 Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
Wilhelm Hauff

Erstverffentlichung: Erster Teil 1825, Zweiter Teil 1826


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Selected, edited and typeset by Robert Schaechter
First published July 2024
Release 1.0 * July 2024


 ber den Autor

Wilhelm Hauff wurde 1802 in Stuttgart geboren als Sohn eines hohen Beamten und der Tochter eines Professors der Rechte. 1809 starb Hauffs Vater, und die Mutter mit den vier Kindern zog zu ihrem Vater nach Tbingen. Hauff besuchte in Tbingen die Lateinschule, dann die evangelische Klosterschule in Blaubeuren, und studierte ab 1820 als Stipendiat des Evangelischen Stifts Tbingen an der Universitt Tbingen Theologie, wo er 1824 das Studium als Dr. phil. abschloss.
Danach arbeitete Hauff als Hauslehrer, reiste durch Deutschland und Frankreich, kehrte nach Stuttgart zurck, und wurde mit Beginn des Jahres 1827 Chefredakteur des _Morgenblatt fr gebildete Stnde_, des fhrenden deutschen literarischen Unterhaltungsorgans. Im Februar 1827 heiratete Hauff seine Cousine Luise Hauff; auf einer Reise nach Tirol erkrankte Hauff an Typhus -- er starb im November 1827 kurz vor seinem 25. Geburtstag.
In der kurzen Zeit von 1825 bis 1827 publizierte Hauff eine erstaunliche Zahl von literarischen Werken -- Mrchen, Erzhlungen, Satiren, Gedichte, und den dreibndigen historischen Roman _Lichtenstein_. Heute ist Hauff hautschlich fr seine Mrchen bekannt -- sein frher Tod lsst die Frage unbeantwortet, wie gro seine Bedeutung fr die deutschsprachige Literatur und darber hinaus noch htte werden knnen.


 ber diese Ausgabe

Die vorliegende Ausgabe der _Memoiren des Satan_ beruht auf drei Ausgaben, die lteste von ihnen aus dem Jahr 1837 (eine Originalausgabe lag mir leider nicht vor). Bei Unterschieden zwischen diesen Ausgaben (auch bezglich Hervorhebungen) wurde nach Plausibilitt und Konsistenz entschieden, ausdrcklich ohne dabei einen wissenschaftlichen Anspruch erheben zu wollen. Die Kapiteleinteilung des ersten Teils folgt den beiden spteren Ausgaben -- in der von 1837 gehen das zweite und dritte Kapitel ineinander ber, so dass die Zhlung ab dem dritten Kapitel abweicht und der erste Teil nur 18 Kapitel hat. Die Erzhlung _Mein Besuch in Frankfurt_, die in verschiedenen Ausgaben im zweiten Teil unterschiedlich eingeordnet ist, steht hier in der Mitte zwischen den Fortsetzungen von _Der Festtag im Fegefeuer_ und _Der Fluch_. Die Rechtschreibung folgt aktuellen Regeln.
In den _Memoiren des Satan_, dem vemutlich umfassendsten satirischen Rundumschlag der deutschsprachigen Literaturgeschichte, verspottet Hauff unter anderem Studenten und Professoren, Brgerliche und Adelige, SchriftstellerInnen und LeserInnen, Mnner und Frauen, Fromme und Snder, Katholiken und Protestanten, und, im _Besuch in Frankfurt_, auch die Frankfurter jdische Gemeinschaft. Der Vorwurf des Antisemitismus wre unberechtigt -- auch innerhalb dieser Erzhlung geht es nich um Religion oder Rasse, und christliche Adelige und Kaufleute sind ebenso Zielscheiben Hauffschen Spottes wie Frankfurter jdische Bankiers -- dennoch sind klischeehafte Darstellungen in dieser Erzhlung problematisch. Es ist in der Verantwortung des Lesers / der Leserin, den historischen Text mit Vorsicht zu lesen -- und dabei auch daran zu denken, dass es ja der Satan ist, der hier erzhlt. Drei Stze in der Beschreibung der Frankfurter Brsenhalle sind in der vorliegenden Ausgabe gestrichen.
Die mit * bezeichneten Funoten sind Teil des Originaltextes, die nummerierten Funoten sind meine Anmerkungen (R.S.).


 Inhaltsverzeichnis

 Erster Teil
Einleitung
Erstes Kapitel: _Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft_
Zweites Kapitel: _Der schauerliche Abend_
Drittes Kapitel: _Der schauerliche Abend (Fortsetzung)_
Viertes Kapitel: _Das Manuskript_

Die Studien des Satan auf der berhmten Universitt ...en
Fnftes Kapitel: _Einleitende Bemerkungen_
Sechstes Kapitel: _Wie der Satan die Universitt bezieht und welche Bekanntschaften er dort macht_
Siebentes Kapitel: _Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte_
Achtes Kapitel: _Der Satan bekommt Hndel und schlgt sich; Folgen davon_
Neuntes Kapitel: _Satans Rache an Doktor Schnatterer_
Zehntes Kapitel: _Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhrt; er verlsst die Universitt_

Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin
Elftes Kapitel: _Wen der Teufel im Tiergarten traf_
Zwlftes Kapitel: _Satan besucht mit dem ewigen Juden einen sthetischen Tee_
Dreizehntes Kapitel: _Angststunden des ewigen Juden_
Vierzehntes Kapitel: _Der Fluch (Eine Novelle)_
Fnfzehntes Kapitel: _Das Intermezzo -- Die Trinker_

Satans Besuch bei Herrn von Goethe nebst einigen einleitenden Bemerkungen ber das Diabolische in der deutschen Literatur
Sechzehntes Kapitel: _Bemerkungen ber das Diabolische in der deutschen Literatur_
Siebzehntes Kapitel: _Der Besuch_

Der Festtag im Fegefeuer -- Eine Skizze
Achtzehntes Kapitel: _Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwrdige Subjekte kennen_
Neunzehntes Kapitel: _Geschichte des deutschen Stutzers_

 Zweiter Teil
Vorspiel

Der Festtag im Fegefeuer (Fortsetzung)
1. Der junge Garnmacher fhrt fort, seine Geschichte zu erzhlen
2. Der Baron wird ein Rezensent
3. Das Theater im Fegefeuer

Mein Besuch in Frankfurt
1. Wen der Satan an der _table dhte_ im Weissen Schwan sah
2. Trost fr Liebende
3. Ein Schabbes in Bornheim
4. Das gebildete Judenfrulein
5. Der Kurier aus Wien kommt an
6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der Brsenhalle
7. Die Verlobung

Der Fluch (Eine Novelle) (Fortsetzung)


 --- Erster Teil ---

 Einleitung

  _Marte, e rassembra te, qualor dal quinto
  Cielo, di ferro scendi, e dorror cinto._{1}
  Tasso, befr. Jerusalem, V. 44
{1: Torquato Tasso, _La Gerusalemme liberata_ (_Das befreite Jerusalem_), 1575:
Dir gleicht er, Mars, steigst du vom fnften Himmel, / Mit Stahl und Graun umhllt, ins Kampfgewimmel. (bersetzung von J. D. Gries, 1800-1803)}

 Erstes Kapitel
_Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft_

Wer, wie der Herausgeber und bersetzer vorliegender merkwrdiger Aktenstcke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war und in dem schnen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird gewiss diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.
Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht gerade das angenehmste, das man fhren kann, angenehm zu machen. Feine Weine, gute Tafel, schne Zimmer htte man auch sonst wohl dort gefunden, seltener, gewiss sehr selten, so ausgesuchte Gesellschaft. Ich erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher, einen meiner damaligen Tisch- und Hausgenossen gesehen zu haben, und dennoch schlang sich in jenen glcklichen Tagen ein so zartes, enges Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner den andern kannte oder seine nheren Verhltnisse zu wissen wnschte, nie fr mglich gehalten htte.
Der schne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit des Gemts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen fr die Gesellschaft beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung einem sonderbaren, mir nachher hchst merkwrdigen Manne zuschreiben zu mssen.
Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor Anker gelegen; htte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren nicht gesehen hatte, auf den fnfundzwanzigsten oder dreiigsten bestellt, ich wre nicht mehr lnger geblieben; denn die schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war anstndig, freundlich sogar, aber kalt. Man lie einander an der Seite liegen, wenig bekmmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man einander die schnen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die Saladire darzubieten habe, wusste jeder, aber das Genie, ich meine, der Geist wies sich nicht gehrig an der Tafel, noch weniger nachher aus.
Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor dem Hotel hinab und dachte nach ber meine Forderungen an die Menschen berhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und Kellner _allein_ verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen ber das Steinpflaster der engen Seitenstrae und hielt gerade unter meinem Fenster.
Der geschmackvolle Bau des Wagens lie auf eine elegante Herrschaft schlieen. Sonderbar war es brigens, dass weder auf dem Bock, noch hinten im Kabriolett ein Diener sa, was doch eigentlich zu den vier Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepasst htte.
Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen mssen, dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des groen stattlichen Oberkellners, der den Schlag ffnete.
Zimmer vakant? rief eine tiefe, wohltnende Mnnerstimme.
So viele Euer Gnaden befehlen, war die Antwort des Giganten.
Eine groe, schlanke Gestalt schlpfte schnell aus dem Wagen und trat in die Halle.
Nr. 12 und 13, rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.
Die Wagentre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein Zweiter heraussteigen.
Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschttelt.
Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort, rief ich hinab, wer war denn --
Werde gleich die Ehre haben, antwortete der Gefllige und trat bald darauf in mein Zimmer.
Eine sonderbare Erscheinung, sagte ich zu ihm; ein schwerer Wagen mit vier Pferden, und nur ein _einzelner_ Herr _ohne alle_ Bedienung.
Gegen alle Regel und Erfahrung, versicherte jener, ganz sonderbar, ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein _Guter_, denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein Englnder von Profession, haben alle etwas Apartes.
Wissen Sie den Namen nicht? fragte ich neugieriger, als es sich schickte.
Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben, antwortete jener; haben der Herr Doktor sonst noch etwas?
Ich wusste zu meinem Verdruss im Augenblicke nichts; er ging und lie mich mit meinen Konjekturen ber den Einsamen im achtsitzigen Wagen allein.
Als ich abends zur Tafel hinabging, schlpfte der Kellner an mir vorber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor mich hintrat, mir solche prsentierend.
v. Natas, Partikulier, stand aufgeschrieben. Hat er noch keine Bedienung? fragte ich.
Nein, war die Antwort, er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn aber weder aus- noch ankleiden drfen.
Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenber sa Herr von Natas.
Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nhe sah.
Das Gesicht war schn, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von glnzendem Schwarz, die weien Zhne, von den feingespaltenen Lippen oft enthllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weien Wsche. War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lcheln, das ganz leise in dem Mundwinkel anfngt und wie ein Wlkchen um die feingebogene Nase zu dem mutwilligen Auge hinaufzieht, frh gereifte und unter dem Sturm der Leidenschaften verblhte Jugend zu verraten; bald glaubte man einen Mann von schon vorgerckten Jahren vor sich zu haben, der durch eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren wei.
Es gibt Kpfe, Gesichter, die nur zu _einer_ Krperform passen und sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, dass es Sinnestuschung sei, dass das Auge sich schon zu sehr an diese Form, wie sie die Natur gegeben, gewhnt habe, als dass es sich eine andere Mischung denken knnte. _Dieser Kopf konnte_ nie auf einem untersetzten, wohlbeleibten Krper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen, schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten, drckte sich auch in dem Krper durch die wrdige, aber bequeme Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der Arme, berhaupt in dem leichten, kniglichen Anstande des Mannes aus.
So war Herr von Natas, der mir gegenber an der Abendtafel sa. Ich hatte whrend der ersten Gnge Mue genug, diese Bemerkungen zu machen, ohne dem interessanten _vis-a-vis_ durch neugieriges Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien brigens noch mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwhrender Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie ber dem Mittagessen hchstens mit bloem Auge gemustert.
Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzglichen Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine Mnzensammlung und flsterte dem berraschten Sammler etwas ins Ohr. Mit drei tiefen Bcklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen und schritt eilig zu seiner Kapelle zurck. Die Instrumente wurden aufs neue gestimmt.
Ich war gespannt, was jener wohl gewhlt haben knnte; der Direktor gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die herrliche Polonaise von Osinsky.{2} Der Fremde lehnte sich nachlssig in seinen Stuhl zurck, er schien nur der Musik zu gehren; aber bald bemerkte ich, dass das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern rastlos umherlief -- es war offenbar, er musterte die Gesichter der Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie machte.
{2: Die Polonaise in a-Moll _Abschied vom Vaterland_ von Frst Michal Kleofas Oginski (1794) zhlt zu den frhesten Stcken der Romantik.}
Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen gebten Menschenkenner zu verraten. Zwar wre der Schluss unrichtig, den man sich aus der wrmern oder kltern Teilnahme an dem Reich der Tne auf die grbere oder geringere Empfnglichkeit des Gemts fr das Schne und Edle ziehen wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tnen der Flte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester und straffer.
Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die Gesichter der verschiedenen Personen bei den schnsten Stellen des Stckes; ich machte dem Fremden mein Kompliment ber die glckliche Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gesprch ber die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.
Die brigen Gste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in der Ferne auf unser Gesprch gelauscht hatten, rckten nach und nach nher. Mitternacht war herangekommen, ohne dass ich wusste wie; denn der Fremde hatte uns so tief in alle Verhltnisse der Menschen, in alle ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, dass wir uns stille gestehen mussten, nirgends so tiefgedachte, so berraschende Schlsse gehrt oder gelesen zu haben.
Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gste, die sich nie htten einfallen lassen, lnger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen sich an den immer grer werdenden Zirkel an und vergaen, dass sie unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit seinen nchsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _matre de plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflge in die herrliche Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergngens sich alle Herzen gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation fhrte.
Jenes ergtzliche Mrchen von dem Hrnchen des Oberon schien ins Leben getreten zu sein;{3} denn Natas durfte nur die Lippen ffnen, so fhlte jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf leichten Schwingen schwirrte dann das Gesprch um die Tafel, mutwilliger wurden die Scherze, khner die Blicke der Mnner, schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in so fessellosen Strmen, dass man nachher wenig mehr davon wusste, als dass man sich gttlich amsiert habe.
{3: Das bezieht sich vermutlich auf Christoph Martin Wielands Darstellung des Oberon-Themas in _Oberon. Ein romantisches Heldengedicht_ (1780) -- die Tne aus Oberons magischem Horn wecken verborgene Lust und zwingen Menschen zum Tanzen (Und druten dir mit Schwert und Lanzen / Zehn tausend Mann, sie fangen an zu tanzen).}
Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit entfernt, je ins Rohe, Gemeine hinberzuspielen. Er griff irgend einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzhlte Anekdoten, spielte das Gesprch geschickt weiter, wusste jedem seine tiefste Eigentmlichkeit zu entlocken und ergtzte durch seinen lebhaften Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von dem tiefsten Gefhl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrche der Laune streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostm auf der feinen Grenze des Anstandes gaukeln.
Manchmal schien es zwar, es mchte weniger gefhrlich gewesen sein, wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das Zarte, das er _benagte_, geradezu zerrissen htte; jener zarte, geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhllte, reizte nur zu dem lsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das ppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Kpfchen unserer schnen Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zrnen, nicht widersprechen; seine glnzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin, sie umhllten die Vernunft mit sem Zauber, und seine khnen Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

 Zweites Kapitel
_Der schauerliche Abend_

So hatte der geniale Fremdling mich und zwlf bis fnfzehn Herren und Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten, schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um den Fu geschlungen zu haben.
Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar da sein.
Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewhnt, dass uns diese Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als wrden uns die Flgel zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.
Das Gesprch kam, wie natrlich, auf den Abwesenden und auf seine auffallende, glnzende Erscheinung. Sonderbar war es, dass es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern Gestalt, schon frher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drngte er sich mir immer wieder auf. Aus frheren Jahren her erinnerte ich mich nmlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke hauptschlich, groe hnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir brigens fatal; denn man behauptete, dass, so oft er uns besucht habe, immer ein bedeutendes Unglck erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht los werden, Natas habe die grte hnlichkeit mit ihm, ja, es sei eine und dieselbe Person.
Ich erzhlte meinen Tischnachbarn den unablssig mich verfolgenden Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde, der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, dass meine Nachbarn ganz den nmlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu haben.
Sie knnten einem ganz bange machen, sagte die Baronin von Thingen, die nicht weit von mir sa, Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum ewigen Juden oder, Gott wei, zu was sonst noch machen!
Ein kleiner ltlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still vergngt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte whrend unserer vergleichenden Anatomie, wie er es nannte, still vor sich hingelchelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht, dass sie wie ein Rad anzusehen war.
Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr lnger hinter dem Berge halten, brach er endlich los, wenn Sie erlauben, Gndigste, so halte ich ihn nicht gerade fr den ewigen Juden, aber doch fr einen ganz absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen: Den hast du schon gesehen, wo war es doch? aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurck, wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfasste.
So war es mir gerade auch -- mir auch -- mir auch, riefen wir alle verwundert.
Hm! he, hm! lachte der Professor. Jetzt fllt es mir aber von den Augen wie Schuppen, dass es niemand ist als der, den ich schon vor zwlf Jahren in Stuttgart gesehen habe.
Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhltnissen? fragte Frau von Thingen eifrig und errtete halb ber den allzugroen Eifer, den sie verraten hatte.
Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot{4} aus und begann: Es mgen nun ungefhr zwlf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten Gasthfe und speiste auch dort gewhnlich in groer Gesellschaft an der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das Zimmer hatte hten mssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach sehr eifrig ber einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit die Mittagsgste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit in allen Sprachen entzcke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur ber seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die Tre ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut gefhrt zu haben; ich merkte, dass der Besprochene sich eingefunden habe und sah --
{4: Am Mnnerhemd angenhtes Tuch, vergleichbar einer Krawatte.}
Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns -- denselben, der uns seit einigen Tagen so trefflich unterhlt. Dies wre brigens gerade nichts bernatrliches; aber hren Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche Unterhaltung die Tafel gewrzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs unterbrach: Meine Herren, sagte der Hfliche, bereiten Sie sich auf eine kstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor: der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen ein.
Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: Gerade dem Speisesaal gegenber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem groen den Haus; er ist Oberjustizrat auer Dienst, lebt von einer anstndigen Pension und soll berdies ein enormes Vermgen besitzen.
Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene Gewohnheiten, wie z.B. dass er sich selbst oft groe Gesellschaft gibt, wobei es immer flott hergeht. Er lsst zwlf Kuverts aus dem Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der andere unserer Markrs hat die Ehre zu servieren. Man denkt vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich! Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchbltter, auf jedem ein groes Kreuz, liegen auf den Sthlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er unter den lustigsten Kameraden wre; er spricht und lacht mit ihnen, und das Ding soll so greulich anzusehen sein, dass man immer die neuen Kellner dazu braucht, denn wer _einmal_ bei einem solchen Souper war, geht nicht mehr in das de Haus.
Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwrt Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinber. Den andern Tag nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des Oberjustizrats. Er fhrt morgens frh aus der Stadt und kehrt erst den andern Morgen zurck, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.
Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr tglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster und betrachtet sein Haus gegenber von oben bis unten.
Wem gehrt das Haus da drben? fragt er dann den Wirt.
Pflichtmig bckt sich dieser jedesmal und antwortet: Dem Herrn Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.
Aber, Herr Professor, wie hngt denn Ihr toller Hasentreffer mit unserem Natas zusammen?
Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor, antwortete jener, es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer beschaut also das Haus und erfhrt, dass es dem Hasentreffer gehre. Ach! derselbe, der in Tbingen zu meiner Zeit studierte? fragt er dann, reisst das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und schreit: Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!
Natrlich antwortete niemand, er aber sagt dann: Der Alte wrde es mir nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte, nimmt Hut und Stock, schliet sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor.
Wir alle, fuhr der Professor in seiner Erzhlung fort, waren sehr erstaunt ber diese sonderbare Erscheinung und freuten uns kniglich auf den morgenden Spa. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab, ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen kstlichen Scherz mit dem Oberjustizrat vorhabe.
Frher als gewhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und belagerten die Fenster. Eine alte, baufllige Chaise wurde von zwei alten Kleppern die Strae herangeschleppt, sie hielt vor dem Wirtshaus; das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer, tnte es von aller Mund, und eine ganz besondere Frhlichkeit bemchtigte sich unser, als wir das Mnnlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen Rcklein angetan, ein mchtiges Meerrohr{5} in der Hand, aussteigen sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloss sich ihm an; so gelangte er ins Speisezimmer.
{5: Spazierstock aus Spanischem Rohr bzw. Rattan.}
Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als damals; denn mit der grten Kaltbltigkeit behauptete der Alte, gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert musste Barighi verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch die brigen Gste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu sehen.
Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenber schien de und unbewohnt; auf der Trschwelle sprosste Gras, die Jalousien waren geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vgel eingebaut zu haben.
Ein hbsches Haus da drben, begann der Alte zu dem Wirt, der immer in der dritten Stellung hinter ihm stand. Wem gehrt es? -- Dem Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.
Ei, das ist wohl der nmliche, der mit mir studiert hat? rief er aus. Der wrde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine Anwesenheit kund tte. Er riss das Fenster auf: Hasentreffer -- Hasentreffer! schrie er mit heiserer Stimme hinaus. -- Aber wer beschreibt unsern Schrecken, als gegenber in dem den Haus, das wir wohlverschlossen und verriegelt wussten, ein Fensterladen langsam sich ffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen{6} Schlafrock und der weien Mtze, unter welcher wenige graue Lckchen hervorquollen; so, gerade so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fltchen des bleichen Gesichts war der gegenber der nmliche wie der, der bei uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit derselben heiseren Stimme ber die Strae herberrief: Was will man, wem ruft man? he!
{6: Zitz ist feiner bunt bedruckter Baumwollstoff.}
Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer? rief der auf unserer Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend am Fenster hielt.
Der bin ich, kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem Kopfe; steht etwas zu Befehl?
Ich bin er ja auch, rief der auf unserer Seite wehmtig, wie ist denn dies mglich?
Sie irren sich, Wertester! schrie jener herber. Sie sind der Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herber in meine Behausung, dass ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.
Kellner, Stock und Hut! rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, und die Stimme schlich ihm in klglichen Tnen aus der hohlen Brust herauf. In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele; -- vergngten Abend, meine Herren! setzte er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bckling zu uns wandte und dann den Saal verlie.
Was war das? fragten wir uns. Sind wir alle wahnsinnig? --
Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus, whrend unser gutes altes Nrrchen in steifen Schritten ber die Strae stieg. An der Haustre zog er einen groen Schlsselbund aus der Tasche, riegelte -- der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgltig zu -- riegelte die schwere, knarrende Haustr auf und trat ein.
Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurck; man sah, wie er dem unsrigen an die Zimmertre entgegenging.
Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und zitterten. Meine Herren, sagte jener, Gott sei dem armen Hasentreffer gndig, denn einer von beiden war der Leibhaftige. -- Wir lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, dass es ein Scherz von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen knnen auer mit den beraus knstlichen Schlsseln des Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Grliche geschehen, noch an der Tafel gesessen; wie htte er denn in so kurzer Zeit die tuschende Maske anziehen knnen, auch vorausgesetzt, er htte sich das fremde Haus zu ffnen gewusst? Die beiden seien aber einander so greulich hnlich gewesen, dass er, ein zwanzigjhriger Nachbar, den echten nicht htte unterscheiden knnen. Aber um Gottes willen, meine Herren, hren Sie nicht das grliche Geschrei da drben?
Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tnten aus dem den Hause herber; einige Male war es uns, als shen wir unsern alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am Fenster vorbeijagen. Pltzlich aber war alles still.
Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag hinberzugehen! Alle stimmten berein. Man zog ber die Strae, die groe Hausglocke an des Alten Haus tnte dreimal, aber es wollte sich niemand hren lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die Tre auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Tren waren verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Rcklein, die zierliche Frisur schrecklich verzaust, tot, _erwrgt_ auf dem Sofa.
Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen.

 Drittes Kapitel
_Der schauerliche Abend (Fortsetzung)_

Der Professor hatte seine Erzhlung geendet, wir saen eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich; ich wollte das Gesprch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.
Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, dass er unzhlige Male fr einen andern gehalten wurde oder auch Fremde fr ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben besttigt gefunden, dass die Verwechslung weniger bei jenen platten, alltglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden, eigentlich interessanten vorkommt.
Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen; aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas. Jeder von uns gesteht, sagte er, dass er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lcheln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedchtnis zu prgen.
Sie mgen so unrecht nicht haben, entgegnete Flahof, ein preuischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurckzukehren. Sie mgen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi,{7} die ganz fr Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele dAgata gekannt und wei, dass er einen Fu kleiner und wenigstens um zwei dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste hnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich beinahe tglich den Verdruss, von Sngern, Tnzern, Geigern und Lichtputzern als Herr Michele dAgata angeredet zu werden und lange Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhren zu mssen. Selten gingen sie berzeugt von mir, dass ich nicht Michele dAgata sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermdchen meldet mich an: Herr Agata. Ich trat hinein und ward als Michele dAgata begrt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte. Guten Abend, Herr Agata, war sein Gru, indem er vorberging. -- Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele dAgata.
{7: Carlo Lucio Graf Gozzi, italienischer Dramatiker (1720-1806). Gegner der Aufklrung, Autor romantischer, mrchenhafter und phantastischer Theaterstcke}
Ich wusste dem guten Hauptmann Dank, dass er uns aus den ngstigenden Phantasien, welche die Erzhlung des Professors in uns aufgeregt hatte, erlste. Das Gesprch floss ruhiger fort; man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu haben, ber den Einfluss des Geistes auf die Gesichtszge berhaupt und auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;{8} Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr wiederkuen, ich zog mich in ein Fenster zurck. Bald folgte mir der Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu betrachten.
{8: Johann Caspar Lavater (1741-1801), Theologe, befasste sich in mehreren Werken mit Physiognomik (an den _Physiognomischen Fragmenten_ arbeitete u.a. auch Goethe mit), wobei er die Ansicht vertrat, dass die unbewegten Gesichtszge des Menschen, insbesondere die Silhouette, Aufschluss ber den jeweiligen Charakter geben.}
Welch ein leichtsinniges Volk, seufzte er, ich habe sie jetzt soeben gewarnt und die Hlle ihnen recht hei gemacht, ja, sie wagten in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige mchte daraus hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht immer umherschleiche.
Ich musste lachen ber die Amtsmiene, die sich der Professor gab. Noch nie habe ich das schne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt, sagte ich; aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre khnen Angriffe auf die bse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas ...
Harmlos nennen Sie ihn? unterbrach mich der Professor, heftig meine Brust anfassend, harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt, flsterte er leiser, dass alles bei diesem feinen ... Herrn berechneter Plan ist? O, ich kenne meine Leute!
Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?
Haben Sie nicht bemerkt, fuhr er eifrig fort, dass der gebildete Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fnf Nchte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern nacht noch fnfzehnhundert Dukaten gewinnen lie? Er nennt den abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und schwrt auf Ehre, er msse ber die Hlfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den konomierat gekrnt hat?
Ich habe wohl gesehen, antwortete ich, dass der konomierat, sonst so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich habe es dem allgemeinen Einfluss der Gesellschaft zugeschrieben.
Behte. Er luft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet, einen groen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Plverlein und rt ihm, nicht wie ein anderer vernnftiger Arzt, Dit und Migkeit, sondern er soll seine Jugend, wie er die fnfzig Jahre des alten Wurms nennt, genieen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein bentzt er seit vier Tagen rger als der verlorene Sohn.
Und darber knnen Sie sich rgern, Herr Professor? Der Mann ist sich und dem Leben wiedergeschenkt --
Nicht davon spreche ich, entgegnete der Eifrige, der alte Snder knnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern dass er sich dem nchsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muss. Ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon zusehends.
Der Eifer des Professors war mir nun einigermaen erklrlich, der Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. --
Und unsere Damen, fuhr er fort, die sind nun rein toll. Mich dauert der arme Trbenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber bermorgen soll er hier ankommen, und wie findet er die gndige Frau? Hat man je gehrt, dass eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glcklichen Ehe sich in ein solches Verhltnis mit einem ganz fremden Menschen einlt, und zwar innerhalb fnf Tagen! --
Wie? die schne bleiche Frau dort? rief ich aus.
Die nmliche bleiche, antwortete er, vor vier Tagen war sie noch schn rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der Strae, fragt, wohin sie gehe, hrt kaum, dass sie _rouge fin_ kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heit _bon ton_), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen Teint viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nchsten Galanterieladen und sucht weie Schminke; ich war gerade dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hrte ich sie mit ihrer sen Stimme den rauhaarigen Bren von einem Ladendiener fragen, ob man das Wei nicht noch etwas _therischer_ habe? Hol mich der T...! hat man je so etwas gehrt?
Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schnen Frau auf den schon etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Dass es aber mit Natas und der Trbenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst. Von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wusste ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weiteren Kommentar ntig, um die gegenseitige Annherung daraus zu erlutern.
Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. Himmel, seufzte er, und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grbchen auf den blhenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zhne, in diesen frischen, zum Kuss geffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen Formen der schwellenden --
Herr Professor! rief ich, erschrocken ber seine Ekstase, und schttelte ihn am Arm ins Leben zurck. Sie geraten auer sich, Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?
Er hat sie auch, fuhr er zhneknirschend fort. Haben Sie nicht bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhltnissen fragte? Wie sie rot ward? Jung, schn, wohlhabend, Witwe -- sie hat alles, um eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Mnner von Ruf in der literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen -- Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wssten, bester Doktor, was mir der Oberkellner sagte, aber mit der grten Diskretion, dass man ihn vorgestern nachts aus ihrem Zimmer ...
Ich bitte, verschonen Sie mich, fiel ich ein, gestehen Sie mir lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat.
Das ist es eben, antwortete der Gefragte, verlegen lchelnd, das ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese ber Chemie; er brachte einmal das Gesprch darauf und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und khne Ideen auf, dass mir der Kopf schwindelte. Ich mchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nhe, und doch knnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen.
Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr damit hin und her, seine grnen Brillenglser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Hhe zu richten.
Ich suchte ihn zu besnftigen. Ich stellte ihm vor, dass er ja nicht rger losziehen knnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wre; aber er lie mich nicht zum Worte kommen.
Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen, rief er, um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer und hast eine feine Nase; aber ein ...r Professor wie ich, der sogar in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.
Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rcken zu entstehen schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und glaubte Natas hhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehrt, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.
Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die Tre aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lcheln ma er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, dass keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick auszuhalten vermochte.
Mit der ihm eigenen Leichtigkeit hatte er der Trbenau gegenber, neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das bse Gewissen lie den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von Trbenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des konomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wusste, dass sie einmal ber das andere bis unter die breiten Brsseler Spitzen ihrer Busenkrause errtete, das feingeformte Fchen der Frau von Thingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen lie.
Drei Mcken auf einen Schlag, das heie ich doch -- meiner Seel -- aller Ehre wert, brummte der zornglhende Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die konomische Schne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tnenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schne. Doch diese schien nur Ohren fr Natas zu haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, bermorgen, und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine sehr zerstreut, meinte sie 1fl. 30kr. die Elle.
Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht daran dachte, dass er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja durch ein paar _ottave rime_ sich sogar bei der Trbenau wieder insinuieren knnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem berlegen, fhrte ihn so aufs Eis, dass die leichte Decke seiner Logik zu reien und er in ein Chaos von Widersprchen hinabzustrzen drohte.
Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der Zunge, gab aber dafr Anlass zu desto feindseligern Blicken zwischen Frau von Trbenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schnen, runden Arme sich bewusst, den gewaltigen silbernen Lffel ergriffen, um beim Eingieen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber kredenzte die gefllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, dass das Bestreben, sich gegenseitig so viel als mglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.
Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends verdrngt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen hher zu frben und aus den Augen der Mnner zu leuchten, da schien es mir mit einem Male, als sei man, ich wei nicht wie, aus den Grenzen des Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gesprch schnurrte und summte wie ein Mhlrad, man lachte, und jauchzte und wusste nicht ber was. Man kicherte und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfnderspiel mit Kssen in Vorschlag. Pltzlich hrte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu hren glaubte; wirklich, es war Natas, der dem Professor zuhrte und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelchter ausbrach.
Nicht wahr, meine Herren und Damen, schrie der Punsch aus dem Professor heraus, Sie haben vorhin selbst bemerkt, dass unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gndige Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!
Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in groer Verlegenheit. Ich erinnere mich, gab ich zur Antwort, als alles schwieg, von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgefhrt.
Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn unter die Interessanten zu zhlen; aber der Professor verdarb wieder alles.
Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund! sagte er, ich behauptete, dass mir ganz unheimlich in dero Nhe sei, und erzhlte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwrgt haben, wissen Sie noch, gndiger Herr?
Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelchter im Zimmer umher, und pltzlich glaubte ich den unglckbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein lterer, unheimlicher Mensch.
Da hat mans ja deutlich, rief der Professor, dort luft er als Barighi umher.
Barighi? entgegnete Frau von Trbenau. Bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretr Gruber, der da hereingekommen ist.
Ich mchte doch um Verzeihung bitten, gndige Frau, unterbrach sie der Oberforstmeister, es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war.
Ha! ha! wie man sich doch tuschen kann, sprach Frau von Thingen, den Auf- und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, es ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.
Warum nicht gar! brummte der alte konomierat, es ist der lustige Kommissr, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D...n verschafft.
Ach! Papa! kicherte sein Tchterlein, jener war ja schwarz, und dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins Praktische einschieen wollte?
Hol mich der Kuckuck und alle Wetter, schrie der preuische Hauptmann, das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt. Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig Auf- und Abgehenden losstrzen. Der Professor aber packte ihn am Arm: Bleiben Sie weg, Wertester! schrie er, ich habs gefunden, ich habs gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der _Satan!_

 Viertes Kapitel
_Das Manuskript_

So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf alles wieder besinnen konnte. Ich muss in einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine fr die Morgensonne ffnete, ob jetzt der Kaffee gefllig sei?
Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.
Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lcheln, das msse ich besser wissen als er.
Ah! ich erinnere mich, sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu verbergen, nach der Abendtafel ...
Verzeihen der Herr Doktor, unterbrach mich der Geschwtzige. Sie haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.
Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon auf?
Wissen Sie denn nicht, dass sie schon abgereist sind? fragte der Kellner.
Kein Wort! versicherte ich staunend.
Er lsst sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie mchten doch in T. bei ihm einsprechen; auch lsst er Sie bitten, seiner und des gestrigen Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.
Aha, ich wei schon, sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil des gestern Erlebten ein. Wann ist er denn abgereist?
Gleich in der Frhe, antwortete jener, noch vor dem konomierat und dem Herrn Oberforstmeister.
Wie? so sind auch diese weggereist?
Ei ja! rief der staunende Kellner. So wissen Sie auch das nicht? Auch nicht, dass Frau von Thingen und die gndige Frau von Trbenau --
Sie sind auch nicht mehr hier?
Kaum vor einer halben Stunde sind die gndige Frau weggefahren, versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht trume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.
Und Herr von Natas? fragte ich kleinlaut.
Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen wre, wir wren heute nacht in die grte Verlegenheit gekommen.
Wieso?
Nun bei der Fatalitt mit der Frau von Trbenau. Wer htte aber auch dem gndigen Herrn zugetraut, dass er so gut zur Ader zu lassen verstnde?
Zur Ader lassen? Herr von Natas?
Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frhzeitig zu Bette gegangen und haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir. Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: Es mochte kaum elf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei --
Was fr eine Geschichte mit der Polizei?
Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permiss zu sagen, dort ein ganz hllischer Lrm war, so kam die Runde ins Haus und wollte abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeileutnants sein muss, beruhigte sie, dass sie wieder weitergingen. Also gleich nachher kam das Kammermdchen der Frau von Trbenau herabgestrzt, ihre gndige Frau wolle sterben. Sie knnen sich denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwlf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hrt kaum, wo es fehlt, so luft er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fnf Minuten vergehen, hat er der gndigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader geffnet, dass das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen.
Ei! was Sie sagen, Jean! rief ich voll Verwunderung.
Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von neuem los. Aus Nr. 18 lutete es, dass wir meinten, es brenne drben in Kassel. Des Herrn konomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anflle bekommen. Der Alte mochte ein Glas ber den Durst haben; denn er sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wussten nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trbenau mit dem Kammermdchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen muss er haben wie ein Dachs; denn wir pochten drei-, viermal, bis er uns Antwort gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken.
Nun, und lie er der schnen Rosalie zur Ader?
Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben.
Armer Professor! dachte ich, dein hbsches Rschen mit ihren sechzehn Jhrchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein Pflaster ans das pochende Herz pappend.
Der Herr Papa konomierat war wohl sehr angegriffen durch die Geschichte? fragte ich, um ber die Sache ins Klare zu kommen.
Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem Hirschhorngeist aus der Apotheke zurckkam. Aber es lutet im zweiten Stock, und das gilt mir. Er sprachs und flog pfeilschnell davon.
So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wusste ich nicht, wie dies alles so pltzlich kommen konnte. Ich entsann mich zwar, dass gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war; was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.
Sollte Natas mir Aufschluss geben knnen? Doch, wenn ich recht nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in meiner Erinnerung umher -- am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.
Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:

    Ew. Wohlgeboren wrden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal besuchen wollten. -- v. Natas.

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig zwischen Koffern und Kstchen stehen. Er kam mir mit seiner gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.
Er lachte mich aus, dass ich mich vor den Damen als schwachen Trinker ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzhlte mir, dass ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.
Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.
Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer groen Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien alle, sogar der morose konomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber riefen seine Geschfte den Rhein hinab.
Die Zuflle der Trbenau und der schnen Rosalie ma er dem starken Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufllen helfen zu knnen.
Wir hrten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ltesten Rheinweins. Natas hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier gefesselt.
Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor? fragte er mich, whrend wir den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlrften.
Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur? antwortete ich ihm. Ich habe mich frher als Dichter versucht, aber ich sah bald genug ein, dass ich nicht fr die Unsterblichkeit singe. Ich griff daher einige Tne tiefer und bersetzte unsterbliche Werke fremder Nationen frs liebe deutsche Publikum.
Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte mich, ob ich mich entschlieen knnte, die Memoiren eines berhmten Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu bersetzen? Vorausgesetzt, dass Sie dechiffrieren knnen, ist es eine leichte Arbeit fr Sie, da ich Ihnen den Schlssel dazu geben wrde und das Manuskript im Hochdeutschen abgefasst ist.
Ich zeigte mich, wie natrlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren verstand ich frher und hoffte es mit wenig bung vollkommen zu lernen. Er schloss ein schnes Kstchen von rotem Saffian auf und berreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren aufgestrten Hgelchen; aber er gab mir den Schlssel seiner Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.
Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank fr seine Gte, die er noch zuletzt fr mich gehabt, fr die schnen Tage, die er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentre schloss sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an, und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von gestern her unter den Bruchstcken meiner Erinnerung bewahrte.
Als ich die Treppe hinanstieg, hndigte mir der Oberkellner einen Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Hnden zu bergeben befohlen; ich riss ihn auf --

    Verehrter, Wertgeschtzter!
    Ich bin im Begriff, mein Ross zu besteigen und aus dieser Hhle des brllenden Lwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl, weil Sie aus der todhnlichen Betubung, die Sie hrter als uns alle befallen hat, nicht zu wecken sind. dass unser schnes Zusammenleben so schauerlich enden musste! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie es klar, dass dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war!
    Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke ber die Schulter und liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen konomierat und sein Tchterlein, die blasse Trbenau, meine schne Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz. Gott gebe, dass er Sie nicht auch gekdert hat. Mich hat er halb und halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel. Ich reie mich los und mache, dass ich fortkomme.
    Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, frh 6 Uhr.

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurck. Ja, es war der Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem es gestern Spa gemacht hatte, uns zu ngstigen; es mussten des Teufels Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.
Wer stand mir aber dafr, dass diese Schriftzge mir nicht durch die Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte ich mich nicht gerade dadurch, dass ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte, unbewusst in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?
Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen. Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.
In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid, ich solle so viele Messen darber lesen lassen, als das Manuskript Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht bel. Ich reiste in meine Heimat und schickte am nchsten Sonntag den ersten Satansbogen in die Kirche. _Probatum est;_{9} am Montag fing ich an zu dechiffrieren und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir bemerkt.
{9: Es hat sich bewhrt, es ist erwiesen.}
Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehrt. Der Professor fhrt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu glnzen, und ich frchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehr zu geben, der ihn zu einem _Berzelius_{10} machen will. Der Hauptmann soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schne Witwe, hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar langer Zeit wieder geheiratet.
{10: Jns Jakob Freiherr von Berzelius (1779-1848), schwedischer Chemiker, einer der Begrnder der modernen Chemie.}


 Die Studien des Satan auf der berhmten Universitt ...en

  _Betrogene Betrger! Eure Ringe
  Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
  Vermutlich ging verloren._
  Lessing, _Nathan._ III. 7.

