungsrecht.
Mit der Umlagerung der Werte wechselten auch manche Worte ihren Sinn. Gelichter von Gilethar = Gebrmutter, eines Bauches sein, wurde aus einer Ehren- und Adelsbezeichnung zum Schimpfwort. Links und linkisch gehren gleichfalls hierher, auch das franzsische gauchesinistre im verderblichen Sinn. Vor bler Verdrehung bewahrt blieb dagegen Geschwister von Schwestern; nie wurde es einem Gebrder verchtlich entgegengestellt. Dafr schritt die Verhexung der Greisinnen rapid fort. In Rom waren sie geehrt, durften aber nicht dreinreden, in Gallien wurden sie geehrt und angefleht, dreinzureden, im christianisierten Germanien verfolgt, obwohl sie lngst schwiegen, weil man ihr desinteressiertes Verstummen fr eine noch infernalischere Abart des Dreinredens hielt.
Weibliches Vorrecht zgert verhltnismig am lngsten im altdeutschen Strafgesetz weiter, das Vergehen gegen Leib, Leben und Besitz der Frauen wird fast doppelt so hoch bestraft als solches gegen Mnner. Fr ursprngliches Mutterrecht zeugt besonders auch jener Bericht des Tacitus, die Germanen hielten die Verwandtschaft mit dem Mutterbruder fr enger und heiliger als jene mit dem eigenen Vater, ein immer und immer wiederkehrender Zug der bergangszeit. Lamprecht hat bei den Germanen Mutterrecht ausfhrlich nachgewiesen, nie aber Matriarchat oder gar Gynaikokratie. Ob es ihnen eingeboren war, wird dagegen von Indogermanisten aus rein sprachlichen Grnden bezweifelt. Festigt sich die moderne Annahme von den zwei verschiedenen blonden Rassen Europas: der altsteinzeitlichen, prindogermanischen, mutterrechtlichen Cro-Magnon- und der spter aus dem Kaukasus eingewanderten indogermanischen Nordrasse, deren Mischprodukt eben die Germanen sein sollen mit Merkmalen beider, so knnte ihr Mutterrecht aus der Cro-Magnon-Erbmasse stammen. Diese Frage, wie brigens jede halbwegs von Belang, geht gleich so tief, dass der Verzicht auf ihre rasche Beantwortung reichlich aufgewogen wird durch jene Einblicke, die das Vermgen, sie zu stellen, schon erlaubt.
Sehr frauenherrlich wieder, dabei echt kaukasisch, ist das _Amazonische_ im Germanentum, das Schlacht- und Schwanenjungfrauenhafte. Bei dem ersten furchtbaren Zusammenprall der Rmer mit den Zimbern und Teutonen, dem, was Rom Barbaren nannte, war der Kampf mit den bewaffneten Frauen fast hrter als der mit dem Mnnervolk. Die sptere Gegenberstellung Spindelseite fr weibliche, Schwertseite fr mnnliche Linie, wre fehl am Ort gewesen, wo die sieben Fu hohen Brute zur Ausstattung beileibe keine Spindel, sondern eine volle Kriegsausrstung mit Speer, Schwert und Schild in die Ehe mitbekamen; nicht etwa fr den Mann, sondern zum eigenen Gebrauch. Rmer fanden auf den Schlachtfeldern stets weibliche Leichen die Menge, wie die Archologen in Grbern weibliche Skelette mit Kriegsinsignien und vollem Waffenschmuck.

 Rom
Der Sol steigt in die Kraft seiner Lenden.
Keinen Augenblick haben die Rmer sich, andern Mitmnnern oder gar den Frauen weiszumachen versucht, Mnnerherrschaft und Vaterrecht seien eine gottgegebene oder gar naturgewollte Lebensform; es knne normalerweise gar nicht anders zugehen. So gockelhaft verblendet taten sie niemals, denn ihr Genie war das der Nchternheit. Nein, die Rmer betonten stets das _Abnorme_ ihrer Art und hielten sich, da sie China nicht kannten, Griechen und Juden damals als politische Nullen in ihrem Sinn nicht mitzhlten, fr das berhaupt einzige Paternittsvolk. Die Weltausnahme schlichthin. Gewissermaen hatten sie recht damit; Muttervlker waren spter die groen, fernen Feinde: Karthager, gypter, Skythen, Kelten, Germanen, wie anfangs die kleineren, nahen: italische Stmme, Etrusker und Volsker mit ihrer Amazonenknigin und Dianapriesterin Camilla. Doch nicht genug daran, ganz eingeringt zu sein von diesen allen, lag ihnen berdies der Gehorsam gegen die sabinischen Mtter im eigenen Blut. Sogar Horaz erinnert noch an die Zeit, wo Shne unter dem Befehl strenger Mtter Holz hacken mussten. Umwelt wie Innenwelt waren also weiblich betont.
Warum und wieso dann gerade aus dieser Handvoll zusammengelaufener, hchst zweifelhafter Elemente, nachdem sie den einzig einwandfreien, mit Stokraft und Richtkraft begabten Teil ihrer Erbmasse: den sabinischen, mglichst unwirksam gemacht hatten  _Rmer_ wurden, die Schpfer des abendlndischen Staates, bleibt das vielleicht gewaltigste Rtsel der Weltgeschichte. Blutmig ist es nicht zu erklren, nimmt man nun die asiatische, von sabinischer Seite her spartanische, die autochthone oder sonst eine Abstammung an; doch auch nicht pflanzlich-seelenhaft im Frobeniusschen Sinn wird es fassbar, denn da steht im uralt-weiblichen Kulturkreis, wo weit und breit die Erde nur Mutterrecht wachsen lsst, an einem vllig isolierten Punkt pltzlich ein Vaterrecht da, wie nirgends auf dem Planeten. Es tastet sich nicht etwa vorsichtig herauf oder kommt gezogen wie fremder Same mit dem Wind, sondern steht da: eine Eigenform, in manchem zugleich Menschheitsform, von derartiger Stilgewalt, dass, als es lngst keinen rmischen Staat, kein Rom als Zentrum, ja nicht einmal mehr Rmer gab, diese einzigartige Form wie ein Geistkristall durch eineinhalb Jahrtausende im Immateriellen hing und die durch Europa gewirbelten Rassen unter seinem Bann, wie von innen her getroffen, langsam sich beugten und umschufen zu Nachbildern von etwas, das sie mit leiblichen Augen nie geschaut.
Die Spenglersche Formel, gemeinsames Schicksal schaffe erst krperlich und geistig die Nation im Gegensatz zu dem Naturprodukt Rasse, vermag gerade hier nicht zu befriedigen, von einer konomischen Erklrung ganz zu schweigen; denn wo kommt der ursprngliche Willenskern her, jener markant und unvergleichlich rmische Charakter, aus dem von Anbeginn herausgelebt wird, der eben jenes gemeinsame Schicksal bildet, statt aus ihm gebildet zu werden. Alles auf nachtrglich redigierte Tradition zu schieben, geht auch nicht an, denn nie ist es Rom etwa auch nur eingefallen, seinen mutterrechtlichen Einschlag wegzudeuten durch Unterschiebung eines mnnlichen Mythos, was nahegelegen htte. Das matriarchale Etrurien hat ihn zwar mit unglaublicher Wut bis in seine Sprache hinein beinahe ausgetilgt,{123} doch nie die drei gewaltigen Frsten etruskischer Abstammung, Tarquinius Priscus, Servius Tullius und Tarquinius Superbus, vom rmischen Thron wegzuleugnen versucht, hat auch in der Praxis seinen Muttergrund eigentlich weniger juristisch _nieder_- als _fest_gestampft. Nur keine Auflockerung gerade dieses Bodens, nur keine berraschungen, die von da heraus ihm unversehens htten ber den Kopf wachsen knnen. Daher Catos rastloses Mahnen: Erinnert euch all der Gesetze, durch die unsere Vorfahren die Freiheit der Frauen gebunden, durch die sie die Weiber der Macht der Mnner gebeugt haben. Nur hier nichts ndern, sonst wankt der Staat.
{123: Das ihn ergibt hier meiner Ansicht nach keinen Sinn  es steht wohl irrtmlich statt Rom bzw. es, mit Etrurien als Objekt, nicht Subjekt dieses Satzes.}
Aus ihm zeterte eine nicht grundlose Angst. Bachofen hat an der Erscheinung Tanaquils gezeigt, wie am Aufgang Roms diese machtverleihende, hetrische Knigsfrau asiatischen Stils dreimal nach ihrem Willen Mnner auf den Thron erhebt, dann von der Sage umgedeutet wird zum Muster einer rmischen Matrone, bis schlielich beim Zerfall des Staates die rmische Matrone, als Kaiserin, sich wieder hemmungslos rckverwandelt zur Mnnerherrin und asiatischen Hierodule.
Nie verga die Hochburg des Mnnerrechtes, auf welchem Fundament sie eigentlich stand. Rom, _die_ urbs, ist ein weiblicher Erdnabel, den Romulus im feuchten Waldgestrpp fand. Rund um diesen, von Buschwerk umstandenen Nabelstein: umbilicus, wurde das Forum erbaut, er selbst zum Mittelpunkt Roms, also des Erdkreises, bestimmt. Ein wichtiges Stck Grund und Boden fr die neue Stadt schenkte eine hochedle Prostituierte, nobilissima meretrix, Acca Laurentia, dem rmischen Volk, ein anderes die Vestalin Gaia Tarratia, denn das Land war Frauenbesitz. Die Latier nannten sich nach Latia, der Gattin Saturns, und die Rmer selbst nach ihren sabinischen Mttern Quiriten. Sogar Namen wie Roma, Romulus kommen von den etruskischen Frauensippen Rumate, Rumulna. Der Quirinal geht auf eine sabinische Grndungssage zurck, die Knigsmacht war weiblichen Ursprungs, die Knige, manchmal Fremde, erhielten Titel und Rang nur durch Heiraten mit einer Frau aus dem Herrschergeschlecht; noch Porsenna fhrte aus Rom weibliche Geiseln als die wichtigeren fort, wie Rom es spter gleicherweise bei Kelten und Germanen gemacht hat, Romulus und Servius Tullius kannten nur ihre Mutter, waren vaterlos, und schlielich bestand das frhe rmische Volk selbst aus dreiig Muttersippen: curiae. Diesen hatte Romulus _die Namen von dreiig Sabinerinnen_ gegeben, zum Dank fr die lange, glckliche Friedenszeit  ihr Werk  nach dem rmisch-sabinischen Krieg, den sie, die feindlichen Heere trennend, zum Stillstand gebracht hatten.
Spter grndeten innerhalb dieser dreiig Frauenclans Mnner  sie nannten sich _Patrizier:_ qui patres sciere possunt, also die ihre Vter kannten  die _mnnliche_ Familie und fhrten diese (familiam ducere) aus den Frauensippen mit Mutterfolge heraus. Der sabinischen Mutterseite, der stofflichen, nach bleiben alle Rmer Plebejer von pleo = fllen, Fllsel, was mit dem griechischen plethos = Stoff eines Sinnes ist, tragen auch als Zeichen der mtterlichen Abstammung die silbernen Halbmonde auf den Schuhen. Zu _Patriziern_ werden sie lediglich durch die vterliche Staatsidee, als welche sich dem weiblichen Naturreich polar entgegenstellt. Hier geht es ursprnglich nicht um reich oder arm, ein Vertauschbares, denn die gleiche Person kann einmal reich, ein andermal arm sein, sondern um Mann oder Frau, das Unvertauschbare. Was Scheidung in Patrizier und Plebejer genannt wird, das pltzliche Herausfhren der _mnnlichen Familie_ aus der _weiblichen Sippe_, ist einer der dramatischen Hhepunkte im welthistorischen Kampf um die Gestaltung des Geschlechtsverhltnisses, mag sich auch bereits frher bei anderen Vlkern hnliches ereignet haben.
Also noch einmal: Der Sol steigt in die Kraft seiner Lenden.
Wie macht er das am praktischsten? Die Mutter ist das biologisch allein Sichere, Mutterrecht ist Naturrecht, dazu kommt noch der lange vorgeburtliche Einfluss auf den Ftus. Der Vater bleibt eine juristische Fiktion, die sich nie in eine krperliche Gewissheit verwandeln lsst. Ein sehr gerechter Ausgleich, denn _sie_ allein trgt die Brde des Geschlechts; trgt schwer und lang an dem, was _ihm_ so leicht fllt. (Von Rosa Mayreder{124} zuerst formuliert.) Der Flchtigkeit des Anteils an der Fortpflanzung entspricht dann eben auch die Unsicherheit am Ertrag. Ruhend sicher Bleibendes und Flchtiges aber geben ein disharmonisches Paar. Die am ehesten naturnahe menschliche Gesellungsform ist demnach weder die mann-weibliche noch die weib-mnnliche Familie, sondern die _Frauensippe_ als Hegerin und Verwalterin des neuen Lebens und aller materiellen Gter zu seinem Gedeihen. An diesem waltenden Frauengefge, in dessen Schutz Kinder und Reichtmer gro werden, ziehen die mnnlichen Besamer ihrer Naturfunktion nach flchtig und ewig wechselnd vorbei. Diese Lebensordnung, nichts als biologisch-stofflich, einzig auf die Naturwahrheit des Muttertums gegrndet, scheint tatschlich, wo immer sie vorkam, gedeihlicher und mit weniger Reibung funktioniert zu haben als jede andere. Auch die Mutterfamilie ist noch biologisch klar und wahr, berdies der Frauensippe gegenber ausgezeichnet durch eine tiefer menschliche Beziehung der Geschlechter. Mit dem Vaterschaftswahn aber beginnt jegliche Unnatur, mag ihm auch sonst noch so Groartiges entstammen.
{124: Rosa Mayreder (18581938), sterreichische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kulturphilosophin, Librettistin, Musikerin und Malerin.}
Zuvrderst muss die biologische Zeitrechnung heillos verwirrt werden durch Zurckgehen auf die Zeugung als das Entscheidende. Statt des allein sichern Augenblicks der Geburt gilt jetzt der ewig unsichere der Empfngnis. Wie ihn sichern und mit ihm die Vaterschaft? Durch neuerliche Unnatur: Einsperren des Mdchens um der Jungfrulichkeit, der Frau um der eindeutigen Herkunft ihrer Kinder wegen. Die eine Hlfte der Menschheit, die weibliche, solcherart an der Gterproduktion und freien Selbstversorgung verhindert, fllt  dritte Ungeheuerlichkeit  der anderen, mnnlichen, dauernd zur Last. Also noch mehr Einsperren, um sicher zu sein, diese Last wenigstens nur fr eigene Kinder zu tragen, bis schlielich im extremen Fall des alten China dem Mann vor seinem eigenen Zwangsprodukt, dem verkmmerten und verdummten Gattinnen-Ideal so graut, dass er daneben einen zweiten Frauentyp, die Tochter der Blumen, zchten muss zur Geist- und Leibeserholung, sich aber fortpflanzt im verkmmerten. Die bekannte, oft errterte Kausalkette.
Die Rmer versuchten es anders. Sie appellierten an das eigene Ehrgefhl ihrer Frauen. Leider war es nur kein richtiges weibliches Ehrgefhl, fr diese also nicht bindend, denn es hie _Virtus_, von vir = Mann. (Briffault.) Zur Sicherheit waren brigens die Gesetze da, und Cato erinnert fleiig an sie: Wenn du deine Frau in Ehebruch findest, bist du frei, sie zu tten ohne Gerichtsverfahren und ohne bestraft zu werden. Begehst du Ehebruch, hat sie kein Recht, auch nur den Finger gegen dich zu heben. Selten noch in der Geschichte ist brhhei Gekochtes so lauwarm gegessen worden. Tten kam trotz aufmunternder Straflosigkeit nie in Schwang, dagegen konnte 285 v. Chr., auf straffster Hhe republikanischer Tugend (virtus), bereits ein Venustempel errichtet werden aus Strafgeldern, von Frauen fr Ehebruch bezahlt. So ging es fast in allem. De jure durfte die Frau keinen Besitz vermachen, keine Geschfte abschlieen, die Kinder waren nicht legal die ihren, de facto aber lebte sie sehr wrdig und frei, viel freier als die Athenerin. Schon durch die Koedukation, denn beide Geschlechter erhielten die gleiche Erziehung gemeinsam. In der Ehe wurde sie von allen, auch vom Gatten, domina = Herrin angeredet, sie empfing seine Gste und lud sich eigene ein, besuchte, wen sie wollte, nie durfte eine husliche Arbeit, auer Wolle spinnen, von ihr verlangt werden, und besonders war sie vom Kochen befreit, was von tiefer Einsicht zeugt, denn es ist vielleicht das einzige, wofr die Frau von je vllig freudlos, lieblos und talentlos geblieben ist. Viele weltberhmte Herrscherinnen hat es gegeben, aber keine einzige berhmte Kchin; berhmte Kche, Professionals wie Amateure aus allen Kreisen, dagegen ohne Zahl, wie sehr oft konstatiert wurde. Bei den meisten Vlkern, besonders zur Zeit der Sklaverei, kurz, wo und wann immer sie es sich leisten konnten, besorgten Mnner die Kche. Nietzsches reizendes Aperu, die Menschheit sei nur deshalb so auf dem Hund geblieben, weil ihr die Weiber seit Jahrtausenden das Essen kochten, ist also fehl am Ort, denn sie kochten zum Glck hchst selten.
Je lter die Rmerin wurde, desto hher stieg ihr Ansehen. Jeder musste ihr auf der Strae hflich Platz machen, wer sie durch ein freches Wort belstigte, kam vor Gericht. Es lge nahe, diesen Zug als Mutterbindung und einen Rest seelischer Sohneshrigkeit zu deuten. Gerade das Umgekehrte scheint wahr. Weil die Rmer so ganz nchtern Erwachsene waren, so gar nicht infantil veranlagt, konnten sie sich diese schne Geste erlauben; von der Mutterseite drohte ihrem Herrentum nie die geringste Gefahr, um so mehr von der sinnlich hetrischen. Wo Csar durchzog, riefen seine Soldaten: Htet die Frauen, der kahle Buhler kommt. Nichts machte ihn so stolz wie seines, des Julischen Hauses, Abstammung von Aphrodite, und emsig blieb er darauf aus, sich dieser Abstammung erotisch gewachsen zu zeigen. Bei der Berhrung mit gypten und Kleinasien verlotterten auch viele rmische Heerfhrer erstaunlich leicht. Von Csar heit es: wre er nicht ermordet worden, htte er Kleopatra nach Rom kommen lassen, sie geheiratet und ihren Sohn Csarion zum Thronfolger ernannt.
Diesen geilen Zug am rmischen Wesen hat das Schicksal selber einmal in Regie genommen und unvergleichlich bei Aktium herausgestellt, wo alles verlorengeht, nur weil Kleopatras Knigsfregatte zur Unzeit wendet und das Admiralschiff mit Antonius ihr blindlings gleich einem brnstigen Enterich nachjagt und Seeschlacht Seeschlacht sein lsst.
Das waren die auslndischen Episoden unter hetrischem Einfluss. Unerklrlich aber erscheint bei einem so rabiaten Paternittsvolk die Laxheit gegen weiblichen Ehebruch im eigenen Haus zu Rom, bis sich herausstellt, wie es hier gar nicht um gefhlsmige oder krperliche Paternitt geht. Um was es nmlich weit mehr geht als _Vaterschaft_, ist _Vatermacht_. Es gibt keine andere Menschenart, die solche Gewalt ber ihre Shne hat wie wir. Also Gewalt. Das ist ihr Stolz. Von Vater_liebe_ keine Rede. Die patria potestas{125} ist ein nchternes Mittel, zum Staat zu kommen, ungefhrdet durch unberechenbare Reaktionen einer schwankenden, eher gefhlsbetonten Jugend. Das Paternittsprinzip, frhzeitig und schonungslos durchgefhrt, hat keinen andern Zweck, als dem mnnlichen Imperium zu dienen, einer Schpfung des nchtern reifen Geistes. Die Formen der Familie sind fr die Staatsidee da, nicht fr das Vatergefhl, wie es sich bei den Juden ins Religise, zu einem persnlichen Vatergott steigert, dem die irdischen Vter selbst wieder ihrerseits als Shne hrig gegenberstehen in einem peinlichen Wechsel von manischen Aufstnden und Unterwerfungen, wo das ganze Weltgeschehen zu einer Ausstrahlung des Vaterkomplexes entartet ist.
{125: Die vterliche Gewalt des mnnlichen Familienoberhauptes.}
Die patria potestas dagegen ist rein zivil, nicht religis begrndet, berhaupt nicht empfunden, sondern gedacht, daher ohne die himmlische Ergnzung eines persnlichen Vatergottes. Der rmische Staat, insofern auch er an Stelle des groen Vaters steht, steht da nicht als Seelen-, sondern Geistgebilde, um das also viel weniger Libidofetzen schwelen mit Angst, Liebe und Hass. Die Rmer, nchterne Kostgnger, stehen ihrem Staat weit weniger persnlich ambivalent: liebend und hadernd, gegenber als andere Vaterrassen einem Vatergott. Ihre Staatsidee scheint in einem andern Bewusstseinsraum erbaut, unter Apollos wandellos beschlossener Klarheit, weshalb dieses stofflose Geistprinzip den Beinamen patroos = Staatengrnder trgt.
Dem Rmer ist es nie um die Zuneigung des Kindes, etwas Gefhlsmiges, zu tun, er schaltet durch die Vatergewalt nur den immer staatsfeindlichen, mindestens unzuverlssigen weiblichen Einfluss aus. Also hat die Frau nach dem jus civile nicht nur kein legales Anrecht auf die eigenen Kinder, sie darf auch nicht adoptieren; der Mann kann es, selbst wenn er impotent, selbst wenn er schon tot ist, auf testamentarischem Weg. Der Adoptierte tritt zur Gattin des Adoptivvaters in kein Verhltnis, bleibt mutterlos, einem reinen Geistakt entspringend, ohne jede auch nur fingierte Grundlage der Blutsgemeinschaft, der die gebrende Gebrde des Mnnerkindbettes bei Muttervlkern dient. Erst Kaiser Justinian hat hier wieder im Sinne der Naturwahrheit entschieden.
Muttershne sollte es eben rechtlich auf keinen Fall geben; wo die Kinder herkamen, schien von geringerem Belang. Am Alleinbesitz der legitimen Frau war dem Rmer herzlich wenig gelegen; er lieh sie sogar aus. Auf Befehl der Mnner gehrte Polyandrie hier zum guten Ton und zur republikanischen Tugend. So ersuchte Quintus Hortensius den Cato, er mge ihm eine bereits verheiratete Tochter leihweise verschaffen, damit auch er zum Wohl des Staates auf so edlem Boden Kinder sen knne. Cato fhlte sich sehr geehrt, aber etwas unsicher in bezug auf den Schwiegersohn und trug dem Freund und Bewunderer lieber seine eigene Frau zum Ersatz an. So musste der tugendreiche Schker die alte Marcia mit Dank quittieren. Einige Jahre spter, nach seinem Tod, nahm sie dann Cato wieder zurck.
Ob dieser sexuelle Kommunismus ein auf mnnerrepublikanische virtus umgedeuteter Rest des sabinischen Mutterrechts ist, bleibt schwer entscheidbar. Ganz sicher zeigt es sich in der Gradation der Onkel. Ein Vaterbruder: patruus, gilt fr minderwertig dem Mutterbruder gegenber. Dieser steht als uteriner Verwandter den Neffen und Nichten erbrechtlich wie blutmig weit nher, was schon in seinem Namen: avunculus, Ahnchen, kleiner Ahnherr, von avus = Ahne, liegt. Auch _Matri_monium statt _Patri_monium fr Ehe, consobrini = _Schwester_paar fr _Geschwister_ sind mutterrechtliche Bildungen, vor allem aber Paricidium{126}. In diesem Wort wird der Geburtsakt besonders hervorgehoben. Es geht auf pario zurck, dieses wieder mit pareo und appareo = Erscheinen eines Stammes , Gebren ist ein Erscheinen oder Sichtbarwerden des bisher Verborgenen. Hier fllt der Begriff der gebrenden Mutter und der mnnlichen Kraft in eines zusammen. Pario und Pales stehen in unverkennbarem Zusammenhang. Pales ist die alles aus sich gebrende Urmutter, die in der Geburt selbst sich als mnnlicher Pales, als groer Erdbefruchter in Eselsgestalt, zu erkennen gibt, Quaestores paricidii heien also die mit der Untersuchung des Mordes betrauten Duumvirn. Paricidium ist die an der gebrenden Urmutter in einer ihrer Geburten begangene Verletzung. Eine solche enthlt jeder Mord, mag er einen Mann oder eine Frau treffen. Auf den Grad der persnlichen Verwandtschaft kommt es nicht an. Nur die an der gebrenden und zeugenden Naturkraft begangene Snde bildet den Grund der Strafbarkeit. Dem Frevel entspricht die Shne. Der Paricida kann keines Begrbnisses teilhaftig werden. Ihm ist die Rckkehr in der Erde Mutterscho verwehrt. Durch Einnhen in einen Sack wird er vor jeder Berhrung mit der groen Mutter ausgeschlossen und in strmendes Wasser versenkt. (Bachofen.)
{126: Verwandtenmord.}
Man vergleiche mit dieser tief lebendigen Auffassung von Mordschuld und Shne das heutige seichte Zweckgewsch gegen die Todesstrafe, das nur mehr um Nutzen oder Sachschaden fr die Gesellschaft wei und den Schaden durch Verwahrung von Gewohnheitsmrdern in komfortabeln Anstalten ausgeschaltet whnt, wo sie ihre sadistische Befriedigung trumend nachgenieen knnen.
Reines Erdrecht bleibt selbst in Rom den groen Muttergottheiten, hier der Ceres und ihren Priestern, den dilen, unterstellt. Nach dem ltesten Auguralrecht war auch noch der linke Vogel glckverheiend. Gleichwie zweierlei Recht, gibt es zweierlei wohlunterschiedene Heiligkeit, sanctus ist naturhaft-weiblich, sacer mnnlich-geistig. Solange das rmische Reich bestand, galt jedes weibliche Heiligtum fr so unantastbar, dass man im Cerestempel die Gemeindekasse, die Gesetze und die Senatusconsulte aufbewahrte, um sie gegen Flschungen sicher zu wissen (Livius), wie die Testamente bei den Vestalinnen, um sie vor Flschungen zu bewahren. So ragt das Mutterrecht verhltnismig hoch in bestimmte mter hinein, soweit sie einer groen Gttin verhaftet bleiben. Konsuln und Prtoren stehen dem Kult der bona Dea nahe, bei ihnen ist sie zu Hause, dort werden ihre Feste gefeiert, dort wird ihr gehuldigt als Spenderin des physischen Stoffes, aus dem der Staat besteht. Er selbst, als angeblich allein formendes Prinzip, aber behauptet den Vorrang auch bei den scheinbar trivialsten Entscheidungen. So gehrt im Streitfall ein Tisch nicht dem Besitzer des Holzes, dem Spender des Stoffes, sondern dem Tischler, der ihn geformt hat, wobei noch zu bedenken ist, dass Holz und Materie (mater) immer gleichgesetzt werden, auf griechisch sogar das gleiche Wort haben: Hyle. Das jus civile stellt sich eben in bewussten Gegensatz zum jus naturale des Mutterrechts, und das bis in die Zahlensymbolik hinein, denn das rmische Recht verwirft an den Gesetzestafeln die weibliche Zehn (zehn Mondmonate der Schwangerschaft) und fhrt die mnnliche Zwlfzahl (zwlf Monate des Sonnenjahres) ein.
Unterhalb einer festgesetzten Linie aber waltet das Weibliche ziemlich frei. Ihm blieb die Gefhlsseite vorbehalten, nur dass diese Seite am Rmertum einigermaen verkmmert war, auch die religise. So lebte, verehrt aber khlgestellt, der knigliche Frauenclan in den Vestalinnen fort, das Priesterknigtum selbst im Oberpriester Roms, dem Flamen dialis und seiner Gattin, der Flaminica. Beide unsglich heilig und belanglos. _Sie_ wurde stets aus einem der ltesten Adelsgeschlechter gewhlt, opferte unter altertmlichen, vorrepublikanischen Bruchen bei jedem Mondwechsel  auch die Iden sind Mondtage  in der Regia eigenhndig einen Widder, und bei ihrem Tod verlor der Flamen dialis seinen Oberpriesterposten, sank zum gewhnlichen Brger herab  ein Nachklang des weiblichen Erbrechts aus der Knigszeit.
Was von anderen italischen Stmmen briggeblieben war, schwor nie unbedingt zum Vaterrecht. Mcenas, der Etrusker, hatte keine Vaterlinie, Horaz, um ihm zu schmeicheln, zhlt in den Episteln nur seine Mtter auf. Das _vor_staatliche, rein stoffliche Dasein, die gliederungslose Freiheit lebte sich praktisch handfest besonders in den Saturnalien aus, auch Freilassung der Sklaven geschah im Namen einer groen Naturgttin, der Feronia. Frauenrecht, hier wie berall zugleich ein Recht auf sexuelle Freiheit, feierte seinerseits Feste der Ceres und der mater matuta. Die Priesterschaft vertrat dabei in Eselsmasken Pales, den befruchtend phallischen Gott, und keine Patrizierin oder Dame des hchsten Adels versumte hierbei ihre religise Pflicht. Lesbische Praktiken und heilige Obsznitten, besonders zu Ehren der bona Dea, bertrafen sogar die Kultgebruche afrikanischer Regenpriesterinnen; Regen gilt ja bei Primitiven als Folge der Liebeserregung einer Gottheit. Unter Tiberius gab es dann den groen Skandal, weil ein junger Lebemann, in die Frau eines hohen Beamten vergeblich verliebt, einen Priester bestochen hatte, ihm bei solchem Fest seine Maske zu leihen, obwohl kein profaner Mann den Cerestempel betreten durfte. Auch fr keinen Gatten und fr keinen Sohn durfte dort gebetet werden, nur fr die Schwester und der Schwester Kinder, die uterine Linie. Im Christentum lebt der sabinische Anteil Roms als unsere Mutter, die Kirche und in der Verehrung der Sibyllen fort, neben dem Stufenbau seiner mnnerstaatlichen Form.
Ehrlicher als das 19. Jahrhundert hat das republikanische Rom selbst nie von einem physiologischen Schwachsinn des Weibes geredet oder davon, dass es ins Haus gehre, Unabhngigkeit nur Scheinglck fr die Frau sei, vielmehr durch Cato den Grund der politischen und rechtlichen Ausschaltung lieber ohne Hypokrisie einbekannt. Seiner Mahnung: Erinnert euch all der Gesetze, mit denen unsere Vorfahren die Freiheit der Frauen gebunden, durch die sie die Weiber der Macht der Mnner gebeugt haben, fgte er offen hinzu: _Sobald sie uns gleich sind, sind sie uns berlegen._

 Sparta
Die Spartaner versumten bekanntlich die Schlacht bei Marathon, weil der Mond nicht im richtigen Viertel fr den Ausmarsch stand.
Noch selten ist ein so wunderschnes Schulbeispiel fr Mutterrecht und seine Derivate gelebt worden. Beinahe berflssig, noch besonders zu bemerken, dass a) die Dorer sich nach der Mondgttin _Doris_ nannten; b) Dorer und Ionier gemeinsam von _HelenaSelene_, der Mondfrau, stammen wollten; c) Spartus, Spurius, Sparter Muttershne bedeutet, Sumpfpflanzen, vaterlos, von unbekanntem Smann gezeugt; d) spartanische Mdchen vor der Ehe vllig frei ber sich verfgten, geschlechtlich wie sozial, die Ehe selbst eine der primitivsten rein sexuellen Einrichtungen war; e) der Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern dahinfiel; f) Polyandrie bestand; g) Frauen von ihren Mnnern Herrinnen genannt wurden. Und so noch viele Buchstaben weit ins Alphabet hinein.
Eine mnnerrechtliche Umwelt fllt diesem Zustand der Dinge das gewohnte Fehlurteil. Daher sollen sie denn auch sehr frech und, vorzglich gegen ihre Mnner, selbst mnnlich und gebieterisch gewesen sein, indem sie nicht nur zu Hause unumschrnkt herrschten, sondern auch in den wichtigsten Angelegenheiten des Staates ihre Meinung in aller Freiheit sagen durften. Des Euripides Blutdruck steigt sogar bedenklich:

  Die Tchter Spartas findest du gar nie zu Haus,
  Sie mischen sich den jungen Mnnern zu,
  Die Kleider abgelegt, die Hften nackt,
  Zu gleichem Ringkampf; wahrlich, mich bednkt
  Dies Treiben schmachvoll  .

Biologisch betrachtet, zeigt das Geschilderte _Aufartung_, nicht _Entartung_, bednkt schmachvoll nur mnnerrechtliche Athener, gewohnt, ihre Patrizierinnen mehr oder weniger einzusperren, mit ihren Hetren zwar Liebe und Philosophie, nie aber mit wohlgeratenen jungen Mdchen Sport und Krperkultur zu betreiben, was sie manches Ntzliche gelehrt htte. Plato, im Gegensatz zu Euripides, klagt weniger die Frauen als das verfehlte Regime an, unter dem anstndiges Benehmen ihnen zur Unmglichkeit geworden war. Aristoteles seinerseits macht dem Lykurg (850 v. Chr.) noch beinah fnfhundert Jahre spter schwere posthume Vorwrfe, weil er in seinen Gesetzen nicht einmal versucht habe, etwas gegen das Matriarchat auszurichten.
Zutiefst geht es in Athen aber gar nicht gegen das Matriarchat selbst, sondern eben gegen etwas, was die Dorer, der bestgehasste Menschenschlag in ganz Griechenland, haben. Die Lakedmonier gehrten nmlich nie dazu. Nie irgendwo dazu. Ihr Staat blieb wie ein Stck fremder Planet unter der allgemeinen Verlotterung. Ganz allein fr sich waren sie auch in den Peloponnes gekommen, spt erst, 1104 v. Chr.  Homer nennt die Dorer nicht unter den Griechenstmmen vor Troja , von Norden her, wie weit her, ob weiter als die Sdufer der Donau, ist unbekannt. Die attischen Griechen behaupteten dagegen stets von sich, sie seien autochthon; mit welchem Recht, soll hier nicht untersucht werden. Jedenfalls empfanden alle brigen hellenischen Stmme die Pelasger  ein Sammelname fr Prhellenen  weniger artfremd als die ihnen sprachlich so nahen Spartaner.
Nie noch hatte man vllige Herren und vllige Sieger derart kurios leben sehen, sechshundert, achthundert Jahre lang. Ganz unmaterialistisch, dabei voll Wirklichkeitssinn. Lykurg verbannte alle Gewerke in die Hnde von Sklaven und Metken, angesessenen, aber nicht eingebrgerten Fremden; den Freien war es durchaus nicht gestattet, irgendein Gewerbe zu treiben, damit sie vollkommen und in jeder Hinsicht frei blieben. Nur den Sklaven und Heloten war der Gelderwerb gestattet. Also, die ethischen Werte zu schaffen und zu erhalten, die Lebenshaltung, lag bei den Freien. Nicht auf Kosten einer Unterschicht. Diese durfte steinreich werden, die Oberrasse blieb freiwillig bitterarm, das war ihr streng gehtetes Vorrecht. Der ganze Peloponnes gehrte den kriegerischen Eroberern, dennoch lebten sie von einem lcherlich geringen Pachtzins, den die Heloten fr das Land entrichteten, karger als der letzte athenische Taglhner es sich htte gefallen lassen. Niemand durfte zu Hause essen oder ein Fest feiern; Blutsuppe und Gerstenfladen mussten zur Nahrung, ein alter Mantel das Leben lang zur Kleidung gengen. Mnnern wie Frauen. Diesen waren sogar der schlichte Haarknoten, die Nacktgliedrigkeit einheitlich vorgeschrieben. Nicht ein Schmuckstck blieb erlaubt. Am drftigsten bekam die Jugend zu essen. Denn wenn die Lebensgeister nicht, durch Nahrung beschwert, in die Tiefe und Breite gepresst werden, sondern vermge ihrer Leichtigkeit emporsteigen, so kann auch der Krper frei und unbehindert zunehmen und bekommt so einen schlanken Wuchs. Eben das scheint auch zur Schnheit der Menschen beizutragen. Ein hagerer, schlanker Krper ist eben einer feineren Bildung fhig als ein dicker und wohlgenhrter. Weiber, welche whrend ihrer Schwangerschaft reinigende Arzneimittel gebrauchen, werden zwar zarte, aber wohlgestaltete, niedliche Kinder zur Welt bringen, weil sich die Materie ihrer Leichtigkeit wegen von der Natur besser bilden lsst. Ganz im Sinne Lahmanns{127}.
{127: Heinrich Lahmann (18601905), deutscher Arzt und Naturheiler.}
Geld gab es nur in Form absichtlich unhandlicher Eisenbarren; weder Gold- noch Silbermnzen, auch nichts, was man mit ihnen htte kaufen knnen, gab es in diesem warenlosen Land. _Nirgends auf der Welt war die Lebenshaltung so tief, die innere Haltung so hoch._ Um Haltung ging es ja auch bei den Puberttsprfungen und ffentlichen Knabenauspeitschungen, Generalproben zum Leben, denen der Indianer verwandt. Von Geld oder Geschften zu reden, an Geld oder Geschfte zu denken, galt fr so entehrend wie auf Dinge Wert zu legen, die Geld kosten knnten: bildende Knste, Architektur oder irgendwelche Form von Zivilisation. Dafr trieb jeder Dichtung, Musik, Gesang, jagte und bte Krpersport aller Art in den Gymnasien, _lebte sinnvoll und zweckfrei, also seelisch zimmerrein_, mit beispielloser Stetigkeit der Zuchtlinien, mit einem leisen Zug von Beschrnktheit auch, dem notwendigen Fehler seiner Vorzge. In Athen wurde umgekehrt nur immer Betrieb gepredigt, jeder Miggang, also uere und innere Freiheit, bestraft; auch Plato betrieb neben der Philosophie einen eintrglichen lhandel, verdiente mit ihm fr seine weiten Reisen Geld. In der rmischen Kaiserzeit brachte es die athenische Betriebsamkeit dahin, dass rivalisierende Privatdozenten, oder was damals Privatdozenten gleichkam, den ankommenden Fremdenschiffen entgegenfuhren und Schler enterten.
Da unter dorischer Herrschaft den Heloten und Metken fast aller Ertrag der gepachteten Lndereien verblieb, konnten sie so reich werden, wie es ihnen Spa machte, zu Protzerei war allerdings in Sparta selbst keine Gelegenheit, dazu mussten sie schon auer Landes gehen, fr Luxusdinge blieb jegliche Einfuhr gesperrt. Seiner stolzen Kargheit und bewussten Zucht wegen ist Sparta oft dem alten Preuen verglichen worden; grer aber bleibt das Trennende. _Der unbeweibte preuische Staat war eine brokratische Stufenpyramide, aus Gliederpersnlichkeiten gebildet._ Die Spartaner bildeten keinen Staat, sondern sie lebten ihn direkt als kommunistische Aristokratie; den Beamtentypus, die dienende Gliedpersnlichkeit kannten sie nicht. Jeder war Formtrger seiner Gesamtkultur. Hier, im Gegensatz zur misogynen preuischen Staatsidee, ragt mchtig gestaltend das Matriarchat herein, lst einerseits und bindet anders neu, wird aber durch die berwltigende Rassenpsyche seinerseits gebunden und stark variiert. Gerade in Sparta lebten natrliches Herrentum und stilles Mutterrecht eine herbe Harmonie von vllig einmalig unbefangener Stilgewalt.
Dorisch sein war offenbar etwas unvorstellbar Starkes. Strker sogar als der Urgegensatz MannFrau, so dass der gemeinsame dorische Durchklang noch Puls und Gegenpuls des Geschlechtes bertnte. Die Spartaner, als reine Herrenrasse, bten auch deren besonderen Erosinstinkt restlos aus, jene brennende Freundschaft des lteren zum Jngeren, der Frau zum Mdchen, des Mannes zum Knaben, doch frei von Eifersucht, nicht aus Snobismus, auch nicht um eines nouveau frisson willen, sondern in ehrfrchtigem Entzcken, ganz naiv. Liebe zum gleichen Knaben oder gleichen Mdchen band die Liebenden selbst wieder zusammen, im Wettstreit den Liebling zu bilden, zu frdern. Ehre und Schande des Geliebten fiel auf den Liebenden zurck; er wurde bestraft, wenn der Liebling im ffentlichen Kampfspiel oder bei Schmerzproben versagte. Die Kinder in ihrer geselligen Existenz  vom sechsten Jahr an waren Schlafrume, Mahlzeiten, Spiel und Unterricht gemeinsam  whlten ihrerseits den Eiren, einen zwanzigjhrigen Vorsteher und Anfhrer, der Strafgewalt ber sie besa, hnlich wie beim Fagging-System in den englischen Colleges, wie ja, allerdings nur in Sport und Erziehung, England zum Teil wie ein weltfhig, vor allem seefhig, gewordenes Sparta erscheint.
Damit diese gleichgeschlechtliche Bindung zur vollen Auswirkung kommen knne, durften die jungen Mnner erst mit dem dreiigsten Jahr heiraten, unter voller Zustimmung der Frauen, obwohl Mutterrecht sonst beim Mann die Frhehe frdert; ganz der Regel entsprach dagegen die Verachtung des alten Junggesellen. Wie Ehe vor dem dreiigsten, so war Einschichtigkeit nach dem fnfunddreiigsten Jahr verpnt. Der Heirat selbst ging ein ffentlicher Ringkampf zwischen dem vllig nackten Brautpaar voraus, denn wer mit dem andern eine halbe Stunde lang bis zur letzten Erschpfung sportlich gekmpft hat, wei mehr und Wichtigeres ber ihn als nach Jahren gewhnlichen Zusammenseins. Nach dem Ringkampf nahm eine Dienerin die Braut in Empfang, schor ihr den Kopf kahl, als Rest des Aphrodite-Opfers, zog ihr mnnliches Gewand und Schuhe an, legte sie auf die Streu und lie sie in der Finsternis allein. Dann schlich sich der Brutigam, nachdem er frugal wie gewhnlich mit seinen Kameraden gegessen hatte, heimlich zu ihr; bald nach Vollziehung der Ehe ging er wieder fort zu seinem gewhnlichen Nachtlager. Auch in der Folge vernderte er sein Leben nicht, besuchte die junge Frau nur ab und zu in ihrem Haus, ohne Tisch- und Bettgemeinschaft mit ihr. Sie ihrerseits war vllig frei, sich auch von andern Jnglingen auerhalb der Ehe befruchten zu lassen, selbst von einem Landfremden, war er nur tadellos gebaut. Die Knigin von Sparta gebrdete sich besonders stolz und wurde allgemein beneidet, weil Alkibiades bei seinem Besuch ihr einen Sohn gezeugt hatte. Das ist echtes Matriarchat, unabhngig von Eugenetik, weil letztlich Mutterblut entscheidet. Das schne, fremde Manntier gibt wohl seine Herrlichkeit dazu, doch was die Dorerin dann daraus macht, wird und bleibt als dorisch anerkannt, whrend das Gesetz den Knigen die Mischung mit einer fremden Frau unter schwersten Strafen untersagte.
Alle Kriegerrassen hassen und verachten den Ackerbau, ihnen bedeutet die Scholle, fr die der Bauer wtig den Dreschflegel als Verteidigungswaffe gebraucht, als solche nichts. Ihnen ist das Land nur der notwendige Lebensraum, um zu sich selbst zu finden. Den altpelasgischen Demeterkult schafften die Lakedmonier im Peloponnes sofort ab, unterwarfen sich willig den weiblichen Mondphasen, doch keiner Mutter Erde, so widerlich war ihnen alles mit Agrikultur Verknpfte, sogar den Frauen, sonst in Mutterform von Natur aus Mehrerinnen jedes Wohlstands. Der grte Teil des Landbesitzes gehrte zwar ihnen, doch bewirtschafteten sie ihn nie selbst. Hier hat Rassenmiges das stille Mutterrecht ganz besonders stark variiert, wie fast nirgends sonst. Nichts knnte also verfehlter sein als von agrarischem Konservatismus bei Spartanern zu reden, die nie bodenstndig waren, und auch unabhngig vom Boden, denn etwas nomadenhafte Viehzucht htte ihren Bedrfnissen vllig gengt. Was sie brauchten und als Eroberer sich nahmen, waren nicht Produktionsmittel, sondern der Raum; nachher wollten sie eigentlich nie etwas anderes als in diesem Lebensraum in Ruhe gelassen werden, infolge guter Beschaffenheit keines andern bedrftig. Gerade das aber erlauben die Kter ja nicht. Auch das Streben nach Hegemonie war im Grunde nicht mehr; imperialistische Kolonialkriege lagen ihnen nie. Lykurg machte sie ja kriegerisch, nicht um Unrecht zu tun, sondern um kein Unrecht leiden zu mssen. Als nach fast tausend Jahren doch das Ende kam, war es die erste Sorge der politischen Individualpsychologen jener Zeit, diese unbequeme Haltung zu brechen durch das Verbot an den dorischen Uradel, die homerischen Gesnge vorzutragen. Trotz Ringkampf und Speerwerfen blieben die Schauer des Unentrinnbaren der spartanischen Seele stets nah. Es nimmt der Eugenetik, Ertchtigung, Zuchtwahl die Banalitt, dass in Sparta dem Gotte Phobos ein Tempel errichtet war. Phobos wird roh und ungenau meistens mit Furcht bersetzt, also eine Gottheit der Furcht. Doch Phobos bedeutet Scheu, Pathos der Distanz, das Gegenteil von Hybris: berhebliche Herausforderung des Schicksals. Und von diesen Dingen hat nur der wahrhaft Lebendige unter der Verstandesflche noch das tiefere Bewusstsein:

  Denn die Gtter droben
  Vertragen nicht den allzuhellen Laut
  Der Lust, ein allzustarkes Flgelschlagen
  Vor Abend widert sie  sie greifen schnell
  Nach einem Pfeil und nageln das Geschpf
  An seines Schicksals dunkeln Baum,
  Der ihm im stillen irgendwo schon lngst
  Gewachsen war {128}
{128: Hugo von Hofmannsthal, _Elektra_.}

Spartanische Kultur hatte keine weiten Projektionen, lebte nicht in Teilleistungen durch die Medien von Stein und Metall, von Kunst und Wissenschaft hindurch, vielmehr direkt als reines Sein, ausschlielich innerhalb des einzelnen Menschen selbst, als Ganzheit von Ethos und Leib. Darum wird die Urheberschaft an dieser kompromisslosen Ganzheit von Ethos und Leib das ber alles Wichtige. Als eine Fremde voll Neid rief: Ihr Lakedmonierinnen seid die einzigen Frauen, die ber ihre Mnner herrschen, erwiderte Gorgo, die Gattin des Leonidas: Wir sind auch die einzigen Frauen, die Mnner zur Welt bringen.

 Athen, das brige Griechenland und Grogriechenland
Aristophanes mokiert sich einmal ber das Tollhuslergetue zu Hause und sagt, das einzige, was in Athen noch nicht da war, sei Weiberherrschaft. Gerade die aber war dagewesen, nicht gar viele Jahrhunderte frher; so rasch schlpft gewaltsam Verdrngtes unter das Bewusstsein zurck. Ihre Spuren sind allerdings nur schwach am Abglanz von Mythos, Tradition und Knigslisten, in Worten, in ein paar Bruchen erhalten. Die Tradition sagt, dass in Athen frher genau wie in Sparta Promiskuitt geherrscht habe und vaterlose Zeugung. Die patriarchale Ehe sei durch Kekrops, den Grnder der Akropolis, kurz vor der deukalischen Flut, eingefhrt worden. Er war der erste, der Mnner und Frauen in Ehen zusammenfgte, vorher waren die Menschen unilateral. (Justin, Klearch, Charax, Joh. von Antiochia.)
Die berhmteste Bruchstelle zwischen Vater- und Mutterrecht enthlt die Orestessage mit ihrer ketzerischen Shnbarkeit des Muttermordes, eine andere, rein politische Bruchstelle ist der Kampf zwischen Athene und Poseidon um den Besitz von Athen. In der Ratsversammlung waren Frauen wie Mnner stimmberechtigt. Die Frauen entschieden mit einer Stimme mehr fr Athene. Darauf berflutete Poseidon Attika. Um ihn zu beruhigen, wurde folgende Strafe ber die Frauen verhngt: sie sollten das Brgerrecht und damit das Stimmrecht im Staat verlieren, und Kinder sollten nicht mehr nach der Mutter genannt werden. Andere Sagen, ber das Orakel von Dodona, Einsetzen von Priestern fr Priesterinnen, umkleiden den Sturz der geistlichen Weibermacht.
Die Knigslinie von Athen war weiblich. Die alten zyklopischen Mauern wurden, nach Pausanias, noch von den Pelasgern erbaut. Diese alte Rasse, durch Fremde und von Eleusis her bedrngt, ruft die Acher zu Hilfe. Ein Acher heiratet die Tochter des alten pelasgischen Knigshauses. Auch Kekrops herrschte nur, weil er Gatte einer Prinzessin war. Ein spterer Knig, Kranus, hatte drei Tchter, nach der einen, Attis, wurde das Land _Attika_ genannt. Einer spteren Dynastie gehrt dann Erechtheus, einer noch spteren gus, der Vater des Theseus, an.
Tpfer{129} und viele andere haben die athenische Knigsliste gegen die Zweifel von Wilamowitz{130} erfolgreich aufrechterhalten. Das Vernnftigste zu dieser Sache hat wohl Professor Ridgeway{131} gesagt:
{129: Diesen Autor konnte ich nicht identifizieren.}
{130: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (18481931), deutscher klassischer Philologe.}
{131: William Ridgeway (18581926), anglo-irischer Grzist und Archologe.}
Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, wie das periodische oder tgliche Opfer auf Knigs- oder Ahnengrbern Namen und Art des Verehrten im Gedchtnis zu strken pflegt. Wiewohl das Christentum alle heidnischen Opfer ausgerottet hatte, war die mndliche Tradition so stark, dass junge norwegische Bauern von Gokstad noch nach achthundert Jahren jenes Grab mit dem jetzt berhmten Wikingerschiff und seinem toten Seeknig finden konnten.  In Athen hatten bestimmte Priesterfamilien selbst aus altem Knigsblut, das Erechtheion und den Schrein des Kekrops in ihrer Obhut. Das Erechtheion aber wird schon in der Odyssee erwhnt. Warum sollte man, durch das Zeugnis Homers gesttzt, bezweifeln, dass im 14. Jahrhundert v. Chr. ein wirklicher Knig mit Namen Erechtheus in Athen geherrscht habe. Der Eigenname ist immer etwas Lebendiges, sein Beharren durch Jahrtausende zeigt die Kraft des Lebendigen in ihm.  Der mythisierende Prozess belehnt mit den ltesten Zgen immer nur die strkste Persnlichkeit. Genealogien werden stets, besonders wo es sich um Ahnenkult handelt, sehr sorgfltig gefhrt, sogar wo die Schrift fehlt. Die Inka von Peru hatten ein Memorierungssystem von Schnren verschiedener Farbe, verschieden geknpft und gekreuzt. Die alten Mnner hielten Schule und lehrten die Kinder den Ursprung der Rasse und ihre Genealogie mit Hilfe dieser Schnre. Sogar die Eingeborenen der Torresstrae fhren Chroniken mit Hilfe von Schnren und Knoten. Geschichte, insofern sie nur fortlaufend Geschriebenes gelten lsst, wird immer weniger des Menschengutes wissen. Das wichtigste Menschheitsgeschehen wird sich auerhalb abspielen und in andern Zeichen gesammelt werden mssen. Die herrschende Tradition eines Priesterknigtums, in einer priesterlichen Familie und Opferbruchen fortgeerbt, hat doch mehr Dauer und Gewalt als fortlaufend geschriebene Tageszeitungen, wiewohl diese mit Rotationspressen ihre Tendenzlgen in Millionen Exemplaren den Leuten um die Ohren klatschen.
Wer den Menschenknig Kekrops anzweifelt, weil sein Wesen symbolisch als Schlange dargestellt wurde, msste die reale Existenz der halben Menschheit bezweifeln, vor allem der Totemrassen. Indianer mit Regentotem werden als Regenstreifen dargestellt, andere Stmme als Windrichtung oder in Tiermasken. Wie die athenische Knigslinie weiblich, Attika selbst nach einer Frau benannt ist, so heien die mnnlichen Mitglieder der athenischen Sippen: homogalaktes, mit gleicher Milch Genhrte, also Muttershne. Halbgeschwister vterlicherseits galten fr nicht nahe verwandt, durften unter sich heiraten, bei uterinen Halbgeschwistern zhlte eine Verbindung schon als Inzest. Der Bruder selber heit griechisch: adelphos, von delphys = Gebrmutter. Auch zwischen den beiderlei Onkeln bestand ein Rangunterschied als letzter Rest blutmigen Mutterrechts; einen Rest des politischen erwhnt Plutarch; denn bis um 300 v. Chr. nahmen auch die Frauen an groen ffentlichen Prozessen als Stimmberechtigte teil.
In den altertmlichen, pelasgisch unterlagerten Stmmen  Arkadier, olier, Botier  und ihren Kolonien war das Matriarchat viel deutlicher erhalten. Mantinea in Arkadien feierte die ganze klassische Zeit hindurch reine Frauenmysterien. Diotima, die liebesweise Frau im platonischen Gastmahl, ist Mantineerin. In der hohlen Elis  Stadt und weite Ebene des Peloponnes  verwalteten nach Pausanias sechzehn Matronen das hchste Richteramt. Ttowierung galt als Zeichen mtterlichen Adels in Thrakien. Lokri heit Mutterland, Stammutter der Lokrer war Aphrodite in Person. Sie fhrt den Beinamen Zephyritis, nach ihr nannte die lokrische Kolonie in Unteritalien Hauptstadt und Vorgebirge Epizephyrion und sich selbst epizephyrische Lokrer. Sie kamen mit einer Art Mayflower nach Italien. Von ihnen sagt Polybius: Zuerst fhren sie den Umstand an, dass aller Ruhm und Glanz der Abstammung bei ihnen von den Frauen und nicht von den Mnnern hergeleitet werden, dass fr adelig nur die aus den hundert Husern gehalten werden. Einige Mdchen aus diesem Frauenadel befanden sich auf der Mayflower und bernahmen dann in der italienischen Kolonie das oberste Opferamt bei den religisen Zeremonien. Pontifex, wrtlich der opfern darf, ist bei Matriarchat die Frau. Auer dem schnen, aphrodisischen Namen Epizephyroi haben die lokrischen Mnner noch ein weniger schmckendes Beiwort: sie heien stinkende Lokrer von der ewigen Beschftigung mit dem Ziegenvieh, dem Bckehten, der schweren und schmierigen Arbeit, die ihnen von den Frauen aufgepackt wurde. Sie sind ein Gegenbeispiel zu den Lydiern, deren Huslichkeit und Putzsucht von Dr. Vaerting als stndig wiederkehrende Wirkung der Frauenherrschaft angegeben wird. Bei den Lokrern hatte das Matriarchat genau das Gegenteil zur Folge. Das ungeheure vlkerkundliche und historische Material ist eben schwer unter ein Einheitshtchen zu bringen. Trotzdem  das verdient immer wieder betont zu werden  bleibt die Vaertingsche Theorie beraus anregend und fruchtbar.

 Lykien, Lydien, Karia, Sumer (Babylon)
Ein Schwieriger, also jemand mit Phantasie genug zum Wnschen und mit Temperament genug, seine Wnsche auch verwirklicht sehen zu wollen, worin eben das Schwere besteht, hat sicher schon nach einem Meer tausend Meter ber dem Meeresspiegel geseufzt, Ozean mit Alpenluft. Dem Schwierigen sei wohlmeinend geraten, sich ein Chalet in Lykien zu bauen, mit einer Schwebebahn zum gischen Meer hinab, das wird auf diesem minderen Stern seinem Wunschbild noch am nchsten kommen, denn Lykien ist ein Klotz kleinasiatische Schweiz und ragt, vom Taurusgebirge durchzogen, halbinselfrmig steil in eine lapislazuliblaue See hinein.
Einem groen Schweizer erschien es wie eine mutterrechtliche Eidgenossenschaft in der hochgeschlossenen Arttreue des Volkes, zugleich aber blhte ihm dort Asia auf, mit tausend Gipfeln duftend. Diesem Lieblingsmutterland zu Ehren hebt Bachofens berhmtes Lebenswerk mit den nicht minder berhmten Worten an: Jede Untersuchung ber das Mutterrecht muss von dem lykischen Volk ihren Ausgang nehmen. Fr dieses liegen die bestimmtesten und auch an Inhalt reichsten Zeugnisse vor. Die Lykier stammen ursprnglich aus Kreta, waren demnach Mittelmeerrasse. Ihre Glanzzeit sammelt sich um die Namen Sarpedons, des jngsten Minosbruders, und Bellerophons, des Peloponnesiers, vergottet wie Minos, der auch nach seinem Tod zu einem Gott und zum Richter der Unterwelt geworden war.
Herodot, der kurz nach dem Sieg des Cyrus ber Lykien im Lande reiste, berichtet: Ihre Sitten sind zum Teil kretisch, zum Teil karisch. Jedoch eine sonderbare Gewohnheit haben sie, sie benennen sich nach der Mutter und nicht nach dem Vater. Denn wenn man einen Lykier fragt, wer er sei, so wird er sein Geschlecht von Mutterseite angeben und seiner Mutter Mtter herzhlen; und wenn eine Brgerin mit einem Sklaven sich verbindet, so gelten die Kinder fr edel geboren; wenn aber ein Brger, und wre es der vornehmste, eine Auslnderin oder ein Kebsweib nimmt, so sind die Kinder unehrlich. Aus Nicolaus Damascenus Schrift ber merkwrdige Gebruche ist folgendes Fragment erhalten: _Die Lykier erweisen den Weibern mehr Ehre als den Mnnern; sie nennen sich nach der Mutter und vererben ihre Hinterlassenschaft auf die Tchter, nicht auf die Shne._ Heraklides Ponticus gibt an: Sie haben keine geschriebenen Gesetze, sondern nur ungeschriebene Gebruche. Von alters her werden sie von den Weibern beherrscht.
Wo Weiber herrschen, gilt Gesittung statt Gesetzgeberei. Nichts ist so eindeutig bezeichnend fr Gynaikokratie wie die Abwesenheit des Jus und die Anwesenheit guter Lebensformen, was wieder mit dem zauberhaften Vertrauen auf die urmtterliche Gerechtigkeit zusammenhngt. Gewiss ist, dass in dem Weibe eine nhere Beziehung zu der Gottheit erkannt und ihm ein hheres Verstndnis ihres Willens beigelegt wurde. Sie trgt das Gesetz, das den Stoff durchdringt, in sich. Unbewusst, aber vllig sicher, nach Art des Gewissens, spricht aus ihr die Gerechtigkeit. Sie ist durch sich selbst weise  von Natur Fauna oder Fatua, die das Schicksal verkndende Prophetin, die Sibylla, Themis. Darum galten die Frauen als unverletzlich, darum als Trgerinnen des Richteramtes, als Quelle der Prophezeiung. Darum weichen die Schlachtlinien auf ihr Gebot auseinander, darum schlichten sie als priesterliche Schiedsrichter den Vlkerstreit: eine religise Grundlage, auf welcher die Gynaikokratie fest und unerschtterlich ruht. (Bachofen.) Denn nicht das Geistige ist das erste, sondern das Seelische, nachher das Geistige. (Paulus, I. Korinther.) Dann fasst Bachofen die fast unbersehbaren Zeugnisse fr lykisches Matriarchat zusammen, dessen Bedeutung sich in mehreren Punkten uert. Erstens in dem Status der Kinder; die Kinder folgen der Mutter, nicht dem Vater. Zweitens in der Vererbung des Vermgens; nicht die Shne, sondern die Tchter beerben die Eltern. Drittens in der Familiengewalt; die Mutter herrscht, nicht der Vater, und dieses Recht gilt in folgerichtiger Erweiterung auch im Staat.
Aber noch in anderer Hinsicht findet er gerade das lykische Matriarchat besonders belehrend: Wie nahe liegt es nicht, aus der anerkannten Herrschaft des Weibes auf Feigheit, Verweichlichung, Entwrdigung des mnnlichen Geschlechtes zu schlieen. Wie unrichtig diese Folgerung ist, zeigt das lykische Volk am besten. Seine Tapferkeit wird besonders gerhmt, und der Xanthischen Mnner Heldentod gehrt zu den schnsten Beispielen aufopfernden Kriegsmutes, die uns das Altertum hinterlassen hat. Was wir bei den Lykiern vereint finden, Gynaikokratie und kriegerische Tapferkeit der Mnner, erscheint auch anderwrts, zumal bei den mit Kreta und Lykien so nahe verbundenen Karern. Aristoteles nimmt sogar anlsslich der spartanischen Weiberherrschaft die allgemeine Bemerkung auf, die meisten kriegerischen und streitbaren Volksstmme stnden unter Gynaikokratie. Was allerdings nur sehr bedingt richtig ist, insofern als Muttershne bei der Verteidigung von fast unberwindlich zher Wildheit sind.
Die Tell-el-Amarna-Funde wurden erst lange nach Bachofen gemacht, so entging ihm die Freude, zu wissen, welche Stelle seine geliebten Lykier als Lukki in der diplomatischen Korrespondenz der 18. gyptischen Dynastie behaupten. 1500 v. Chr. erscheinen sie da keineswegs als buerliche Provinzler, vielmehr als ebenbrtiges, lngst in der Zivilisationsphase befindliches Stadt- und Handelsvolk, dessen Gebiet weit nach Anatolien hineinreichte. Stimmt die Abstammungsgeschichte  und es gibt kaum einen Vorwand, sie zu bezweifeln , so liegt die Grndung dieser kretischen matriarchalen Kolonie mindestens bei 2000 v. Chr. Mehr denn 1500 Jahre spter fand Herodot auf seinen Reisen das Mutterrecht noch immer intakt, nachdem das Volk am Ende seiner langen Schicksalsbahn, trotz verzweifelter Gegenwehr, bereits unter medisch-persische Herrschaft geraten war. Wechsellos durch alle Phasen geht hier das Matriarchat durch, schon fr die prhistorische hohe Stadtkultur ist es archologisch durch die Muttermonumente, mythisch durch die _Einugigkeit der Bauleute_ belegt. Das zyklopische oder polyphemische Einauge-Stirnauge steht ja stets als Symbol fr reine Erdshne. Sogar Wotan muss sein _anderes_ Auge der Wala opfern, will er teilhaben an der weiblichen Schauung des Weltablaufs. Helden an der Grenze zwischen Sonne und Mond wieder erhalten ihre doppelte Erblinie von Vater und Mutter her durch die Zweifarbigkeit der Augen bekrftigt; Alexandern gibt die Sage ein blaues und ein braunes Auge.
Zu den feinsten Zgen lykischer Gynaikokratie gehrt jene ungeschriebene, unbeschreiblich rein empfundene Sitte, dass Mnner Weiberkleider trugen, wenn sie trauerten. Die Mutter allein besitzt alles Geborene, somit auch den Schmerz um alles Gestorbene. Bleibt der Vater fr das lebende Kind ohne Belang, so auch ohne Recht, um das tote zu trauern. Nur durch weibliche Mimikry, eine Art Todes-Couvade, kann er teilnehmen am Schicksal des Menschengeschlechts. Rein weiblich daher bleibt die groartige lykische Grabkultur, an Ausma der gyptischen gleich, mit Reihen von Frauennamen die steinernen Ahnentafeln entlang, flankiert von den Harpyenmonumenten: groen Eimttern in Vogelgestalt. Auch der Nationalheros Bellerophon bersteigt nie das Kraftfeld seiner Mutter Erde. Herabkmpfend aus khlen Luftrumen, Reiter des Pegasus, streitet er zwar siegreich gegen Amazonen, dann wieder mit Amazonen verbndet gegen die Chimra, das Traumtier unreiner Mischung, den Sonnenraum aber erreicht er nicht, strzt ab, wieder zurck in die sumpfige Flur, verstaucht sich den Fu und hinkt fortan. Seine Siege will ich besingen, doch seines Todesloses mag ich nicht gedenken, sagt Pindar von ihm. Zu seinen Siegen gehrt die berwindung von Amazonen, denn junge Tchterreiche scheinen rebellierend sich damals abgelst zu haben oder dringen aus dem Kaukasus vor. Ihnen wehrt Bellerophon, weicht aber dem Muttertum als stets gehorsamer Sohn.
Immer wiederum umspielt die Sage diesen Zug. Ein wilder Eber  das Schwein ist Sonne und Mond zuwider  hat Frchte und Tiere vernichtet. Bellerophon erschlgt ihn, erntet aber Undank. Erbittert fleht er zu Poseidon, dass auch alles Erdreich jetzt bitter werde vor Salz und unfruchtbar. So geschieht es, bis der Held, aus Achtung vor den Bitten der Frauen, wiederum zu Poseidon fleht, die Verheerung zu enden. Sieg ber Amazonentum, Unterliegen vor der Mtterlichkeit sind ihm wechselweise beschieden. Niemals Vaterrecht; seine Tochter Laodamia wird Knigin. Ganz Sinai und Kleinasien bis zur sarmatischen Tiefebene waren damals, etwa um das 13. Jahrhundert v. Chr., voll junger Kriegerinnen zu Pferd. Ramses II. erwhnt, dass die mysischen Frauen  Mysier sind ein Zweig der Lydier, Verwandte der Karer, Nachbarn der Lykier  beritten kmpften unter persnlicher Leitung ihrer Herrscherin. Das war Landessitte noch ein Jahrtausend lang. Auch die karische Knigin Artemisia fhrte einen Teil von Xerxes Armee und bertraf, wie die Historiker berichten, an Schneid und strategischer Fhigkeit smtliche Feldherren der Perserkriege. Eine andere, sptere Artemisia errichtete das Mausoleum  die Skulpturen sind jetzt in London  fr ihren Brudergemahl Mausolos, dann trat sie die Regierung ihrer jngeren Schwester Ada ab, die ihrerseits mit dem jngeren Bruder Hidrieus verheiratet war. Weniger untrstlich als Artemisia, regierte sie nach seinem Tod allein weiter und wurde auch von Alexander dem Groen besttigt. Wie in gypten, hielt in Karien der Bruder das Thronrecht nur als Gatte der Prinzessin-Schwester; whlte sie aber einen Fremden, so galt dieser seinerseits als Bruder.
In Lydien ist das knigliche Haus selbst von einer Amazone gegrndet: Omphale, deren jeweiliger Gatte ihr Sklave war, analog den afrikanischen Sklavengatten, und jeder Erniedrigung unterworfen. Eine Zeitlang soll es der Sage nach Herakles gewesen sein, zur Strafe fr einen hemmungslosen Wutausbruch, wobei er einen vllig Unschuldigen erschlug. Wer aber Sonnenherr sein will, hat sich auch herrlich zu benehmen; das Mnnergeschlecht zu erziehen, bleibt weiblicher Beruf, so muss Herakles wiederum, diesmal demtigender als in der Kinderstube, einer Frau gehorchen lernen, bevor er zur Herrschaft gelangen darf. Von Knigin zu Knigin vererbte sich das lydische Reich. Erst zur Meder- und Perserzeit ist vornehmlich von einem Knig: Krsus, die Rede. Ein besonders luxurises Amazonentum brigens! Was Paris heute den Amerikanerinnen bedeutet, das war die Hauptstadt von Lydien ein Jahrtausend lang fr die ganze Weiblichkeit Kleinasiens, Grogriechenlands und der Inseln. Von dort kamen die elegantesten Modelle, Stoffe, Parfms, vor allem die feinen Stckelschuhe, berall hoch begehrt, besonders im Kreis der Sappho; Lesbos lag ja nur einen Katzensprung von dem damaligen Lydien entfernt. Wem die Chalder dafr zu teuer waren, lie sich hier auch sein Horoskop stellen. Alles, was heute noch als gyptisches Traumbuch bei uns kursiert, ist abgeschrieben aus dem Werk des Lydiers Artemidoros von Daldis. Im 2. vorchristlichen Jahrhundert bearbeitete er in fnf Bchern an die dreitausend Trume. In diesem Zentrum des Weltwesens, der Modeschpfung und Krperkultur bei sehr hoher Lebenshaltung  das hngt mit der physischen Wohlfahrt der Muttergeschlechtler zusammen  waren die Mnner ebenso gepflegt wie die Frauen, ondulierten sich die Haare, trugen eine Menge Goldschmuck, manikrten sich eifrig und hielten auf tadellose Zhne. Viel Gigolotypen nach Strabos Bericht, zu Geliebten gewhlt und ausgehalten von den Frauen. Diese heirateten auch, wen sie wollten, und lieen sich wieder scheiden, besorgten die ffentlichen, Mnner dagegen die huslichen Geschfte. Von der umgekehrten Arbeitsteilung erzhlt schon Herodot (500 v. Chr.) ausfhrlich.
Dieser unstrfliche Historiker hatte damals den ganzen bekannten Globus gesehen, und so ist ihm ohne weiteres zu glauben, wenn er versichert, nur gyptische Pyramiden und babylonische Architektur knnten sich an Groartigkeit mit dem Weltwunder des lydischen Grabdenkmals vergleichen. Nach den Inschriften war es von Frauen nicht nur entworfen oder gestiftet, sondern eigenhndig erbaut. Baukunst ist eben nicht nur _eine_ Organprojektion, sondern die Organprojektion des Frauenzimmers schlichthin, wo sie ihr ureigenstes Wesen weit ber den Krper hinaus noch einmal setzt und stilisiert: bergendes Heim dem Lebendigen zu sein. Sie ist von Natur Heimmacherin, tut es mit Passion, wo immer man sie lsst, legt in Afrika den Kraal an, konstruiert in Zentralasien das schwarze Kamelhaarzelt, bei den Pueblos die Wolkenkratzer, in den hohen Stadtkulturen Lykien, Lydien, Karien, Babylon vielfach auch Monumentalbauten. Die von Semiramis entworfenen Gebude, als solche auch durch Inschriften belegt, sind ja vor nicht langer Zeit enterdet worden.
Groe Gttin und Mauerkrone gehren zusammen. Selbst _Vater_lnder wissen das und haben ihre _Metro_polen = Mutterstdte.
Von den Sumerern stammt die babylonische Kultur. Erst nach dem Semiteneinbruch im 3. Jahrtausend v. Chr. scheidet sich das Reich in Sumer und Akkad. Akkad ist Babylon. Mnner wie Afghanen, groe Schmalkpfe, haben im alten Ur und Uruk die Herrin Ischtar verehrt, und sie hat mit dem Jnglingsknig Gilgamesch gehadert, als er vom Zedernwald kam, dessen Schatten schn und voller Jubel ist. Gilgamesch im sumerischen Nationalepos spricht ein paar der ergreifendsten Dinge aus, die Menschen je gesagt haben:

  Mein junger Freund, der Panther des Feldes, ist zu Erde geworden,
  Egidu, mein Freund, den ich liebe, ist zu Erde geworden.
  Werde nicht auch ich wie er mich niederlegen mssen, ohne wieder aufzustehen!
  Wie sollten da nicht abgezehrt sein meine Wangen, nicht gebeugt mein Antlitz,
  Nicht betrbt mein Herz, nicht aufgerieben meine Gestalt,
  Ich einem Wanderer ferner Wege nicht gleichen an Aussehen!
  Eine ferne Bahn eile ich deshalb bers Feld dahin,
  Wie kann ich es verschweigen, wie kann ich es hinausschreien,
  Mein Freund, den ich liebe, ist zu Erde geworden!
  Seit er fort ist, finde ich das Leben nicht mehr. (Ungnad.)

Goldene Tierkpfe mit Lapislazulibrten, genau wie das Epos sie beschreibt, sind bei den Ausgrabungen zutage gekommen, alles Dinge einer Kultur, schon reif und selbst im absteigenden Bogen. Damals, vor fnftausend Jahren, hielten die Rechte der Geschlechter sich gerade wunderbar die Schwebe. Beiden Gatten gegenber war das Gesetz fr Ehebruch wie Scheidung vllig gleich, letztere bereits im Heiratskontrakt vorgesehen, gleich auch die Bestimmung ber Nachfolge und Adoption. Nahm ein Freier eine Sklavin zur Nebenfrau, so wurden sie und ihre Kinder dadurch frei, heiratete eine Freie einen Sklaven, ging die Freiheit der Mutter auch auf die Kinder ber. Mitgift und Verlobungsgabe des Brutigams blieben auf alle Flle Besitz der Frau, sie war vor Glubigern des Mannes geschtzt, konnte Vertrge schlieen, als Zeugin vor Gericht erscheinen, Prozesse auch gegen den eigenen Gatten fhren, ihre Shne wegen Ungehorsam verstoen, enterben, aus der Stadt weisen lassen.
Alle Kinder, Knaben wie Mdchen, lernten in den Tempelschulen gemeinsam Quadratwurzeln ziehen, Geometrie und Grammatik. Wer Geschfte betrieb, musste genau Buch fhren. Wie das Altlibysche von den Tuaregdamen allein verstanden wird, so gab es in Sumer eine eigene Literatursprache nur von Frauen fr Frauen: das Eme-sal. Literatursprache fr Damen, komplizierte Buchhaltung, Quadratwurzelziehen fr jedermann, ausgewogene Rechtslage bis in die letzten Kompliziertheiten hinein sind aber kein Anfang, keine Mitte, sondern ein Jenseits des Zenits.
Was ging wohl dieser Schwebe der Gleichberechtigung voraus, ehe sie sich unter semitischem Einfluss immer mehr dem Mnnerrecht zuneigte? War sie selbst bereits ein ausgeflachtes Matriarchat, wie fast berall anders auch? Schade, dass darber kaum mehr etwas zu erfahren sein drfte, obwohl sumerische Tradition eine hochbewusste Vergangenheit von vierhunderttausend Jahren vor der Flut beansprucht. Diese aber hat gerade im Gebiet von Sumer und Akkad wahrscheinlich alle frheren Belege zerstrt. Sehr schade!

 Kreta, das Damenreich
Die groe Insel hat etwas von der Selbstndigkeit eines Kontinents. Ankommenden Schiffen scheint sie von der Einfahrt nach Kandia entgegenzuschweben, von hier aus gesehen merkwrdig flach, wie ein Prsentierbrett des Auerordentlichen. Dieses Auerordentliche sprt jeder bei der Ankunft sofort, trotz Staub, verlaustem Federvieh, Provinzlern, Beserlpark und Sonntagsmusik, sprt es an der Fertiggelebtheit der ganzen Landschaft. Hier ist altedles Menschenreich. Wo immer der spt eingenistete, artfremde, schbige Alltag abgekratzt wird, zeigt sich schon wenige Fu unter ihm der Boden durchdrungen von towering grace: ragender Anmut. Quaderngefgte Palste, Pergolen, Gymnasien, Wasserwerke, Bibliotheken, Arenen, Theater kommen zutag; Hlsen eines einst ber drei Kontinente hinstrahlenden Lebens. Noch ein Jahrtausend nach dem gewaltsamen Ende steht sein farbiger Abglanz an jngerer Vlker Horizont.
Kreta ist stets ein Sagenbrennpunkt beinahe ohnegleichen gewesen, und Sir Arthur Evans{132} grbt dort Mrchen ber Mrchen aus. Zu Anfang, vor dreiig Jahren, galt das, trotz Schliemann, znftiger Fachmeinung noch immer fr ein Unternehmen, auf nichts gegrndet als Phantasiegespinst, aufgeblasen von romantischen Fabulierern. Sir Arthur aber war ein zher Laie und las so praktisch begeistert, wie Schliemann seinen Homer, von Jugend an in Kingsleys Fairy Tales{133} von der Geburt des Zeus in der diktischen Grotte. Wie er als Stier Europa dort befruchtet, die Minos, einen Herrn der Welt, gebiert, vom Labyrinth und seinem Architekten Ddalus, dem ersten Vogelmenschen, vom Minotaur, von Theseus und Ariadne mit dem roten Faden  wohl auch vom Tod des Zeus. Der verblffende Anspruch der Kreter, auf dem Monte Jukta das Grab des obersten Griechengottes zu besitzen, schuf ihnen zuerst den Ruf der Unwahrhaftigkeit: Alle Kretenser sind Lgner. Obwohl in der diktischen Grotte uraltes Kultgert, seltsame Linearschrift und Weihgeschenke sich fanden, stie Evans mit gutem Instinkt lieber gleich in den Kern der Legende hinein, dort, wo er unter wehenden Kornfeldern das weitbewohnete Knossos, die minoische Hauptstadt, vermutete und das Labyrinth.
{132: Arthur Evans (18511941), britischer Archologe, gilt als Entdecker der minoischen Kultur.}
{133: Charles Kingsley (18191875), _The Heroes; Or, Greek Fairy Tales for My Children_ (1856). Charles Kingsley, anglikanischer Geistlicher, Theologe und Schriftsteller, war Mary Kingsleys Onkel.}
Bald kamen Palste frei, die weiten Flgel ber Land geworfen; Innenhfe von der Gre des Markusplatzes, glatt poliert wie Tanzsle, mit Marmorsitzen und Brunnen, werden enterdet. In Bronzeangeln schwingen die mchtigen Tore, mit Metallschlssern und Schlsseln versperrbar, oder Schiebetren verbinden Badezimmer mit Boudoirs; Schlafrume sind durchwegs der Morgensonne zu gelegen. Die innere Haupttreppe des Ostflgels mit ihren Sulen und Balustraden fhrt durch fnf Stockwerke nach oben in den Zentralhof, nach unten mndet sie in Sulenkolonnaden und Wandelgnge, auf dass sich die Menschen hier im Freien und doch geschtzt ergehen knnten. Achtzig Fu lange Sulenhallen wechseln mit raffiniert intimer Raumkunst; ein oblonges Gemach teilen Sulen aus edlem Material, um ihre Basen laufen Alabasterbnke, wohl einst von Kissen bedeckt, bilden gemtliche Ecken mit rosigen Stehlampen und Kopenhagner Porzellan. Blaues und grnes Email, Gold und Bergkristall verkleiden die Wnde des Thronsaals. Fast unbersehbar sind die Anlagen fr Speicher, Vorrte, Banken, Safes, Sekretariate.
Starkes Geflle im Terrain gab den groen, unbekannten Architekten Gelegenheit, hydraulische Knste in verzweigten Wasserleitungs- und Kanalisationsanlagen zu ben; die Terrakottarhren, mit feinem Zement ausgekleidet, funktionieren heute noch ohne Fehl. Alle Einrichtungen, vom Waschkasten abwrts, wirken mustergltig englisch. Dies aber gehrt bereits dem rein Zivilisatorischen an, auch jene weiten zementierten Terrassen, von denen vielleicht wirklich die ersten Flieger starteten, denn bisher haben alle Funde derart lcherlich genau mit der Tradition gestimmt, dass niemand besonders erstaunt wre, enthielten die bisher leider unentzifferten Bibliotheken auch darber besttigenden Bericht. Doch all das bleibt lediglich als Kuriosum zu werten, ist internationale Zivilisation, die aber knnen wir momentan besser als irgend jemand sonst.
Wer hingegen chinesisch, persisch, mexikanisch, gyptisch sagt, meint ein ganz bestimmtes _Formengut_, unverwechselbar und unvergesslich, wenn erst einmal erfasst. So sagte man minoisch auf den ersten Blick und durfte es beglckenderweise sagen, denn arm an wahrhaft echten Formen ist die Welt.
Auch zu Phstos, im Sden der Insel, also abliegend von Knossos, ergrub die italienische Mission einen ganz hnlichen Palast, den Evansschen Entdeckungen ebenbrtig, ihnen in einem berlegen: der Riesentreppe. Aus Sandstein, dreizehneinhalb Meter breit, steigt sie in edler Flucht zu den Propylen hinauf. Leider erwies sich Phstos als vllig ausgeraubt. Um so feinere Funde ergab die Knigsvilla zu Hagia Triada und der sogenannte kleine Palast, denn es gehrte zum Lebensstil um 2000 v. Chr., sich auerhalb der Metropolen fr das Weekend auf dem Lande reizvoll-intim anzubauen. Das also waren die Herrensitze. In Gournia entdeckte dagegen eine Amerikanerin, Miss Boyd, auch eine ganze kleinbrgerliche Villenstadt. Die Huser, meist zwei- bis dreistckig mit zwlf bis achtzehn Wohnrumen, gleichen englischen Cottages, die Einrichtung war der kniglichen im Stil verwandt, wenn auch bescheidener.
Menschliche Siedlungen gehen auf der Insel bis ins 12. Jahrtausend v. Chr. zurck, wie sich aus den sechsundzwanzig Fu hohen Scherbenresten ergibt. Schon im 5. Jahrtausend exportierte man fleiig eine handpolierte schwarze Tonware nach gypten, die sich in Grbern der ersten Pyramidenzeit findet. Zum England der gis wurde Kreta in der Mitte des dritten Jahrtausends, seine Gipfelblte liegt um 1600, das Ende zwischen 1450 und 1400 v. Chr. Das Reich zerstrt, die Palste in Flammen, so geht die minoische Welt in ihrer Glorie jh und gewaltsam zugrunde, denn alle Macht lag in der Kriegsflotte, bestimmt, Handel und Hfen zu schtzen. Ihr Versagen brachte Tod. Wie ein sptes Echo der Katastrophe, von der die brandgeschwelten Palastwnde zu Knossos und Phstos berichten, sind die Worte Ramses III., in Fels gegraben zu Medinet-Habu: Die Inseln aber waren ruhelos, verstrt untereinander.
Wer diese erobernden Seevlker waren, ob artfremd oder von hnlicher Mittelmeerrasse, abgetrieben vom Festland und selber fliehend vor einer Welle nordischer Wanderung, ist unbekannt. Wie aber jene fernen, geheimnisvollen Zauberwesen: die Minoer, selber waren, das wissen wir, bis an die Spitzen ihrer Ngel und Locken hin, genau. An den Wnden der Palste wandeln sie als lebensgroe Gestalten, schwingen im Reigen durch den Korridor der Prozession, auf Miniaturfresken lachen und plaudern sie in Gruppen, sehen vom Altan den Sportfesten zu, stehen als Fayencefigrchen im heiligen Schrein. Damen, Damen, nichts als Damen, wie an der Riviera, berbekleidet, onduliert, in Stckelschuhen, dazwischen ab und zu ein fast nackter Jngling, Typus Leichtgewichtsathlet oder Eintnzer, glatt rasiert, mit dem Torso einer roten Raubameise. Weit und breit kein ehrwrdiger Greis. Die Sorte ist in Frauenreichen nicht geschtzt.
Mnner erscheinen fast durchweg subaltern beschftigt, als Pagen, Mundschenken, Fltenblser, Feldarbeiter, Matrosen. Kein einziger Knig, Priester, Heros; was man anfangs, fast automatisch, auf halb abgebltterter Freske fr einen Herrscher hielt, entpuppte sich schlielich als weiblich. Immer sind Frauen Kniginnen, Priesterinnen, Gttinnen, Herrinnen,  nie Dienerinnen. Es war ein ungemein gepflegter, graziser Frauentyp von selbstsicherer Unabhngigkeit der Haltung, in feinster Harmonie mit seiner Umwelt. Gazellengliedrig, diademgelockt, mit gro aufgeblhten, wimpernbeschwingten Augen, Nschen wie von Igeln, beweglich-fein und ganz leicht aufgebogen. Ihre Appartements sind luxuris eingerichtet, mit Badezimmern und allem modernen Komfort versehen. Beim Nationalsport, der heute noch die iberische Halbinsel, damals das ganze Mittelmeergebiet erfllte: dem Stierkampf, trugen sie absatzlose Schnrstiefel und ganz kurze Sportrcke, bei Gartenfesten dagegen Schhchen mit Louis XV.-Abstzen, Panniers, lange Mieder, weite Hte und gepuffte rmel. Dass aber sogar die groe Gttin von Kreta ebenso onduliert und auf Modeschau angezogen ist in ihren Heiligtmern, wirkt reichlich toll. Noch toller allerdings _die groe Mutter in Sporthosen_, der neueste Fund, soeben publiziert und von Evans beschrieben, whrend diese Seiten in Druck gehen. Die Gttin war Patronesse aller nationalen Sportfeste, hatte als solche in der Arena ihren Schrein, wie eine Frstenloge. In diesem stand whrend des sportlichen Kampfes ihre Gold-Elfenbein-Figurine mit nackten Armen und Beinen, der Sporthose eines Traininganzugs und einer Art goldenem Lumberjackett. Dies der groen Mutter neuester Aspekt.
Sie war die alleinige Gottgestalt, verehrt neben den Symbolen von Kreuz, Doppelaxt, Baum. Auf Kreta findet sich kein einziges mnnliches Idol, brigens bis zur Bronzezeit auch in der ganzen gis nicht. Nur auf manchen frhen Gemmen erscheint neben der weiblichen Gottheit zuweilen ein zwergisches Wesen, daktylenhaft, halb Spinnenmnnchen, halb Sohn. Wie es in der minoischen Welt ausschlielich eine weibliche Gottheit gibt, so auch nur Priesterinnen in ihrem Dienst. Auf dem berhmten Sarkophag von Hagia Triada werden die Opfer und Kulthandlungen von Frauen ausgefhrt, Mnner sind blo Musiker und Ministranten. In Kreta spielten die Frauen offenbar eine ebenso wichtige Rolle wie in gypten, und es mag gelegentlich zutage kommen, ist erst einmal die Schrift lesbar geworden, dass sie nicht nur in der Religion herrschten, dass vielmehr die Fhrung des Staates gleichfalls zum groen Teil in ihren Hnden lag. Von der Prozession der Knigin ist leider nur ein Teil erhalten. Er zeigt die Zahlung eines Tributes, die Abordnung wird von zwei Frauen in reichen Gewndern empfangen. Klidemus berlieferte auch, dass die Krone auf Ariadne berging, die spter nach der Vershnung mit Theseus einen Friedensvertrag zwischen Kreta und Athen schloss. Die ersten lesbaren Gesetze an der Wand von Gortyna sind erst aus spter griechischer Zeit (7. Jahrhundert), also bereits patriarchal, doch mit starken Resten lterer, mutterrechtlicher Bruche, wie dem matrilokaler Ehe. Lykien als alte Kolonie hat seine Frauenherrschaft sicher von dem lieben Mutterland, wie Kreta hie, mitgebracht, denn Minoer, Lykier, Karer, Lydier, auch alles, was die Griechen Pelasger und wir Mittelmeerrasse nennen, scheint eines Stammes zu sein, dessen Urheimat jetzt im nrdlichen Afrika gesucht wird, eine Menschenart, den weien Berbern und hellen Mauren hnlich.
Im Aufgang dieser gischen Zivilisation sendet die Frau durch die Religion hin ein so strahlendes Licht, dass mnnliche Gestalten ganz ignoriert und Schatten bleiben, sagt Professor Mosso{134}. Nach ihm hat der kretische Kult zweifellos bis zum Ende seinen gynaikokratischen Charakter bewahrt. Lange nach dem Sturz der minoischen Macht fanden die von Norden her eindringenden griechischen Stmme noch immer eine einzige groe Gttin, fremdartig, feierlich gepflegt, in ihren kleinen Schreinen vor und lieen von ihr, die sie Rhea nannten, das Zeuskind gebren und in Kreta erziehen, lieen den gealterten Zeus aber  nun kommt das Sonderbare  dort auch sterben. Die Insel trgt das Grab des hchsten griechischen Gottes, der nur als vergnglicher Sohn der ewigen Mutter gilt. So stark ist die Bodenseele geblieben.
{134: Angelo Mosso (18461910), italienischer Physiologe und Archologe.}