 Fnftes Kapitel
_Einleitende Bemerkungen_

Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons der groen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der Mittelstdte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzhlt nach Memoiren, ja, es knnte scheinen, es sei seit zwlf Jahren nichts Merkwrdiges mehr auf der Erde als ihre Memoiren. Mnner und Frauen ergreifen die Feder, um den Menschen schriftlich darzutun, dass auch sie in einer merkwrdigen Zeit gelebt, dass auch sie sich einst in einer Sonnennhe bewegt haben, die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von Bedeutsamkeit verliehen.
Gekrnte Hupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer frheren Grandezza, wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, dass sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren fr ihre Vlker, erzhlen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen Mastab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hnde gegeben; es sind die Memoiren.
Groe Generale, berhmte Marschlle, weit entfernt, das Beispiel jenes Rmers nachzuahmen, der in der Mue des Friedens die Taten der Legionen unter seiner Fhrung der Nachwelt wrdig zu berliefern glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person sprche, haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es Mnnern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren ein Odeon in verjngtem Mastabe und treten herzhaft vorne auf der Bhne auf. Mit Schlachtstcken im groen Stil dekorieren sie die Kulissen; Staatsmnner und berhmte Damen, die groe Armee und ihre lorbeerbekrnzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus, wrdig des unsterblichen Talma.
_Mundus vult decipi_,{11} d.i. die Leute lesen Memoiren; was hlt mich ab, denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen vorzusetzen?
{11: Die Welt will betrogen werden.}
Man wendet vielleicht ein: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben.
Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf htte, Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr gesehen htte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen Krieger, welche die Welt mit ihrem _literarischen_ Ruhme anfllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwhnen aufgehrt haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fhlte, auch fr einen _homo literatus_ zu gelten?
Ja, ich gestehe es mit Errten, je lnger ich mich in meinem lieben Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reit es mich hin zu schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein?
Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann vom Gewerbe &c. Aber frs erste habe ich soeben die Damen, welche, wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind, anzufhren die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Shne des Lagers, die unter Gefahren gro geworden, unter Strapazen ergraut, keine Zeit hatten, _humaniora_ zu studieren, und dennoch so glnzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, dass das Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich bin _in optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf wei aufweisen.
Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, dass ich bel wegkommen knnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, dass das Sprichwort _Clericus clericum non decimat_{12} fglich auch auf mein Verhltnis zu den Rezensenten angewandt werden knne; werde ich ja doch schon im Alten Testament _Satan_, _adversarius_, das ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_ soviel als _acerbe recensere_, so msse er, wenn er nur ein wenig Logik habe, den Schluss von selbst ziehen knnen.
{12: Ein Geistlicher fgt einem Geistlichen keinen Schaden zu -- sinngem: Eine Krhe hackt der anderen kein Auge aus.}
Der Erzengel bekam, wie natrlich, nicht wenig Respekt vor meiner Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, dass es mir auf diese Art nicht fehlen knne.
Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt. Man wird krzere und lngere Bruchstcke aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.
Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein Gemlde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen soliden Buchhandlungen Deutschlands.
Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehrt, darstellt und darber reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn oder die Mitwelt nhere oder entferntere Beziehung haben, wenn er berhmte Zeitgenossen und seine Verhltnisse zu ihnen dem Auge vorfhrt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfllt zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten, die meine Khnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum als Schriftsteller aufzutreten.{*}
{*: Was der Satan hier ernsthaft und gelehrt spricht, er gebrdet sich beinahe wie ein junger Kandidat der Theologie, der seine erste Predigt drucken lsst! Anm. des Herausgebers.}
ber Persnlichkeit, ber berhmte Abstammung oder glnzende Verhltnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darber zu sagen sein knnte, habe ich in dem Abschnitt Besuch bei Goethe ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.
Fleiige Leser, d.i. solche, die Bogen fr Bogen in einer Viertelstunde berfliegen, mgen daher doch diesen Abschnitt nicht berschlagen, da er sehr zu besserem Verstndnis der brigen eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierber nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich langweilen.
~
Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurckkommt, hat der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es scheint ihm nmlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit; man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er ber sich einige Bemerkungen macht; es wre genug gewesen, wenn er nur angedeutet htte, dass dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem Leser zu empfehlen, er mchte doch den Abschnitt, in welchem jene enthalten sind, nicht berschlagen, ist sehr anmaend.
Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie z.B. der Herausgeber, htte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein, was nun freilich beim Teufel nicht wohl mglich ist, doch wenigstens mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste ist. Ich habe das Manuskript flchtig durchblttert (zu lesen, ehe jeder Bogen hinlnglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und fand, dass er mit Ereignissen anfngt, die der ganz neuen Zeit angehren, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von zehn, zwanzig Jahren auftreten lt; man sieht wohl, dass er keine gute Schule gehabt haben muss.
Zu grerer Deutlichkeit, und dass der geneigte Leser trotz dem Teufel whlen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt.
_Der Herausgeber._

 Sechstes Kapitel
_Wie der Satan die Universitt bezieht und welche Bekanntschaften er dort macht_

Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe es, es liegt diesem Gestndnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man glaubt nmlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen khnen philosophischen Wagehlsen, die auf die Gefahr hin, dass ich sie zu mir nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lcherlichen Phantom gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glcklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstren, in dessen ungetrbter Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr, mit Hrnern und Klauen, mit Bocksfen und Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.
Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklrung so weit hinaufgeschraubt sind, dass sie, ich schweige von einem Gott, sogar an keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar meine Erbfeinde, die Theologen, dafr, dass ich im Ansehen bleibe. Hand in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich, und wie oft habe ich das mir so se Wort aus ihrem Munde gehrt: _Anathema sit,_{13}_ er glaubt an keinen Teufel._
{13: Er sei verflucht, bzw. exkommuniziert.}
Ich kann mich daher recht rgern, dass ich nicht schon frher auf den vernnftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer Universitt zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester zu Semester systematisch traktiert.
Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, dass mir ein guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen Kursus bei Memer genommen und nachher manche glckliche Kur gemacht. Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden Redensarten, die in Deutschland kursieren: _ein dummer Teufel, ein armer Teufel, ein unwissender Teufel_, was offenbar auf meine vernachlssigte wissenschaftliche Bildung hindeuten soll.
Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschloss ich mich, zu studieren, und womglich es in der Philosophie so weit zu bringen, dass ich ein ganz neues System erfnde, wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach. Ich whlte ...en{14} und zog im Herbst des Jahres 1819 daselbst auf.
{14: Tbingen, wo Hauff den Groteil seines Lebens wohnte und von 1820 bis 1824 an der dortigen Universitt Theologie studierte.}
Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versumt, mich meinem neuen Stande gem zu kostmieren. Mein Name war _von Barbe_, meine Verhltnisse glnzend, das heit, ich brachte einen groen Wechsel mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und htete mich wohl, als Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.
Kein Wunder, dass ich schon den ersten Abend hfliche Gesellschafter, den nchsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brder auf Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich bertreibe; wre ich Kavalier, so wrde ich auf Ehre versichern und Hol mich der Teufel als Verstrkungspartikel dazu setzen (denn Auf Ehre und Hol mich der Teufel verhalten sich zu einander wie der Spiritus lenis zum Spiritus asper{15}), in meiner Lage kann ich blo meine Parole als Satan geben.
{15: Nicht vorhandener bzw. vorhandener Hauchlaut bei der Aussprache altgriechischer Wrter -- hier wohl im Sinn von: wenig Unterschied.}
Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber folgendermaen: Man kann sich denken, dass ich nicht unvorbereitet kam; wer die deutschen Universitten nur entfernt kennt, wei, dass ein an Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der brigen Welt ganz verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke ber die Universitten, Sands Aktenstcke, Haupt ber Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht klug daraus und merkte, dass mir noch manches abging. Der Zufall half mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin legte. Er hatte das _savoir-vivre_ eines alten Burschen, und ich befliss mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.
Es war ein groer, wohlgewachsener Mann von vier- bis fnfundzwanzig Jahren, sein Haar war dunkel und mochte frher nach heutiger Methode zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute, es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemhte er sich, solches oft mit fnf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht war schn, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein groer Bart wucherte von den Schlfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen hing ein vom Bier gerteter Henriquatre{16}.
{16: Spitzbart.}
Sein Mienenspiel war schrecklich und lcherlich zugleich; die Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten dstere Falten, das Auge blickte streng und stolz um sich her und ma jeden Gedanken mit einer Hoheit, einer Wrde, die eines Knigssohnes wrdig gewesen wre.
ber die unteren Partien des Gesichtes, namentlich ber das Kinn, konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der Krawatte. Diesem Kleidungsstck schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben als dem brigen Anzug; diese beilufig einen halben Schuh Hhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich, ohne ein Fltchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk, auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weigelben Rock, den er Flaus, in zrtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried nannte und welchem er von Speisen und Getrnken mitteilte; dieser _Gottfried Flaus_ reichte bis eine Spanne ber das Knie und schloss sich eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel die Krawatte sehen lie, dass der Herr Studiosus mit Wsche nicht gut versehen sein msse.
Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.
Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stckchen rotes Tuch in Form eines umgekehrten Blumenscherbens gehngt, das er mit vieler Kunst gegen den Wind zu balancieren wusste; es sah komisch aus, fast, wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein groes Kohlhaupt bedecken wollte.
Ich hatte Zacharis unsterblichen Renommisten{17} zu gut studiert, um nicht zu wissen, dass, sobald ich mir eine Ble gegen den Herrn Bruder gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es ging, ab und hatte die Freude, dass er mich gleich nach der ersten Stunde auffallend vor dem Philister und dem Florbesen, auf deutsch, einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere brige Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde hatte ich ihm schon gestanden, dass ich in Kiel studiert und mich schon einigemal mit Glck geschlagen habe, und ehe wir nach ...en einfuhren, hatte er mir versprochen, eine fixe Kneipe, das heit eine anstndige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute zu bringen.
{17: Justus Friedrich Wilhelm Zachariae (1726-1777): _Der Renommist_, eine satirische Beschreibung der deutschen studentischen Kultur des 18. Jahrhunderts.}
Der Herr Studiosus Wrger, so hie mein Gesellschafter, lie an einem Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mtzen bedeckt; es war nmlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt, um die neuen Ankmmlinge, die gewhnlich am Anfang des Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Wrger, der alte, lngst bemooste Bursche, hatte sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, dass seine Kameraden uns fr Fchse halten wrden, und wirklich traf seine Vermutung ein.
Ein Chorus von wenigstens dreiig Bssen scholl von den Fenstern herab; sie sangen ein berhmtes Lied, das anfngt: Was kommt dort von der Hh? Whrend des Gesanges entstieg mein Gefhrte majesttisch der Chaise, und kaum hatte er den Boden berhrt, so erhob er sein furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:
Was schlagt ihr fr einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, dass zwei alte Huser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen? (Auf deutsch: Lrmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, dass zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)
Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. Wrger! Du altes fides Haus! schrien die Musenshne und strzten die Treppe herab in seine Arme; die Raucher vergaen, ihre langen Pfeifen wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand. Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen.
Doch der Edelmtige verga in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ltesten und angesehensten Mnnern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen begrt. Man fhrte uns in wildem Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste Hupter an den Ehrenplatz, gab mir ein groes Passglas voll Bier, und ein Fuchs musste dem neuen Ankmmling seine Pfeife abtreten.
So war ich denn in ...en als Student eingefhrt, und ich gestehe, es gefiel mir so bel nicht unter diesem Vlkchen. Es herrschte ein offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der Konvenienz, die gewiss dem Teufel am lstigsten sind, umherzuschleppen, man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt, dass ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht wundern, dass ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation zu finden wusste. Denn einmal machten mir jene Kunstwrter (_termini technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft Sau, was Glck, mit Pech, was Unglck bedeutet, wie auch holzen, mit einem Stock schlagen, mit pauken, mit andern Waffen sich schlagen.
Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nmlich nicht von Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen, von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene: Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstmlichkeit.
Da ich nun berdies ein groer Turner war und eigentlich _teufelmige_ Sprnge machen konnte, da ich mir berdies nach und nach langes Haar wachsen lie, solches fein scheitelte und kmmte, einen zierlich ausgeschnittenen Kragen ber den deutschen Rock herauslegte, mich auch auf die Klinge nicht bel verstand, so war es kein Wunder, dass ich bald in groes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte diesen Einfluss so viel als mglich, um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und zu erziehen und sie fr die Welt zu gewinnen.
Es hatte sich nmlich unter einem groen Teil meiner Kommilitonen ein gewisser frmmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung sich auch nicht fr junge Leute schickte. Wenn ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien, Frankfurt usw. dachte, an die vergngten Stunden, die ich in ihrem Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren schnen, hohen Wuchs, ihre krftigen Arme, ihren gesunden Verstand, ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im Tanzsaal, nur zu berschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben wrzt und aufregt, anwenden sah, wenn ich sie, statt schnen Mdchen nachzufliegen, in die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhren, so konnte ich ein widriges Gefhl in mir nicht unterdrcken.
Sobald ich daher festen Fu gefasst hatte, zog ich einige lustige Brder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergtzliche Lieder vor, wusste sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten, dass sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich khnere Angriffe. Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtre, musterte mit gebtem Auge die vorbergehenden Damen, zog dann, wenn die Schflein innen waren und der Kster den Stall zumachte, mit den Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenber und bot alles auf, die Gste besser zu unterhalten als der Dr. N. oder der Professor N. in der Kirche seine Zuhrer.
Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die grere Partei auf meiner Seite. Die Frmmeren schrien von Anfang ber den rohen Geist, der einreie, und gaben zu bemerken, dass wir christliche Burschen seien; aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan, dass sie sich am Ende selbst schmten, in der Kirche gesehen zu werden, und es gehrte zum guten Ton, jeden Sonntag _vor_ der Kirchtre zu sein; aber bis hierher und nicht weiter. Die Wirtshuser waren gefllter als je, es wurde viel getrunken, ja es riss die Sitte ein, Wettkmpfe im Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar eigentliche Kunsttrinker!
Es predigte zwar mancher gegen das einreiende Verderben, aber die Altdeutschen trsteten sich damit, dass ihre Altvordern auch durch Trinken exzelliert haben; die Frmmsten lieen sich groe Humpen verfertigen und zwangen und mhten sich so lange, bis sie wie Gtz von Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den Feineren, Gebildeteren war es natrlich von Anfang auch ein Greuel; ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nmlich in seinem unbertrefflichen Quintus Fixlein:

    Jerusalem bemerkt schn, dass die Barbarei, die oft hart hinter dem schnsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von strkendem Schlammbad sei, um die berfeinerung abzuwenden, mit der jener Flor bedrohe; ich glaube, dass einer, der erwgt, wie weit die Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter -- das sogenannte Burschenleben -- gnnen werde, das ihn wieder so sthlt, dass die Verfeinerung nicht ber die Grenze geht.

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit fr diese Stelle meinen herzlichen Dank ffentlich sage, also sich ausspricht, was konnten die Kleinmeister und Jnger dagegen? Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte Kneipe, verschlammten sich recht tchtig in dem barbarischen Mittelalter und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine lteren Zglinge bald berholt.

 Siebentes Kapitel
_Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte_

Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben machte, verga ich auch das _dic cur hic_{18} nicht und legte mich mit Ernst aufs _Theoretische_. Ich hrte die Philosophen und Theologen und hospitierte nicht unfleiig bei den Juristen und Medizinern. Ich hatte, um zuerst ber die Philosophen zu reden, von einem der hellsten Lichter jener Universitt, wenn in der Ferne von ihm die Rede war, oft sagen hren, _der Kerl hat den Teufel im Leib_. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man behaupten, solche berschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des Stils, eine so hinreiende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden in Israel. Ich habe ihn gehrt und verwahre mich feierlich vor jenem Urteil, als ob ich in ihm gesessen wre. Ich habe schon viel ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthi VIII., 31 und 32 in die Sue gefahren -- aber in einen solchen Philosophen? Nein, da wollte ich mich doch bedankt haben!
{18: _Sage, warum du hier bist_ -- d.h. Grund bzw. Zweck des Hierseins.}
Was der gute Mann in seinem schlfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte, war fr seine Zuhrer so gut als Franzsisch fr einen Eskimo. Man musste alles gehrig ins Deutsche bersetzen, ehe man darber ins klare kam, dass er ebensowenig fliegen knne wie ein anderer Mensch auch. Er aber machte sich gro, weil er aus seinen Schlssen sich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen ther hinan, versprach aus seiner Sonnenhhe herabzurufen, was er geschaut habe, er stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stie, blickte hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grnen Grasboden noch viel hbscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho Pansa, als er auf dem hlzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die Erde so gro wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mcken, ber sich -- nichts.
Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Mnner von Babel, die einen groen Leuchtturm bauen wollten fr alles Volk, damit sich keiner verlaufe in der Wste, und siehe da, der Herr verwirrte ihre Sprache, dass weder Meister noch Gesellen einander mehr verstanden.
Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las ber die Logik und deduzierte jahrein, jahraus, dass zweimal zwei vier sei, und die Herren Studiosi schrieben ganze Ste von Heften, dass zweimal zwei vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte seinem Ziele mit grerer Gelassenheit zu als seine illustren Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewsche nicht Evangelium nannte, Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt aussandten.
Ich gestehe redlich, der Teufel amsiert sich schlecht bei so bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hrsaal ein, wo man ber die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich so viel Umstnde machen msste, um eine liederliche Seele in mein Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele auf eine groe, schwarze Tafel und sagte: So ist sie, meine Herren! Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in der Zirbeldrse.
Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine Leute nher kennen zu lernen, beschloss ich, an einem Sonntag nach der Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete mich ganz schwarz, dass ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen zu voreiligen Schluss auf den reinen und frommen Charakter dieser Mnner machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostm, vernachlssigen uere Bildung und fallen dadurch leicht ins Linkische.
Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten Theologen. Aus einer blulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker ltlicher Mann in einem grogeblmten Schlafrock, eine ganz schwarze Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und dass ich gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte einige unverstndliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen, verzog beifllig lchelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.
Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten, voraus und schritt in ebenso gravittischen Schritten neben ihm her, indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts als die Worte: Pfeife rauchen? Ich merkte, dass er mir hflich eine Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.
Ich habe mir schon lange abgewhnt, ber irgend etwas in Verlegenheit zu geraten, sonst htte dieses absurde Schweigen des Professors mich gnzlich auer Fassung gebracht. So aber ging ich gemchlich neben ihm her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zhlte die Schritte, die sein Zimmer in der Lnge ma. Nachdem ich das alte Ameublement, die verschiedenen Kleider- und Wscherudera{19}, die auf den Sthlen umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert hatte, wagte ich meine prfenden Blicke an den Professor selbst. Sein Aussehen war hchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dnn und lang um die Glatze, die gestrickte Schlafmtze hielt er unter dem Arm. Der Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene Lcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fu mit einem Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten, abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblte Bein hing ein gelblicher Socken. Ehe ich noch whrend des unbegreiflichen Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen konnte, wurde die Tre aufgerissen, eine groe, drre Frau, mit der Rte des Zorns auf den schmalen Wangen, strzte herein.
{19: Rudera: Schutthaufen.}
Nein, das ist doch zu arg, Blasius! schrie sie, der Kster ist da und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und du steckst noch im Schlafrock!
Wei Gott, meine Liebe, antwortete der Doktor gelassen, das habe ich hsslich vergessen! Doch sieh, einen Fu hatte ich schon zum Dienste des Herrn gerstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den Doktor Paulus weidlich schlagen muss.
Ohne darauf zu achten, dass er sich beinahe der letzten Hlle beraube, wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreien, um auch seinen brigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmcken. Sein Eheweib aber stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die weiten Falten ihrer Kleider auseinander, dass vom Professor nichts mehr sichtbar war.
Sie verzeihen, Herr Kandidat, sprach sie, ihre Wut kaum unterdrckend. Er ist so im Amtseifer, dass Sie ihn entschuldigen werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergngen. Er muss jetzt in die Kirche.
Ich ging schweigend nach meinem Hut und lie den Ehezrter unter den Hnden seiner liebenswrdigen Xanthippe. Ein schner Anfang in der Theologie! dachte ich, und die Lust, die brigen geistlichen Mnner zu besuchen, war mir gnzlich vergangen. Doch beschloss ich, einige Vorlesungen mit anzuhren, was ich auch den Tag nachher ausfhrte.
Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mtzen von allen Farben und Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Brte, deren sich ein Sappeur der alten Garde nicht htte schmen drfen, und kleine, zierliche Stutzbrtchen, galante Frcke und hohe Krawatten, neben deutschen Rcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saen die jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine Mappe, einen Sto Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit gleich _ad notam_ zu nehmen. O Platon und Sokrates! dachte ich, htten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches Wort tiefer, heiliger Weisheit wre nicht umsonst verrauscht; wie majesttisch mssten sich die Folianten von _Socratis opera_ in mancher Bibliothek ausnehmen! --
Jetzt wurden alle Hupter entblt. Eine kurze, dicke Gestalt drngte sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefhl schien er die Versammlung zu berschauen, hustete dann etwas weniges und begann:
Hochachtbare, Hochansehnliche! (damit meinte er die, welche sechs Taler Honorar zahlten).
Wertgeschtzte! (die, welche das gewhnliche Honorar zahlten).
Meine Herren! (das waren die, welche nur die Hlfte oder aus Armut gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond aus Regenwolken.
Ich htte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen knnen; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _De angelis malis_,{20} worin ich vorzglich traktiert zu werden hoffen durfte. Wahrhaftig, er lie mich nicht lange warten. Der Teufel, sagte er, berredete die ersten Menschen zur Snde und ist noch immer gegen das ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt. Nach diesem Satz hoffte ich nun eine philosophische Wrdigung dieses Teufelsglaubens zu hren; aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort _Teufel_ stehen und dass mich die Juden _Beelzebub_ geheien htten. Mit einem Aufwand von Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht htte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und her. Er behauptete, die einen erklren, es bedeute einen Fliegenmeister, der die Mcken aus dem Lande treiben solle, andere nehmen das Sephub nicht von den Mcken, sondern als _Anklage_, wie die Chalder und Syrier. Andere erklren Sephub als Grab, _sepulcrum_. Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hrt man nicht alle Tage. Zu jenen paar Erklrungen hatte er aber volle drei Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spa gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den Satan so grndlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem unendlichen Gewsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick aus, die Schnupftcher wurden gebraucht, die Fe wurden in eine andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten -- alles deutete darauf hin, dass jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.
{20: ber die schlechten (gefallenen) Engel.}
Und es war so. Der groe Theologe, nachdem er die Meinungen anderer aufgefhrt und gehrig gewrdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und Wrde seine eigene Meinung zu entwickeln.
Er sagte, dass alle diese Erklrungen nichts taugen, indem sie keinen passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in diesem Stck noch ber Michaelis und Dderlein stellen zu drfen. Er lese nmlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der Teufel oder Beelzebub wre also hier der _Herr_ im Dreck, der _Unreinliche_, _to pneuma akatharton_, der _Stinker_ genannt, wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser unanstndiger Geruch verbunden sei.
Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem nmlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar keinen Spa verstand, an mir probierte, ihm nmlich das nchste beste Tintenfass an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich noch besser an ihm rchen knnte; ich bezhmte meinen Zorn und schob meine Rache auf.
Der Doktor aber schlug im Bewusstsein seiner Wrde das Heft zu, stand auf, bckte sich nach allen Seiten und schritt nach der Tre. Die tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, lste sich in ein dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.
Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Flle der tiefsten Gelehrsamkeit! murmelten die Schler des groen Exegeten. Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein Wrtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen khnen Behauptungen entgangen sei. Und wie glcklich waren sie, wenn auch kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches, vollstndiges Heft zu bekommen.
Sobald sie aber die teuern Bltter in den Mappen hatten, waren sie die Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die Mtze khn auf das Ohr, zog singend oder den groen Hunden pfeifend ab, und wer htte den Jnglingen, die im Sturmschritt dem nchsten Bierhaus zuzogen, angesehen, dass sie die Stammhalter der Orthodoxie seien und _recta via_ von der khnsten Konjektur des groen Dogmatikers herkommen?
So schloss sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst, an den ich nie gedacht htte, reicher geworden.
Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwren, keinen Theologen dieser finstern Schule mehr zu hren. Denn, wenn der Oberste unter ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von den brigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael- oder Dr...ck-Seele hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie auszufhren.

 Achtes Kapitel
_Der Satan bekommt Hndel und schlgt sich; Folgen davon_

Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht bergehen darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes, unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger Zeit fleiig die Anatomie besucht, um auch die rzte kennen zu lernen. Da geschah es eines Tages, dass ich mit mehreren Freunden um einen Kadaver beschftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an Unsterblichkeit darzutun suchte.
Auf einmal hrte ich hinter mir eine Stimme: Pfui Teufel, wie riechts hier!
Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese uerung: Pfui Teufel, wie riechts hier! die ich in jenem Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den Herrn im Kot, bezog, hrte, sagte ich ihm ziemlich stark, dass ich mir solche Gemeinheiten und Anzglichkeiten verbitte.
Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment heit, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden konnte. Der Theologe, ein tchtiger Raufer, lie mich daher am andern Tage sogleich fordern. Ein solcher Spa war mir erwnscht; denn wer sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, musste sich damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich von meinen Freunden als etwas Unvernnftiges, Unnatrliches angesehen wurde. Ich hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem Vergngungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.
Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer gefhrt, der Oberrock ihm ausgezogen und der Paukwichs, das heit die Rstung, in welcher das Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rstung oder der Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht hinlnglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fubreiten Binde, die ber den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehrte, ausgeschmckt. Eine ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Wrgers ein Groschenstrick war, stand steif um die Gegend des Halses und schtzte Kinn, Kehle, einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strmpfen verfertigtes Rstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in diese sonderbare Rstung gepresst, nahm sich komisch genug aus. Doch gewhrte sie groe Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der Oberarm und ein Teil der Brust war fr die Klinge des Gegners zugnglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. Der Satan in einem solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf der Anatomie zu schlagen!
Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen fr einen Ausbruch der Khnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick gekommen, und fhrten mich in einen groen Saal, wo man mit Kreide die gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den Schlger vorantragen zu drfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug. Jener war eine aus poliertem Stahl schn gearbeitete Waffe mit groem, schtzendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.
Wir standen endlich einander gegenber. Der Theologe machte ein grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur noch mehr in dem Vorsatz bestrkte, ihn tchtig zu zeichnen.
Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden, die Sekundanten schrien: Los! und unsere Schlger schwirrten in der Luft und fielen rasselnd auf die Krbe. Ich verhielt mich meistens parierend gegen die wirklich schnen und mit groer Kunst ausgefhrten Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war grer, wenn ich mich von Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fnften Gang ihm eine Schlappe gab.
Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so khn und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltbltigkeit sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ltesten Husern bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und begierig, bis ich selbst angreifen wrde. Doch wagte es keiner, mich dazu aufzumuntern.
Vier Gnge waren vorber, ohne dass irgendwo ein Hieb blutig gewesen wre. Ehe ich zum fnften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen wollte. Dieser mochte es mir ansehen, dass ich jetzt selbst angreifen werde, er legte sich so gedeckt als mglich aus und htete sich, selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte, der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmigen Hiebe, und klapp! sa ihm mein Schlger in der Wange.
Der gute Theologe wusste nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maen die Wunde und sagten mit feierlicher Stimme: _Es ist mehr als ein Zoll, klafft und blutet, also Ansch...ss._ Das hie soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.
Jetzt strzten meine Freunde herzu, die ltesten fassten meine Hnde, die jngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in der Geschichte einzige und unerhrte Tat geschehen war. Denn wer, seit des groen Renommisten Zeiten, durfte sich rhmen, vorher die Stelle, die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit getroffen zu haben?
Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir in dessen Namen Vershnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunhte, und vershnte mich mit ihm.
Ich bin Ihnen Dank schuldig, sagte er zu mir, dass Sie mich so gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen, Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen mchte. _Sie_ haben mit _einem_ Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen.
Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall anlangte. Ich aber hielt es fr das grte Glck des Jnglings, durch eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, dass der Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am meisten angezogen htte.
Ich htte ihm um den Hals fallen mgen fr diesen vernnftigen Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Stnden zhle ich die meisten Freunde und Anhnger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste, dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzglichsten Bhnen versprach.
Dem ganzen Personale aber, das dem merkwrdigen Duell angewohnt hatte, gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen war, mit Geld und Briefen, die ihm eine frhliche, glnzende Laufbahn erffneten.
Meine geheime Wohlttigkeit war so wenig als der glnzende Ausgang der Affre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein hheres Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar ber meine gromtigen Sentiments Trnen vergoss.
Die Mediziner aber lieen mir durch eine Deputation einen prachtvollen Schlger berreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrckten, _fr den guten Geruch ihrer Anatomie geschlagen habe._
Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nmliche, die sie von Anfang war. Dem Bsen, selbst dem Unvernnftigen huldigt sie gerne, wenn es sich nur in einem glnzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend mit ihren rauen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen wird hchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

 Neuntes Kapitel
_Satans Rache an Doktor Schnatterer_

Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ...en hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte, zurckbleibe, legte ich mich mit Eifer auf sthetik, Rhetorik, namentlich aber auf die schne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich habe auf diese Art meine Zeit unntz angewendet. Ich besuchte ja jene berhmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen Mann mit Weib und Kind ernhren konnte, sondern das _dic cur hic_, das ich recht oft in meine Seele zurckrief, sagte mir immer, ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu bekommen, mich aber so sehr als mglich in jenen Knsten zu vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich sind.
Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, ber die Schnheit eines Gemldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach allen Regeln fr erbrmlich zu erklren, fr die Mnner einige theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich fr unumgnglich notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu knnen, und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen, ich habe in den paar Monaten in ...en hinlnglich gelernt.
Ich habe mir nach dem Beispiel meiner groen Vorbilder im Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfgigsten Ereignisse aufzufhren, wenn sie lehrreich oder merkwrdig sind, wenn sie Stoff zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht versumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzhlen.
Besagter Doktor hatte die lbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stndchen vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige Kurzweil zu treiben, wie es sich fr ehrbare Mnner geziemt; man spielte wohl auch bei verschlossenen Tren ein Whistchen oder Piquet und trank manchmal ein Glschen ber Durst, was wenigstens die bse Welt daraus ersehen wollte, dass sich die Herren abends in der Chaise des Wirtes zur Stadt bringen lieen.
Der ehrwrdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine lngere Frist erlaubt hatte; er ging dann bedchtigen Schrittes seinen Weg, vermied aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreiig Schritte seitwrts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite Weg am schnen Sonntagabend mit Fugngern beset war, der Doktor aber die hhere Rte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht den Augen der Welt zeigen wollte.
So erklrten sich die Bsen den einsamen Gang Schnatterers; die Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: Siehe, er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben fhrt.
Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut. Ich passte ihm an einem schnen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem Wirtshaus. Mit demtigem Bckling nahte ich mich ihm und fragte, ob ich ihn auf seinem Heimweg begleiten drfe, der Abend scheine mir in seiner gelehrten Nhe noch einmal so schn.
Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir ber die Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten Blicken der Spaziergnger als die schne Luisel, die berchtigtste Dirne der Stadt. -- Ach! dass Hogarth{21} an jenem Abende unter den spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wre! Welch herrliche Originale fr frommen Unwillen, starres Erstaunen, hmische Schadenfreude htte er in sein Skizzenbuch niederlegen knnen.
{21: William Hogarth (1697-1764), Englischer Maler und Kupferstecher, bekannt fr seine moralischen und satirischen Darstellungen, gilt als Begrnder der Karikatur und frher Vorlufer des Comic Strips.}
Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wlzte sich uns die erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gercht: Der Doktor Schnatterer mit der schnen Luisel! von Mund zu Mund der Stadt zu.
Wehe dem, durch den rgernis kommt! riefen die Frommen. Hat man _das_ je erlebt von einem christlichen Prediger?
Ei, ei, wer htte das hinter dem Ehrsamen gesucht? sprachen mit Achselzucken die Halbfrommen. Wenn der Skandal nur nicht auf ffentlicher Promenade --!
Der Herr Doktor machen sichs bequem! lachten die Weltkinder, er predigt gegen das Unrecht und geht mit der Snde spazieren.
So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Brger und Studenten, Mgde und Straenjungen erzhlten es in Kneipen, am Brunnen und an allen Ecken; und Doktor Schnatterer und schn Luisel war das Feldgeschrei und die Parole fr diesen Abend und manchen folgenden Tag.
An einer Krmmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube und schloss mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die Neuigkeit ganz warm auftischten.
Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen Meditationen versenkt, nicht das Drngen der Menge, die sich um seinen Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelchter, das seinen Schritten folgte. Es war zu erwarten, dass einige fromme Weiber seiner zrtlichen Ehehlfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an der Hausglocke zog; denn auf der Strae hrte man deutlich die frchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltnend, als dass man htte denken knnen, die Frau Doktorin habe die Wangen ihres Gemahls mit dem _Munde_ berhrt.
Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde schickte die Frau Doktorin zu mir und lie mich holen. Ich traf den Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie die Augen nach dem Doktor hinberblitzen lieb: Dieser Mensch dort behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein; sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!
Ich bckte mich geziemend und versicherte, dass ich mir habe nie trumen lassen, die Ehre zu genieen; ich sei den ganzen Abend zu Hause gewesen.
Wie vom Donner gerhrt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien seine Zunge gelhmt zu haben: Zu Haus gewesen? lallte er. Nicht mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit Ihnen, Wertester?
Was wei ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind? gab ich lchelnd zur Antwort. Mit mir auf keinen Fall!
Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus, heulte die wtende Frau, was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt wei; der alte Snder, der Schandmensch! Man wei seine Schliche wohl; mit der schnen Luisel hat er scharmuziert!
Das hat mir der bse Feind angetan, raste der Doktor und rannte im Zimmer umher; der Bse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der Stinker.
Der Rausch hat dirs angetan, du Lump, schrie die Zrtliche, riss ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir: Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er.
Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht und konnte selbst mit den khnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr erwecken, der vor seiner Fatalitt unter der studierenden Jugend geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Mastab angenommen hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der Unvershnlichen. Diesem hatte, sozusagen, _der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt._

 Zehntes Kapitel
_Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhrt; er verlsst die Universitt_

Um diese Zeit hrte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben, Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darber, weil es schien, man betrachte alles durch das Vergrerungsglas, welches Angst und bses Gewissen vorhielten. brigens mochte es an manchen Orten doch nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen ...en spukte es in manchen Kpfen seltsam.
Ich will einen kurzen Umriss von dem Stand der Dinge geben. Wenn man unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen beiwohnte, so drngte sich von selbst die Bemerkung auf, dass viele unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem nchsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige groes Interesse daran fanden, sich morgens mit ihren Glubigern und deren Noten (Philister mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn schne Knste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schnen zu machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, dass ich sie zum Studium des Trinkens anhielt, dafr gesorgt, dass die Herren sich nicht gar zu sehr der Welt entziehen mchten; aber es blieb doch immer ein geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden konnte.
Besonders aber uerte sich dies, wenn die Kpfe erleuchtet waren; da sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche sprudelten auch ber und schrien von der Not des Vaterlandes, von -- doch das ist jetzt gleichgltig, von was gesprochen wurde, es gengt zu sagen, dass es schien, als htte _eine_ groe Idee viele Herzen ergriffen, sie zu _einem_ Streben vereinigt. Mir behagte die Sache an sich nicht bel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren Anstrich haben.
Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines Staatsmannes die Menge zu leiten wussten, die sich eine Eleganz des Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in den diplomatischen Salons mit Mhe erlernt und kaum mit so viel Anstand ausgefhrt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander geknetet, dass kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden htte.
Ich merkte oft, dass einer oder der andere der Koryphen in einer traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut htte; ich zeigte Verstand, Weltbildung, Geld und groe Konnexionen, Eigenschaften, die nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht. Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschlieen, schien sie, ich wei nicht was, zurckzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemt; denn dieses edle Seelenvermgen schienen sie als Probierstein zu gebrauchen.
Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich durch meinen Einfluss auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universittssekretr folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu verstehen, dass ich als _Demagoge_ verhaftet sei.
Man gab mir ein anstndiges Zimmer im Universittsgebude, sorgte eifrig fr jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war, wurde ich in den Saal gefhrt, um ber meine _politischen Verbrechen_ vernommen zu werden.
Die Dekane der vier Fakultten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner, und der Universittssekretr saen um einen grn behngten Tisch in feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen ntigten mir unwillkrlich ein Lcheln ab.
Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenber am Ende der Tafel, Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat ab.
Noch immer tiefe Stille; der Sekretr legt das Papier zum Protokoll zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor lsst seine ungeheure Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedchtig und mit Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nchster Nachbar, schnupft und prsentiert mir die Dose, lsst aber das teure Magazin, von einem abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Gerusch zu Boden fallen.
Alle Hagel, Herr Doktor, schrie der alte Professor, alle Achtung beiseite setzend.
O Jerum, chzte der Sekretr und warf das Federmesser weg; denn er hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.
Bitte untertnigst! stammelte der erschrockene Doktor Saper.
Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der Eile ergriffen hatte, den verschtteten Tabak aufschaufeln.
Magnifikus aber ergriff die groe Glocke und schellte dreimal; der Pedell trat eilig und bestrzt herein und fragte, was zu Befehl sei, und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lcheln zu Doktor Saper hinber, sprach: Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks bentigt sein werden, glaube ich, dafr stimmen zu mssen, dass frischer _ad locum_ gebracht werde.
Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen. Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher erfuhr, die halbe Universitt versammelt; denn meine Verhaftung war schnell bekannt geworden, und alles drngte sich hinzu, um das Nhere zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemter denken, als man den Pedell aus der Tre strzen sah. Die Vordersten hielten ihn fest und fragten und drngten ihn, wohin er so eilig versendet werde, und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, dass er eilends drei Lot Schnupftabak holen msse.
Aber im Saal war nach der Entfernung des Gtterboten die vorige, anstndige Stille eingetreten. Magnifikus fasste mich mit einem Blick voll Hoheit und begann:
Es ist uns von einer hchstpreislichen Zentral-Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universitt seit einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir sind nun nach reiflicher Prfung der Umstnde vollkommen darber einverstanden, dass Sie, Herr von Barbe, sich hchst verdchtig gemacht haben, solche Verhltnisse unter unserer akademischen Jugend dahier herbeigefhrt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr von Barbe?
Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung verdchtig machen.
Die Beweise? antwortete erstaunt der Rektor. Sie verlangen Beweise? Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man fhre selbst den Beweis, dass man nicht im strflichen Verdacht der Demagogie ist.
Mit gtiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz, entgegnete der Dekan der Juristen, Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, _in alle Wege verlangen_, dass ihm die Grnde des Verdachtes genannt werden.
Dem medizinischen Rektor stand der Angstschwei auf der Stirne; man sah ihm an, dass er mit Mhe die Beweisgrnde in seinem Haupte hin- und herwlzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit der Dose und berichtete zugleich mit ngstlicher Stimme, dass die Studierenden in groer Anzahl sich vor dem Universittsgebude zusammengerottet haben und ein verdchtiges Gemurmel durch die Reihen laufe, das mit einem Pereat{22} oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen scheine.
{22: Nieder mit ihm!}
Kaum hatte er ausgesprochen, so strzte eine Magd herein und richtete von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus, und er mchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten allerhand verdchtige Bewegungen machten.
Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber Herr von Barbe? sprach die Magnifizenz in klglichem Tone. Aber der Aufruhr steigt, _videant consules, ne quid detrimenti_{23} -- man nehme seine Maregeln; -- dass auch der Teufel gerade in meine Amtsfhrung alle fatalen Hndel bringen muss! -- _Domine collega_, Herr Doktor Pfeffer, was stimmen Sie?
{23: Videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica. -- Die Konsuln mgen zusehen, dass der Staat keinen Schaden erleidet. Mit dieser Formel ermchtigte der rmische Senat bei einem Staatsnotstand die Konsuln, alles zu unternehmen, um Schaden vom Staat abzuwenden.}
Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu entlassen und ihm --
Richtig, gut, rief der Rektor, Sie knnen abtreten, wertgeschtzter junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache kein solches Aufsehen mehr erregt -- wei Gott, der Aufruhr steigt, ich hre _pereat_ -- so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch, lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden knnen.
Ich konnte mich kaum enthalten, den ngstlichen Herren ins Gesicht zu lachen. Sie saen da, wie von Gott verlassen, und wnschten sich in Abrahams Scho, das heit in den ruhigen Hafen ihres weiten Lehnstuhls.
Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten? klagten sie. Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich unter diese himmelstrmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man muss befrchten, wie schlechte Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden.
Vom Erstechen will ich gar nicht reden, sagte ein anderer; es sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen.
Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen fr ihre Aufmerksamkeit fr mich, sagte ihnen, dass sie nachts viel bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch Bitten und Vorstellungen, dass sie abzogen. Sie marschierten in geschlossenen Reihen durch das erschreckte Stdtchen und sangen ihr _a ira, a ira_,{24} nmlich: Die Burschenfreiheit lebe und das erhabene Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!
{24: Titel und Refrain eines bekannten Liedes der Franzsischen Revolution.}
Ich ging wieder in den Saal zurck und sagte den noch versammelten Herren, dass sie gar nichts zu befrchten haben, weil ich die Herren Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschmung und Zorn rtete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bisschen Psychologie msste mich ganz getuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst entgelten lieen. Und gewiss! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu berzeugen, dass die Aufrhrer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde mein wertgeschtzter Freund zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: Wir knnen das Verhr weiter fortfhren, Delinquent mag sich setzen!
So sind die Menschen; nichts vergisst der Hhere so leicht, als dass der Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine Ble gegeben, deren er sich zu schmen hat.
Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen. Sie behandelten mich grob und mrrisch. Der Rektor entwickelte mit groer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. Demagog kommt her von _demos_ und _agein_. Das eine heit Volk, das andere fhren oder verfhren. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie? Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, dass Sie die jungen Leute zum Trinken verleiteten, dass Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die sichersten Symptome der Demagogie angefhrt; folglich sind Sie ein Demagog. --
Mit triumphierendem Lcheln wandte er sieh zu seinen Kollegen: Habe ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper? Vollkommen, Euer Magnifizenz, versicherten jene und schnupften.
Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt, fuhr der Mediziner fort. Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist, um mich so auszudrcken, eine vaterlandsverrterische Ausbildung der krperlichen Krfte. Da nun die Turnpltze eigentlich die Tierparks und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben Sie sich durch Ihre _saltus mortales_ und Ihre brigen Knste als einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt. -- Habe ich nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr Doktor Schrag?
Vollkommen, Euer Magnifizenz! versicherten diese und schnupften.
Demagogen, fuhr er fort, Demagogen schleichen sich ohne bestimmten uern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete Leute, denen man ihre Verdchtigkeit gleich ansieht; der Herr Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er luft in allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie fr immer zu frequentieren oder gar _nachzuschreiben_. Was folgt? Er hat sich der Demagogie sehr verdchtig gemacht. Ich fge gleich den vierten Grund bei. Man hat bemerkt, dass Demagogen, vielleicht von geheimen Bnden ausgerstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage wrdiger gemacht als Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?
Sehr scharfsinnig, vollkommen! antworteten die Aufgerufenen _unisono_ und lieen die Dose herumgehen.
Mit Majestt richtete sich Magnifikus auf: Wir glauben hinlnglich bewiesen zu haben, dass Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne den Beklagten anzuhren, ein Urteil zu fllen; darum verteidigen Sie sich. -- Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da lutet es schon zu Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer schriftlich abfassen; somit wre die Sitzung aufgehoben; wnsche gesegnete Mahlzeit, meine Herren.
So schloss sich mein merkwrdiges Verhr. Im Karzer entwarf ich eine Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber ist mir, dass sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den Bescheid, dass man mich aus besonderer Rcksicht diesmal noch mit dem Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fu.
Als Demagog eingekerkert zu sein, als Mrtyrer der guten Sache gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck, der mich in jene Stadt gefhrt hatte, erreicht und gedachte weiter zu gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb daher eine gelehrte Dissertation, und zwar ber ein Thema, das mir am nchsten lag: _De rebus diabolicis_,{25} lie sie drucken und verteidigte sie ffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten tchtig zusammengehauen, erzhle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen Auszug aus meiner Dissertation habe ich brigens dem geneigten Leser beigelegt.{*}
{25: ber die Angelegenheiten des Teufels.}
{*: Diesen Auszug habe ich nicht finden knnen, es msste denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der Herausgeber.}
_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte, gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder mit schwerer Zunge prften, lie ich meine Rappen vorfhren und sagte der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber berbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gsten, und manches Pochen des ungestmen Glubigers, das sie aus den sen Morgentrumen weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in sptern Zeiten an den berhmten Doktorschmaus und an ihren guten Freund, den Satan.


 Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin

    _Die heutigen dummen Gesichter sind nur das_ Boeuf  la Mode _der frheren dummen Gesichter._
    Welt und Zeit{26}
{26: Aphorismensammlung von Daniel Ludwig Jassoy (1768-1831), liberaler Jurist, Frankfurter Stadtpolitiker und Satiriker.}

 Elftes Kapitel
_Wen der Teufel im Tiergarten traf_

Ich sa, es mgen bald drei Jahre sein, an einem schnen Sommerabend im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte groes Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als zu der frommen Zeit anno dreizehn und fnfzehn, wo alles so ehrbar und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, dass es mich nicht wenig ennuyierte. Besonders ber die schnen Berlinerinnen konnte ich mich damals recht rgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang nach dem Tiergarten hinaus; allein damals --? Jetzt aber ging es auch wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie frher zog durch die grnen Bume, und der Teufel galt wieder was, wie vor Zeiten, und war ein geschtzter, angesehener Mann.
Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte Gesellschaft zu machen. Die glnzenden Militrs von allen Chargen mit ihren ebenso verschieden chargierten Schnen, die zierlichen Elegants und Elegantinnen, die Mtter, die ihre geputzten Tchter zu Markte brachten, die wohlgenhrten Rte, mit einem guten Griff der Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Brger, Studenten und Handwerksburschen, anstndige und unanstndige Gesellschaft -- sie alle um mich her, sie alle auf dem vernnftigsten Wege, _mein_ zu werden! In frhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer zufriedener und heiterer.
Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewhl der Menge ein paar Mnner an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner frhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom Rcken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und nahm nach jedem greren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches Schlckchen dunkelroten Franzweins zu sich.
Der andere mochte schon weit vorgerckt in Jahren sein, er war rmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand, whrend die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in den Sand schrieb; er hrte mit trbem Lcheln dem Sprechenden zu und schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.
Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wren. Der kleine Lebhafte sprang endlich auf, drckte dem Alten die Hand, lief mit kurzen, schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor sich bald ins Gedrnge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.
Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner passte zu dieser Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es -- doch was braucht der Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat nher, setzte mich auf den Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen guten Abend.
Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es war der _ewige Jude_.
_Bon soir_, Brderchen, sagte ich zu ihm, es ist doch schnackisch, dass wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so achtzig Jhrchen sein, dass ich nicht mehr das Vergngen hatte?
Er sah mich fragend an. So, du bists? presste er endlich heraus. Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!
Nur nicht gleich so grob, _Ewiger_, gab ich ihm zur Antwort; wir haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du, glaube ich, ein Pietist geworden.
Der Jude antwortete nicht, aber ein hmisches Lcheln, das ber seine verwitterten Zge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, dass er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.
Wer ging da soeben von dir hinweg? fragte ich, als er noch immer auf seinem Schweigen beharrte.
Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann{27}, erwiderte er.
{27: E.T.A. Hoffmann (1776-1822), Schriftsteller, Musikkritiker und Komponist, einflussreichster Erzhler der deutschsprachigen Romantik.}
So, _der?_ Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nchtlichen Phantasien behilflich, dass es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich ihm nicht als sein eigener Doppelgnger ber die Schultern geschaut, als er an seinem Kreisler{28} schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk anschaute, rief er seiner Frau, dass sie sich zu ihm setze, denn es war Mitternacht, und seine Lampe brannte trb. -- So, so, der wars? Und was wollte er von dir, Ewiger?
{28: Hoffmanns _Kreisleriana_, zwlf tragisch-romantische Texte, 1810-1814.}
Dass du verkrmmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie ich, und drckt dich die Zeit nicht auch auf den Rcken? Nenne den Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat Hoffmann betrifft, fuhr er ruhiger fort, so geht er umher, um sich die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus dem Geisterreich, so freut er sich bass und zeichnet ihn mit Worten oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches versprt haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen.
So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?
_Recta_ aus China! antwortete Ahasverus. Ein langweiliges Nest, es sieht gerade aus wie vor fnfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal dort war.
In China warst du? fragte ich lachend. Wie kommst du denn zu dem langweiligen Volk, das selbst fr den Teufel zu wenig amsant ist?
Lass das, entgegnete jener, du weit ja, wie mich die Unruhe durch die Lnder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die _lange Mauer_ von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu Ende gehen, und ich htte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des himmlischen Reiches gestoen, wie ein alter Aries, als dass der dort oben mir ein Hrchen htte krmmen lassen.
Trnen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die mden Augenlider wollten sich schlieen; aber der Schwur des Ewigen hlt sie offen, bis er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf. -- Satan, fragte er mit zitternder Stimme, wieviel Uhr ists in der Ewigkeit?
Es will Abend werden, gab ich ihm zur Antwort.
O Mitternacht! sthnte er, wann endlich kommen deine khlen Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du, Stunde, wo die Grber sich ffnen und Raum wird fr den _Einen_, der dann ruhen darf?
Pfui Kuckuck, alter Heuler! brach ich los, erbost ber die weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. Wie magst du nur solch ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst dir gratulieren, dass du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man hat doch hier immer noch seinen Spa; denn die Menschen sorgen dafr, dass die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit htte wie du, ich wollte das Leben anders genieen. _Ma foi_, Brderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt ber die galanten Abenteuer einer Knigin{29} ffentlich zertiert? Warum nicht nach Spanien, wo es jetzt nchstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich, um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wnde des Kaisertums berpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten, die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behngt. Ich kann dich versichern, es sieht gar nrrisch aus; denn die Tapete ist berall zu kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips auslschen kann und das, so oft man es wei anstreicht, immer noch mit der alten _bunten_ Farbe durchschlgt!
{29: Karoline von Braunschweig (1768-1821), 1795 Heirat mit ihrem Cousin, dem spteren Knig Georg IV, Trennung (aber nicht Scheidung) bereits 1797.}
Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehrt, sein Gesicht war immer heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. Du bist, wie ich sehe, immer noch der Alte, sagte er, und schttelte mir die Hand, weit jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams Scho kme!
Warum, fuhr ich fort, warum hltst du dich nicht lnger und fter hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas Possierlicheres sehen als diese Duodezlnder! Da ist alles so -- doch stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man knnte leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als unruhige Kpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu kommen, warum bist du denn hier in Berlin?
Das hat seine eigene Bewandtnis, antwortete der Jude. Ich bin hier, um einen Dichter zu besuchen.
Du einen Dichter? rief ich verwundert. Wie kommst du auf diesen Einfall?
Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heit es Novelle, worin ich die Hauptrolle spielte. Es fhrte zwar den dummen Titel: _Der ewige Jude_,{30} im brigen ist es aber eine schne Dichtung, die mir wunderbaren Trost brachte! Nun mchte ich den Mann sehen und sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat.
{30: Novelle des heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Berliner Schriftstellers und Literaturhistorikers Franz Horn (1816).}
Und der soll hier wohnen, in Berlin? fragte ich neugierig. Und wie heit er denn?
Er soll hier wohnen und heit F. H. Man hat mir auch die Strae genannt; aber mein Gedchtnis ist wie ein Sieb, durch das man Mondschein giet!
Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem Dichter produzieren wrde, und beschloss, ihn zu begleiten. Hre, Alter, sagte ich zu ihm, wir haben von jeher auf gutem Fu miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, dass du deine Gesinnungen gegen mich ndern wirst. Sonst --
Zu drohen ist gerade nicht ntig, Herr Satan, antwortete er, denn du weit, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche hinlnglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz angenehm und recht. Warum fragst du denn?
Nun, du knntest mir die Geflligkeit erweisen, mich zu dem Dichter, der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du nicht?
Ich sehe zwar nicht ein, was fr ein Interesse du dabei haben kannst, antwortete der Alte und sah mich misstrauisch an. Du knntest irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bsen Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir brigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, dass der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann. -- Doch meinetwegen kannst du mitgehen.
Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kmmere ich mich wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne selbst, was mich zu ihm zieht. brigens in diesem Kostm kannst du hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!
Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes Rcklein mit groen Perlmutterknpfen, seine lange Weste mit breiten Schen, seine kurzen, zeisiggrnen Beinkleider, die auf den Knien ins Brunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Htchen aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab krftiger in die Hand, stellte sich vor mich hin und fragte:
Bin ich nicht angekleidet stattlich wie Knig Salomo und zierlich wie der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase, meine Haare stehen nicht in die Hhe _ la_ Wahnsinn. Ich habe meinen Leib in keinen wattierten Rock gepresst, und um meine Beine schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfu Ursache haben mag --
Solche Anzglichkeiten gehren nicht hierher, antwortete ich dem alten Juden. Wisse, man muss heutzutage nach der Mode gekleidet sein, wenn man sein Glck machen will, und selbst der Teufel macht davon keine Ausnahme. Aber hre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem anstndigen Anzug, und du stellst dafr meinen Hofmeister vor. Auf diese Art knnen wir leicht Zutritt in Husern bekommen, und wie wollte ich dirs vergelten, wenn uns dein Dichter in einen sthetischen Tee einfhrte!
sthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Ma Tee geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee, aber sthetischer Tee war nie dabei.
_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurck in der Kultur! Weit du denn nicht, dass dies Gesellschaften sind, wo man ber Teebltter und einige schne Ideen genugsam warmes Wasser giet und den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben dazu, und man amsiert sich dort trefflich.
Habe ich je so etwas gehrt, so will ich Hans heien, versicherte der Jude, und was kostet es, wenn mans sehen darf?
Kosten? Nichts kostet es, als dass man der Frau vom Haus die Hand ksst, und, wenn ihre Tchter singen oder mimische Vorstellungen geben, hier und da ein wundervoll oder gttlich schlpfen lsst.
Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren. Zu Friedrichs des Groen Zeiten wusste man noch nichts von diesen Dingen. Doch des Spaes wegen kann man hingehen. Denn ich verspre in dieser Sandwste gewaltige Langeweile.
Der Besuch war also auf den nchsten Tag festgesetzt. Wir besprachen uns noch ber die Rolle, die ich als Eleve von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen htte, und schieden.
Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wusste sich so gar nicht in die heutige Welt zu schicken, dass man ihn im Gewand eines Hofmeisters zum wenigsten fr einen ausgemachten Pedanten halten musste. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel nur immer mglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm berdies hchst ntig; denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen einen solchen Ansatz von Frmmelei bekommen, dass er ein Pietist zu werden drohte.
Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude fhrte, ein Mann von mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hie sich Doktor Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Ich richtete meine uere Aufmerksamkeit halb auf die schnen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bcher, die umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt mglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.
Der alte Mensch begann mit einem Lob ber die Novelle vom ewigen Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als dass er seinen Gast htte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gesprch auf die Sage vom ewigen Juden berhaupt und dass sie ihm auf jene Weise aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters, grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz ber getuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die Hoffnung erregte, noch unglcklicher erscheine als der, welcher sich tuschte.
Es fehlte wenig, so htte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito abgelegt und wre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als jener das Gesprch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die Stimme vllig aus, und er sah die nchste beste Gelegenheit ab, sich zu empfehlen.
Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er gehrt, wir seien vllig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der schnen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und schieden.

 Zwlftes Kapitel
_Satan besucht mit dem ewigen Juden einen sthetischen Tee_

Ahasverus war den ganzen Tag ber verstimmt. Gerade das, dass er in seinem Innern dem Dichter recht geben musste, genierte ihn so sehr. Er brummte einmal ber das andere ber die naseweise Jugend (obgleich der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen Hofmeister htte haben sollen, sagte ich ihm tchtig die Meinung und brachte den alten Bren dadurch wenigstens so weit, dass er hflich gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den sthetischen Tee zu fhren.
Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfmiert, in die feinste, zierlich gefltelte Leinwand gekleidet, die Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrmpfe von Lyon, die Schuhe von Straburg, die Lorgnette so fein und gefllig gearbeitet, wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar; dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und hatte alles hchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus _Morea_.{31}
{31: Der Peloponnes. Der Name hat keinen Bezug zu Mauren oder Mohren, sondern leitet sich vom griechischen Wort fr Maulbeerbaum her.}
Nachdem ich ihn mit vieler Mhe geputzt hatte, brachen wir auf. Im Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, fr diesen Abend gemietet hatte, wiederholte ich alle Lehren ber den gesellschaftlichen Anstand.
Du darfst, sagte ich ihm, in einem sthetischen Tee eher zerstreut und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz unbedingt loben, sondern sieh immer so aus, als habest du sonst noch etwas _in petto_, das viel zu weise fr ein sterbliches Ohr wre. Das Beifalllcheln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst nach langer bung vor dem Spiegel vllig erlernt werden. Man hat aber Surrogate dafr, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hrst z.B. von einem Roman reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz natrlich voraus, dass du ihn schon gelesen haben mssest, und fragt dich um dein Urteil. Willst du dich nun lcherlich machen und antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch drauf zu: Er gefllt mir im ganzen nicht bel, obgleich er meinen Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet zu sein.
Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen.
Dein Gewsch behalte der Teufel, entgegnete der Alte mrrisch. Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spa zu machen, sthetische Gesichter schneiden? Da betrgst du dich sehr, Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber --
Da sieht man es wieder, wandte ich ein, wer wird denn in einer honetten Gesellschaft _saufen?_ Wieviel fehlt dir noch, um heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlrfen, hchstens trinken -- aber da hlt schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich zusammen, dass wir nicht Spott erleben, Ahasvere!
Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah es dem Alten wohl an, dass ihm, je nher wir dem Ziele unserer Fahrt kamen, desto bnger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn Jahrhunderten ber die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig in die Menschen und ihre Verhltnisse finden, dass er alle Augenblicke anstie. So fragte er z.B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung, in welche wir fahren, aus _lauter_ Christen bestehe, zu welcher Frage jener natrlich groe Augen machte und nicht recht wissen mochte, wie sie hierher komme.
Mit wenigen, aber treffenden Zgen entwarf uns der Dichter den Zirkel, der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frmmigkeit, die in dem zarten Charakter der gndigen Frau vorwalten sollte; der feierliche Ernst, die stille Gre des ltern Fruleins, die, wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmtig heiligen Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem groartigen, interessanten Schmerz zehren;{*} das jngere Frulein, frisch, rund, blhend, heiter, naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem sthetischen Tee komme. Sie habe die schnsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie und da mit allerliebster Przision preis. Sie singt, was nicht anders zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit knstlichen Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die brige Gesellschaft, einige schne Geister, einige Kritiker, sentimentale und naive, junge und ltere Damen, freie und andere Frulein{**} werden wir selber nher kennen lernen.
{*: Ganz in der Eile nimmt sich der Herausgeber die Freiheit, den Aufriss der Boudoirs dieser protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufgen. Im Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gusseisernen Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die Eigentmerin hchstens _O Sanctissima_ darauf spielen kann. Ein Heiligenbild ber dem Sofa, ein mit Flor verhngtes Bild des _Verstorbenen_ oder _Ungetreuen_ von etzlichem, sinnigem Efeu umrankt. Sie selbst in weiem oder aschgrauem Kostm, an der Wand ein Spiegel.}
{**: Satan scheint hier zwischen Freifrulein und anderen Frulein zu unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heit. Ich finde brigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend. Denn man wird mir zugeben, dass die brgerlichen Frulein oft ebenso frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.}
Der Wagen hielt, der Bediente riss den Schlag auf und half meinem bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen. Gerusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelffel tnte aus der halbgeffneten Tre des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von dem Sonnenglanz der schwebenden Lsters, sa im Kreise die Gesellschaft.
Der Dichter fhrte uns vor den Sitz der gndigen Frau und stellte den Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor. Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schne, zarte Hand, indem sie uns freundlich willkommen hie. Mit jener zierlichen Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fasste ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Ksschen der Ehrfurcht darber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen, und gern gewhrte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zglings die nmliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbckte, gewahrte ich, dass sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbrste hervorstehe. Die gndige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechkuss, aber der Anstand lie sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorsthnen. Wehmtig betrachtete sie die schne weie Hand, die rot aufzulaufen begann, und sie sah sich gentigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen. Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Klnisches Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schne glacierte Handschuhe geholt, die Kppchen davon abgeschnitten, so dass doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gndige Hand damit bekleidet.
Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflstert, die Herren traten uns nher und befragten uns ber Gleichgltiges, worauf wir wieder Gleichgltiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder hereintrat. Die Edle wusste ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut zu verbergen, dass sie nur einem huslichen Geschft nachgegangen zu sein schien und sogar der alte Snder selbst nichts von dem Unheil ahnte, das er bewirkt hatte.
Die einzige Strafe war, dass sie ihm einen stechenden Blick fr seinen stechenden Handkuss zuwarf, und _mich_ den ganzen Abend hindurch auffallend vor ihm auszeichnete.
Die Leser werden gesehen haben, dass es ein ganz eleganter Tee war, zu welchem uns der Dichter gefhrt hatte. Die massive silberne Teemaschine, an welcher die jngere Tochter Tee bereitete, die prachtvollen Lsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche und Tapeten, die knstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen, endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostm schwarz und wei gemischt war, lieen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau schlieen.
Der Tee wies sich aber auch als sthetisch aus. Gndige Frau bedauerte, dass wir nicht frher gekommen seien. Der junge Dichter Frhauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den Schlussreimen, dass man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehrt habe, es stehe zu erwarten, dass es allgemein Furore in Deutschland machen werde.
Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekrnzte junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die er hier preisgegeben, sondern einige vollstndige Gesnge zu hren bekommen.
Das Gesprch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ltliche Dame lie sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus hervor und sagte mit freundlichem Lispeln: _Voyez-l_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna. Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so glcklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein wenig durchblttert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen, so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser glnzende Stil --
Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau, unterbrach sie die Dame des Hauses, darf ich bitten --? Ah, _Gabriele_ von Johanna von Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wnsche ich Glck.
Wir lernten uns in Karlsbad kennen, antwortete Frau von Wollau, unsere Gemter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem Ziel der Menschheit,{*} sie zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele geschickt.
{*: Frau von Wollau will wahrscheinlich sagen: nach dem Ziele der Veredlung. Der Herausgeber.}
Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft, sagte Frulein _Natalie_, die ltere Tochter des Hauses. Ach! wer doch auch so glcklich wre! Es geht doch nichts ber eine geniale Dame. Aber sagen Sie, wo haben Sie das wunderschne Stickmuster her, ich kann Ihre Tasche nicht genug bewundern.
Schn -- wunderschn -- und die Farben! Und die Girlanden! -- Und die elegante Form! hallte es von den Lippen der schnen Teetrinkerinnen, und die arme Gabriele wre vielleicht ber dem Kunstwerk ganz vergessen worden, wenn nicht unser Dichter sich das Buch zur Einsicht erbeten htte. Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet, rief die Wollau. Wer von den Herren ist so gefllig, uns, wenn es anders der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?
Herrlich -- schn -- ein vortrefflicher Einfall -- ertnte es wieder, und unser Fhrer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte, wurde durch Akklamation zum Vorleser erwhlt. Man goss die Tassen wieder voll und reichte die zierlichen Brtchen umher, um doch auch dem Krper Nahrung zu geben, whrend der Geist mit einem neuen Roman gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das Zeichen, und die Vorlesung begann.
Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltnender Stimme aus dem Buche vor. Ich wei wenig mehr davon, als dass es, wenn ich nicht irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen der groen Welt aufgefhrt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergieungen zweier Frulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander allerlei Wichtiges in die Ohren flsterten. Zum Glck sa ich weit genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten, und doch war die Entfernung gerade so gro, dass ein Paar gute Ohren alles hren konnten. Die eine der beiden war die jngere Tochter des Hauses, die, wie ich hrte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren hatte.
Und denke dir, flsterte sie ihrer Nachbarin zu, heute in aller Frhe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen mssen.
Du Glckliche! antwortete das andere Frulein, und hat Mama nichts gemerkt?
So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fnfmal aufzog.{32} Was ich damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit dem ...schen Attach engagiert, und du weit, wie unertrglich mich dieser drre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den italienischen Gegenden Sddeutschlands angefangen und mir nicht undeutlich zu verstehen gegeben, dass sie noch schner wren, wenn ich mit ihm dorthin zge; da erlste mich der liebe Fladorp aus dieser Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurckgebracht, als der Unertrgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte mich noch viermal aus seinen glnzendsten Phrasen heraus, so dass jener vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurckkam. Er uerte gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu verstehen.
{32: Zum Tanz aufforderte.}
Ach, wie glcklich du bist, entgegnete wehmtig die Nachbarin, aber ich! Weit du schon, dass mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie wird es mir ergehen!
Ich wei es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies so schnell kam?
Ach! antwortete das Frulein und zerdrckte heimlich eine Trne im Auge -- ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im Leben gibt. Du weit, wie eifrig Dagobert immer fr das Wohl des Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden, er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst. Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben, er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natrlich konnte Dagobert dies nicht tun, und darber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher, bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar nicht denken, wie wehmtig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hren!
Ich bedaure dich recht. Aber weit du auch schon etwas ganz Neues? Dass sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?
Ists mglich? O sage, wie denn? Woher weit du es?
Hre, aber im _engsten_ Vertrauen, denn es ist noch tiefes, tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh, die Knpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnre bekommen, das wei aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz gewiss. Auch an den Beinkleidern geschehen Vernderungen -- Eduard muss aussehen wie ein Engel -- siehe bisher ...
Sie flsterten jetzt leiser, so dass ich ber den Schnitt der Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah ich, dass schne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schnes Feuer haben, dass sie aber viel reizender leuchten, bei weitem glnzendere Strahlen werfen, wenn sich _sinnliche Liebe_ in ihnen spiegelt.

 Dreizehntes Kapitel
_Angststunden des ewigen Juden_

Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewhnlichen Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch der _Gabriele_ zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle Fassungskraft der beiden Frulein nicht genug bewundern; obgleich sie nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehrt haben konnten, so waren sie doch schon so gut geschult, dass sie voll Bewunderung schienen. Die eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fasste ihre Hand und drckte sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte fr den Genuss, den sie allen bereitet habe.
Diese Dame aber sa da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die _Gabriele_ selbst zur Welt gebracht htte. Sie dankte nach allen Seiten hin fr das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht undeutlich zu verstehen, dass sie selbst vielleicht einigen Einfluss auf das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise Anklnge an ihre eigenen Ideen ber inneres Leben und ber die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden ihrer Freundin aufgeschlossen.
Man war natrlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen, obgleich man allgemein berzeugt war, dass die geniale Freundin nichts aus dem innern Wollauschen Leben _gespickt_ haben werde.
Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgngen eine ganz sonderbare Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemhen, nach meiner Vorschrift sthetisch und kritisch auszusehen, nicht zu verkennen. Aber weil ihm die bung darin abging, so schnitt er so greuliche Grimassen, dass er einigemal whrend des Vorlesens die Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.
Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen, und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von Wollau, die ihm gegenber sa, ihren Einfluss auf die Dichterin mitteilte, musste das prezise, geschraubte Wesen derselben dem alten Menschen so komisch vorkommen, dass er laut auflachte.
Wer jemals das Glck gehabt, einem eleganten Tee in hchst feiner Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses, eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden, der den Anstand ihres Hauses so grblich verletzte, ohne Rckhalt zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm zugetraut htte, sich aus der Affre zu ziehen wusste.
Ich hoffe, gndige Frau, sagte er, Sie werden mein allerdings unzeitiges Lachen nicht missverstehen und mir erlauben, mich zu rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiss auch schon begegnet, dass eine Ideenassoziation Sie vllig auer Kontenance brachte. Ist doch schon manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lcherlicher Gedanke aufgestoen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemht war, ihn zu verhalten und zurckzudrngen, desto unaufhaltsamer brach er auf einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie wrden mich unendlich verbinden, gndige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch offenherzige Erzhlung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen.
Gndige Frau, hchlich erfreut, dass der Anstand doch nicht verletzt sei, gewhrte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann: Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhltnis zu einer berhmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzhlt, wie sie in manchen Stunden ber ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus meinem eigenen Leben.
Auf einer Reise durch Sddeutschland verlebte ich einige Zeit in S. Meine Abendspaziergnge richteten sich meistens nach dem kniglichen Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schne Welt lie sich dort zu Fu und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich whlte die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebschen gegen die Sonne und strende Besuche verschlossen, auf weichen Moosbnken mir und meinen Gedanken lebte.
Eines Abends, als ich schon lngere Zeit auf meinem Lieblingspltzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ltliche Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale, aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt nicht fr ntig, ihnen meine Nhe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu erkennen zu geben. Neugierde war es brigens nicht, was mich abhielt; denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre Reden hchst gleichgltig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen vor, Verehrteste, als ich folgendes Gesprch vernahm:
Nun? Und darf man Ihnen Glck wnschen, Liebe? Haben Sie endlich diese hartnckige Elise aus der Welt geschafft?
Ja, antwortete die andere Dame, heute frh nach dem Kaffee habe ich sie umgebracht.
Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und gleichgltig von einem Mord sprechen hrte; so leise als mglich nherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte, schrfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, dass mir ja nichts entgehen sollte, und hrte weiter:
Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewhnlich, durch Gift? Oder haben Sie die Unglckliche, wie Othello seine Desdemona, mit dem Deckbette erstickt?
Keines von beiden, entgegnete jene, aber recht hart ward mir dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon zwischen Leben und Sterben, und immer wusste ich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich lie sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Gelnder in den tiefen Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen ber ihr zusammen. Man hat von Elisen nichts mehr gesehen.
Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf die eine oder andere Art umgebracht? Nun, das wird bald abgezhlt sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige mit mir konkurrierten.
Die Haare standen mir zu Berg. Also fnf unschuldige Geschpfe hatte diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel aufdeckte und die Mrderin zur Rechenschaft zog?
Die Damen waren nach einigen gleichgltigen Gesprchen aufgestanden und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor, ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr bses Gewissen schien mir erwacht, sie mochte ahnen, dass ich den Mord wisse, sie will mich durch die verschiedene Richtung der Straen, die sie einschlgt, tuschen; aber ich -- folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen die Glocke, man schliet auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der Tre, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muss, auf die Direktion der Polizei.
Ich bitte den Direktor um geheimes Gehr. Ich lege ihm die ganze Sache, alles, was ich gehrt hatte, auseinander, wei aber leider von den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine gewisse _Pauline Dupuis_, die im Jahre 1802 unter der mrderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen Fllen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir fr meinen Eifer, schickt sofort Patrouillen in die Strae, die ich ihm bezeichnete, und fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht whle er lieber dazu, da er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen womglich vermeide.
Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus umstellt hatten, versicherten, dass noch kein Mensch dasselbe verlassen habe. Der Vogel war also gefangen. Wir lieen uns das Haus ffnen und fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Tre des ersten Zimmers hrte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstnde ffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ltliche Dame als die Verbrecherin an.
Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen. Doch dieser lie sich nicht so leicht verblffen. Mit jener ernsten Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie ber ihren heutigen Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah sie schon als berwiesen an. Die Frau fing an, ngstlich zu werden; sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestrme?
Der Mann der Polizei sah in diesem ngstlichen Fragen nur den Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es fr das beste zu halten, durch eine verfngliche Frage ihr vollends das Verbrechen zu entlocken: Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis angefangen? Leugnen Sie nicht lnger, wir wissen alles; sie starb durch Ihre Hand, wie heute frh die unglckliche Elise!
Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen, antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes Lcheln berzugehen schien.
Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als htten Sie zwei Tauben abgetan? fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der Praxis eine solche Mrderin noch nicht vorgekommen sein mochte. Wissen Sie denn, dass Sie verloren sind, dass es Ihnen den Kopf kosten kann?
Nicht doch! entgegnete die Dame. Die Geschichte ist ja weltbekannt. -- Weltbekannt? rief jener. Bin ich nicht schon seit zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen knne mir entgehen?
Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, dass ich Ihnen die Belege herbeibringe?
Nicht von der Stelle ohne gehrige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht -- zugestoen!
Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die Unglckliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.
Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden, sagte sie, indem sie uns lchelnd das Buch berreichte.
Taschenbuch fr 1802, murmelte der Direktor, indem er das Buch aufschlug und durchbltterte. Was, Teufel, gedruckt und zu lesen steht hier: _Pauline Dupuis_ von -- mein Gott, Sie sind die Witwe des Herrn von -- und, wenn ich nicht irre, selbst Schriftstellerin?
So ist es, antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen sprachlos, auf mich deutete.
Und Elise -- wie ist es mit diesem armen Kind? fragte ich, den Zusammenhang der Sache und die Frhlichkeit der Mrderin und des Polizeimannes noch immer nicht verstehend.
Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch, sagte die Lachende, und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen. --
Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war der Narr im Spiel, und jene Frau war die rhmlichst bekannte, interessante Th. v. H.{33} Die Erzhlung _Pauline Dupuis_ ist noch heute zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, wei ich nicht. Ich musste aus S. entfliehen, um nicht zum Gesptte der Stadt zu werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine groe Ditenrechnung ber Zeitversumnis, weil ich durch jene lustige Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewhnlichen Abendbesuch in einem Klub abgehalten hatte. --
{33: Therese Huber (1764-1829), Schriftstellerin, erfolgreiche Romanautorin, bersetzerin und von 1817-1823 leitende Redakteurin des von Johann Friedrich Cotta herausgegebenen _Morgenblatt fr gebildete Stnde_. Die Stadt S. ist Stuttgart.}
Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gndiges Lcheln der Hausfrau sagte ihm, wie glcklich er sich gerechtfertigt hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Mnner aus seiner unglcklichen Nhe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn fter ins Gesprch, man befragte ihn ber seine Reisen, namentlich ber jene in Sddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner fr London und Alt-England berhaupt, so ist Schwaben fr die Berliner, welche nie an den Rebenhgeln des Neckars und an den frhlich grnenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen, herrlichen Lieder aus dem Munde eines luschtiga Bebles oder eines rstigen, hochaufgeschrzten Mdles belauschten, ein Gegenstand hoher Neugierde.
Welch sonderbare Meinungen ber jenes Land, selbst in gebildeten Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hrte ich diesen Abend zu meinem groen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften Hgeln, von klaren, blauen Strmen, von blhenden, duftenden Obstwldern, von prangenden Weingrten durchschnitten, wohne, meinten sie, ein Vlkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrcken verstnden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes Deutsch sprchen. Ihre Mdchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen Anstand. Ihre Mnner werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten begangen, die allgemein unter dem Namen Schwabenstreiche bekannt seien.
Mir kam dieses Urteil lcherlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden; htte ich nicht befrchten mssen, aus der Rolle eines Zglings zu fallen, ich htte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wusste; so aber ersparte mir mein Mentor die Mhe, welcher unglcklich genug die gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu schnell wieder verlieren sollte.
Ob die Berliner, sagte er, mehr innere Bildung, mehr Eleganz der ueren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerstet auf die Erde oder vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass man dort im Durchschnitt unter den Mdchen eine weit grere Menge hbscher, sogar schner Gesichter findet als selbst in Sachsen, welches doch wegen dieses Artikels berhmt ist.
_Quelle sottise!_{34} hrte ich Frau von Wollau schnauben, welche abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch --
{34: Welche Dummheit!}
Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der Dichter einen freundschaftlichen Rippensto, ihn zu erinnern, dass er sich unter Damen befinde, die auch auf Schnheit Anspruch machten; ruhig, als ob er den erzrnten Schnen das grte Kompliment gesagt htte, fuhr er fort: Sie knnen gar nicht glauben, wie reizend dieser verschrieene Dialekt von schnen Lippen tnt, wie alles so naiv, so lieblich klingt; wie unendlich hbsch sind diese blhenden Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, dass sie schn seien, dass man sie liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig errten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich verschmt wegwenden und flstern: Ach ganget Se mer weg, moinet Se denn, i glaubs? Hier in Norddeutschland gibt es meist nur Teegesichter, die einen Trost darin finden, sthetisch oder therisch auszusehen; sie mssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je der Mhe wert halten, ber dergleichen zu errten.
O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das zornblitzende Auge einer Dame vershnt, so begehest du den groen Fehler, vor zwlf Damen die schnen Gesichtchen zweier Lnder zu loben und nicht nur sie nicht mit aufzuzhlen, sondern sogar ihren therischen Teint, ihre interessante Mondscheinblsse fr Teegesichter zu verschreien!
Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht, die lteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und auf die brigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Lffelchen klirrten laut in den vor Wut zitternden Hnden der Mtter, die seit zehn Jahren mit vieler Mhe es dahin gebracht hatten, dass ihre Tchter nobel und edel aussehen mchten -- wozu heutzutage, auer dem Gefhl der Wrde, etwas Leidendes, beinahe Krnkliches gehrt -- welche die immer wieder anschwellende Flle ihrer Tchter, die immer wiederkehrende Rte der Wangen doch endlich zu besiegen gewusst hatten.
Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerflligen Bewohnerinnen des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?
_Jamais!_ Gndige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der ber das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein ber Schneegefilde herabglnzte: Ich muss Sie nur herzlich bedauern, Herr Doktor Mucker, dass Sie das schne Schwaben und seine naiven Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber, fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingefhrt hatte, wandte, ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er knnte bei unseren Damen seine robusten Naturen und jene Naivitt vermissen, die er sich so ganz zu eigen gemacht hat.
Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mtter spendeten Blicke des Dankes, die Frulein kicherten hinter vorgehaltenen Sacktchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden und machten sich lustig ber meinen armen Hofmeister. Doch der feine Takt der gndigen Frau lie diesem Ausbruch der Nationalrache nur so lange Raum, bis sie den Doktor hinlnglich gestraft glaubte. Beleidigt durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch seine rcksichtslose uerung ihren Unwillen verdient hatte; sie beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen so eigentmlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft die lngst versprochene Novelle preiszugeben.
Dieser junge Mann hatte schon whrend des ganzen Abends meine Aufmerksamkeit beschftigt. Er unterschied sich von den brigen jungen Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch Ernst und wrdige Haltung, durch gewhlten Ausdruck und kurzes, richtiges Urteil. Er war gro und schlank gebaut, mnnlich schn, nur vielleicht fr manche etwas zu mager. Sein Auge war glnzend und hatte jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder wenigstens einen Mann verrt, der das Leben und Treiben der groen und kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darber gedacht hatte.
Er hatte, was mich sehr gnstig fr ihn stimmte, an dem Gesprch des ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich mchte sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lcheln, das sein Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in diesen Mann htte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Frulein gewesen wre, unbedingt verlieben mssen; aber freilich, junge Damen haben hierber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natrlich die glnzende Gardeuniform und ihren khnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt nicht aufwiegen.

 Vierzehntes Kapitel
_Der Fluch (Eine Novelle)_

Ich habe mich vergebens abgemht, gndige Tante, sprach der junge Mann mit voller, wohltnender Stimme, eine artige Novelle oder eine leichte, frhliche Erzhlung fr diesen Abend zu finden. Doch, um nicht wortbrchig zu erscheinen, muss ich schon den Fehler einigermaen gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem eigenen Leben erzhlen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der Wahrheit fr sich hat.
Die Tante bemerkte ihm gtig, dass die einfache Wahrheit oft greren Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand ihm, dass sie etwas _sehr Interessantes_ erwarte; denn er sehe seit der Zurckkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, dass man auf seine Begebnisse recht gespannt sein drfe.
Die lteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzhlen:
Als ich vor fnf Jahren in diesem Saal von einer groen Gesellschaft, welche die Gte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen -- wenn ich nicht irre, war Frau von Wollau mit davon -- vor den schnen Rmerinnen, vor ihren feurigen, die Herzen entzndenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung dankbar an, noch krftigeren Schutz aber versprach ich mir von jenen holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterlndischen Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und treuem Herzen aufbewahrt, mit ber die Alpen nahm. Und sie schtzten mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Rmerinnen; wie sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich unverantwortlich zurckzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz ohne Bedeckung lieen, will ich als bittere Anklage erzhlen.
Der s...sche Gesandte am ppstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt; mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Geflligkeit erwiesen hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloss ich mich, hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde; statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte ich einen Klagegesang mitanhren, der mir schon an und fr sich hchst lcherlich vorkam. Nie hatte ich mich nmlich von der Heiligkeit solcher Ritualien berzeugen knnen; selbst in dem ehrwrdigen Klner Dom, wo die hohen Gewlbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen Lichtes, die mchtigen, vollen Tne der Orgel manchen anderen ernster stimmen mgen, konnte ich nur ber die Macht der Tuschung staunen.
Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der Sixtinischen Kapelle kam. Die ppstliche Wache -- alte, ausgediente, schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstr. Der Glanz der Kerzen blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den dunkeln Chor, in den die Finsternis zurckgeworfen schien. Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.
Ich hatte Mue genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Rmer, dagegen fast alles, was Rom an Fremden beherbergte.
Einige franzsische Marquis, berchtigte Spieler, einige junge Englnder von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nhe. Sie zogen mich auf, dass auch ich mich habe verfhren lassen, dem Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte, es sei dies wohl der Schnen zu Gefallen geschehen, die ich mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Strae und schien sehr unglubig, als ich ihm damit nicht dienen zu knnen behauptete.
Ich betrachtete meine Nachbarin nher; es war eine schlanke, hohe Gestalt, dem Anschein nach keine Rmerin; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und lie nur einen Teil des Nackens sehen, so rein und wei, wie ich ihn selten in Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.
Schon pries ich im Herzen meine Hflichkeit gegen den alten Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte eben -- da begann der Klagegesang, und meine Schne schien so eifrig darauf zu hren, dass ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig lehnte ich mich an eine Sule zurck, Gott und die Welt, den Papst und seine Lamentationen verwnschend.
Unertrglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der menschlichen Brust, Bupsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende, eine Kerze auf dem Altar verlschte. Getrstet, die Farce werde ein Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der Gesang anhub.
Jener belehrte mich zu meinem groen Jammer, dass noch alle zwlf brigen Kerzen verlschen mssten, bis ich ans Ende denken knne. Die Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu denken. Ich empfahl mich allen Gttern und gedachte einen gesunden Schlaf zu tun. Aber wie war es mglich? Wie Strahlen einer Mittagssonne strmten die tiefen Klnge auf mich zu. Zwei bis drei Kerzen verlschten, meine Unruhe ward immer grer.
Endlich aber, als die Tne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkrliche Rhrung bemchtigte sich meiner, und Trnen entstrzten seit Jahren zum erstenmal meinen Augen.
Beschmt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Trnen gesehen. Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwlf Kerzen waren verlscht. Noch _einmal_ erhoben sich die tiefen, herzdurchbohrenden Tne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer, immer leiser verschwebend. Da verlschte die letzte Kerze und zugleich damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis drang aus dem Chor und lagerte sich ber die Gemeine. Mir war, als wre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoen in eine frchterliche Nacht.
Da tnten aus des Chores hintersten Rumen se, klagende Stimmen. Was jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der Weinenden, vom Chore herber Tne, wie von gerichteten Engeln gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hren, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen.
Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge ergoss sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rsten; da gewahrte ich erst, dass meine schne Nachbarin noch immer auf den Knien niedergesunken lag. Ich fasste mir ein Herz.
Signora, sprach ich, die Tore werden geschlossen, wir sind die letzten in der Kapelle.
Keine Antwort. Ich fasste ihre Rechte, die auf der Seite niederhing, sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.
Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit vorgerckt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich musste alle Augenblicke befrchten, vergessen zu werden. Ich besann mich nicht lange, rief einen der Fackeltrger herbei, um mit seiner Hilfe die Dame aufzurichten.
Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der dstere Schein der halbverlschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf den herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glnzendbraune Locken hatten sich aufgelst und fielen herab bis in den verhllten Busen und umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine durchsichtige Blsse gelagert hatte. Die schnen Bogen der Brauen versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den halbgeffneten Mund, umkleidet mit den weiesten Perlen, konnte Gram, konnte Schmerz so gezogen haben.
Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge auf, dessen eigner, schwrmerischer Glanz mich so berraschte, dass ich einige Zeit mich zu sammeln ntig hatte. Sie richtete sich pltzlich auf und stand nun in ihrer ganzen Schnheit mir gegenber. Welch zarte Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewhnlicher Hhe des Wuchses. Sie schaute verwundert in der Kirche umher und lie dann ihre Blicke zu mir herbergleiten.
Und Sie hier, Otto? sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem, wohlklingendem Deutsch.
Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen? -- Sie schien verwundert ber mein Schweigen.
Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich untersttzt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spt.
Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlschen. Ich gab ihr den Arm. Sie drckte zrtlich meine Hand.
Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht mglich -- das Mdchen _konnte_ keine Dirne sein. Verwechslung war offenbar. Aber sie wusste mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so ohne Arg. -- Ich wagte es -- ich bernahm die Rolle eines verstimmten Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.
Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Strae sollte ich whlen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Strae zu.
Mein Gott! rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwrts, Otto, wo sind Sie nur heute? Hier wren wir ja an die Tiber gekommen.
O! Wie hrte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere Sprache in einem schnen Munde! Schon oft hatte ich die Rmerinnen beneidet um den Wohllaut ihrer Tne; hier war weit mehr, als ich je in Rom gehrt; es musste offenbar ein deutsches Mdchen sein, ich sah es aus allem; und doch so reine, runde Klnge ihrer Sprache! Als ich noch immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr trnendes Auge sah mich wehmtig an, ihre Lippen wlbten sich, wie wenn sie einen Kuss erwarteten.
Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, knntest du mir zrnen, dass ich die Lamentationen hrte? O! zrne mir nicht! Doch du hast recht, wre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem Grab entstiegen, schienen ber die Alpen zu wehen und mit Tnen der Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde! weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nchtliche Blau des Himmels tauchte. Wie bin ich so allein! -- Und wenn ich dich nicht htte, mein Otto! --
Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schnste, lieblichste Kind im Arme und doch nicht sagen knnen, wie ich sie liebte! Als ihre Trnen noch nicht aufhren wollten, flsterte ich endlich leise: Wie knnte ich dir zrnen?
Sie schaute freundlich dankbar auf -- Du bist wieder gut? Und oh! wie siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme klingt heut so weich! Sei auch _morgen_ so und lass nicht wieder einen ganzen langen Tag auf dich warten.
Sie nherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die Glocke zog. Und nun gute Nacht, mein Herz, sagte sie, wie gerne setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl schon zu lange. Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich fhlte einen heien Kuss auf meinen Lippen, und weg war sie.
Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Strae konnte ich nicht erkennen. Nur einen Brunnen und gegenber von ihrem Haus eine Madonna in Stein gehauen konnte ich als Zeichen fr die Zukunft anmerken. Ich wand mich mit unsglicher Mhe durch das Gewirre der Straen und war doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst lie mich der Mond nicht schlafen, der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine vorzog, schien gar der Engelskopf des Mdchens hereinzublicken. Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und ich verwnschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht kostete.
Sehr frhe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine rtselhafte Schne zu Haus brachte und schalten mich neckend, dass ich sie gestern gnzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer, dem grern Teile nach, erzhlte, wurden sie noch ungestmer und behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen zu haben. Immer klarer ward mir, dass irgend ein Dmon sich in meine Gestalt gehllt habe, da ja auch das Mdchen mich so genau zu kennen schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mdchen, als das leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die beiden Englnder mussten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor dem Spott meiner Bekannten frchtete; zugleich versprachen sie auch, mir suchen zu helfen.
Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lgen ersinnen mussten, um die erwachende Neugierde unserer Freunde zu tuschen, fanden wir endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank an der Tre, auf welcher ich htte selig werden sollen, aber hier ging auch unser Weg zu Ende. Als Fremde htten wir zu viel gewagt, so weit entfernt von den uns bekannten Straen, unter einer Menschenklasse, die besonders den Englndern so gram ist, uns in ein fremdes Haus einzudrngen. Wir zogen mehreremal durch die Strae; immer war die Tre verschlossen, immer die Fenster neidisch verhngt. Wir verteilten uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schne, noch mein Ebenbild lieen sich sehen.
Geschfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir sonst diese Reise gewesen wre, so war sie mir in meiner gegenwrtigen Spannung hchst fatal. Unaufhrlich verfolgte mich das Bild des Mdchens, im Traum wie im Wachen hrte ich die liebliche Stimme flstern. Hatten mich die Gesnge in der Kapelle so weich gestimmt? Hatte das flchtige Bild der Schnen vermocht, was der Geist und die Schnheit so mancher andern nicht ber mich vermochte?
Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstnde, die ernsten Geschfte, der Reiz der Gesellschaft, _nichts_ gab mir meine Ruhe wieder.
Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurckkehrte. Durfte ich hoffen, im Gewhle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter die Freuden des Karnevals zu mischen.
Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amsiert habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte, behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen und begrt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder verneinte. Aber pltzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die Gesuchten wren? -- Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten rmischen Husern eine Rolle bernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich gab dem Drngen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.
Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder andern Zeit wrde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben, nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen wre, sondern weil sich der Charakter der Rmer gerade hier am meisten aufdeckt. Aber wenn ich sage, dass von dem ganzen Abend, von allen Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung geblieben und nur _ein_ heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so werden Sie vergeben, wenn ich ber das interessante Schauspiel Ihre Neugierde nicht zur Genge befriedige.
Die lange, enge Strae war schon gefllt, als wir durch die _Porta del Popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darber hinweg, weil es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es festhielt. Die Erwartung war gespannt. berall hrte man von dem Maskenzug reden, der sich nun bald nahen msse. Ein rauschendes Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herber und verkndete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich dorthin. Von den Balkonen und Gersten herab wehten ihnen Tcher und winkten schne Hnde entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten drngten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiss, ein herrlicher Anblick! Die Gtter der alten Roma schienen wieder in die alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern. Liebliche, majesttische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man konnte es nicht fr Unbescheidenheit halten, sondern musste gerade hierin den schnsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestm den Gttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der Beifall, als die Grfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes unverhllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst, diese sanfte Gre htten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern knnen.
Der Abend nahte heran, man rstete sich, die Gerste zu besteigen, weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen auf der Strae, mit sehnschtigen Blicken die Galerien und Balkone musternd, ob meine Schne nicht darauf zu treffen sei. Pltzlich fhlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. So einsam? tnte in der lieben Muttersprache eine se Stimme in mein Ohr. Ich sah mich um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter mir. Durch die Hhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich damals so sehr berraschten. Sie ists -- es ist kein Zweifel. Ich bot ihr schweigend die Hand, sie drckte sie leise. Du bser Otto, flsterte sie, den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie musste ich schwatzen, um die Signora los zu werden!
Die Wache rckte die Strae herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein heimliches Pltzchen hinter einer Sule bot sich dar, sie whlte es von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schnheiten Roms waren fr mich verloren, als mein stiller Himmel sich ffnete, als sie die Maske abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schner war sie als an jenem Abend. Die zarte Blsse, die sie damals aus der Kapelle brachte, war einer feinen, durchsichtigen Rte gewichen; das Auge strahlte von noch hherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmtige Ernst der Zge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lcheln gemildert, das fein und flchtig um die zarten Lippen wehte.
Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann pltzlich: Jetzt bist dus wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in der Kapelle, den du mir so hartnckig leugnest! Gestehest du ihn deiner Luise noch nicht?
Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel pltzlich das Signal, die Pferde rannten durch den Korso. Meine Schne bog den Kopf abwrts, und ich, meiner Sinne kaum mchtig, flchtete hinter die nchste Sule, um nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mdchen als ein Tor oder noch etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mdchen, was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene Neugierde Frevel?
Whrend ich noch so mit mir selbst kmpfte, ob es nicht ehrlicher sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein trichtes sein konnte, bemerkte ich, dass meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich schlich nher herzu, um wenigstens zu hren, wer der Glckliche sei, da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nhe zu verraten, nicht sehen konnte.
Wie magst du nur so zerstreut fragen? sagte Luise, du selbst hast mich ja heraufgefhrt.
Ich htte dich gefhrt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete? Gestehe, du betrgst mich; wer hat dich hergeleitet?
Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie vorhin sagte. Du bist auch wie unser Wetter ber den Alpen, soeben noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.
Jener stand schnell auf: Ich bin nicht gestimmt, meine Gndige, das Ziel Ihrer Scherze zu sein, sagte er, und wenn Sie sich in Rtsel vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lstig werden. Er brach auf und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr verlngern und trat hervor hinter der Sule, um mich als Auflsung des Rtsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenber zu sehen. Die berraschendste hnlichkeit --