 Lesbos
Der Mythos splt einen abgerissenen Kopf ans Land. Auf einer Leier treibt er bers Meer daher, metallische Locken haften spiralig zurckgeworfen in den Saiten, gallartige Augpfel starren schon das Nichts an, die Lippen aber spaltet ein wundervoller Gesang, so demtigend vollkommen, so erbitternd berirdisch, dass die Mnaden oben in Thrakien, durch seine schiere Harmonie in ihrem orgiastischen Unma gestrt, den Snger Orpheus in Stcke zerrissen hatten. Die Lesbier auf ihrer Insel aber sind gtternah, aus prolischem Blut, weiser noch als die Arkadier, lter noch als der Mond. Ehrerbietig empfangen sie das erstorbene singende Haupt und legen es zu Grab.
Der Kopf im Boden trgt Frucht. Sehr langsam. Lngst ist rundum taghelle Geschichte mit Defizit und ttigem Geschrei, da steigt aus dieser Erde ein sinnlich-bersinnlicher Dmon ins Dasein. Sein Name wird auf der Welt zu einem Klangsymbol, das in brennendere Rume der Seele zieht, in tiefere Lebens- und Todesspannung hinein: Sappho, oder olisch weicher: Psappha. War es ein Pseudonym? Sappho bedeutet Lapislazuli.
Zweieinhalb Jahrtausende sind an diesem Namen vorbergeglitten, er steht hoch oben, wie mit Flgeln gegen die Zeit gestemmt, sehr gro und ziemlich leer, langsam blsser auch. Denn das, wofr er steht, hat sich wie ein Edelgas verstrmt; alle hheren Organismen wandeln in ihm, ohne es zu wissen, von ganz woanders her, im Rckstrom ber Um- und Abwege hat es sie oft und oft unerkannt durchdrungen als lngerer Atem, beschwingterer Rhythmus, Weite und Wandlung. Bei Solon fngt das an. Sein Neffe singt nach Tisch zum Wein ein Gedicht; etwas ganz Neues, eben kommt es in Mode unter einer Elite junger Athener. Der achtzigjhrige Solon beginnt zu zittern, bittet den Neffen, ihn, der nahe dem Tod, doch das Gedicht noch zu lehren, mit seinem Klang im Ohr mchte er sterben. Pindar kommt unter Sapphos Einfluss, er imitiert sie nicht nur, bernimmt von ihr die Goldlust, jenes Umspielen des Wortes Gold in Klang und Sinn, schreibt auch wrtlich eines ihrer viel hundert Epigramme ab. Der _zweite_ Dichter ist eben schon der _erste_ Plagiator. Von ihr hat die griechische Tragdie, haben Sophokles und Euripides die mixolydische Tonart entlehnt als besonders sinnlich und erregend. Das Wort vom bittersen Eros haben Plato und die gesamte Weltliteratur bernommen. In unzhligen Paraphrasen geht durch die Lyrik und Epik ganz Europas, was sie in Liebeshymnen sagt: Eros, Lser der Glieder, die bitterse Qual, das Ungetm, die wilde Bestie, der keiner widerstehen kann, verfolgte nie ein wehrloseres Opfer ... Denn Eros erschttert ihr alle Sinne wie der Sturm, der sich im Gebirge auf die Eiche strzt. Sie ist es, die Sokrates im Gastmahl durch den Mund der Mantineerin Diotima ber die Mysterien der Liebe belehrt. Sapphisch ist die Klangfarbe der platonischen Eros-Philosophie: jeder bleibt im Schatten und ohne Ruhm, den der Gott nicht berhrt hat. Im Phdrus nennt Sokrates Sappho die Schne an der Spitze derer, die sein volles Herz wie Strme ein Gef erfllt und ihm den Stoff zu seiner begeisterten Lobrede auf Eros geliefert htten.
Die Adonisgesnge durch die Vlker und Zeiten hin gehen auf sie zurck, den Stil ihrer Oden hat Euripides unter den Dramatikern, Isokrates unter den Rhetoren zuerst kopiert. Theokrit, Catull, Vergil, Horaz sind ihre Imitatoren, in England, um nur die wichtigsten zu nennen: Swinburne, Byron, Tennyson, Keats, William Morris, Robert Burns, Shelley. Swinburne ist ganz in Sappho getaucht: Ich halte mit der gesamten griechischen Tradition dafr, Sappho ist ber alle Frage und Vergleich der grte Dichter, der je gelebt hat. schylus war der grte Dichter und Prophet zugleich, Shakespeare der grte Dramatiker unter den Dichtern, aber Sappho ist einfach nichts anderes, nicht mehr und nicht weniger als der berhaupt grte Dichter, den es je gegeben hat. Das wenigstens ist das aufrichtige und schlichte Bekenntnis meiner lebenslangen berzeugung. Plato nennt sie wunderbar, Lukian den bezaubernden Ruhm der Lesbier, Strabo sagt von den brigen Genies des genialen sechsten Jahrhunderts: Sappho schlgt sie alle.
Und dann strzen sich Grammatiker, Lexikographen, Rhetoren, Kommentatoren, Metriker auf das, was die kleine, ins Unendliche hinausgespannte Gestalt von innen brennend mhelos aus sich herauswirft; erkaltet und zerhackt bauen sie es in die Sprache ein. Plutarch erzhlt, dass Erasistratos, ein damaliger Psychoanalytiker, die Diagnose seiner Patienten nach den Erossymptomen bei Sappho stellte. Eines ihrer Lieder ist die Vorform von Gretchen am Spinnrad, italienische, franzsische, spanische wie moderne amerikanische Lyrik sind von ihr beeinflusst. _Sie aber von niemandem._ Sie lehnt sich an keinen an, entlehnt von keinem. Hat alles aus sich selbst. Jedes Gedicht ist eine unmittelbare Inspiration, jeder Vers ein Liebesbrief, jeder Brief ein lebendes Geschpf mit heiem Atem.  Die Charis ihres Wesens, das alles so einfach, so durchsichtig, so unstilisiert ist und doch so schn, das ist das Wunderbare und das Sapphische. (Wilamowitz.)
Der Name wchst und wchst. Es war der Ruhm, der mit der Zeit sich um ihn legte wie ein Feierkleid. Doch wo ist das Oeuvre zu ihm? Buchstblich in Scherben und Fetzen, auf Vasensplitter gekritzelt, auf Papyri verwischt, nur strmische Fragmente, um solches Leben auszumessen, denn der Vorsehung hat es in ihren unerforschlichen Kram gepasst, uns das de Gewsch der Grammatiker, Lexikographen, Rhetoren _ber_ sie zu erhalten, statt _sie_ selbst. So ein Typ schmiert dann in Alexandrien 4000 Bcher _ber_ Bcher, erhlt den Spitznamen Chalkenteros: ein Mann von eisernen Eingeweiden. Und wenn das Gezcht wenigstens noch reichlich Originalzitate gebracht htte, aber nein, alles nur Kommentare. Dabei gab es doch so viel: noch zu rmischer Zeit zwei Luxusausgaben, eine dem Inhalt, die andere den Metren nach geordnet; kultische Hymnen, Oden, heroische Mythengesnge, die Hochzeits-, Trink-, Liebes-, Totenlieder. Neun Bnde Lyrik und Elegien, ungezhlte Epigramme, von denen jetzt Ungewissheit besteht, welche von ihr, welche ihr nur zugeschrieben sind; auch eines ber sie:
Weich sind Sapphos Ksse, weich die Umarmungen ihrer leichten Glieder, alles ist Weiche an ihr, doch ihre Seele unnachgiebiger Diamant. Denn ihre Liebe endet an ihren Lippen. Der Rest gehrt ihrer Jungfrulichkeit an. Wer ists, der das ertrge? Doch wer es ertrug, ertrge dann leicht das tantalische Drsten. (Zitiert nach Robinson.{135})
{135: Mary Robinson (17581800), englische Schauspielerin, Dichterin, Dramatikerin und Romanautorin.}
Den gesndesten Instinkt bewies auch hier, wie immer, gypten. Mit seinem unerschtterlichen Sinn fr Echtheit legte es auf den Import von Grammatikern, Rhetoren, Kommentatoren oder sonst Leuten mit eisernem Sitzfleisch aus Hellas wenig Wert, sammelte dafr die Originale olischer Dichtung mit ihrem Ausbruch von Temperament und Tiefe, der verglichen Ionisches, selbst Dorisches schal erscheint. Dank so gutem Geschmack und trockenem Klima haben sich dort relativ viele sapphische Fragmente erhalten. Mit diesen neuen Funden aus dem letzten Jahrzehnt sind sie jetzt im ganzen auf 191 gestiegen. Von Attika konnte dagegen nie viel erwartet werden. Kaum zweihundert Jahre, nachdem Sappho dem Solonkreis als holdes Wunder erschienen war, stand sie nur noch als komische Figur pasquillartig verzerrt auf der Bhne der Konjunkturschreiber. Der Theatermob von Schnodder-Athen war damals bereits viel zu ungebildet geworden, die schne olische Mundart berhaupt zu verstehen, auch viel zu faul, sie verstehen zu wollen, berdies voll Todeshass gegen jede lebendige Tradition. Wer aber auch Verse nicht mehr versteht, versteht immer noch den Skandal. In sechs Komdien, Sappho betitelt, wird sie verhhnt, weil sie noch immer keine Mnner, in zweien, Phaon betitelt, weil sie angeblich immer noch Mnner liebt.
Weniger verlottert, dafr philistrser, an platter Ahnungslosigkeit aber der athenischen Komdie verwandt, wirkt Ovid, wenn er Sappho in Sachen Phaon, bei dieser, brigens frei erfundenen, Herzenswendung dem Mnnlichen zu, solche Unmglichkeiten sagen lsst, wie:

  Pyrrhas Tchter ergtzen mich nicht, noch zieht das brige Heer lesbischer Mdchen mich an,
  Anaktoria gilt mir nichts, nichts Kydno die weie,
  Meinen Augen gefllt Attis wie frher nicht mehr,
  Noch die Hunderte sonst, die ich liebte  _nicht ohne Verbrechen_.
  Was sich so vielen ergab, hast du, o Frevler, allein.

Quas non sine crimine amavi, verbrecherisch wird doch Sappho selbst ihres Lebens Tat, Ruhm, Sinn: den Thiasos, die heiligen Mdchenmysterien, nicht nennen, welchen Ritus  Bruche sind ja Taten des Blutes  sie ihnen auch gegeben haben mag. Ein Geschpf mit ihrer Ehrfurcht vor jeder Flammenform! Fehler am Ort war noch selten ein cant. Er liegt schon halben Wegs zu der famosen deutschen Sappho fr Jungens; da wird durch Umwandlung der begehrten Lieblingin in einen Liebling die Aphrodite-Ode erst gymnasialfhig gemacht. Sogar die recht tchtige Geibelsche{136} bersetzung trgt diese puritanische Korrektur, um so schwerer ertrglich bei einem Aufrausch, derart einfach, sinnlich und vllig frei.
{136: Emanuel Geibel (18151884), deutscher Lyriker.}
Kein einziges Werbe- oder Liebeslied lsst sich im Original auf einen Mann deuten, bis auf jenes von Tucker{137} bersetzte Fragment, auch das eigentlich nur Fragment eines Korbes:
{137: Thomas George Tucker (18591946), anglo-australischer Literaturwissenschafter.}

  As friends well part
  Winn thee a younger bride,
  Too old I lack the heart
  To hold thee at my side.

Deutsch klingt es zu behbig. Hier liegt ja das Grundbel. bersetzungen schwellen auf durch Hinzufgen oder verarmen durch ndern. Fast unmglich, etwas an Wohllaut so rhythmisch und sublim Geordnetes wie ein sapphisches Gedicht in andere Sprachen hinberzuschmeicheln. Bleibt das Wort genau, so ohne Musik, ist jedes Wort klanglich in Harmonie mit andern Worten, so berdehnt sich der Rhythmus, sind Rhythmus, Harmonie und Klang beisammen, verliert sich der Sinn. Sappho selbst dachte ja nie daran, sich hinzusetzen, um zu dichten, bermchtige Gefhle lsen sich von ihr, die wechselnde Erregung ihres Atems wird zum Versma, jede Strophe Erfindung der Natur.
Sonderbarerweise gelingen bertragungen noch am ehesten ins Englische, das ja in zwei beinahe getrennte Sprachen zerfllt, eine frs Geschft, eine frs Gefhl. Wer die flotteste Offerte vom Fleck weg diktiert, versteht noch lange keine einzige Zeile von Longfellow oder Burns. Bei solch reinlicher Scheidung kann sich nichts, kahl abgezweckt auf business, mit der ber und ber schwebend verzweigten Empfindung mischen. Ein Vorteil fr beide Teile. Doch auch in einer Sprache besonders nuancierter Lyrismen braucht die bersetzung 34, 42, bestenfalls 26 bis 24 Worte fr die erste Strophe der ersten sapphischen Ode, wo das Original mit 16 auskommt. Hchstens Fragmente tropfen manchmal Wort fr Wort herber, so heit es von der groen Zikade:

  And clear song from beneath her wings doth raise,
  When she shouts down the perpendicular blaze
  Of the outespread sunshine of moon.
  (Edmonds.{138})
{138: John Maxwell Edmonds (18751958), englischer Altphilologe, Lyriker und Dramatiker.}

Nun ein Bruchstck deutsch und englisch, die leere Umarmung einer durchwarteten Nacht:

  Der Mond ist untergegangen
  Und die Plejaden.
  Schon ist Mitternacht,
  Die Stunde verging,
  Und ich liege allein   (W. Walther.{139})
{139: Wilhelm Walther (18891940), deutscher Theologe, Komponist, Lyriker und Erzhler, im Konzentrationslager Mauthausen ermordet.}

  Sunk is the moon,
  The Pleiades are set
  Tis midnight; soon
  The hour is past and yet,
  I lie alone   (Tucker.)

Der Oxyrhynchuspapyrus, die Entdeckung von 1922, enthlt auch ein Stck der lange gesuchten Biographie, besttigt frhe Vermutung, sttzt Angaben aus zweiter Hand, denn immer drngt es, zu wissen: wer steht in diesem unermesslichen Namen? Was ist sein konkretisierter Kern? Und doch, hat es wirklich so viel Sinn, den Leuten, wenn auch mit Recht, diese groe Beleberin der Herzen als Prsidentin des Ersten Internationalen Frauenklubs vorzustellen, worauf jetzt andere Prsidentinnen internationaler Frauenklubs sich entweder rgern werden, bei gleicher Stellung weniger berhmt zu sein, oder sich freuen, weil Sappho auch nichts anderes war.
Auf Lesbos zwischen 650 und 630 geboren, Tochter eines Patriziers und reichen Weinhndlers, lebte sie trotz Reisen und einer Verbannung den lngsten Lebensteil dort in der Hauptstadt Mytilene. Die Insel trgt erst uralt eingewurzelte, als zweite Schicht mit den olern eingewanderte Gynaikokratie, und am Aufgang der Geschichte wirft das Schicksal auch noch als dritte Schicht einen silbrigen Schwarm Amazonen ber Lesbos hin. Nicht feindlich. Fast am Ende ihrer weiten Fahrt, sind sie schon vllig reif und s geworden vor lauter Siegen, zerstren nicht, da ihnen niemand widersteht, grnden vielmehr die Hauptstadt, geben ihr den Namen der Knigin-Schwester: Mytilene. Ziehen heim. Nichts hlt lokale Ortstradition so wert, wie als Amazonengrndung zu gelten.
Ganz jung scheint Sappho verheiratet gewesen zu sein. Ob sie sich, wie die Frauen im benachbarten Lydien, wieder scheiden lie oder, wahrscheinlicher, frh Witwe wurde, ist unbekannt. Jedenfalls gab es eine Tochter Kles. Vom Mann ist nie die Rede, wichtiger waren drei Brder, wie stets bei dieser Sinnenrichtung. Es soll ja auch Inzestlieder gegeben haben. Zornige Sorge macht vor allem Charaxus, der lteste. Er bersiedelt als Importeur nach Naukratis, einer Hafenstadt im Nildelta, gibt dort zu viel Geld aus fr jene weltberhmte thrakische femme entretenue, Doricha, die sich im durchsichtigen Hemd an ihn drckt mit ihrem (falschen?) Toupet. Sapphos Willkommenbrief bei seiner Rckkehr ist die neuentdeckte sogenannte Nereidenode, von einer welligen Zornes- und Meeresstimmung, wie sie leider keine heutige Sprache wiedergeben kann. Die Wirkung auf den Bruder scheint Null gewesen zu sein, denn ein anderes zerrissenes Lied endet: Und sie prahlten mit der Botschaft, dass Doricha zum zweitenmal in das ersehnte Liebesverhltnis getreten sei. Das Fragment: Denen wir das Liebste getan, die verletzen uns am tiefsten, kann als reglementmige Lebenserfahrung nicht mit Sicherheit gerade auf Charaxus gedeutet werden.
Da griechische Mnnchen-Eitelkeit sich aus dem erotischen Schicksal der berhmtesten Frau einfach nicht wegzudenken vermochte, so gab man ihr alle bewhrten Dichter weit und breit zu Liebhabern, auch Anakreon, obwohl er gut ein halbes Jahrhundert spter lebte. Einer der sieben Weisen hat allerdings Macht ber sie gehabt, doch nicht als Mann. Pittakus, Tyrann von Lesbos, verbannte Sappho nach Sizilien, ob aus politischen Grnden oder als Tribade, ist unbekannt. Das war dann allerdings etwas anderes als gelegentliche Abstecher nach Sardes hinber, dem damaligen Paris, um neue lydische Crations zu probieren, Parfums und Schuhe einzukaufen. Unter der Amnestie 581 durfte sie wohl zurck, denn ihr Grab auf Lesbos wird oft erwhnt. Es gibt eine Tradition, durch einen englischen Reisenden bewahrt, dass ihre Aschenurne sogar noch in der trkischen, dem Schloss Mytilene eingebauten Moschee stand.
Aus der Verbannung stammt eine der neu gefundenen Hymnen: ein einziger Sehnsuchtsschrei nach Lesbos, Insel der Leidenschaft mit prachtvoller Rasse und Schnheitskonkurrenzen seit Homer, wo der Traum des Lebens am schnsten getrumt wurde. Heute noch sitzen die Fremden begeistert im Caf, trinken den berhmten spottbilligen Wein und bestaunen die Frauen. Schon Herodot entzckt das Klima, kurze, bissige Winter, lange Frhlinge voll Veilchen, wo Kinder in Rosenknospen beien wie im Blumenparadies Grasse an der Riviera. Aus den drei Ecken der triangelfrmigen Insel steigen porzellanweie Klippen ein paar tausend Fu in die Hhe, von zwei Fjorden durchschnitten. Oben streicht das ganze Jahr champagnerfrische Luft ber die Felsen voll Thymian, Anemonen und Rosmarin, mit Tempeln, Pergolen, Villen bebaut. Unten in den warmen Tlern stehen wilde Granatpfel auf Zyklamenwiesen. Nach dem Schwimmen im warmen, fast flutlosen Meer, dem Baden in khlen Quellen, Nacktkultur in den Turnhallen, werfen sich die mden Mdchen, aus aller Herren Lndern Sappho anvertraut, auf blumige Felder voll Tau.

  Um die Wasser des Teiches
  Rauscht es khl durch Quittenzweige,
  Von den raschelnden Blttern rieselt
  Traum zu Boden.
  (Fragment.)

Wenn du ermattest, bette ich auf weiche Lager deine Glieder  Schwarzer Schlaf ist auf die Augen ausgegossen  Euch schnen Mdchen ist mein Sinn unwandelbar  Wohlgestalteter ist Mnasidika als die zarte Gyrinno  Arignota gleicht dem rosenfingrigen Mond  komm zurck, meine rosenknospige Gongyla in deinem milchweien Cape  Wohl lehrte ich Hero, die schnellfige  bermtiger als dich, Geliebte, habe ich nirgends eine gefunden  Nacht aber ist ein Ding mit tausend Ohren. Eines nah an Anaktoria drben in Lydien, und dann heit es in memoriam Anaktoria:

  Erinnerung an sie, deren scheuer Schritt in der Ferne noch holder klingt,
  Deren Antlitz unsichtbar strahlender glnzt als Blitz und Streitwagen,
  Als die drhnende Spur des glitzernden Fuvolkes,
  Wie Lydiens Macht sie entfaltet.

Von Sapphos Erscheinung selber besttigt das neue Biographiefragment nur alte und andere Tradition, nmlich dass sie krperlich armselig dran gewesen sei, in zu kurze Glieder eingeschlossen, wie die winzige Nachtigall in missgestaltete Flgel  Verchtlich und hsslich, weil klein und brnett von Haut, was damals wirklich ein Unglck war, denn hoch, schlank, licht bleibt der einzig anerkannte Typus jenes divinely tall, divinely fair, nicht nur in Griechenland, dem Inselreich und den Kolonien, auch in ganz Kleinasien, sogar in gypten. Xanthos = blond steht im Altertum schlichthin fr schn; Achill, Helena gelten dafr, in Griechenland, Lydien, auch im Kreis der Sappho ist daher sehr viel von Holzasche und Pflanzenfasern als Blondinmittel zum Haarfrben die Rede. Liebe aber ist ein Mysterium und eine lebendige Kraft. Obwohl klein und brnett, was damals ein Stigma war, gilt Sappho ihren Mdchen als arbitra elegantiarum und Wesensbildnerin in allem: Ich liebe feines Wesen, und mir hat Eros der Sonne Glanz und Herrlichkeit geschenkt. Sie hasst Weihelose und Unbekrnzte, bejaht als groe Dame Eleganz, die Ausgewogenheit der letzten Anmut, duldet nur Bestes in edelstem Material um sich, bentzt Gold- und Elfenbeingefe fr Parfums und knigliche Salbe, trgt wollstig feine Pumps, Taschentcher aus Phnizien; berauscht von den lydischen Crations, erfindet sie selber neue Kleidungsstcke: eine kurze durchsichtige Casaque, Beudos genannt. Es gibt da eine Menge Fachausdrcke. Schade, dass Jean Patou oder Madeleine Vionnet{140} nicht olisch-griechisch knnen, um zu helfen, denn in der preuischen Akademie der Wissenschaften scheint man zuweilen etwas ratlos.
{140: Bekannte franzsische Modeschpfer.}
Sie trgt nicht nur wundervolle Kleider wundervoll, sie lehrt auch ihre Mdchen, sie wundervoll zu tragen. Schleppen sind die neue Vogue. Andromeda, ein Intellektualtrampel, dabei Fhrerin einer gegnerischen Schule, rafft ungrazis den Rock um die Knchel und wird deshalb von Sappho ironisiert. Trotzdem geht Attis, ein besonderer Liebling, zur Rivalin ber. Sappho sucht die Abtrnnige zurckzugewinnen durch Erinnerung an zrtlich gute Zeit: [Attis], ich schwre, kommst du nicht jetzt, so will ich dich nicht mehr lieben. Steh auf, leuchte uns, lse deine geliebte Kraft vom Bett und wie eine Lilie neben der Quelle bade dich, hebe das feine Gewand aus Chios  und Kles soll von der Pltte Safrangewnder bringen, lass einen Mantel dir berwerfen und dich mit Blumen krnzen. Und dann komm, s von all der Schnheit, mit der du mich toll gemacht! Und du, Praxinoa, rste uns Nsse, damit ich den Mdchen ein seres Frhstck geben kann, denn ein Gott, Kind, hat uns eine Gnade gegeben. An diesem selben Tag noch hat Sappho, die holdeste der Frauen, geschworen, dass sie ganz gewiss nach Mytilene zurckkehren wird, der liebsten Stadt, zu uns zurckkehren, die Mutter zu ihren Kindern. Liebste Attis, kannst du all das vergessen, was in den alten Tagen war? Attis aber hat es bei Andromeda offenbar vergessen.

  Frischer Tau ist ausgegossen, ppig prangen
  Rosen und weiche
  Grser und blhender Honigklee.
  Vielfach wandelnd in Erinnerung an die sanfte
  Attis, legt sich schwere Sehnsucht
  Auf die feine Seele, auf das Herz das Leid.
  (Nach W. Walther.)

Von Plutarch bis Bachofen und Wilamowitz ist es blich, auf die Parallele zwischen Sokrates und Sappho zu verweisen. Was die umworbenen Epheben Alkibiades, Charmides, Phdrus zwei Jahrhunderte spter fr ihn, waren Gyrinno, Anaktoria, Attis fr sie, und ihren Rivalinnen Andromeda und Gorgo entsprechen in den Dialogen Protagoras, Prodikos, Gorgias, mit denen Plato seinen Helden um die Seele der Jnglinge ringen lsst, vllig hingegeben, besinnungslos vor Dmonie, weil Liebe, wenn mit einem wenigen schon an Besonnenheit verdnnt, nur Sterbliches sparsam auszuteilen vermag. Wie Sappho, wei spter auch Sokrates um die hhere Gttlichkeit des Liebhabers als des Geliebten, weil in jenem der Gott ist, nicht aber in diesem. Wie sie treibt es ihn, in krperlich Schnem Schnes auch aus anderm Reich zu zeugen. Hier nun schlgt jh die hnlichkeit um: Sappho zeugt in der Seele, Sokrates aber im Geist, und zwar dialektisch, selber nicht immer frei von den Methoden der so heftig verpnten Sophisten. Sie aber formt und erhht nicht aus dem Verstand, vielmehr aus der Essenz des Mysteriums selber heraus den Mdchenkindern ihr Dasein. Nicht das Geistige ist das Erste, sondern das Seelische, dann das Geistige. Erinna, Gyrinno, Dikta, Attis, Euneika, Anaktoria, Thelesippa, Megara, Arignota, Hero, Kydro, Agallis, die ganze wundervolle junge Meute, hetzt sie mit dem Wahnsinn des Herzens auf die Fhrte der Vollendung. Nichts an den schnen, noch tierhaften Geschpfen darf zurckbleiben. Und da auf diesem Weg der Selbstvollendung auch der Mann steht, trieb sie die Geliebtesten von sich weg zu ihm, richtete ihnen die Aussteuer, schwelgte mit ihnen in den feinen Schleierstoffen, whlte mit ihnen Schuhe, Stickereien, Elfenbeinnecessaires, Goldschmuck, das holde Drum und Dran.
Dann hoch ber dem Schicksal sang sie den firnen Lieblinginnen ihr Brautlied, erhhte ihnen die Hochzeit, bertrieb ihnen den nahen Gemahl, damit sie sich zusammennhmen fr ihn wie fr einen Gott und auch noch seine Herrlichkeit berstnden. (Rilke.) Manchmal freilich, fr Augenblicke, wirft es sie hin, die tapfere Hymne zerklirrt.  Der Mann macht mir den Eindruck, Gtterkraft zu haben, der dir gegenbersitzt und in deiner Nhe auf deine se Stimme und dein reizendes Lcheln hrt   die Zunge ist mir zerbrochen, feines Feuer berluft die Haut, die Augen sind versunken, mit Macht drhnen die Ohren. Und herunter strmt mir der Schwei, und Zittern fasst mich ganz, blassgrner noch als Gras bin ich, und nur wenig fehlt, dass ich sterbe, Agallis. Aber alles muss ertragen werden  .
Es ist die Tragik im Wesen der gleichgeschlechtlichen Liebe selbst. Wie dem echten Mnnerhelden die Jnglinge abwandern zur Frau, so wechseln der echten Frauenheldin die Mdchen hinber in die Umarmung des Mannes. Die mit _Haltung_  worauf es eben ankommt  und willig zu tragende Tragik. Hier steigt aus dem Frauenreich, der lesbischen Dreieckinsel, ein Wirbel bis zur Verstirnung hinauf, sein Sinnbild ist Phaon, der Glnzende, ein Sterndmon, wie Wilamowitz meint, der nach Westen in schne Untergnge zieht, ein adonisartiges Geschpf, Begleiter der Aphrodite. Adonis aber wird von der Gttin, um ihn fr sich zu bewahren, unter Lattich verborgen; die Wirkung des Lattichs ist gegen aphroditische Potenz gerichtet, so welkt er ihr selber ab. (Wilamowitz.) Lesbische Liebe ist Liebe zu Phaon, dem schnen, dem ewig kalten, das Herrlichste bleibt unfruchtbar im vulgren Sinn, wird Eros der Ferne.
Wie das Satyrspiel stets die Tragdie begleitet, so gibt sptere Legende dem Fhrmann Phaon als Geschenk der Aphrodite in einem Alabastertigel das Mittel ewiger Schnheit. Alle Weiber werden nun toll nach ihm. Er rettet sich vor dem Ansturm hinter Tren, immer neue Tren, jede von einem sehr potenten Dmon bewacht, an dem die Frauen erst vorber mssen. Sappho, ebenfalls selber liebestoll, rettet sich aber, der Sage nach, durch den Sprung vom Leukadischen Felsen in das Meer des Vergessens.
Wieder zu andern Zeiten wurde dann dieser Leukadische Felsen ein Stck Schsische Schweiz des Gefhls. Es gehrte zur Mode, sich als Heilmittel gegen unglckliche Liebe von ihm zu strzen. Allerdings mit Schwimmgrtel und viel angeklebten Federn auf den Armen, um Sturz und Anprall zu dmpfen. Unten wartete immer schon eine Flottille von Khnen auf die Lebensmden; die Selbstmrderrettungsindustrie blieb lange Zeit ein blhendes lesbisches Geschft.
Ein einziger Dichter reicht annhernd an Sappho heran: Anakreon, der Krieger, Trinker, Erotiker. Knabenlieder zur Leier singend, stolpert er umher, denn bei Wasser ist noch niemandem etwas eingefallen, und preist Dionysos: Herr, den Eros, der Jungstier, und die blauugigen Waldmdchen und die purpurne Aphrodite umtanzen, auf den Gipfeln des Gebirges, da du weilst!  Nun wirft mich Goldhaar Eros mit seinem Purpurball und fordert mich auf, mit der Dirne im bunten Schuh zu tanzen. Gut, als Erfahrener, auf der Hhe des Lebens, wei er die Jugend zu kirren: Thrakisches Fllen, was fliehst du mich ohne Mitleid mit scheuem Seitenblick, du scheinst mir noch nichts Ordentliches zu verstehen. Glaub mir, ich knnte dir den Zaum richtig anlegen, mit festem Zgel dich an das Ziel der Bahn zu lenken! Alternd aber frchtet sich das mde, groe Herz: Da treibt mich wieder Eros mit allen Lockmitteln ins Netz, dem man sich nicht entwindet; und sein Blick unter den langen Wimpern ist so schmelzend, ja, ich zittre vor seinem Kommen wie das sieggekrnte Rennpferd, wenn es altert, ungern mit dem schnellen Wagen auf die Rennbahn geht.
Sie, die groe Liebende, aber wird nie schwach, frchtet die ewigen Abschiede nicht, flchtet nie in die Feigheit ausgeflachter Gefhlslagen.

  Wir wissen es wohl, Sterblichen ist nicht vergnnt
  Ihres Daseins Wonne zu halten, doch ser noch scheint
  Leidvolle Sehnsucht nach verlorner Liebe
  Als blasses Vergessen einstigen Glcks.

Nie bricht sie der Flamme die Treue, mag sie ihr auch Haus und Habe verbrennen. Doch das Feuer selber wandert weiter, unbestndig hier, goldrot ber Pindar, der als Greis in den Armen eines schnen Lieblings stirbt.
Unter den neuen Fragmenten ist ein Dialog mit Gongyla, dem Kndelchen, ber den Tod. Sappho hat getrumt, Hermes als Todesbote sei gekommen, sie auf die elysische Seite des Mondes zu fhren, wo sich die Seelen auflsen wie die Krper in der Erde. Ihr ist es recht:

  Nicht mehr lohnt mir das Leben,
  Seit Liebe mich zu verlassen beginnt,
  Bereit bin ich zum Tod
  Trotz anderm Gewinn an Reichtum und Ruhm,
  Nur bitte ich zu meiner Stunde, dass du (Hermes) mich
  Pflanzest in das tauige Tal, um wieder aufzublhn vielleicht
  In Schnheit und Duft, der Liebe herbeizieht,
  Doch mit freundlichem Geschick
  _Nicht unedle, sondern groe Seelen allein_.


 Die Zwei

Goethe sagt einmal, die Sophokleische Antigone sei fr ihn dadurch verdorben, dass alles nur fr den Bruder geschieht, statt fr einen Gatten oder Geliebten. Notwendigkeit, also Tragik fehlten daher fr seinen Geschmack. Das Majorittsurteil eines mnnerrechtlichen Jahrhunderts, sonst nichts! Sehr lehrreich in seiner zeitlichen Enge, gerade bei einem sonst so kordial-umfassenden Geist. Geist kann eben beliebig erweitert werden, weil er nichts mit Temperament zu tun hat, nicht aber Axiome des Gefhls, und um diese geht es hier.
Darius, doch auch kein krummer Hund, empfindet gerade umgekehrt. Diese Gegenberstellung stammt von Briffault, die folgende Erzhlung von Herodot: Die Frau des Ithaphernes stand schluchzend vor dem Herrscher, nachdem ihr Gatte und die ganze Sippe des Hochverrates berwiesen worden waren. Darius lie ihr sagen, er schenke ihr das Leben eines ihrer Angehrigen, damit sie nicht ganz vereinsamt bleibe, sie mge, wen sie wolle, von den Gefangenen whlen. Wenn mir der Knig nur das Leben eines Einzigen gewhrt, so whle ich meinen Bruder, erwiderte sie ohne Zgern. Darius war ber diese Antwort so entzckt, dass er ihr auch noch das Leben ihres ltesten Sohnes schenkte. Der Perserknig stand eben dem Mutterrecht sehr nah; diesem gilt ein Bruder als der einzige Mann, der gefhlsmig zhlt, und auch das nur, um seiner uterinen Ebenbrtigkeit willen. Dem persisch-iranischen Blut des Darius waren die Gesetze der heiligen Geschwisterehe vertraut, Zend Avesta und Ahura Mazda empfehlen sie als besonders lobenswert, und sein eigener Harem enthielt daher Schwestern. Sie gilt als tiefste aller mglichen Beziehungen zwischen Personen verschiedenen Geschlechts, darum ging im amerikanischen Nordamerika die Schwester dem heimkehrenden Krieger entgegen, nicht die Frau, und ihr schenkte er das Liebste aus der Beute. Sie ist nicht tabu, sondern einfach heilig und vertritt berall in primitiven Gesellschaften an Autoritt die Stamm-Mutter.
In Samoa heit sie tamasa = heiliges Kind. In Polynesien, auch wo keine weibliche Erblinie besteht, gilt der _Schwester_ des Huptlings die hchste zeremonielle Verehrung. Wenn ein Hottentotte einen Sklaven peitscht, braucht dieser nur den Namen von seines Herrn Schwester zu rufen, so kann er nicht mehr geschlagen werden.
Die Frau ihrerseits gestattet bei Gynaikokratie mnnliche Einmischung nur in Gestalt eines Bruders, weil er der Ehre gleichen Mutterschoes teilhaftig ist, daher die Vorzugsstellung des Mutterbruders als bergangsstufe von Mutter- zu Vaterrecht und die Gradation der Onkel; nur der Uterine kann Vormund der Neffen und Nichten werden; wo die Schwester ihn nicht selbst heiratet, gilt er oder sein Sohn als idealer Gatte fr ihre Tochter, Ursache der so weit verbreiteten Verbindung von Onkel und Nichte, Cousin und Cousine, wie bei Westhamiten, Beduinen, Tuaregs, berhaupt in ganz Arabien, wo frher Bruder-Schwester-Ehe die Regel war, und durchaus nicht aus konomischen Grnden, vielmehr oft gegen den materiellen Vorteil.
Unaufhrlicher Inzest durch Verbindung mit Vettern ersten Grades gilt als Ideal auch in groen Teilen des prarischen wie arischen Indien, bis in die hchsten Kasten hinauf. Kanyaka-Purana, das heilige Buch der Komatis in Sdindien, zieht ihn jeder anderen Verbindung vor, selbst wenn die jungen Leute schwarz von Haut sein sollten, hsslich, auf einem Auge blind, ohne Verstand, von lasterhaften Sitten, und obwohl weder die Horoskope zusammenstimmen, noch die Omen gnstig sind. Ferner ist Cousin-Cousinen-Heirat die Regel auf Ceylon bei den Singhalesen, in Assam, Nordbirma, vielen Teilen Chinas, Australiens, bei einer Reihe mongolischer Stmme, in Afrika bei den Hereros, Aschantis und vielen anderen. Unter den Dayaken auf Borneo schlieen regelmig Vollgeschwister die Ehe, ebenso bei vielen Beduinenstmmen, auch den Bergbewohnern in Java, und zwar dort seit unvordenklichen Zeiten. berall sind diese reinsten Inzestrassen zugleich die schnsten, ebenmigsten und gesndesten. Auch von einem Nachlassen der Fruchtbarkeit kann nicht die Rede sein.
Dabei ist zu unterscheiden: Geschwisterehen knnen bevorzugt werden, _weil_ sie fr Inzest, oder weil sie _nicht_ fr Inzest gelten. Wo Blut- und Rassegefhl hochstehen, bleibt die Ehe von Vollgeschwistern erlaubt, bei allen Mutterrechtsvlkern ohne Unterschied dagegen die Ehe von Halbgeschwistern des gleichen Vaters, denn sie gelten als keineswegs verwandt. Auch im platonischen Staat mit seinem Naturrecht ist Geschwisterehe gestattet.
Selbst unter rgster Gynaikokratie, jener der Beni Amer etwa, wo der Mann vllig unterjocht, misshandelt, verhhnt wird, fr alles Strafe zahlen muss, wo die Frau sich schmen wrde, ihm bei Krankheit zu helfen, bei seinem Tod zu trauern, ist die Liebe der Schwester zum Bruder sehr groߓ. (Munzinger.) Auf Madagaskar werden die Gatten sehr schlecht behandelt, Zrtlichkeit oder Rcksicht existieren nicht, doch bindet tiefste Liebe die Schwester an den Bruder. Auch unter den mutterrechtlichen Hamiten Nordafrikas hrte Frobenius viele Klagen der Mnner, sie glten ihren Frauen so wenig, die Brder alles, genau wie bei den Tuaregs der Sahara. Die arabischen Damen der Hochkultur betonten immer wieder, sie hielten einen Bruder fr etwas weitaus Nobleres und Besseres als den Geliebten; ihnen wie lteren Schwestern begegnen zu drfen, galt somit als Auszeichnung besonderer Art. Die frharabische Kultur ein Matriarchat zu nennen, trifft daher etwas neben den Kern. Wiewohl sie matriarchalische Rechtsformen hatte, waren ihre Lebensformen die von Tchtern, nicht von Mttern; die Dominanz der Frauen war sich gleich geblieben, doch die dominierenden Frauen hatten gewechselt. Welcher Unterschied gegen Assam, Sumatra, den alten Urweibclans oder afrikanischen Reichen, wo eine Kniginmutter, wie der Weisel des Bienenstaates, Mittelpunkt und Bindung der sozialen Vereinigung ist. Arabien gehrt bereits den Zwitter- und Geschwisterreichen mit Vormachtstellung geliebter Schwestern an.
Hier liegt auch der seelische Weg zum dynastischen Inzest Perus, Phnikiens, Persiens, Kariens, Hawais, Mexikos, besonders aber gyptens, wo er erwiesenermaen fnftausend Jahre lang bestand. Frazer nimmt in all diesen Reichen mit Mutterrecht an, ehrgeizige Shne htten ihre Schwestern geheiratet, um durch diese allein erbberechtigten Frauen hindurch ihre eigenen Nachkommen thronfhig zu machen, und spter diese priesterlichen Prinzessinnen des dynastischen Clans als ihre Vestalinnen eingesperrt, schlielich ganz beiseite gedrngt. Wie aber wre ihnen das anfnglich mglich gewesen, bei priesterlicher Herrschaft der Frauensippe und ihrer magischen Macht im Volk jenes hchste Recht der Gynaikokratie: die freie Verfgung ber sich selbst, zu brechen, ein Recht, dessen Verletzung, wie die Sage der gyptusshne lehrt, sofort mit dem Tode bestraft wird. Dynastischer Inzest, fhrte er auch spter zu gewaltsamem Umsturz und Vaterrecht, ursprnglich war er nur mglich, weil gefhlsmig von weiblicher Seite gefrdert. Die brderliche Werbung wurde eben jeder anderen vorgezogen. Artemisia von Karien htte bei erzwungener Ehe die Witwenschaft nicht tief genug treffen knnen, um sie zum Thron- und Weltverzicht zu bringen. Bei Matriarchat ist eben der Bruder jener einzige Mann, der zhlt, ihm fehlen Liebe und Zrtlichkeit nie, auch dort, wo der nur sexuell bentzte blutfremde Gatte nichts oder nur wenig gilt. Und wie altiranische Religion die Schwesternehe empfiehlt, wie Indianer, Samoaner, Hottentotten stets Schwestern als heilig geliebteste Frauen nennen, so wandelt sich bei dynastischem Inzest erstmalig das Mutterrecht zum _Schwesternrecht_. _Die uterine Bindung hat sich fr den Mann um eine Generation nach vorwrts verschoben._

 gypten
hat auf dieser Welt das Doppelstern-System der herrschenden Herzgeschwister, die zweifache Narzissblte, am lngsten und harmonisch reinsten gelebt. Mythisch schon in Rheas Mutterleib liebt sich das Zwillingspaar: Isis und Osiris. Nach Horas, ihrem Sohn, geistern vierundzwanzigtausend Jahre lang prdynastische Dynastien, die geheimnisvollen Horschemsu, Folger des Horas, aus dem Abgrund der Tradition herauf; an ihrem oberen Saum steht als berhaupt lteste gyptische Inschrift, um 5000 v. Chr., der Name einer Knigin: Ha, Frau des Horus Ka. Der zweite Frauenname ist Neith-Hetep. Ihn trgt eine Prinzessin von Sais und Knigin von Untergypten. Sie und ihr Gatte Namar von Obergypten vereinen zuerst die rote und die weie Krone der beiden Nillnder, ihr Sohn ist Mena. Hier beginnt die erste historische Dynastie des Doppeldiadems, mit ihr die weise Nilregulierung  sie hielt bis in unsere Zeit, erst der weniger weise Staudamm von Assuan hat sie und das Klima ruiniert  Memphis kam ins Blhen, zugleich wurde dem ganzen Volk Religion und Kult gelehrt, der Gebrauch feiner Tisch- und Bettwsche, wie jede Art anmutiger und luxuriser Lebenshaltung. Volk heit hier im ganzen gewiss weit weniger als hunderttausend Leute, mehr gab es nicht, mehr braucht es nicht zur Kultur; erst erkrankende Zivilisation wird, und zwar mit bestrzender Regelmigkeit, zur Massenaffre.
Dann ist in dieser ersten Dynastie noch von einer Knigin-Mutter Shesh die Rede, uns bekannt durch das Rezept einer Haarwuchspomade, von ihrem Sohn Teta fr sie gebraut aus den wirksamen Bestandteilen je eines pulverisierten Esels- und Hundehufs, mit Datteln und l verkocht. Noch zu Diodors Zeit, viertausend Jahre spter, gehrt auer Wschewaschen und Bettenmachen das Bereiten von Pomaden fr Haar- und Krperpflege zum mnnlichen Pflichtenkreis.
Jener Anfang gyptens, die mythische Liebe des gttlichen Zwillingspaares in Rheas Mutterleib, beweist, wie richtig die Psychoanalyse gerade diese erotische Anziehung als ganz nahe der Wurzel gewachsen erkannt hat, wie wenig richtig dagegen ihre Auffassung ist, der Mythos spiegle das im Leben Verbotene als Wunschtraum erfllt. Nie traf Geschwisterehe in gypten irgendein Verbot. Sie war Tausende von Jahren lang bei hoch und nieder das fast philisterhaft Korrekte. Htte sich hier allerdings der Wunschtraum just auf den Ort der Begattung kapriziert, dann wre er wohl nur im Mythos erfllbar gewesen, und die Psychoanalyse bliebe im Recht. Rheas Leib ist aber hier ganz ohne Zweifel zugleich auch uteriner Kosmos, den im mutterrechtlichen gypten keiner verlsst. Auch der lebendige Name jedes Pharao bleibt vom schtzenden Uterus: dem Knigsring: der Kartusche, heilig umschlossen, und jeder Herrscher lsst, wie man in anderen Lndern Gedenkmnzen schlgt, bei wichtigen Ereignissen eine neue Serie Skaraben verbreiten, das mutterrechtliche Reichssymbol, in dem sich alles abspielt. Es ist sehr schade, dass bei Psychoanalytikern ein gewisser Mangel an allgemeiner Bildung nicht gar selten ihrer Mhe Wert vermindert; welcher Segen kann etwa auf einer Analyse Amenophis IV. ruhen, wo es anlsslich seines Familienlebens mit der eleganten Nofretete und ihren sechs kleinen Tchtern heit: Leider blieb der heiersehnte Thronerbe aus. (Karl Abraham{141}, Imago.) In gypten gibt es keinen heiersehnten Thronerben, weil sich der Thron ausschlielich in weiblicher Linie forterbt.
Whrend jede Prinzessin des herrschenden Hauses mit allen kniglichen Wrden und Titeln geboren wurde, gewann ein Prinz diese erst am Krnungstag, konnte aber nur gekrnt werden als Gatte einer kniglichen Schwester. Nur sie trgt das dynastische Totemtier: den Goldhorus, in der Krone, weil das mystische Gottesgnadentum auf ihr ruht. _Sie_ herrscht, _er_ regiert, sie inspiriert, er fhrt aus, als Huptling-Bruder der Priesterin-Schwester im Doppelsternsystem der heiligen Herzgeschwister. Pharaonen und englische Rennpferde sind daher die am hchsten ingezchteten Rassegeschpfe der Welt und vielleicht die schnsten. Von blen Folgen nie die Spur.
{141: Karl Abraham (18771925), deutscher Neurologe, Psychiater und Psychoanalytiker. _Imago_ war die von Sigmund Freud herausgebene Zeitschrift fr Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften.}
Der Unterschied zwischen Herrschen und Regieren ist auf Inschriften deutlich formuliert. An der Isissule steht: Was ich zum Gesetz erhoben habe, kann niemand auflsen. An der des Osiris nur: Kein Ort ist in der Welt, wohin ich nicht gekommen wre, um meine Wohltaten berall auszuteilen. Der Name Osiris: hes iri, bedeutet Auge der Isis, ist also ein Teil von ihr, der wache, waltende, berblickende. Jede Knigin vertritt die Isis. Auch Kleopatra noch: Sie zeigte sich dem Volk in Isis Gewand, Antonius folgte ihrem Thronsessel zu Fu. Die Schilde der rmischen Soldaten trugen Kleopatras Namen, als Herrin ragte sie ber ihren Osiris-Gemahl (Antonius) hervor. ber der Rhamses-Statue wiederum ist zu lesen: Ich komme zum Vater im Gefolge der Gtter, welche er immer in seine Gegenwart zulsst. ber jener der Knigin: Siehe, was die Gttin-Gemahlin spricht, die knigliche Mutter, die Herrin der Welt. Sie selbst ist Gttin und Herrin der Welt, er erscheint im Gttergefolge.
In der 18. Dynastie musste sogar der gromchtige Thutmosis I. nach dem Tod seiner Frau abdanken zugunsten eines Backfisches, der Tochter Hatschepsut, wiewohl er zwei Shne hatte und selbst reinen Blutes war durch seine Mutter Ahmes und zur Urgromutter sogar Nefertari hatte, die noch achthundert Jahre lang in eigenen Tempeln mit eigener Priesterschaft Verehrte. Unter Nefertari und ihrem Brudergatten wurden nmlich die Hyksos aus gypten vertrieben. Dieser Zuwachs an Ahnenruhm kam aber nicht Thutmosis, dem mnnlichen Nachkommen, sondern weit mehr Hatschepsut zugute. Ihre Titel sind: Knig von Nord und Sd, Sohn der Sonne, Goldhorus, Schenker der Jahre, Gttin der Aufgnge, Herrin der Welt, Dame beider Lnder, Beleberin der Herzen, Hauptgattin des Amon, sie die Mchtige. Jede Prinzessin war auch geborene Gattin eines Gottes: des _Gautotems_, war ex officio seine Priesterin und bis zum Eintritt der ersten Menses, dem zwlften Jahr etwa, zur Tempelprostitution verpflichtet, denn jeder Fremde, der sie im heiligen Bezirk aufsuchte, galt als Vertreter des erffnenden Gottes und himmlischen Brutigams. Auch der Pharaobruder war ihr Gatte nur als zeitweilige Inkarnation der Gottheit.
gypten hatte Weltgtter und lokale Gaugtter, diese meist uralte Tiertotems, teils weiblich, teils mnnlich. Der Gaugott der jeweiligen Residenz, Sais, Heliopolis, Memphis, Theben, wurde dann naturgem besonders mchtig, in Heliopolis also R, jene Sonne, die von der Weltgttin Neith parthenogenetisch geboren wird. Was da ist, was da sein wird und was gewesen ist, bin ich, meinen Chiton hat keiner aufgedeckt, die Frucht, die ich gebar, war die Sonne. Aus der Heliopoliszeit stammt der Ausspruch: Sonnenblut fr die Pharaonenrasse. Als Sohn der Sonne erhebt sich aber auch selbstndig das Mnnliche, inkarniert im Bruder-Gatten, dem Pharao. Unter den groen Dynastien von Theben (Luxor), denen Hatschepsut angehrte, wuchs der dortige Gautotem Amon derart an Bedeutung, dass er den R absorbierte und dann Amon-R hie. Nennt sich Hatschepsut Hauptgattin des Amon, so bedeutet das die heilige Vereinigung, den hieros gamos mit dem Gaugott der Provinz Theben, der als Totem zugleich ihr Ahne ist. Als Symbol der heiligen Vereinigung von Prinzessinnen mit dem Mondstier Apis wurde ihnen ein einbalsamierter Stierphallus mit ins Grab gegeben.
Hatschepsut war eine jener Frstinnen, die nicht nur herrschten, sondern auch ihr Recht zu regieren selber ausbten, statt es, wie sonst blich, dem Brudergatten, hier Thutmosis II., zu bertragen. Als Witwe erlaubte sie ihrem Neffen und Schwiegersohn, Thutmosis III., ebensowenig dreinzureden, so wurde er zum neidischen Feind, lie nach der Knigin Tod deren Kartusche an dem bestaunenswerten Tempel zu Deir-el-Bahari in den thebanischen Bergen, den Sphinxen-Alleen, den Obelisken zu Karnak herausmeieln und flschte seinen eigenen Namen als Erbauer hinein. Diese lokale Infamie ntzte ihm aber nichts, denn vom Delta bis nach Assuan hinauf, von den libyschen Bergen bis zum Sinai stehen auf Papyri und Denkmalen ihre Taten verzeichnet.
Hatschepsut rstete auch die Expedition zu den Weihrauchleitern des Landes Punt, heute als Somalikste lokalisiert. Der Tradition nach waren schon Vorfahren der alten gypter dorthin gezogen, doch spter gerieten Land und Weg wieder Jahrtausende lang fast in Vergessenheit. Die Flotte der Knigin kam zwei Jahre nach dem Auslaufen im Triumph zurck, beladen mit Geschenken des Prinzen von Punt; was man einander halt in Afrika so schenkt: natrlich Gold, Elfenbein und Ebenholz, grne Affen, Sklaven, Giraffen, Windhunde, Leoparden, schlielich waren noch einunddreiig enorme Weihrauchbume samt Wurzelballen und Erde an Bord, denn sie sollten im Tal von Theben angepflanzt werden. An der Somalikste hatte die Expedition, als Besttigung heimatlicher Saga, auch richtig eine hellhutige Bevlkerung getroffen, den gyptern selbst hnlich, also offenbar Hamiten. Afrika war damals in der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends eben noch lange nicht so verniggert wie heute.
Zug und Heimkehr sind bezaubernd, wie ein alter Gobelin, auf der Terrassenwand von Deir-el-Bahari zu sehen samt erluterndem Hieroglyphentext, der, selbst ein Wunderzug dekorativer Symbolbilder, den ersten begleitet. Im prdynastischen gypten scheint es dagegen keine Bild-, sondern Linearschrift gegeben zu haben. Die Hieroglyphen, bei aller Stilpracht, waren schrifttechnisch vielleicht ein Rckfall.
In Hatschepsut und Semiramis fliegen die Schicksale zweier genialer Herrscherinnen, da sie verschiedenen Kulturkreisen angehren, zu Gegenstzen auseinander. Die Asiatin muss sich mit Weibchentricks oder auf damenhaften Schleichwegen hinauflcheln, hinauflieben, hinaufheiraten, hinaufscheiden zu jener Macht, wo sie endlich zeigen kann, was alles in ihr steckt; bei ihren Werken auf lange Sicht braucht es bald wieder Tricks und Schwindel, denn nur als ihr eigener Sohn verkleidet und gekrnt darf sie vollenden, was sie begann, um dann in einem politisch schwachen Augenblick, nach dem Zug gegen Indien, der Heimkehr Napoleons aus Russland hnlich, von den Shnen entthront zu werden. Verwundet, zrnend, taubenhaft, immer aphroditisch betont, verschwebt sie schlielich dem Mythos in die Ur-Aphrodite selbst. Die gypterin dagegen, ganz oben hingeboren als Verkrperung einer zugleich weltlichen und spirituellen Macht, von deren Gestrahl es heute keine annhernde Vorstellung mehr gibt, sieht schon als Backfisch den reifen Vater und groen Pharao vor ihrem lteren Gnadentum abdanken. Dann steht dieses Mdchenkind da, ganz kompromissfrei, niemandem verantwortlich, die halbe damals bekannte Welt ihr Besitz und Tatenfeld, ihre junge Spannkraft erwartend, dabei selbst von prachtvoller Rasse, mit Zucht und Richtung im Blut und dem vielleicht Besten am Schicksal: dass alles dies sich bietet inmitten reiner Gre, einer Kultur von langem Atem, schon voll Form, doch voll noch von Impulsen, jedes Ding eine Herrlichkeit in Harmonie mit jedem anderen; alle aber, von den Pyramiden bis zu den Schmuckdschen, sind sie von lange her und gleichgewachsen mit der eigenen Erbbahn der jungen Knigin. Ihr freies, groes, vllig verwirklichtes Dasein lag berdies zur Gnze auf einem steigenden Stck gyptischer Schicksalsbahn. Das einzige, was vielleicht an dynastischem Bluterleben fehlte, war diese schon beinahe himmelskrperliche Sphrenharmonie der bruder-schwesterlichen Vollwelt, denn ihr Brudergatte war zu unbedeutend und starb lange vor ihr.
Nicht, dass Hatschepsuts Frauendasein deshalb kalt verlaufen wre. Viel ist auf Denkmlern von ihrem groen Architekten Senmut die Rede, einer der ersten Persnlichkeiten jener Zeit. Er schnitt ihr die Terrassen und Tempel aus dem libyschen Fels, als vielleicht khnste Landschaftsarchitektur der Welt, errichtete die Karnak-Obelisken, war kniglicher Siegelbewahrer und Erzieher der kniglichen Kinder. Auf seiner Stele in Assuan steht er vor der Knigin und wird von ihr genannt: Gefhrte hochgeliebt, Hter des Palastes, Hter des Herzens der Knigin, der die Dame beider Lnder zu befriedigen vermag und macht, dass alle Dinge sich nach dem Wunsch Ihrer Majestt ereignen. Offenbar fand niemand etwas an dieser ffentlichen Aufzhlung so diskreter Verdienste und mter. Wie berhaupt nichts falscher sein knnte, als die gypter, weil sie berhmt sind fr Basalt, Porphyr, Pylonen und Mumienprunk, am Ende fr schwer, kahl, kalt, steif und dster zu halten. Sie waren eine der heitersten Menschenarten, verliebt in Anmut, Blumen und Musik. Gebude wie Frauen waren das ganze Jahr geschmckt mit frischen Lotosknospen, Weinbecher und Gste bei Festen bekrnzt, alle Rume voll Blumenarrangements in Alabaster- und Goldgefen oder solchen aus blauem und grnem Email; Gesang klang aus jedem Haus, hoch und toll ging es bei Phallus-Umzgen her, niemand war arm, niemand in Not. Die reicheren Heime hatten auerordentliche Bett- und Wschekultur, auch jene langen, grazisen Recamier-Chaiselonguen, berhaupt wenige, niedrige, auerordentlich gut gewhlte Empire-Mbel, viel besser als die in der Malmaison, und viele Lederkissen, mit Taubenflaum gefllt. Getragen wurden meist plissierte, fufreie Rcke aus Leinwand oder durchsichtigem Schleierstoff, dasselbe Material ber der Brust gekreuzt, keine oder flieende rmel, nie Hte, aber raffiniert geschnittene Sandalen fr die schmalen, feinen, trockengebauten Fe. Trotz so einfach stilisierter, nur reinem Kontur dienender Tracht betrug das Toilettengeld einer Knigin doch dreihundertundsechzigtausend Silbertalente jhrlich; allerdings wechselten gypterinnen den echten Schmuck so oft wie Europerinnen jetzt den falschen.
Eine Rasse von beispielloser Krperkultur! Was allerdings eine rein zivilisatorische Angelegenheit ist und deshalb gerade jetzt von uns gerne berschtzt zu werden pflegt. Nicht nur waren Haut, Haare, Zhne, Augen, Brauen, Wimpern, Hand- und Fungel meisterhaft gepflegt, wurde die Gesamtmuskulatur tglich massiert, friktioniert, geduscht, gelt, die Dit geregelt, auch innere Reinheit verstand sich von selbst. Der Pharao durfte brigens nur weies Fleisch essen und lebte beinahe abstinent.
Drei Tage im Monat gebrauchen sie Darmbder, abfhrende Mittel und Erbrechen, berichtet Herodot, und schon aus den ganz frhen Papyri ergibt sich hnliches. Zu Diodors Zeit war es noch strenger: Um Krankheiten vorzubeugen, pflegen sie des Krpers mit Klystieren, Fasten und Brechmitteln, manchmal Tag fr Tag, zuweilen setzen sie aber auch drei bis vier Tage aus. Dann sagt er jedoch noch etwas anderes, was von ganzen Generationen unserer gyptologen mit unglubiger Verachtung gestraft wurde, nmlich: Unter den Brgern ist der Gatte nach dem Ehevertrag das Eigentum der Frau, und es wird zwischen ihnen festgesetzt, dass der Mann der Frau in allen Dingen gehorchen soll. Heute, da drei- bis vierhundert Ehekontrakte aus verschiedenen Zeiten vorliegen, ist Diodors Angabe nicht nur besttigt, sondern weitaus berboten. Er hat hier eher _unter_- als bertrieben. Ich beuge mich vor deinen Rechten als Frau, heit es in so einem Dokument. Vom heutigen Tag an werde ich mich nie mit einem Wort deinen Ansprchen widersetzen. Ich erkenne dich vor allen als meine Gattin an, habe aber selbst nicht das Recht, zu sagen: Du hast meine Gattin zu sein. Nur ich bin dein Mann und Gatte. Du allein hast das Recht, zu gehen.  Vom heutigen Tage an, da ich dein Gatte bin, kann ich mich deinem Wunsch nicht widersetzen, wo immer es dir hinzugehen belieben mag. Ich gebe dir (folgt die Liste der Vermgenswerte). Ich habe keine Gewalt, dir in irgendeine Transaktion dreinzureden. Meine Rechte an jedem Dokument, das von irgendwelchen Personen zu meinen Gunsten aufgesetzt wurde, habe ich dir hiemit zediert. Du hltst mich gebunden, jede solche Zession anzuerkennen. Sollte mir also irgend jemand Gelder einhndigen, die jetzt dir gehren, so habe ich sie an dich ohne Verzgerung und ohne Widerstand abzuliefern und dir weitere zwanzig Ma Silber, einhundert Schekel und noch einmal zwanzig Ma Silber zu zahlen.
Das mit dem Gehorsam des Mannes gegen die Frau war eine stehende Klausel, sie wurde automatisch jedem Ehevertrag eingefgt. Ja, zum Geier, denkt der Leser hier mit Recht, warum ist denn der Schwachkopf darauf eingegangen? Weil er sich vom Matriarchat befreien wollte. Gerade das Bestreben nach patriarchalischer Nachfolge fhrte, wie Briffault zeigt, paradoxerweise zur Verschrfung weiblicher Macht, ja zur vlligen Versklavung des Mannes; denn wollte er, dass seine Kinder ihn beerbten, musste er alles zu Lebzeiten der Frau schenken und sich jeder ihrer Bedingungen fgen, weil nur durch die weibliche Linie Besitz weitergeleitet werden konnte; sonst fiel alles, was er erwarb, an die Kinder seiner Schwester. Wo der Mann keine Familie grnden kann, da hat er meist Talent und Zrtlichkeit fr sie. Solche Spe erlaubt sich die Natur gerade gern mit ihren bravsten Wesen. Am gescheitesten fr den gypter, er heiratete gleich die Schwester, dann waren deren allein erbberechtigte Kinder wenigstens seine eigenen. Dies der patriarchale Grund gyptischer Geschwisterehe in allen Stnden; durch Jahrtausende, sogar bis ins zweite nachchristliche Jahrhundert, machte sie noch die berwiegende Majoritt aller geschlossenen Verbindungen aus. Das wre aber nie mglich gewesen ohne jenen tiefen Herzenshang der Zwei. Etwas monoton? Aber wieso denn? Er konnte ja auerdem Sklavinnen haben, sie Mnner, denn die Scheidung hing allerdings einseitig vom Willen der Gattin ab, war jedoch, wenn sie zustimmte, Privatsache, die reine Bagatelle, so dass praktisch sukzessive Vielweiberei und Vielmnnerei herrschten.
Wie stets beim Mutterrecht, erscheint auch in gypten die Frau als werbender Teil. In sechzehn unter zwanzig erotischen Gedichten gehen die Avancen von ihr aus. Sie fensterlt und meldet den Erfolg: Ich habe meinen Bruder in seinem Bett gefunden. Mein Herz ist glcklich ber die Maen.  Auch wo weibliche Lyrik Finanzielles besingt, fehlt es den Damen nicht an klarer Rede. Die Dichterin eines Werbeliedes aus der Zeit Rhamses II. verkndet offenherzig ihrem Freund: Oh, mein schner Liebling! Meine Sehnsucht geht dahin, als deine Gattin zugleich die Herrin all deiner Besitztmer zu werden. Bei Realitten war das automatisch der Fall. Baute der Mann ein Haus oder erwarb eines, so ging es sofort in den Besitz der Frau ber. Verglichen mit einer Dame des alten, mittleren oder neuen Reiches, sind also die gewiss rechtlich bestgestellten Frauen unserer Tage, die Amerikanerinnen im Frauenparadies Amerika, geradezu klglich dran. Whrend heutigentags so ein Girl stets nur eine Tranche des mnnlichen Vermgens aus jeder Ehe mit sich nehmen kann, lie in gypten bereits der erste Verlobte sein ganzes Hab und Gut auf den Namen der Braut berschreiben. Da sich diese dann im Heiratskontrakt das alleinige Recht auf Scheidung vorbehielt, konnte sie den Mann, der selbst whrend der Ehe im Haus nur als privilegierter Gast galt, ohne Angabe von Grnden einfach aus Haus und Besitz weisen, die er ihr eben zugebracht. Der Unterzeichnung des fatalen Kontraktes ging zwar meist eine unverbindliche Probeehe voraus, und fhrte sie zu nichts, brauchte der Mann nur eine bestimmte Abstandssumme zu bezahlen, da aber auch Schwangerschaftsunterbrechung stets vllig frei gebt wurde, hatte ein Probegatte wohl nicht viel Aussicht auf Vaterschaft, ehe er den Vertrag in gewnschter Form unterschrieben hatte, samt der famosen Gehorsamklausel. Auch dann folgten Kinder dem Stande der Mutter und fhrten meist ihren Familiennamen allein.
Gerade in gypten scheinen die Mnner besonders kinderlieb gewesen zu sein, whrend Mutterrecht auch dort, genau wie anderswo, gar nicht so kuhwarm ist, wie es klingt. Suglinge wurden sofort zu knstlicher Ernhrung und Pflege den Mnnern bergeben, die sich als dry nurses eminent bewhrten. Amme war ein ausschlielich mnnliches Ehrenamt bei Hof, eine der hchsten mnnlichen Wrden das Aufziehen der neugeborenen Prinzen und Prinzessinnen. So hie der Frst von El Kab unter Amenhotep I. die Amme des Prinzen Uadmes; der Gigolo der Knigin Chnemtomun die Amme der Prinzessin Ranofre. Die Mnner besorgten auch das Waschen der Wsche, das Bereiten des Bettes zur Liebe und der Pomaden fr Haar- und Krperkult.
Bei matrilokaler Ehe und mannigfachem Berufsleben der Frau wird es begreiflich, dass sie vielfach den Wohnort bestimmte, darum erklrt auch Rhamses III.: Der Fu einer gyptischen Frau kann wandern, wohin es ihr gefllt, und niemand kann sich ihr widersetzen. M. Mller{142} hat schon recht, wenn er die gypterin vorchristlicher Jahrtausende moderner und khner fortgeschritten nennt als die modernste Frau der Gegenwart. An Karriere stand ihr, besonders bis zur 12. Dynastie, einfach alles offen. Vor wie nach der Heirat konnte sie Priesterin werden, was nicht Nonne bedeutet, sondern nach Rang und Einkommen etwa Erzbischof oder Kardinal.  Wir kennen in allen Details die Laufbahn eines solchen Girls vor viereinhalb Jahrtausenden, das, aus kleinen Verhltnissen stammend, als Brofrulein im Geschft ihres Vaters begann, spter in den Verwaltungsdienst trat, bald Statthalter des Fajum wurde und, was merkwrdiger ist, Oberkommandant der westlichen Streitkrfte. Dazu kamen noch Generalgouvernat und Oberbefehl in Kynopolis und an der stlichen Reichsgrenze. Dieses junge Mdchen wurde in relativ kurzer Zeit eine der mchtigsten, angesehensten und reichsten Persnlichkeiten des Landes; ganz aus eigener Kraft.
{142: Vermutlich Wilhelm Max Mller (18621919), deutsch-amerikanischer Orientalist, gyptologe und Lexikograph.}
Doch zeigt sich eine Tendenz, die matriarchale Ordnung abzubauen, durch die ganze soziale Geschichte hin. Das beginnt mit der Abnahme der magischen Funktion. Whrend sich in den ersten Dynastien Frauennamen in hohen Priesterstellen sehr hufig finden, verschwinden sie nach der 12. Dynastie, mit Ausnahme jener der Prinzessinnen in ihren ex officio bekleideten liturgischen mtern. Eine Reihe weiblicher Religionsgenossenschaften mit groen Latifundien und hochdotierten Posten gibt es zu Theben allerdings weit spter auch, doch ist ihr Sinn noch vllig rtselhaft. In Wirklichkeit hat gypten nie vom Matriarchat gelassen. Als im 8. vorchristlichen Jahrhundert eine nubische Dynastie ihr Thronrecht auf Grund der Abstammung von einer legitimen Prinzessin durchsetzte, steigerte sich unter dieser Herrschaft das kulturvoll elegante Frauenrecht sogar wieder ins Afrikanisch-Barbarische. Jedem Pharao waren damals zwei groe Kniginnen zur Regierung beigegeben, von denen die eine zu Hause in Napata, die andere in Theben residierte. Aus dieser Periode stammt der Name Kandake fr Kniginmutter, wie er spter als Symbol der Frauenmacht in den Alexanderromanen eine solche Rolle spielt. In Nubien selbst bestand die Gynaikokratie bis ins Mittelalter hinein. Als unter den Ptolemern griechische Gesetze in gypten eingefhrt wurden, blieben sie toter Buchstabe, das Mutterrecht berwand praktisch den ganzen Hellenismus und hielt sich bis zum Islam. Die gnstige materielle Position seiner Frauen ist ein Rest alten Matriarchats.
Weibliches Erbrecht brachte allerdings auch Pflichten, so die Versorgung alter Verwandter und die bernahme der Liturgien: gewisser unbesoldeter Ehrenmter, wie sie an die Familie gebunden waren. Griechenland, in klassischer Zeit schon ganz mnnerrechtlich, bestaunte spttisch dieses Frauenreich, die Weiberknechte am Nil. Herodot spricht von verkehrter Welt; nach ihm, der alles sieht, verrichten die Geschlechter sogar ihre Bedrfnisse umgekehrt, sitzend die Mnner, stehend die Frauen. Ihn amsiert das Fremde, Sophokles entrstet sich: Ha, wie sie ganz die Sitten des gyptervolkes nachahmen in des Sinnes und des Lebens Art! Dort hlt das Volk der Mnner sich zu Haus und schafft am Webstuhl, und die Weiber fort und fort besorgen drauen fr das Leben den Bedarf.  Besonders eingehend hat Diodor sich mit gypten befasst, den mutterrechtlichen Charakter der kniglichen Familie sehr richtig besprochen und mit seiner Behauptung ber die Ehevertrge so triumphiert, wie ein Historiker es sich nur wnschen mag. Nicht stimmen kann indessen jene Angabe: Die Frauen verwalteten alle obrigkeitlichen und ffentlichen mter, die Mnner besorgten, so wie bei uns die Hausfrauen, das Hauswesen. Damit stehen die genauen Berichte zu vieler Papyri, die Listen zu vieler hohen Wrdentrger und Heerfhrer und die gesamte Skulptur im Widerspruch. Auch die Armee war berwiegend mnnlich, die rzteschaft gleichfalls. Mnner versahen also _mindestens_ in gleicher Weise wie die Frauen obrigkeitliche und ffentliche mter, was natrlich nicht ausschliet, dass sie, wie Diodor weiter bemerkt, dem Willen ihrer Gattinnen gem lebten. Darber belehrt ein kleiner Papyrus aus der Rhamessidenzeit, also vom Anfang des neuen Reiches. Ein thebanischer Witwer beschwrt in diesem interessanten Dokument schlotternd seine verstorbene Frau, als Gespenst doch gndigst von ihm abzulassen. Schmeichelnd nennt er sie erhabener Geist, erinnert an alle Rcksicht, die er ihr zeitlebens erwiesen, wie er sie gewiss nie vernachlssigt, nachdem er die famose Stellung am Hof des Pharao erhalten, vielmehr jeder ihrer Launen sich gefgt, auch keine Audienz bewilligt habe, der sie nicht vorher zugestimmt. Was immer sie mir brachten, das bergab ich dir, beteuert er. Nie habe ich etwas heimlich versteckt oder fr mich zurckbehalten.
Mag sich auch ein weibliches Gespenst ab und zu eklig benommen haben  tot sein verdirbt eben die Laune , lebende Frauen, deren Abbilder so beispiellos hochbeinig, lieblich und geduldig kultiviert ber Kilometer von Reliefs dahinstehen, scheinen ihre Macht nicht berarg missbraucht zu haben. Wenn ich dich als Gatten entlasse, erklrt eine junge Dame gromtig in ihrem Ehekontrakt, indem ich dich hassen oder einen anderen mehr lieben gelernt habe als dich, so gebe ich dir die Hlfte deiner Mitgift zurck, auerdem einen Teil von allem und jedem, was ich mit dir erwerben werde, solange du mit mir verheiratet bist.
Nur in Theben waren sie toll aufs Geld. Nicht nur das ganze Vermgen und alle knftigen Erbschaften des Gatten brachten sie bei der Eheschlieung an sich, sondern in Form von jhrlichen Apanagen auch, was dieser spter sich verdienen mochte, so dass mancher Mann, um nach der Scheidung vor dem Verhungern geschtzt zu sein, seinerseits im Kontrakt es sich fr den uersten Fall ausbedang, bis zum Tode der Frau ernhrt und dann anstndig begraben zu werden. Toilettengelder erhielt er ja berhaupt von ihr. Die ihren Mann kleidet, war die frheste Bedeutung des gyptischen Wortes: Frau.
Warum in Geschichtswerken von alledem recht wenig steht, hchstens ab und zu etwas von auffallend freier Stellung des Weibes? Gerade die meistgelesenen stammen noch vom Anfang des [20.] Jahrhunderts, als vieles noch nicht entziffert, Entziffertes aber bei damals einseitig mnnerrechtlicher Betrachtung als unglaubwrdig oder Ausnahme, am liebsten als Entartung, abgelehnt wurde. So ein Privatdozent, in seinem Universittsnest von Jugend an, also ums Jahr 1880, gewohnt, dass seine Frau ihn jede Woche um das Wirtschaftsgeld ersuchte, verschloss den Sinn vor derart fremder Welt. Er nannte das: kritische Sichtung des historischen Materials. Bei hnlichem Anlass sagt Shaws Csar mild: Verzeiht ihm, er hlt eben die Vorurteile seiner kleinen Inselsippe fr die Gesetze der Natur. Wren die gyptischen Mnner nun eine trbe Brut gewesen, so htte das Vorzglichere ihrer Position die Frau weder beglckt, noch sich fr sie gelohnt. Doch diese Eliterasse, gro, schlank, mnnlich, kultiviert, begehrenswert ber die Maen, nahm es, man wage herzhaft die Vermutung, mit jeder Professorenrasse auf.
Von ihrer Weisheit noch ein letztes Wort. In dem vielleicht ltesten Buch der Welt, den Maximen des Ptah-Hotep, eines Philosophen aus dem Jahre 3200 v. Chr., sagt der prchtige Mensch: Wenn du weise bist, so behalte dein Heim, liebe deine Frau und streite nicht mit ihr. Ernhre sie, schmcke sie, salbe sie. Liebkose sie und erflle alle ihre Wnsche, solange du lebst, denn sie ist dein Gut, das groen Gewinn bringt. Hab acht auf das, was ihr Begehr ist und das, wonach der Sinn ihr steht. Denn auf solche Weise bringst du sie dahin, es weiter mit dir zu halten. Opponierst du ihr aber, so wird es dein Ruin sein.


 Theorien ber das Mutterrecht

    Wo die Probleme gesucht, vielmehr gesehen werden, das unterscheidet die Menschen.
    _Weininger_

    Nur jene Menschen haben nie etwas begriffen, denen alles ganz und gar begreiflich scheint.

Es wurde krzlich sehr viel vom Menschenwesen erforscht, darum wei man wieder einmal so wenig davon. Jeder, der verstehen will, ertrinkt zuvrderst beinahe in Tatsachen, ehe er sich einem Gesetz, aus dem sie etwa wachsen knnten, auch nur nhern darf, ja ehe er auch nur ahnt, ob er Richtung darauf hlt. Vor allem ist zu entscheiden: welche Phnomene gehren der gleichen Lebensflche an, wenn auch verschiedenen Gruppen, welche aber verschiedenen Schichten; ferner: was hat als primre, was als sekundre Erscheinung zu gelten? Soll etwa bei Mutterrecht Namengebung und Erbfolge das Wesentliche sein, oder nicht vielmehr, wer zu wem zieht, wer Tpfe macht, tanzt, Quellen reinigt? Dazu kommt noch als Grundfrage: wer ist der Herr, jener, der arbeitet, oder jener, der nichts tut? Vom Arme-Leute-Standpunkt aus, mit dem Dogma der Lohnsklaverei, scheint das kein Problem. In Wirklichkeit aber ist Arbeit, schwere, groe Arbeit bis zur krperlichen Erschpfung, in bestimmter Kulturschicht oft eiferschtig gewahrtes Vorrecht der herrschenden Frau, whrend der beherrschte Mann zum Herumlungern und Basteln verurteilt bleibt.
So kommt es, dass lngst gesicherte Resultate ganz neu zur Frage stehen. Frher galt Ackerbau, mindestens Hackbau, allgemein fr weibliche Erfindung. Nach dem veralteten Vorurteil der natrlichen Arbeitsteilung sollte die Frau, whrend der Mann in der Ferne jagte, Pflanzen und Kruter der unmittelbaren Umwelt als vegetabilische Nahrung sammelnd, auch wildwachsendes Getreide gefunden und es mit anderem Gemse dann angepflanzt haben. Der Psychoanalyse dagegen ist Ackerbau wie jedes Arbeiten in der Erde das Schulbeispiel einer Ersatzhandlung fr den verbotenen Mutterinzest, also typische Mnnererfindung und -beschftigung, wobei die Libido, weil ihres unmittelbaren Objektes beraubt, von der Sexual- auf die Ernhrungsstufe regrediert. (C. Jung.) Eduard Hahn{143} sagt das gleiche, nur auf mythologisch, wenn er Pflug und Pflugwirtschaft religise Zeremonien nennt, wobei der Pflug den Phallus des vorgespannten Stieres darstellt, jenes heiligen Rindes, das die Mutter Erde besamt.
Frobenius wieder denkt genau so fern der Psychoanalyse wie dem alten Materialismus; ihm liegt die Entstehung des Hackbaues ganz anders, aber ebenso deutlich zutage bei einem Bergvolk Nordkameruns, und zwar als Dankopfer, seelischer Aufrausch, weder um des Nutzens willen, noch als Inzestersatz. Ob, was er sah, nicht auch psychoanalysiert werden kann, darum geht es hier nicht, sondern dass auch eine andere, ganz verschiedene Auswertung gerechtfertigt scheint, eben die Frobeniussche. Er beobachtete die Leute, wie sie im Herbst zu den verlassenen Ebenen hinabsteigen und die nachtrglich wildwachsenden Kornfrchte sammeln. Im Frhling kehrten sie dann wieder, hackten einige Lcher ins Feld, legten von dem herbstlichen wilden Korn hinein, und  nun kommt das Sonderbare  gerade was aus diesem, der Erde _Zurckgesten_ wuchs, durfte nicht zur Nahrung dienen.
{143: Eduard Hahn (18561928), deutscher Agrarethnologe, Geograph und Wirtschaftshistoriker.}
Die erste Stufe war offenbar ein Einsammeln des Kornes, das wild wuchs. Als Ideal entstand die Sitte, aus Dankbarkeit und um die durch den Kornschnitt verwundete Mutter Erde zu vershnen, ihr wieder Krner zurckzuerstatten, deren Frchte aber als heilige Opferzeugnisse nicht etwa dem profanen Leben zurckflossen. Erst in spterer Zeit nahm der Hackbau mehr und mehr profanen und verstandesmigen Charakter an. Die geschilderte Sitte stammt also aus der Zeit vor dem Hackbau und beweist, dass dieser aus dmonischen Vorstellungen zunchst als Ideal entstanden ist. Erst als die sorgende Kausalitt die Ideale verkmmern lie, als die nchternen Tatsachen im Geiste herrschend wurden, stellte sich die praktische, zweckmige Verwertung der Erfindung des Hackbaues als profaner Wirtschaftsbetrieb ein. Wir knnen aber noch viele andere profane Institutionen unserer Kultur ohne Schwierigkeit bis zum Aufstieg aus den gleichen Tiefen paideumatischer Grung verfolgen. berall _Ausdruck im Anfang_ und profane Zweckmigkeit, d.h. also _Anwendung, am Ende_.
Auch das Hakenkreuz, ein Lebensbaum, der Fchen bekommen hat und in die Zeit vorwrts strmt, ist erst geschautes Bild einer bildergebrenden Menschheit, viel spter wird es als Speichenrad, das dem Vollrad gegenber Material und Gewicht spart, praktisch angewendet, whrend andere Natursymbole technisch unbrauchbar bleiben. Gegen den sprichwrtlichen Binsen-Irrtum: nur Not macht erfinderisch, erheben sich Ethnologie, Psychologie, Linguistik, Primitivenerforschung und zeigen noch ganz andere Quellen der Erfindung auf, denn erst Magie und Gtter: _erst_ der Tempel, _dann_ das Haus, _erst_ der Altar, _dann_ der Herd, das Feuer ist ein Gott, empfngt Gebete und Opfer, schlielich ganz zuletzt werden die Hhner an ihm gebraten. In mythisch-religisen Zeitaltern leben die Menschen sinnvoll und zweckfrei, weil sich ihr Gesamtdasein auf der Empfindungsflche abspielt, abgezwecktes Handeln dagegen auf der rationalen, welche die Zivilisation hervorbringt. Das Not-Dogma projiziert naiv ganz krzliche Probleme, stammend aus einer bervlkerten und ausgesogenen Erde nach rckwrts in einen anderen on, wo es nicht nottut, einer kargen Natur etwas abzuringen, vielmehr sich einer aggressiven zu erwehren, die den sprlichen Menschen ansprang mit feindlicher Flle. Es gab zuviel von ihr in jeder Form, nicht _zuwenig_; sie sich vom Leib zu halten, war das Problem, die Schwierigkeit, gewiss eine ungeheure, demnach ganz anders gelagert, das Leben herzzersprengend schwer aus uerem und innerem berma, nicht aus Mangel, besonders da es sich ja vorzglich von subtropischen Zonen aus verbreitete.
Die gewaltigste menschliche Urerfindung: das Feuerreiben, ist jedenfalls aus innerer Flle hervorgebrochen, weder uerer Not abgeluchst, noch der Natur abgespickt. Adalbert Kuhn{144} hat mit genialem linguistischen und Sinngefhl Prometheus, den Feuerbringer, und _Pramantha_, das mnnliche feuerreibende Holzstck, sprachlich als Brder erkannt. In Indien ist das Feuerbereiten eine vllig sexuell gefasste heilige Handlung, mit dem stabfrmigen Pramantha als Phallus, dem drunterliegenden gebohrten Holzstck als weiblicher Vulva; das erbohrte Feuer ist der himmlische Sohn Agni, die glnzende Zunge der Gtter. Feuerbereiten wird stets mit dem Verbum manthmi bezeichnet, es bedeutet schtteln, heftig reiben; Pramantha gilt also als einer, der durch heftiges Reiben etwas hervorbringt, hat aber auch den Sinn von Vorsorge, Vorbedenker (Prometheus und Epimetheus). Kuhn bringt das Verbum manthmi mit dem griechischen manthanein = lernen zusammen, hin- und herbewegen im Geist, geistige Reibung erzeugen. Die Wurzel manth fhrt ber manthano pro-metheomai auf Prometheus, dem Wort pramthyus, von Pramantha her, soll berdies die zweifache Bedeutung von Reiber und Ruber zukommen (nach C. Jung zitiert). Der enge Zusammenhang zwischen zwangslufiger Brandstiftung und unbndiger Autoerotik ist brigens jedem Kriminalisten bekannt.
{144: Adalbert Kuhn (18121881), deutscher Indogermanist und Mythologe, gilt als Begrnder der linguistischen Palontologie und der vergleichenden Mythologie.}
Feuer wurde also nicht im Norden erfunden, weil es dort kalt ist, sondern in den Tropen, wo es hei ist, auch innerlich hei als Temperament. Feuer ist verlagerter _Libidobrand_. Gebremstes, gestautes Begehren bricht eben verwandelt wo anders heraus. Man vergleiche damit, wie ein sogenannter exakter Naturforscher, der einst sogar ziemlich berhmte Wallace{145}, das Feuerbohren aus Naturbeobachtung erklrt. Er behauptet (zitiert nach Frobenius), Eingeborene Indonesiens htten einen vom Sturm abgebrochenen, in ein Astloch geratenen Ast vom Winde in diesem Astloch gewaltsam quirlend herumfhren und so Feuerfunken hervorbringen sehen  und sich dann wohl gedacht: Bravo, jetzt Schluss mit der Rohkost.
{145: Alfred Russel Wallace (18231913), britischer Naturforscher, Geograph, Biologe und Anthropologe.}
Der groe Schweizer Psychiater C. Jung sieht dagegen analog dem Feuerreiben _die Anfnge der Technik_ als auerhalb des Krpers verlagerte Sexualbettigung in Form von Kratzen, Reiben, Bohren; nur, dass leider nicht jedes Kind, das in der Nase bohrt, deshalb unbedingt ein groer Erfinder zu werden braucht. Ist nun ein Widerstand gegen die eigentliche Sexualitt gesetzt, (ueres oder inneres Verbot) so wird die Libidoaufstauung am ehesten diejenigen Kollateralen zu einer berfunktion bringen, welche geeignet sind, den Widerstand zu kompensieren, nmlich die nchsten Funktionen, welche zur Einleitung des Aktes dienen, einerseits die Funktion der Hand, anderseits die des Mundes. Der Sexualakt aber, gegen den sich der Widerstand richtet, wird durch einen Akt der _vorsexuellen_ Stufe ersetzt, wofr der Idealfall das Fingerlutschen resp. Bohren ist. Die vorsexuelle Stufe ist charakterisiert durch zahlreiche Anwendungsmglichkeiten, weil die Libido dort ihre definitive Lokalisation noch nicht gefunden hat. Ein Libidobetrag, der regressiv diese Stufe wieder betritt, sieht sich mannigfachen Anwendungsmglichkeiten gegenber  die Libido wird an der eigentlichen Stelle weggenommen und auf ein anderes Substrat bersetzt. Da ein verlagerter Koitus aber nie imstande ist oder sein wird, jene natrliche Sttigung herbeizufhren, wie jene an primrer Stelle, so war auch mit diesem ersten Schritt zur Verlagerung der erste Schritt zur charakteristischen Unzufriedenheit getan, welche den Menschen spterhin von Entdeckung zu Entdeckung trieb, ohne ihn je die Sttigung erreichen zu lassen. Fr die Inder ist ja die ganze Welt eine Libido-Emanation und entsteht aus Begehren. Jung befasst sich dann auch mit dem indischen Ausdruck Licht der Rede. Wenn der autoerotische Ring Mund-Hand aufbricht (das Fingerlutschen), wird der Mund den unterbrochenen Sexualrhythmus als Brunstruf fortfhren, als Lockruf, Musik, Sprache, Poesie, Geist, die Hand ihrerseits als Feuerbohren, Erfindung, Technik. So fasste die indische Metapsychologie Rede und Feuer als Emanation des inneren Lichtes, von dem wir wissen, dass es die Libido ist. Sprache und Feuer sind ihre Manifestationsformen, als die ersten menschlichen Knste, die aus ihrer Verlagerung entstanden sind.
So verschieden wie der Ursprung menschlicher Erfindungen wird auch der Ursprung menschlicher Gesellungsformen, das Leben zu mehreren, gesehen, mit seinem Zentralproblem aller Kultur berhaupt, dem Mutterrecht. Es involviert ja keine geringere Frage als die nach Entstehung der menschlichen Gesellschaft. Fr viele Ethnologen ist die Familie weiblichen Ursprungs, typisch mnnlich fr Frobenius, typisch mnnlich scheint ihm auch die Sippe, die Horde dagegen, und hier steht er im Gegensatz zu allen brigen, mutterrechtliche Gesellungsform. Nach den Soziologen hat die Urhorde weder Vater- noch Mutterrecht, die Familie erst Mutter-, dann Vaterrecht. Den Mnnerbndlern dnkt die Horde so typisch mnnlich, wie sie Frobenius typisch weiblich dnkt, fr R. Briffault stammt jede soziale Gruppe von der Frauen_sippe_, nicht Einzelfamilie her, Vaterfamilie ist ihm etwas Abgeleitetes, mnnlichem Ur-Instinkt Fremdes, an eine Urhorde glaubt er berhaupt nicht so recht. Manche halten wieder dafr, Mutter- wie Vaterrecht drften losgelst von Totem und Exogamie nicht betrachtet werden, alle vier bildeten ein unlsliches Bezugssystem, wobei erst recht von anderen in Frage gestellt wird, ob Totem und Exogamie selber zusammen gehren oder ganz getrennt entstandene Phnomene sind.

 Bachofens Dreistufen-Theorie
Im Kapitel ber Symbole, in Verbindung mit Sumpf und Acker, ist das Wandelbild menschlichen Werdens, wie der groe Bachofen es geschaut hat, bereits skizziert worden, seine Dreistufen-Theorie: zwei weiblich-stoffliche, eine mnnlich-geistige. Aus dem Sumpfkult der All-Aphrodite, einem Zeitalter regelloser Geschlechtsmischung, wo der weibliche Stoff als solcher herrscht, erhebt sich die Demetrische Stufe, das eigentliche, eheliche Mutterrecht mit Namengebung und Erbfolge, zu ungeheurer Macht, voll Wrde und Weihe, weil sich die Menschheit dem Mysterienprinzipat der Frau freiwillig unterordnet; ihm folgt als dritte Stufe das Vaterrecht, mit vlliger berwindung des Stoffes durch die Idee: Sonne = Geist. Und dann gibt der liebe Gott schon Ruhe, denn besser wei er es offenbar nicht mehr.
Diese Stufen steigen nicht friedlich auseinander auf, sind vielmehr blutige Umwlzungen infolge jeweiliger berspannung der Macht einmal des Mannes, einmal der Frau. Hier wird einfach die alte Missbrauchtheorie von Klearch{146} variiert. Auch der behauptet, jedem Systemwechsel msse ein unertrglich gewordener Druck vorhergegangen sein, in seiner Folge Unterstes zu oberst kehrend. Nach Bachofen setzt die Frau, ermdet durch ewigen geschlechtlichen Missbrauch im Hetrismus, nach langen Kmpfen die ehelich geregelte Demetrische Lebensform durch. Diese, auf ihrem Gipfel, entartet ihrerseits ins Amazonische, mit Unterjochung und Versklavung des Mannes, keine vereinzelte, vielmehr eine damals weltweite Erscheinung. Schlielich setzt mit dem Heroenzeitalter die mnnliche Gegenbewegung ein und bringt das Vaterrecht zur Herrschaft, wenn auch seine apollinische Reinheit noch spter zuweilen durch stoffliche Einbrche mnadisch-dionysischer Art umwlkt wird.
{146: Von Bachofen nach dem antiken Autor Athenaeus zitierter griechischer Philosoph.}
Zuvrderst erscheint es psychologisch auffllig beim bergang von der ersten zur zweiten Stufe, dass dieses Weibwesen, der unersttliche Sinnenstoff: Lulu, der Erdgeist, selber auf Einschrnkung gedrngt habe; ist er doch angeblich seiner innersten Natur nach ewig auf Befruchtung aus, wie Bachofen an unzhligen Symbolen, mit Danaidenfass, Sieb, und unzhligen Beispielen glaubhaft machen will, auch das Zeugnis des hermaphroditischen Tiresias aufruft, der den weiblichen Genuss bei der Begattung dem mnnlichen zehnfach berlegen nennt. Was natrlich nichts beweist, da bei hermaphroditischer Bildung schon aus Raummangel die beiden Geschlechtsorgane an Durchmesser geringer sein mssen als bei Normalen; und das muss dem Mnnlichen abtrglich, dem Weiblichen dagegen zur Luststeigerung werden.
Weit aufflliger noch ist, dass Bachofen zum Beweis einer so wichtigen Annahme wie der Abschaffung des Hetrismus durch die Frau, die geborene Hetre, immer nur ein einziges, ausschlielich auf Arabien bezgliches Strabowort einfllt, whrend sonst dem Leser fr jede Bagatelle gleich ein umgestrzter Bcherschrank voll Zitaten um die Ohren prasselt. Die mindestens einhalbdutzendmal wiederholte Straboerzhlung handelt von einer arabischen Prinzessin und ihren sechzehn Brudergeliebten. Jeder pflegte, wie das bei vielen Nomaden Sitte ist, als Symbol, dass er gerade bei ihr im Zelt sei und nicht gestrt sein wolle, seinen Stab in die Erde zu stecken. Die Prinzessin, ununterbrochener Besuche berdrssig, verfiel nun auf die List, stets so einen Stab vor die Tr zu pflanzen, auch wenn sie allein war, um es zu bleiben. Dieser Stab als einzige Sttze einer ganzen Stufentheorie ist etwas schwach. Die ungeheure Realitt der Demetrischen Macht selbst ist dagegen in den schnsten Teilen seines Lebenswerkes unvergesslich dargestellt, whrend hier nur die Ursache des berganges aus der vorhergehenden Periode zur Frage steht. Was die strenge Ehelichkeit oder gar Monogamie des Matriarchats angeht, so hat die erweiterte Vlkerkunde seit Bachofens Zeit, gerade wo dieses herrscht, sehr groe sexuelle Toleranz, auch leichten Wechsel des Ehepartners erwiesen, nur das Vaterrecht erzwingt aus Grnden sicherer Nachkommenschaft eheliche Treue  bei der Frau.
ber das Amazonentum als Entartung wird noch zu sprechen sein. Hier mag gengen, dass aus ackerbauenden, also Demetrischen, Rassen das Amazonentum in gradliniger Steigerung der Muttermacht nie hervorgeht, vielmehr typisch fr Weide- und Steppenvlker mit Rossopfer ist. Den Beweis einer vordemetrischen ersten Mutterrechtsstufe mit allgemeiner Geschlechtsmischung, wie die Ur-Aphrodite sie verlangt, sieht Bachofen in der obligatorischen Tempelprostitution vor der Heirat. Die so erworbene Mitgift sei Loskauf von der ehefeindlichen Naturgttin. ber Tempelprostitution, knstliche voreheliche Deflorierung und was damit zusammenhngt, hat sich die Einsicht seit Bachofen sehr vervielfltigt; sie kommen auch bei reinem Vaterrecht vor und haben nicht ausschlielich mit Aphrodite zu tun, vielmehr mit dem Mondblut-Tabu des Hymenrisses einerseits, anderseits mit der weitverbreiteten Vorstellung, keine Frau knne ihre wunderbaren Funktionen erfllen ohne direkte berirdische Einwirkung; erffnen msse die Gottheit selber, kein alltglicher Mann sei dazu befhigt, nur der groe Unbekannte bei Tempelprostitution, der Fremde, nicht als Herr Hinz oder Kunz Nachzuprfende, gilt fr den Avatar des Gottes, zuweilen auch seine Priesterschaft. Brahmanen beziehen aus dem Deflorieren ihre grten Einknfte. Wenn die Damen am russischen Hof sich also zu dem Wundermnch Rasputin drngten, wenn dieser gerade infolge seiner Heiligkeit mit ihnen sexuell verkehrte, so ist das keine Blasphemie, sondern uralt religise bung. Direkt _einverleibt_ kann Gttliches eben nur werden durch den Mund, als Abendmahl, oder auf sexuellem Weg.
Aus den Arten der Mitgift weitgehende Schlsse auf Vater- oder Mutterrechtsideen zu ziehen, hat sich ebensowenig bewhrt. Auch die Dienstehe kann sehr Verschiedenes bedeuten. Sie kann bei Mangel an Geld oder Vieh ein Herausverdienen der Braut sein und mit dem Wegfhren der erarbeiteten Frau in die mnnliche Sippe enden, dann war sie _vaterrechtlich_; sie kann aber auch ein Eindienen des Mannes ins Haus der Frau oder Schwiegereltern bedeuten und geht dann sehr gut mit _Mutterrecht_ zusammen. Auch Mitgift hat verschiedensten Sinn. Die mnnliche bei strengem Matriarchat, wie in gypten, ist eine Zahlung an die Frau, als Preis dafr, dass sie in die Ehe willigt, weibliche Mitgift bei Vaterrecht und Polygamie ist dagegen nichts dem Manne Dargebrachtes, sondern materielle Sicherstellung der Frau im Falle der Scheidung und bleibt daher ihr unveruerlicher Besitz.
Bachofens Gre wird von Einwrfen solcher Art gegen manche seiner Annahmen in gar keiner Weise tangiert, denn sie liegt nicht darin, wie er sich die graduelle Entstehung des Mutterrechts rein kausal gedacht haben mag, sondern in der Art, es mit seinen Entsprechungen durch alle Reiche hin zu sehen.