 Fnfzehntes Kapitel
_Das Intermezzo -- Die Trinker_

Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner einander folgend, unterbrach den Erzhler. Welcher Anblick! Der Jude lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, berschttet mit Tee, Trmmer seines Stuhles und der feinen Meiner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der rger ber eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zrnend wandten die Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu rhren, und schaute verwundert herauf.
Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen knnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich mchte machen, dass wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.
Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hte. Als ich mich von der gndigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schnes und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister wrdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt als mglich und lie ihn abziehen. Gelchter schallte uns nach, als wir den Saal verlieen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, dass mich dieses Lachen ungemein rgerte.
Wie gern htte ich die Erzhlung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende gehrt; wie viel Wichtiges und Psychologisches htte ich von dem gardeuniformliebenden Frulein erlauschen knnen; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf sagen, hbscher Mann auf Reisen findet, wo er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einzieht -- und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben; ich htte ihn wrgen knnen, als wir im Wagen saen.
War es nicht genug, sagte ich, dass du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gndigen empfindlich brstetest? Musstest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelchter beleidigen? Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf. Was gingen dich denn die _Schwabenmdel_ an, dass du ihre Schnheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du denn sogar in China einer Schnen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungndigen Frau eingesteckt hattest, jetzt, als alles auf das erste vernnftige Thema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fllst du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rcklings in den Saal und zerschmetterst -- nicht den eigenen hohlen Schdel, wie jener wrdige jdische Papst -- nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meiner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad, wie fingst du es nur an?
In Eurer Stelle, Herr Satan, wre ich nicht so arrogant gegen unsereinen, antwortete er verdrielich. Ihr wisst, dass Euch keine Gewalt ber meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Rnke wohl. Was aber die Elis-Geschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge; denn der lpperige Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen aussplen wrde, mit dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht.
Ich lie vor einem Restaurateur halten und fhrte den verunglckten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier oder fnf solcher nchtlichen Gesellen; ich lie fr den alten Menschen Burgunder auftragen, und in gelufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiss nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzhlen.
Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlcke sich erholt hatte, begann er:
Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, dass ich, sobald ich mich in hhere Sphren der Gesellschaft wage, lcherlich werde; ein paar Beispiele mgen dir gengen.
Du weit, dass ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche -- nun, verziehe dein Gesicht nur nicht so spttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem krftigen Fnfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen schsischen Stdtchen eine Schne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfltiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer ber das Pflaster von Leipzig ging. In dem Stdtchen gehrte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schnen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.
Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgem, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lchelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Strae; ich ging also, um die weiseidenen Strmpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause meiner Schnen war der Schmutz reinlich in groe Haufen zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und musste den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein Herz ber diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schnfrisierten Toupet, schwenke ihn in einem khnen Bogen und -- o Unglck -- er entwischt meiner Hand, er fhrt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, dass nur noch die Spitze hervorsieht.
Wie schn sagt Schiller:

  Einen Blick
  Nach dem Grabe
  Seiner Habe
  Sendet noch der Mensch zurck.

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber dann war zu befrchten, dass er ganz ruiniert sei; sollte ich vllig _chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen oder dem Tollhaus entsprungen?
Wie ein silbernes Feuerglckchen schlgt jetzt das lustige Lachen meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken, das Grabgelute meiner Hoffnung, antworten zehn Bsse aus dem gegenberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute brllen aus den aufgerissenen Fenstern, und Hussa, Sultan, such verloren! tnt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlnge strzt hervor, packt den verlorenen Hut mit gebter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und prsentiert mir das triefende _corpus delicti_.
Was ich dir hier mit vielen Worten erzhlte, mein Bester, war das Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst die Zudringlichkeit des hflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder. Wieherndes, jauchzendes Gelchter scholl aus dem Kaffeehause, und auch bei _ihr_ waren alle Fenster mit Lachern angefllt; und als ich, einen zrtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen lie, sah ich, wie sie das battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wtend ergriff ich den Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand keinen Spa, sie packte mich an dem zierlichen Busenstreife, ich lie ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und dnn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und Gassenjungen strzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes strzte.
Dass es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in das Kaffeehaus bestellt, um meine tgliche Fensterparade zu bewundern!
Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem Glas, trank und fuhr dann fort:
Kann dich versichern, so hundsfttisch ging es mir von jeher, besonders aber in der neuen aufgeklrten Zeit, wo man so ungemein viel auf das Schickliche hlt und verzweifeln mchte, wenn der vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berhrt wird. Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer hllenangst. Wird fette Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, dass ich damit zittern und sie verschtten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht mir der Angstschwei aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden Hand frchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnachund -- richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf dem neuen Drap dor oder Genuesischen Sammetkleid, dass alles im schnsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschtten, ohne ein Glas umzuwerfen, ohne einen Lffel fallen zu lassen, ohne dem Schohund auf den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grten Sottisen zu sagen, wenn ich hflich und pikant sein will, so fasst mich irgend ein Unheil noch zum Schluss, dass ich mit Schande abziehe wie heute.
Nun, fragte ich, und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?
Als der langweilige Mensch seine Erzhlung anhub, wie er ein paar Pfaffen habe singen hren und wie er einem hbschen Mdchen nachgelaufen sei -- was man berall tun kann, ohne gerade in Rom zu sein -- da bermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptbel ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rckwrts in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rckwrts ber, und ich lag --
Das habe ich leider gesehen, wie du lagst, sagte ich; aber wie kann man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und mit dem Stuhle schaukeln.
Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten Geschichte; ich habe heute abend kein Glck gemacht, das ist alles. _Bibamus, Diabole!_ sagte der alte Mensch, indem er selbst mit tchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote Glas wies: Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Sdstamme ist noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber desto weniger Wein getrunken wird.
Du knntest recht haben, Jude!
Wie stattlich, fuhr er im Eifer fort, wie stattlich nahmen sich sonst die Wirtshuser aus. Breite, gedrungene, krftige Gestalten, den dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter, feurige Augen, ins Bluliche spielende Nasen, honette Buche -- so traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust, feierlich grend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Pltzchen zu, das er seit Jahren sich zu Eigen gemacht hatte und das oft nach ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem Wohl bekomms die Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewhnlichen Bechernachbarn fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen, so war es, und nur der Tod machte darin eine nderung. Jetzt hngen sie alles an den Putz, machen Staat wie die Frsten und sitzen den Wirten um zwei Groschen die Bnke ab. Lustiges, unstetes Gesindel fhrt in den Wirtshusern umher, man wei nie mehr, neben wen man zu sitzen kmmt, und das heien die Leute _Kosmopolitismus_. Hchstens trifft man ein paar alte weingrne Gesichter von der echten Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!
Schau nur dorthin, fiel ich ihm ein, du Prediger in der Wste, dort sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Mnnlein dort in dem braunen Rckchen, wie es so feurig die roten Augen ber die Flasche hinrollen lt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zgen und zerdrckt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort der groe dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken? Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt, um nachher zu zhlen, wie viele Flaschen er getrunken?
Wahrhaftig, diese sind Echte! rief der begeisterte Jude, ich bin jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; lass uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule!_
Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das nmliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie anschlossen. Ich, weil ich solche Kuze liebe und aufsuche, der ewige Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er wurde so kordial, dass er zu vergessen schien, dass er mit ihren Urvtern schon getrunken habe, dass er vielleicht mit ihren spten Enkeln wieder trinken werde.
Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den _alten Menschen_ fasste diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie geendet hatten, fing auch er sein Lied an.
Er sang:

  Wer seines Leibes Alter zhlet
  Nach Nchten, die er froh durchwacht,
  Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
  Sich um den Groschen lustig macht,
  Der findet in uns seine Leute,
  Der sei uns brderlich gegrt,
  Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
  In seine sanften Arme schliet.

  Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
  Von Fltentnen s berauscht,
  Fein Liebchen sich im Arme schmieget
  Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
  Da haben wir im Flug genossen,
  Und schnell den Augenblick erhascht,
  Und Herz am Herzen festgeschlossen
  Der Lippen sen Gru genascht.

  Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
  Doch ist sein Feuer bald verraucht,
  Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
  In seine Geisterglut dich taucht;
  Uns, die wir seine Hymnen singen,
  Uns leuchtet seine Flamme vor,
  Und auf der Tne freien Schwingen
  Steigt unser Geist zum Geist empor.

  Drum, die ihr frohe Freundesworte
  Zum wrdigen Gesang erhebt,
  Euch grߒ ich, wogende Akkorde,
  Dass ihr zu uns herniederschwebt!
  Sie tauchen auf -- sie schweben nieder,
  Im Vollton rauschet der Gesang,
  Und lieblich hallt in unsre Lieder
  Der vollen Glser Feierklang.

  So habens immer wir gehalten
  Und bleiben frder auch dabei,
  Und mag die Welt um uns veralten,
  Wir bleiben ewig jung und neu:
  Denn wird einmal der Geist uns trbe,
  Wir haben ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
  In unsern Freudenhimmel ein.

Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen, doch lie er mich zuzeiten merken, dass er auch etwas Poet sei; die zwei alten Weingeister waren ganz erfllt und erbaut davon; sie drckten dem _alten Menschen_ die Hand und gebrdeten sich, als htte er ihnen die ewige Seligkeit verkndigt.
Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwlf. Der ewige Jude sah mich an und brach auf; ich folgte. Rhrend war der Abschied zwischen uns und den Trinkern, und noch auf der Strae hrten wir ihre heiseren Stimmen in wunderlichen Tnen singen:

  Und wird einmal der Geist uns trbe,
  Wir baden ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
  In unsern Freudenhimmel ein.


 Satans Besuch bei Herrn von Goethe
nebst einigen einleitenden Bemerkungen ber das Diabolische in der deutschen Literatur

  _Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
  Und hte mich, mit ihm zu brechen.
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen._
  Goethe

 Sechzehntes Kapitel
_Bemerkungen ber das Diabolische in der deutschen Literatur_

Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dmonen und bsen Geister -- natrlich weil die Menschen selbst von Anfang an gesndigt haben und nach ihrem gewhnlichen Anthropomorphismus das Bse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschft es sei, berall Unheil anzurichten. -- So wrde ich ungefhr sprechen, wenn ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht htte und nun ber die _Idee eines Teufels_ mich breit machen msste.
In meiner Stellung aber lache ich ber solche Demonstrationen, die gewhnlich darauf auslaufen, dass man mich mit zehnerlei Grnden hinweg zu disputieren sucht; ich lache darber und behaupte, die Menschen, so dumm sie hie und da sein mgen, merken doch bald, wenn es nicht _ganz geheuer um sie her_ ist, und mgen sie mich nun Ariman oder das bse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in allen Vlkern und Sprachen. Es ist doch eine schne Sache um das _dicier: hic est_,{35} darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht die grten Geister dieser Nation bemht, mich zu verherrlichen und, wenn ichs nicht schon wre, mich ewig zu machen?
{35: At pulchrum est digito monstrari et dicier: hic est. -- Aber schn ist, wenn mit dem Finger gezeigt und gesagt wird: der ist es. (Aus den _Satiren_ von Aulus Flaccus Persius, rmisch-etruskischer Dichter, 34-62 u.Z.) -- D.h., _berhmt zu sein_.}
In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem hierber folgendes: _8. Die Idee, das moralische Verderben in einer Person darzustellen, musste sich daher den Dichtern halb aufdrngen;_ diese waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit ber Gegenstnde hinzugleiten wei; daher kam es, dass auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Fen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit auftreten lie; sie stolperten auf die Bhne und von der Bhne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brcke ohne Gelnder in Reifrcken einander ausweichen.
Daher kam es, dass auch die Teufel dieser Poeten gnzlich verzeichnet waren. Betrachten wir z.B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Hlle und dann auf der Erde herzuleiern!
Klingemanns Teufel!{36} Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem Puppenspiel von der Strae geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte Gre hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetm sollte verfhren lassen.
{36: Friedrich Maximilian Klinger, _Fausts Leben, Thaten und Hllenfahrt_ (Roman, 1791); August Klingemann, _Faust_ (Trauerspiel in 5 Acten, 1815). Goethes _Faust. Eine Tragdie_ wurde 1808 verffentlicht.}
Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetme, die hier aufzufhren der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spa gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der _Policinello_ des italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die _Hrner herausstreckte_, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein _Ecce homo_ -- sehet, das ist der Teufel, schrieb.
Doch auch dem Teufel muss man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein altes Sprichwort, folglich muss der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein. Ein jeder gibt, wie ers kann, fuhr ich in der Dissertation fort, und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, dass Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.{37}
{37: Friedrich Gottlieb Klopstock, _Der Messias. Ein Heldengedicht_ (1749-1773).}
Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das hllische Feuer die Flgel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und wrdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt; mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spiebrgerlichen Klubs nicht recht zu finden wei und darum unanstndig jammert.
So ungefhr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich gebe noch heute zu, dass die Auffassung wie jeder Idee, so auch der des Teufels, sich nach den _individuellen Ansichten_ des Dichters ber das Bse richten muss; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen _berhmten Mann_, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und knftigen Jahrhunderten angehren knnte, es entschuldigt ihn nicht darin, dass er einen so schlechten Teufel zur Welt gebracht hat.
Der _Goethesche Mephistopheles_ ist eigentlich nichts anderes, als jener gehrnte und geschwnzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, fr die Bocksfe hat er elegante Stiefel angezogen, die Hrner hat er unter dem Barett verborgen -- siehe da den Teufel des groen Dichters! Man wird mir einwenden: Das gerade ist ja die groe Kunst des Mannes, dass er tausend Fden zu spinnen wei, durch die er seine khnen Gedanken, seine hohen, berschwnglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knpft. -- Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch ber seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm beherrschen lsst, ist es eines solchen Dichters wrdig, dass er sich in diese Fesseln der Popularitt schmiegt? Sollte nicht der knigliche Adler dieses Volk bei seinem populren Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhhe tragen?
Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, dass unter diesem Volke mancher eine Percke trgt; wrde ein solcher nicht in Gefahr sein, dass ihm der Zopf breche und er aus halber Hhe wieder zur Erde strze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Jnger suberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen ber der Sndflut jetziger Zeit und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der kleinen Poeten strmt.
Ein wsseriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise. Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?
Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines sich zuschreiben, sich ein Patent darber ausstellen lassen und ber seine Schenke schreiben: Hier allein ist Echter zu haben, wie Maria Farina auf sein Klnisches Wasser, so fr alle Schden gut ist?
Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, dass er einen so beraus populren und gemeinen Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts fr die Wrde seines schnsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und lebt. Um die brigen Schnheiten des Gedichtes bekmmern sie sich sehr wenig; sie sind vergngt, dass es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphre angemessen ist.
Aber erkennst du denn nicht, wird man mir sagen, erkennst du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?
Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den gemeinen Ritter von dem Pferdefu, wie er in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch nher zu beleuchten. Ich werde nmlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muss:

  Gesteh ichs nur! Dass ich hinausspaziere,
  Verbietet mir ein kleines Hindernis,
  Der Drudenfu auf Eurer Schwelle --

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

  Bedarf ich eines Rattenzahns --

daher befiehlt

  Der Herr der Ratten und der Muse,
  Der Fliegen, Frsche, Wanzen, Luse --

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das _Studierzimmer_ treten, ohne dass der Doktor Faust dreimal Herein! ruft. In andere Zimmer, wie z.B. bei Frau Martha und in Gretchens Stbchen trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

  Gewhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hrt,
  Es msse sich dabei auch etwas denken lassen!

Doch weiter.
Ich stehe auf einem ganz besonderen Fu mit _den Hexen_. Die in der Hexenkche htte mich gewiss liebevoller empfangen; aber sie sah keinen Pferdefu, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanstndige Gebrde:

  Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
  Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

  Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
  Ich wnschte mir den allerderbsten Bock.

Auch hier

  Zeichnet mich kein Knieband aus,
  Doch ist der Pferdefu hier ehrenvoll zu Haus.

Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch Gedankenstriche

  Der, hatt ein -- --
  So -- es war, gefiel mirs doch

anzudeuten wagt.
Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwrtiger, hmischer Geselle, der

  -- -- kalt und frech
  Ihn vor sich selbst erniedrigt.

Ich bin ohne Zweifel von hsslicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht, was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
Daher sagt Gretchen von mir:

  Der Mensch, den du da bei dir hast,
  Ist mir in tiefer innrer Seel verhasst.
  Es hat mir in meinem Leben
  So nichts einen Stich ins Herz gegeben
  Als des Menschen widrig Gesicht. --
  Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
  Ich hab vor dem Menschen ein heimlich Grauen. --
  -- Kommt er einmal zur Tr herein,
  Sieht er immer so spttisch drein
  Und halb ergrimmt. --
  Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
  dass er nicht mag eine Seele lieben &c.

Daher sage ich auch nachher:

  Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
  In meiner Gegenwart wird ihr, sie wei nicht wie;
  Mein _Mskchen_ da weissagt verborgnen Sinn,
  Sie fhlt, dass ich ganz sicher ein Genie,
  Vielleicht wohl gar der Teufel bin.

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nhe eines Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch, eine schwle Luft, die ihr meine Nhe ngstlich macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel frher ahnet als der schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nchtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein -- es ist nur allein mein Gesicht, mein _Mskchen_, mein lauernder Blick, mein hhnisches Lcheln, das sie ngstlich macht, so _ngstlich_, dass sie sagt:

  -- Wo er nur mag zu uns treten,
  Mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr. --

Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das jedermann Misstrauen einflt, das zurckschreckt, statt dass die Snde, nach den gewhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen lsst?
Wer hat nicht die herrlichen Umrisse ber Goethes Faust von dem genialen Retsch{38} gesehen! Gewiss, selbst der Teufel muss an einem solchen Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pnktchen bilden das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blte des Mannes steht neben ihr; welche Wrde noch in dem gefallenen Gttersohn!
{38: Moritz Retzsch (1779-1857).}
Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.
Die unangenehmen Formen des drren Krpers, das ausgedorrte Gesicht, die hssliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel -- hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft gergert hat.{*}
{*: Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so ertappt man hier den Satan auf einer grern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiss hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als dass er ihn mit etwas lebhaften Farben als hsslich darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, dass er oben in dem zweiten Abschnitt selbst gesteht, dass durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich brigens durch den bertriebenen Eifer, mit welchem er seine Missgestalt rgt, eine Ble, die ihm nicht htte beigehen sollen.}
Und warum diese hssliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte ich, weil Goethe, der so hoch ber seinem Werk schwebende Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen _Engel_ wrdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen _Menschen_. Die Snde hat seinen Krper hsslich, mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewhlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprht die grnliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hmisch wie der eines Elenden, der alles Schne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus bersttigung den Mund darber rmpft; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nhe, weil ihr vor diesen Zgen schaudert.
So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, einen schlechten Teufel gemalt.
Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel knne nun einmal nicht anders aussehen, er _knne_ sein Gesicht, seine Gestalt nicht _verwandeln?_ Nein, man lese:

  Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
  Hat auf den Teufel sich erstreckt;
  Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
  Wo siehst du Hrner, Schweif und Klauen?
  Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
  Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere.

Und an einem andern Ort lsst er mich mein Gesicht ein Mskchen nennen; folglich _kann_ er sich eine Maske geben, _kann_ sich verwandeln; aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begngt, das _nordische Phantom_ dennoch beizubehalten, nur dass er mich von _Hrnern, Schweif und Klauen_ dispensiert.
Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon _durch ihre Maske_ verdchtig macht, ins Verderben gefhrt werden? Darf jener groe Geist, der noch in seinem Falle die brigen hoch berragt, darf er durch einen gewhnlichen Bruder Liederlich, als welchen sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und -- muss nicht _diese_ Maske der Wrde jener Tragdie Eintrag tun?
Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ndern, und meine verehrte Gromutter wrde ber diesen Gegenstand zu mir sagen: Shnchen! Diabole! Bedenke, dass ein groer Dichter ein groes Publikum haben und um ein groes Publikum zu bekommen, so populr als mglich sein muss.

 Siebzehntes Kapitel
_Der Besuch_

Bei diesem allen bleibt _Faust_ ein erhabenes Gedicht und _Goethe_ einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, dass ich ein groes Verlangen in mir fhlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich htte ihm einen unerwarteten Besuch machen knnen; ja, wenn ich oft recht rgerlich ber mein Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostm des Mephistopheles nchtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmtigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.
Ich entschloss mich daher, als _Doctor legens_,{39} ein ehrsamer Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit berhmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher Pchter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, dass er in der Schenke den Hausknecht fragt: Wann kann man den Lwen sehen, Bursche? Mein Herr, antwortet der Gefragte, die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Lwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat; daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen.
{39: Privatdozent.}
Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon lngst gedrungen, und er machte auf der groen Tour durch Europa dem berhmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen knnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefhrten etwas unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit misstrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Frcke bei uns htten.
Wir waren glcklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um fnf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, dass Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kommt, wre es doch unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken.
Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir lieen den guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_ nach Weimar und gehe von da wieder heim. brigens hatte er richtig prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika waren auf fnf Uhr bestellt.
Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt sehr schn. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte Treppe fhrt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten. Schweigend fhrte uns der Diener in das Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Wrde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefhrte betrachtete staunend diese Wnde, diese Bilder, diese Meubles. So hatte er sich wohl das _Stbchen des Dichters_ nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Gre des Erwarteten zu steigen. Alle Nancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte hrbar, sein Auge war starr an die Tre geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten musste.
Ich hatte indes Mue genug, ber den groen Mann nachzudenken. Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufllige Glanz der Geburt.
Der Sohn eines unscheinbaren Brgers von Frankfurt hat hier die hchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewhnlichen Laufe der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschftsmnner vom Fach haben vom bescheidenen Pltzchen an der Tre alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunchst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkmpft -- Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, dass der Mensch _kann_, was er _will_. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Hheren gefhrt habe -- das Zeitalter hat _ihn_ gebildet.
Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther in dem lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, dass er das Hrnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, mussten Pfaffe und Laie, Nnnchen und Dmchen in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heit dieses groe schpferische Geheimnis? _Alles zur rechten Zeit._ Der Siegwart{40} hatte die harten Herzen abgetaut und sie fr allen mglichen Jammer, fr Mondschein und Grber empfnglich gemacht, da kommt Goethe.
{40: Johann Martin Miller: _Siegwart. Eine Klostergeschichte_ (1776), einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Romane des 18. Jahrhunderts -- allerdings nicht vor, sondern zwei Jahre nach Goethes _Die Leiden des jungen Werthers_ erschienen.}
Die Tre ging auf -- er kam.
Dreimal bckten wir uns tief -- und wagten es dann, an ihm hinauf zu blinzeln. Ein schner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie die eines Jnglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Wrde und Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus seiner Brust glnzte ein schner Stern. -- Doch er lie uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines Weltmannes, der tglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns zum Sitzen ein.
Was war ich doch fr ein Esel gewesen, in dieser so gewhnlichen Maske zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiss wenige. Daher kam es auch, dass er sich meist mit meinem Gefhrten unterhielt. Htte ich mich doch fr einen gelehrten Irokesen oder einen schnen Geist vom Mississippi ausgegeben! Htte ich ihm nicht Wunderdinge erzhlen knnen, wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von Louisiana ber ihn und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? -- So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glcklicherer Gefhrte durfte den groen Mann unterhalten.
Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der Unterhaltung mit einem groen Manne macht! Ist er als witziger Kopf bekannt, so whnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er msse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen, wenn man ihnen bei Nacht den Rcken streichelt. Ist er ein Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die der Berhmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem rmel schtteln werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen knnen. Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Stteln gerecht ist -- wie interessant, wie belehrend muss die Unterhaltung werden! Wie sehr muss man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu gengen!
Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe sa. Sein Ich fuhr, wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam,{41} ngstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein schmackhaftes Ideenkrnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und vorlegen knnte zum Imbiss. Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters, damit ihm kein Wrtchen entfalle, wie der Kandidat auf den strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflckte einen glacierten Handschuh in kleine Stcke. Aber welcher Zentnerstein mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Hhen zu ihm herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er sprach nmlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er ber das Verhltnis der Winde zu der Luft, der Dnste des wasserreichen Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er uns, dass das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist, Lustspiel- und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und bersetzer -- nein, er war auch sogar _Meteorolog!_
{41: Jean Paul, Flegeljahre (1804-1805).}
Wer darf sich rhmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, dass er mit jedem seine Sprache, d.h. nicht seinen vaterlndischen Dialekt, sondern das, was ihm gerade gelufig und wert sein mchte, sprechen knne! Ich glaube, wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgefhrt htte, er htte sich mit mir in gelehrte Diskussionen ber die geheimnisvolle Komposition einer Gnseleberpastete eingelassen oder nach einer Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite schmoren msse.
Also ber das schne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe -- das Armesndergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen seiner Beredsamkeit ffneten sich -- er beschrieb den feinen, weichen Regen von Kanada, er lie die Frhlingsstrme von New York brausen und pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstrae zu Philadelphia. Es war mir am Ende, als wre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es wrde bei einer Flasche Bier ber das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser Diskurs; aber das ist ja gerade das groe Geheimnis der Konversation, dass man sich angewhnt -- nicht gut zu _sprechen_, sondern gut zu _hren_. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verknden, dass man sich bei dem und dem kstlich unterhalte.
Dies wusste der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns Witterungsbeobachtungen anzustellen.
Nachdem wir ihn hinlnglich ennuyiert haben mochten, gab er das Zeichen zum Aufstehen, die Sthle wurden gerckt, die Hte genommen und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der gute Mann ahnte nicht, dass er den Teufel zitiere, als er gromtig wnschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen -- zwei Bcklinge, wir gingen. --
Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner nach dem Gasthof; die Rte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner Wange, zuweilen schlich ein beiflliges Lcheln um seinen Mund, er schien hchst zufrieden mit dem Besuch.
Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl und lie zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem Freudenschuss an die Decke, der Amerikaner fllte zwei Glser, bot mir das eine und stie an auf das Wohl jenes groen Dichters.
Ist es nicht etwas Erfreuliches, sagte er, zu finden, so hocherhabene Mnner seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange vor einem Genie, das dreiig Bnde geschrieben; ich darf gestehen, bei dem Sturm, der uns auf offener See erfasste, war mir nicht so bange. Und wie herablassend war er, wie vernnftig hat er mit uns diskuriert, welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam! Er schenkte sich dabei fleiig ein und trank auf seine und des Dichters Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt, sank er endlich mit dem Entschluss, Amerikas Goethe zu werden, dem Schlaf in die Arme.
Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von allen Getrnken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein leichter, flchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich fhrt, macht ihn wrdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen Krpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.
Ich musste lcheln, wenn ich auf den seligen Schlfer blickte; wie leicht ist es doch fr einen groen Menschen, die andern Menschen glcklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wren sie ihm so ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.
Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht, bei ihm gewesen zu sein, denn

  Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern
  Und hte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.


 Der Festtag im Fegefeuer
Eine Skizze

    _Das grte Glck der Geschichtschreiber ist, dass die Toten nicht gegen ihre Ansichten protestieren knnen._
    Welt und Zeit

 Achtzehntes Kapitel
_Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwrdige Subjekte kennen_

Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges Interesse sein mchte. Er fhrt die Aufschrift: _Der Festtag im Fegefeuer_ und kam durch folgende Veranlassung zu diesem Titel. Es ist auf der Erde bei allen groen Herren und Potentaten Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen. Wenn ein aus frstlichem Blute stammender Leib dem Staube wiedergegeben wird, haben die Kster im Lande schwere Arbeit; denn man lutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein Stammhalter geboren, so verkndet schrecklicher Kanonendonner diese Nachricht. Landesvterliche oder landesmtterliche Geburtstage werden mit allem mglichen Glanz begangen. Die Brgermilizen rcken aus, die Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch wenigstens in den Landstdtchen _bire dansante_. Kurz, alles lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.
Um nun meiner guten _Gromutter_ eine Ehre zu erweisen, hielt ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie sich gewhnlich aufhlt, ist immer an diesem Tage allgemeine Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag ber den Krper, den sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre Sitten. Was von Adel da ist, muss Deputationen zum Handkuss der Alten schicken (_in pleno_ knnen sie nicht vorgelassen werden, weil sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige Hofmarschlle, Kammerherren usw. haben den groen Dienst und schtzen es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu leiten, die Touren bei den Bllen, welche abends gegeben werden, zu arrangieren usw.
Ich erflle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal fhlt sich _chre grande-maman_ ungemein geschmeichelt durch diese Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen fr einen honetten Mann, der ihnen auch ein Vergngen gnnt, drittens macht dieser einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, dass die Seelen sich nachher um so unglcklicher fhlen, was ganz zu dem Zweck einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, passt.
An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge. Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges Vivat der Herr Teufel! _Vive le Diable!_ erfreut dann mein landesvterliches Herz; doch wei ich wohl, dass es nicht weniger erzwungen ist als ein _Hurra_ auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drcke sie noch mehr, wenn sie _nicht_ schreien.
In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen. _Tout comme chez vous,_ meine Herren, nur etwas grotesker; Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische, militrische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs finden sich wie durch natrlichen Instinkt zusammen, machen sich einen guten Tag und fhren ergtzliche Gesprche, die, wenn ich sie mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und lterer Zeit ein hbsches Licht werfen wrden.
Einst trat ich in einen Saal des _Caf de Londres_ (denn, nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf groem Fu und hchst elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Mnner, die aber durch ihr ueres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie ins Gesprch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostm eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die Herrschaften zu bedienen.
Zwei dieser jungen Leute beschftigten sich mit einer Partie Billard. Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war nachlssig in einen gerumigen Fauteuil zurckgelehnt, seine Beine ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand spielte nachlssig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm untersttzte das Kinn. Ein schner Kopf!
Das Gesicht lnglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und spitzig, wie aus weiem Wachs geformt, die Lippen dnn und angenehm gezogen, das Auge blau und hell, aber gewhnlich kalt und ohne alles Interesse langsam ber die Gegenstnde hingleitend. Dies alles und ein feiner Hut, enger oben als unten, nachlssig auf ein Ohr gedrckt, lieen mich einen Englnder vermuten. Sein sehr feines, blendend weies Leinenzeug, die gewhlte, beraus einfache Kleidung konnte nur einem Gentleman, und zwar aus den hchsten Stnden, gehren. Ich sah in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte auf seinen Befehl ein groes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine brennende Wachskerze vor ihn hin.
Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten sich dem Tische, an welchem der Englnder sa; ich warf schnell einen Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose, Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein Deutscher.
Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Mnnchen. Sein schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr hbsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und das wohlgenhrte Kinn zog sich jenes schne, unnachahmliche Blau, welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland bei weitem seltener als in sdlichen Lndern gefunden wird, weil hier der Bartwuchs dunkler, dichter und auch frher zu sein pflegt als dort.
Offenbar ein Incroyable von der _Chaussee dAntin!_{42} Das elegante Neglig, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit zierlicher Nachlssigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem kleinen blaroten Schal mit einer Nadel _ la Duc de Berry_ zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit drei Tagen nach innen zuknpfte, bis auf die Schuhe, die, um als modisch zu gelten, an den Spitzen nach der groen Zehe sich hinneigen und ganz ohne Absatz sein mussten, ich sage, bis auf jene Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfgig und miserabel, einem, der in die Mysterien hinlnglich eingefhrt ist, wichtig und unumgnglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den neuesten Geschmack fr den Morgen angezogen.
{42: Ein _Incroyable_ (wrtlich: unglaublich, erstaunlich) entspricht einem Dandy, die _Chaussee dAntin_ war im spten 18. Jahrhundert eine vornehme Pariser Wohngegend.}
Er schien soeben erst seinem Jean die Zgel seines Kabrioletts in die Hand gedrckt, die Peitsche von geglttetem Fischbein kaum in die Ecke des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Caf hereingeflogen zu sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen, als zu hren.
Er lorgnettierte flchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte, ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:
Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns _Monseigneur le Diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier habe.
Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns beide hinzufhren? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte, Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten.
So ging es im Galopp ber die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft schien sich brigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser -- die erste Bewegung seit einer halben Stunde -- das Kelchglas, nippte einige Zge Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr zuzuhren und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er erwiderte auch nicht _eine_ Silbe auf die Einladung des redseligen Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt, der Zhne doppelt Gatter vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.
Der Deutsche hatte sich whrend dieses Gesprches dem Tische genhert, eine hfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenber genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war, was man in Deutschland einen _gewichsten jungen Mann_ zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Hhe strebende Haare, an die etwas niedere Stirn schloss sich ein allerliebstes Stumpfnschen, ber den Mund hing ein Stutzbrtchen, dessen Enden hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmtig, das Auge hatte einen Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem grobschattierten Holzschnitt, keinen blen Effekt hervorbrachte.
Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knpfen und Schnren war polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier Zoll hoch wattiert, schloss sich spannend ber den Hften und formierte die Taille so schlank, als die einer hbschen Altenburgerin; er hatte ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren solche nur aus dnnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltnenden, Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen. Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewhlte Kostm.
Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Englnder zeigte selbst in seiner nachlssigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung mehr Wrde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer ein Tanzmeister lehren kann.
Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren ntig scheinen mchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht, dass der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehrig abkonterfeit hatte.
Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. Mein Gott, Herr von Garnmacher, sagte er ich mchte verzweifeln; der englische Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu wenig mchtig, um die Konversation mit gehriger Lebhaftigkeit zu fhren; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres, als wenn drei schne junge Leute beieinander sitzen und keiner den andern versteht?
Auf Ehre, Sie haben recht, antwortete der Stutzer in besserem Franzsisch, als ich ihm zugetraut htte; man kann sich zur Not denken, dass ein Trke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe nicht ab, wie wir unter diesen Umstnden mit dem Herrn plaudern knnen.
_Jai bien compris, Messieurs,_ sagte der Lord ganz ruhig neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.
Ists mglich, Mylord? rief der Franzose vergngt, das ist sehr gut, dass wir uns verstehen knnen! Markr{43}, bringen Sie mir Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, dass wir uns verstehen, welch schne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie dieser hier.
{43: Kellner.}
Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester, gab der Deutsche zu; aber wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schne Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schne Damen von Berlin, Wien, von allen mglichen Stdten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich hatte oben groe Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an diesem verfl... Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glck hatte; Mylord nennt uns die Schnen von London, und Sie, teuerster Marquis, knnen uns hier Paris im Kleinen zeigen.
Gott soll mich behten, entgegnete eifrig der Franzose, indem er nach der Uhr sah; jetzt, um diese frhe Stunde wollen Sie die schne Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _dtestable purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, dass ich _jetzt_ auf die Promenade gehen sollte?
Nun, nun, antwortete der Stutzer, ich meine nur, im Fall wir nichts Besseres zu tun wssten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Mnner im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn es Ihnen gefllig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier.
Mein Gott, entgegnete der Incroyable; ist dies nicht ein so anstndiges Caf als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt es uns an Unterhaltung? Knnen wir nicht plaudern, soviel wir wollen? Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen Salon besser wnschen? Nein! _Monsieur le Diable_ hat Geschmack in solchen Dingen, das muss man ihm lassen.
_Une confortable maison!_ murmelte Mylord und winkte dem Franzosen Beifall zu. _Et ce salon confortable!_
Gute Tafel, mein Herr? fragte der Marquis, nun, die wird auch da sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig etwas aus unserem Leben erzhlen wollten? Ich hre so gerne interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele erlebt als Mylord?
_Goddam!_ das war ein vernnftiger Einfall, mein Herr, sagte der Englnder, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die Fe von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Wrde in dem Fauteuil zurecht setzte; noch ein Glas Rum, Markr!
Ich stimme bei, rief der Deutsche, und mache Ihnen ber Ihren glcklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot. -- Eine Flasche Rheinwein, Kellner! -- Wer soll beginnen zu erzhlen?
Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden, antwortete Lord Fotherhill, Und ich wette fnf Pfund, der Marquis muss beginnen.
Angenommen, mein Herr, sagte mit angenehmem Lcheln der Franzose; machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer Zwei soll beginnen.
Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, lie ziehen, und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.
Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem er das linke Auge zugedrckt, mit dem rechten auf den Deutschen hinberdeutete; ich bersetzte mir diesen Wink so: Geben Sie einmal Acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit ber ihn erhaben.
Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit groer Selbstgeflligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte in der Eile den Stutzbart mit dem Rockrmel ab und begann.