 Die Vaertingsche Pendeltheorie
ist die neueste Variante der alten Klearchischen Missbrauchsthese, mit ein bisschen Marxismus gesprenkelt, insofern das Herrschen pur et simple, ganz gleich, wer es ausbt, oder wie jemand dazu gelangt, sein Menschenwesen automatisch von A bis Z verwandeln soll. Es werden daher Herrschende und Beherrschte bei einem Polwechsel der Macht auch fast alle Merkmale, die man fr angeboren hielt, tauschen. Bei Frauenrecht werden die Mnner huslich, schamhaft, kinderlieb, treu, fett, schwchlich, unselbstndig, putzschtig und unintelligent, wie die Frauen bei Mnnerrecht. Dabei zeigt das jeweils herrschende Geschlecht die Neigung, den Druck immer mehr zu verstrken, was erst die gewnschte Wirkung immer tieferer Versklavung hat, bis jener Punkt erreicht ist, wo auch der Wurm sich krmmt, ja so sehr, dass er die Stiefelsohle dazu bringt, von ihm abzulassen, dann bumt er sich weiter empor, um seinerseits zu einer Drohung anzuwachsen. Nach Vaerting ist die Macht wohl schon fter im Lauf des Kulturgeschehens vom einen zum andern gependelt, mit einer kurzen Zeit der Gleichberechtigung als bergangsstadium, ehe das jeweils im Aufstieg begriffene Geschlecht dann, seine Macht missbrauchend, das Unterliegende vllig versklavt und dadurch schlielich eine neue Gegenbewegung auslst. Obwohl dieses Pendelgesetz, eben als Gesetz, Dr. Vaerting fast unausweichlich scheint, muss nach ihm doch gerade jetzt, da nach einer Periode extremen Mnnerrechtes die aufstrebenden Frauen die Gleichberechtigung erkmpft haben, dieser Zustand zum Wohle gesitteten beiderseitigen Glcks endlich stabilisiert werden, sonst gehen wir wieder neuer Ungerechtigkeit, diesmal mnnlicher Versklavung, entgegen.
Diese in manchem bestechende, jedenfalls hchst geistreiche und anregende Theorie ist ja zum Teil schon besprochen worden, als es darum ging, einige jener Austausch-Merkmale, der weiblichen Eigenart im Mnnerstaat und der mnnlichen Eigenart im Frauenstaat, als solche anzuzweifeln. Gegen die kombinierte Missbrauchs-Pendeltheorie als Ganzes  es sind die gleichlaufenden Arbeiten von H. Schulte-Vaerting und Dr. M. Vaerting gemeint{147}  erheben sich sofort zwei mchtige Einwnde. Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand. Schn! Bei den Vaertings ist aber weder Platz fr eine zugleich mter und Verstand spendende Vorsehung, noch fr eine Natur, in der Fhrer und Gefhrte, Fhige und Unfhige, Herren und Sklaven als solche geboren werden. Auch die Geschlechter sind von Haus aus gleich gut entwickelt, erst die knstliche Einengung erzeugt den Kraft- und Fhigkeitsunterschied zwischen ihnen. Woher dann der erste Pendelschwung? Schulte-Vaerting muss seine Hypothese daher sofort mit einer zweiten Hypothese unterbauen, jener nmlich, dass in der Urzeit bei den Primitiven berwiegend mehr Mnnchen geboren wurden; durch ihre Zahl vermochten sie die Gemeinschaft dann vllig zu beherrschen. Dafr liegt keine Spur eines Beweises vor. Von dem zahlenmigen Verhltnis der Geschlechter bei wildlebenden Tieren, vorausgesetzt, darber sei Sicheres bekannt, direkt auf den Urmenschen zu schlieen, geht wirklich nicht an. Der Grund fr einen ersten Pendelschlag in der Richtung nach der Mnnerherrschaft hin ist also keineswegs einzusehen.
{147: Mathilde Vaerting, siehe Funote 44 auf Seite 116.}
Der zweite Einwand gegen eine Pendeltheorie liegt darin, dass es kein einziges Beispiel dafr gibt, ein Volk mit Vaterrecht sei wieder zum Mutterrecht zurckgekehrt. Wohl gibt es hie und da Zeiten der Gleichberechtigung der Geschlechter, doch lediglich als bergangsstadium vom Mutter- zum Vaterrecht, nicht umgekehrt. Der vielleicht grte Kenner des prhistorischen, historischen, mythologischen, folkloristischen und rein ethnologischen Materials, Sir James Frazer, sagt: Eine Theorie, welche behauptet, ein Volk mit frherem Vaterrecht sei spter wieder zum Mutterrecht bergegangen, msste sehr starke Beweise bringen, um glaubhaft zu werden, da sowohl innere Wahrscheinlichkeit als Analogie dagegen sprechen. Denn es scheint sehr unwahrscheinlich, dass Mnner, einmal gewohnt, ihre Rechte und Privilegien auf ihre eigenen Kinder zu bertragen, sie spter wieder enterben und statt dessen Rechte, Besitz und Privilegien auf die Kinder der Schwestern bertragen sollten; und whrend tatschlich eine Menge Symptome in anderen Teilen der Welt fr einen bergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht sprechen, gibt es meines Wissens nach kein einziges Beispiel irgendeines berganges in anderer Richtung, vom Vaterrecht zum Mutterrecht. (Totemism and Exogamy.) Der einzige Anflug vom Anfang einer Tendenz dereinst diskutierbaren Beweises knnte hchstens darin erblickt werden, dass die Kwatiutl-Indianer mit Abstammung in der mnnlichen Linie diese durch den Einfluss matriarchaler Nachbarstmme insofern etwas modifiziert haben, als sie auch den Totem des mtterlichen Grovaters in die Ahnenreihe aufnehmen. Das ist aber auch schon alles.
Die vorzglichere Stellung der modernen Amerikanerin im allgemeinen ist aber ein Phnomen ganz anderer, neuer, ja einziger Art, kein sich auswirkendes Gesetz als Reaktion auf mnnliche berspannung der Macht. Ein anfnglicher Rarittswert der weien Frau, in Verbindung mit der angelschsischen Ritterlichkeit, musste ihr bei dem Prinzip sonstiger menschlicher Gleichstellung in der jungen Union den Vorrang verschaffen, dazu kam die groe, freie, verantwortungsvolle Position der Farmersgattin und Viehzchterin. Das Wichtigste aber bleibt die Umbildung des Rassenpdeuma durch die amerikanische Bodenseele mit ihrem alten, von den Indianern nicht zu Ende gelebten Mutterrecht. Was hat hier die Vaertingsche Missbrauchstheorie zu suchen? Von berspannung mnnlicher Macht ist in Amerika, gerade im Gegensatz zu den letzten europischen Jahrhunderten, keine Spur zu merken. Man tut sich halt schwer oder gar zu leicht, wenn bei Kulturfragen die tief missbilligte Existenz von Rassenunterschieden prinzipiell ignoriert werden soll.
Auch die alten Kulturen durchsucht Dr. Vaerting krampfhaft nach einem Pendelschlag in seinem Sinn. Er findet nicht viel mehr als eine vereinzelte Bemerkung bei Nymphodor, in gypten htte ein Pharao: Sesostris = Sesartoris, es kann nur einer der 3. Dynastie gemeint sein, das Matriarchat eingefhrt. Daraus schliet Vaerting, es msse doch vorher Mnnerrecht gegeben haben. Diese ganz vereinzelte, flchtige Angabe bei Nymphodor wird von keinem der anderen antiken Schriftsteller in ihren so eingehenden Beschreibungen gyptischer Geschichte erwhnt und, was noch wichtiger, gypten selbst, das konservative, ahnenverehrende, alles verzeichnende, wei nichts von einem Vaterrecht. Dort geht lckenlos die Entwicklung, wenn auch auerordentlich langsam, anders herum, schon mythisch. Aus dem parthenogenetischen Weltbild, mit Neith der Alten, wird spter eine mnnliche Kosmogonie. Ist die Pendeltheorie der Vaertings als solche wohl auch nicht zu halten, so gebhrt ihnen doch fr viele Nebeneinsichten Dank und Anerkennung. Kstlich ist ihre Zusammenstellung von Geschichtsflschungen der mnnerrechtlich verblendeten Historikerzunft, wobei Originaltexte bei der bersetzung ruhig in ihren gegenteiligen Sinn verkehrt werden, oder jede weibliche Leistung automatisch Entwertung erleidet. Gibt es unter einem Knig keinen Krieg, so wird er sofort glnzender Friedensfrst genannt, gelingt es dagegen einer Frau durch kluge Diplomatie, ihr Reich intakt zu erhalten ohne Risiko und Katastrophenpolitik, so heit das lediglich schwchliche Friedenszeit. Es gibt keine Seite der Vaertingschen Schriften, die nicht anregend und vergnglich wre.

 Die berbleibseltheorie
Heinrich Schurtz ist trotz anderen ethnologisch-kulturgeschichtlichen Bchern vor allem Spezialist fr Mnnerbnde. Dort huft sich der Berg seiner Verdienste, gekrnt mit dem Werk Altersklassen und Mnnerbnde, einer fast weltumfassenden Studie ber diese typisch mnnliche Gesellungsform, mit ihrem Langhaus der Primitiven, Schdelkult, Bruchen, Strebungen, Geheimriten und Ideen. Alles reich, frisch und doch weise betrachtet. Blher, in seiner Auffassung des Staates als Gebilde, geboren aus einem mann-mnnlichen Eros, weist verehrungsvoll auf dieses Material. Mit Frobenius verbindet Schurtz die Einsicht, dass Mnnerwesen und Altersklassensystem zusammengehren, dem Weibwesen und seiner Welt zeigt sich Schurtz dagegen vllig abgeneigt. Was er darber aus zweiter Hand erfhrt, etwa aus Ploss, Das Weib in der Natur- und Vlkerkunde, missfllt ihm schwer. Er kehrt daher das leider nicht ganz wegzuleugnende Mutterrecht wenigstens als lstigen Lebensabfall aus seinem Weg recht weit zur Seite. Es ist ihm der zusammengeronnene Restbestand aus alledem, was den echten Mann, abgesehen vom Geschlechtlichen, an der Familie nicht interessiert, und das als Weiber- und Kindergetue dann ein selbstndiges Scheinleben vorzutuschen beginnt. Weibliche Geheimbnde ahmen natrlich lediglich mnnliche Vorbilder nach, wenn auch manchmal sogar nicht ganz ohne Erfolg.
Bezeichnend fr ihn ist folgende Stelle aus Altersklassen und Mnnerbnde, eben jenen Hang zur Verbndelung betreffend: Selbst die oberflchlichste weibliche Seele kennt wenigstens die Neugier, die freilich in der Regel nichts ist als eine taube, unfruchtbare Regung ohne tiefere Folgen. Das mnnliche Geschlecht in seinen besseren Vertretern zeigt auch hier (man beachte das auch), seiner Neigung zum Nachdenken entsprechend, einen anderen Zug, den Wunsch, die Rtsel des Daseins zu lsen, oder doch die Lsung von anderen, weiter Vorgeschrittenen sich mitteilen zu lassen.
Das gesamte Altertum wenigstens in seinen besseren Vertretern strebte, seiner Neigung zum Nachdenken entsprechend und in dem Wunsch, die Rtsel des Daseins zu lsen oder doch die Lsung von anderen, weiter Fortgeschrittenen, sich mitteilen zu lassen, demtig danach, der Weihe weiblicher Eleusinien teilhaftig zu werden. Manchen Forscher dnken sie bedeutsamer sogar als die Schlaraffia{148}.
{148: Mitte des 19. Jahrhunderts gegrndeter deutschsprachiger Mnnerbund zur Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor.}
Fr etwas Nichtgewnschtes, das einfach zu durchstreichen ist im Sinne von Schurtz, wirkt sich Matriarchat vielerorts auch befremdend vordringlich aus. Um seine Gesetze zu umgehen, wird der Chokta-Indianer amerikanischer Staatsbrger, sonst drfte er nicht einmal seinem Sohn, also ein Mann dem anderen Mann, Besitz vermachen; er hat ber sein selbst erworbenes Privateigentum kein freies Verfgungsrecht, es gehrt der Muttersippe. Der Beni-Amer-Mann muss sich durch Demtigungen, Geschenke, Geldbuen, Vermittlung von mitleidigen Nachbarn das Wieder-in-Gnaden-aufgenommen-Werden ins weibliche Heim erkaufen. Grauhaarige Afrikaner wagen sich keiner Expedition, einer reinen Mnnerangelegenheit, und sei es nur auf Tage, anzuschlieen, ohne ihre Frauen gefragt zu haben. Die Aluten halten es nicht zwei Monate fern von ihren alten Mttern aus. Bei den Buschmnnern, bei den Seri-Indianern bestimmen ausschlielich die Frauen, und zwar die alten, welche Mnner sich dem Stamm anschlieen drfen, prfen die Kandidaten streng und fhren auch bei Wanderungen an. hnliches liee sich bis zur Ermdung aufzhlen.
Schlielich: Sind weibliche Gesellungsformen als Restbestnde und Nebenerscheinungen zu werten, so mssen sie sich doch besonders an der Peripherie ausgeprgter Mnnerbnde ablagern. Das ist nicht der Fall. Gerade in typischen Mutterrechtsgebieten, wie Assam, bilden die groen weiblichen Mutterclans mit wechselnden Gatten das alleinige soziale Gefge; ein zielstrebiger mnnlicher Zusammenschluss: jener Kern, dessen Abgestoenes die Weibersippen bilden soll, fehlt ganz.
Also berbleibsel, mit nichts weit und breit, von dem sie briggeblieben wren.

 Die Kulturkreislehre von Frobenius
Ihm wie Spengler sind Kulturen Organismen hchster Ordnung. Jede ein eigenes Lebewesen, mit eigenen Wachstumsprozessen, mit Geburt, Kindes-, Mannes-, Greisenalter und Tod. Vor allem: nicht der Wille des Menschen bringt die Kulturen hervor, sondern die Kultur lebt _auf_ dem Menschen, sie _durchlebt_ den Menschen, wie ein Schimmelpilz auf seinem Nhrboden lebt. Und wie Pflanzen nur ein bestimmtes Verbreitungsgebiet haben, so sind Kulturen an einen paideumatischen Raum, sei er nun kontinental oder ozeanisch, gebunden. Auch nach der neuen Biologie bilden ja Umwelt, Innenwelt und Wirkungswelt bei jedem Lebewesen eine _planmige_ Einheit. Wandert eine Kultur, so wird sie, wie verwehter Same, auf einem neuen Boden Vernderungen erfahren, die Umbildung des Paideuma aber, das unter gewissen Bedingungen des Wechsels der Umwelt Steigerungen erlebt, ist weder chemisch, noch physisch, noch meteorologisch verstndlich zu machen. Fr Frobenius entsteht die Bodenseele, das Paideuma des Abendlandes, als Nachwelt des alten Orients im gischen Raum. Kultur ist durch den Menschen organisch gewordene Erde. Nach zwei entgegengesetzten Richtungen treten Pflanze und Kultur mit der Erde in Beziehung: hineinwurzelnd oder herauswachsend. In beiden Fllen bedeutet der Richtungsvorgang Leben. Die hineinwachsende Kultur nenne ich chthonisch, die herauswachsende tellurisch. Die Pflanze fasst chthonisches und tellurisches Wesen in einem zwiespltigen Wesen zusammen.
Kultur oder Paideuma (Bodenseele) ist fr Frobenius zunchst entweder chthonisch oder tellurisch. Der in der Polaritt Wurzelpol und Sprosspol gekennzeichneten Einheit des Pflanzenlebens steht also die Dualitt, die Zweiheit anfnglichen Kulturlebens gegenber. Die beiden polaren Urformen der Kultur sind die chthonisch-matriarchalische und die tellurisch-patriarchalische, diese zentrifugal, mit bermigem Weitengefhl, jene zentripetal, einsaugend, gestaltend und hhlenhaft. Diese zwei grundgegenstzlichen Kulturkreise, aus denen alles entsteht, knnen sich wohl berlappen, doch niemals ineinander bergehen, dagegen ist jede die Ergnzung der andern. Daraus gehen die hohen Formen hervor.  Jede hat eine _vorpolare_, _polare_ und _nachpolare_ Stufe. Jede bildet in ihrer vorpolaren Stufe erst Horden, ohne eine andere Ordnung als die animalische zwischen Mnnern und Frauen. Mutterrecht oder Vaterrecht gibt es also noch nicht, weil Spaltung zwecks Offenbarung der Polaritt durch Wesensdifferenzierung noch nicht eingetreten ist. Auf der polaren Stufe, die in vier Episoden verluft, herrscht dagegen in beiden Kreisen eine sehr klare Ordnung, denn schon in der ersten Episode werden sie virulent, jede tritt in dem ihr zugeborenen Raum als vollendeter Organismus auf.
Diese neue Kulturkreislehre rumt natrlich das soziologische, lineare Nacheinander weg. Um sie zu begreifen, dazu ist vorerst notwendig, dass alter schner Kinderglaube beseitigt werde, an die Reihenfolge _Jger  Hirten  Ackerbauer_. Von diesem Dogma haben sich auch schon viele Vlkerkundige abgewandt. Frobenius glaubt aber auch nicht an die Stufung _erst_ Mutter-, _dann_ Vaterrecht. Beide polaren Urkreise sind sehr frh, fast von vornherein, da, gleichaltrig, gegenstzlich, und zwar auf jedem Gebiet des Geistigen, Kulturellen wie Krperlichen, in Wirtschaft, Arbeitsteilung, Hausung und Handwerk; in allem, was Tiefenschau des Lebens anbetrifft. Die matriarchalischen Menschen sind magisch, die patriarchalischen aber erleben alles als Symbol und sind deshalb Mystiker. Das Recht des Vaters hier, der Mutter dort, ist also nur eine einzelne uerung der Kultur, die nach allen Richtungen gleiche Differenzierung manifestiert.
Tellurisch-vaterrechtlich ist architektonisches Herauswachsen aus dem Boden. Der Mensch lebt auf einem Pfahlbett, lebt im Pfahlhaus, brt sein Essen auf einem Pfahlrost. Dem entspricht innerlich die Vorstellung, die Seele des Neugeborenen steige pflanzengleich aus dem Boden, wandere durch die Altersstufen bis zum Greis, kehre von da zur Erde und dann wieder in den Menschen zurck. Es ist ein vertikal gestellter Kreislauf. Im Sozialen ordnet der lteste. Diese Kultur ist der Pflanze gewidmet, vom schweren Ackerbau bis zum dionysischen Frohsinn. Heiliger Jubel umtost die Leiche des Greises, der nun bald wiederkehrt. Unbegrenzt wie das Ackerland, das das Sippengehft umgebende Ackerland, ist die Erde. Groes, ach bergroes Weitengefhl ist allen Menschen der tellurischen Kultur eigen.
Chthonische (weibliche) Kultur geht aus von der Hausung im Boden, grbt sich im Boden die Wohnung, das Bett, den Speicher. Weite Rume im Inneren, verzweigt wie die Wurzelfasern. Backen der Speise in der Grube, im Erdofen. Langsam lst sich die chthonische Kultur zum Luftwurzeldasein. Immer kehrt sie, bei aller Feinheit und Zierlichkeit, zu dem Gedanken des Lebens im Mutterland am Anfang der Dinge zurck, wie umgekehrt die tellurische senkrecht heraufstrebt und dann hinauslebt ins Weite. Nur Hades, nur Schatten und Gespensterreich winken dem sterbenden Chthoniker. Daher die Verherrlichung irdischer Materie, des fleischlichen Krpers. Die chthonische Kultur setzt ein mit Haustier, mit Fleisch, Blut, Zucht, mit Bindung an den Raum, denn Viehzucht, da sie mehr Raum braucht, bringt frher Grenzen. Nach Frobenius war es ein groer Irrtum, zu meinen, Nomaden knnten regellos wandern, im Gegenteil, jede Horde hat ihre strengen Weidegrenzen. Fr die mnnlich-tellurische Kultur beginnt dagegen gleich nach dem letzten bebauten Acker die unendliche freie Weite, der jeder nicht mehr bebaute sofort wieder verfllt. Besitz reicht, soweit Arm und Arbeitskraft reichen. Tellurisch ist Ruhe im unbegrenzten Raum. Chthonisch Unruhe im begrenzten Raum. Viehzucht ist matriarchalisch vom Grund auf. Die Frau bestimmt Erde, Besitz, Gattenwahl, whlt lange und genau, durch Tapferkeitsproben, dann den Schnsten, Strksten, Tchtigsten. Sie hat alle Lasten und Rechte auf sich genommen, melkt, bereitet Leder, flicht, webt, errichtet das Zelt, bricht es ab, beladet Tragtiere, bestimmt, wohin gezogen wird, bertrumpft die Frau der vaterrechtlich-tellurischen Kultur, weil sie zu alledem auch noch Mutter- und Haushaltungspflichten erfllt. Die Mnner liegen faul herum oder kehren heim von Jagd und Krieg. Werden Zelte abgebrochen, dienen sie zum kriegerischen Schutz beim Aufsuchen neuer Weidepltze. Mnner sind Soldaten im Auftrag der Frau. Die chthonische Kultur kennt nur die _matriarchalische Horde_, die tellurische die _patriarchalische Sippe_. In der echten Steppe lebt diese matriarchalische Horde in einem Kreis von Htten, nach auen geschtzt durch den Dorngestrppverhau. Die Vorstellungen sind materialistisch, blutmig. Das Kind spaltet sich von der Mutter, in dem stndigen Abspalten der Nachkommenschaft auf dem Weg von Gromutter zu Enkelin wird der weibliche Krper unsterblich, wie die niederen Lebewesen den unbrauchbar gewordenen Teil der sie bildenden Materie abstoen und durch den bewahrten unsterblich bleiben.
Im Mnnlich-Tellurischen ist also die Seele ewig, im Weiblich-Chthonischen dagegen die Materie, woraus Zuchtwahl, Veredlung des Krperlichen folgt, das Bestreben der Frau, im Animalischen superlativistisch zu whlen. Zur Urpolaritt gehrt es, dass Mann und Mnnliches als Werbende auftreten, Bewegliche, Ausdehnungsbedrftige, Ausstrahlende, alles in allem mit zentrifugalen Eigenschaften. Weib und Weibliches uern sich dagegen immer in der Form des Zgerns, des Whlens, des Sichumwerbenlassens, des Aufsaugens, Festhaltens, Sparens.  In der Verbreitung der Kultur ist die Spaltung der Polaritt in einer heute erkennbaren groartigen Raumteilung erfolgt. Die groen Steppengebiete Innerasiens, Osteuropas und Innerafrikas wurden zur Heimat der zentrifugalen Kulturen, die Kstenlnder des Mittelmeeres und des sdlichen Asiens dagegen Gebiete der zentripetalen Kulturen und damit des Matriarchats. Die Bewegung und der Einfall des Beweglichen, Zentrifugalen in das Territorium der Zentripetalen hatte der Reihe nach die Entstehung der Hochkulturen in Indien, Westasien, der gis, in Rom, Frankreich, England zur Folge. Natrlich waren die Kulturen der Beweglichen entwicklungsstrker, die der Ruhenden gestaltungsfhiger. In diesem Phnomen liegt die gesamte Problematik der sogenannten Weltgeschichte begrndet.
In ihrer _ersten_ Episode, jener primitiven Offenbarung der Polaritt, setzt jede Kultur besonders virulent ein. Das Junge betritt die Bhne mit dem Anspruch auf Hegemonie in allen Dingen, als Zentralsinn des Lebens. Neben ihm, das eben die Wucht des Ausdrucks hat, tritt alles zurck. Bei der Idee des Mutterrechts, meint Frobenius, sei diese erste Wucht ungeheuer gewesen, weil sich hier einige der mchtigsten Eigenschaften des Zentripetalen auswirkten, wie Tatsachensinn und die Abgeschlossenheit des Rechtsbegriffes. Die Zustnde dieser Episode der grten Revolution der Frauen mssen zu erstaunlichen Einseitigkeiten gefhrt haben: Amazonentum, legalem Hetrismus, Mnnerverpfndung  in dieser Episode dient der Mann, ist sein metaphysisches Bedrfnis vollkommen ausgeschaltet.
In der zweiten Episode nimmt die schroffe Offenbarung der Polaritt, sei sie nun weiblich oder mnnlich, bereits die Form der Eingliederung an, wird Teil eines Ganzen und gelangt als Altwerdende dadurch in das Stadium der Anwendung, spter der Nachwirkung.
Diese vier Episoden der gegenstzlichen Kulturen auf ihrer polaren Stufe ergeben im Wallen, Strmen, bereinanderflieen Turnersche Farbennebel und Valeurs. Smtliche geographische Orgien mitzufeiern, bei denen da an allen erdenklichen Randgebieten dies und das und gerade dann und so aufsteigt, danach ist hier kein dringender Bedarf, dagegen ist es noch wichtig, zu erwhnen, wo Frobenius _polar_ von _berpolar_, Blhen von Verwelken trennt. Schon in der letzten, vierten Episode trat die Polaritt in Sondermensch und Masse auseinander. Dagegen lag zu Beginn der Kulturen Wucht und Sinn im Wesen und Charakter des _Stammes_ , heute mehr und mehr in der starken Persnlichkeit der Einzelnen, deren Eigenarten aus dem eigenen Volk ber andere Vlker weit hinweg wirken knnen. Auf der polaren Stufe wirkt noch das ganze Volk. Nur auf dieser blhen die Hochkulturen, an bestimmte Rume gebundene, vlkermige Stileinheiten. Damit ist es vorbei oder beinahe vorbei.
In der Kulturkreislehre diagnostiziert Frobenius fr den weiblichen und mnnlichen Kreis zuweilen etwas verwegene Symptome. So gibt es fr ihn beim Mutterrecht gar keine Mtter, sondern lauter Demi-Vierges, Mutterverehrung nur bei Vaterrecht, weil es nur dort Heiligkeit der Ehe gibt, das Weib als Gef der Ehe, Glied der Sippe, Symbol der Gestaltungsfhigkeit, das die Sehnsucht des Mannes ergnzen muss  die bedeutende Erscheinung der Mutter  sie gewinnt ja das mchtige Recht, beim Eintritt in die Sippe einen Altvordern wieder zu gebren. Was sie vorher treibt, ist gleich; auf Jungfrulichkeit wird angeblich also bei Vaterrecht kein Wert gelegt, nur auf Treue nach der Hochzeit: Sippentreue.
Umgekehrt soll beim Mutterrecht die Jungfrulichkeit ngstlich gehtet werden als Reiz, um den Mann in ewiger Spannung zu halten, mit ihm kokettieren, ihn auf immer neue Proben stellen zu knnen, ob er wirklich der Tchtigste, Geschickteste sei, denn nur das Krperliche gilt, und sie will immer noch etwas brigbehalten fr einen noch Schneren. Dann aber, wenn diese Frauen des Mutterrechts verehlicht sind, hrt das Bedrfnis zur Wahl nicht auf. Dann taucht nach einiger Zeit einer auf, der mutiger, anerkannter und erfolgreicher ist als der Gatte, und jetzt wird sie mit der gleichen Leidenschaft auch ihn entfachen, und so kommt es, dass der Gleichgltigkeit gegen die Jungfrauenschaft sowie der Treue der Vaterrechtlichen die sorgfltig gehtete Jungfrauenschaft und Untreue der Mutterrechtlichen gegenbersteht. Ausdrcklich sagt Frobenius: Dies betone ich hier, weil damit ein Symptom gegeben ist, durch welches die Zugehrigkeit zu den verschiedenen Gruppen festgestellt werden kann.
Das Symptom bezieht sich wohl nur auf Afrika, das Frobenius sehr gut kennt. Bei den mutterrechtlichen Hamiten an der Grenze ritterlicher, dem arabischen verwandter Art, bei Vaterrecht in der _Zega_{149} mag dies alles stimmen, von dem grten Teil der brigen Welt liegen zuviel Gegenbeispiele vor, dass nmlich im Matriarchat nicht die junge Demi-Vierge mit ihren Adorateuren herrscht, sondern die _alte_ Frau, und zwar als Sippenlteste, denn gerade die beinahe in die Prhistorie zurckreichenden Muttergefge leben bereits in Sippen-, nicht Hordenform. Junge Frauen sind aber dort keine Demi-Vierges, sondern stolz auf die Zahl vorehelicher Liebhaber, _die Mutterverehrung selbst wurzelt jedoch in der Sohneshrigkeit_. Umgekehrt sind bei typischem Vaterrecht die Missachtung der alten Frau und Bevorzugung der Jngsten zu erotischen Zwecken so allgemein bekannt, dass es gengt, an sie zu erinnern, ohne Beispiele aufzuzhlen. Dass Viehzucht matriarchalisch von Grund auf ist, kann ebensogut geglaubt wie bezweifelt werden, ebenso dass Vaterrecht und Ackerbau von vornherein zusammengehren. Das Umgekehrte mag ebenso ursprnglich sein. Mutterrecht, gesteigert zu Gynaikokratie, kommt tatschlich bei jeder Lebensweise vor, sogar lang ehe Viehzucht einsetzt, wie bei den Seri-Indianern. Auch gerade im Ackerbau die Form des mnnlichen unendlichen Weitengefhls zu sehen, scheint etwas gesucht. Echter lebt Weitengefhl doch wohl abenteuerbeglnzt in den Urweltzgen von Kriegerrassen, Eroberern, Wikingern. Frobenius spielt hier doch wohl etwas zu sehr mit der Pflanze als Kulturbild, ihrem Wurzelpol und Sprosspol, von diesem kommt sein Vaterrecht und Weitengefhl nicht mehr recht weg.
{149: Afrikanische Steppe.}
Abgesehen von diesen willkrlich-phantastischen Details, bleibt als Ganzes die Kulturkreislehre doch eine mchtige Erscheinung, irgendwo aus einem ganz Dmonisch-Genialen heraus geschaut, ursprnglich vielleicht gar nicht so sehr aus dem enormen Material der kultur-morphologischen Institute zusammengetragen. Nur oberflchlich gesehen sind diese Kulturkreise eigentlich Kreise. Sie wirken eher wie Wirbel, deren Wirbelfden sehr tief gehen, um ganz unten ber ein bisher Unerkanntes, Unerreichtes wie saugend hinzustreifen.

 Etwas wie eine Affenhypothese
Eigentlich ist es mehr die Verschiebung des ganzen Problems um ein Tempo nach rckwrts, bis auf die Menschenaffen, denn nach H. Freudenthal{150} sind schon diese entweder _vater_- oder _mutterrechtlich_ organisiert. Die rein mnnerrechtlichen Orang-Arten haben sehr ausgeprgte sekundre Geschlechtsmerkmale, weil sie in einzelnen _Vater_familien leben, also vorher ein Kampf der Mnnchen stattfindet, wer das begehrte Weibchen heimfhren darf. Durch diese Wahl werden Individuen von stark ausgeprgtem Sexualcharakter fr die Nachzucht ausgelesen. Die Schimpansen dagegen leben in Herden oder weiblichen Horden, nicht familienweise, ohne Kampf der Mnnchen untereinander um die Weibchen, sondern in einer Art mutterrechtlicher Verfassung.
{150: Diesen Autor konnte ich nicht identifizieren.}
Auch bei menschlicher Bevlkerung mit Mutterrecht sind Mann und Frau viel weniger sekundr geschlechtlich differenziert als dort, wo Vaterrecht herrscht, mit Frauenraub, Zweikampf oder auch nur Rivalitt der Mnner. (Siehe Vaerting.) Doch mehr noch: Wir knnen in bezug auf den ueren Habitus feststellen, dass in einzelnen, genau definierbaren erblichen Merkmalen die menschliche Bevlkerung der verschiedenen Erdteile sich verhlt wie die Menschenaffen in denselben Erdteilen. Wer ein scharfes Auge fr Formenvergleichung besitzt, dem kann die auffallende hnlichkeit junger Exemplare der Orang-Utan-Rasse mit Malaien und Ostasiaten nicht entgehen, bis in die blauen Mongolenflecke hinein, auch mit der braunen indischen Bevlkerung und ihrer berhhung des Schdels, weil ja die Orang-Rassen als einzige Affen Schdel mit Hhenentwicklung zeigen. Ebenso sonderbar stimmt nach dieser Theorie das Temperament bei den Ostasiaten und den Orangs berein. Beide buddhistisch, melancholisch, der Tat abgeneigt, mit dem Hang zu stiller Beschaulichkeit und Nachdenken. Dagegen sind wieder schwarze Rassen und Gorillas verwandt, beide mit fliehendem Schdel, herkulischem Muskelbau, roter Kopfkappe und beim Ftus spiraligem Haar; Neger wie Gorilla haben das gleiche phlegmatisch-cholerische Temperament, faule Perioden wechseln mit Einsatz der ganzen Persnlichkeit und starker Aufregung ab.
Nun kommt das, was uns eigentlich im engeren Sinn angeht: Junge Europer und Schimpansen haben die gleiche rosige Tnung von Gesicht, Hand und Sohle und die gleiche Krmmung der Oberschenkelknochen, die ureuropischen Neandertaler berdies die gleiche Betonung der Breitenentwicklung am Schdel wie der Schimpanse. Die heutigen Lang- und Schmalschdel sind uneuropisch und wie die heutige mnnerrechtliche Verfassung mit dem asiatischen Menschen aus Asien bertragen worden. Bei Steinzeit-Europern herrscht selbst in bezug auf die mutterrechtliche Verfassung der Horden eine vollkommene Analogie mit den gleichfalls europischen Schimpansen, bis in das sanguinisch-bermtige, bewegungslustige Temperament hinein. Das stimmt erstaunlich mit Paudlers{151} Theorie des Cro-Magnon-Menschen der europischen Steinzeit, dessen Quadratschdel und Mutterrecht. Dagegen stimmt die soziale Organisation der Malaien und der eingeborenen Affenarten keineswegs zusammen, die Menschen sind dort im Gegenteil matriarchalisch, nicht oranghaft-vaterrechtlich.
{151: Fritz Paudler (18821945), deutscher Anthropologe.}
Die hnlichkeiten von Menschen- und Affenrassen der gleichen Kontinente brauchen natrlich nicht aus direkter abstammungsmiger Verwandtschaft in Darwinschem Sinn zu kommen. Im Dschungel ist auch die Blte getigert, Lianen und Schlangen wirken wie Schwestern, und das Paideuma brtet ein Zusammenstimmen aus noch weit ber nennbare und berhrbare hnlichkeit hinweg.
Aus der besprochenen Studie besttigt sich wieder einmal, was wir lange schon wissen: dass der Europer ein Herdentier ist, als Bereicherung aber kann vielleicht der neue Hinweis auf das Schimpansoide an ihm dankbare Beachtung finden. Es ist erfreulich, dass bei Freudenthal die Anthropoiden recht gut abschneiden, teils als Buddhisten, teils durch tatenfrohes Temperament. Denn sonst, und zwar jedesmal, wenn den Leuten moralisch etwas aneinander nicht recht ist, geht es an den armen Affen aus, das hat Briffault sehr treffend bemerkt. So sagen die polygamen Singhalesen verchtlich von den Weddas: Sie leben monogam wie die Affen, und erzrnte Missionare sagen wieder ber die Liebesformen der Singhalesen: Sie leben polygam wie die Affen.

 Mutterrecht und Astrologie
_Sargon der Assyrer_ hat, soweit bekannt, als erster das Matriarchat astrologisch begrndet. Ihm ist es das Zeitalter der Mondgottheit (Namar Sin), als zwischen 9000 und 6800 v. Chr. das Frhlingszeichen der Krebs war, welcher dem Mond zugeordnet ist. Die Sonne geht ja nicht immer im gleichen Frhlingspunkt auf. Infolge einer Polschwankung durchluft sie in etwa 26 000 Jahren den ganzen Tierkreis, steigt demnach so alle 2200 Jahre zur Frhlings-Tag- und Nachtgleiche aus einem anderen Zeichen auf, und jedesmal auch hier kann das Lebendige sagen: Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein, denn die Astrologie ist im energetisch-dynamischen Charakter der Gestirne begrndet, das Horoskop selbst eine dynamische Valenzgleichung. (C. A. Reichel.{152})
{152: Diesen Autor konnte ich nicht identifizieren.}
Jetzt steht die Sonne in den Fischen, doch sind diese bereits ziemlich abgestrahlt, und sie nhert sich dem Wassermann als Frhlingspunkt der nchsten paar Jahrtausende. Vor den Fischen ging sie im Widder auf, dann der Reihe nach, also 2440 bis 4640 v. Chr. im Stier, noch frher in den Zwillingen und etwa zwischen Ende des 7. und Anfang des 10. Jahrtausends im Krebs. Fr die Astrologie teilt der Tierkreis die scheinbare Sonnenbahn in zwlf dreiiggradige Sektoren, elektromagnetischen Kraftfeldern vergleichbar. Ihre konstitutionelle Auswirkung ist begrndet in dem Unterschied des Auffallwinkels bei der Bestrahlung ... Die zwlf Sektoren heien Huser, sie haben dispositionellen, die Tierkreiszeichen selber konstitutionellen und die Planeten, als _dynamische_ Faktoren, funktionalen Charakter. (C. A. Reichel.)
Zu den Tierkreiszeichen stehen nun die groen Planeten in einem Bezugsystem, insofern jede dieser dynamischen Gtterfiguren  die Chalder nannten sie Dolmetscher  ihrem Grundcharakter nach in einem, auch mehreren Tierkreiszeichen zu Hause ist. So ist Jupiter Hausherr in zwei Zeichen, Saturn in zwei, Venus in zwei, doch zeigen sie sich auch in den ihnen entsprechenden Husern verschieden abgestimmt; Venus im Stier eher brutal, in der Waage liebenswrdig-weich. Jupiter, Mars, Venus, Saturn, Merkur, Uranus, Neptun selbst sind magische Qualitten. Ein Jupitermensch oder ein Jupiterjahr hat einen ganz bestimmten Habitus, unvergesslich, unverwechselbar fr jeden, dem die lebendige Anschauung dafr einmal aufgegangen ist. Sobald nun ein anderes Tierkreisgebild als Frhlingspunkt aufzuglnzen beginnt, setzt, falls es mit dem vorhergehenden Zeichen disharmoniert, zugleich ein onenschichtwechsel mit neuen Rassen und Strebungen abrupt ein. So lag wohl zwischen Krebs und Lwen  sie entsprechen den polaren Urgegenstzen MondSonne  die bisher letzte Weltkatastrophe, der Untergang der Atlantis, vielleicht auch Hrbigers Mondauflsung.
Da es drei ihrer Konstitution, nicht ihrem Namen nach, weibliche Tierkreiszeichen gibt, insofern zwei der Venus und eins dem Mond zugeordnet sind, so mssten nach der Astrologie innerhalb von je 26 000 Jahren immer drei dominant weibliche Zeitalter erscheinen, whrend das Weibliche sonst rezessiv bleibt, das Mchtigste natrlich unter dem Krebs. Da sind vielleicht diesmal die Urformen der groen Mtter entstanden. Zu erinnern wre im Zeitalter des heftig venusbetonten Stiers, 46402440 v. Chr., an gyptisches Matriarchat in Verbindung mit dem Apiskult, an Kretas Minotaurus, Tauromachie und Damenherrschaft, schlielich daran, dass in dieser Weltzeit nahe der Grenze des streitbaren, marsbetonten Widders auch die libyschen Amazonenreiche ausbrachen. Der nchste, sehr harmonisch-weibliche on, mit Venus in der sen Waage (libra), kme 10 760  12 960 herauf, denn die Adspekte setzen, so wie angeschlagene Tne Saiten zum Mitschwingen bringen, die ihnen verwandten Zentren im Menschen in Erregung. Oder wie Kepler ber diese sphrische Verwandlungsmusik sagt: Die Seele mag anfangen zu tanzen, wenn ihr die Adspekte pfeifen.
Astrologie in toto ist mutterrechtlich, insofern sie sich beim Stellen des Horoskops auf den allein sicheren Augenblick des weiblichen Geburtsaktes bezieht; mit dem ewig unsicheren Akt der Zeugung, der das Vaterrecht begrndet, wei sie nichts anzufangen.