 Neunzehntes Kapitel
_Geschichte des deutschen Stutzers_

Als mein Grovater, der Kaiserlich-Kniglich --
Ich bitte Sie, mein Herr, unterbrach ihn der Incroyable, verschonen Sie uns mit dem Gropapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was war er?
Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich htte mich gerne bei dem Glanze unserer Familie lnger verweilt; mein Vater lebte in Dresden auf einem ziemlich groen Fu --
Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehrt Genauigkeit.
Mein Vater, fuhr der Stutzer etwas mimutig fort, war Kleiderfabrikant _en gros_ --
Wie, fragte der Lord, was ist Kleiderfabrikant? Kann man in Deutschland Kleider in Fabriken machen?
Hol mich der Teufel, wie er schon getan! rief der Stutzer unwillig und stie das Glas auf den Tisch. Das ist nicht die Art, wie man seine Biographie erzhlen kann, wenn man alle Augenblicke von kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus am Alt-Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche Kleider fr die Leute machten!
Mon dieu! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein Schneider?
Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und die ersten Brger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich wei nicht was, kurz, es war ein ganz anstndiger Mann, mein Papa.
Mich selbst erfasste der Lachkitzel, als ich den _garon tailleur_ so perorieren hrte, doch fasste ich mich, um den Markr nicht aus der Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurckgelehnt und wollte sich ausschtten vor Lachen; der Englnder sah den Stutzer forschend an, unterdrckte ein Lcheln, das seiner Wrde schaden konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:
Sie htten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben pressen knnen, und ich htte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen. Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kmmert sich an diesem schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mir Vergngen, Sie zu unterhalten!
_Ah! ce noble trait!_ rief der Incroyable und wischte sich die Trnen aus dem Auge. Reichen Sie mir die Hand und lassen Sie uns Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder _tailleur_ war. Erzhlen Sie immer weiter, Sie machen es gar zu hbsch.
Ich genoss eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten _typto_, in meinem zwlften _pakat_ eingeblut. Sie knnen sich denken, dass ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt; das heit, ich ging lieber aufs Feld, hrte die Vgel singen oder sah die Fische den Flu hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden, als dass ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des knftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Brder, Buttmann, Schrder, und wie die Schrecklichen alle heien, die den Knaben mit harten Kpfen wie bse Geister erscheinen, abmarterte.
Ich hatte berdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte; es war die von frher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu schnen Mdchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glhend hei wie unter den Bleidchern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn ich dann das kleine Schiebefenster ffnete, um den Kopf ein wenig in die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkrlich meine Augen auf den schnen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort unter den schnen Akazien auf der weichen Moosbank sa Amalie, sein Tchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehliche Sehnsucht riss mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock, frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die Zaunlcke bei der Knigin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem elften Jahre den grten Teil der Ritter- und Ruberromane meines Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern Lndern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spie{44} sind nie ber den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie viel hher stehen diese Bcher alle als jene Ritter- und Ruberhistorien des Verfassers von Waverley,{45} der kein anderes Verdienst hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der groe Unbekannte{46} solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: _Mitternacht, dumpfes Grausen der Natur, Rdengebell, Ritter Urian tritt auf._
{44: Karl Gottlob Cramer (1758-1817) bzw. Christian Heinrich Spie (1755-1799), Autoren trivialer Ritter-, Ruber- und Schauerromane, von denen etliche auf den folgenden Seiten zitiert werden; insbesondere Spie blieb weit ins 19. Jahrhundert hinein poulr.}
{45: Sir Walter Scott (1771-1832), bekannter schottischer Dichter und erfolgreicher Autor historischer Romane, die er zunchst anonym verffentlichte.}
{46: Sir Walter Scott.}
Wem pocht nicht das Herz, wem strubt sich nicht das Haar empor, wenn er nachts auf einer den, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie fhlte ich da das _Grausen der Natur!_ Und wenn der Hofhund sein Rdengebell heulte, so war die Tuschung so vollkommen, dass sich meine Blicke ngstlich an die schlecht verriegelte Tre hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als _Ritter Urian trete auf!_
Was war natrlicher, als dass bei so lebhafter Einbildungskraft auch mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde umhing, jede Ida, die sich auf den Sller begab, um dem den Schlossberg hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkrlich in Amalien.
Doch auch sie war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus ihrer Sparbchse nmlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bcher heraus, welche entweder keinen Rcken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden waren, dass sie mich ordentlich _anglnzten_. Das sind so die echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein _Rinaldo Rinaldini_, ein _Domschtz_, ein _alter berall und Nirgends_ oder sonst einer unserer Lieblinge.{47}
{47: _Rinaldo Rinaldini:_ Ritterroman von Christian August Vulpius (1762-1827) mit einigen Fortsetzungen, bis ins 20. Jahrhundert und weit ber den deutschen Sprachraum hinaus erfolgreiche Trivialliteratur. _Der Dom-Schtz und seine Gesellen:_ Ruberroman von Karl Gottlob Cramer. _Der Alte Ueberall und Nirgends:_ Geisterroman von Christian Heinrich Spie.}
Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn Amalie war sehr reinlich erzogen und htte, wenn auch das Innere des Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloen Fingern den fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann in den Garten hinber und berreichte ihn; und nie empfing ich ihn zurck, ohne dass mir Amalie die schnsten Stellen mit Strickgarn ber einer Stecknadel bezeichnet htte. So lasen und liebten wir; unsere Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war sie zrtlich und verschmt, bald feurig und strmisch, ja, wenn Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mgliche Mhe, einen Gegenstand, eine Ursache fr unser namenloses Unglck zu ersinnen.
Mein gewhnliches Verhltnis zu der reichen Kaufmannstochter war brigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines groen Grafen oder Frsten lebt, eine unglckliche Leidenschaft zu der schnen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber innige Gegenliebe empfngt. Und wie lebhaft wusste Amalie ihre Rolle zu geben; wie gtig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie den schnen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpftze in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun) erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien) sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Ngel auf dem Zaun, die meinen Beinkleidern sehr gefhrlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn, aber die Liebe fhrt ihn unbeschdigt zu den Fen seiner Herrin.
Das einzige Unglck meiner Liebe war, dass wir eigentlich gar kein Unglck hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Frsten (dem Kaufmann), wenn nmlich eines unserer Hhner in seinen Garten hinbergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Frst einen Herold (seinen Ladendiener) zu uns herberschickte und um den Tribut mahnen lie (weil mein Vater eine sehr groe Rechnung in dem Kontobuche des Frsten hatte). Aber dies alles war leider kein ntigendes Unglck fr unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer zu machen.
Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war mein hartes Unglck, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und von dem alten Rektor tchtig Schlge zu bekommen; doch auch darber belehrte und trstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nmlich, dass des Herzogs (des Rektors) ltester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und sie aus Liebe zu mir den Jngling abgewiesen habe; er habe gewiss unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafr auf eine so unwrdige Art an mir rche. Ich lie die Gute auf ihrem Glauben, wusste aber wohl, woher die Schlge kamen; der alte Herzog wusste, dass ich die unregelmigen griechischen Verba nicht lernte, und _dafr_ bekam ich Schlge.
So war ich fnfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden, ungetrbt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da ereigneten sich mit einem Male zwei Unglcksflle, wovon schon einer fr sich hinreichend gewesen wre, mich aus meinen Hhen herabzuschmettern.
Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquschen Romane anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden ...
Was ist das, Fouqusche Romane? fragte der Lord.
Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqu{48} ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist, mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken reitet und kmpft wie der gewaltigen Whringer einer. Er hat das ein wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und um fnfhundert Jahre zurckgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz slich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von denen man vorher nichts anderes wusste, als sie seien derbe Landjunker gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als der Grotrke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind hauptschlich _fromm_ und _kreuzglubig_.
{48: Friedrich de la Motte Fouqu (1777-1843), populrer deutscher Autor des frhen 19. Jahrhunderts, Vertreter des romantischen Historismus in der Literatur.}
Die Damen sind moderne Schwrmerinnen, nur keuscher, reiner, mit steifen Kragen angetan und berhaupt etwas ritterlich aufgeputzt. Selbst die edlen Rosse sind glnzender als heutzutage und haben ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche Getiere.
_Mon Dieu!_ Solchen Unsinn liest man in Deutschland? rief der Franzose und schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen.
O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei uns, wo wir davon zurckgekommen waren, alles an fremden Nationen zu bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschrnkt, nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi passati_{49} -- so warfen wir uns mit unserem gewhnlichen Nachahmungseifer auf diese und wurden allesamt altdeutsch.
{49: Die vergangenen Zeiten.}
Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fhlte allgemein das Bedrfnis von Handbchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, ber Sitten und Gebruche bei unseren Vorfahren uns belehrt htten; da trat jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten, und es entstand ein neu Geschlecht; die Mdchen, die bei den franzsischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige, keusche, fromme Frulein, die jungen Herren zogen die modischen Frcke aus, lieen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle Leinwand setzen, und Kleider machen Leute, sagt ein Sprichwort, _probatum est;_ auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm.
_Goddam!_ Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen, unterbrach ihn der Englnder; vor acht Jahren machte ich die groe Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldsttter See lie ich mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben. Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern, halb aus den Garderoben frherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben schien. Fnf bis sechs junge Mnner saen und standen auf der Wiese und blickten mit glnzenden Augen ber den See hin. Sie hatten wunderbare Mtzen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf Rcken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite, zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen, herausgelegt.
Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker Form gemacht war, kleidete sie nicht bel; er schloss sich eng um den Leib und zeigte berall den schnen Wuchs der jungen Mnner. In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober Leinwand. Aus ihren Rcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in der Hand trugen sie Beilstcke, ungefhr wie die rmischen Liktoren. Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostm passen, dass sie Brillen auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.
Ich fragte meinen Fhrer, was das fr eine sonderbare Armatur und Uniform wre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grtli-Wiese vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, dass es fahrende Schler aus Deutschland wren. Unwillkrlich drngte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein Glck, auf einem Platz, der durch die erhabenen Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu trumerischen Vergleichungen fhrt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu haben. Die jungen Deutschen shnten mich aber wieder mit sich aus; denn als mein Kahn ber den See hingleitete, erhoben sie einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so wrdigen, ergreifenden Wendungen, dass ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat, welches ihr Kostm in mir erweckt hatte.
Nun ja, da haben wirs, fuhr der Baron Garnmacher fort, so sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouqusche Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der wunnigen Maid, mit einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte brigens der _Zauberring_, die _Fahrten Thiodolfs_ &c. nicht den gewnschten Eindruck; sie verlachte die sittigen, lichtbraunen, blauugigen Damen, besonders die _Bertha von Lichtenrieth_, und pries mir Lafontaine und Langbein, schlpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt hatte.
Ich war zu sehr erfllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging, als dass ich ihr Gehr gegeben htte; aber der lsterne Brennstoff jener Romane brannte fort in dem Mdchen, das sich, weil sie fr ihr Alter schon ziemlich gro war, fr eine angehende Jungfrau hielt, und kurz -- es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hllte mich in meinen altdeutschen Rock und meine Fouqusche Tugend ein und floh vor den Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.
Die Folge davon war, dass sie mich als einen Unwrdigen verachtete und dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte, wei ich nicht zu sagen, nur so viel ist mir bekannt, dass ihn der Frst, Amaliens Vater, einige Wochen nachher eigenhndig aus dem Garten gepeitscht hat.
Ich sa jetzt wieder auf meinem Dachkmmerlein, hatte die hebrische Bibel und die griechischen Unregelmigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heie Trnen geweint und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf zwischen Hass und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest berzeugt, dass so unglcklich wie ich kein Mensch mehr sein knne, und hchstens der unglckliche _Otto von Trautwangen_{50}, als er in Frankreich mit seinem vernnftigen, lichtbraunen Rsslein eine Hhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.
{50: Aus de la Motte Fouqus Ritterroman _Der Zauberring_.}
Aber das Ma meiner Leiden war nicht voll; hren Sie, wie aus entwlkter Hhe mich ein zweiter Donner traf.
Der alte Rektor hatte seinen Schlern ein Thema zu einem Aufsatz gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, _wen wir fr den grten Mann Deutschlands halten._ Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Grnde fr und wider angegeben und berhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen harten Kopf, und Aufstze mit Grnden waren mir von jeher zuwider gewesen, ich hatte also auch immer mittelmige oder schlechte Arbeiten geliefert. Aber fr diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich fhlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken ber die groen Mnner meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen Jahren nicht solche) in gehriges Licht setzen zu knnen.
Geschichtlich sollte das Ding abgefasst werden. Was war leichter fr mich als dies? Jetzt erst fhlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich? Und wer, der irgend einmal diese Bcher der Geschichten in die Hand nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die grten Mnner meines Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. _Hasper a Spada?_ Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem frtrefflichen Charakter. _Adolph der Khne, Raugraf von Dassel?_ Er hat schon etwas mehr von einem groen Mann. Wie schrecklich zchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Bue tun msste; aber dies schwcht doch sein majesttisches Bild. Es ist wahr, _Otto von Trautwangen_ glnzt als ein Stern erster Gre in der deutschen Geschichte, dachte ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Grte gewesen zu sein, wiewohl seine Frmmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen ist, jeden Zauber berwand.
Island gehrte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen deutschen Helden ist doch keiner, der dem _Thiodolf_ das Wasser reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein Lamm, im Zorn ein _Berserker_ -- es kann nicht fehlen, er ist der grte Deutsche.
Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor. Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Strke des Islnders sprach, wie er einen Wolf zhmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte, dass es auf der Stelle tot war; wie gromtig verschmht er alle Belohnung; ja, er schlgt einen Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie schn beschrieb ich das alles; ja, es musste das Herz des alten Rektors rhren!
Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen, wie er morgens in die Klasse kommen wrde, um unsere Aufstze zu zensieren. Dann sendet er gewi einen milden, freundlichen Blick nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brllender Lwe schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn, _Garnmachere!_ Ich habe immer gesagt, du seiest ein bte; konnte ich ahnen, dass du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin den Preis, der dir gebhrt.
So musste er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um zu zeigen, dass ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei, sagte ich am Schluss, dass ich nach Erfindung des Pulvers den _deutschen Alcibiades_ und nchst ihm _Hermann von Nordenschild_ fr die grten Mnner halte. Man knne ihnen den _Ritter Euros_, welcher nachher als _Domschtz mit seinen Gesellen_ so groes Aufsehen gemacht habe, was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch stehen jene beiden auf einem viel hheren Standpunkt.
Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und musste ihm beinahe ins Gesicht lachen, als er mrrisch sagte: Er wird ein schnes Geschmier haben, Garnmacher!
Lesen Sie, und dann -- richten Sie, gab ich ihm stolz zur Antwort und verlie ihn.
Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt wrde ber den wrdigsten englischen Theologen, und es wrden in einer gelehrten, mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzge des _Vicar of Wakefield_{51} dargetan, wer wrde da nicht lachen? Wenn Sie, werter Marquis, nach der wrdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt wrden, und Sie priesen die _neue Heloise_,{52} wrde man Sie nicht fr einen Rasenden halten? Hren Sie, welche Torheit ich begangen hatte!
{51: Roman des englischen Schriftstellers Oliver Goldsmith (1728-1774).}
{52: Roman von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778).}
Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewhnlich zensierte, erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir ein Tag des Unglcks gewesen. Gewhnlich schlich ich da mit Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewiss sein, wegen schlechter Arbeit getadelt, ffentlich geschmht zu werden. Aber wieviel stolzer trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den schnsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand mir, ich sei auch im ueren des Preises nicht unwrdig, welcher mir heute zuteil werben sollte.
Der Rektor fing an, die Aufstze zu zensieren. Wie rmliche, obskure Helden hatten sich meine Mitschler gewhlt: Hermann, Karl den Groen, Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen -- er ging viele durch, immer kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart -- als die besten!
Endlich ruhte er einige Augenblicke, rusperte sich und nahm ein Heft mit rosenfarbener berdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte laut vor Freude, ich fhlte, wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lcheln verziehen wollte; aber ich gab mir Mhe, bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: Und nun komme ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich will einige Stellen daraus vorlesen! Er deklamierte mit ungemeinem Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so groer Begeisterung niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelchter aus mehr als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schluss gelangte, wo ich mit einer khnen Wendung dem furchtbaren _Domschtzen_ noch einige Blmchen gestreut hatte, erscholl _Bravo! Ancora!_ und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fusten meiner Mitschler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: Es wre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spie und Konsorten, wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wre. Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus naturae_,{53} hieher zu mir!
{53: Schande der Natur.}
Zitternd folgte ich dem frchterlichen Wink. Das erste war, als ich vor ihm stand, dass er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt ber mich herab, von der ich nur so viel verstand, dass ich eine Bte wre und nicht wsste, was Geschichte sei.
Es begegnet zuweilen, dass man im Traum von einer schnen, blumigen Sonnenhhe in einen tiefen Abgrund herabfllt. Man schwindelt, indem man die unermesslichen Hhen herabfliegt, man fhlt die unsanfte Erschtterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Hhe, von der man herabstrzte, ist mit all ihren Bltengrten verschwunden, ach, sie war ja nur ein Traum!
So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte. Ich war arm wie jener Krsus, als er vor seinem Sieger Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!
Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte, verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes aus, ich stand wie Mucius Scvola.
Der langen Rede kurzer Sinn war brigens der, dass ich von meinem Vater ein Attestat darber bringen msse, dass ich das Geld zu solchen Allotriis von ihm habe, und berdies habe ich am nchsten Montag vier Tage Karzer anzutreten. Verhhnt von meinen Mitschlern, die mir Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, dass mich mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen wrde. Vor beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band etwas Weizeug und einige seltene Dukaten und andere Mnzen, welche mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Kuss und den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstbchen Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der Strae nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich frs erste zu wenden gedachte.
In meinem Herzen war es de und leer, als ich so meine Strae zog. Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese tapfern, frommen, liebevollen, biederen Mnner, sie hatten nicht geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir herbertnten, die mutigen Tne der Trompete, Rdengebell, Waffengeklirr, Sporenklang, se Akkorde der Laute -- alles, alles dahin, alles _nichts_ als eine lschpapierne Geschichte, im Hirn eines Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!
Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte. Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhllten das liebe Dresden, nur die Spitzen der Trme ragten, vergoldet vom Abendrot, ber dem Dunstmeer.
So lag auch mein Trumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in Nebel gehllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie jene Trme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:

  _-- O fortes, pejoraque passi
  Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
  Cras ingens iterabimus aequor._{54}
{54: Ihr Tapferen, die Ihr oft Unheil mit mir erlebt habt, vertreibt mit Wein Eure Sorgen, schon morgen reisen wir wieder auf dem weiten Meer. (Horaz, Oden I, 7, 30).}

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fhlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um. --
~
Der Herausgeber ist in der grten Verlegenheit. Er hat bis auf den Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein groer Teil des letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon vorber, und eine eigene ber die paar Bogen lesen zu lassen, findet sich weder ein gehriger Vorwand, noch wrde das Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des Festtages in der Hlle auf den zweiten Teil.


 --- Zweiter Teil ---

 Vorspiel
Worin von Prozessen, Justizrten die Rede; nebst einer stillschweigenden Abhandlung: Was von Trumen zu halten sei?

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein vlliges Halbjahr zu spt. Angenehm ist es dem Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darber gewundert, am angenehmsten, wenn sie sich darber gergert haben; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe fr die schriftstellerischen Versuche des Satan, die nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und bersetzer erwnscht sein muss.
Die Schuld dieser Versptung liegt aber weder in der zu heien Temperatur des letzten Sptsommers, noch in der strengen Klte des Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozess, in welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.
Kaum war nmlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit einigen Posaunensten in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden, als pltzlich in allen diesen Blttern zu lesen war eine

    _Warnung vor Betrug_
    Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften: Elixiere des Teufels,{55} Bekenntnisse des Teufels, als Schriftsteller berhmten Teufel, sondern gnzlich, falsch und unecht, was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird.
{55: Roman von E.T.A. Hoffmann, erschienen 1815/16, gilt bis heute als berhmtester Schauerroman der deutschsprachigen Literatur.}

Ich gestehe, ich rgerte mich nicht wenig ber diese Zeilen, die von niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewiss, hatte das Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun, nach vielen Mhen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlger ber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren fr unecht erklren?
Whrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche Beschuldigung des _Betruges_ zu antworten sei, werde ich vor die Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, dass ich einer Namensflschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und zwar -- vom Teufel selbst, der gegenwrtig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebe. Er behauptete nmlich, ich habe seinen Namen Satan missbraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm bentzt, um diesem schlechten Bchlein einen schnellen und eintrglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, dass ich zur Strafe gezogen, sondern auch, dass ich angehalten werde, ihm Schadenersatz zu geben, dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden.
Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, dass mir frher schon den Name Klage oder Prozess Herzklopfen verursachte; man kann sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute ward. Ich ging niedergedonnert heim und schloss mich in mein Kmmerlein, um ber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein Zweifel, dass es hier drei Flle geben knne. Entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klger recht zu ngstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein bser Mensch hatte mir die Komdie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript in meine Hnde zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Klger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom Teufel, und ein miger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen.
Ich ging zu einem berhmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor. Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich keine Beweise beibringen knne, dass das Manuskript von dem echten Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl von Bchern, die seit Justinians _Corpus Juris_ bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch ber solche Flle geschrieben worden seien, einiges nachlesen.
Das juridische Stiergefecht nahm jetzt frmlich seinen Anfang. Es wurde, wie es bei solchen Fllen herkmmlich ist, so viel darber geschrieben, dass auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhngig war, wurde sogar auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer fr diesen Prozess eingerumt; ber der Tre stand mit groen Buchstaben: Acta in Sachen des persischen G.H.R. _Teufels_ gegen _Dr. H...f_, betreffend die Memoiren des Satan.
Ein sehr gnstiger Umstand fr mich war der, dass ich auf dem Titel nicht Memoiren des Teufels, sondern des Satan gesagt hatte. Die Juristen waren mit sich ganz einig, dass der Name _Teufel_ in Deutschland sein _Familienname_ sei, ich habe also wenigstens diesen nicht zur Flschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein angenommener, willkrlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt, zwei Namen zu fhren. Ich fing an, aus diesem Umstand gnstigere Hoffnungen zu schpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen, was es heie, den Gerichten anheimzufallen. Das Referat in Sachen des _et cetera_ war nmlich dem berhmten Justizrat Wackerbart in die Hnde gefallen, einem Manne, der schon bei Dmpfung einiger groen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, dass ein solcher berhmter Jurist meine Sache nur als eine _cause clbre_ ansehen und sie also handhaben werde, dass sie, gleichviel wem von beiden Recht, ihm am meisten Ruhm einbrchte? Hierzu kam noch der Titel und Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen, sich an hhere Zirkel anzuschlieen; musste ihm da ein so wichtiger Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich Armer?
Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mgliche Unsinn wurde auf mich gewlzt; ich wunderte mich, dass man mich nicht einige Wochen ins Gefngnis sperrte oder gar hngte. Man hatte hauptschlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht:

    _Entscheidungs-Grnde_
    zu dem vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim, unter dem 4. Dezember 1825 gefllten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den Dr. ...f wegen Betruges.
    1. Es ist durch das Zugestndnis des Angeklagten erhoben, dass er keine Beweise beizubringen wei, dass die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwrtig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrhren. Ferner hat der Angeschuldigte ...f zugegeben, dass die in ffentlichen Blttern darber enthaltene Ankndigung mit seinem Wissen gegeben sei.
    2. Die letztgedachte Ankndigung ist also abgefasst, dass hieraus die Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, dass die Memoiren des Satan von dem wahren, im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.
    3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte ...f eines Betruges, alldieweilen solcher im Allgemeinen in jedweder aus impermissen Kommodum fr sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Tuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt -- besteht; oder, um uns nher auszudrcken, da hier die Sprache _von einer Ware und gedrucktem Buch_ ist -- einer _Flschung_ schuldig gemacht; denn durch den Titel Memoiren des Satan und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, dass das Buch ausdrcklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfasst sei, was beim Verkauf des Werkes verursachte, dass es schneller und in grerer Quantitt abging, als wenn das Bchlein unter dem Namen des Herrn ...f, so dem Publiko noch gar nicht bekannt ist, erschienen wre, und wodurch die, so es kauften, in ihrer schnen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in Hnden zu haben, schnde betrogen wurden.
    4. Wenn der Herr _Dr._ ...f, um sich zu entschuldigen, dagegen einwendet, dass der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei, worauf der Teufel, wie man ihn gewhnlich nennt, keinen Anspruch zu machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig, dass sich ...f auf den Gebrauch jenes angenommenen, brigens bekanntermaen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht beschrnkt, sondern in dem Werke selbst berall durchblicken lsst, namentlich in der Einleitung, dass der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch denen Gelehrten durch frhere Opera, z.B. die Elixiere des Teufels _et cetera_ rhmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.
    5. Man muss lachen ber die Behauptung des Inkulpaten, dass das in Frage stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige, eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft muss das auch wohl eher fr eine etwas geringe Nachffung der Teufeleien als fr -- eine Satire auf dieselben erkennen. Wre aber auch, was wir Juristen nicht einzusehen vermgen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus kein gnstiger Umstand fr ...f zu ziehen, weil derjenige Kufer, der etwas _Echtes_, vom Teufel Verfasstes kaufen wollte, erst nach dem Kauf entdecken konnte, dass er betrogen sei.
    6. Auer der vllig rechtswidrigen Tuschung der Lesewelt, Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen _den_ begangen, dessen Name oder Firma missbraucht worden, nmlich und spezialiter gegen den Geheimen Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als von wegen des Honorars seiner brigen Schriften sehr dabei interessiert ist, dass nicht das Geschreibsel anderer als von ihm niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.
    7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, dass er das Buch arglos herausgegeben, ohne das Klein-Justheimer Recht hierber zu kennen, dass ihn auch bei der Flschung durchaus keine gewinnschtigen Absichten geleitet htten, so ist uns dies gleichgltig und haben nicht darauf Rcksicht zu nehmen; denn Flschung ist Flschung, sei es, ob man englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, oder Bcher schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht ndern, weil immer noch die Tuschung und Anschmierung der Kufer restiert und zwar ebenfalls nichtsdestominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den brigen Bchern des Teufels htten (was wir Klein-Justheimer brigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist), weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein tut.
    Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.
    (Gez.) Prsident und Rte des Kriminalgerichts
    zu Klein-Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berhmten Nrnberger Gliedermnner gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem Mnnlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und probiert, ob es nicht schner wre, wenn er z.B. das Gesicht im Nacken trge und den Rcken hinunterschaue, oder ob es nicht vernnftiger wre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wrden, dass er vor- und rckwrts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgltig, ob ihm die Beine ber die Schulter herberkamen oder nicht, ob er den Rcken herabschaute oder vorwrts; er lchelte so dumm wie zuvor; denn er hatte ja kein Gefhl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.
Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu mssen in den tppischen Hnden der Klein-Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefllig, oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grnen Sessionstisch, wie sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch aufnotieren konnten, was fr Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen, nmlich, dass er das Gesicht im Nacken, die Fe einwrts, die Arme verschrnkt et cetera trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.
Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als wrde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener Schwarzknstler und Eskamoteur getan, der Bnder verschluckte und sie herauszog Elle um Elle aus dem Rachen. Warenflschung, Einschwrzen, Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man will! Und rechtswidrige Tuschung des Publikums? Wer hat denn darber geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter geschrien, weil er gefunden, dass das Bchlein nicht von dem Schwarzen selbst herrhre, dass er den Missetter bestraft wissen wolle fr diese rechtswidrige Tuschung? O Klein-Justheim, wie weit bist du noch zurck hinter England und Frankreich, dass du nicht einmal einsehen kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und gehren durchaus nicht vor deine Schranken.
Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fr mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach ber das Hohngelchter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes abgerissenes Stck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken sitze, trbselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen allerart herabschaue und ihnen ihre abgentzten Gewnder beneide, die den groen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er seine andere Hlfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwnsche, um verbunden mit ihm schne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt, als einem Invaliden, beinahe unmglich war. Da wurde mir eines Morgens ein Brief berbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zge verriet. Ich riss ihn auf und las:

    Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!
    Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem groen rger die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht werden. Bildet Euch nicht ein, dass sie von mir herrhren. Mit groem Vergngen denke ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu Mainz, und in meiner jetzigen Zurckgezogenheit und bei meinen vielen Geschften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach, versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben habt und dass das Publikum meine Bemhungen zu schtzen wisse. Der Prozess, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil ich ein wenig ber ihre Universitten schimpfte und die sthetischen Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drcken. Lasset Euch dies nicht kmmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im Notfall knnet Ihr gegenwrtige Schreiben jedermann lesen lassen, namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht kenne, so kenne ich um so besser die seinige.
    Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden berhmten Prozess, der ihnen in die Hnde fllt, fr _gute Prise_ erklren, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden knnen, wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintrgt. Was war bei Euch von beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der brotlosen Knste, was seid Ihr gegen einen persischen Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natrlich zugegangen, und grmet Euch nicht darber. Was den persischen Geheimen Hofrat betrifft, der meine Rolle bernommen hat, so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen.
    Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern.
    Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persnliche Bekanntschaft bald zu erneuern, bin ich
    Euer wohlaffektionierter Freund,
    _der Satan._

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefhrt hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklrte ihm, appellieren zu wollen an ein hheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.
Er zuckte die Achseln und sprach: Lieber, sie wohnen zusammen in _einer_ Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hher steigen wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen.
So sprach er und focht fr mich mit erneuerten Krften; doch -- was half es? Sie stimmten ab, erklrten den persischen fr den echten, alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben, und der Prozess ging auch in der Beletage verloren.
Da fasste mich ein glhender Grimm; ich beschloss, und wenn es mich den Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und -- erwachte.
Freundlich strahlte die Frhlingssonne in mein enges Stbchen, die Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Bltenzweige winkten herein, mich aufzumachen und den Morgen zu begren.
Verschwunden war der bse Traum von Prozessen, Justizrten, Klein-Justheim und alles, was mir Gram und rger bereitete, verschwunden, spurlos verschwunden.
Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor bei einigen Glsern guten Weins ber einen hnlichen Prozess mit Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so erschienen, als htte ich selbst den Prozess gehabt, als wre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schppen.
Ich lchelte ber mich selbst. Wie pries ich mich glcklich, in einem Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fr gute Prise erklren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu wrdigen wei, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats, noch auf irgend dergleichen Rcksicht nimmt.{56}
{56: Der reale Hintergrund dieser Justiz-Satire: Der Schriftsteller Carl Heun (1771-1854) war unter seinem Pseudonym H. Clauren (ein Anagramm) ein erfolgreicher Autor seichter Trivialliteratur. Hauff verffentlichte 1825 unter diesem Namen den Roman _Der Mann in Mond_ als Persiflage. Heun, zwar kein persischer, aber preuischer Hofrat, klagte Hauff, und gewann den Prozess, was Hauff allerdings zu zustzlicher Bekanntheit verhalf.}
So dachte ich, pries mich glcklich und verlachte meinen komischen Prozesstraum.
Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es war keine Tuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief verheien. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.
Doch ich konnte ja nicht anders, ich musste seinen Wink befolgen und seinen Besuch in Frankfurt dem zweiten Teile einverleiben.
Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Htte von Malojarolawez zubrachte und wie von jenen Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen musste, vielleicht -- weil er ihm nicht beikommen konnte, doch -- vielleicht ist es mglich, dieses merkwrdige Aktenstck dem Publikum an einem andern Orte mitzuteilen.
Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschftigt, da wurde die Tre aufgerissen, und mein Freund Moritz strzte ins Zimmer.
Weit du schon? rief er. Er hat ihn verloren.
Wer? Was hat man verloren?
Nun, von was wir gestern sprachen, den Prozess gegen Clauren meine ich, wegen des _Mannes im Monde!_
Wie? Ist es mglich! entgegnete ich, an meinen Traum denkend. Unser Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Prozess?
Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert.
Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in Klein-Justheim anhngig?
Klein-Justheim? Du fabelst, Freund! erwiderte der Freund, indem er besorgt meine Hand ergriff. Was willst du nur mit Klein-Justheim, wo gibt es denn einen solchen Ort?
Ach, sagte ich beschmt, du hast recht; ich dachte an -- meinen Traum.


 Der Festtag im Fegefeuer (Fortsetzung)

  _Am Horizont in diesem Jahr
  Ist es geblieben, wie es war._
  M. Claudius

 1. Der junge Garnmacher fhrt fort, seine Geschichte zu erzhlen
Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fhrt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneider-Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, frs erste aber nach Berlin gehen und erzhlt, was ihm unterwegs begegnete.
Meine Herren, fuhr der edle junge Mann fort, als ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Brger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, dass ich einsah, es sei weniger auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem lteren Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher in der Dorotheenstrae in Berlin, erzhlte. Euer Onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot! erwiderte er. O du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Wrmer!
Sie knnen sich leicht meinen Schrecken ber diese Trauerpost denken, ich weinte lange und hielt mich fr unglcklicher als alle Helden; nach und nach aber wusste mich mein Begleiter zu trsten: Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben? fragte er. Ich sah ihn an, besann mich, verneinte. Ei, man hat mich doch in Dresden soviel gesehen, fuhr er fort; alle Alten und besonders die Jugend strmte zu mir und meinem jungen Griechen.
Jetzt fiel mir mit einem Mal bei, dass ich ihn schon gesehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglcklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und lie den jungen Athener fr Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der berschuss fr einen Griechenverein bestimmt. Alles strmte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglcklichen Knaben sehen zu knnen. Ich bezeugte dem Manne meine Verwunderung, dass er nicht mehr mit dem Griechen reise.
Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hlfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wusste wohl, dass ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie wre es, mein Shnchen, wenn du mein Grieche wrdest? Ich staunte, ich hielt es nicht fr mglich; aber er gestand mir, dass der andere ein ehrlicher Mnchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostmiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht htten.
Wie? unterbrach ihn der Englnder. Selbst in Deutschland nimmt man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hlt und die Griechen untergehen lsst.
Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland, antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn; was einmal in einem anderen Lande Mode geworden, muss auch zu uns kommen. Das wei man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschttelte, da fanden wir dies erstaunlich hbsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bcher darber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit groen Brten, einen Sbel an der Seite, Pistolen im Grtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: Wohin? so antworteten sie: In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen! Bat sich nun etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nhere Erklrung aus, so erfuhr man, dass es nach Griechenland gegen die Trken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wnschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flsterten, wenn er mit drhnenden Schritten einen Fupfad nach Hellas einschlug: Der muss wenig taugen, dass er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muss.
Ists mglich? rief der Marquis. So teilnahmlos sprachen die Deutschen von diesen Mnnern?
Gewiss; es ging mancher hin mit dem schnen Gefhl, einer unterdrckten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu erkmpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man ber einen Lffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlufer.
Mylord, sagte der Franzose, es sind doch dumme Leute, diese Deutschen!
O ja, entgegnete jener mit groer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das Licht hielt, zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unertrglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen.
Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft muss ich mich wundern, wie richtig sein Kalkl war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu, etwas fr einen weit aussehenden Plan, fr ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen? oder sie sagen: Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht lsst sich hernach etwas tun. Fllt aber etwas in ihrer Nhe vor, knnen sie selbst etwas Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.
Man war dem Griechen frher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, dass er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefhrt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Mnner beim Bier traktieren konnten.
Was fr Aussichten blieben mir brig? Mein Onkel war tot, ich hatte nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden, dass mir mein Fhrer sogar Schlge beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstnde auf neugriechisch nennen, blute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlnglich instruiert war, schwrzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, frbte mein Gesicht gelblich, und -- ich war ein Grieche. Mein Kostm, besonders das fr vornehme Prsentationen, war sehr glnzend, manches sogar von Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld.
Aber, mein Gott, unterbrach ihn der Franzose, sagen Sie doch, in Deutschland soll es viele gelehrten Mnner geben, die sogar Griechisch schreiben. Diese mssen es doch auch sprechen knnen; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen knnen?
Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen grten Spa; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, dass sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides htten korrespondieren knnen, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mussten zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit: -- Mein Herr, das ist nicht griechisch. Mein Fhrer unterlie nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins Deutsche zu bersetzen, und jene Kathedermnner kamen gewhnlich ber das Lcheln der Menschen dergestalt auer Fassung, dass sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.
So zogen wir lngere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komdie auf einmal aufhrte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, der mir groe hnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, hre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher tituliert. Ich strzte zu ihm hin, fragte ihn mit zrtlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als kniglich schsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine rhrende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, den _marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut meines Fhrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rhrung hchst komisch vor.
Der Fhrer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, lie mir Kleider machen und fhrte mich nach Berlin. Und dort begann fr mich eine neue Katastrophe.

 2. Der Baron wird ein Rezensent
Mein Onkel war ein nicht sehr berhmter Schriftsteller, aber ein berchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfnglich dazu verwendet, seine Hahnenfe ins Reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist denken, fasste die gewhnlichen Wendungen und Ausdrcke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, ber welche ich brigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht interessieren.
Nein, nein! rief der Lord. Ich habe schon fters von dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehrt. Zwar haben auch wir, z.B. in Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden, hre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen.
Allerdings sind diese Bltter in meinem Vaterlande eine sonderbare, aber eigentmliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer noch etwas Engbrstiges, Eingezwngtes zu verspren ist, wie nicht das, was leicht und gefllig, sondern was mit einem recht schwerflligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, fr einzig gut und schn gilt, so haben wir auch eigene Ansichten ber Beurteilung der Literatur. Es traut sich nmlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil ber ein neues Buch zu, das sich nicht an ein ffentlich ausgesprochenes anlehnen knnte -- man glaubte darin zu viel zu wagen. Daher gibt es viele ffentliche Stimmen, die um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums einfllt.
Aber wie mgen Sie ber diese Institute spotten, mein Herr Baron? unterbrach ihn der Lord. Ich finde das recht hbsch. Man braucht selbst kein Buch als diese ffentlichen Bltter zu lesen und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.
Sie htten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wre. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blttern richtet, unbewusst irgend eine Partei und kann, ohne dass er sich dessen versieht, in der Gesellschaft fr einen Goethianer, Mllnerianer, Vossiden oder Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz fr einen Ianer gelten. Denn das eine Blatt gehrt dieser Partei an und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehrt diesem oder jenem groen Buchhndler. Da mssen nun frs erste alle seine Verlagsartikel gehrig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden; oft muss man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter-)Wasser tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrcks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.
Aber schmen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und Literatur zu handhaben? fragte der Marquis. Ich muss gestehen, in Frankreich wrde man ein solches Wesen verachten.
Ihre politischen Bltter, mein Herr, machen es nicht besser. brigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschssen und langsamen, grndlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Literatur. Sie plnkeln mit dem Feind, ohne ihn grndlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie umschwrmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch drfen sie sich gerade nicht schmen; denn sie rezensieren anonym, und nur _einer_ unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.
Das muss ja ein eigentlicher Matador sein! rief der Lord lchelnd.
Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch -- ein Totschlger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der hchste Trumpf, dieser Matador, und zhlt fr zehn, wenn er _pagat ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er Matador! Denn er, der Hauptkmpfer ist es, der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todessto gibt.
Gestehen Sie, Sie bertreiben -- Sie haben gewiss einmal den unglcklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tchtig vorgenommen wurde, und jetzt zrnen Sie der Kritik?
Der junge Deutsche errtete. Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, dass es wre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und kenne diese Affren genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die _erste_ war die _sanft lobende_ Rezension. Sie gab nur einige Auszge aus dem Werk, lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber fr sich gewinnen wollte. Hauptschlich aber war diese Klasse fr junge, schriftstellerische Damen.
Wie? erwiderte der Lord. Haben Sie deren so viele, dass man eine eigene Klasse fr sie macht?
Man zhlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jngere und ltere! Sie sehen, dass man fr sie schon eine eigene Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die _lobposaunende_. Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhndlers, der das Blatt bezahlt, oder die Parteimnner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerhrt, man ist glcklich, dass die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die _dritte_ Klasse ist dann die _neutrale_. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas khl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr ber das _genus_ ihrer Schrift und ber ihre Tendenz als ber sie selbst, und gibt sich Mhe, in recht vielen Worten _nichts_ zu sagen, ungefhr wie in den Salons, wenn man ber politische Verhltnisse spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will.
Die _vierte_ Klasse ist die _lobhudelnde_. Man sucht entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden, oder doch lcherlich machen. Die _fnfte_ Klasse ist die _grobe_, _ernste_; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Ross und schaut hernieder auf die kleinen Bemhungen und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu gefhrlich ist, als dass man ffentlich davon sprechen mchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfllt. Die _sechste_ Klasse ist die _Totschlgerklasse_. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Sge- und Stampfmhle; denn der Mller schttet die Unglcklichen, die ihm berantwortet werden, hinein und zerfetzt, zersgt, zermalmt sie.
Aber wer trgt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem? fragte Lasulot.
Nun, das Publikum selbst! Wie man frher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte, so amsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und -- wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Lndlich, sittlich! Ein Stier, ein Stier, rufts dort und hier! In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar tchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden an ihm beien, wenn der _Matador_ von der Galerie hinab in den Zirkus springt,

  Und zieht den Degen,
  Und fllt verwegen
  Zur Seite den wtenden Ochsen an --

da freut sich das liebe Publikum, und von Bravo! schallt die Gegend wieder!
Das ist kstlich! rief der Englnder; doch war man ungewiss, ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm. Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?
Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, fr mehrere Journale verpachtet; wunderbar war es brigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen musste. Er hatte es so weit gebracht, dass er an einem Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darber schrieb, und oft traf es sich, dass er alle sechs Klassen ber einen Gegenstand erschpfte. Er zndete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines, gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, dass es groe Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann dmpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer dsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fnften einen so groen Holzsto zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Hus,{57} und fing dann zum Sechsten an, den Unglcklichen an dieser mchtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rsten, bis er ganz schwarz war.
{57: _Heilige Einfalt_, ursprnglich Bezeichnung fr die schlichte Sprache der Jnger im Neuen Testament. Von Jan Hus, am Scheiterhaufen seine Verbrennung erwartend, ber einen Bauern gesagt, der Holz herbeitrug (andere Quelle: ber ein frommes Mtterchen, das Reisig ins Feuer warf) -- hier als Bezeichnung dieser Person gebraucht.}
Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene Meinungen ber einen Gegenstand haben? Das ist ja _schndlich!_
Wie man will. Ich erinnere Sie brigens an die liberalen und an die ministeriellen Bltter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und ihm morgen der Herr von ... einige Sous mehr bietet, so hlt er eine Schimpfrede gegen die linke Seite, als htte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt.
Aber dann geht er frmlich ber, bemerkte der Marquis; aber Ihr Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwlf Augen, die Hlfte mehr als der Hllenhund.
Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Knsten und Handarbeiten weit gebracht, erwiderte mit groer Ruhe der junge Mann, so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht hatte, dass ich nicht nur ein Buch von dreiig Bogen inzwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer _unaufgeschnittenen_ Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wusste, von welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will dir, sagte er, die erste, zweite, fnfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Ma tun. Sie lobt entweder ber alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschmt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiss haben, sind brigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralittssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehrt schon mehr als kaltes Blut.
So sprach mein Onkel und bergab mir die Krnze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage musste ich von frh acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich musste es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so lie er mir sagen: Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen tchtig durch -- und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rhrung bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hlle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebru pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und unheilschweren Bltter an die verschiedenen Journale.
_Goddam!_ Habe ich in meinem Leben dergleichen gehrt? rief der Lord mit wahrem Grauen. Aber wenn Sie alle Tage nur _ein_ Buch rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterlande jhrlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?
Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in _einer_ Messe, und wir haben jhrlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und Trauerspiele, hundert schne und miserable Erzhlungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreiig Almanache, fnfzig Bnde lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert bersetzungen, achtzig Kriegsbcher rechnen, und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbcher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung guten Champagners aus Obst, zur Verlngerung der Gesundheit, die Betrachtungen ber die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben knne usw. sind nicht zu zhlen; kurz, man kann in meinem Vaterlande annehmen, dass unter fnfzig Menschen immer einer Bcher schreibt; hat einer einmal im Messkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahre nicht auf. Sie knnen also leicht berechnen, meine Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld fr die Kritik!
Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar _mir_ hchst komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.
_Monsieur de Garnmacker!_ Nehmen Sie es nicht bel, dass ich mich von Ihrer Erzhlung bis zum Lachen hinreien lie, sagte der Marquis; aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkrlich so komisch vor, dass ich mich nicht enthalten konnte zu lachen. Ihr seid sublime Leute, das muss man euch lassen.
Und der Herr hier hat recht, bemerkte Mylord mit feinem Lcheln. Alles schreibt in diesem gttlichen Lande, und was das Schnste ist, nicht jeder ber sein Fach, sondern lieber ber ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner _grand tour_ in einem deutschen Lndchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womglich noch schlechter. Ich lie endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, dass er uns so miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: Was das Post- und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts. Wir waren verwundert ber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gesprch Spa machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. Er schreibt! war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten? Ei, behte! sagte er, Bcher, gelehrte Bcher. ber das Postwesen? fragten wir weiter. Nein, meinte er; Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fnf Finger und so lang als mein Arm! und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brder des Pegasus und trabte mit uns auf dem stoenden Steinweg, dass es uns in der Seele weh tat. _Goddam!_ sagte mein Begleiter. Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage frdern! Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nchsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein groer Kritiker.{58}
{58: Der bereits erwhnte Carl Heun (H. Clauren) war seit 1824 als Geheimer Hofrat beim Generalpostamt angestellt.}
Ich wei, wen Sie meinen, erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger Miene, und Ihre Erzhlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht fr dieses Gebiet der Literatur erzogen worden. brigens muss ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen ngstlich zugeschnittenen Lande mchte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein Gesetz, das einem verbte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schne romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliee schleppen; wir ben das Faustrecht auf heldenmtige Weise und halten literarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krmer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben.
Herr von Garnmacker, unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, ich wrde Ihre Geschichte erstaunlich hbsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so langweilig wre. Wenn Sie so fortmachen, so erzhlen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebenslufe auf ein andermal und gehen jetzt auf die Hllenpromenade, um die schne Welt zu sehen!
Sie haben recht, sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein Sixpencestck zuwarf, der Herr von Garnmacher wei auf unterhaltende Weise einzuschlfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannten aus der Stadt hier sind.
Wie? rief der junge Deutsche nicht ohne berraschung. Sie wollen also nicht hren, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mhlendamm zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hren, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte fngt jetzt erst an, interessant zu werden.
Sie knnen recht haben, erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lcheln; aber wir finden, dass uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterlande, die Sie uns zeigen knnen.
Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte, sagte der Marquis lachend; aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzhlung, mchte ich diese Stunde versumen. Gehen wir.
Gut, erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu scheinen. Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm; denn es ist fr einen Deutschen immer eine groe Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an einen Englnder anschlieen zu knnen.
Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich vernderte schnell mein Kostm, um diese merkwrdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.
Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich -- es ist mglich, dass Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Vernderung in manchem hervorbringen; aber lasst nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, dass dieser Geburtstag meiner lieben Gromutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen Leutchen nur _ein_ Tag vergnnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chausse dAntin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie in ...
Welchen Anblick gewhrte diese hllische Promenade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und _merveilleuses_{59} aller Zeiten, Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit ber ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: Zu unserer Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders! Aber ach, meine Stutzer kamen zu spt auf die Promenade, kaum dass noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sngerin sein Vergngen ausdrcken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzhlung die Promenadezeit verkmmert, und die groe Welt strmte schon zum Theater.
{59: Die Wunderbaren -- Mode-Trendsetterinnen der Zeit nach der franzsischen Revolution, die mit extravaganter und teilweise anstig empfundener Kleidung ein radikales neues brgerliches Selbstbewusstsein zur Schau stellten.}

 3. Das Theater im Fegefeuer
Man wundert sich vielleicht ber ein Theater im Fegefeuer? Freilich ist es weder _opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Snger, Akteurs und Aktricen, Tnzer und Tnzerinnen genug; aber wie knnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stcke unterhalten? Liee ich von Zacharias Werner eine schauerlich-tragikomisch-historisch-romantisch-heroische Komdie auffhren -- wie wrden sich Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa die Kleinstdter in der Hlle, wie wrde man ber verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung getroffen.
Mein Theater spielte groe pantomimische Stcke, welche wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu drfen. Denn was ntzt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer eiferschtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurckzukehren? Was ntzt es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt --

  Eine kalte weie Hand.
  Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
  Die im Sterbekleide vor ihm stand.{60}
{60: Aus dem Lied _Heinrich schlief bei seiner Neuvermhlten_, Text von Johann Friedrich August Kazner (1732-1798).}

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnchtlich ins Departement schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten pflegte, schlrfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr? Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit glhendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es dem frstlichen Keller helfen, wenn der Schlosskfer, den ich in einer bsen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfhrt und mit krampfhaft gekrmmtem Finger an den Fssern anpocht, die er bestohlen? Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der Zapfenstreich ertnt und die Hrner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer, um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle wrden sich unglcklicher fhlen, knnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wre eine Schrfung der Strafe, wie etwa ein Knig, als ihm ein Urteil zu _lebenslnglicher_ Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, _noch sechs Jahre lnger_ unterschrieb, weil er den Mann hasste. Aber sie wrden mir auf der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, wrden mir manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel getrunken, dass er in der Hlle Wasser trinken wollte -- ich habe darin so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, dass es in diesen Tagen wenig mehr in den _Husern_, desto mehr aber in den _Kpfen_, spukt.
Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten ber die Zukunft zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stcke von meiner hllischen Bande auffhren. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

    _Mit Allerhchster Bewilligung._
    Heute als am Geburtsfeste der Gromutter, diabolischen Hoheit:
    _Einige Szenen aus dem Jahre 1826._
    Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.
    Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken zusammengesucht von Rossini.
    (Bemerkungen an das Publikum.)
    Da gegenwrtig sehr viele allerhchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und Ministern bis zum Grafen abwrts inklusive, die zweite Galerie der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwrts zu berlassen.
    Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters.

Das Publikum drngte sich mit Ungestm nach dem Hause. Ich bot mich den drei jungen Herren als Cicerone an und fhrte sie glcklich durchs Gedrnge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge htten eintreten drfen, fanden es diese drei Subjekte aber amsanter, von ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlpfte ihnen, wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu knnen. Nein, ist es mglich? rief er wiederholt aus. Ist es mglich? Sehen Sie, Marquis, jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswrdige, fromme Schwrmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den Ball -- sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in Tplitz an einem heimlichen Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben?
Ha! die Nase von Frankreich! rief auf einmal der Marquis mit Ekstase. Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schnes Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene hsslichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort -- das sind berhmte Missionre, die uns glauben machen wollten, sie seien frmmer als wir. Dem Teufel sei es gedankt, dass er diese Schweine auch zu sich versammelt hat.
O mein Herr, sagte ich, da htten Sie nicht ntig gehabt, bis ins Theater sich zu bemhen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hlle nichts Erbrmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im _Caf de la Congrgation_ wimmelt es von diesen Herren, vom Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie knnen manche heilige Bekanntschaft dort machen.
Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier, erwiderte Mylord, sagen Sie doch, wer sind diese ernsten Mnner in Uniform nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lcheln. Sind es Englnder?
Verzeihen Sie, antwortete ich, es sind Soldaten und Offiziere von der alten Garde, die sich mit einigen Preuen ber den letzten Feldzug besprechen.
Alle drei schienen erstaunt ber dieses Zusammentreffen und wollten mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten und Pauken der Rossinischen Ouvertre schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche Ouvertre aus _Il maestro ladro_, die Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzckt ber die schnen Anklnge aus der Musik aller Lnder und Zeiten, und jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich komponierten Stck. Ich halte auch auer der _Gazza ladra_ den _Maestro ladro_ fr sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine knstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat.{61} Die Ouvertre endete mit dem ergreifenden Schluss von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rhrung einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehngt hatte, und -- der Vorhang flog auf.
{61: _Der diebische Meister_ bzw. _Die diebische Elster_ (_La gazza ladra_, der Titel einer Oper Rossinis) -- Hauff bezichtigt hier Rossini (ungerecht) des Plagiarismus.}
Man sah einen Saal der Brsenhalle von London. ngstlich drngten sich Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen Geldmkler, groe und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren Sprngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_ entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke erscheint mein erster Solotnzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brllen Verzweiflung aus. Man sieht, seine Fonds sind erschpft, seine Beutel leer, er muss seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Gebrdensprache ist bezaubernd -- es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestt. Wie ein gefallener Knig ist er noch im Unglck gro, seine Sprnge reichen zu einer immensen Hhe, und mit einem prachtvollen Futriller fllt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und franzsischen Huser, vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten knstlich und fielen noch knstlicher, besonders exzellierten hierbei einige Berliner Brsenknstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.
Pltzlich ging die lamentable Brsenmusik in einen Triumphmarsch ber. Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier: _Heil dem groen Kaimakan!_ ertnte. Ein glnzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schsseln mit gemnztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte Stadt kmmt. Man denkt nicht daran, dass der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den Hunger bentzt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlgt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schtzenden Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Huser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schpfen, sie schienen den Messias der Brse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berhmter Knige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente Inschrift: _Seid umschlungen, Millionen!_ trug. Ein Herr mit einer bekannten morgenlndischen Physiognomie, wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, sa in dem Wagen und stellte den Triumphator vor.
Mit ungemeinem Applaus wurde er begrt, als er von den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg. Das ist Rothschild! Es lebe Rothschild! schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief bravo, dass das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktnzer, der diese schwierige Rolle meisterhaft durchfhrte, besonders, als er mit dem englischen, sterreichischen, preuischen und franzsischen Ministerium einen Cosaque tanzte, bertraf er sich selbst. Rothschild gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Brse, den Frieden, und der erste Akt der groen Pantomime endigte mit einem brillanten Schlusschor, in welchem er frmlich gekrnt und zu einem allerhchsten _cher cousin_ gemacht wurde.
Als der Vorhang gefallen war, lie sich Mylord ziemlich ungndig ber diese Szene aus. Es war zu erwarten, sagte er, dass diese Menschen bedeutenden Einfluss auf die Kurse bekommen werden; aber dass auf der Brse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826, das ist unglaublich.
Mein Herr, erwiderte der Marquis lachend, unglaublich finde ich es nicht. Bei den Menschen ist alles mglich, und warum sollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so weit kommen, dass er Kaiser und Knige in seinen Sack stecken kann?
Aber England, Alt-England! Ich bitte Sie, rief der Lord schmerzlich. Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder Pfeife tanzen mssen! Aber, _Goddam!_ das englische Ministerium mit diesem Hep-Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!
Ja, ja! sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig. Es wird und muss so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Knigs David.
Das finde ich nicht, antwortete der Marquis; im Gegenteil, Sie sehen ja, welch groen Einfluss die Juden auf die Zeit gewinnen!
Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied, erwiderte der Deutsche. Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur _einen_ Knig, jetzt aber haben alle Knige nur _einen_ Juden.
Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was fr eine Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett.
Ich denke, Deutschland, erwiderte Garnmacher. Ich wenigstens mchte wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde verlie, war die Konstellation sonderbar: Es roch in meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die Lunte glhte, und man roch sie allerorten. Die feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme. Meinen Sie nicht auch, es msse bedeutende nderungen geben?
Es wird heien: Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war, antwortete ich dem guten Deutschen. Um eine Lunte auszulschen, bedarf es keiner groen Knste. Man wird bleiben, wie man war, man wird hchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da msste ich ja zuvor noch fragen, was fr ein Landsmann Sie sind.
Wie verstehen Sie das? fragte der Baron unmutig.
Nun? Was knnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so msste man Ihnen zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten, braut. Sind Sie Wrttemberger, so knnten Sie erfahren, wie man die Landstnde whlte. Sind Sie ein Rheinpreue und drckt Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fu operieren; denn an dem Normalschuh darf nichts gendert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkmmel zum Butterbrot; aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schn war und in der nchsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, dass Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine schne Taille bekommen --
Herr, Sie sind des Teufels! fuhr der Baron auf. Wollen Sie uns alles Nationalgefhl absprechen? Wollen Sie --
Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Hhe! rief der Marquis. Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre-Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer?
Die Glocken von Notre-Dame ertnten in feierlichen Klngen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete nherte sich, und eine lange Prozession, angefhrt von den Missionren, betrat die Bhne. Da sah man knigliche Hoheiten und Frsten mit den Mienen zerknirschter Snder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen des ersten Ranges, die schnen Augen gen Himmel gerichtet, die _ la_ Madonna gekmmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die niedlichen Fchen blo und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D...s, die Comtesse de M...u, die Frstin T...d im Kostm einer Benden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschlle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbcher unter dem Arm, ber die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die Fuste und riefen Verwnschungen aus, und wer wei, was meinen Akteurs geschehen wre, htte man faule pfel oder Steine in der Nhe gehabt! Das hohe Portal von Notre-Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluss ging noch ber die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata{62} trug. Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionre wie ein Kalb fhrten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprnge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeiel gezchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu vershnen: _Vive le bon Dieu! Vive la croix!_{63} So brachten sie ihn endlich mit groer Mhe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
{62: Bibel (in der ab dem 4./5. Jahrhundert gltigen lateinischen Fassung).}
{63: Es lebe der liebe Gott! Es lebe das Kreuz!}
Haben Sie nun Genugtuung? sagte der Marquis zu dem Lord. Was ist Ihr Skandal auf der Brse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein Frankreich, mein armes Frankreich!
Es ist wahr, antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand drckte, Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der frhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, dass es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht mglich, es ist ein Blendwerk der Hlle!
Das mchte doch nicht so sicher sein, sagte ich. Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, mchte ich fr nichts stehen.
Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre-Dame? fragte der Baron. Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?
Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den Missionren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprngen schlieen knnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen.
_Goddam!_ Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgefhrt wird. Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig.
Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat, antwortete ich. Es wird nmlich ein diplomatisches Diner aufgefhrt, das der Reis-Effendi den Gesandten hoher Mchte gibt, das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend.{64} Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstck der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig gerstet haben, und zum Beschluss wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, mit der schnsten Griechensklavin aus dem Harem seiner mohammedanischen Majestt erffnet.
{64: Nach einem Jahr Belagerung wurde in April 1826 der grte Teil der etwa zehntausend Einwohner der Stadt von den trkischen Truppen gettet bzw. versklavt.}
Ei! rief der Marquis. Was, wollen wir diese Schande der Menschheit sehen? Ihre Londoner Brse war lcherlich, die Prozession gemein und dumm; aber diese ekelhafte Erbrmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher hren, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten.
Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und verlieen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben Fluche zurck und rief: Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!


 Mein Besuch in Frankfurt

 1. Wen der Satan an der _table dhte_ im Weissen Schwan sah
Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie feiern daselbst nicht, wie z.B. in Bayern eineinhalb oder, wie im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier Feiertage; die Juden haben deren sogar fnf; denn sie fangen in Bornheim ihre heiligen bungen schon am Samstag an, und der Bundestag hat sogar acht bis zehn.
Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren Sprachknsten der Apostel als mir. Was die berhmtesten Mystiker am Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkndet hatten, das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: Ob man am Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins _Wldchen_ gehen, ob es nicht anstndiger wre, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen sollte, oder beides, diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger als jene, die doch fr andchtige Feiertagsleute viel nher lag: Ob die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?
Muss ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen Tagen mehr Seelen fr sich gewinnt als das ganze Judenquartier in einer guten Brsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berhmten Belletristen verwhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen, diene zur Nachricht, dass ich im Weien Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an der groen _table dhte_ in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste; den Kchenzettel mgen sie sich brigens von dem Oberkellner ausbitten.
Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Sthnen, das aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat nher, ich hrte deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzhlte, und dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe fr die Schule nicht mchtig ist.
Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn, wer der Herr sei, der nebenan so beraus klglich sich gebrde?
Nun, antwortete er, das ist der stille Herr.
Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluss. Wer ist er denn?
Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.
Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglck zugestoen, dass er gar so klglich winselt?
Ja, das wei ich nicht, erwiderte er, aber seit dem zweiten Tag, dass er hier ist, ist sein einziges Geschft, dass er zwischen zwlf und ein Uhr in der neuen Judenstrae auf- und abgeht, und dann kommt er zu Tisch, spricht nichts, isst nichts, und den ganzen Tag ber jammert er ganz stille und trinkt Kapwein.
Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft, sagte ich, setzen Sie mich doch heute mittag in seine Nhe. Der Kellner versprach es, und ich lauschte wieder auf meinen Nachbar. Den zwlften Mai, hrte ich ihn sthnen, Metalliques 83 3/4, sterreichische Staatsobligationen 87 3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preuische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die Preuen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?
So ging es eine Zeitlang fort; bald hrte ich ihn ein Glas Kapwein zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald jammerte er wieder in den klglichsten Tnen und mischte die Konsols, die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hrte ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrae promenierte.
Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal trat, auf einen Stuhl: Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin, flsterte er, zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer. Ich setzte mich, ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich tuschen kann! Ich hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen erwartet, wie man sie heutzutage in groen Stdten und Romanen trifft, etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der Ourika, oder von schwchlichem, beinahe liederlichem Anblick wie einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit frischen, wohlgenhrten Wangen und roten Lippen, der aber die trben Augen beinahe immer niederschlug und um den hbschen Mund einen weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht passte.
Ich versuchte, whrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot, einigemal mit ihm ins Gesprch zu kommen, aber immer vergeblich; er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem halbunterdrckten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf seinen Teller.
Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, dass sie einem Herrn gelten mussten, der uns gegenber sa und schon zuvor meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon etwas kahle, gefurchte Stirne, sein brunliches, eingeschnurrtes Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase deuteten darauf hin, dass er die fnfundvierzig Jhrchen, der er haben mochte, etwas _schnell_ verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwhlten Zgen bildete ein ruhiges, sliches Lcheln, das immer um seinen Mund schwebte, die zierliche Bewegung seiner Arme und seines Krperchens, wie auch seine sehr jugendliche und modische Kleidung.
Es saen etwa fnf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den zrtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem sen Lcheln, womit er seine Blicke begleitete, zu urteilen, musste er mit allen in genauen Verhltnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen, knchernen Hand einen Spargel zum Munde fhrte und slich dazu lchelte, die grte hnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen, whrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen war.
Warum brigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen ma, konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars dsterer und lnger als gewhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen an, die Schultern und Arme grazis hin und her zu drehen, den Rcken auf knstliche Art auszudehnen und das spitzige Kpfchen nach uns herber zu drehen; mit sem Lcheln fragte er: Noch immer so dster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eiferschtig auf meine Wenigkeit?
An dem zarten Lispeln, an der knstlichen Art, das _r_ wie _gr_ auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: Eiferschtig, Herr Graf? -- Auf _Sie_ in keinem Fall.
Graf Rebs -- so hrte ich ihn spter nennen -- faltete sein Mulchen zu einem feinen Lcheln, drckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf komische Weise seitwrts, strich mit der Hand ber sein langes, knchernes Kinn und kicherte:
Das ist schn von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht eiferschtig? Und doch habe ich die schne Rebekka erst gestern abend noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes Ragout bitten, mein Herr?
Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwrts aufs Theater und nicht rckwrts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken.
Herr Oberkellner, lispelte der Graf, Sie haben die Trffeln gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich tuschen kann! Ich htte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Frulein von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies -- Kellner, ich trinke heute lieber roten Ingelheimer, ein Flschchen -- ja, wollte ich sagen -- das ist mir nun whrend des Ingelheimers gnzlich entfallen; so geht es, wenn man so viel zu denken hat.
Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedchtnis des Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als dass er nicht weiter geforscht htte. Nun, auch Frulein von Rothschild hat bemerkt, dass ich melancholisch hinaussah? fragte er, indem er seine bitteren Zge durch eine Zutat von Lcheln zu versen suchte; freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette --
Richtig, das war es, erwiderte Rebs, das war es; ja, als ich auf Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie mich mit ihrem Jocofcher auf die Hand und nannte mich einen Schalk.
Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen rteten sich noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch durch wilden Trotz, der in ihm wtete. Er zog den Kopf tief in die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen Blicke an. Er hatte nie so groe hnlichkeit mit einem angenehmen Froschjngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.
Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das _r_ noch mehr schnurren lie als zuvor, sprach er: Werter Monsieur Zwerner, Sie drfen aus dem Schlag mit dem Jocofcher keine argen Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _faon de parler_ unter Leuten von gutem Ton. Wegen meiner drfen Sie ruhig sein. Zwar solange man jung ist, fuhr er fort, indem er den Halskragen hher heraufzog und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spchen. Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen hier in Frankfurt ist?
Nein, antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
O, ein delizises Kind! Augenbrauen wie, wie -- wie mein Rock hier, einen Mund zum Kssen und in dem schnen Gesicht so etwas Pikantes, ich mchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es nicht sagen, es beschmt mich, aber auf Ehre, Sie knnen sich darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, brigens hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu knnen, nein, es ist wirklich auffallend, in drei Tagen ...
Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie denn sagen?
Es war ein eigener Genuss, das Kaninchen in diesem Augenblicke anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die uglein zu, sein Kinn verlngerte sich, seine Nase bog sich abwrts nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dnne, zarte Linie; dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrmmten Rcken und den Schulterblttern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Kncheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal musste der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte: Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht belnehmen; auch mir wollte es anfangs sonderbar bednken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt.
Sie Glcklicher! rief der Seufzer nicht ohne Ironie. Wo Sie nur hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; brigens rate ich, diese Englnderin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide Partie --
Merke schon, merke schon, entgegnete Rebs mit schlauem Lcheln, es ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gnzlich aus dem Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, dass ich schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen drfen Sie ruhig sein; ich ziehe mich gnzlich zurck. Und sollte vielleicht eine vorbergehende Neigung in dem Mdchen -- Sie verstehen mich schon -- das wird sich bald geben; ich glaube nicht, dass sie mich ernstlich geliebt hat.
Ich glaube auch nicht, entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand auf, wir folgten. Graf Rebs tnzelte lchelnd zu den Damen, welchen er whrend der Tafel so zrtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem unglcklichen Seufzer.

 2. Trost fr Liebende
Was war doch dies fr ein sonderbarer Herr? fragte ich meinen Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloss. Findet er wirklich bei den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrckt?
Ein Geck ist er, ein Narr! rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. Ein alter Junggeselle von fnfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber. Eitel, tricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen uglein anblinzelt, sei in ihn verliebt, drngt sich berall an und ein --
Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lcherliche Rolle in der Gesellschaft, da wird er wohl berall verhhnt und abgewiesen?
Ja, wenn die Damen dchten, wie Sie, wertgeschtzter Herr! Aber so lcherlich dieser Gnome ist, so tricht er sich berall gebrdet, so -- oh -- Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.
Ei, ei, sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloss und den Verzweifelnden hineinschob, ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge Beschuldigungen ausstoen? Und auf Frulein Rebekka -- setzen Sie sich doch geflligst aufs Sofa -- auf das Frulein sollte er auch Eindruck gemacht haben, dieser Gliedermann?
Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, dass er lcherlich ist und geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen oder auf der Promenade von ihm begrt zu werden; vielleicht, wenn sie eine Christin wre, htte sie einen solidern Geschmack.
Wie, das Frulein ist eine Jdin?
Ja, es ist ein Judenfrulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der neuen Judenstrae. Das groe gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht.
Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gesprch des Grafen bemerkt habe, knnen Sie sich einige Hoffnung machen?
Ja, erwiderte er rgerlich, wenn nicht der Satan das Papierwesen erfunden htte. So stehe ich immer zwischen Tre und Angel. Glaube ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermgen zu haben, um vor Herrn Simon zu treten und sagen zu knnen: Herr, wir wollen ein kleines Geschft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben? Glaube ich nun so sprechen zu knnen, so lsst auf einmal der Teufel die Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente hher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken.
Aber kann denn nicht der Fall eintreten, dass Sie gewinnen?
Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif fr das Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst ist, guckt auf allen Seiten der jdische Geldteufel heraus.
Wie, sollte es mglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld sehen?
Da kennen Sie die Mdchen, wie sie heutzutage sind, schlecht, erwiderte er seufzend. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es, was sie wollen. Knnen sie sich durch einen Leutnant zur gndigen Frau machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld, so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewhnlich keines hat.
Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Komp. in Dessau hat Geld; woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fruleins?
Ja, ja! sagte er etwas freundlicher, wir haben Geld, und so viel, um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber Sie kennen die Frankfurter Mdchen nicht; werter Herr! Ist von einem angenehmen, liebenswrdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie steht er? Steht er nun nicht nach allen Brsenregeln solid, so ist er in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muss.
Und Rebekka denkt auch so?
Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen Judenstrae? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der Brsenhalle! Man wei hier, dass ich mich verfhren lie, viele Metalliques und preuische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein Interesse geht mit dem der hohen Mchte und mit dem Wohl Griechenlands Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein reicher Mann. Gewinnt der Grotrke und sein Reis-Effendi, so bin ich um zwanzigtausend Kaisergulden rmer und nicht wehr wrdig, um sie zu freien. Das wei nun das liebenswrdige Geschpf gar wohl, und ihr Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald mchte sie gerne, dass die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glck zu frdern; bald denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von Metternich{65} verlieren knnte, und wnscht dem Effendi soviel Verstand als mglich. Ich Unglcklicher!
{65: Frst Klemens Wenzel Lothar von Metternich, von 1809 bis zu seinem Sturz 1848 leitender Minister des Kaisertums sterreich und einer der fhrenden Politiker Europas.}
Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschpf? fragte ich.
Trnen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus seiner Brust. Wie sollte ich sie nicht lieben? antwortete er. Bedenken Sie, fnfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine ganze. Und dabei ist sie vernnftig und liebenswrdig, hat so was Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine khn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe, etwas dunkel und dennoch rtlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte man solches Geschpf nicht lieben?
Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?
O, einige Judenjnglinge, bedeutende Huser, buhlen um sie, aber ihr Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie wei, dass bei uns alles nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schmt sich, in guter Gesellschaft fr eine Jdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den Frankfurter Dialekt ganz abgewhnt und spricht Preuisch. Sie sollten hren, wie schn es klingt, wenn sie sagt: It es mchlich? oder: Es jienge wohl, aber es jeht nich.
Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf Kirchweihen oder sonstigen Pltzen sich amsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schne Wirtin der nchsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgnger empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben, noch lange um den schnen, wohlgewachsenen jungen Mann weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehrt, dass der Handelsstand gegenwrtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, dass einer von sich sagte: Kaufmann oder Bnderkrmer, sondern: Ich reise in Geschften des Hauses Buerlein oder Zwierlein, und fragt man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten zu hren: Knpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf- und Rauch- und dergleichen bedeutende Artikel. Haben sie nun gar im Stdtchen ihrer Heimat ein Schtzchen zurckgelassen, so darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante Geschichte erzhlen, wie sie Frulein Jettchen beim Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche ffnen und unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthfen usw. ein Seidenpapier hervorziehen, das ein Prbchen Haar von der Stirne der Geliebten enthlt.
Glckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukmmt, mit eingelegter Lanze _ la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schnheit zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger Verwstung an wie jener mannhafte Ritter, und seid berdies meist euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.
Eine solche liebenswrdige Erziehung, aus Kontorspekulationen, Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wre es fr einen Mann von Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von _Hchst_ oder von _Langen_, sondern von _Wien_, sogar mit _authentischen_ Nachrichten kommen zu lassen, um seinem Glcke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer nicht auch knnen, wenn sein Geld ebensogut ist als das des groen Makkabers?
Zwar _ein_ solcher Sperling macht keinen Sommer. _Eine_ solche Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht ntzen. Doch die Nuancen ergtzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht ins Netz geht, und darum beschloss ich, ihm zu ntzen, ihn zu fangen.
Ich bin, sagte ich zu ihm, ich bin selbst einigermaen Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde.
Wie meinen Sie das? fragte er verwundert. Als ich in Dessau war, lie ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Brsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstrae, um das Neueste zu erfragen?
Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er verbeugte sich lchelnd), das heit, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muss _selbst_ eingreifen in den Lauf der Zeiten.
Aber mein Gott, rief er verwunderungsvoll, das kann ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis-Effendi und der Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?
ber Ihr Glck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie strzt. Ebenso im Gegenteil knnen Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen?
Gewiss, gewiss, seufzte er. Aber ich sehe nur noch nicht recht ein --
Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem _groen Portier_ ein Stck Geld in die Hand gedrckt hat, lsst noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fhrt und fliegt nach Frankfurt und bringt die Depesche -- wem?
Ach, dem Glcklichsten, dem Vornehmsten!
Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade der sterreichische Beobachter zu sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen --
Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Russland sei pltzlich --
Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als dass es die Leute glauben! Unwahrscheinliches, berraschendes muss auf der Brse wirken! --
Also etwa, der Frst von M. sei ein Trke geworden, habe dem Islam geschworen?
Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachrich mit allem mglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskrmer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Brsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.
Aber, lieber Herr, erwiderte der Kaufmann von Dessau klglich, das wre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Snde fr einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann muss im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben.
Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muss, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrgen, ob Sie einem alten Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im groen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.
Ei, verzeihen Sie, da muss ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Brse werden; viele Huser knnen fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und das wre dann meine Schuld!
So, mein Herr? sagte ich mit mitleidigem Lcheln zu der schwachen Seele. So, Sie schmen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurck? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne fr eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka knne man dadurch verdienen, dass man im Weien Schwanen wohnt und seufzt, dass man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?
Aber, mein Herr, rief der Seufzer etwas pikiert, ich wei gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, fr eine Teilnahme erzeigen; ich wei gar nicht, wie ich das nehmen soll?
Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine Antwort. brigens bin ich ein Mann, der reist, um berall das Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben --
Bitte recht sehr, eine so ganz gewhnliche Physiognomie wie die meine --
Das knnen Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist --
Finden Sie das wirklich? rief er, indem er lchelnd meine Hand fasste und verstohlen nach dem Spiegel blickte. Es ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar versichert, ich sei dem berhmten Dannecker auf der Strae aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den Knig von England gekommen, um von mir etwas fr seinen Johannes abzusehen.
Nun sehen Sie, wie muss es nun einen Mann, wie ich bin, berraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluss hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!
Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und -- nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fhle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja -- so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrcken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!

 3. Ein Schabbes in Bornheim
Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch qulte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu strzen, wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafr wusste ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er musste den Herrn Simon in der neuen Judenstrae auf seine Seite bringen, musste ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewusst teil und gewann zugleich mit dem Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und musste einige Achtung vor dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wusste, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.
Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein, mit ihm nach _Bornheim_ zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstrae, berhaupt alle Stmme Israels versammelt habe.
Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sein trbseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden, sein groer, runder Kopf steckte nicht mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, nchstens eine bedeutende Person an der Brse, und, wenn es gut geht, Brutigam der schnen Rebekka Simon in der neuen Judenstrae!
Aus dem Garten des Goldenen Lwen in Bornheim tnten uns die zitternden Klnge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes lie sich vormusizieren im Freien, wie einst ihr Knig Saul, wenn er bler Laune war. Wir traten ein; da saen sie, die Shne und Tchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, khn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus _einer_ Form geprgt, da saen sie vergngt und frhlich plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser zubereitet, da saen sie in malerischen Gruppen unter den Bumen, und der Garten war anzuschauen, als wre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke verheien hatte. Wie sich doch die Zeiten ndern durch die Aufklrung und das Geld!
Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreiig Jahren keinen Fu auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mussten, wenn man ihnen zurief: Jude, sei artig, mach dein Kompliment! -- dieselben, die von dem Brgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen! berladen mit Putz und kstlichen Steinen saen die Frauen und Judenfrulein; die Mnner, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Mnner hatten sich sonntglich und schn angetan, lieen schwere, goldene Ketten ber die Brust und den Magen herabhngen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitrs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwhlte Volk? Wer hat denn alles Geld, gemnzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und Knig schuldig, wem anders als uns?
Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des Morgens, rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am Arm; schauen Sie dort, unter dem Zelt von hlzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Lckchen am Ohr ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstrae, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man wei sich in Zukunft zu separieren nach und nach.
Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht --
Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir nher. Doch eben fllt mir bei, ich muss Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?
Ich bin der k.k. Legationsrat Schmlzchen aus Wien, gab ich ihm zur Antwort, reise in Geschften meines Hofes nach Mainz.
Ah, rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich kniglich an den Hut gegriffen hatte, Le -- Legationsrat, wirklicher, und nicht blo Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu machen. Htte es mir gleich vorstellen knnen, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffren. Wahrhaftig, htte es Ihnen gleich ansehen knnen; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmiges in Dero Visage.
Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen ntzlich sein zu knnen.
Wir traten zu dem Zelt aus hlzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errtete tiefer, je nher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins blulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, das neidische Gewlk, erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht bel. -- Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrcken, viel Rasse, und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda und berlie es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflt zu haben. Haben da ein schnes Fach erwhlt, Herr von Schmlzlein, bemerkte er wohlgefllig lchelnd; habe immer eine Inklination fr die Diplomatik gehabt, aber die Verhltnisse wollten es nicht, dass ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man wei da gleich alles aus der ersten Hand! Man kann viel komplizieren und dergleichen; was lieen sich da fr Geschfte machen!
Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhltnisse kennen. Allein aber schauens, das Ding hat auch seinen Haken. Man wei oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher.
Der Jude rckte nher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. Zeviel? sagte er. Ich fr meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, _Sie_ stehen solide in Wien, Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M.{66} auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.
{66: Metternich.}
Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!
Gut, _trs bien, bon!_ Gut gegeben, hi! hi! hi! -- _ propos_, wissen Sie Neues aus daher? Er rckte mir noch nher und wurde verfnglicher.
Herr Simon, sagte ich mit Artigkeit ausweichend, Sie wissen, es gibt Flle --
Wie? rief er erschrocken. Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?
Um Jottes willen, Papa! schrie Rebekka, indem sie den Arm des zrtlichen Seufzers zurckstie und aufsprang. Doch kein Unglck? Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?
Beruhigen Sie sich doch, gndiges Frulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa ber Politik und rechnete einige Flle auf, und er hat mich holter nicht recht verstanden.
Sie presste mit einem zrtlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.
Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von! lispelte sie. Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzhlen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie htten ins Parterre jestanden und wren melancholisch jewesen?
Das Geflster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog, als das Gewlke ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht gehrt habe, dass nchstens die Metalliques und die ... um drei Prozente steigen wrden.
Herr von Schmlzlein, sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu sich genommen hatte, Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Flle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen --?
Es gibt Affren, fuhr ich fort, wo der Diplomat schweigen muss. ber das Nhere meiner Sendung z.B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur so viel kann ich Ihnen -- aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen --
Der Gott meiner Vter tue mir dies und das, rief er feierlich, so ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner Tochter das Geringste --
Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich Ihnen sagen, dass nchstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; _ganz_ zu allernchst. _Fr_ oder _gegen_ wen darf ich nicht sagen, doch Herr von Zwerner --
_Von_ Zwerner?
Nun, ich nenne ihn so, man wei ja nicht, was geschieht; an ihn war ich besonders empfohlen vom Frsten, und ich glaube, wenn ich anders richtig schliee, er muss in den nchsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen.
Der Zwerner? Ei, ei! Wer htte das gedacht! Zwar ich sagte immer, hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft. Ei, sehe doch einer! Hlt sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?
Ja.
Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der Effendi? Hat er?
Mein Herr Simon, ich bitte --
O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?
Trauen Sie auf nichts, ich _warne_ Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort wei vielleicht mancherlei und hat nicht das drckende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.
Ei, htte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so auerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen liee? setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwrts drckte, dass sich diese beiden reichen Glieder begegneten und kssten. Das war der Moment, wo er anbeien musste, denn er nagte schon am Kder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nhern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

 4. Das gebildete Judenfrulein
Wie war sie grazis, das heit geziert, wie war sie artig, nmlich honett, wie war sie naiv, andere htten es lstern genannt.
Ich liebe die Tiplomattiker, sagte sie unter anderem mit feinem Lcheln und vielsagendem Blick. Es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de Portugal!_
O gewiss, auch nach _Fleur dorange_ und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?
Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die lteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jngeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschfte treiben, sie mssen Psse visieren, sie mssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfngliches drein is, sie mssen das Papier ordentlich zusammenlegen fr die Sitzungen. Nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute, wohnen in die _chambres garnies_, essen an die _tables dhte_, jehen auf die Promenade schn ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar jewhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.
Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Frulein, ist er wohl echt?
Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heit, Leute von den jutem Ton, wie unser eine.
Ach, was haben Sie doch fr eine schne, gebildete Sprache, mein Frulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?
Finden Sie das ooch? erwiderte sie anmutig lchelnd. Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus.
Was lesen Sie? Wenn man fragen darf.
Nu, Bellettres, Bcher von die schne Jeister. Ich bin abonniert bei Herrn Dring in der Sandjasse, nchst der Weien Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher.
Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?
Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschfte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natrlich jenug. Nee, den Jthe lese ich nie wieder! Das is was Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin -- ach, man kanns jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor --
Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem Gedanken eine erstaunliche Tiefe -- ein Chaos von Mglichkeiten --
Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natrlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere vierhndige Sonaten mit tiefen Basspartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!
Fahren Sie fort, wie gerne hre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen Schriftsteller ber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie wenig hat er fr das Vergngen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so brsselt er doch mit allerliebsten tanzenden Blschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.
O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hlfte, jiet Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und brsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein wohlfeiles Jetrnke. Nee, ich muss sagen, er ist mein Liebling. Und das Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Krper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm lsst es sich dabei einschlafen!
Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gesprch begriffen, rief lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat. Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.
Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hren. Wie werden sie in der nchsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab ich es erraten?
Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muss alles geheim gehalten werden! Muss _einen_ groen Schlag geben. Ist ein Goldmnnchen, der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klren ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein verstndiges Kind und wei zu rechnen, die Rebeckchen.
Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hpfte auf zierlichen Beinchen heran? Was lchelte schon von weitem so freundlich nach der Kalle{67} des Herrn Simon? War es nicht das Grfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwnzelt.
{67: Jiddisch fr Braut.}
Er schnaufte und chzte, als er heran war, und doch konnte er auch in dem Zustand hchster Erschpfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches ses Lcheln nicht unterdrcken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dnnen Beinchen, so mit zierlichen Sprnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schne Jdin und sprach: Habe die Ehre, vergngten Abend zu wnschen. Ich sterbe, mit mir gehts aus!
Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich! Herr Tipplomat, _Eau de Cologne!_ Haben Sie keines bei sich in die Tasche?
So rief das schne Judenkind und beschftigte sich um den Ohnmchtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein _Eau de Cologne_ bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wusste bessern Rat: Da geht einer, rief er freudig, da geht ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trgt bestndig etzliches Klner Wasser in seiner Rocktasche!
Wie ein Pfeil schoss er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit schrecklichen Gebrden das _Eau de Cologne_-Flschchen abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krmer beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lchelte. Mich gehorsamst zu bedanken, lispelte er mit zitternder Stimme, fr die gtigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast als htte ich mehr Bier getrunken als dienlich.
Sind Sie oft solchen Zufllen unterworfen? fragte Rebekka, ihn etwas missfllig betrachtend.
Mitnichten und im Gegenteil, erwiderte er, indem er den Rcken zierlich wendete und drehte, mit den Schultern ber die Brust herausfuhr und mannhaft mit den Sprnchen klirrte. Mitnichten, habe sonst eine beraus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der dicke Pfarrer ...
Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer, wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von Schweinefleisch in ihrer Nhe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem die Erscheinung des Grafen etwas lstig schien, fragte ihn ziemlich boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Mnster Streit und kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit?
Nach meiner Gewohnheit? rief das Kaninchen erschrocken, ich ein Unruhstifter oder Sufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weien Schwan mit meinem Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: Das ist auch so ein _Stein des Anstoes_, auch so ein Mystiker. Herr Pfarrer, sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und will auch fr keinen gelten, am wenigsten ffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim. Sie wollen keiner sein? antwortete er, indem er nher auf mich zutrat, so dass sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drckte. Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben Sie an ffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden- und anderen Hfen geschimpft ber mich, dass ich ein gewisses Gedicht von Langbein{68} in besagter Gesellschaft vorgelesen? Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es knne zarte Damenohren und weiche Gemter unangenehm berhren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, dass ich mich jeden Morgen statt des Frhstcks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der Gartentre lie er mit einer mrrischen Reverenz von mir ab.
{68: August Ernst Friedrich Langbein (1757-1835). Manche seiner zumeist humoristischen Gedichte galten als frivol, in hherem Alter entschrfte er frhere Werke die ihm zu anstig oder zu kritisch gegen Adel und Obrigkeit erschienen.}
Aber was hat denn dies alles zu bedeuten? fragte ich. Halten denn die Pfarrer hier auf der Landstrae Kirche, wie es Sitte war zur Zeit der Apostel?
In Frankfurt, belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, in Frankfurt ist gegenwrtig ein groer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhusern und Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekmpft; und so konnte es leicht geschehen, dass der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die Hnde fiel. -- Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre so fhrt dort der Lord und seine Nichte; nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie steigen aus?
Ah, sie hat mich bemerkt, rief das Kaninchen sehr freundlich, sie schaut schon herber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, dass ich mich entferne. Miss Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen Affren --
Er schlpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen Sprnglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die junge Dame auf den glacierten Handschuh ksste. Es mochte ihr brigens dieses Zeichen seiner Verehrung beraus komisch vorkommen; denn ihr Lachen drang bis zu uns herber, und mit tiefem Bass begleitete sie der Lord, indem er dem Kaninchen das Pftchen schttelte.
Das Gewlk, die Tante Simon, kam jetzt zurck und beklagte sich, dass es schon etwas khl werde. Der Jude lie daher seinen schnen Wagen vorfahren und verlie mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte das Glck, Rebeckchen in den Wagen heben zu drfen, und kam mit ganz verklrtem Gesicht zurck. Sie hatte ihm unter der Tre noch die Hand gedrckt und gestanden, dass sie sich diesen Nachmittag janz frtrefflich amsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.