 Die soziologische Hypothese
wendet auf die Probleme von Vater- und Mutterrecht den historischen Materialismus an, wie er von Marx und Engels im kommunistischen Manifest formuliert steht, dass nmlich die konomische Produktion und die aus ihr folgende gesellschaftliche Form einer jeden Geschichtsepoche die Grundlage bilde fr die politische und intellektuelle Geschichte dieser Epoche. Geschichte ist daher nur Geschichte von Klassenkmpfen zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, beherrschten und herrschenden Klassen, auf verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung.
Die alles bestimmenden Ursachen sind also rein wirtschaftlich, Religion, Ethik, Kunst, alles brige ideologischer berbau. Mutterrecht kann also nur dadurch entstehen, dass die Frau zu dieser Zeit ausschlaggebend im Produktionsprozess wird und dadurch zur herrschenden Klasse. Die Soziologie verlegt diese Zeit _und kann sie auch nur verlegen_ in die untere Ackerbaustufe. Mutterrecht ist daher eine vorbergehende Erscheinung, jene kurze Periode, whrend der Mann noch jagt, ein mehr schweifendes Leben fhrt, die Frau aber zu Hause als Pflanzen- und Frchtesammlerin bereits sesshaft wird und dadurch zum Ackerbau gelangt. Da nun das Ergebnis der Jagd viel unsicherer ist als das des Ackerbaus, so erhlt die Frau das bergewicht. Jetzt wird sie der konomisch berlegene Teil, jetzt wird sie der Mittelpunkt der Wirtschaft, um die der Mann wie ein Planet um die Sonne kreist. (Mller-Lyer.{153}) So erfolgte jene, in der bisherigen Kulturgeschichte einzigartige Umwlzung, welche die Frau die fhrende Klasse der menschlichen Gesellschaft werden lie und eine klassische Zeit der Frauenkultur herbeifhrte die, wenn sie auch nur kurze Zeit dauerte, tiefgehende Spuren hinterlie, deren Reste bis auf die heutige Zeit bemerkt werden. (Dr. P. Krische.{154})
{153: Franz Mller-Lyer (18571916), deutscher Psychologe und Soziologe.}
{154: Paul Krische (18781956), deutscher Agrarwissenschafter und Sexualreformer. _Das Rtsel der Mutterrechtsgesellschaft: Eine Studie ber diw Frhepoche der Leistung und Stellung des Weibes_ (1927, unter Mitarbeit seiner Frau Maria Krische).}
Vorher hat es nach den Soziologen weder Mutter- noch Vaterrecht, sondern nur Hordenlinie gegeben. In dieser Horde aber herrschte der Mann, weil er die Produktionsmittel der Jagd allein in Hnden hatte. Sobald er, allerdings viel spter als die Frau, den Vorteil des Ackerbaus begriff, entwand der Herrschgewohnte ihn ihr wieder, so dass mit der hohen Ackerbaustufe bereits abermals Mnnerherrschaft, diesmal mit bewusstem Vaterrecht, einsetzt, was wieder zu starker Versklavung der Frau fhrt. Diesmal spielt auch die durch Herrschaft erworbene geistige berlegenheit des Mannes mit, weil das Weib an die Scholle gebundener Produzent bleibt, Arbeitstier, indes _er_, den berschuss der Produktion als Hndler verwertend, Geschftserfahrung, Menschenerfahrung, Weitsicht gewinnen kann. Whrend beim Mutterrecht der Boden noch kommunistisches Sippengut blieb, machte ihn der Mann zum Privateigentum, nachdem er Geschmack an diesem gewonnen, durch Handel, Handwerk, auch kriegerische Eroberung, zu der die Verteidigung des bebauten Landes ausgeartet war. Acht Schlagworte umreien bei Mller-Lyer diesen konomischen Prozess: I. Reichtum entsteht, II. Reichtum gelangt in die Hnde des Mannes, III. Was zur Kaufehe fhrt, IV. So wird die Frau wieder Hrige des Mannes. V. Matriarchat geht in Patriarchat ber. VI. Der Mann lst die Familie aus der Sippe heraus, VII. an Stelle der Sippenfolge tritt mnnliche Familienfolge, VIII. Zersetzung der Sippe.
Diese rational-soziologische Hypothese ist oft in England, noch fter in Deutschland, so von Cunow{155}, Mller-Lyer, Krische, Eildermann, in populren Schriften weit verbreitet worden. Eildermann{156} hat ihr auch Totem und Exogamie einbezogen. Darber mehr an seinem Ort. Statt mit Einwnden verschiedener Herkunft zu beginnen, ob die Stufenfolge Jagd  Viehzucht  Ackerbau noch zu Recht besteht, ob die Frau berhaupt Ackerbau oder Hackbau erfunden hat, wird es vielleicht praktischer sein, erst die eigenen Voraussetzungen dieser Hypothese, ihr _selbstgewhltes Fundament_ zu prfen, nmlich die grundstzliche Entsprechung vom Mutterrecht und niederem Ackerbau; nur dort kann nmlich die Frau das konomische bergewicht durch den Wechsel im Produktionsprozess gengend stark in die Hand bekommen. Auch die Stufe der mittleren Fischer bezieht Mller-Lyer der Mutterrechtzeit noch ein, nach ihm fiel, wie im Inneren des Landes Feldbau, so an den Ksten Fischfang zuerst an die Frau. Bei hohem Ackerbau, mit Handel und Reichtum, hat der Mann diese schon wieder an sich gerissen, und Vaterrecht herrscht. Das soziologische Resum also lautet: Gesichert ist zunchst, dass der normale Entwicklungsgang in Abhngigkeit vom Produktionsprozess verluft und durchweg das Mutterrecht bei hher entwickeltem Ackerbau schwindet. (Dr. P. Krische.) Wie steht es mit diesem gesicherten Resultat?
{155: Heinrich Cunow (18621936), deutscher Redakteur, Politiker, Ethnologe und marxistischer Theoretiker.}
{156: Heinrich Eildermann (18791955), deutscher Lehrer, Gesellschaftswissenschafter und Aktivist der Arbeiterbewegung.}
Gerade hchste und lteste Stadtkulturen, wie im prarischen Indien, gypten, Lykien, Lydien, um nur wenige zu nennen, haben jahrtausendelang, einige sogar die ganze Zeit ihres Bestehens hindurch, wie gypten und Lykien, Mutterrecht gehabt. Gegen diesen Einwurf sucht man sich mit der ppigkeit schlammreicher Flussniederungen zu helfen. Die Produktionsmittel seien den Sitten einfach davongewachsen. So fand hier die, sonst ber lange Zeitrume sich erstreckende, produktionstechnische Entwicklung in so berstrzter Weise statt, dass hnlich wie bei der raschen Industrialisierung Westeuropas im 19. Jahrhundert der ideologische berbau dieser so pltzlichen wirtschaftlichen Umwlzung nicht in dem Mae wie bei geruhsam-langwierigem Fortschreiten zu folgen vermochte. So erhielten sich im schnellufigen Entwicklungsprozess dieser ersten Stadtkulturen hartnckig uralte Sitten und Vorstellungen der Mutterrechtszeit. (Dr. P. Krische.) Allerdings hartnckig. Bis 5000 Jahre lang. Und wo kommt diese Hartnckigkeit her, da doch die Produktionsmittel seelisches Geschehen entscheiden und diese dort rasch wachsen? Auch ist Lykien, das klassische Mutterland hohen Handels und Baustils, eine Art Schweiz, eher gebirgig und karg, und keineswegs schlammbefruchtet oder ppig, genau so wenig wie die Stadtkulturen der tibetanischen Frauenreiche mit neunstckigen Husern inmitten von Viehzucht, Handel und Industrie. Von Ackerbau findet sich schon wegen des eisigen Klimas bei fnftausend Meter Hhe kaum die Spur. Deshalb, meint Krische, msse es in Tibet eben frher warm gewesen sein. Wohl damit auer dem tibetanischen auch der soziologische Weizen blhen knne. In Sparta wieder soll das agrarische Beharrungsvermgen schuld sein, dass nichts stimmt. Die Spartaner, als reine Kriegerrasse, waren aber das gerade Gegenteil von Agrariern, da ihnen, Mnnern wie Frauen, jede Beschftigung mit dem Ackerbau verboten blieb. Vor lauter Mutterrecht versumten sie zwar die Schlacht bei Marathon, schafften aber den pelasgischen Demeterkult im Peleponnes ab, weil es ihnen Missachtung der Frau schien, sie in Gestalt einer Korngttin zu verehren. Wiewohl Eroberer des ganzen Landes, lieen sie alle Produktionsmittel den Heloten, weil sie beide gleich sehr verachteten, brauchten selbst nichts als einen alten Mantel und sprliche, einfachste Nahrung, behielten sich Kultur ohne Reichtum vor, den Heloten blieb Reichtum ohne Kultur. In Sparta haben somit Herrschaft und Produktionsmittel nicht das mindeste miteinander zu tun.
Entgegen dem gesicherten Resultat der Soziologie sind in Afrika die Nomaden und Viehzchter berwiegend mutterrechtlich, die Ackerbauer, soweit ihre Geschichte zurckverfolgt werden kann, vaterrechtlich, wenn es auch deshalb nicht gleich ntig scheint, so weit zu gehen wie Frobenius, der die Urform des weiblichen Kulturkreises _prinzipiell_ mit Viehzucht, den vaterrechtlich-mnnlichen _prinzipiell_ mit Ackerbau verbindet. Von den viehzchterischen Hamiten sind die stlichen durchweg vaterrechtlich, die westlichen durchweg mutterrechtlich, kein Mensch wei den Grund dieses fundamentalen Unterschieds. Nach Fisch{157} sind reine Reitervlker ohne Ackerbau in Nordtogo: die Dagbamba, Tambussi, Mambrussi, mutterrechtlich. W. Junker sagt: Unter den Bega herrschen die Frauen in einer Weise, die schwer mit dem hochfahrenden Wesen dieser stolzen und ungezhmten _Nomaden_ zu vereinbaren ist.
{157: Rudolf Fisch (18561946), Schweizer Missionsarzt.}
Genau so wenig Ackerbauer wie all diese mutterrechtlichen Vlker, ja nicht einmal Viehzchter wie sie, sind die Buschmnner in der Kalahari, sondern _Jger_, auch die Hottentotten gehren zu den ganz niedrig stehenden Rassen und leben vllig unter Matriarchat. Nur nach strengen Prfungen durch die alten Frauen und mit deren Erlaubnis drfen Buschmnner sich einem Stamm anschlieen, Greisinnen bestimmen und fhren auch die Wanderungen an. Die hohe mutterrechtliche Ritterkultur des alten Arabien war viehzchterisch, die Mnner fungierten als Hirten fr ihre reichen, herdenbesitzenden Frauen. Die groen uralten Muttersippen von Assam haben wieder entwickelten Handel mit Mrkten, die Mnner verrichten zwar alle Arbeit und den Kriegsdienst, sind aber seelisch trotzdem seit Jahrtausenden vllig abhngig von ihren Frauen. Die Tuaregs der Sahara leben gleich ihren Vorfahren, den alten Lybiern, _gynaikokratisch_ organisiert, die Frauen zchten Kamele, treiben Handel, bauen Stdte, alles natrlich, ohne die Ackerbaustufe mit ihrem Wechsel der Produktionsmittel zu kennen. Allgemein und von je als ebenso unverbesserliche Nomaden wie Mutterrechtler bekannt sind die Zigeuner. Dr. Krische meint, sie mssen eben doch frher einmal typisch-sesshafte Ackerbauer gewesen sein, um Mutterrecht zu haben. So wie ja auch Hochtibet zu hnlichem Zweck frher viel wrmer muss gewesen sein. Gleich zwanglos knnte sich vielleicht noch die Sahara als Kornkammer Afrikas diesen soziologischen Phnomenen anschlieen. Doch findet Krische im Grunde selbst, die soziologische Theorie bedrfe doch wohl einer psychologischen Ergnzung, wodurch sie aber nur verunreinigt, nicht gesttzt wird.
Die Australier  sie gehren zu den ltesten, am tiefsten stehenden Urrassen , reine Jger, zeigen doch in Bruchen und Mythologie Spuren eines gewaltsam zertrmmerten Mutterreiches, eines vollkommenen Polwechsels der Macht, ohne dass der Produktionsprozess gewechselt haben knnte, da sie ja keinen haben. Also galt es auch keine konomische Vormachtstellung zu brechen. Das gleiche ist bei den Feuerlndern der Fall, die stets auf der Stufe der mittleren Fischer stehengeblieben sind. Die berhaupt primitivsten Menschen, von welchen man etwas wei, noch weit unter den Australnegern, sind die Seri-Indianer im kalifornischen Golf. Sie besitzen nicht die Spur von irgend etwas, was berhaupt als Produktionsmittel angesprochen werden knnte, nicht Vorrte, nicht Kleider, nicht Werkzeuge, nicht einmal Steinmesser, kaum Gestrpphtten und fressen, Mnner und Frauen gemeinsam, tagelang an einem halbverwesten rohen Pferdekadaver herum. Das Einzige, was sie aber haben, ist strenges, hochausgebildetes Matriarchat. Der ganze vielfach gespaltene Stamm, in unaufhrliche Fehden verwickelt, steht unter Urweibdiktatur in ewiger Sohneshrigkeit. Wo bleibt da der Zusammenhang von Herrschaft und Produktionsmitteln? Die Seri sind ein Musterbeispiel fr Ursprnglichkeit des Mutterrechts, wenigstens bei Rassen im weiblichen Kulturkreis, wie es eindringlicher nicht knnte erdacht werden. Tatschlich kommt Matriarchat auf jeder Stufe menschlicher Entwicklung vor, auf rohester Stufe wie bei hchster Kultur, seine Dauer dagegen ist bei verschiedenen Vlkern ihrer Mutterbindung entsprechend verschieden lang. Hiernach drngt es wohl nicht mehr, gegen die soziologische Hypothese noch mit Einwnden aus anderem Bereich zu beginnen, etwa was den ideologischen berbau betrifft, nachdem der _ethnologische Unterbau_, ihr eigenes Postulat, bereits restlos verschwunden ist.
Trotzdem wird sich die soziologische Hypothese in immer weitere Kreise verbreiten, Kreise, bei denen auch wenig Gefahr besteht, dass sie je von Seri, Tuaregs, Bega gehrt haben. Schon Plato sagt bei hnlicher Gelegenheit im Kritias: Denn wenn der Zuhrer von einem Gegenstand gar keine Erfahrung und gar kein Wissen hat, so ist das fr den Redner eine groe Erleichterung. Auch hat es von vorne weg parteipolitisch so und nicht anders zu sein bei einer Doktrin, die von der Politisierung des Urschleims bis zur Politisierung der Mbel lebt. Sie klebt eben auf jegliches die gngige Marke des Flachsinns, schrnkt die Auffassung auf das ganz Krzliche ein, das gerade eben Gestrige, und merkt nicht, weil die dritte, die Tiefendimension schpferischer Anschauung bereits verkmmert ist, dass es ebenso komisch-primitiv wirkt, wenn der Rationalist einen Vorgang in der magischen Menschheit durch die Produktionsmittel erklrt, wie wenn ein Wilder beim ersten Anblick einer Taschenuhr ihr Ticken dadurch erklrt, dass der Geist seines Grovaters drinnen sitzt. Ganz der gleiche unkritische Analogieschluss! Im historischen Materialismus wird eben das Weltgeschehen geschaut aus der Mentalitt eines kleinen Gewerkschaftsbeamten. Er projiziert die, seiner Beschaffenheit einzig noch zugngliche, Merk- und Wirkungswelt aus Asphalt, bedrucktem Papier, Kollektivvertrgen und Unfallversicherungspolicen in alle Schichten des Lebendigen und wei es wirklich nicht anders. Einblicke, Ausblicke, Perspektiven anderer irrationaler Horizonte mit ihren verschiedenen gleichwertigen Lsungen eines Problems stehen ihm nicht mehr offen. Das soziologische Dogma wird daher immer mehr Leser vollauf befriedigen, und sind einmal alle anderen lebendigen Triebe zugunsten des Nutzens verkmmert, auch Wahrheit werden, weil dann, aber erst dann Weltgeschehen und Wirtschaft zusammenfallen.


 Totemismus, Exogamie und Mutterrecht

_Sir James Frazer_, der Schneebart, der Folklore-Knig in seinem Mythenwald, schrieb nach dreiigjhrigem Studium ber Totemismus und Exogamie den mutig-weisen Satz: I have changed my views repeatedly and I am resolved to change them again with every change of the evidence, for like a chamelion the candid enquirer should shift his colours with the shifting colours of the ground he treads. Wahrscheinlich berall, besonders aber in der Vlkerpsychologie kommt jeder halbwegs Erfahrene ja bald dahinter; die krzeste Gedankenverbindung zwischen zwei Punkten ist immer eine  Banalitt. Zu besseren Einsichten fhren nur Umwege.
Da Totemismus und Exogamie vlkerpsychologisch zum Bedeutsamsten gehren, dabei in ihrer ganzen Spielbreite durchdrungen sind von gespenstigen Rtseln aus dem Nirgendwo, so reizen sie natrlich die Leute zu extremen Ansichten. Frazer selbst hat schon drei gehabt, zwei davon wieder feierlich verworfen. Es ist also zu hoffen, dass er auch die dritte noch den frheren nachschicken wird. Sie lsst, da Australier und andere Primitive den Zusammenhang von Empfngnis und mnnlichem Akt nicht anerkennen, den Totem aus sick fancies, einer Gravidittsphantasie der Frau beim Schock der ersten Kindesbewegungen, entstehen. Tier, Vogelruf, Pflanze, Windhauch, Stein, Stern, was eben in diesem bestrzenden Moment ihre Aufmerksamkeit fesselt, soll die Gravide fr den eben eingedrungenen Lebenserreger halten, der sich in Menschenform von ihr wieder gebren lassen will. Damit wre erklrt, warum der Totem, wiewohl oft ein mnnliches Tier, sich fast nur in weiblicher Linie forterbt und als mystischer Ahnherr von den Abkmmlingen nicht gegessen werden darf, es sei denn an hohen Festen, um feierlich die Identifizierung mit ihm zu erneuern, kurz, der Grund, warum jeder Totem tabu ist. Totemismus wre also nach Frazer III eine weibliche Schpfung. Mnnliche Kollegen haben vielfache Einwnde von weither getragen; dieser Theorie aus ihrem Kern heraus das Urteil zu sprechen kme aber naturgem einer Frau zu. Sie wrde den Herren erklren, die ersten Kindesbewegungen seien so wenig ein Schock, dass die Gravide, erst aus deren allmhlicher Verstrkung auf zartere Stadien rckschlieend, also viel spter, wei, wann sie zuerst versprt wurden. Dieses zuerst war nur etwas wie das Zucken eines Sardellenschwnzchens in einer weh-gedehnten Flssigkeit, unbeschreiblich tief weg, wo das Ich an den Mittelpunkt der Dinge grenzt. Kindesbewegungen sind somit, zuerst nur rckschauender Beobachtung zugnglich, sechs Wochen spter schon Gewohnheit geworden, dazwischen liegt kein Schock, abgegrenzt genug, um ihn mit einem ueren Ding urschlich zu verknpfen.
Frazers zweite Theorie entstand unter der Suggestion eben entdeckter australischer Zeremonien der Intichiumariten, die, spt und stark degeneriert, zuerst flschlich eine Trouvaille an Primitivitt schienen. Damals hielt Frazer kurze Zeit den ganzen Totemismus fr einen magischen Konsumverein. Die einen sollten ihr Totemtier nicht essen, dafr durch Riten und Zauber vermehren und als Tauschobjekt fr andere Clans verwenden, war es aber ein Raubtier, ein Skorpion, eine Schlange, seine Schdlichkeit durch Magie bannen, wofr sie durch Totemtiere anderer Clans bezahlt wurden. Aus alter Erfahrung misstrauisch gegen solchen Rationalismus, weil Naturvlker anders denken, kam Frazer bald wieder von dem magischen Konsumverein ab, hatte er sich doch schon frher die Unzulnglichkeit dieser Hypothese nicht ganz verhehlt. Auch Beruf und Beschftigung bei Clan-Mitgliedern liegen ja oft weit ab von ihrem Totem. Die Baganda sind seit unvordenklichen Zeiten Elefantenjger, der Totem aber ist ein kleiner Sumpfbffel, und bei Generationen von Schmieden eine schwanzlose Kuh. Leute vom Bedschuana-Stamm mit Eisentotem sind nicht etwa Eisenarbeiter, es ist ihnen sogar verboten, ein Metall anzurhren.
_A. C. Haddon_, ganz rational, meint, zum Totem sei jenes Tier oder jene Pflanze geworden, von dem der Stamm ursprnglich gelebt oder mit dem er Handel getrieben habe, also das Nahrungstier oder die Nhrpflanze. Dem widerspricht das Grundgebot jedes Totemismus, dass ein Totem als Tier bei Todesstrafe weder gejagt, noch verletzt, noch gegessen, als Pflanze weder gepflckt, noch genossen werden darf, auer bei der seltenen religisen Stammeszeremonie einer Wiederidentifizierung mit ihm. berdies sind Naturvlker _omnivor_, und das um so mehr, je tiefer sie stehen. Doch schon bei den Primitivsten sind die heiligen Totembruche dort bereits geradezu barock ausgestaltet, wo von einem besonderen Jagd- oder Nahrungstier keine Rede sein kann. Damit scheidet diese Theorie aus, genau wie die andere, soziologische von Eildermann, der von seinem zweckhaft konstruierten Schreibtisch aus meint, besonders geschickte Jger, spezialisiert auf das Knguruh, das Emu oder sonst ein Tier, htten sich eben Knguruh- oder Emuleute genannt und durch ihr Jagdmonopol das wirtschaftliche bergewicht erhalten, worauf spter die Schichtung in Altersklassen und schlielich die Exogamie, jene Sitte, nur Frauen fremder Clans zu heiraten, hervorgegangen sei, indem der Vater die Tochter mit Vorliebe einem Mann aus anderem Totem-Clan gegeben habe, um von ihm anderes Fleisch zu erhalten. Primitive mit uraltem Totem sind aber immer noch Omnivoren und nicht spezialisierte Jger. Auf den Totem spezialisierte Jger, die ihr Spezialwild berdies nicht jagen, nicht verletzen, nicht tten drfen, werden kaum imstande sein, Fleisch einem Schwiegervater zu bringen oder durch den Totem konomische berlegenheit zu gewinnen. Schlielich sind Totems zwar hufig, aber durchaus nicht immer Tiere oder Pflanzen, zuweilen eine Himmels- oder Windrichtung, der Regen oder ein Stern. Die eine Art Totem fr lter zu dekretieren als die andere, scheint aber keineswegs gerechtfertigt. Dann wrde also nach soziologischer Auffassung der Spezialjger mit dem Regenbogen als Totem diesen, nachdem er ihn zur Strecke gebracht und ausgeschrotet hat, dem Schwiegervater liefern. Vorderes oder hinteres, rotes oder violettes Ende nach Wunsch.
_H. Spencer_{158}, auch Lord Avebury lassen Totemismus als Ehrennamen eines Anfhrers entstehen, wie Lwe, Falke. Fast unwiderleglich spricht dagegen, dass der Totem nie einem einzelnen, stets einer Gruppe verhaftet ist. Als persnlicher Spitz- oder Ehrenname eines Mannes knnte er, nach dem fast allgemeinen System der Mutterfolge, nie vererbt werden und strbe mit ihm aus, wrde also nicht Clanname.
{158: Herbert Spencer (18201903), englischer Philosoph, Anthropologe und Soziologe.}
_G. A. Wilken_{159} sieht infolge der Seelenwanderung Pflanzen, Tiere und sonstige Naturdinge zum Rang von Ahnen aufsteigen. Auch W. Wundt{160} will bemerkt haben, wie Totemtiere auffallend oft mit den Seelentieren der klassischen Zeit identisch seien, Fledermaus, Vogel, Eidechse, Schlange als Wohnort entkrperter Seelen, so dass Totemismus im Animismus wurzle, die entkrperte Ahnenseele in das Tier bergehe, das nun selbst als Ahnherr verehrt und geschont werde. Dagegen zeugt, dass viele Rassen mit Totem, wie die Baganda, gar nicht an die Seelenwanderung glauben.
{159: George Alexander Wilken (18471891), niederlndischer Kolonialbeamter und Ethnologe.}
{160: Wilhelm Wundt (18321920), deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph.}
Auer diesen Theorien gibt es noch reichlich andere, doch stets irgendwo durch schwere Einwnde ldierte. Noch schlimmer wird es bei der Exogamie. Vor allem mit der Frage, ob sie berhaupt zum Totemismus gehre oder nicht. Frazer und nach ihm die meisten neueren Forscher halten beide Phnomene ihrem Ursprung nach fr total verschieden schon deshalb, weil der Totemismus weit lter sei. S. Freud braucht beide wieder als untrennbare Bestandteile seines Vaterfraes in der Urhorde: Beginn sozialer Organisationen, sittlicher Einschrnkungen und Religion.
Nur in einem ist sich seit geraumer Zeit alles so ziemlich einig geworden, darin nmlich, dass Exogamie, jenes strenge Gebot, ausschlielich Mitglieder anderer Clans zu heiraten, nichts mit Rassenhygiene zu tun hat, also mit Inzestscheu im eugenetischen Sinn. Auch sind ja Bruder-Schwester-Ehen nicht nur im Iran bevorzugt, sondern auch sonst weit verbreitet, wie bei den Murung auf Borneo; bei den Kalangas auf Java gilt sogar die Verbindung von Mutter und Sohn fr besonders gesegnet. Auch wre es psychologisch mehr als unwahrscheinlich, sollten Naturvlker mgliche ble Folgen an ihren fernsten Nachfahren nicht nur voraussehen, sondern deren Verhinderung mit Todesdrohungen von den Zeitgenossen erzwingen, besonders da ja heute die Frage dieser schdlichen Folgen weniger als je entschieden ist. Die neue Vlkerkunde zeigt im Gegenteil reine Inzestrassen als die harmonischesten, schnsten, vitalsten auf. Was in den europischen Alpen an Degeneration besteht, erwies sich jedesmal als anders verursacht, wie Kretinismus durch Kropfwasser oder Taubstummheit durch die Hhenlage. Beobachtungen der Tierzchter beweisen natrlich nichts, weil ja die Tiere auf Krankheit gezchtet werden, im Sinne menschlichen Nutzens, nicht im Sinn ihrer eigenen Zielstrebigkeit, Gnse auf Leberentartung, Schweine auf Herzverfettung, Khe auf pathologische berentwicklung der Milchdrsen. Wo aber eine Tierart nur halbwegs auf ihren eigenen Lebensplan hin ingezchtet wird, wie das englische Vollblutpferd auf Schnelligkeit, Temperament, krperlich-seelische Gesamtleistung, da stehen die Rekordresultate im direkten Verhltnis zu Strenge und Dauer der Inzucht. Nirgends in der Natur gibt es Inzestscheu bei Tieren, eher das Gegenteil: Abneigung, sich zu kreuzen. Herden lassen berhaupt kein fremdes Exemplar zu, woher stammt also die Exogamie als weit verbreitetes Gesetz bei gerade der Natur so nahen Rassen?
_McLennan_{161}, der Entdecker von Totemismus und Exogamie, glaubte, diese stamme aus dem Weibermangel; dann wre aber erst recht nicht einzusehen, warum sich der Stamm auch noch die wenigen eigenen Frauen versagen sollte.
{161: John Ferguson McLennan (18271881), schottischer Jurist, Sozialanthropologe und Ethnologe.}
_Westermarck_ meinte noch, Vlker mit Inzest seien eben an dessen Folgen ausgestorben, briggeblieben nur die mit Exogamie. Diese Meinung ist seitdem durch die notorische Langlebigkeit typischer Inzestrassen widerlegt.
_Jeremy Bentham_{162} und _Walter Heape_{163} sehen die Erklrung im Reiz der fremden Frau; das liefe auf Bevorzugung, nicht aber auf Gebot hinaus, ist brigens psychologisch unhaltbar, gerade Kinderfreundschaften gehen bei Natur- wie bei Kulturvlkern besonders hufig nach der Pubertt in erotische Bindungen ber, man braucht nur an berhmte literarische Beispiele, wie Aucassin und Nicolette, Paul und Virginie, Daphnis und Chlo zu denken.
{162: Jeremy Bentham (17481832), englischer Jurist, Philosoph und Sozialreformer.}
{163: Walter Heape (18551929), britischer Zoologe und Embryologe.}
_Havelock Ellis_{164} macht es sich ebenfalls unerlaubt leicht, wenn er die Inzestscheu einfach Fehlen des Erethismus, Hormonflue nennt. Warum msste dann durch Todesstrafe verboten werden, wonach doch kein Gelst besteht?
{164: Havelock Ellis (18591939), britischer Sexualforscher und Sozialreformer.}
Fr Prof. _Durkheim_{165} hngen Totemismus und Exogamie insofern zusammen, als Scheu vor dem Vergieen des gleichen Totemblutes durch die Defloration zur Heirat in fremdes Clanblut zwingt. Nun findet aber gerade Sexualverkehr bei Vermischungsfesten, manchmal auch in sogenannten Mondehen, zwischen Clangeschwistern statt, denen dauernde Lebensgemeinschaft versagt wre. In Assam hat das Mdchen in den groen Muttersippen meist vorehelichen Geschlechtsverkehr mit einem Mann, den sie nicht heiraten darf. _Es muss demnach fr die Exogamie ganz anderer als blutmiger Grund bestehen._
{165: mile Durkheim (18581917), franzsischer Soziologe und Ethnologe.}
_Darwin_ nahm Eifersucht alter Mnnchen an, sie sollten die jungen aus der Herde vertreiben. Angenommen, nicht zugegeben, das stimme, dann mssten fremde eindringende Rivalen doch von ihnen noch viel schrfer abgehalten werden. Und die drben, in den anderen Horden, machten es doch ebenso. Es wre also nicht einzusehen, wie junge Mnnchen je zu Gattinnen kommen sollten, auer sie siegten im Kampf, dazu htten sie aber in der eigenen Horde genau so viel Chance; dann bleibt es aber beim Inzest, und Exogamie kann nicht zur Regel, geschweige denn zum allgemein gltigen Gesetz werden. Darwin sttzte sich keineswegs auf Beobachtung am Menschen, denn Urhorde ist etwas rein Hypothetisches, und in der Gesellschaftsstruktur uns bekannter Naturvlker spielt Eifersucht, die Dominanz alter Mnnchen, fast gar keine Rolle. Es war eben ein billiger Analogieschluss meist nordischer Vlker im brgerlichen Zeitalter, dass, weil die ihnen bereits wild und primitiv erscheinenden Romanen, etwa Sizilianer (besonders in Opern), sich viel hitziger eiferschtig gebrdeten als sie selbst, bei noch primitiveren und wilderen Menschenarten in noch heieren Gegenden die Eifersucht proportional ansteigen msste, zum Unma aller Dinge. Frauenraub ist jedoch viel seltener, als man annahm, schon weil er unweigerlich Krieg mit dem ganzen Stamm zur Folge haben msste. Gewisse Sitten, die fr berreste des Frauenraubs gehalten wurden, wie Wegtragen und ber-die-Schwelle-Heben der Braut, sind, wie Frobenius gezeigt hat, magische Mittel bei Vaterrecht, um die junge Frau von ihrer Sippe abzulsen, damit sie nicht ihre eigenen Ahnen, sondern die ihres Mannes wiedergebre.
Darwin schloss direkt auf die hypothetische Urhorde aus ebenso hypothetischen Zustnden bei den Menschenaffen, denn zu seiner Zeit wusste man noch nicht, dass Primaten in verschiedenen Gesellungsformen leben. Heute, wo im tropischen Urwald schon bald mehr beobachtende weie Zoologen als beobachtete Gorillas sitzen, haben diese ihren alten Ruf als zhnefletschende Patriarchen mit Weibermonopol lngst verloren. Sie leben nicht in streng patriarchalischen Familien, sind vielmehr entweder einzeln, hufiger verschiedenaltrige Mnnchen und Weibchen friedlich in kleinen Trupps lebend, gesehen worden. Mit und ohne Gorilla bleibt die Exogamie jedenfalls rtselhaft wie je.
_S. Freud_ meint schlielich: Einen einzigen Lichtblick wirft die psychoanalytische Erfahrung in dieses Dunkel. Sie baut auf der alten Darwinschen Grundannahme der Eifersucht weiter, indem sie die Tabu-Angst, das bertabuieren von Gegenstnden, die starken Gefhlsschwankungen und Spannungen bei Primitiven mit Beobachtungen an psychisch Gestrten in Verbindung bringt, weshalb Freuds weltberhmten vier Abhandlungen Totem und Tabu auch den Untertitel tragen: Einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker.
Es sei erlaubt, hier ganz allgemein zu bemerken, die Psychoanalyse neige vielleicht etwas stark dazu, Primitive nur als wildlebende Patienten zu betrachten und die ganze Magie, das Vertrauen auf die Allmacht der Gedanken als hypertrophischen Narzissmus. Nun leben aber die Naturvlker notorisch sehr gut mit Hilfe ihrer magischen Methoden, die Neurotiker mit ihren Neurosen schlecht, whrend der zivilisierte Normalmensch schon bei dem Versuch, die Mittel von Naturvlkern nachzuahmen, berhaupt klglich verkommen msste. In Zeiten, wo jeder Tag neue, bisher unbekannte Strmungen des thers mit verblffenden organischen Wirkungen durch unsere Apparate zur Kenntnis bringt, so dass alle Wesen sich abwechselnd als Sender und Empfnger unsichtbarer Krfte herausstellen, ist es doch, besonders bei der Flle der Zeugnisse ber Jagdzauber und Fernwirkung, nicht ohne weiteres abzulehnen, dass altertmlichere Menschenarten, in manchem gefhlsmig reicher belebt, weil in ihnen das Grohirn noch nicht wuchernd alles an sich gerissen und die Hirndrsen verdrngt hat, mit diesen Strahlen aufeinander und die Umwelt in mancher, uns versagten, Weise zu wirken vermchten. Hier liegt Trug im Schluss vom Neurotiker oder mit Dementia praecox Behafteten direkt auf Primitive, selbst wenn auch diese bereits degeneriert und heute nicht mehr ganz im Besitz von Vollmagie sein sollten. Es gengt nicht, beim Zivilisierten Hemmungen abzurumen, die ausgewichtete Oberwelt, damit der Wilde brig bleibe. Beim modernen Neurotiker ist ja das _anders Lebendige_ lngst drunter weggefault. Zauberformeln bei Vollmagie sind also nicht unbedingt das gleiche wie jener paranoide Wortsalat, mit dem so ein armer Halbirrer im kahlgetnchten, lebensleeren, seelisch ausgelaugten ummauerten Raum seinen Arzt anzuschnattern pflegt: Ich, Grofrst Mephisto, werde Sie mit Blutrache behandeln lassen, wegen Orangutan-Reprsentanz oder hnlichen Bannformeln. (Zitiert nach Jung.)
Vielmehr wandeln wir alle in Geheimnissen, sind von einer Atmosphre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt. So viel ist wohl gewiss, dass in besonderen Zustnden die Fhlfden unsrer Seele ber ihre krperlichen Grenzen hinausreichen knnen und ihr ein Vorgefhl, ja ein wirklicher Blick in die Zukunft gestattet ist. Nicht autoritativ, weil er gerade von Goethe stammt, sei dieser Satz hier angefhrt, denn aus den vielseitig gestimmten Aussprchen jedes lang- und hellebigen Menschen lsst sich so ziemlich das Verschiedenste belegen, sondern weil es einfach nicht mehr mglich scheint, sich des Auerordentlichen angenehmer beilufig bewusst zu zeigen.
In Totem und Tabu nimmt Freud nicht mehr, wie Darwin, alte Mnnchen, vielmehr in jedem Stamm einen einzigen Familienpatriarchen an, berwltigend durch Kraft und Autoritt, beneidet und gefrchtet zugleich, der die heranwachsenden Shne vertreibt. In vollem Gegensatz zu Darwin kehren diese vertriebenen Brder spter zurck und tten, was jedem einzelnen nie gelungen wre, _gemeinsam_ den gewaltttigen Urvater. Dass sie den Getteten auch verzehrten, ist fr den kannibalischen Wilden selbstverstndlich. Nun hatten sie den Vater, der ihrem Macht- und Sexualanspruch so bs im Wege stand, zwar gehasst, aber auch geliebt und bewundert. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Hass befriedigt und ihren Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mussten sie die, dabei berwltigten, zrtlichen Regungen zur Geltung bringen. Es geschah in der Form der Reue. Es entstand ein Schuldbewusstsein ... Der Tote wurde nun strker, als der Lebendige gewesen. Die Shne sind jetzt in der psychischen Situation des, aus den Psychoanalysen so wohlbekannten, nachtrglichen Gehorsams. Sie widerriefen ihre Tat ... und verzichteten auf deren Frchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen versagten.
Diese Shne in der Urhorde haben entschieden zuviel Dostojewski gelesen und dann zu lange ber ihre psychische Situation im Kaffeehaus herumgeredet. Weiter wird erlutert, dieses Inzestverbot, durch welches sie alle zugleich auf die begehrten Frauen verzichtet htten, sei aufgerichtet worden, um die neue Organisation zu retten. Diese habe sie ja stark gemacht; bei einem einsetzenden Kampf aller gegen alle um die Weibchen  denn jeder wollte im Grunde, wie der Vater, smtliche fr sich haben  wre dieser neue Bund in die Brche gegangen. Der Verzicht sei vielleicht erleichtert worden durch homosexuelle Bettigungen, wie sie sich in der Zeit der Vertreibung mochten eingestellt haben. Die Psychoanalyse bersieht hier, dass diese junge Bruderorganisation, gerade wegen des gemeinsamen Verzichtes, sofort zur Auflsung verurteilt wird eben durch die Exogamie. Sexualbindungen wirken sich nmlich bei Exogamie unter Primitiven in der _berwltigenden Majoritt matrilokal_ aus, fast auf der ganzen Welt. Der Mann nimmt ja nicht die Frau zu sich, sondern zieht in ihren Clan, lebt als Gast an dessen Rand. So mssen sich die Brder entweder ber alle mglichen Stmme verstreuen, was ihren Bund auflst, oder sie bleiben bei dem Inzestverbot und der Homosexualitt, also ohne Fortpflanzung, zu Hause. Dann kann sich aber jenes erschtternd ambivalente Urerlebnis: Vatermord, Fra und Reue, auf keine Nachkommen forterben, kann nicht zum totemistischen System mit einem Tier als Vaterersatz werden und weiterwirkend nach Tausenden oder besser Zehntausenden von Jahren zum Priesterknigtum mit ritueller Schlachtung, wie ja auch das hochverehrte und geschonte Totemtier bei feierlichem Shne- und Erinnerungsmahl geschlachtet wird. Kurz, die dem Vaterkomplex und Urverbrechen anhaftende Ambivalenz knnte nicht die ungeheuren religisen, sozialen, ethischen Umbildungen erleben, mit denen die Psychoanalyse sie betraut. Befremdlich ist ferner, dass diese ungeheure Ambivalenz in den spteren Generationen von Shnen sich in jeder einzelnen an dem leiblichen Vater so gar nicht auswirkt, sondern latent bleiben soll. Der wirkliche Vater ist bei Naturvlkern meist berhaupt nicht gefhlsmig betont, man kann ihn schtzen oder nicht, mit ihm persnlich verkehren oder nicht, es besteht kein Blutgefhl; dieses nur mit der Mutter. Der Autor von Totem und Tabu meint ja auch selbst freimtig, er wisse berhaupt nicht, wo in seiner Hypothese die groen Mtter Platz finden knnten.
War Frazers mutig weiser Satz am Ende eines langen, reichen Weges schn, so hat Freud in seinem ergreifenden Alterswerk, abendlich leuchtend und erlst, also jenseits des Lustprinzips einen noch schneren geschrieben, voll berlegener Bescheidenheit: ... Nur dass man selten unparteiisch ist, wo es sich um letzte Dinge, die groen Probleme der Wissenschaft und des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begrndeten Vorurteilen beherrscht, denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in die Hnde arbeitet. Bei so guten Grnden zum Misstrauen bleibt wohl nichts anderes als ein khles Wohlwollen fr die Ergebnisse des eigenen Denkens brig.
Die Psychoanalyse hat der Menschheit so viele _weltgltige_, gar nicht mehr wegzudenkende Einsichten geschenkt, dass es verstattet sein mge, sie gerade im Anschluss an die wunder-weisen Worte ihres groen Begrnders auch einmal nicht allgemeingltig zu empfinden, dort nmlich, wo sie ganz offenbar eine spte, eigentmliche, in der Geschichte geradezu einmalige Seelenlage und Beschaffenheit in die menschliche Urhorde schlechthin zurckprojiziert und damit einen Vaterkomplex, wie er sich religis gegen einen eifervollen Eingott und Herrn in manischem Wechsel von Aufstnden und Unterwerfungen ambivalent entladen hat, einem allgemein vlkerpsychologischen Problem als solchem zum Grunde legt.
Von _Robert Briffault_ sind 1927 The Mothers erschienen in drei Bnden, jeder dick wie ein ausgewachsenes Missale. In diesem drei Kilo schweren Werk ist ein ungeheures Material nicht nur zusammengetragen, sondern auch ausgewertet; ein seltenes Zusammentreffen. Briffault erscheint hier als Kopernikus der Exogamie, indem er den Schwerpunkt alles Geschehens prinzipiell verlagert hat. Dadurch lsen sich komplizierteste Epizykel, sinnlos Retrogrades wird wie von selber zu klarem Geschehen. Durch ihn erscheint die Exogamie endgltig vom Vorurteil der Paternitt befreit. Solange sie vom Manne ausgehen sollte  und ohne auch nur zu fragen, nahm alle Welt das an , wirkten ihre Phnomene konfus, bockig, verkehrt. Besonders patriarchal verrannt nimmt sich hier der manische Vaterkomplex der Psychoanalytiker aus. Fr diese gibt es Mtter nur als Sexualobjekte. Dass so ein _Objekt_ schlielich auch ein _Subjekt_ sein knnte, das dreinzureden hat, wird tief-naiv vergessen. Briffault beweist Exogamie aus dem tiefsten Wesen der Muttersippe heraus, als ihre Wirbelsule, ohne die sie sich nicht aufrecht htte halten knnen, so gehalten hat sie sich aber, denn sie existiert, zhestes soziales Gebilde, heute noch; von einer Urhorde fehlt dagegen jede Spur, und ihr Dasein ist nicht einmal hypothetisch ntig zur Bildung einer primitiven Gesellschaft, fr die Erklrung der Exogamie aber direkt hinderlich.
Briffault frug umgekehrt: _wo_ ist Exogamie unentbehrlich, und wie konnte es berhaupt zur Bildung von Muttersippen kommen? Auch Bachofen war das Problem der groen Frauengefge noch nicht aufgegangen, fr ihn herrschte ja zuerst nur der weibliche Urstoff als solcher ber den Mann, dann die Frau in der mutterrechtlichen, von ihr begrndeten monogamen Familie. Alle brigen Theorien aber gingen bei Betrachtung der Exogamie vom mnnlichen Sexualinstinkt aus. Wo die Mnner Sexualpartner und Brder zugleich wren, msste ihre Rivalitt und Autoritt, mssten Unruhe und Machtbedrfnis eben zu mnnlicher Vorherrschaft fhren.
_Die Mtter als Basis der Gesellschaftsordnung_ erlauben daher keine bergriffe heranwachsender Mnnchen gegen Clangenossinnen, schtzen jngere Schwestern vor lteren Brdern, whrend ltere Schwestern mit der Autoritt von Mttern betraut werden. Herangewachsene Mnnchen haben berhaupt die Gemeinschaft ehebaldigst zu verlassen, oder man verheiratet sie gleich selbst nach auswrts, wo sie dann, dem Schwiegermuttertabu unterworfen, im neuen Clan ihrer Gattinnen nur geduldete Auenseiter sind. _Die Frauen bleiben dagegen untrennbar zusammen. Keine Tochter wird hergegeben_, fremde Gatten sind Gste, am Rand der Gemeinschaft gelegentlich Mnnerbnde bildend, frei schweifend, wie Geielzellen um ruhende Eier. Nicht nur in den groen Muttersippen Sumatras, Nordindiens oder Indianisch-Amerikas, auch in mutterrechtlichen Teilen von Afrika ist das Blutband unter Frauen viel grer als sexuelle Bindung an den Mann. Selbst wo die Weiber ins Dorf des Gatten ziehen, laufen sie beim geringsten Anlass wieder nach Hause. Autoritt herrschender Mtter also erzwingt Exogamie und verteidigt ihre Organisation gegen die, nur _gelegentlich_ erwnschten, Mnncheninstinkte.
An die sechzig enggedruckte Seiten in Briffaults Riesenwerk nimmt ungefhr die Aufzhlung jener Vlker und Stmme der fnf Weltteile ein, bei denen die Ehe _matrilokal_ ist, die Exogamie also allein den Mann trifft, eben im Sinn der Frauensippe. Einfach Exogamie zu konstatieren, besagt ja wenig, wichtiger ist erst, _wer_ zu _wem_ ziehen, wer von wo weg muss. Eine weibliche Dauerverbindung wre schon rein blutmig zerrissen, wenn die Shne fremde Frauen hereinbrchten, die eignen Tchter aber wegzgen. Es wrde sofort eine mnnliche Herde daraus, wo die weiblichen Instinkte atrophieren. Darum ist die Exogamie in so vielen primitiven Gesellschaften essentiell fr die Bewahrung ihres mutterrechtlichen Charakters. Der Mann, weniger konservativ, neigt auch von Natur aus leichter zum Verlassen des Clans. Er ist kein Heimmacher, eher schweifender Abenteurer. Wo Frauen und Kinder lngst in Htten leben, schlafen die Mnner oft noch unter Bumen im Freien. Briffault kommt somit gerade zu dem umgekehrten Schluss wie Freud. Nicht alte Mnnchen, sondern die Autoritt alter Weibchen erzwingt Exogamie, indem sie die Shne von den jungen Tchtern wegtreibt. Das soll sich biologisch seltsam auswirken, indem bei Mutterfolge die gebornen Kinder tatschlich alle mehr den Mttern hneln, weil bei ihnen der Gleichheitstypus der Umgebung verstrkend wirkt, bei Vaterrecht, mit dominant ewig vorne dran in die Augen fallenden Mnnern gleichen Blutes, hneln die Kinder wieder diesen, ihnen gegenber kommen die wechselnden fremden Frauen eben nie dazu, den eigenen Typus zu fixieren.
Briffaults Untersuchungen aber greifen noch weiter, und so wird ihm aufs neue zur Frage, was den meisten kein Problem scheint: Wie kann eine grere menschliche Gruppe sich bilden? Von Cicero bis Westermarck lautete die Antwort: durch ein Agglomerat von Familien. Wenn aber auch nichts leichter scheint, als viele Einzelfamilien zusammen zu bringen, sie ihren _Familien_charakter bewahren lassen unter den neuen Bedingungen, da liegt die Schwierigkeit. Bei einer noch nicht sehr konsolidierten Menschheit ohne festsitzende, _soziale_ Instinkte, die ja _abgeirrte_ oder, wenn man will, _umgebildete_ Mutterinstinkte sind, sekundr auf die Mnnchen bertragen, musste sich dieses Familienagglomerat bald unter der Initiative ungebndigter mnnlicher Sexualimpulse eben in mnnliche Herden oder Horden auflsen, jedenfalls eine ganz andere Struktur erhalten, und das hat sich ja auch tatschlich oft genug ereignet.
Wo immer im Tierreich Familien in grerer Zahl vorbergehend zusammenkommen, tendiert die Einheit Familie dazu, durch Promiskuitt zerstrt zu werden, und zwar durch die Mnnchen; so ist es sogar bei Vgeln, wenn sie auch nur kurze Zeit auf groen Niststellen zusammenkommen. Gruppenbildung schafft Bedingungen jenen entgegengesetzt, auf denen Familienbildung beruht. Die biologische Familie ist Manifestation der mtterlichen Instinkte des Weibchens, des Schtzens, Hegens, Bewahrens, so wie auch das Weibchen selbstndig sich zum Gebren zurckzieht _und die Hhle whlt_, in die ihr das Mnnchen manchmal folgt, fter nicht, und nur so lange, als sein Brunsttrieb noch nicht erloschen ist. Das Whlen des Gebrplatzes, Sugen und Aufzucht, Erziehung des Schwachen, Hilflosen, diese Instinkte bilden die weibliche Familie. Wenn sie in eine ganz anders konstituierte Gruppe verwandelt wird, nmlich in eine Gruppe von Familien mit dauernder Anwesenheit von Mnnchen, so ist diese neue Gruppierung nicht mehr der Ausdruck jener formativen und regulativen Krfte, die eine Familienorganisation hervorgebracht und erhalten haben: der mtterlichen. Ihr Typus muss sich ndern, denn die ganz entgegengesetzten mnnlichen Instinkte kommen hinein; es entsteht die Herde oder mnnliche Horde. Die weibliche Einflusslinie wre zerstrt, mit ihr aber auch jene gerade im Anfangsstadium der Entwicklung so wichtige Voraussetzung fr den Aufbau der sozialen Menschengemeinschaft.
Alles, was hhere menschliche Entwicklung voraussetzt, wie die Sprache, ist an grere Gruppen geknpft. Um in diesen die besnftigenden, aufbauenden, ordnenden, eminent sozialen Mutterinstinkte zu verankern, ohne die ihr keine Weiterentwicklung mglich gewesen wre, musste den herangewachsenen Shnen, eben durch Exogamie, eine Stellung auerhalb des eigentlichen Muttergefges ausgewiesen werden. Ein seltsames Arrangement, aber jenes, das die werdende Menschheit faktisch angewendet hat. Natrlich nicht durch Nachdenken, mit dem Ziel es einmal so herrlich weit zu bringen wie wir, vielmehr soll, wie Briffault annimmt, Eifersucht der Mutter auf die Tchter die unmittelbare Ursache gewesen sein. Sie treibt die Kinder auseinander, die Brder von den Schwestern weg, und damit indirekt aus der Sippe zu andern Weibchen, wo sie den Sexualverkehr nicht sieht, hauptschlich den der Shne nicht sieht, denn Mutterliebe ist nach Briffault Eigentumsinstinkt. Auch Darwin will Eifersucht auf Geschwisterinzest unter ihren Augen schon bei Affenmttern beobachtet haben. In The Mothers{166} wird sehr interessant erlutert, wie jede hhere Entwicklung von der Dauer mtterlichen Einflusses abhngt; in der Herde, wo er gering ist, bleibt auch der geistige und Charakterstandard gleichmig gering. Dagegen genieen die Raubtiere, ihrer verlngerten Unreife wegen, die nobelste Kinderstube, lernen frh Freund und Feind unterscheiden, ben Rcksicht und gutes Benehmen gegeneinander, Vielfalt der Reaktionen, und bringen es daher in hohem Ma zu Individualitt, unterschiedlicher und mannigfacher Art der Beziehungen, wie die Herde sie nie entwickelt, trotz unbegrenzter Zahl.
{166: Robert Briffault, _The Mothers: A Study of the Origins of Sentiments and Institutions_ (1927).}
Zu Basis und Band jeder Tier- und Menschengruppe ihrerseits bringt es das Weibchen, weil der Mann nach dem Geschlechtsakt nichts mehr zu tun hat, da aber fngt die _biologische Karriere_ der Frau erst an, die Verwandlung in ein ganz neues Wesen, die ungeheure krperliche und seelische Anpassung an die Mutterschaft. So wird sie mit dem Kind zugleich wiedergeboren als Erzieherin der Menschheit. Die werdende weibliche Grofamilie aber war von _zweierlei_ Mutterinstinkt beherrscht und gebildet, _erstens_ jenem der Abwehr des gesttigten graviden Weibchens, das in der Tierwelt das Mnnchen um keinen Preis mehr an sich heranlsst, in der menschlichen Mutterfamilie aber sich dann zutiefst gegen mnnliche Herrschaft richtet. Dieser Instinkt schafft einen Typ, der nicht der Sexualitt unmittelbar unterliegt, daher dem Mann berlegen werden muss. Der _zweite_ Mutterinstinkt der weiblichen Gruppe war die Eifersucht auf Sexualbettigung des Sohnes und trieb diesen zur Exogamie.
Abgesehen davon, dass Briffault vielleicht allzuwenig auch andere soziale Gesellungsformen, etwa die kameradschaftliche und homosexuelle Hordenbildung der Mnner, gelten lsst, die unabhngig von den groen Muttersippen aus anderer Erosbindung mgen entstanden sein, verlangt auch seine gewiss richtige, ja geniale Erklrung der Exogamie aus dem Frauenclan tiefere Ergnzung. Mge sie hier versucht werden.
Mit dem ersten Verbot kommt die erste Neurose; woher aber kommt das erste Verbot? _Wer darf der groen Mutter etwas verbieten?_ Wozu braucht sie eiferschtig zu werden? Was kann die mchtige, fraglos und mystisch verehrte Herrin im Clan, falls der Sinn ihr danach steht, hindern, den Sohn nach der Pubertt wieder im eignen Scho aufzunehmen, wohin es ihn so mchtig zieht, ehe er nach Schwestern als ersten Ersatzobjekten tastet?
Das reicht in urweltlichen Bezirk. In etwas, noch tiefer elementar, als selbst der Sexualinstinkt. Ja, das gibts. Es ist das, was Geschlechtstrieb erstmalig ins Dasein warf, denn: _am Anfang war die Frau_. Sie hat aus sich parthenogenetisch die Aktivitt abgespalten und, zur Geielzelle gestaltet, von der eigenen Wesenheit abgelst: den Mann. Mehr noch als blo abgelst, sie hat ihn unter Wehen _ausgetrieben_. Er ist ihr _Wurf_. Umso groartiger gelungen als Geburt, je weiter sie das Geborene aus sich hinauszutreiben vermag. Unter immer greren Wehen. Erst war es eine Geielzelle, dann ein phallusartiges Gebilde, schlielich hing ein ganzer kleiner Mann am Phallus, und die weiterwirkende Uraktivitt schuf sich aus ihm und ber ihn weg eine andere neue mnnliche Welt. Gewiss treibt sie, rein physiologisch, weibliche Geburten genau so aus, _damit ist aber der Drang zu Ende_; die Tchter, bis zu einem gewissen Grade Wiederholung ihrer selbst, bleiben oft lange um sie, verstrken verjngt den weiblichen Stoff. _Der Sohn aber erscheint ihr wohlgeboren nur in dem Mae, als er sich von ihr  in jedem Sinn  entfernt, bersteigernd jene Aktivitt, die sie ganz am Grund der Quelle zu seinem Bild gestaltet hat._
Hier liegt der Urgefhlskonflikt des Muttertums. Wie jede Tragik unlslich in ihrer Ambivalenz, jenseits schon von Liebe und Hass, aufgebrochen zu jener ungeheuren Spaltung des Gefhls, _dass sie den Sohn zugleich haben und verlieren will_. Als weie Mutter will sie ihn bergend schtzen, als schwarze Mutter treibt sie den Wehrlosen aus. Ob das Tierweibchen die Nabelschnur durchbeit, das arme australische Weib, wachend und fastend, von sich weg den Novizen durch die Puberttsriten drngt, die Herrin der Frauensippe das Gesetz der Exogamie erlsst, Thetis dem Achill selber die Goldrstung zum herrlichen Untergang von den Gttern herab bringt  es sind die Taten der schwarzen Mutter mit dem weien, trnenberstrzten Gesicht.
Doch auch die Geburten knnen ihrerseits der Gebrerin ambivalent gegenbertreten. Immer wieder im Leben jedes einzelnen, wie ganzer Rassen kommt der Moment, wo Shne wie Tchter von sich aus Ablsung in irgendeiner Form erstreben; Tchter, weil ja auch sie von der Uraktivitt haben, das Weibliche von sich aus variabel und neuer Ausdrucksformen so fhig wie begierig ist. Diese Seelenlage bleibt stets einer selbstherrlich-heroischen Phase vorbehalten, involviert sie doch die Ablsung von der zauberischen Muttermacht, dieser zutiefst sakralen Bindung weit ber Leibliches hinaus. Es ist die groe Schicksalsstelle der Rassen wie des einzelnen, _wo die magische Nabelschnur reit_. Dieser doppelte Trieb: ins groe Hinaus und ins groe Zurck, nach auen und nach innen leben, Entfalten und Einsammeln, kehrt ja irgendwie auf allen Stufen als Extravertierung und Introversion: zu den Mttern hinabsteigen, wieder; von seiner richtigen Rhythmisierung hngt ab, wie weit und wie tief ein Mensch es bringt.
_Wo die magische Nabelschnur zerrissen ist, da beginnt das Reich der Shne und Tchter._ Nicht dass diese mit der Zeit ihrerseits alt wrden und damit alles wre wie frher. Es ist da ein anderer Typus entstanden. In der neuen Seelenschicht vereint sich bei gleicher Rasse diese frische junge Zweiheit nicht selten zu Bruder-Schwesterreichen, ideal symbolisiert im dynastischen Inzest des alten gypten. Die Zwei, das Doppelsternsystem der herrschenden Herzgeschwister, mit leichtem, magischem bergewicht des weiblichen Teils. Ein Zwitterreich noch! Beim Mann hat sich die uterine Bindung um eine Generation nach vorwrts verschoben, von der Mutter auf die Schwester, fr die Frau liegt der menschliche Wert des Mannes nur in der Ehre gleichen Mutterschoes, so verschmilzt sie seelisch ausschlielich mit dem Bruder. In Kulturen, wo hingegen bis auf den heutigen Tag die magische Nabelschnur nie vllig zerrissen ist, wie in weiten Teilen Afrikas, bestehen Kompromissbildungen fort: uralte Vormachtstellung einer Kniginmutter, ein stark bevormundeter Knigssohn und Erbfolge durch des Knigs Schwestern.
Doch kann es sich auch begeben, dass unabhngig gewachsene junge Sohnes- und Tchterreiche verschiedensten Blutes sich zu tdlichem Kampf treffen. So zitterten drei Kontinente beim feindlichen Aufprall von Griechen und Amazonen.
Mgen sie jetzt herangaloppieren!


 Amazonen

    Traditionen solcher Art anfechten, heit wider Jahrtausende streiten.
    _Simonides_

    Selbst die Sagen von ihnen htten sich nicht solange erhalten, wenn die Taten nicht so ausgezeichnet gewesen wren.
    _Isokrates (Panegyrikos)_

Hat es sie gegeben, die fabelhaften Jungfrauenvlker, die Rossedmoninnen, hereinjagend vom Rand der Welt, dass Eis und Goldsand spritzt? Das mnnerhassende Heer, mit klirrenden Locken und Bruchen unerhrt?
Hat es sie faktisch gegeben?
Bei dieser Frage htte ein Grieche ungefhr so dreingeschaut wie ein Deutscher bei der Frage, ob es faktisch Franzosen gebe. Sie waren ihm der gottgewollte Erbfeind vom Grund der Jahrhunderte auf. Also feierte ganz Attika alljhrlich die Amazonenschlacht bei Athen, wie Deutschland die Vlkerschlacht bei Leipzig, doch bertraf die Befreiung der vier Monate durch Oreithyia belagerten Akropolis an Bedeutung die napoleonischen Freiheitskriege weit!
Ein gewisser suerlicher Widerstand bis in die jngste Zeit hinein gegen das reine Zeugnis der gesamten Antike ber den Amazonenzug nach Athen erinnert stark an jenen famosen Satz einer Goethebiographie, der des Dichters Versicherung, er habe von allen Frauen Lily am meisten geliebt, also berichtigt: Hier irrt Goethe, das war bei ihm mit Friederike der Fall.
Warum irrten nun die Griechen, wenn sie die Amazonen, mit denen sie in bersee wie im eignen Lande kmpften, nicht nur fr wirklich hielten, sondern das ungeheure Erlebnis dieses Kampfes auf Leben und Tod schicksalsvoller nannten als selbst die Perserkriege?
Ja aber,
heit es, die Verteidigung Athens werde Theseus zugeschrieben, die Knigslisten mit Theseus seien jedoch nicht ber allen Zweifel und lckenlos historisch beglaubigt. Dagegen kann nur wieder auf das Ridgeway-Zitat im Kapitel Athen verwiesen werden, was dort ber Tradition und Totenkult an Heroengrbern mit erblicher Priesterschaft gesagt wurde und ber die _Lebenskraft_ von Eigennamen. So lebt _Kekrops_ als Grnder der Akropolis, _Erechtheus_ als Besieger von Eleusis, _Theseus_ als Einiger von Attika fort. An seinen Namen ist berdies die detaillierte Gesetzgebung des neuen Freistaates genau so geknpft wie die spartanische an den des _Lykurg_.
Ja aber,
diese skythischen Amazonen trgen doch keine skythischen, sondern griechische Namen, seien demnach griechische Phantasiegebilde. Dann sind der Rckzug der Zehntausend, die gesamten Perserkriege auch Phantasie, denn Perser werden ebenso mit griechischen Namen genannt. Und keineswegs knnte _Ramses II._ gelebt haben, fr die Griechen existiert er nur als _Sesostris_. Schon Plato hat den gleichen, alten, faulen Einwurf gegen seine Atlantier, dass sie ja griechische Namen trgen, widerlegt. Der Bericht ber Atlantis geht auf Solon zurck. Bei seinen langen Reisen durch gypten erfuhr er von einem Priester der Neith zu Sais den Untergang der groen Insel auerhalb der Sulen des Herakles und ihrer Bewohner. Die Tempelbcher enthielten in Chronikform das ganze Ereignis verzeichnet. Dazu bemerkt Kritias: Nur noch eine Kleinigkeit muss ich meinem Bericht vorausschicken, damit ihr euch nicht wundert, wenn _nicht_hellenische Mnner hellenische Namen tragen. Ihr sollt den Grund davon erfahren. Nun wird erzhlt, wie Solon sich genau bei dem Neithpriester nach der Bedeutung der fremden Eigennamen erkundigt habe, die von den gyptern bersetzt worden waren; dann nahm er selbst den Sinn jedes Eigennamens vor und schrieb ihn so nieder, wie er in unserer Sprache lautet ..., wundert euch also nicht, wenn ihr auch dort Eigennamen hrt wie hierzulande. Bei uns wundern sich manche immer noch. Die Griechen bersetzten prinzipiell den Sinn jedes fremden Namens oder verballhornten ihn so lang, bis er ihnen auf griechisch sinnvoll erschien. Ein Beispiel dafr ist das Wort Amazone selbst.
Ja aber,
da sei bei den griechischen Historikern nicht nur von kaukasischen Amazonen die Rede, in Nordafrika solle es auch welche gegeben haben mit ganz hnlichen Bruchen. Diese verdchtige Duplizitt sei ein Beweis dafr, wie einer das Sagengut vom andern bernommen und nur in andere Gegenden verlegt habe. Ganz unabhngige chinesische Annalen verzeichnen jedoch in genau der gleichen Gegend zwischen Schwarzem Meer und Kaspisee ein westliches Frauenreich. Tscherkessen, die noch weniger altgriechische Literatur kennen als die Chinesen, besttigen, dass dort einst rein weibliche Kriegervlker lebten. Durch das ganze Mittelalter hat sich bei den verschiedenen, wechselnden Anrainern das Wissen um die amazonischen Zustnde erhalten. Das neueste Reisewerk von Essad Bey{167} erzhlt von zwei frisch entdeckten Stmmen in dem gleichen Land des ewigen Feuers zwischen Schwarzem Meer, Kaspisee, Kaukasus, eben dem alten Kerngebiet. Nach ihm leben dort, bisher fast vllig unbekannt, das Volk der Jungfrauen und die blauugigen Osseten, beide an Sitten den Amazonen erstaunlich verwandt. Nur Frauen tragen Waffen, jagen, reiten, nehmen sich Mnner nach Bedarf auf Zeit und verstoen sie wieder. Dass amazonische Frauen zahlreich waren, ist aber eigentlich kein Beweis dafr, dass sie nicht existierten. (Briffault.)
{167: Essad Bey (Lew Abramowitsch Nussimbaum, 19051942), deutsch-russischer Schriftsteller.}
Eingangs wurde erwhnt, Griechenland habe die Amazonen genau so als Erbfeind empfunden, wie Deutschland Napoleon. Nun existiert ja allerdings eine Schule, die behauptet, auch dieser habe nie gelebt, er sei, wie schon die auseinandergebltterte Symbolik seines Namens zeige, nur ein Astralmythos. Nur? _Sogar_ ein Astralmythos htte die Antike gesagt und sich dabei zweimal verneigt vor so viel Realitt. Sie wusste eben: nur das Lebendigste dringt durch zur Verstirnung, wird on und Dmon, und vom groen Stil einer Seele hngt es ab, ob ihr zerflatternder Krperschatten aus dem einmalig Vorbergleitenden herausgehoben wird zu Plastik, in die Dimension der Ewigkeit.
Amazonisches Wesen aber vibrierte vor Mythenkeimen von Anbeginn. Aufgebrochen unter einem barbarischen Mond, hat es Spannungen in die mediterrane Welt getrieben, die sich ein Jahrtausend lang entluden in nicht endenwollender Bilderpracht. Fast noch bei lebendigem Leib entfhrte eine Art Gnadenwahl die Trgerinnen dieses Wesens aus bloer Wirklichkeit in die Wahrheit des Mythos hinein.
Jetzt aber wird es nachgerade Zeit, ihnen die Zgel zu wenden, zurck ins Nur-Gewesene, denn auf allen Seiten, ethnographisch, archologisch, soziologisch, morphologisch, psychologisch, kulturgeschichtlich, werden sie demnchst dringend gebraucht, um von dann ab zwiefach da zu sein, zeitlich-wirklich und zeitlos-wahr zugleich; auch das im Grunde nur Vordergrundsteilung und nichts als vorlufig-bequem, weil Mythenzge als seelische Nachbilder genau so mit zum lebendigen Phnomen gehren wie der Schwanz zum Kometen; Stoff von seinem Stoff, Fluid von seinem Fluid.
Zeitlich-wirklich bilden die Amazonen nicht nur ein extremes Ende des Mutterrechts. Sie sind Selbstzweck und Anfang auch. Als ausschweifende Tchterreiche mit Ausschlieung alles Mnnlichen bis auf versklavte Knabenkrppel, heben sie sich ab von der weltalten, ruhend toleranten Muttersippe, die unbotmige junge Mannheit ganz friedlich abschob durch Exogamie. Im Mutterclan gebaren groe Mtter immer wieder knftige groe Mtter. Amazonen hingegen pflanzen den Tchtertyp fort, einen neuen Bewegungstypus, der gleichsam durch eine Erbschleife hindurchgeschlpft und etwas Keimverschiedenes ist. Eroberinnen, Rossebndigerinnen, Jgerinnen, die Kinder zwar werfen, den Wurf aber weder sugen, noch selbst warten. Sie schwrmen aus, als uerster, linker Frauenflgel einer flgge werdenden Menschheit, deren uerster rechter Flgel die jungen Sohnesreiche mit funkelnagelneuem, daher rabiatem Mnnerrecht sind. Gerade die griechischen Stmme, der Amazonen schicksalhafte Gegner, gebrden sich wie frisch erwachsene Shne, nicht als knftige Vter, denn Vterlichkeit, als Gefhl, ist Muttermimikri. Auch vereinen die beiden neuen Menschheitstypen sich hier nicht wie Brder und Schwestern zu Geschwisterstaaten gegen die alte Muttermacht, vielmehr prallen Shne und Tchter von den Enden der damals bekannten Welt tdlich-feindlich gegeneinander.
Nach den antiken Historikern hat das Amazonentum zwei Brennpunkte gehabt. Libyen in Nordwestafrika und die Schwarze-Meer-Gegend am Flusse Thermodon. _Atlas und Kaukasus sind die beiden Erdnabel, wo ihnen das Leben pulst._ Berhmter als das libysche Reich war die zeitlich viel sptere Grndung am Schwarzen Meer. Von dort gegen den Ural zu, schon an der Grenze des nicht mehr Menschlichen, gelten die Amazonen der Tradition fr Gegnerinnen der Greife. Greif steht eben fr totemisches Landschafts-Tier, Ahnenseele des Bodens. In seinem Zwitterwesen droht adlerschnabelig die geflgelte Spannweite der Schrecken ber dem Abgrund, vermischt mit dem Schlangen- und Lwenleibigen goldsandiger Drre. Das muss bekmpfen, wer dort hausen will. So wirft unbemhtes Genie symbolisch verdichtende Bilder aus, als Lebensschau zum fortlaufend Registrierten, dem engeren Objekt der Geschichte.

 Die Thermodontinnen
Jenseits des Kaukasus liegt Skythenland. Dort schweifen die hrnenen Vlker. Gerte und Waffen aus Horn, Schilde aus Pferdehufen. Aus dem Nebel dringt Tier- und Menschengebrll, Hahnenschrei und Rossegewieher. Wenn das strker anschwillt, kuscheln sich die Anrainer in ihre Mauselcher. Dann gibt es da oben noch Kolchis am unbewohnbaren Nordufer (Pontos axenos) des Schwarzen Meeres, das Reich der Medea, voll Gift und Zauberkrutern; Grenze der Fabelwesen und Zwitter, wo Menschliches anfngt theriomorph zu werden, die Natur ins Chaos zurcktritt.
Skythen (wrtlich: Verteidiger) ist ein antiker Sammelname fr alles, was in bemalten Wagenzelten auf Rdern daherzieht, mit Pfeil und Bogen heraussprengt aus diesem Unbekannten. Es hat eine ethnische Spielbreite vom rein Iranischen bis nahe ans Mongoloide. Kann sbelbeinig, tiefbauchig, schlitzugig, schwarzstrhnig, kann hell, hoch, hart, grad bedeuten. Hat auch ein Jahrtausend Spielbreite in der Zeit, weil dieser Sammelname frhere, also nichttatarische, vielmehr indogermanische Nomadenwellen, wie die alten Kimmerer, einbezieht, mit ihren rein iranischen Knigsnamen. Nicht iranisch-indogermanische Skythen kamen erst mit dem achten vorchristlichen Jahrhundert. Inmitten all dieser Vlker steht der Kaukasus. Seine Kette zieht vom Schwarzen Meer bis zum Kaspisee eine natrliche Mauer, skythische statt chinesische Mauer, trennt das ruhelose Gebrodel von der sesshaften Zivilisation. Die Titanenwand hat in ihrer ganzen Ausdehnung einen einzigen Durchbruch, die berhmte Vlkerpforte, wo der Alexanderzug endete. Der schmale Einschnitt, durch ein riesiges Tor mit Metallbarren gesperrt, war nur auf der einen Seite erschliebar, um Einbrche nach den blauen Niederungen der geklrten Welt zu hindern; Skythenland erlaubte sich nmlich bisweilen, bis an den Nil zu reichen.
Jenseits der Schranke mochte brodeln, was wollte. Wer kannte sich aus mit diesen Barbaren. Spter wei man besser Bescheid, die Flsse drben schwemmen viel Gold, und die ionischen Kolonien vermitteln den Verkehr. Man lernt Saker, Arimaspen, Sauromaten (Sarmaten) unterscheiden, parthische Stmme, die fliehen, um zu siegen; nach rckwrts hageln sie ber die gedrehte linke Schulter weg den waagrecht schwirrenden Tod, dann Geten und Massageten, aschblond, langschenkelig, zwei Aquamarine im Kopf, echte Skythen, die wildesten von allen, kochen ihre Vter und ltere Leute zu hohen Festen mit Rindfleisch vermischt, und schmecken sie schlecht, so gilt das als bles Omen fr ein ganzes Jahr; auch Budiner, blaue Augen, rote Schdel, fressen Luse. Pack! Manchmal erwischt man welche, Luse nmlich. Das kommt von den Handelsbeziehungen und jener spitznasigen Neugierde, wie sie auf den rotgrundigen Vasen den schwarzen Griechenmnnchen im Gesicht steht.
Bei all diesen Barbaren mit Pferdeverstand ben die Weiber den Kriegsdienst, sitzen rittlings zu Ross und vorneweg im Rat. Leisten ganze Arbeit. Noch zur Meder- und Perserzeit hat die Massagetenknigin Tomyris im Osten des Kaspisees den groen Cyrus samt seinem Heer wortwrtlich aufs Haupt geschlagen, ihm dann dieses abgeschlagene Haupt in einen mit Menschenblut gefllten Sack gesteckt, damit er endlich seinen Blutdurst stille. Bitten und Warnungen zum Trotz, war er aus greller Machtgier ihr ins Land gedrungen. Skythischer Lebensstil!
Diesem skythischen Lebensstil sind ein Jahrtausend frher, um das sechzehnte vorchristliche Jahrhundert, die Amazonenreiche zu kurzer Hochblte entwachsen. Da oben im dichten Vlkernebel scheint sich damals wieder einmal ein neuer Wirbel gebildet zu haben. Durch innere Wirren, Revolutionen, Dynastiewechsel, Massaker der Mnner untereinander nach fremden Gebieten abgedrngt, sammeln Frauen vom Schlag der Tomyris gleiche Frauen um sich zu einem Heer. Nach Plinius gehen die Amazonenreiche zwar von den Sauromaten aus, wahrscheinlicher aber bilden sich mehrere Heere aus mehreren Stmmen, ber verschiedene Landstriche verteilt, denn auch Amazonen ist ein Sammelname, und zwar fr kriegerische Weiberhorden mit Selbstverwaltung, deren Abneigung gegen jede ehehnliche Dauerbindung die verschiedensten Grade umfasst.
Der mildeste fhrt sie in jedem Frhling zu flchtiger, _aus Prinzip wahlloser Vermischung_ an mnnliche Nachbarn heran. Weibliche Frucht wird behalten, mnnliche dem fernen vterlichen Stamm zurckgeschickt. Die schrfere Abart schickt nichts zurck, sondern verstmmelt die neugeborenen Knaben, macht sie fr spter ungefhrlich durch Auskegeln einer Hand und einer Hfte. Als verachtete Sklavenkrppel, von keiner Amazone je erotisch berhrt, werden sie im Stamm lediglich zum Kinderwarten, Wollespinnen und huslichem Dienst verwendet. Im extremen Fall wird meist der Besamer selbst nachtrglich gettet, ausnahmslos aber jede mnnliche Geburt. Allen Spielarten gemeinsam ist es, nur Mdchen, diese allerdings durch prachtvolles Training, zu vollwertigen Menschenexemplaren aufzuzchten. Die Skythen selbst nannten alle ihre Weiberhorden Aiorpatai = Mnnertterinnen, obwohl die milde Abart mit Grenzverkehr kaum um ein Tempo ber das in der alten Muttersippe bliche hinausgeht, wo erwachsene Mnner nur schweifend am Saum der Gemeinschaft leben, im Inneren aber hchstens als Gste geduldet, whrend die heranwachsenden Knaben durch Exogamie entfernt werden.
Wer im Altertum Amazonen sagt, meint immer nur die am Thermodon. Auf ihnen liegt aller Glanz gesammelt. Sie haben ein Reich gegrndet, von der sarmatischen Tiefebene bis ans gische Meer, eigentlich durch lauter Prventivkriege, um ihre Eigenart behaupten zu knnen. Erst bringen sie es fertig, smtliche Kaukasus-Vlker  ein unebener Schlag  einschlielich der albanischen Bergstmme zu unterwerfen, dann kommt der entscheidende Vorsto ans milde Sdostufer des Schwarzen Meeres mit den berhmten Erzlagern, Wldern voll jagdbaren Wildes, reich an Frchten, Nussbumen und Wein, die Weideflchen grasreich und betaut. Das wird ihr grter, dauerhaftester Sttzpunkt. Er bleibt Reichskern, von dem die Hochkultur ausstrahlt mit der Hauptstadt Themiskyra nahe den Flssen Thermodon und Iris, von deren Mndung Schiffe direkt ins Mittelmeer gelangen knnen, und umgekehrt. Das sollte spter zum Verhngnis werden, denn selbst bleiben diese sarmatischen Rassestuten vllig talentlos fr Navigation, und Schiffahrt der andern brachte ihnen immer Pech. Flsse sind nur zum Schwimmen erwnscht, besonders der Thermodon, auch Kristallos genannt, mit Ufern aus vollkommen weien, durchsichtigen Steinchen und einer strahlend blauen Art, die man fr Jaspis hlt.
Zu Land sind die Thermodontinen unwiderstehlich. Ein Stck Kleinasien nach dem andern wird niedergeritten, bis ans Meer, niedergehauen alles, was sich widersetzt, mit geschwungener, metallner Doppelaxt, dass der strahlige Narbenstern der weggebrannten rechten Brust sich ihnen krampft dabei. Bestialisch bis zum Sieg, betragen sie sich nachher pltzlich konziliant wie Rmer. Sanftmut und Weitblick ihrer Regierung lassen sie von den Besiegten Gttinnen gleich verehrt werden. Erfolgreiche Barbareneinflle hat es ja immer und berall gesetzt, das aber gibt ihrem Ruhm den feenhaften Regenbogenbruch, dass, was jenseits des Don in Eissturm, Wolken, Steppe, bei Vter- und Verwandtenfra noch nichts war als Bravour, Kontraktion der Poren, Wildheit, Temperament, Rassensubstanz jetzt diesseits der Kulturlinie, ohne zu erschlaffen, zeigt, was an formbildender Kraft in ihm steckt.
Gro und hell beschienen, wird Khnheit weise auch.
Stdtebauerinnen, Stifterinnen von Heiligtmern nennt sie die gesamte ionische Welt. Tempel, Grber, Stdte, ganze Lnder haben lckenlos ihre Tradition bewahrt. Eine Reihe wichtiger Handelspltze, wie Smyrna, Sinope, Kyme, Gryne, Pitane, Magnesia, Mytilene, Klete, Amastris, jede rhmt sich, eine Amazone zur Eponyme (Grnderin und Namengeberin) zu haben. Das berhmteste Kultbild Kleinasiens, die Diana von Ephesus, aus Weinstockholz, mit Schnren von Rubinen und Schnren geopferter Amazonenbrste behngt, geht auf sie zurck. Vor ihm fhrten sie ihre klirrenden Reigen, Schwert- und Schildtnze auf.
Die Amazonenstatuen unserer Museen sind alle Nachbildungen jener, die Phidias, Polyklet, Kresilas, Phradmon im Wettstreit als Weihgeschenke fr Ephesus schufen. Vllig schlicht bleiben die Gesetze der Thermodontinnen auch im Zenit der Macht (etwa fnfzehntes Jahrhundert v. Chr.). Aus jener grundtiefen Verachtung der Frau fr alles Jus  nicht zufllig erfindet das mnnlichste Volk das rmische Recht  gelten nur zwei Verbrechen: _Diebstahl_ und _Lge_, und als sittliche Forderungen: _immer auf Ehe verzichten, kein mnnliches Kind aufziehen, ber alles die Herrschaft des Mannes frchten, daher ohne seelische oder sinnliche Bindung den Geschlechtsakt wahllos mit einem zuflligen Fremden, nur um der Fortpflanzung willen, ben, jeden Tag in Schwei und Gefahr sich die Mahlzeiten selbst erarbeiten oder erjagen, nur den Befehlen derer folgen, die durch Wahl oder knigliche Abstammung auf den Thron gelangt sind._
Zwei Kniginnen verwalten gleichzeitig das Reich; eine im Inneren, whrend die andre drauen mit der Armee die Grenzen bewacht. Fr Menschen einer bestimmten Seelenschicht steht eben ein Staat so natrlich auf zwei Fhrern, wie der Krper auf zwei Beinen steht.
Als gedeihlich fr den Ablauf ueren Geschehens kommt empfindungsgem nur der Dual in Betracht. Hygins Amazonenliste zhlt eine ganze Reihe von Doppelkniginnen auf, beginnend mit Marpessa und Lampeto, die nach Unterwerfung der Kaukasusvlker den Sttzpunkt am Schwarzen Meer angelegt und das Weltreich in Kantone geteilt haben.
Amazonisches Totemtier ist natrlich das Pferd. Nicht im ganz _orthodoxen_ Sinn, da Iranier, Skythen, Zentralasiaten nicht Totemrassen sind, doch auf mchtig magische Weise als Triebtier der wiehernden Wnsche, durchgngerischen Begierden, wenn ihm vierfacher Blitz aus scheuenden Hufen bricht oder wenn es fr Feuer steht, der glnzenden Zunge der Gtter. Fr viele Vlker hat es immer auch etwas vom Irrsinn an sich gehabt. Der ganze Iran, Arisch-Indien, Zentralasien, besonders die Amazonen aber stehen in einer tief zauberischen Organverbindung mit ihm. Nicht umsonst enthlt die sinngetreue bertragung ihrer skythischen Eigennamen ins Griechische so viele Komposita mit hippos = Pferd, wie Alkippe, Melanippe, Hippolyte, Hippothoe, Dioxippe und viele andre. Auch der Mythos wei, was er tut, lsst er gerade aus dem Blut der libyschen Amazone Medusa den Pegasus entspringen. Also hatte sie magisches Rossblut in sich, und die attische Komdie, von ihrem Niveau aus, wetzt ja stets den schmierigen Schnabel, wenn es um Amazonen mit ihren Hengsten geht, als ersetzten die ihnen den Mann.
Einmal im Jahr wurde als orgiastisches Weihefest, erst auf einem Granitfelsen im Kaukasus, spter auf der schilfigen Aresinsel im Pontus, unter verschwiegenen Bruchen, ein erlesenes milchweies Ross geopfert. Die hnlichkeit mit jenem indisch-arischen Rossopfer, Asvamedha genannt, einem hieros gamos zwischen Knigin und Gott-Tier zur magischen Erneuerung des Volkes, ist kaum zu bersehen.
Bei der mystischen Vertauschbarkeit von Pferd und Amazone war es also doch Muttermilch, eine tiefere geheimnisvollere Art totemistischer Muttermilch, die jene nie normal gesugten weiblichen Babies sich als erste Nahrung aus den Stuten tranken.
Schumende Stutenmilch, Honig, strzendes Blut, Wildpret, ganz englisch gebraten, und  Schilfmark, vor Tau und Tag gesammelt, sind die sehr vitaminreiche Nahrung der Erwachsenen. _Niemals Brot._ Keine Mehlpapp-Esserinnen! Auch nachdem Ackerbauvlker ihnen lngst tributpflichtig geworden.
Von diesem niemals Brot stammt die lteste griechische Ableitung ihres Namens. A-maza = ohne maza, die ohne Gerstenbrot leben. Populrer war das a-mazo, vielmehr a-masts = ohne Brust, weil diese Drsen den Mdchen um das achte Jahr durch Applizieren heier Eisen zum Verdorren gebracht wurden, oder nur im Wachstum beschrnkt durch Anlegen von Binden, wie es ja in ganz Japan Brauch ist. Auch die jungen attischen Damen bandagierten die Brste und hielten sie berdies durch medizinische Mittel (cos naxia) klein. Nur die bis vor kurzem noch ungepflegten Europerinnen lieen ihre Brste wild wachsen.
Weit bedeutsamer aber scheint die immer wiederkehrende Versicherung, nur gerade die _rechte_ Brust sei zum Verkmmern gebracht oder ganz entfernt worden. Verweiblichung des Mannes beginnt bekanntlich an der _linken_, Vermnnlichung der Frau an der _rechten_ Seite. _Nun besteht die ganze Idee des Amazonentums in einem Rckgngigmachen der ersten, parthenogenetischen weiblichen Tat, jenes urmtterlichen Geschenkes, die Aktivitt, aus sich abgespalten, hinzugeben, selbstndig nun als Mnnliches geformt. Amazonen negieren den Mann, vernichten die mnnliche Frucht, gestehen der Aktivitt in Mannesgestalt kein Sonderdasein zu, resorbieren sie vielmehr, leben sie selber aus, androgyn: weiblich auf der linken, mnnlich auf der rechten Krperhlfte._ Also beginnt auf dieser die _Entmtterlichung_ durch Schrumpfung oder Ausbrennen der Brust als Symbolhandlung allerkhnsten Stils. _Amazonentum ahmt somit Mnnliches nicht nach, sondern annulliert es wieder_, um, was die groe Mutter auf zwei Grundformen verteilt hatte, jetzt wieder, und zwar diesmal in _paradiesischer Harmonie_, selbst zu verwirklichen. Homer hat sehr recht empfunden, wenn er die Amazonen antianeirai nennt, was sowohl _mnnerhassend_ als _mnnergleich_ bedeutet. Er soll auch ein Amazonen-Epos geschrieben haben. Gegen die Ableitung des _Wortes_ Amazone von a-masts spricht aber schon die verschiedene Lnge der Vokale.
Mit amazosas etwa = dem Manne abgeneigt, und azona = Keuschheitsgrtel, sollte der Name auch zusammenhngen. Wiewohl nun Etymologie arg der Mode unterworfen ist, soviel scheint wenigstens fr heute festzustehen, dass es sich hier gar nicht um ein griechisches, vielmehr um ein griechisch verballhorntes Wort einer fremden Sprache handelt, wahrscheinlich um das tscherkessische emetchi = die nach der Mutter zhlen (ein Mutterrechtsstamm also!). Im Kalmckischen soll Amtzane ein gesundes, starkes, heroisches Frauenzimmer heien.
Ihre Tracht und Erscheinung war nach frher Tradition immer original skythisch. Lange, enge Beinkleider und Joppe, weiche, hohe Russenstiefel, eine phrygische Mtze auf dem kleinen, khnen Kopf, in dem achatne Augen stehen sollen, grnlich schillernd wie die Flecken auf Reptilienrcken. Die ganze Silhouette wirkt wie nordische Skidress mit Fliegerhelm. Fast genau nach dem gleichen Modell waren im Sommer 1930, bei den englischen Shaw-Festspielen in Malvern, die Kostme einer knftigen Menschheit in Zurck zu Methusalem stilisiert, nur fehlten jenes sternchenbestickte, nachflatternde Cape darber, das archaische Vasenbilder manchmal zeigen, die bemalten Waffen, Doppelaxt und Schild.
Spterer Darstellung gehren an: lngeres Pelzgewand aus einem Stck, ber der linken Schulter geknpft, rechte Schulter frei, Haare lockig im Nacken geknotet und Russenstiefel. Noch spter der statuarische Typ sterbende Amazone mit dorischem Chiton und Sandalen, nach Phidias, Polyklet und andern endlos variiert; am allersptesten, fast barock an zeremonisem Pathos ist die Abart mit makedonischem Panzer, einer Purpurbinde zwischen die nackten Schenkel gezogen, Kothurnen und dem steigernden Straufederbndel fremd und vogelhaft ber dem Helm. Die Waffen bleiben sich fast immer gleich. Die berhmte Doppelaxt (Sagaris), als androgynes Symbol aller gynaikokratischer Vlker, der winzige Schild (Pelta), geformt wie ein fnf Tage alter Mond, Bogen und Partherpfeile, kurzes Schwert. Lanzen lernten sie erst durch die Griechen kennen.
Eine zwiefach ungemeine Rolle spielt der Grtel. Als Wehrgehenk aus Gold und Kristall ist er skythisches Knigsinsignum fr Herrschaft, von den Ahnen ererbt, in intimerer Form Jungfrauensymbol fr Freiheit des sich selbst Gehrens. Jungfrulich bedeutet in der ganzen Antike gattenlos, nicht keusch. Wenn also griechisches Abenteurertum, angelockt durch den Weltruhm des Frauenreiches, etwa um das dreizehnte vorchristliche Jahrhundert, erstmalig mit der Kriegsflotte vom gischen durchs Schwarze Meer direkt in die Mndung des Thermodon bis an die Hauptstadt Themiskyra herauffhrt, zu dem erklrten Zweck, den Grtel der Amazonen-Knigin zu holen, so heit das fr diese nichts weniger als Entthronung und Schndung.
Nach bersee kommen die Griechen der Heroenzeit ja immer als Plnderer, um, wenn auch charmant eingekleidet, sich zu nehmen, was anderen Leuten gehrt, wie das Goldne Vlies im Argonautenzug, den Grtel als neunte Arbeit des Herakles. Fast unbersehbar variiert die berlieferung das Wie des Raubes, der aber als solcher kaum bemntelt wird. Entweder berfallen Herakles und Theseus auf gemeinsamem Zug das unbeschtzte Themiskyra mit seiner Knigin Hippolyte, whrend Oreithyia, die andre Knigin, mit der Armee an der Reichsgrenze liegt. Die kleine Garnison wird berwltigt und niedergemacht, Hippolyte durch Herakles des Grtels beraubt, indes Theseus eine dritte Schwester, Antiope, mittels List, Liebe oder Gewalt auf seinem Schiff entfhrt. Mit beiderlei Beute segeln sie ab. Oder nach anderer berlieferung ereignet sich dies alles auf getrennten Zgen, der Raub des Grtels durch Herakles, der Raub der Amazone durch Theseus. Was dann folgt, ist immer Vergeltung fr Raub.
Oreithyia, von dem frechen berfall benachrichtigt, strmt mit der Armee zurck, kommt zu spt, findet die Feinde entflohen und rstet sofort die Strafexpedition nach Griechenland aus. Sie zieht ber den gefrorenen kimmerischen Bosporus, erreicht auf den nrdlichen Straen Athen, dringt bis mitten in die Stadt, besetzt den ganzen Areopag, belagert die Akropolis. Dass sie mit dem Heer schon innerhalb Athens war, wird nach den Atthidenschreibern durch die Namen der rtlichkeiten, durch die Grber der Gefallenen, ferner durch Tradition von Fest- und Kultgebruchen bezeugt. Lange zgerte man auf beiden Seiten mit dem Entscheidungskampf, bis Theseus ihn nach einem gnstigen Orakel begann. So fiel diese Schlacht, von der jedes Detail verzeichnet steht, in den Monat Boedromion, und dafr opfern noch bis heute die Athener die Boedromien. (Plutarch.) Die einen schildern den Ausgang als vernichtend fr die Belagerer, nach andern wurden die Athener bis zur Eumeniden-Schlucht gedrngt. Schlielich soll eine Art Vergleich zustande gekommen sein. Er wird durch den Eidschwur: Horkomosion, das von altersher vor den Theseen dargebrachte Opfer bezeugt; dabei war es Sitte, auf die Gefallenen, besonders die im Amazonenkrieg Gefallenen, Lobreden zu halten. Jedenfalls aber zog das stark reduzierte Frauenheer ab, ohne sein Ziel, die rchende Vernichtung der Griechen, erreicht zu haben.
Eine Allee von Grbern zeigt den Rckweg der armen Gtterkinder an, beginnend mit jenem am itonischen Tor, beim Tempel der himmlischen Erde (Mond), wo die geraubte Amazone (Antiope oder Hippolyte), an Theseus Seite kmpfend, fr diesen Verrat von der Molpadia gettet wurde, bis hinauf durch ganz Thrakien, wo Oreithyia stirbt, aus Gram und Schmach ber die desastrsen Folgen ihrer Belagerung Athens, denn _von hier wich alles, wie wenn ein Seil reit, zurck_. (Aristeides.) Die Glcksstrhne ist abgerissen. Nur Reste des Volkes erreichen die alte Heimat, das sieghafte Prestige ist weg, bei frischen Unruhen und Nomadenwellen lsst sich das reine Frauenreich nicht unvermischt zur Gnze halten. Es brckelt ab. Was sich hlt, ist der Todhass gegen alles Griechentum, so sehr, dass selbst mehrere Generationen spter (1190) unter Penthesilea eine Eliteschar den Trojanern zu Hilfe eilt, obwohl Priamos selbst in seiner Jugend die Amazonen bekriegt hatte.
Um das Ende der Penthesilea noch am toten Achill zu rchen, versucht ein Trupp ihrer Genossinnen sein Heiligtum auf der Mondinsel Leuke im Schwarzen Meer, der Donaumndung gegenber, zu zerstren. Doch auch dies misslingt, die weien Rosse der Amazonen reien sich los, die Schiffe zerschellen im Sturm. Die Frauenheere verschwinden wieder zurck ins Skythenland, nach vier groen, denkwrdigen Kriegen. Thalestris scheint ihre letzte regulre Knigin gewesen zu sein. Die Rede geht, sie habe zwecks Grenzverkehr Alexander den Groen durch dreizehn Nchte aufgesucht. Damals galten die Albaner fr Nachbarn der Amazonen.
Von dem Reich am Thermodon wird es langsam still. Die Gestirne ihrer Hochkultur sind abgestrahlt. Zerstreut, in kleineren Trupps flitzen sie noch hier und dort durch die Berichte. Soldaten des Pompejus sollen unter den Verbndeten des Mithridates Amazonen gefunden haben, und am Schwarzen Meer geistern noch lange Spuren ihres Wesens. Als Erzbischof Lamberti (Recueil de Thevenot) im Kaukasus war,{168} erhielt Dadian, Prinz von Mingrelien, Nachricht, aus dem Gebirge seien drei Gruppen von Vlkern hervorgebrochen gegen die Moskowiter der Umgegend, man habe den Angriff zurckgeschlagen und unter den Toten eine Mehrzahl von Frauen gefunden. Der Bote berbrachte Waffen und Kleider dieser Kriegerinnen: Helm und Krass aus Stahlplttchen, beraus beweglich und anschmiegsam, darunter eine Art kurzen Rockes aus Purpurserge, weiche, hohe Russenstiefelchen, mit Sternchen bestickt, die Pfeile vergoldet, mit sehr feiner Stahlspitze, doch wie eine Schere breit. Diese Amazonen wurden oft im Kampf mit Tataren und Kalmcken angetroffen. Dadian versprach hohe Belohnung dem, der ihm so eine Frau noch lebend finge. Nie gelang es. Auch der Chevalier Chardin (Voyage en Perse){169} berichtet ber Amazonen, von denen dort die Mr geht. Der Frst von Georgien erzhlte dem Chevalier, dass fnf Tage gegen Norden ein groes Volk in ewigem Krieg mit Tataren und Kalmcken liege. Es sei ein Volk herumirrender Skythen, beherrscht von Frauen zu Pferd.
{168: Arcangelo Lamberti, in der Mitte des 17. Jahrhunderts.}
{169: Jean Chardin (16431713), _Voyages en Perse et aux Indes orientales_ (1686).}
Da stirbt direkte Spur. Das greifbar Letzte sind jene den Leichen abgestreiften kleinen, weichen Russenstiefel, sternchenbestickt, in eines Prinzen Hand.
In Attika aber beginnt gleich nach der Befreiung Athens etwas, was nach Siegen ohne Beispiel ist: die Vergottung der Besiegten. Tempel werden ihnen erbaut, Opfer gespendet, Priesterdynastien eingesetzt, Feste gestiftet. Jeder Fleck, wo sie lebten, wo sie fielen, wird Weihbezirk mit Sule und Kranz, eingefgt von einem tieferen Eros dem Heroenkult der eigenen Ahnen.
Der griechisch-pelasgischen Welt waren sie wie ein Wunder erschienen, sterbliches Ma berfliegend, gefhrlicher als alle brigen Vlker zusammen und irgendwie aufwhlender auch. Bei den Feiern zu Ehren Gefallener preisen Demosthenes, Lysias, Himerios, Isokrates, Aristeides im prunkenden Kanzleistil der groen Rhetorik ihre berwindung hher als die Persersiege, hher als jede andre historische Tat. Einmal sagt Himerios auch deutlich, warum. Thraker, Perser und andre Feinde habe man nur aus dem Lande, _die Amazonen aber aus der menschlichen Natur vertrieben_.
Ob Griechen Perser oder Perser Griechen berwinden, das bleibt schlielich immer noch Geplnkel auf der gleichen Seite. Eine Abart Mann hat sich gegen eine andre Abart Mann durchgesetzt. Beim Amazonenkampf aber ging es darum, welche der beiden lebendigen Urformen, aus denen das Werden hervorbricht, hier auf europischem Boden sein Weltbild prgen drfe. Die Menschheit steht gespalten nicht in Rassen, sondern in Shne und Tchter, und sie schmettern ihr reines Ja und Nein erschtternd gegeneinander. Erschtternd auch fr den mnnlichen Sieger, der jetzt zum erstenmal das Polar-Ebenbrtige erlebt und seiner Werte tiefstes Rtsel sprt.
Keiner Mutter, keiner Gattin, keiner Hetre bleibt die griechische Phantasie so unlsbar nachtwandlerisch verhaftet, wie diesen feindlichen Schwestern vom andern Pol, Tchter des Mars und der Harmonia genannt. Kaum aus der Natur vertrieben, kehren sie als Siegerinnen in den Seelenraum zurck. Dort setzt dann ein magischer Geschlechtswechsel ein. Was den seelischen Nachbildern der mnnergleichen Amazonen entstrahlt, davon lsst frauengleich ganz Hellas sich befruchten. Jede Form geht pltzlich mit ihrem Wesen schwanger. Nach der Vertreibung hebt die Allgegenwart an.
Auf Sternbildern und auf Sarkophagen stehen ihre Namen, durch Pindarsche Oden sprengen sie auf ihren Hengsten, schreiten mit schylus und Euripides durch die Tragdie, flieen aus Mikons Pinsel ber die Wnde der Stoa Poikile, der Stadthalle am Markt von Athen. Den beiden hchsten nationalen Heiligtmern verleihen sie Relief, von Phidias gemeielt am Schild der Athena Parthenos und am Thron des olympischen Zeus.
Ein Jahrtausend lang gab es keine grere Schmeichelei, als einen Mann Amazone zu nennen. Um den Kaiser Commodus zu ehren, rief ihm das Volk bei ffentlichen Spielen zu: Du bist der Herr der Welt, der erste unter den Frsten, berall ist das Glck deinen Waffen hold, _dein Ruhm kommt dem der Amazonen gleich_.

 Die Libyerinnen und andere Amazonen

    Denn da dieses Amazonengeschlecht viele Menschenalter vor dem Trojanischen Krieg vllig verschwunden ist, das am Flusse Thermodon hingegen erst kurz vor jener Begebenheit geblht hat, so haben natrlich die spteren, welche mehr bekannt wurden, den Ruhm der lteren geerbt, die nun durch die Lnge der Zeit fast gnzlich vergessen sind.
    _Diodor_

    Unser Staunen und unser Unglaube regen sich namentlich, wenn uns merkwrdige Erscheinungen ganz vereinzelt entgegentreten. Beschwichtigt wird es, sobald mehrere, hnliche Beispiele zusammengestellt werden.
    _Strabo_

Junge Tochterreiche kompromisslos amazonischer Art brauchen mindestens drei Komponenten: eine zeitliche, eine rassische, eine rumliche. Sie scheinen an bestimmte Perioden der Entwicklung gebunden, an bestimmte Rassen, die zum Amazonentum prdisponiert sind, und aufgegipfelt werden sie schlielich zu Spitzentypen in bestimmten Rumen, aus denen sie, im reifen Augenblick, vllig fertig hervorstrmen zu Gre, Bahn und Schicksal. Doch sind auch die Gestirne ihrer Hochkultur lngst abgestrahlt, im Kerngebiet jenes engeren Lebensraumes schwelt etwas von ihrem Wesen fast unzerstrbar weiter, bricht trotz Ungunst der Zeit sogar ab und zu als schmale Stichflamme immer wieder hervor, falls das Blut nur halbwegs durchgehalten hat.
Im reifen Augenblick hervorgestrmt wird aus jubelnd bejahtem Trieb. Menschensorten, die nur unter uerm Zwang sich verlagern, sind ganz anders geartet. Smtliche Vlkerwanderungen also automatisch auf Druck, asiatisch-europische mit Vorliebe auf Mongolendruck zurckzufhren, heit herdenhaft schlieen. Die Wikinger fuhren so hochgemut nach England, Frankreich, Spanien, Afrika, Amerika, wie Admiral Byrd, ein Luftwikinger, an den Sdpol fuhr  also nicht eben unter Mongolendruck.
Als paideumatisches Raumphnomen war das Amazonentum, soweit bisher bekannt, im letzten weiblichen Weltalter zweimal aufgegipfelt: am _Kaukasus_ bei Eishrnern ber Urgestein, bei Goldsand und Metall, in Nordsteppe und Sturm, stilisiert in Skidress, phrygischem Helm, Russenstiefeln; lange vorher am Fu des _Atlas_, wieder in einer Umwelt des Auerordentlichen, unter aufgerissenen Kratern und afrikanischen Sonnen, in Wsten und Weideland, doch irgendwie schon angeweht von der Weite des Atlantik, aus dem, seidig-glasig, die grnen Brecher heranrollen. Zuerst dorthin, nach Westen, treibt es sie. In grellroten Lederpanzern, Schuhen aus Schlangenhaut, die Schilde mit Pythonleder bespannt, galoppieren sie los. Die erste Etappe scheint dann fr lngere Zeit die Gegend am Tritonsee, vielleicht des Sees Melrir, mit dem Wadi-el-dschedi geblieben zu sein und einer groen, offenbar vulkanischen Insel in der Mitte, reich bepflanzt, und besiedelt von den Ichthyophagen, einem fischessenden thiopenstamm. Auch sollen dort gewaltige Feuerbrnde vorgekommen sein, und es gab viele Edelsteine von den Arten, die bei den Griechen Anthrax, orientalischer Rubin, Sard und Smaragd heien. Nach einer Version ist das, was damals Tritonsee hie, spter durch Erdbeben verschwunden. Dabei wurde das Land angeblich aufgerissen bis zum Atlantik. Die Amazonen grndeten am See eine groe Stadt, hielten Herden, ignorierten, wie berall, den Ackerbau, lebten von Milch und Fleisch, bekamen bald Lust zu khneren Unternehmungen und eroberten einen groen Teil von Libyen und Numidien. Eines Tages stieen sie dann unvermutet auf eine _berlebende Kolonie der Atlantier_, auerordentlich zivilisierte, feine und mde Leute.
Auch Herodot spricht von Atlantiern, doch nher dem Atlas zu, und vermengt ihren Namen mit dem des Berges. Unmglich, so ein hochgebettetes, aber stagnierendes Meerauge lngst abgerollter Kulturflut zarter als Gebilde zu bewahren, als antike Tradition das tut, wenn sie, es gleichsam in die hohle Hand schpfend, behutsam mit den Worten weitergibt: Sie sind das gesittetste Volk der Welt, _sie essen keine lebenden Wesen und haben keine Trume mehr_, also nichts mehr zu verdrngen, sind ohne Wunsch und Furcht, mit vllig sublimiertem oder  erstorbenem Triebleben. Von der Atlantis, ihrer Paradiesischkeit, beschtzt von Ringmauern aus leuchtendem Bergerz, sagt Plato im Kritias: Viele Generationen lang gehorchten die Bewohner den Gesetzen und waren fr alles Gttliche empfnglich. Aber mit der Zeit blieben sie nicht mehr imstande, ihr Glck zu ertragen, sondern entarteten. Daher Katastrophe und Untergang, denn die Umwelt entartete mit. Das Versinken der Atlantis soll in europischer Richtung als Deukalische Flut und im Aufreien vieler Erdspalten, auch jener zu Athen, nachgewirkt haben.
Die libyschen Amazonen, selbst gerade in strmischer Formung begriffen, treffen im Nordwesten auf eine erhaltene Festlandskolonie der Atlantier, die ihnen mchtig imponiert, und von der sie manches lernen. Nachdem das Frauenheer sich anfangs wild gebrdet und vieles zerstrt hat, baut es beschmt die Hauptstadt wieder auf, schliet sogar mit den berfallenen ein Bndnis. Ganz Nordwestafrika scheint damals amazonischer Stmme voll gewesen zu sein. Diodor sagt darber: Es hat in Libyen mehrere Geschlechter streitbarer Weiber gegeben  die _Gorgonen_, gegen die Perseus zog, werden als ein Volk von ausgezeichneter Tapferkeit geschildert. Der atlantischen Kolonie waren sie von jeher aufsssig. Diese bat, nach dem neuen Bndnis, die Libyerinnen um Hilfe. So kam es zum Krieg von Amazonen gegen Amazonen. Dreiigtausend libysche Reiterinnen unter _Myrine_ lieferten den Gorgonen eine blutige Schlacht, siegten und machten eine Menge Gefangene. Zuviele sogar. Die Siegerinnen wurden aus Freude ber den restlosen Erfolg nmlich sorglos; so kam es bei Nacht zum Aufstand der Gefangenen. Viele Libyerinnen starben, ehe die Gegner wieder berwltigt, umstellt und niedergemacht waren. Die Leichen ihrer Kriegerinnen lie die Knigin auf drei ungeheuren Scheiterhaufen verbrennen und ber der Asche Hgel und Denkmler errichten. Zu Diodors Zeiten existierten diese noch, wurden auch stets als Amazonengrber gezeigt. Der Gorgonenstamm erholte sich spter wieder, wuchs an Macht, wurde in der griechischen Heroenzeit, wie die Thermodontinnen am Schwarzen Meer viele Generationen nachher von Theseus, so hier in Afrika von Perseus berfallen, der die Gorgonenknigin Meduse ttet. Dass Eigennamen wie _Myrine_ und _Meduse_ _sinn_geme griechische bersetzungen aus dem Altlibyschen sind, braucht wohl kaum mehr der Erwhnung.
Nach dem Gorgonenkrieg beginnt Myrine ihren Zug von alexanderhaftem Ausma, friedlich durch ganz gypten, kriegerisch durch Arabien. Sie unterwirft Syrien, Gro-Phrygien, alle Lnder der Meereskste entlang und macht endlich den _Kakos_ zur Reichsgrenze. In den riesigen, neu eroberten Provinzen sucht sie berall nach geeigneten Pltzen zum Stdtebau. Da viel spter, etwa im vierzehnten Jahrhundert v. Chr., die Thermodontinnen von dem Strahlungsgebiet am Schwarzen Meer aus die gleichen Lnder erobern, bleibt es schwer, die verschiedenen Grndungen, wie Kyme, Pryene, Pitane, Smyrna, Paphos, Magnesia, Synope, Hieropolis, Pythopolis, Thiba, Amastris, auseinanderzuhalten, da die Stdte selbst zwar die Amazonentradition durch Kultbilder, spter Mnzen, mit Stolz hten, nicht aber berliefern, ob es sich gerade um Thermodontinnen oder Libyerinnen gehandelt habe. Die Inseln, wie Samos, Lesbos, Pathmos und Samothrake, scheint Myrine erobert zu haben. Weil die Amazonen, geborene Reiterinnen, zur See immer Pech haben, wurden auch die libyschen einmal vom Sturm berfallen und an eine menschenleere Insel verschlagen. Nach einer Erscheinung im Traum nennt Myrine die rettende Insel Samothrake, weiht sie der Gttermutter, stiftet ihr Mysterien und den weltberhmten Kult der Kabiren, Tempelopfer und Altre, macht das ganze Gebiet zur Freistatt. Auch _Ephesus_, nach einmtiger berlieferung aber eine Grndung der _Thermodontinnen_, wo sie ihre klirrenden Reigen um die Dianastatue mit den geopferten Amazonenbrsten tanzten, war Freistatt, weshalb in Ephesus niemand dem andern Geld lieh. Spter dringen Thraker und Skythen vereint von Norden in das libysche Kolonialgebiet ein. Myrine fllt in der Schlacht, das restliche Amazonenheer gibt das Weltreich auf und kehrt in die nordafrikanische Heimat zurck.
Von den libyschen Amazonenstmmen scheinen nur die Gorgonen ganz orthodox, im Sinn der Thermodontinnen, geraten zu sein, denn nur auf sie fllt die Gnadenwahl, in den Mythos einzugehen. Ihm entspringt aus dem Blut, dem magischen Rossblut der Meduse, der Pegasus. Nur von der Pallas, und wen sie beschtzt, lsst er sich lenken. Auf die Libyerinnen unter Myrine fllt die Wahl nicht, trotz Weltreich und alexanderhaftem Zug. Sie hatten auch, wenigstens in den Zeiten am Tritonsee, nie die ganz verwegen-reine Eigenform des Amazonischen ausgelebt; denn war auch die Armee streng weiblich, so gab es doch Mnner als Gatten im Land. Fr die rechtsseitig entbrsteten Mdchen bestand allgemeine Wehrpflicht, sie mussten eine Reihe von Jahren Kriegsdienst tun und jungfrulich bleiben. Dann traten sie in die Landwehr und konnten mit Mnnern verkehren, um ihr Geschlecht fortzupflanzen. Regierung und Stellen von Belang behielten sie sich allein vor. Im Gegensatz zu dem Reich am Thermodon aber lebten mnnliche Sexualpartner stndig in der Gemeinschaft, wenn auch zurckgezogen. ffentlich durften sie nicht auftreten, sie nahmen an Feldzgen ebenso wenig teil wie am Staat, hatten auch nirgends dort dreinzureden, wo sie, durch ihren Manneswert zu Stolz entflammt, den Weibern htten zusetzen knnen. Dafr bergab man ihnen, wie den gyptern, Kamtschadalen, manchen Indianern, die neugebornen Suglinge zur knstlichen Aufzucht, hier mit Stutenmilch.
Dem alten Stricker{170}, noch ohne Ahnung von der Hufigkeit dieser Arbeitsteilung, wird es ums Jahr 1868 ganz wirr im Kopf ob solcher Fabeleien. Wir finden also hier noch etwas Unnatrlicheres als den mnnerlosen Weiberstaat, nmlich die Gynaikokratie, die Herrschaft der Weiber ber die Mnner, ausgebildet bis zur weibischen Erziehung der Knaben.
{170: Wilhelm Stricker (18161891), deutscher Arzt, Historiker und Publizist.}
Der ziemlich spte Diodor, mit seiner Schilderung der sehr weit zurckliegenden Kmpfe zwischen Gorgonen und Libyerinnen, des Zuges nach Kleinasien, der Zustnde am Tritonsee, will sein Werk nur gewertet sehen als neues Rohrstck zur treulichen Weiterleitung lngst gefasster, uralter Geschichtsquellen. Herodot, der alles selber sieht, findet noch im sechsten vorchristlichen Jahrhundert am gleichen Tritonsee die Zustnde in manchem verblffend hnlich vor, wenigstens was die Reste des Kriegerischen und ihre Bedeutung fr die Mdchen betrifft. An die _Machlyer_ grenzen die _Ausen_, welche mit jenen um den tritonischen See wohnen. Der Athene (der groen jungfrulichen Gttin) wird jhrlich ein Fest gefeiert. Ihre Jungfrauen teilen sie in zwei Haufen, und diese streiten gegeneinander ..., sie erweisen damit, wie sie sagen, der Gttin, welche bei ihnen geboren worden ..., eine von altersher gebruchliche Ehre. Jungfrauen, welche an ihren Wunden sterben, halten sie nicht fr reine Jungfrauen. Ehe sie zu kmpfen aufhren, beobachten sie folgende Gebruche: die Jungfrau, welche sich am besten hlt, schmcken sie mit einem korinthischen Helm und mit einem griechischen Panzer, setzen sie auf einen Streitwagen und fhren sie rund um den See herum. Was fr Waffen aber vorher die Jungfrauen angelegt haben, ehe die Griechen sich bei ihnen niedergelassen, kann ich nicht sagen. Ich glaube aber, dass sie gyptische Waffen getragen haben. Denn ich behaupte, dass Schild und Helm von den gyptern auf die Griechen gekommen sind ... Die Kleider und die Schilde (Aegides) mit dem Bildnisse der Athene haben die Griechen von den _Libyern_ angenommen, nur dass die Kleidung der libyschen Bildnisse von Leder ... ist. Das andre ist alles auf einerlei Weise eingerichtet. Auch der Name zeigt an, dass das Kleid der Pallasbilder aus Libyen kommt, denn die libyschen Weiber tragen _rotgefrbte Ziegenfelle_ mit Bndern ber ihrem Kleid. Von diesen Ziegenfellen, Aigeon, haben die Griechen die Schilde der Pallasbilder Aegides genannt.
Also genau wie nach alten Geschichtsquellen bleibt auch im sechsten Jahrhundert der Zusammenhang von Kriegsdienst, hier nur mehr Kriegsspiel, wenn auch zuweilen mit tdlichem Ausgang, und der dazu erforderlichen Jungfrulichkeit bestehen. Auch der Dienst einer einzigen groen Gttin. Die roten Lederpanzer ber dem Kleid werden zu Herodots Zeit ebenfalls von den Frauen getragen, und sogar die Rstung der Pallas Promachos, der Vorkmpferin, geht auf diese libysche Amazonentracht zurck. Fr wunderbar blutrotes Leder, maroquin von besondrer Qualitt, ist Marokko, das alte Libyen, heute noch ebenso berhmt. Strabo, wieder sechshundert Jahre spter, der das Land nur noch in der Zivilisationsphase kennt, findet seine Frauen nicht als Kriegerinnen, doch politisch vllig herrschend, die Mnner noch immer ohne jede Bedeutung im Staat, hauptschlich mit ihrer Toilette und Frisur beschftigt, gierig danach aus, sich mit mglichst viel Goldschmuck zu behngen; doch auch die Damen  es wird gerade eine hohe Periode der Zivilisation durchlebt  erscheinen geschmckt und gepudert. Was heute Berber, blonde Berber, heit, ist, abgesehen von etwas arabischer Beimischung, identisch mit den alten Libyern. Dem Atlas zu, wo sie sich am reinsten erhalten haben, sind sie auch am strksten gynaikokratisch geblieben. Bei einzelnen Tuareg-Stmmen verwalten nur die Frauen das Kulturgut und kennen altlibysche Schrift wie Literatur; die Mnner gehen verschleiert und bleiben mit Genuss Analphabeten, zeichnen sich aber auch sonst in keiner Weise aus.
Afrika zeigt eine ganze Musterkarte des Amazonischen. Unabhngig von den antiken nordwestlichen Stmmen gab es die Gager. Sie zogen berhaupt keine Shne auf, vernichteten ganz im klassisch-amazonischen Stil jede mnnliche Geburt, bis zur Bekehrung durch die Missionare, erhielten von Kniginnen ihre Verfassung, nahmen von Kniginnen Gesetze an und machten unter Kniginnen die grten Eroberungen. Der arabische Schriftsteller Magrizi schildert die Bedscha, einen hamitischen Amazonenstamm zwischen Nil und Rotem Meer. Die Frauen verfertigten herrliche Lanzen nach streng gehteten Verfahren und tteten jede mnnliche Geburt. Eine Mittelstellung haben die weiblichen Prtorianergarden, wie in Monopotera. Sie leben fr sich, in einer eigenen Provinz und bestimmen die Knigswahl. Mischformen an der Grenze des Amazonischen sind in Afrika unbersehbar, genau wie im Kaukasusgebiet. Herodot nennt dort die _Sauromalen_, jenseits des Don, Mischlinge aus Amazonen mit Skythenjnglingen, die von den schnen Kriegerinnen nicht lassen wollten und ihnen nachzogen. Die Nachkommen, eben _Sarmaten_, behielten zum Teil amazonische Bruche. Keine Frau durfte heiraten, bevor sie drei mnnliche Feinde gettet hatte. Ganz der gleiche Brauch herrschte bei dem iranischen Volk der _Sigynnen_, das an der Donau beheimatet war. Von den Sarmatinnen sagt Plinius: Einige sterben alt, ohne geheiratet zu haben, weil sie dieses Gesetz nicht erfllen konnten. Mit dem Kulturwandel ndern sich wohl auch sonstige Sitten, trotz amazonischer Grundhaltung. Die Skythen, selbst die echtesten, sind nicht mehr aberglubisch, sondern lngst abgekommen von dem bsen Omen schlechtschmeckender, mit Rindfleisch verkochter Vter. Man wird Globetrotter und geistreich. Solch ein skythischer Herr, zu Besuch im klassischen Athen, bemerkt witzig, dass die Weisen dort reden, doch die Einfltigen beschlieen.
Auch wo Frauen bei den nordosteuropischen Reitervlkern kaukasischer Rasse nicht rein weibliche Heere bilden, werden sie in gemischter oder gar mnnlicher Armee gern zu Anfhrern gewhlt. Die Skythin Zarina war als Siegerin in Entscheidungsschlachten groen Stils, wo es um die Existenz des ganzen Volkes ging, ebenso berhmt wie die Massagetin Tomyris. Litauen hatte weibliche Kavallerie, und in den alten Grbern des kaukasischen Terekgebietes finden sich Frauenleichen in voller Kriegsausrstung. Von einem ganz exklusiven Frauenreich im Osten des Landes Rus mit Vernichtung jeder mnnlichen Geburt berichtet noch in spter Zeit ein spanisch-arabischer Jude. So schwelt um den Strahlenkern am Kaukasus das Amazonische gedmpft weiter. Zur hohen Zeit der Tochterreiche aber waren Kleinasien, Mesopotamien, Arabien mit jungen Reiterinnen berschwemmt; auch in Italien lebt ihre Tradition, Klete ist Amazonengrndung. Bleibend in den panhellenischen Kult verwoben, mehr noch als die eigenen Heroengeschlechter, aber werden ausschlielich die Thermodontinnen. Sie selbst, nach der Bekanntschaft mit der griechischen Gtterwelt, stiften den Kult des Apollo Amazonios: reiner, geschlechtsferner Geistbruder der jungfrulichen Jgerin Diana. Von Dionysos, dem phallischen Herrn, dagegen wollen sie natrlich nichts wissen, auch der Mythos nennt ihn ihren Erzfeind.
Von den asiatischen Unternehmungen ist der Zug der Amazonenknigin Eurypyle gegen Babylon, und dass sie die Hauptstadt des Amoriterstaates 1760 v. Chr. erobert hat, jetzt aus dem Sagenhaften ins Historische gehoben worden. Er beweist Amazonenheere schon lange vor der Grndung am Thermodon. Das einzige echte Frauenreich Mitteleuropas, jenes der Libussa und Valeska und ihres bhmischen Mdchenkriegs, hat Aeneas Piccolomini, der sptere Papst Pius II., in seiner Historia bohemica behandelt. Zusammengehalten mit gynaikokratischen Zgen so vieler slawischer Sagen und verstreuter Geschichtsfetzen, in Skandinavien und Irland, kann es, wenn auch unbewiesen, wenigstens fr nicht unwahrscheinlich gelten.
Hier ist nicht Raum, die Vereinigung geistlicher und kriegerischer mter in den Hnden von Frauen zu beschreiben, etwa jene mexikanischen Hohenpriestertums mit dem Oberbefehl einer Armee; auch geht es nicht an, in Dutzenden von Einzelfllen aus verschiedenen Nationen und Zeiten, besonders der deutschen Befreiungskriege, Frauen als kriegerisch ausnehmend begabt aufzuzeigen, mag es auch nicht ohne Reiz sein, sich die Szene in einer Garnisonskirche auszumalen, wo im Beisein von Generalen und ihrem Stab 1816 die feierliche Trauung zweier Unteroffiziere stattfand: des vielfach dekorierten Unteroffiziers Sophie Dorothea Krger vom Regiment Kolberg und des Unteroffiziers Karl Kohler vom Garde-Ulanen-Regiment. Weibliche Soldaten hatten berall bei ihren Kameraden erotischen Riesensucces, Irokesen gaben einer Frau nach kriegerischen Taten sogar den offiziellen Titel Geliebte. Fr einen Umriss weiblicher Reiche aber bleibt es sich ziemlich gleich, ob Frauen in Einzelfllen den Krieger- oder den Brieftrgerberuf ergreifen. Bedeutsam wird hier Amazonisches erst als heroisches Mittel, das weibliche Weltbild zu prgen, rein erhalten in seiner Form vor mnnlichen Attacken. Tatschlich hat es sich als das einzig Wirksame bewhrt. Bei dem Kompromissversuch der Bruder-Schwester-Reiche nach Ablsung von der alten Muttermacht, verdrngt der Bruder die Schwester regelmig in dem Ma, als berbetonte ratio die Magie verdrngt, Knigtum zur profanen Machtfrage wird.
Die extremsten aller bisher bekannt gewordenen Tochterstaaten: die antik amazonischen, galten so lange fr rgerliches Gefasel, bis eine erdumspannende Vlkerkunde das groe Loch im Verstndnis fr sie ausgefllt hat mit Zwischenstufen jedes Grades. Mehr noch: damit der Lebensfcher heute voll entbreitet stehe, braucht er ntig jene sagenhaften Jungfrauenvlker als natrlichen linken Saum. Gbe es sie nicht, mssten sie angestckelt werden mit Hilfe der Phantasie.
Das kann aber doch wieder kein Mensch so, wie das Schicksal von vorneweg dergleichen machen kann, so vllig unvoraussehbar und gerade recht. Ist auch nicht ntig, sie sind ja da; alles ist _greifbar_ da, sobald es _begriffen_ zu werden vermag. War es denn anders in der Chemie? Vor Entdeckung des periodischen Systems lagen berall berflssige Elemente unbekmmlich herum; niemand wusste, wohin damit, keiner kannte sich aus. Kein Wunder, dass der Fachmann geflissentlich von ihnen absah. Durch ihre Anordnung nach Atomgewichten kam jedes streunende Element auf einmal brav in die Reihe, nein  umgekehrtes Dilemma  jetzt schien es, als reichten sie kaum. Wo etwas htte sein sollen, blieben Pltze frei. Doch Lcher im Kosmos gibt es nicht. Nirgends setzt der strahlende Rhythmus aus. An jeder  vermeintlich  leeren Stelle steht, nur bisher unerkannt, von Anbeginn im Stillen schon, was hingehrt.
Bis zur Jahrhundertwende stand das Amazonen-Phnomen so aus der Reihe, dass sein Stoff sich hartnckig gegen jede Glaubwrdigkeit zu struben schien. Damals hatte ein gemigter Kosmos in jeder Branche dreieinhalb Prozent an zahmem, geregeltem Geschehen auszuschtten. Etwas wie eine Katastrophentheorie in der Erdkunde war so wenig genehm, wie Exzentrik beim Kulturablauf. Die Parze durfte ihre Schicksalsfden nur zu Schutzdeckchen verhkeln, nur das Wahrscheinliche durfte Wahrheit sein.
Heute knnen Amazonenreiche wie das am Thermodon begriffen werden als eine notwendige Schpfung aus feurigster Askese, als heroische Methode zur Schaffung leidenschaftlicher Eigengestalt von vllig neuem Rang, geprgte Form, die lebend sich entwickelt.
Was die Mitte und das Mittlere Entartung oder bertreibung nennt, ist ja allemal erst die eigentliche Erfllung gewesen.


 Die Zeitlose Menschheit

    Die fnf Menschengeschlechter: Mchte ich doch nicht gehren zum fnften Geschlecht; wre ich doch lieber vorher gestorben oder spter geboren, denn jetzt ist das eiserne Zeitalter, wo Mhe und Sorge den Menschen nicht loslassen, Feindschaft aller gegen alle herrscht, Gewalt das Recht beugt, schadenfroher, belredender, hsslichblickender Wettbewerb alle antreibt. Nun entschwinden Scham und die Gtter der Vergeltung  alle bel verbleiben den Menschen, und es gibt keine Abwehr des Unheils.
    _Hesiod_

    Nichts Unmgliches hoffen und doch dem Leben geneigt sein.
    _Goethe_
    (bersetzung aus dem Griechischen fr Frau von Stein.)

Frauen, die wenig vom Mutterrecht, Mnner, die gar nichts von Amazonentum wissen, fabeln jetzt viel, diese finster, jene froh, von baldiger Wiederkunft beider Zustnde: also Wiederkunft des Gleichen. Davon kann die Rede nicht sein. Zu etwas wie dem alten orthodoxen Mutterrecht braucht es nmlich Mtter. Dieser Typus, halb schicksalhafte Gttin, halb erdhafte Schaffnerin, breit hockend und verwurzelt, ist erloschen oder im Erlschen begriffen. Er wre auch in einer nickelblanken Zivilisationsphase aus Zweck und Zahl, wie der unsern, fehl am Ort. Gerade der Mann aber, mag er noch so gegen jede juristisch festgelegte Gynaikokratie bocken, ist es, der heimlich geradezu lechzt nach einer bermchtigen Weibsubstanz  keineswegs erotisch, bewahre, sondern einfach um durch sie der Perennisierung des Lausbuben in sich teilhaftig zu bleiben, nicht immer, nicht jeden Tag; doch irgend etwas soll es in Reserve geben, das ihn, wenn ntig, einfach an den Ohren nimmt, aus der Bredouille zieht und zum Trocknen hinsetzt: radikal, endgltig, ohne viel zu reden.
Herrlicherweise gab es das unter dem alten Mutterwesen, ganz ohne Einbue an Prestige bei Mnnchen und Weibchen der eigenen Lebensflche. Von der ewigen Seinssubstanz selber an den Ohren genommen zu werden, ist etwas, das keinen beschmt. Nun, meine Herren, wie machen wir das jetzt? Die Bredouille ist da, die Ohren sind da. Nur die groen Mtter sind nicht mehr da.
Nachdem der Urweibtypus  ihn hat kein Vaterrecht je ganz verdrngen knnen  erst jetzt, da er dem _Zeitcharakter_ widerspricht, in der gewohnten Form zum mindesten versinkt, erhebt sich das einzig seiner magischen Kulmination zugeborene alte Mutterrecht vorlufig gewiss nicht wieder, so wenig wie das Amazonentum. Amazonen sind ja keine sportgirlischen Frauenrechtlerinnen, wie Ahnungslose meinten. Ihre Tochterreiche grndende Art, die allein reprsentative, als alles berfliegenden Feuerrausch und Trieb zu leidenschaftlichster Eigengestalt kann es nur im Aufgang eines heroischen Zeitalters geben, an jenem genialen Schicksalsstreifen, wo Magie _und_ Geist, Schauung _und_ Tat zugleich sind, wo den Menschen aus ihrem gtternahen Blut Schpfung aufgeht, augenblicklich, leicht, leuchtend und vollendet, wo zum seelischen Raum der Wirkungsraum strmisch hinzuerobert werden kann, Elan nicht stockt in Bevlkerungsdichte. In einem on also ganz andrer Art. Was jetzt heroisch ist, heldisch im blichen Sinn, uert sich im Widerstand von Volksteilen gegen Massenteile und ist zwar kmpferisch, doch bis zur Ausschlielichkeit mnnisch-jnglinghaft betont.
Heute, nach fast hundert Jahren planvoller Archologie, nachdem an Dutzenden verschiedenster Kulturen verschiedenster Jahrtausende, jede getragen von einer besonderen Menschenart, der _organische_ Ablauf ihres von Innen Werdens, von Innen Absterbens an verlassenen Schalen ausgelebten Lebens greifbar daliegt, geht es, auer zu demagogischen Zwecken, nicht mehr an, von fadenfrmiger Vorwrtserei einer hypothetischen Menschheit zu reden, nur damit jeder Sptere sich automatisch als der berlegene fhlen drfe, und es muss anerkannt werden, dass sogar Leitartikler der Tagespresse die Fahne des Fortschritts nur noch in mehr oder weniger eingerolltem Zustand hochhalten. Eine Axiologie der Kulturen aber gibt es nicht und kann es nicht geben, weil der Mastab fehlt; jeder Versuch, die eine wertend ber die andre herauszuheben zwecks Konstruktion eines Aufstiegs, fllt somit dahin. Nur um weniges fernere sind berdies nicht selten fr uns bereite Monaden ohne Fenster zum Hineinschauen geworden. Wir sehen, dass da etwas Auerordentliches keimte, in Saft stand, sich verhrtete, zerfiel; was es aber von sich aus wollte und war, dafr fehlen uns im feinsten die seelischen Fhlfden. Viele neu hinzugeborene Europer sind ja nicht einmal mehr imstande, ihre sozusagen eigene Kultur zu erfassen, jene, von Spengler die faustische genannt, deren Trger Europas weie Rasse ist. Wie es aber gar um die Begriffssubstanz affiger Nutznieer der _Resultate_ dieser unsrer faustischen Hochkultur steht, zeigt als kstlichstes Beispiel Russland, das nicht zu ihr gehrt.
Dort bildet sich die bisher arroganteste aller herrschenden Klassen auf das Verdienst hin, dass sie eben halbwegs lernt, jene Maschinen zu len, die der faustische Geist erfunden hat  _nur er_  und der ganzen Welt lehrend schenkte und zum Nachmachen freigab. Die philosophischen Fundamente aber, die inbrnstige Metaphysik, aus der die prachtvolle faustische Sonderseele herauslebt, ihr Tiefgang und ihre verzckte Dmonie, das souvern Einmalige ihrer Flge und Siege, alles, _dessen technische Auswirkung_ dann eben macht, dass die neue russische Aristokratie etwas zum len bekommt, diese klassischen Standardwerke, Essenz faustischen Schpfertums, sind aus den Sowjetbibliotheken als konterrevolutionr verbannt. Wenn dieser konterrevolutionre faustische Geist in seinen europischen und nordamerikanischen Reprsentanten erlischt oder einfach nicht mehr mag, kann es mit dem ganzen proletarischen Maschinenkult-Rummel und der diktierenden Overall-Klasse auf einmal eklig aus sein.
In der europischen Hochkultur hat die groe Mutter ihren verwegensten, tragischsten Sohn auch am weitesten aus sich hinaus getrieben. Vielleicht zu weit. Kann er, ihrer magischen Blutwrme so entrckt, noch ferner leben?
Wie Organismen alternd verkalken, zurck ins Anorganische, so steht am Ausgang jeder Kultur, immer wieder durch die Archologie besttigt, die Zivilisationsphase mit Mechanei. Was ihren _Ablauf_ betrifft, verhalten sich diese Organismen hchster Ordnung somit wohl gleich, ihrem _Inhalt_ nach aber ist jede einzig. Man braucht also nicht flach und feig zu sein wie ein Optimist, um doch fr die ihrerzeit in unerhrter Leidenschaft aufgebrochene Kultur weien Europertums auch eine dem Grad solcher Spannung entsprechende, mchtig variierte, fast unvorhersehbare Form von Mechanei anzunehmen, so dass sie nicht unbedingt in chaotischer Kakophonie, vielmehr ungeahnt neu verklingen knnte. Ist jede Kultur einzig, so muss es auch ihre Zivilisation sein, ganz ohne Werturteil im Sinn eines Fortschrittes gesprochen.
Durch alle Schichten des Organischen, so lange es noch ein solches gibt, aber wirkt schicksalhaft die primordiale Weibsubstanz hindurch, denn, wie es am Anfang dieses Buches hie: von den beiden geheimnisvollen Grundformen, in denen das Lebendige, bald hadernd verschlungen, bald sehnsuchtsvoll entzweit durch die Zeit strzend, sich aneinander entfaltet, ist das Weibliche lter, mchtiger, urtmlicher. In magischer Weltzeit als Mutter das Tiefenerlebnis des Mannes, ragend aus Urweltrumen bis hoch in die persnliche Schicht jedes Einzeldaseins hinein, hat die richtige Ablsung von ihr das Schicksal ganzer Rassen bestimmt. Doch Allgestalterin, bleibt sie auch selber immer neuer Ausdrucksformen fhig, erschien in heroischem on als amazonischer Tochtertyp, weil alles Lebende den Zeitcharakter an sich tragen muss.
Tatschlich hebt in unsrer so markanten Zivilisationsphase spontan ein Gestaltwandel der Weibsubstanz an, schon sichtbar in zwei gleichsam abkunftlosen Typen: Girl und _zeitlose Frau_. Doch auf dieser liegt der Akzent; girl ist ihre Jugendform mit besonderer Mission, doch vorerst ohne Geltung. Nicht jedes Girl wird _zeitlose Frau_ werden, es hat nur manchmal die Chance dazu, Girl aber heit dieser Typus, der nichts mit Tochter zu tun hat, weil er eben _zuerst_ unter Angelsachsen erschien, sich in andern Lndern erst bildet. Worauf es aber ankommen wird, das sind die _zeitlosen Frauen_. Genauer: solche im zeitlosen Alter. Es ist ein Alter, in dem sichs ebensogut leben wie sterben lsst. Eine Strecke schon beinah fessellosen Dahinschwebens in einer wundervollen Brechung des Gefhls, wo alle Farben klarer, doch nicht schwcher werden. Zeitlose Frauen sind Wesen im Abschnitt jener Jahrzehnte, die das sprunghaft verlngerte Leben jetzt jenseits der Jugend seinen Erwhlten fast ungebeten zumisst. Innerhalb dieses Abschnitts wird sich ein entscheidender Typus bilden, zu vielem berufen, mit der angeborenen Autoritt und wrmenden Weisheit des Urweibes, doch diesem krperlich wie geistig unvergleichbar berlegen, fixiert im Stadium geschmeidigster Vollendung, so persnlich, wie nur Mut und Wohlgeratenheit, als Schicksal kompromisslos ausgelebt, persnlich macht, doch abgelst genug bereits _fr dieses letzte ber-allem-stehen_, das jedem das Seine zu geben vermag.
Auch die alte Mutter wirkte, indem sie waltete und verteilte, whrend alle ein kindlich instinktives Vertrauen zur Art ihrer Verwaltung und Verteilung hatten. Frauenreiche brachten es allemal zustande, das _Gemeingefhl_ mit einer Art suggestiver Brutwrme allein in Ordnung zu halten. _Ordnung_ ohne _Verordnung_ ist weibliches Privileg. Sogar die Amazonen eroberten ihre Weltreiche zwar mnnlich-gewaltsam, erhielten sie aber weiblich-gewaltlos in Form. Angerhrt von dem Wesen der waltenden Kriegerinnen, wurden Besiegte zu Bewunderern. Wahrzeichen fr Dschengis-Khans Weltreich ist die Schdelpyramide geblieben, fr das der Myrina  heute noch blhende Stdte. Respekt vor der Schdelpyramide, auch sie kann ebenso Symbol einer _Berufung_ sein, wie das Stiften irgendwelcher Stillhalte-Religion; das zeigt die Legende des Tamerlan: erwhlter Blutreiniger, Ausrotter ganzer Volksstmme, der aber hinkend wurde, weil er unachtsam eine Ameise zertrat. Nach Schdelpyramiden aber besteht augenblicklich wohl kein dringender Bedarf. Damit sind wir bis auf weiteres saturiert.
Die Frau, geboren zu Schutz und Verteilung, hat von Natur aus das Talent, Mehrerin jedes Reichtums zu sein, erfasst bei konkreten Problemen auch weit rascher, worauf es ankommt, weil sie frei von Sachlichkeit ist. Amerika wei sehr genau, warum es konsequent jede Behrde ausschliet bei der Bewltigung sozialer Probleme, auch des der Arbeitslosen-Frsorge, gerade weil dies an die Wurzel der Nation reicht, und warum es alles privater Organisierung berlsst, was in der Union so viel bedeutet, wie zu achtzig Prozent den Frauen. Dabei steht Amerika erst unter Tantenverwaltung, ein Keyserlingsches Wort; _die groe Zeitlose_ ist noch kaum erschienen, erst angedeutet in wenigen Exemplaren.
Lasst sie, lasst sie machen! sagt dort lchelndes Vertrauen, wo sich spontan, weil behrdelos lebendig, viel mehr machen lsst als anderswo, zu allem, was die Frauen im Sozialen beschlieen. Korruption bei weiblicher Verwaltung ist berall, wo es um ffentliches Wohl, Schutz des groen Kindes Alle geht, fast unbekannt; auch die Herrschaft der _unteren Mittelmigkeit_, diese Pest alles _mnnlichen_ Sozialismus, drngt sich bei weiblichem weit weniger vor. Nichts wird _verzettelt_ im blichen, also belsten, Wortsinn. Mnnliches verfllt in der Zivilisationsphase eben rascher und vollkommener anorganischer Verkrustung, weil weniger erdbeseelt.
Als Effekt weithin sichtbar bei mnnlicher Revolution oder mnnlicher Gegenrevolution, mnnlichem Kommunismus, wie mnnlichem Faschismus ist, dass dann jedesmal noch mehr Mnner in Bros auf Sesseln sitzen und die restlichen Leute nach immer anderem Heilsrezept am Leben hindern. Kein Symptom ist bedenklicher als dieser allverkalkende Hang zum Brokratismus. Dagegen gehrt Brophobie zu den wertvollsten weiblichen Instinkten. Vor dem Amtsschimmel kommt in jeder Frau wieder etwas von den thermodontischen Rossebndigerinnen herauf. Amazonen schlachten ja weie Gule. Es ist ihnen sogar ein besonderes Fest.
Mnner geben ihr Unvergleichliches als Wikinger, Eroberer, Anfhrer, Abenteurer des Geistes, groe Schweifende hchsten Ranges, in sozialen Zeiten mit ihrem Massenproblem verfallen sie leicht zu Schwtzern, Brokretins, Intellektuellen. Damit ja kein Missverstndnis ber die Rangordnung der letzteren bestehe: Leute, die auf Intellekt beschrnkt bleiben, rein gar nichts als Intellekt haben, werden eben zum Unterschied von den andern, die natrlich intellektuell, aber auch sonst noch was sind, Intellektuelle genannt.
Ein Weltalter der Massen, dem Mnnlichen nicht eben gnstig, ist aber gerade das Element der besnftigenden, aufbauenden, ordnenden, eminent sozialen Mutterinstinkte, nicht verkrpert in irgend hergebrachter Form, vielmehr der Vielfalt gigantisch komplizierter Wirkungswelt gewachsen. Das fordert einen Gestaltwandel zu etwas, in dem die ganze lebendige Weibsubstanz auf neue Weise wirksam werden kann.
Ohne Mutterrecht, Matriarchat, Gynaikokratie, heute veraltete Formen, ja ohne dass ein einziges Gesetz gendert werden msste, kommt die zeitlose Frau herauf an ihren Platz. Sie wird nicht hingestellt durch irgendein Dekret, noch weniger drngt sie sich hin, sie steht einfach dort, wo es ntig ist, denn sie allein in der Verwirrung wird das _Unbeirrbare_ der Blut- und Erdseele bewahrt haben.
Und der zeitlose Mann? Auch er hat ja die unabsehbaren Vorteile sprunghaft verlngerten Lebens, genau die gleichen Jahrzehnte der groen Adlerschau im Stadium geschmeidigster Vollendung. Die Frau aber ist als ewiger Stoff schon in der Zeitlosigkeit beheimatet, er in der Dauer erst Parven. Frher zu Hause, frher also souvern auch in der neuen Lebensstrecke, wird sie deren besondere Vorteile auch frher gewahr. Frher das machen, was nur dort erreichbar ist: die innere Freiheit, das ber-allem-Stehen. Schon durch die ungeheure biologische Karriere der Mutterschaft erscheint sie ja eher saturiert, daran ndert der gelegentliche Gigoloverbrauch von ein paar Flappergrannies wenig, der Mann dagegen luft viel lnger Gefahr, von seinen Hormonen hereingelegt zu werden.
Auch fr die neue zeitlose Menschheit gilt eben das Urphnomen: Primat des weiblichen Naturprinzips. Dass das Mnnliche _spter_ zu Selbstndigkeit und Schpfertum heranreift, hat alles Menschenschicksal, bald einschrnkend, bald entfesselnd, in jedem Zeit- und Kulturkreis immer wieder aufs neue aus seinem magischen Abgrund herauf entscheidend bestimmt.
Die Elite dieser _zeitlosen Menschen_ aber hat zu berbrcken, was jetzt droht: die _menschenlose Zeit_.