 5. Der Kurier aus Wien kommt an
Ich knnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergtzliche und Interessante erzhlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt erlebte. Nicht von frheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Sthlen der Kurfrsten stand und den Kaiser whlen half, wo ich so oft unter guten Freunden im Rmer und _beim_ Rmer sa, wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone geschmckt worden war. Nein, von den heutigen Tagen knnte ich dir viel erzhlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie, von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben und Blhen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschrte zwischen seinen Anhngern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden Parteien, das heit -- nur mit schneidenden Zungen und stechenden Blicken. Ich knnte dir erzhlen, wie ich in einem Institut, woselbst man junge Frulein fr die Welt zustutzt, ntzlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen muss, wenn sie in die Welt tritt. Ich knnte dir erzhlen von jener Strae, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren der geringste ber Millionen gebietet.{69}
{69: Die Neue Mainzer Strae. Im Kontext dieser Erzhlung ist anzumerken, dass diese Strae, in der des Satan speziellsten Freunde wohnen, weit entfernt vom jdischen Viertel liegt.}
Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir einen kleinen Abriss zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrger ist an sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schuss kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermgen mit einem ehrlichen Gemt geerbt. Er ging in seinen Geschften den geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden mochte, Winkelzge und Umwege zu machen.
Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend ist.
Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern die Liebe zu der schnen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die se Art, wie ich es ihm eingab. Jetzt ist, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal leicht wird, zu betrgen, das nchste Mal hnliches versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich also genieren? Der groe Gewinn fr mich liegt aber darin, dass die ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrger zu werden, gewhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geschfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Glck zu machen, und unglckliche Spekulanten, von denen die Sage geht, dass sie sich erhngt oder ersuft haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verlie; sie hatten sich selbst verlassen.
Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermden oder sogar abzuschrecken? Oder wie, lie ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verfhren, die behaupten, es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren, ich sei fr einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger Messkatalogus einregistrieren lassen, nicht grndlich genug?
Der Teufel soll es holen! mchte ich mir selbst zurufen. Sobald man vom Wege abgeht, gert man immer mehr auf Abwege, so auch im Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.
Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der Reis-Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky ber das russische Ultimatum geuert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte selbst groen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerckt zu werden schien und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur _trumt_ und im _Schlafe spricht_. Ich hatte diese Nachricht frher vernommen, als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schnen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, dass er beim geringsten Steigen der ... auf groen Gewinn zhlen konnte. Groe Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Der Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, das neidische Gewlk, mochte ahnen, was vorging, und schlich trbe und chzend im Hause umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie das Kpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen.
Der Seufzer war gnzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Glck, besonders in der Nhe der schnen Jdin, wenn er sich die Hhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen frhlich und sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionr zu werden gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen berschwngliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flsterte er ins Ohr, dass er sich wolle adeln lassen und sie zur gndigen Frau Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln wre.
Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mdchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich bersetzen zu lassen nach dem Wldchen, und die Mnner riefen ihnen nach, nur einstweilen alles zuzursten daselbst, weil sie nur noch auf die Brse gingen und bald nachkmen, indem heute nichts Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnde Hexe, zog hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein,{70} sondern in einem eleganten Wagen. Sie hatte ihre schnen Stieftchter bei sich und nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strmpfen einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins Wldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen. Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Gromutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch den dritten und vierten.
{70: Baubo ist eine Gestalt der griechischen Mythologie -- hier bezieht sich Hauff auf die Walpurgisnacht-Szene in Goethes _Faust:_ Die alte Baubo kommt allein / Sie reitet auf einem Mutterschwein ...}
Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Gercht getragen, dass die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schwei und Staub bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Strae, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier; die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Kpfen heraus, um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Straenlrm. Wo kmmt Er hr? Wo will Er hin? riefen sie. In Weien Schwanen, schrie er, ich habe den Weg verfehlt, wo gehts in Weien Schwanen? Der Herr is wohl  Korrier? Freilich, nur schnell, rief er und zog einen Brief mit groem Siegel aus der Tasche, das kmmt von Wien und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im Weien Schwanen. Da an der Ecke gehts rechts, dann die Strae links, dann kmmt Er auf die Zeile, da reitet Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit. So riefen sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann ber die Strae hinber, was wohl die Depesche aus Wien enthalten mchte. Der Kurier war aber niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet.

 6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der Brsenhalle
Im Briefe stand mit drren Worten, dass der Reis-Effendi dem Herrn von Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe, dass die Pforte das Ultimatum, soweit es Russland betreffe, annehmen werde.
Der Seufzer bekam nun die ntige Instruktion, was er zu tun hatte. Er fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R...,{71} dem Papst der Brse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prfte die Depesche genau. Er selbst hatte schon zu oft hnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als dass er so leicht konnte hintergangen werden. Er lie daher ein Licht bringen und prfte zuerst Geruch und Flssigkeit des Siegellacks. Gotts Wunder! sprach er, bedchtlich riechend, Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen. Dann betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand hatte, und -- sie waren richtig.
{71: Anselm v. Rothschild (1773-1855), Sohn von Mayer Amschel Rothschild (1744-1812), des im Frankfurter Ghetto als Sohn eines Altwarenhndlers geborenen Begrnders des Bankhauses Rothschild. Seit 1811 waren Juden in Frankfurt politisch und wirtschaftlich gleichberechtigt.}
Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein kleines Paarmalhunderttausendguldenmnnchen so obenhin behandelt, wie der Lwe das Hndchen, so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle. Er htte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ndern war, machte er gute Miene zum bsen Spiel, dankte, dass man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben knnte, indem er annahm, dieser Kaufmann msse die Preise, die _er_ in Wien fr solche Winke bezahle, berboten haben. Es war Brsenzeit, er selbst fuhr mit auf die Brsenhalle.
_Brsenhalle!_ Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlufiges Gebude vor, wie es der Stadt Frankfurt wrdig wre, mit weiten Slen, Seitengngen, schnen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich aber und lchelt, wenn er in _diese_ Brsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebuden eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen, waschen, Hhner und Gnse fttern und dergleichen solide husliche Hantierungen verrichten knnte. Statt des ehrwrdigen Truthahns, statt der geschwtzigen Hhner und Gnse, statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Kchendame, die hier ihren Salat wscht -- sieht man hier zwischen zwlf und ein Uhr mittags ein buntes Gedrnge. Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen: Brsenhalle. Also in der Brsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hrst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken als mit Worten fragend:  Korrier es Wien? Gotts Wunder! Wer hatn gekriegt?  Fremder, der Zwerner von Dessau. Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der graue Baron, nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler?{72} Waas?
{72: Gebrder Bethmann (gegr. 1748) und B. Metzler seel. Sohn & Co. (gegr. 1674) waren fhrende (nichtjdische) Frankfurter Bankhuser.}
Was hatr gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?
Wie werden se stehen! Wer kanns wissen, solange der Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Brsenhalle!
Levi! hat ers Oltematm angenommen, der Reis-Effendi? Hat er, oder hat er nicht? Wie werden se stehen?
Ich habs genug, s is a Vertel auf Eins, und noch will keiner verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wr nur der Zwerner aus Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Strae. Wirst sehen, s wird geben  graue Operation! Der Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, a er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter!
Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um Vertelpurzent!
Wie stehts mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag, die Metalliques, wie stehen se?
A ich der sag, ich wei nicht, wo mer steht der Kopf, wei heut keiner, wer is Koch oder Keller? A ich nicht kann riechen, wie se stehen, die Mettaliques!
Pltzlich entsteht ein Gerusch, ein Gedrnge nach der Tre zu. Ein Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange Hlse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Mnner arbeiten sich durch die Menge und stellen sich ernst und gravittisch an ihren Platz zur Seite, wie es wohllblicherweise auf anderen Brsen der Brauch ist, wo nur die Mkler umherlaufen und sich drngen. Es war der groe Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche ausfhren zu wollen, whrend er doch die Sinne bedchtlich und gesetzt beisammen behalten musste, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und einer schneeweien Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so dass sein Volk gleich sah, es msse was ganz Auerordentliches sich zugetragen haben.
Jetzt nahten die Kufer und Verkufer und fragten nach den Preisen. Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger in den Mund, sie fluchten ebrisch und syrisch auf den Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fe, kurz auf alles, selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Brsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklren! Das Ultimatum ist angenommen, scholl es durch den Hof, der Reis-Effendi hat zugesagt, hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Mnner nur entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nhere Umstnde angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die sterreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und ein halbes Prozent. Mehrere Huser, die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Brsen-)Hause zu verdanken, dass ihm noch einige Sttzen untergeschoben wurden.
Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der Frankfurter Brsenhalle:
Metalliques 87 5/8.
Bethmnnische 75 1/2.
Rothschildische Lose 132.
Preuische Staatsschuldscheine 84.
An den brigen war nichts gendert worden.

 7. Die Verlobung
Dieses kleine Brsengemetzel entschied ber das Schicksal des Seufzers aus Dessau. In den zwei nchsten Tagen wirkte er durch die groe Menge Metalliques, die er in Hnden hatte, mchtig auf den Gang bei Geschfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten vollkommen besttigt wurden, da drngte sich alles um den hoffnungsvollen, spekulativen Jngling, um den genialen Kopf, der auf unglaubliche Weise die Umstnde habe berechnen knnen.
Seine Zurckgezogenheit zuvor galt nun fr tiefes Studium der Politik, seine Schchternheit, sein geckenhaftes Sthnen und Seufzen fr Tiefsinn, und jedes Haus htte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit diesem sublimen Kopf sich nher zu verbinden. Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht frmlich sanktioniert ist und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit groer Tapferkeit alle Strme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Tranchen der Million, selbst aus den Salons der neuen Mainzer Strae mit glhenden Liebesblicken und Stckseufzern auf ihn gemacht wurden.
Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und Glcksgter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er sah es als eine glckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen musste; denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte, glaubte er nie fehlen zu knnen.
Frulein Rebekka ging ohne vieles Struben in die Bedingungen ein, die ihr der Zrtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung versprte, ein Jude zu werden, so hielt er es fr notwendig, dass sie sich taufen lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein und gab dafr auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert wrde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fr die Stunde hatte bezahlen mssen. Sie selbst legte dafr dem Dessauer die Bedingung auf, dass er sich fr einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen und in dem jttlichen Frankfort leben msse.
Er ging darauf freudig ein und berlie mir dieses diplomatische Geschft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pnktlich ein, was ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte frs erste sein Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z.B. dass das ganze Geschft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande kommen knnen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich ber die Achsel an und erinnerte sich meiner sehr gtig als eines Menschen, mit welchem er im Weien Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.
Was mich brigens am meisten freute, war, dass er die Strafe seines Undankes in sich und seinen Verhltnissen trug. Es war vorauszusehen, dass seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten. Missglckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf sein blindes Glck und seinen noch blinderen Verstand trauend, unternahm, verlor er erst einmal fnfzig- oder hunderttausend und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hlle fr ihn schon auf Erden an.
Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst Gndige Frau von Zwerner, so war zu erwarten, dass die Liebesintrigen sich hufen wrden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Snder, wie Graf Rebs, fremde Majors mit glnzenden Uniformen waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergngen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachlsst und damit zugleich sein Vermgen, wenn man das glnzende Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der kstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muss in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gndige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und gro, mit Ellenwaren und Bndern, ganz klein und unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!
Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Da war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde ungemein viel Gnseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu verfertigen; ein Hammel wurde geschchtet, um kstliche Ragouts zu bereiten.
Der geneigte Leser errt wohl, was vorging in dem gesegneten Hause? Nmlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares. Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gnsefett abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schnsten jdischen und christlichen Frulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das brachte ihn einigermaen in Verlegenheit, dass nicht weniger als zwanzig Frauen und Frulein zugegen waren, mit denen er schon in zrtlichen Verhltnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er berall umherhpfte und jeder Dame zuflsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes Herz gefesselt. Die bergroe Anstrengung, zwanzig auf einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fnf gebracht hatte, richtete ihn aber dergestalt zugrunde, dass er endlich elendiglich zusammensank und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden musste.
Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anstndig; denn als er am Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka das Silber ordnete und zhlte, riefen sie einmtig und vergngt: Gotts Wunder! Gotts Wunder! Was war das fr noble Gesellschaft, fr gesittete Leute! Es fehlt auch nicht ein Kaffeelffelchen; kein Dessertmesserchen oder Zuckerklmmerchen ist uns abhanden gekommen! Gotts Wunder!


 Der Fluch (Eine Novelle) (Fortsetzung)

Man kann sich denken, dass ich in Rom immer viele Geschfte habe. Die _heilige Stadt_ hatte immer einen berfluss von Leuten, die in der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.
Man wird sich wundern, dass ich eine Klassifikation der _guten Leute_ (von andern Snder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, dass nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben werden knne. Es ist dies besonders in Stdten wie Rom unumgnglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen _guter Leute_ vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Frsten, der die Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um dreiig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da muss man Klassen haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein in: Erste Klasse, mit dem Prdikat _recht gut_, solche, die geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c. Zweite Klasse, _gut_; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten unter sich fr Heiden, bei Vernnftigen fr liberale Mnner, bei der Menge fr fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Trken und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prdikat _mittelmig_ sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschtteln andeuten. Es sind jene, die sich selbst fr eine Art von Gott halten, mgen sie nun Ablass verkaufen oder als evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Separatfrieden mit dem Himmel abschlieen; der letzteren gibt es brigens in Rom wenige.
Es lsst sich annehmen, dass das Innere dieses Systems, die verschiedenen bergnge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ndern. Geld, Sitten, der Zeitgeist ben hier einen groen Einfluss aus und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig.
Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht unterlassen will, weil sie vielleicht fr manchen Leser meiner Memoiren von Interesse sein mchten.
Ich ging eines Morgens unter den Sulengngen der Peterskirche spazieren, dachte nach ber mein System und die Vernderungen, die ihm durch die Missionre in Frankreich und das berhandnehmen der Jesuiten drohte; da stie mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer interessanten Beziehung zu mir gestanden haben musste. Ich stand stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker, schner junger Mann; seine Zge trugen die Spuren von stillem Gram; dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener -- ein Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, dass ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem ewigen Juden einen sthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme Persnlichkeit mir damals ein so groe Interesse eingeflt hatten. Er war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzhlt hatte, das ich fr wrdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen.
Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der dstere Himmel seines Landes und die se Langeweile der sthetischen Tees im Hause seiner Tante so drckend wurde, dass er sich unter eine sdlichere Zone flchtete? Ich beschloss, seine Bekanntschaft zu erneuern, um ber jene interessante Begegnis, dessen Erzhlung der Jude unterbrochen, um ber ihn selbst, ber seine Schicksale etwas Nheres zu vernehmen. Er stand an einer Sule des Portals, den Blick fest auf die Tre gerichtet; fromme Seelen, schne Frauen, junge Mdchen strmten aus und ein. Ich sah, er blieb gleichgltig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Tre; war es die Form dieses Hutes, waren es die weien, wallenden Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte, was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dnkte? Noch konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glnzten, ein Lcheln der erfllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen rteten sich, er richtete sich hher auf und schaute unverwandt den Sulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, ses Wesen heranschweben.
Wer, wie ich, erhaben ber jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf der Erde qult, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch Liebe oder Hass oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues, Originelles. Ich gedachte unwillkrlich jener Worte des jungen Mannes, wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzcken er uns ihr Auge beschrieb -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, dass diese liebliche Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rtselhafte Dame eine und dieselbe sei.
Ein glhendes Rot hatte die Zge des Jnglings bergossen. Er hatte den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengru oder eine freundliche Rede auf den Lippen, und berrascht von der stillen Gre des Mdchens sei er verstummt. Auch sie errtete, sie schlug die Augen auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn, hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.
Der junge Mann sah ihr mit trben Blicken nach, dann folgte er langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen. Ich ging ihm einige Straen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus, wo sich die deutschen Knstler zu versammeln pflegen. Hatte schon frher dieser Mensch und seine Erzhlung meine Teilnahme erregt, so war ich jetzt, da ich Zeuge eines flchtigen, aber bedeutungsvollen Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in welchem Verhltnis der Berliner zu dieser Dame stehe; dass es kein glckliches Verhltnis, kein gewhnliches Liebesverstndnis war, glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu haben.
Man wird sich erinnern, dass ich als hoffnungsvoller Zgling des ewigen Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge Herr sa in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden; aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem Schluss dieses riesengroen Briefes zu blicken -- es waren wenige Zeilen von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.
Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen? fragte ich in deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.
Der bin ich, antwortete er, indem er den dsteren Blick von dem Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes erwiderte.
Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so glcklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu genieen, den vorzglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergesslich machen.
Im Hause meiner Tante? fragte er, aufmerksamer werdend. Wie, war es nicht ein hchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige mnnliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere mich, ich musste etwas erzhlen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir leider entfallen.
Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit --
Ah -- mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere ich mich ganz; er war so unglcklich, allen Damen, ohne es zu wollen, Sottisen zu sagen und berschnappte endlich, nmlich mit dem Stuhl?
So ists; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon lange hier bekannt?
Ein melancholisches Lcheln zog um seinen Mund. O ja, bin schon lange hier bekannt, antwortete er dster. Ich war frher in Geschften hier, jetzt zu -- meiner Erholung.
Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante; mein Hofmeister brachte mich damals um einen kstlichen Genuss. Sie erzhlten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt. Ihre Erzhlung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen, die uns ber vieles, namentlich ber Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklrt htte, da zerstrte mein Mentor durch seinen Fall meine schne Hoffnung; ich war gentigt, mit ihm den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Mglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen mchte ergangen sein; ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schnen Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhltnis zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten sie passen.
Der junge Mann war whrend meiner Reden nachdenklich geworden; es schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventre; er blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.
Ich erinnere mich, sagte er, dass wir damals alle bedauerten, Ihre Gesellschaft entbehren zu mssen. Sie waren uns allen wert geworden, und die Tanten behaupteten, Sie htten etwas Eigenes, Anziehendes, das man nicht recht bezeichnen knne, Sie htten einen hchst pikanten Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschdigt haben; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?
Ich sah ihn staunend an. Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante gesehen zu werden als an jenem Abend.
Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam aber immer wieder darauf zurck, mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin? fragte ich endlich. Ich war seit jenem Abend nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England. Sehen Sie einmal in meinen Pass, welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht habe!
Er warf einen flchtigen Blick hinein und errtete. Verzeihen Sie, Baron! rief er, indem er meine Hand ungestm drckte. Vergeben Sie, ich hielt Sie fr einen Spion meiner Tante.
Ihrer Tante? Fr einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?
Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers pltzlich und ohne Urlaub verlassen habe; sie bestrmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie wandten sich an die preuische Gesandtschaft hier; sie fand aber nichts Verdchtiges an mir und lie mich ungestrt meinen Weg gehen. Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut sein, man werde einen Spion in meine Nhe senden, um alle meine Schritte zu bewachen.
Ists mglich? Und warum denn dies alles?
Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf, die -- ein andermal davon -- die ich nicht erfllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich fr den Spion. Vergeben Sie mir doch?
Unter zwei Bedingungen, erwiderte ich ihm, einmal, dass Sie mir erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu sein. Halten Sie mich nicht fr indiskret, es ist wahre Teilnahme fr Sie und der Wunsch, Ihnen ntzlich zu werden. Sodann -- teilen Sie mir, wenn es Ihnen anders mglich ist, den Schluss Ihres Abenteuers mit.
Den Schluss? rief er und lachte bitter. Den Schluss? Ich wnschte, es schlsse sich, knnte es auch nur mit meinem Leben schlieen. Doch kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Knstler kommen um diese Zeit hierher, wir knnten nicht ungestrt reden; wer wei, ob man, nicht einen von ihnen zu meinem Wchter ersehen hat.
~
Ich folgte Otto von S. -- so hie der junge Mann -- unter die Arkaden. Er legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf und ab; er schien mehr nachdenklich als zerstreut.
Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflt, hub er lchelnd an. Ich habe ber den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch besttigt. Es ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien Sie ein Wesen, das ich lngst kannte, als seien Sie schon jahrelang mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmtige, Ehrliche, was an den Deutschen sogleich auffllt, was bewirkt, dass man ihnen gerne vertraut; Sie haben fr Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht immer das besttigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fhle ich, dass mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus fhrte, ich fhle auch, dass man Ihnen trauen kann, mein Lieber.
Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, dass sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich brigens, wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflt. Es ist vielleicht der rege Wunsch, Ihnen dienen zu knnen, was Ihnen einiges Vertrauen gibt?
Mglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlsse ber mich und mein Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzhlte Ihnen, wie ich mit Luise von Palden bekannt wurde --
Erlauben Sie, nein! Diesen Namen hre ich zum ersten Male. Sie erzhlten uns, dass Sie eine junge Dame in den Lamentationen der Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkrlich so in die Stelle des Liebhabers, dass Sie das Mdchen sogar liebten --
Und _wie_ liebe ich sie! rief er bewegt.
Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall fhrte endlich das schne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber Freund, bentzen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen so angenehm ist, fortzufhren. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte Liebhaber und Sie -- erblicken sich. Bis hierher hrte ich damals. Sie knnen sich denken, wie begierig ich bin, zu hren, wie es Ihnen erging.
Ich gestehe, fuhr Herr von S. fort, mir selbst fiel die hnlichkeit dieses Mannes mit meinen Zgen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung berraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch fr die groe hnlichkeit unserer Zge, so auffallend sie ist, hat man Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre hnlichkeit war so gro, dass man sie gewhnlich miteinander verwechselte; der eine starb, der andere, ein armer Teufel, wusste sich seine Papiere zu verschaffen, reiste nach Frankreich zurck und lebte mit der Frau des Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.{*}
{*: Die Mglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall, der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Wrttembergischen zutrug. Zwei Zwillingsbrder sahen sich tuschend hnlich. Der eine ttete einen Mann und floh. Er wusste, dass sein Bruder, der in Bregenz in einem sterreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mrder wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, lie sich als Deserteur gefangen nehmen und viermal Spieruten jagen. Er diente einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen Zufall entdeckt wurde.}
Der Herr und die Dame schienen nicht weniger berrascht als ich; die letztere errtete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde ihr wohl mit einem Male klar, dass es schon an jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zrtlich bewiesen. Der Herr mit meinen Gesichtszgen fragte mich in etwas barschem Ton in schlechtem Franzsisch, wie ich dazu komme, diese Komdie zu spielen. Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im Gefhl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen zu mssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst verleitet habe. Sie selbst? rief bei diesen Worten jener Mann, und seine Zge verzogen sich immer mehr zum Zorn. Sie selbst? Es ist ein abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch ich will nicht stren. -- Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise -- o, ich habe sie nie so s, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit aller Hingebung der Zrtlichkeit an diesem Manne zu hngen; sie ergriff bebend seine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tnen; sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zrnend zum Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schnheit darstellte. Es ist etwas Schnes um ein Mdchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es ist etwas Heiliges, mchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe, das Zittern zrtlicher Angst und diese Trnen in den blauen Augen, dieses Flstern der sesten Namen von den feinen Lippen und diese Rte der Angst und der Beschmung auf den zarten Wangen, es ist ein Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreienden Gewalt.
Ich kenne das, unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form wieder lieblicher schien, ich kenne das; so was Heiliges, so was Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Ses, Bitterschmerzliches, kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so hnlich?
Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stie sie zurck, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mdchen setzte sich weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Rmer an dem Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fhlte inniges Mitleid mit ihr, ich fhlte mich tief verletzt, dass ein Mann eine Dame, ein Liebender die Geliebte so schnde beleidigen knne. Mein Herr, sagte ich, das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht berzeugen, dass die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht. -- Eines Mannes von Ehre? rief er, hhnisch lachend; so kann sich jeder Tropf nennen. Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Hflichkeit nicht weiter beobachten zu mssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen, flsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Strae zu, in welcher ich wohnte, und verlie ihn.
Es waren widerstreitende Gefhle, die in meiner Brust erwachten, als ich zu Haus ber diesen Vorfall nachdachte. Ich musste mir gestehen, dass ich unbesonnen, tricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern bei diesem Mdchen zu bernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so berraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend, so anziehend, dass wohl keiner der Versuchung widerstanden htte. Aber musste mich nicht schon der Gedanke zurckschrecken, dass es ihr bei dem Geliebten schaden knnte, traf er uns beide zusammen. In welch ungnstigem Lichte musste ich, musste auch sie ihm erscheinen!
Und doch -- wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor sich selbst zu entschuldigen wsste? Ich fhlte, dass ich dieses unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe! Und weil ich sie liebte, hasste ich den begnstigten Mann. Er war ein Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?
Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen, schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora Maria Campoco, dem berbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses Namens, ich fragte den Diener nach der Strae, er nannte mir eine, von welcher ich nie gehrt hatte. Eine Ahnung sagte mir brigens, dieser Brief knnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhngen; ich entschloss mich, zu folgen. Der Diener fhrte mich durch viele Straen in eine Gegend der Stadt, die mir vllig unbekannt war. Er bog endlich in eine kleine Seitenstrae; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte.
Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Tre der Diener aufschloss; ber einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem brigen Ansehen des Hauses bereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, erscholl das Klffen vieler Hunde, die Tre ffnete sich -- aber nicht meine Schne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ltliche Frau trat, umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.
Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri, und wie die Klffer alle hieen, ber den Anblick eines fremden Mannes beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie sagte mir sehr hflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das Verlangen, das schne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu entschuldigen, gab mir eine _Notlge_ ein: ich fragte sie in so miserablem Italienisch als mir nur mglich war, ob sie Franzsisch oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, dass ich der italienischen Sprache durchaus nicht mchtig sei. Sie besann sich eine Weile, sagte dann, ich knnte in _ihrer Gegenwart_ mit ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.
Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschmt fhlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswrdiger zu scheinen, der ihren Irrtum auf so indiskrete Art bentzte! Die hndische Leibwache der Signora verkndete, dass sie nahe. Ich fhlte seit langer Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fhlte, wie ich errtete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.
Sie kam; sie dnkte mir in dem einfachen, reizenden Neglig lieblicher als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwchen. Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus fhrt, sprach sie mit jenen klangvollen Tnen, die ich so gerne hrte; Sie mssen selbst gestehen, setzte sie hinzu, aber sei es, dass die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berhrte, sei es, dass sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht _mehr_ als Ehrfurcht ausdrckten, sie schlug die Augen nieder, errtete aufs neue und schwieg.
Ich fasste mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich erzhlte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen knnen, aus Furcht, sie mchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu drfen, da wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder _einer_ Heimat nur _eine_ groe Familie sein sollten.
Eine gefhrliche Verwandtschaft, unterbrach ich den jungen Berliner, indem ich mich im stillen ber seine jesuitische Logik freute; wie? brachte die Dame nicht das _Corpus Juris_ und den ... gegen Sie in Anwendung? In Schwaben mchte zur Not ein solches Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren und Knechte, Norden und Sden, unsere Leute nennen; aber Deutschland? Bedenken Sie, dass es in zweiunddreiig Staaten geteilt ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband mglich? Wenn sie sich im Himmel oder in der Hlle treffen, so heien sie nur sterreicher, Preuen, Hechinger und frstlich reuische Landeskinder!
Luise mochte auch so denken, fuhr er fort. Doch ntigte ihr meine Deduktion ein Lcheln ab; es schien ihr angenehm, ber diese Punkte so leicht weggehen zu knnen. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum veranlasst zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schne Hand zu kssen. Doch ihre Blicke werden wieder dster. Sie sagte, wie sie nur zu deutlich bemerkt habe, dass ich tief beleidigt weggegangen sei, dass dieser Streit noch eine gefhrlichere Folge haben knne. Ihr Auge fllte sich mit Trnen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, _ihn_, der sie selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zrtlicher Wrme fr den Mann, der so ganz vergessen hatte, dass die wahre Liebe glauben und vertrauen msse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenber gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wre glcklich, selig gewesen, htte dieses Mdchen so von _mir_ gesprochen!
Ich fragte sie, ob sie in _seinem_ Auftrag mir dieses sage. Sie war betreten, sie antwortete, dass sie gewiss wisse, dass es ihm leid sei, mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war sie jetzt! Sie scherzte ber ihren Irrtum, sie verglich meine Zge mit denen ihres Freundes, sie glaubte, groe hnlichkeit zu finden, und doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen, meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Missgriff erkannt habe. Sie rief ihrer Tante zu, dass sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.
Signora Campoco, die whrend der ganzen Szene am Fenster gesessen und bald die Leute auf der Strae, bald ihre Hndchen, bald uns betrachtet hatte, kam freundlich zu mir, dankte fr meine Geflligkeit, ihr Haus besucht zu haben, und bemerkte, sie htte nie geglaubt, dass unsere barbarische Sprache so wohltnend gesprochen werden knne. Sie sehen, ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch ein Stndchen mit Frulein von Palden geplaudert htte, so neugierig ich war, ihre Verhltnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu erfahren -- der Anstand forderte, dass ich Abschied nahm, mit dem unglcklichen Gefhle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten zu knnen. Signora, sie htte sich vielleicht gekreuzt, htte sie gewusst, dass ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heie, mit welchem ich das Glck gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errtete und sagte: Er will zwar hier nicht gekannt sein und so zurckgezogen als mglich leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich mchte so gerne, dass Sie Freunde wrden. Er heit ... und wohnt ....
So etwas breit nach Art der lieben Jugend hatte mir der junge Mann den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzhlt; ich hrte ihm gerne zu, obgleich nichts peinlicher fr mich ist, als eine lamentable Liebesgeschichte recht lang und gehrig breit erzhlen zu hren; aber interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzhlte. Sein ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefhle widerzustrahlen, seine Zge nahmen den Charakter dsterer Wehmut an, wenn er sich unglcklich fhlte, und ein angenehmes Lcheln erheiterte sie, wenn er mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Pltzlich, als er mir eben erzhlte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drckte er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. So muss der Teufel diesen Pfaffen doch berall haben! rief er und wandte sich unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn berall haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen knne.
Sehen Sie nicht hin, sonst mssen wir gren, gab er mir zur Antwort, ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten.
Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Strae zu werfen, und sah wirklich ein hchst ergtzliches Schauspiel. Die Strae herauf kam ein hoher Prlat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon lngst als einer der zweiten Klasse mit dem Prdikat _gut_ auf meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine groe, majesttische Gestalt mit stolzer Wrde; sein weies Haar, von einem einfachen, roten Kppchen bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich reich nennen konnte. Gewlbte Brauen, groe Augen, eine Adlernase, die Unterlippe etwas bermtig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und krftig. ber das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen eines Ende er in malerischen Falten ber den Arm gelegt hatte; das andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend, sein Diener, ebenfalls ein Mnch, ein drres, bleiches Geschpf, dessen tckische Augen nach allen Seiten sphten, ob Seine Eminenz von den Glubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebhrt, begrt wrden.
Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche Erscheinung in _diesen_ Straen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren der ewigen Stadt.
Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Phariser, flsterte der junge Mann, mit den Zhnen knirschend. Sehen Sie, wie der Pbel sich zum Handkuss drngt, mit welcher Wrde, mit welcher Grazie er seinen Segen erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wssten, was ich von ihm wei, sie wrden diesem Phariser, diesem Verflscher des Gesetzes die Insignien seiner Wrde vom Leibe reien, oder sie wren wert, von einem Trken beherrscht zu werden.
Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann? Was hat er Ihnen zuleid getan? Hngt er mit Ihren Abenteuern zusammen? Ich musste lange fragen, bis er mich hrte; denn er schaute mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte Verwnschungen wie ein Zauberer.
Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das -- doch Sie werden mehr von ihm hren; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht schwrzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Snden zu; aber trotzdem, dass er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!
Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmglich konnte ich glauben, dass sein Protestantismus so tief gehe, dass er jeden, der _violette Strmpfe_ trug, in die Hlle wnschen musste. Er hatte sich wieder gesammelt. Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt mache. Doch jetzt noch einiges zum Verstndnis meines Abenteuers. Die Geschichte mit ... war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir, der mir erklrte, dass jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, dass Luisens Geliebter frher Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.
Um diese Zeit kam die Schwester des schsischen Gesandten nach Rom, sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufllig zugegen, und -- stellen Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hrte, wie sie eine andere Dame fragte, ob nicht ein Frulein von Palden hier lebe. Ich wandte mich unwillkrlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Errten, mein Entzcken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schnes, Luisens Namen aus einem fremden Munde zu hren. Jedoch keine der anwesenden Damen wollte von ihr wissen, und ich fhlte mich nicht berufen, unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.
Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer groen Anteil an Landsleuten zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als dass man seine Verwunderung laut darber aussprach, dass ein deutsches Frulein in Rom lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie? Ist sie schn? Wie kommt sie nach Rom? fragte man einstimmig, und wie lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich ber das interessante Wesen etwas zu hren.
Sie erzhlte, wie sie in ...th Luise kennen gelernt, die damals durch ihr schnes uere, durch ihre Liebenswrdigkeit, ihren Verstand die ganze Stadt beschftigt, ihre nheren Bekannten bezaubert habe. Umso auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich zwischen einem Offizier, einem brgerlichen Subjekt, und der Tochter des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe auer seiner schnen Figur und einem blhenden Gesicht keine Vorzge, nicht einmal gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewusst, das mit einem Teil der franzsischen Armee nach Spanien bestimmt war. Man habe sich in ...th allgemein gefreut ber die Art, wie sich Frulein von Palden in diese Wendung fgte; doch bald erfuhr man, dass die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei, sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt wrden. Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurck, doch nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in Luisens Nhe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten. Seine Kameraden schwiegen hartnckig hierber, und doch gab es einige Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die von einer Entfhrung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, dass Herr ..., so hie der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine Rmerin; das Frulein entschloss sich auf einmal zu groer Verwunderung der Stadt ...th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.
So viel wusste die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug, um ihr Verhltnis zu ... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben knnte, nach Rom zu gehen; oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht, da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhngig ist?
Ich qulte mich mit diesen Gedanken. Ich htte so gerne mehr und immer mehr von dem holden Kind erfahren; ich fhlte lebhaft den Wunsch, sie wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so leicht mglich machen knnte. Ich durfte ja nur der Schwester des Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewiss sein, sie schon in den nchsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen. Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfllt.
Ein Bekannter des Herrn von S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach zu meinem groen rger die Erzhlung. Ich machte noch einige Gnge mit ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, dass der Bekannte sich nicht entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging mit dem Vorsatz, ihn am nchsten Morgen zu besuchen. Ich muss gestehen, ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu finden, weil sie mir in eine gewhnliche Liebesgeschichte auszuarten schien. Doch zwei Umstnde waren es, die mir von neuem wieder Interesse einflten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hren. Ich erinnerte mich nmlich, wie berraschend sein Anblick, sein ganzes Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewhnliche Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mhlendamm ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so anziehender dnkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene Hlle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende Seele umgeben. Er schien ein Unglck zu kennen, zu teilen, das ihn unausgesetzt beschftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten in einem sthetischen Tee zurckfhrte.
Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich hatte dort bemerkt, dass er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war gekommen, aber es schien kein frhliches Zusammentreffen. Sie schien ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie schien etwas zu verlangen, das er nicht erfllen konnte; wie schwer musste es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mdchen durch keine Silbe zu antworten! Er lie sie gehen, wie sie gekommen, aber dann sandte er ihr Blicke voll zrtlicher Liebe nach. Warum sagte er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt musste sie ber ihn ausben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blden Bescheidenheit zurckzuweisen? Wieviel es sie koste, sah ich an ihrem Auge, in welchem eine Trne perlte, als sie weiterging.
Diese Fragen drngten sich mir auf, als ich ber den jungen Mann und die rtselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus, sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf die Resultate seiner Geschichte sieht: Es wiederholt sich alles im Leben; aber _wie_ es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner kurzen Spanne Zeit wchst und ringt und strebt und gegen die alte Notwendigkeit ankmpft, das ist ein Schauspiel, das sich tglich mit ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen gesttigt, vom Anschauen der Kmpfe groer Massen ermdet ist, senkt sich gerne abwrts zum kleineren Treiben des Einzelnen. Drum mge es keinem jener verehrlichen Leute, fr die ich meine Memoiren niederschreibe, kleinlich dnken, dass ich in Rom, wo so unendlich viel Stoff zur Intrige, ein so groer Raum zu einem diabolischen Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse. --
Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf der Tiber. Wir hatten eine der greren Barken bestiegen und die freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte, wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwl und wirkte selbst mitten im Flu so drckend und ermattend auf die Menschen, dass unser Gesprch nach und nach verstummte. Ich vernahm jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Mnner und eine Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schlieen konnte. Sie sprachen aber etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltnendes Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein franzsisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Englnder erkennt.
Ein kleiner Riss in der Gardine des Zeltes lie mich die kleine Gesellschaft berschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede entstrmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenber sa eine Dame, schon ber die erste Blte hinaus, aber noch immer schn zu nennen. Ihre beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas nachlssiges Kostm, dessen Schuld der schwle Abend tragen musste, zeigten, dass sie mit den ersten Dreiig die Lust zum Leben noch nicht verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flchtigen Anblick Otto von S. zu erkennen. Doch die Zge des Mannes im Zelte waren dsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des Berliners -- ich war keinen Augenblick im Zweifel, es musste sein Doppelgnger sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbrden wollte?
Gilt dir denn meine Liebe, meine Zrtlichkeit gar nichts? hrte ich die Dame sagen. Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein einziges Wort kann uns glcklich machen. Du sagst immer morgen, morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?
Mein Sohn, sprach der Kardinal, ich will nichts davon sagen, dass Euer langes Zgern, Eure fortwhrende Weigerung fr unsere heilige Kirche Beleidigung ist. Ich wei zwar wohl, nicht Ihr seid es, der diese Zgerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen Irrtmer, was Euch die Wahrheit nicht sehen lt; aber beim heiligen Kreuz, den Ngeln und der heiligen Erde beschwre ich Euch, folget mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Scho der Kirche zur Verherrlichung Gottes.
Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schnes Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im Zelte zu haben schien -- da kann es nicht fehlen! -- Er seufzte, er blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an. Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun, sagt er, mein Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?
Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr? O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrnnige! Es ist also nur eine Rckkehr, kein bertritt, keine Ableugnung eines frheren Glaubens. Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstckelte?
Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine berzeugung. Ich msste mich ja vor ganz Deutschland schmen.
O verstockter Ketzer! Schmen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der Herr von Haller,{73} auch geschmt? Schmen! Wie ein Heiliger wrdet Ihr dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schmen? Hat sich der treffliche Hohenlohe{74} geschmt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu verrichten? Es sei gegen Eure berzeugung, saget Ihr? Da sieht man wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen! Zu was denn immer berzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am Glauben, dass er von selbst wirkt ohne berzeugung. Gesetzt, Ihr wret krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der Christenheit. Ihr seid nicht berzeugt, dass er der alleinige wahre Arzt ist; aber Ihr lasst Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und siehe, sie wirken auf Euren Krper ohne berzeugung, gerade wie unser Glaube auf die Seele.
{73: Karl Ludwig von Haller (1758-1854), Professor fr Geschichte und Staatsrecht sowie Ratsmitglied in seiner Heimatstadt Bern, trat 1821 zum Katholizismus ber, woraufhin er alle mter verlor und aus Bern verbannt wurde.}
{74: Alexander Prinz zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfrst (1794-1849), katholischer Theologe, Titularbischof, bekannter Wundertter.}
Otto, sprach Dame Ines mit schmelzenden Tnen, teurer Otto! Siehe, wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt htte, ich msste ja schon lngst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und dann ein Weib auf ewig glcklich zu machen, das dir alles opferte! Und bedenke die schne Villa an der Tiber und das kstliche Haus neben dem Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur Ausstattung schenken. Bist du nicht gerhrt von so vieler Liebe?
Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn, fuhr der beredte Mann mit dem roten Hute fort, nicht verhehlen kann ich es Euch, dass man im Lateran noch heute von Euch sprach, dass es sogar Seiner Heiligkeit selbst auffllt, dass Ihr so lange zgert. Bis ber acht Tage naht ein groes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre zu tun, bietet sich Euch dar!
Wozu doch diese ffentlichkeit? fragte Otto. Ich hasse dieses Rhmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer Kapelle die Zeremonie verrichten. Was ntzt es Euch, ob ich laut und offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es ttet sie, wenn sie es hrt!
Elender! rief die Dame, indem sie in Trnen ausbrach. Sind _das_ deine Schwre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert, und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich nieder in ihre Fesseln; aber wisse, dass ich mich in die Tiber strze! ber meine armen Wrmer, meine unglcklichen Kinder, mag sich Gott erbarmen!
Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure Trnen, schne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will einen vterlichen Kuss auf Eure Augen drcken, so. Und Ihr, wisset Ihr nicht, dass Ihr Euch versndiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken wusste? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, dass sie in einem strafwrdigen Verhltnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und Sprache angenommen hat?
Welch einfltiges Mrchen! rief der junge Mann. Was wollet Ihr auch den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf, dem ich das Mdchen nicht gnnen mag, wenn sie mich auch zehnmal betrog!
Mein Sohn, die heilige Jungfrau schtze uns, aber der Satan selbst ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo getrumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle seine Trume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der hllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen. Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch selbst dieses Gestndnis ber ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin Rcksicht nehmen! -- Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe, fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein groes Papier entfaltete. Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland ffentliche Ketzer, insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!
Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er denn wirklich dieser Schrift trauen drfe. Donna Ines, welche bemerkte, welch gnstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Kssen der Andacht.
Nicht wahr, fuhr Rocco fort, da stehen wohlklingende Namen? Professoren, Grafen, Frsten sogar. Freilich, diese Leute knnen nicht so ffentlich sich erklren, Freundchen. Die Politik, die Rcksicht auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im _Herzen_ sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar ffentlich erklren und seine Irrtmer abschwren. Der da oben wird auch einen tchtigen Schritt vorwrts tun. O! und bedenket, was erst in Frankreich, selbst in England fr uns getan wird, bald, vielleicht erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns zurckgekehrt sein. Wie herrlich muss dann ein Name, wie der Eurige, leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere heiligen Tafeln verzeichnet wurde!
Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, dass, wenn ich zu Eurer Kirche abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer Heimlichkeit. Sie gelten von auen fr echte Lutheraner, und was haben sie davon, dass sie von innen rmisch sind?
O Einfalt! Es ist gut, dass Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert habt. Ihr wret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schne an unserer Kirche? He? Nicht nur, dass sie die alleinseligmachende; dass sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hlle, eine Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen Grnden kann man annehmen, dass keine Seele von den Unserigen lange im Fegefeuer oder gar in der Hlle verweilt, wenn sie auch ohne Beichte abfhrt. Antonio Montani hat berechnet, dass im Durchschnitt hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hlle und ebensoviele im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, dass seit eurer verfluchten Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Trken und zehn Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertundzwanzig.
O, wie gut haben wir es, hochwrdiger Herr! sagte Ines mit zauberischem Lcheln. Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen, in der Gesellschaft des Teufels und seiner Gromutter? O Gott! es ist nicht mglich!
Sodann weiter, fuhr der Salbungsvolle fort, euer Erzketzer in Berlin, der Schleiermacher,{75} nimmt selbst an, dass alle Menschen prdestiniert sind, und zwar so beilufig die Hlfte zum Bsen. Diese mssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hlle an. Der Mann hat vernnftige Gedanken und wre wert, einst nur ins Fegefeuer zu kommen. Aber das wei er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal prdestiniert, zur Hlle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir knnen ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken. Nun, und wenn man annimmt, dass das Fegefeuer hundertundzwanzig Millionen fasst und darunter hundert Millionen Trken und zwanzig Millionen Ketzer, so ist, wei Gott, auch dort wenig Raum fr eine etwas liederliche Seele.
{75: Friedrich Schleiermacher (1768-1834), evangelischer Theologe, Altphilologe und Philosoph.}
Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet mir doch Eure Sache nicht noch lcherlicher. Eure Seelenassekuranz kann mich nicht locken. Doch ist sie gut frs Volk, und ich begreife nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab ffentlich verassekuriert habt. Das wre eine Anstalt _ la_ Mahomed; die Kerls wrden sich schlagen wie der Teufel; denn sie wssten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste werfen, sie ist mir trstlicher; denn es stehen ganz vernnftige Mnner dort.
O dass Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universitt zugebracht httet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische Jugend soll gegenwrtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in diesen liebenswrdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns, und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland berhandnehmen, dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Mnner, Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172, Signor Crusado, der umhllt sie mit einem so tiefen symbolischen Dunkel, dass sie bald unser sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner Heiligkeit, der berhmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht. Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade sdlicher lge, wenn ihr eine schnere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie httet -- die Ketzerei htte nie aufkommen knnen, oder ihr wret wenigstens schon lange wieder zurckgekehrt.
Die Barke stie bei diesen Worten ans Land. Wie gerne htte ich diesem trefflichen Pfaffen noch lnger zugehrt, wie er diese deutsche Seele bearbeitete; es war ein schweres Stck Arbeit, ich gestehe es. Ein Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der die Tendenz dieser Rmer durchschaut, der durch keinen weltlichen Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen. Doch fr diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein schnes Weib haben schon andere geangelt als diesen.
Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer seinen Segen, den er mit einer Wrde, einem Anstand, wrdig eines Frsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte, whrend sie ber das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen strahlte und den Abend schwl zu machen schien. Sie reichte dem geliebten Ketzer ihre schne Hand mit so besorgter Zrtlichkeit, mit einem so bedeutungsvollen Lcheln, dass ich im Zweifel war, ob ich mehr seine transmontanische Klte belcheln oder den Mut bewun-dern sollte, mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelsten Circe widerstand. -- Am Ufer hielt ein schner Wagen. Der dienende Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend, erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehriger Wirkung drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und seine Dame schlugen einen Fupfad ein und gingen der Stadt zu.
Wer sind diese? fragte ich den Schiffer.
Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist einer der besten Fe des Heiligen Stuhls! Alle Abende fhrt er in meiner Barke auf dem Flu.
Und die Dame?
Ha, das ist eine gute Christin, antwortete er mit Feuer. Sie fhrt beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder ein Deutscher oder ein Englnder, und die sind doch Kinder des Teufels.
So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?
Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da wrde er nicht so zrtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist ihr Geliebter.
So ist es, sagte einer der griechischen Kaufleute, die Dame wohnt nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann! Er ist ihr Geliebter. Aber sie fhren ein Hundeleben zusammen. Man hrt sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, dass die Nachbarn zusammenlaufen. Dann strzt oft der junge Mann verzweifelnd aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie fasst ihn unter der Tre am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die umherstehen. Sie zieht ihn zurck ins Haus und besnftigt ihn; und dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem losbricht.
Heilige Jungfrau, rief der Schiffer, und hat er sie noch nie totgestochen im Zorn?
Wie Ihr seht, nein! erwiderte der Grieche. Aber krank ist sie schon oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei, vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurckzurufen. Es sind doch gute Seelen, diese Deutschen!
So sprachen diese Mnner, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken ber das, was ich gehrt und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte, ein schnes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, dass der Priester den Kapitn der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, dass er ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn fr die Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er diesen Mann aus den Armen seines Mdchens ziehen, von einem Herzen hinwegreien knnen, das ihn mit so heier Glut umfing? Sollten jene Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitn einflsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so hnlich sah, vorgezogen? Doch ich wusste ja, wo ich mir Gewissheit verschaffen konnte. Ich beschloss, bei guter Zeit am nchsten Morgen den Berliner wieder aufzusuchen.
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Herr von S. schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut, wenn er auch schon an dergleichen gewhnt ist. Ich hatte mir vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich gehrt hatte, noch nichts zu erwhnen, um den Verlauf seiner Geschichte zuvor desto ungestrter zu vernehmen.
Von allem Unglck, das die Erde trgt, fuhr er zu erzhlen fort, scheint mir keines grer, schmerzlicher und rhrender als jener stille, tiefe Gram eines Mdchens, das unglcklich liebt oder dessen zartes, glhendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrcken, den Verrat seiner Liebe zu rchen, die gepresste Brust dem Freunde zu ffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mhe und Arbeit, in weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib? -- Der husliche Kreis ist so enge, so leer. Jene tglich wiederkehrende Ordnung, jene stille Beschftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der Zeit glcklicher Liebe frhlich, beinahe unbewusst hingab, wie drckend wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein verlorenes Glck heftet! Wie trge schleicht der Kreislauf der Stunden, wenn nicht mehr die sen Trume der Zukunft, nicht der Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten Flgel gibt, wenn nicht mehr das von glcklicher Liebe pochende Herz den Schlag der Glocke bertnt!
Doch, wozu Sie auf ein Unglck vorbereiten, das Sie nur zu bald erfahren werden? Hren Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde sie durch seine Schwester dort eingefhrt. Sie errtete, als sie mich zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen fremden Mnnern einen zu wissen, der ihr nher stand. Denn so war es; sei es, dass die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, dass sie gerne zu mir sprach, weil ich die Zge ihres Freundes trug -- sie unterschied mich auffallend von allen brigen Mnnern, die dieser seltenen Erscheinung huldigten. Sie lcheln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken --
Ich finde, Sie sind zu bescheiden; knnte es nicht auch Ihre eigene Persnlichkeit gewesen sein, was das Frulein anzog?
Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschpf; ich gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie fr mich gewinnen zu knnen; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich frchte --
Und Sie wurden nicht erhrt? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr Kapitn lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!
Der Berliner stutzte. Wie? Was wissen Sie? fragte er betroffen. Wer hat Ihnen gesagt, dass West noch eine andere liebe?
Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet, erwiderte ich; sagten Sie nicht, dass jener das Mdchen betrog?
Sie haben recht: -- nun, ich wurde lchelnd abgewiesen, abgewiesen auf eine Art, die mich dennoch glcklich, unaussprechlich glcklich machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, dass ich ihr als Freund willkommen sei, dass ihr Herz keinem andern mehr gehren knne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhltnissen, was ganz mit dem bereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzhlte; sie gestand, dass sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitn seine Verhltnisse hierherriefen; sie gestand, dass er einen Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, dass er, sobald die Sache entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar fhren werde.
Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Gestndnis rief mich eines Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, dass er sich mir in Geschftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle Art besa; doch die Zeit war mir auffallend, und es musste etwas von Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstrte.
Kennen Sie einen gewissen Kapitn West? fragte er, indem er mich mit forschenden Blicken ansah.
Ich habe einen Kapitn West flchtig kennen gelernt, gab ich ihm zur Antwort.
Nun, so flchtig muss es doch nicht sein, entgegnete er mir, da Sie ein Duell mit ihm gehabt.
Ich sagte ihm, dass ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich gleichgltigen Sache; es sei aber alles gtlich beigelegt worden. Dennoch war es mir auffllig, woher der Gesandte diesen Streit erfahren hatte, den ich so geheim als mglich hielt, und von welchem Luise in seinem Hause gewiss nichts erwhnt hatte.
Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt, sagte er; doch mchte ich Ihnen raten, solche Hndel wegen einer so zweideutigen Person zu vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen ffentlichen, besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem fremden Lande wegen der Folgen fr beide Teile fatal.
Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst, sehr warnend; noch schmerzlicher berhrte mich, was er ber jene Dame sagte, zweideutige Person! Und doch sa gerade diese Person als Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr auf eine Art gesprochen, die mich in dem alten Herrn einen aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glnzenden Verstandes sehen lie. Ich konnte eine Bemerkung hierber nicht unterdrcken; ich bat ihn hflich, aber so fest als mglich, in meiner Gegenwart nicht mehr so von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar nicht reden, dass er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen Ausdrcken von seinen Gsten spreche.
Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er knne meine Reden nicht begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der Gesellschaft, die er sehe, noch habe sie je einen Fu ber seine Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah, dass hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, dass Frulein von Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. Verzeihen Sie, rief er, man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses Kapitns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu mssen.
Und wenn dies nun dennoch wre? fragte ich. Kennen Sie denn die Geliebte des Kapitns?
Gott soll mich bewahren; entgegnete er. Nein, ich glaube, er hat schon selbst genug an seiner Spanierin.
Ich staunte von neuem. Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen Sie nur darauf? Ich wei bestimmt, dass der Kapitn eine deutsche Dame liebt!
Um so schlimmer fr das arme Kind in Deutschland, war seine Antwort; wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu denken, den goldenen Quadrupeln der schnen Donna Gehr zu geben und ihre frhere Ehe, weil sie nicht ganz gltig vollzogen war, fr nichtig zu erklren. Der Kapitn macht eine gute Partie, aber -- jeder Mann von Ehre wird diesen Schritt missbilligen.
Ich stand wie vom Donner gerhrt vor dem alten Mann; entweder lag hier eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein schreckliches Geheimnis und der Kapitn ein Betrger, der Luisens Glck vielleicht auf ewig zerstrt hatte.
Ich sagte dem Gesandten geradezu, dass er mit mir ber Dinge spreche, die mir vllig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklrung dieser Rtsel schuldig zu sein. Dieser Kapitn West ist ein Sachse, erzhlte er; er diente frher im Generalstab und wurde dann zu einer diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ltere Leute und aus guten Husern im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich zufllig, dass man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man erzhlt sich, er habe in Madrid in einem Verhltnis zu einer schnen jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten Englnder verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter Schloss und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.
Als aber endlich dieses Verhltnis zu den Ohren des Englnders kam, bewirkte dieser, dass der Kapitn von seinem Posten abgerufen und sogar aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus rger ber seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Englnders mit ihren beiden Kindern pltzlich verschwunden, man kann sagen, spurlos verschwunden; denn so viele Mhe sich ihr Gatte gab, ihrer habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch seine Bemhungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.
Der Verdacht dieses Englnders fiel, wie natrlich, vor allem auf den Kapitn West. Er wusste es zu machen, dass dieser in Paris angehalten und verhrt werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hrte; er wies sich aber aus, dass er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und bekrftigte mit einem Eide, dass er von diesem Schritt der Donna nichts wisse.
Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen Freund, keinen Bekannten; vorzglich vermeidet er es, mit Deutschen zusammenzutreffen.
Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und ob er nicht in Verhltnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls hier aufhalten msse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses Kapitns West mitgeteilt und bemerkt, dass der Englnder von neuem Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewissheit annehmen lassen, dass sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von Spanien aus sich an die ppstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die ntigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, dass jener Verdacht besttigt schien. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren, ob der rmische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefasste Antwort, man mchte diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem Englnder wahrscheinlich fr ungltig erklrt werde.
Dies erzhlte mir der Gesandte; er fgte noch hinzu, dass er aus besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitn immer nachgesprt habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im Karneval mit jenem wegen einer Dame gehabt habe.
Sie knnen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon whrend seiner Erzhlung empfand, und als ich das ganze Unglck erfahren hatte, stand ich wie vernichtet. Der Gesandte verlie mich, um zu der Gesellschaft zurckzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er mchte niemand etwas von diesen Verhltnissen wissen lassen; das Warum versprach ich ihm ein andermal.
Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon bersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr Anblick! Sie schien so ruhig, so glcklich. Der Friede ihrer schnen Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes blaues Auge glnzte, vielleicht von der Erwartung einer schnen Abendstunde, und das Lcheln, das ihren Mund umschwebte, schien der Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es war mir nicht mglich, diesen Anblick lnger zu ertragen, ich eilte ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrngen; aber wie war es mglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurck; denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die se Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen Horizont schwrzlich auftrmten und ein nchtliches Gewitter verkndeten, hingen sie nicht ber der friedlichen Landschaft wie das Unglck, das Luisen drohte?
Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung mglich sei, ob ich sie nicht losmachen knne von dieser schrecklichen Verbindung. Doch, war nicht zu befrchten, dass sie mir misstrauen werde? Sie wusste, ich liebe sie; kannte sie mich hinlnglich, um nicht an der Reinheit meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht ber mich gewinnen, ihr selbst ihr Unglck zu verknden. Nur _einen_ Ausweg glaubte ich offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden, ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glcklichen Weg gefunden zu haben; er selbst musste ihr sagen, dass er nicht mehr verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird sie zwar unglcklich sein, aber _ich_ will versuchen, sie glcklich zu machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr Unglck zu mildern suchen.
Aber wie konnten Sie glauben, rief ich, ber diese romantischen Ideen unwillkrlich lchelnd, wie konnten Sie glauben, Freund, dass ein Kapitn West zu diesem sonderbaren Gestndnisse sich hergeben werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?
Ach, ich dachte zu gut von den Menschen, antwortete er. Ich dachte, wie ich, muss jeder fhlen. -- Ich ging in die Wohnung des Kapitns West. Er wohnte schlecht, beinahe rmlich. Ich traf ihn, wie er einen schnen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen lehrte. Errtend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu begren. Ei, Papa, rief der Kleine, wie sieht dir dieser Herr so hnlich!
Der Kapitn geriet in Verlegenheit und fhrte den Knaben aus dem Zimmer. Wie, sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von diesem Alter? Waren Sie frher verheiratet?
Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er behauptete, der Knabe gehre in die Nachbarschaft, besuche ihn zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.
Er gehrt wohl der Donna Ines? fragte ich, indem ich ihn scharf ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das bse Gewissen sich kundtut; er erblasste, seine Augen glnzten wie die einer Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich hinlnglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um das Frulein nicht vllig unglcklich, zu machen.
Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentrger und Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt, um Luise von ihm zu entfernen. Ich lie ihn ausreden; dann sagte ich ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhltnis zu der Spanierin erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tnen unserer Sprache, das Frulein so schonend als mglich von sich zu entfernen.
Es gelang mir, ihn zu rhren; aber nun hatte ich eine andere unangenehme Szene durchzukmpfen; er klagte sich an, er weinte, er verfluchte sich, das holde Geschpf so schndlich betrogen zu haben. Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn zu retten; er gestand mir, dass er sich von einem Netz umstrickt sehe, das er nicht gewaltsam durchbrechen knne, weil einige hohe Geistliche der Kirche kompromittiert wrden. Er ging so weit, mich zu zwingen, seine Geschichte anzuhren, um vielleicht milder ber ihn urteilen zu knnen. Es war die Geschichte eines -- Leichtsinnigen. Dieses Wort mge entschuldigen, was vielleicht _schlecht_ genannt werden knnte. Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen sehr glcklich machen musste. Es war der uere Anschein von Kraft und Entschlossenheit, die ihm brigens sein ganzes Leben hindurch gemangelt zu haben schienen. Er musste eine fr seinen Stand ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine Ausdrcke waren gewhlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte hinreien, so dass ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem Dritten, whrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prfen, und erst in dem Moment der Erzhlung ber sich selbst flchtig nachdenken. Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentmlichen Feuer gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprchen von einem Dritten.
Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung; Eitelkeit, die herrlich aufblhende Schnheit, die Tochter eines der ersten Huser der Stadt, fr sich gewonnen zu haben, riss ihn zu einem Gefhl hin, das er fr Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhltnis ungerne. Ich konnte mir denken, dass es vielleicht weniger Stolz auf seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des Kapitns war, was ihn zu einer Hrte stimmte, welche die Liebe eines Mdchens wie Luise immer mehr anfachen musste. Er soll ihr, was ich jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette _den Fluch_ gegeben haben, wenn sie je mit dem Kapitn sich verbinde.
West suchte die Geschichte mit der Frau des Englnders auf Verfhrung zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der Geliebten fest im Herzen trgt, nie fr mglich gehalten. Doch die Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, dass er froh gewesen sei, als er, vielleicht durch Vermittlung des Englnders, von seinem Posten zurckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare Vorschlge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen knnen; er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte auch ber diesen Punkt so schnell als mglich hinwegzukommen. Er erzhlte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei pltzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern geflchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie heiraten.
Es entging mir nicht, dass der Kapitn mich hier belog. Ich hatte von dem Gesandten bestimmt erfahren, dass jener schon in Paris angehalten und ber die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte sich also denken, dass sie ihm nachreisen werde, und dennoch knpfte er die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie htte es Ines wagen knnen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen htte, sie zu heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht htte?
Er schilderte mir nun ein Gewebe von unglcklichen Verhltnissen, in welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinlen, namentlich mit Pater Rocco, schnell bekannt geworden, gefhrt habe. Es werde ernstlich an der Auflsung ihrer frheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt angenommen worden, dass er die Geschiedene heiraten werde.
Sie sagten mir hier nichts Neues, antwortete ich ihm; dies alles beinahe wusste ich vorher. Aber ich hoffe, dass Sie als Mann von Ehre einsehen werden, dass das Verhltnis zu Frulein von Palden nicht fortdauern kann, oder Sie mssen sich von der Spanierin lossagen.
Das letztere knne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem Kardinal Rocco Vorschsse empfangen, die sein Vermgen berstiegen; er knne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt tun.
Im Augenblicke heit hier nie, erwiderte ich ihm. Sie werden sich aus diesen Banden, wenn sie so beschaffen sind, nie mit Anstand losmachen knnen. Ich halte es also fr Ihre heiligste Pflicht, Luise nicht noch unglcklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel Ihrer Bestrebungen sein?
Er errtete und meinte, ich halte ihn fr schlechter, als er sei. Doch er fhle selbst, dass man einen Schritt tun msse. Er glaube aber, es sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glcklich machen. Er hatte Trnen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen knne.
Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne dass ein wirklicher Entschluss gefast worden war, von dem Kapitn; mein Gefhl war eine Mischung von Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der schne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen drfte.
Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen, fragte ich; jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schne Galeere Luise?
Ja und nein, antwortete er trbe; sie schien meine Liebe zu bersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, dass sie ngstlicher werde in meiner Nhe; es schmerzte sie, dass mir ihre Freundschaft nicht gengen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurck, ich vermute es sogar, er hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben wollte, man wunderte sich, dass ich noch keine Abschiedsbesuche mache -- und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrten; ich sah nicht ein, wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht fr mglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir mglich, ihre himmlische Ruhe zu zerstren, das Herz zu brechen, das ich so gerne glcklich gewusst htte?
Da strzte eines Morgens der Kapitn West in mein Zimmer; er war bleich, verstrt; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und sprechen konnte. Jetzt ist alles aus, rief er; sie stirbt, sie _muss_ sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern! Er gestand, dass Donna Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt htten; ihr schrieben sie sein Zgern, sein Schwanken zu, und der Kardinal hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Frulein gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen knne, einen Mann, der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten zurckzuhalten.
Ich kannte diesen Priester und seine tckische Arglist, ich erkannte, dass die Geliebte verloren sei. Ich wei Ihnen von dieser Stunde, von diesem Tage wenig mehr zu erzhlen. Ich wei nur, dass ich den Kapitn in kalter Wut zur Tre hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf und wie ein gejagtes Wild durch die Straen dem Hause der Signora Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strae anlangte, sah ich einen Kardinal sich demselben Hause nhern. Er schritt stolz einher, Frater Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich setzte meine letzten Krfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf ihn zu; doch -- ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lcheln die Tre vor der Nase zuwarf.
Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, dass ich noch in dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine Auftrge, und bald hatte ich die heilige -- unglckselige Stadt im Rcken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser bereilten Flucht verfhrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an, die Unglckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben -- doch es war zu spt, und wenn ich mir meine Gefhle, meine ganze Lage zurckrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause meiner Tante erzhlt habe.
Der junge Mann hatte geendet; seine Zge hatten nach und nach jene Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner Zurckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und lieen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner ganzen Historie schienen mir brigens nur zwei Dinge auffallend. Unglckliche Mdchen wie das Frulein, abenteuernde Damen wie Ines, intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon viele gesehen. Aber die beiden Mnner waren mir als Menschenkenner etwas rtselhaft. Der Kapitn hatte allerdings schon einen bedeutenden Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Krper, welcher abwrts gleitet, immer schneller fllt. Er war falsch, denn er spielte zwei Rollen; er war leichtsinnig, denn er verga sich alle Augenblicke; er war eiferschtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitn liebte er wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_,{76} Eigenschaften, die nicht lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wre vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon lngst ein Totschlger geworden; ein zweiter wre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer entflohen, htte die Donna Ines hier und Frulein Luise dort sitzen lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein dritter htte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schne Schsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.
{76: Italienischer Weiwein aus Montefiascone, Latium. Hier wohl allgemein fr Wein bzw. Alkohol gebraucht.}
Aber wie langweilig dnkte es mir, dass das Frulein noch in demselben Zustande war, dass die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten waren, dass das Ende von diesen Geschichten ein bertritt zur rmischen Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite, Luisens mit dem Berliner, werden sollte?
Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten Verhltnissen zu mir, doch wusste ich, wenn ich ihm das Ziel seines heimlichen Strebens, das Frulein, recht lockend, recht reizend vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne mglich zeigte, so machte er Riesenschritte abwrts, denn seine Anlagen waren gut. Ich beschloss daher, mir ein kleines Vergngen zu machen und die Leutchen zu hetzen.
Whrend diese Gedanken flchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errtete, er riss das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glnzender, seine Stimme heiterer. Der Engel! rief er aus. Sie will mich dennoch sehen! Wie glcklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund, sagte er, indem er mir den Brief reichte; mssen solche Zeilen nicht beglcken?
Ich las:

    Mein treuer Freund!
    Mein Herz verlangt danach, Sie zu sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis Sie mir gute Nachrichten zu bringen htten; Sie selbst sind es eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie wissen, wie trstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu knnen. Der Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach! dass er ihn zurckbrchte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen drfen ihn nicht mehr sehen, nur zurck von dieser Schmach, die ich nicht ertragen kann.
    L. v. P.
    N.S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt wre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun knnten.

Ich kann mir denken, dass dieses schne Vertrauen Sie erfreuen muss, sagte ich; doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das Sie mir brigens aufklren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg kann sich brigens das Frulein an niemand besser wenden als an mich; denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien genau bekannt.
Der junge Mann war entzckt, dem Frulein so schnell dienen zu knnen. Das ist trefflich! rief er. Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben zu ihr? Ich erzhle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die Verhltnisse klarer machen wird.
Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.
In Berlin, erzhlte er, hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte niemand hier in Rom, der mir ber das unglckliche Geschpf htte Nachricht geben knnen, und so lebte ich in einem Zustande, der beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der schsische Gesandte: Der Papst habe sich jetzt ffentlich fr den Kapitn West erklrt, man spreche davon, dass der Preis dieser Gnade der bertritt des Kapitns zur rmischen Kirche sein solle. In demselben Briefe erwhnte er mit Bedauern, dass die junge Dame, die uns alle so sehr angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen, sehr gefhrlich krank sei, die rzte zweifeln an ihrer Rettung.
Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht entschied ber mich. Zwar htte ich mir denken knnen, dass alles, was ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiss wusste, jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurck, und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darber gewundert, mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so pltzlich wieder entlassen zu mssen. Besonders die Tante konnte es mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit einem der Frulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu verheiraten.
Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Frulein wieder fand! Nur eins schien diese schne Seele zu betrben, der Gedanke, dass West zu seiner groen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fgen wolle. Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Krfte, ihre Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter einer lchelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu ttigerem Eifer, ihr zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis ich von dem Kapitn erlangt htte, dass er nicht zum Apostaten werde -- oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung -- ich habe keine; denn er ist zu allem fhig, und Rocco hat ihn so im Netze, dass an kein Entrinnen zu denken ist.
Aber der Fromme, fragte ich; soll wohl der seine Bekehrung bernehmen?
Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu grnden. Es ist ein deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu bekehren; doch leider muss er jedem Vernnftigen zu lcherlich erscheinen, als dass ich glauben knnte, er sei zur Bekehrung des Kapitns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken knnten; doch, auch dies kmmt zu spt! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch kmmern mag!
Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Frulein von Palden. Was ich von ihr gesehen, von ihr gehrt, hatte mir ein Interesse eingeflt, das diese Stunde befriedigen musste. Ich hatte mir schon lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es, als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt besttigt; ich dachte mir sie nmlich etwas fromm, etwas schwrmerisch, und sie musste dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die Heilung des Kapitns West zutrauen?
Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich empfangen; den Berliner fhrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie einmal aufschlug, so glhten sie von einem trben, unsicheren Feuer. Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten Neigen des Hauptes und antwortete: Gegret seist du mit dem Grue des Friedens!
Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute sind eine wahre Augenweide fr den Teufel, er wei, wie es in ihrem Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lcherlicher als Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben. Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die Trken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will. Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, Ja, ja, nein, nein. Auf weitere Schwre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lrm fr sich; doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrgen. Daher kmmt es, dass sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich ffentlich zu vergngen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen jeder andere sein Auge beschmt wegwenden wrde.
Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen nheren Weg, ein Seitenpfrtchen in den Himmel aufschlieen. Aber alle kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heien mgen, seien sie Kathedermnner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1 und 2, sie _verneinen_, wenn auch nicht im uern; denn sie sind Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.
Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. Ihr seid ein Landsmann von mir, fragte ich nach seinem Gru, Ihr seid ein Deutscher?
Alle Menschen sind Brder und gleich vor Gott, antwortete er; aber die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch.
Da habt Ihr recht, erwiderte ich, besonders wenn sie in einer engen Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser gotteslsterlichen Stadt?
Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: O welche Freude hat mir der Herr gegeben, dass er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist der erste, der mir hier sagt, dass dies die Stadt der babylonischen H..., der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen groen Gtzentempeln und nennen alles heiliges Land, selbst wenn sie Protestanten sind; aber diese sind oft die rgsten.
Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere Brder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, mssen fromme Seelen sein.
Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb; man wei allerlei von seinem frheren Leben, und nachher, da hat er so etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch ihn ist dieses bel in die Welt gekommen. Zu was denn diese Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie fhren zum Unglauben. Die Erleuchtung machts, und wenn einer nicht zum _Durchbruch_ gekommen ist, bleibt er ein Snder. Ein altes Weib, wenn sie erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der gelehrteste Doktor.
Du hast recht, Bruder, erwiderte ich ihm; und ich war in meinem Leben in der Seele nicht vergngter, nie so heiter gestimmt, als wenn ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitlerin das Wort verkndigen hrte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren zerknirscht. Doch sage mir, wie kommst du ins Haus dieser Gottlosen?
Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglck niedergedrckt. Es ist ihr ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Snder. Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, dass sie so sicherlich abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zhneklappern. Ich sprach ihr zu, sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum Durchbruch kommen. Und da erzhlte sie mir von einem Manne, den der Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat mich, ob ich nicht lsen knne diese Bande kraft des Geistes, der in mir wohnet. Und darum bin ich hier.
Whrend der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit dem Frulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errtend, ob ich mit der Familie des Kapitns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.
Der Kapitn ist auf dem Sprung, einen sehr trichten Schritt zu tun, der ihn gewiss nicht glcklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon davon gesagt, und es kmmt jetzt darauf an, ihm das Missliche eines solchen Schrittes auch von Seiten seiner Familie darzutun.
Mit Vergngen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in geistlichen Kmpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr ntzlich sein knnen.
Es ist mein Beruf, antwortete der Pietist, die Augen greulich verdrehend, es ist mein Beruf, zu kmpfen, solange es Tag ist. Ich will setzen meinen Fu auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf zertreten wie einer Krte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich fhle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brder, lasset uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!
Gehen wir! sagte der Berliner. Seien Sie versichert, Luise, dass Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft; die Zeit bringt Rosen.
Das schne bleiche Mdchen antwortete durch ein Lcheln, das sie einem wunden Herzen mhsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich in der Tre umwandte, sah ich sie heftig weinen.
Wir drei gingen ziemlich einsilbig ber die Strae; der Pietist, vom Geiste befallen, murmelte unverstndliche Worte vor sich hin und verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen Trauer jenes Mdchens, ich mchte sagen, beinahe gerhrt; ich dachte nach, wie man es mglich machen knnte, sie der Schwrmerei zu entreien, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich ihr den Himmel und alles Gute wnschte, so schien sie mir doch zu jung und schn, als dass sie jetzt schon auf eine etwas langweilige Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am besten erreichen zu knnen, besser vielleicht noch durch den Kapitn West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn noch von der Spanierin werde losmachen knnen.
Auf dem Hausflur des Kapitns lie uns der Pietist vorangehen, weil er hier beten und unsern Ein- und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder! Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoseufzer einen Schluck aus einem Flschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen Likr enthalten musste. Ha! jetzt muss der Geist erst recht ber ihn kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er muss mit groer Begeisterung sprechen.
Der Kapitn empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste getrieben, seinen Sermon.
Er stellte sich vor den Kapitn hin, schlug die Augen zum Himmel und sprach: Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat dich der Teufel in seinen Klauen, dass du dich dem Antichrist ergeben willst, dass du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie heit es Sirach am 9. im dritten Vers? He? Fliehe die Buhlerin, dass du nicht in ihre Stricke fallest.
Zu was soll diese Komdie dienen, Herr von S.? sprach der Kapitn gereizt. Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer Sottisen zu sagen.
Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt, besuchen. Da lie sich dieser fromme Mann, der gehrt hat, dass Sie bertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten.
Groe Ehre fr mich, geben Sie sich aber weiter keine Mhe; denn --
Hret, hret, wie er den Herrn lstert, in dessen Namen ich komme, schrie der Pietist. Der Antichrist krmmet sich in ihm wie ein Wurm, und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? Lass dich nicht bewegen von dem Gottlosen in seinen groen Ehren; denn du weit nicht, wie es ein Ende nehmen wird. -- Wisse, dass du unter den Stricken wandelst und gehest auf eitel hohen Spitzen!
Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?
Nein! Aber ich kam viel in Berhrung mit Ihrer Familie und bin mit einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z.
Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt? rief der fromme Protestant, als sein abtrnniger Bruder ihn vllig ignorierte. Auf, ihr Brder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied singen, vielleicht hilft es. Er drckte die Augen zu und fing an, mit nselnder, zitternder Stimme zu singen:

  Herr, schtz uns vor dem Antichrist,
  Und lass uns doch nicht fallen;
  Es streckt der Papst mit Hinterlist
  Nach uns die langen Krallen;
  Und lass dich erbitten,
  Vor den Jesuiten
  Und den argen Missionaren
  Wollest gndig uns bewahren.

  Sie sind des Teufels Knechte all,
  Nur wir sind fromme Seelen;
  Wir kommen in des Himmels Stall,
  Uns kann es gar nicht fehlen;
  Denn nach kurzem Schlafe
  Ziehn wir frommen Schafe
  In den Pferch fr uns bereitet,
  Wo der Hirt die Schflein weidet;

  Dort scheidet er die Bcke aus --

Man kann eben nicht sagen, dass der Fromme wie eine Nachtigall sang; aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben, dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitns wechselte Scham und Zorn, und man war ungewiss, ob er mehr ber die Unverschmtheit dieses Proselytenmachers staunte oder mehr ber den Inhalt der frommen Hymne erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers anhub, ging die Tre auf, und die hohe, majesttische Gestalt des Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weien, faltenreichen Gewand, und der Purpur, der ber seine Schultern herabflo, gab ihm etwas Erhabenes, Frstliches. Er bersah uns mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte vielleicht den ehrerbietigen Kuss eines Glubigen erwarten.
Der Kapitn war in sichtbarer Verlegenheit. Er fhlte, dass der Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, dass es ihn erzrnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn von S. erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurck und flsterte dem Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: Das ist wohl der Teufel, den du im Traume gesehen?
Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ngstlich auf seinen Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem Exorzismus zu beten. Whrend dieser Szene hatte sich der fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfrsten; doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu dem Resultate gelangt war, dass nur ein frommer protestantisch- mystischer Christ zur Seligkeit gelangen knne. Er hub im heulenden Predigerton auf italienisch an: Siehe da, ein Sohn der babylonischen H..., ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Seide und Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!
Ist der Mensch ein Narr? fragte der Kardinal, indem er nher trat und den Prediger ruhig und gro anschaute. Piccolo, merke dir diesen Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen.
Der Pietist geriet in Wut. Baalspfaffe, Gtzendiener, Antichrist! schrie er. Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kmmt der Geist erst recht ber mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich will dich lehren die Hauptstcke der Religion, dass du deine ketzerischen Irrtmer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem Herrn besser, wenn du violette Strmpfe anhast? O du Tor! Das sind die eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; in Sack und Asche musst du Bue tun.
Jetzt glhte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen, seine Wangen glhten. Jetzt sehe ich, Kapitn, rief er, was Euch solange zgern macht. Ihr haltet Zusammenknfte mit diesen wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestrken. Ha! bei der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekrnkt.
Herr Kardinal! fiel ihm Herr von S. in die Rede. Ich bitte, uns nicht alle in _eine_ Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in sich fhlt, alle Welt zu bekehren, so knnen wir ihn nicht daran verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darber zu beklagen; denn Ew. Eminenz wissen, dass es gleichsam nur Repressalien fr die Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwrtig alle Welt ber schwemmt.
Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto lnger trauern zu lassen. Herr von S., sagte ich, der Herr Kapitn will, denke ich, durch sein Schweigen beweisen, dass er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schliet mich mein Bewusstsein von den wahnsinnigen Ketzern aus: ich mache keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rckkehr sagen knnen --
Stille! rief der Pietist mit feierlicher Stimme. Bruder, Mann Gottes, willst du dich so versndigen, mit dem Baalspfaffen zu rechten? Er geht einher wie ein Phariser; aber es wre ihm besser, ein Mhlstein hnge an seinem Hals, und er wrde ertrnket, wo es am tiefsten ist.
Hte dich, einen Pfaffen zu beleidigen, ist ein altes Sprichwort, und der Kapitn mochte auch so denken. Ich sah, dass die Beschmung, vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kmpften.
Ich muss Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz, entgegnete er. Diesen Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er will, denn seine schwrmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber ber diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr von S. besucht mich. Ich wei nicht, welche bsliche Absicht Sie darein legen wollen.
Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besnftigen, brachte er ihn nur noch mehr auf; doch bezhmte er laute Ausbrche desselben, und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. Ja, ich habe mich freilich hchlich geirrt, sagte er lchelnd, und bitte um Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religise Gegenstnde; doch nun merke ich, dass es friedlichere Absichten sind, was Sie herfhrt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitn wieder in die sen Fesseln des deutschen Fruleins legen wollen? Trefflich! Ob auch eine andere Dame darber sterben wird, ist ihm gleichgltig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmtigkeit, Capitano, dass Sie sich von demselben Manne zurckfhren lassen, der Sie so geschickt aus dem Sattel hob!
Zu welch sonderbaren Sprngen steigert doch den Sterblichen die Beschmung. Gefhl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle Leidenschaften seiner Seele htten den Kapitn wohl nicht so auer sich gebracht als das Gefhl der Scham, vor deutschen Mnnern von einem rmischen Priester so verhhnt zu werden. Die Achtung, Signore Rocco, sagte er, die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schtzt mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer ber mich gesagt haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten ber mich hinlnglich und wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mhe geben wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich folgen. Doch wissen Sie, dass, was er getan hat, mit meiner Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, dass weder Ihr Spott noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurckzuhalten, bis er im Schoe der Kirche ist.
Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so wei geworden als sein seidenes Gewand. Geben Sie sich keine Mhe, entgegnete er, mir zu beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert. Glauben Sie mir, die Kirche hat hhere Zwecke, als einen Kapitn West zu bekehren --
Wir kennen diese schnen Zwecke, rief der Berliner mit sehr berflssigem Protestantismus; Ihre Plne sind freilich nicht auf einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie mchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was noch zum Evangelium hlt, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber Sie kommen hundert Jahre zu spt oder zu frh; noch gibt es, Gott sei Dank, Mnner genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.
Bringe mir meinen Hut, Piccolo, sagte der Priester sehr gelassen. Ihnen, mein Herr von S., danke ich fr diese Belehrung; doch lag uns an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der Erbrmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England ber kurz ber lang zur alleinseligmachenden Kirche zurckkehrt, dann werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen! Die Zge des Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich musste gestehen, er hatte sich gut aus der Sache gezogen und verlie als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars und, mit Anstand und Wrde grend, schritt der Kardinal aus dem Zimmer.
Der Berliner fhlte sich beschmt und sprach kein Wort; der Pietist murmelte Stogebetlein und war augenscheinlich dpiert; denn der Streit ging ber seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der babylonischen Dame, dem ewigen Hllenpfuhl und dem Paradiesgrtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.
Dem Kapitn schien brigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein. Ich erinnerte mich, gehrt zu haben, dass er von Donna Ines und diesem Priester bedeutende Vorschsse empfangen habe, die er nicht zahlen sonnte; es war zu erwarten, dass sie ihn von dieser Seite bald qulen wrden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein Leichtsinn verleitet; denn htte er bedacht, was fr Folgen fr ihn daraus entstehen knnten -- er htte sich von falscher Scham nicht so blindlings hinreien lassen. Der Berliner fuhr brigens bei dieser Partie ebenso schlimm. Ich wusste wohl, dass er die Hoffnung auf Luisens Besitz nicht ausgegeben hatte, dass er sie mchtiger als je nhrte, da sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wusste auch, dass sie den Kapitn nicht gerade zu sich zurckwnschte, sondern ihn nur nicht katholisch wissen wollte; ich wusste, dass sie dem Berliner vielleicht bald geneigt worden wre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemhte; und jetzt hatte der Kapitn vor uns allen ausgesprochen, dass er das Frulein wiedersehen wolle; und so war es.
Es ist mein voller Ernst, Herr von S., sagte er, ich sehe ein, dass ich mich diesen unwrdigen Verbindungen entreien muss. Knnen Sie mir Gelegenheit geben, das Frulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu erbitten?
Ich wei nicht, wie Frulein von Palden darber denkt, antwortete der junge Mann etwas verstimmt und finster; ich glaube nicht, dass nach diesen Vorgngen --
O! Ich habe die beste Hoffnung, rief jener, ich kenne Luisens gutes Herz und kann nicht glauben, dass sie aufgehrt habe, mich zu lieben. Hren Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der Tiber; bitten Sie das Frulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle knnen zugegen sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel zu vershnen. Ach, wie schmerzlich fhle ich meine Verirrungen!
Gut, ich will es sagen, erwiderte der Berliner, indem er mit Mhe nach Fassung rang. Soll ich Ihnen Antwort bringen?
Ist nicht ntig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr als reuiger Snder in dem Garten an der Tiber.
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Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das Verhngnis zog ihn in diese Verhltnisse; seine Gestalt, sein Gesicht, zufllig dem Kapitn West sehr hnlich, bringt ihm Glck und Unglck; es zieht ihn in die Nhe des Mdchens; er lernt ihr Schicksal kennen, er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden heilt, bewirkt endlich, dass sie den Kapitn vielleicht nicht mehr so sehnlich zurckwnscht; sie will nur, dass er jenen Schritt nicht tue, den sie fr einen trichten hlt; sich selbst unbewusst, gibt sie dem armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen Bemhungen um ihre Wahl, und jetzt muss er den gefhrlichen Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurckfhren!
Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, dass sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen knne.
Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitn finden knnte? Ich forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitn suche, und er sagte mir ohne Umschweife, dass er ihm von dem Kardinal einen Schuldschein auf fnftausend Scudi zu berreichen habe, die jener zwlf Stunden nach Sicht bezahlen msse. Wertester Frater Piccolo, erwiderte ich ihm, das sicherste ist, Ihr bemhet Euch nach sechs Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort werdet Ihr ihn finden, dafr stehe ich Euch. Er dankte und ging weiter; dass er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu drfen. Fnftausend Scudi, zwlf Stunden nach Sicht! sagte ich zu mir. Ich will doch sehen, wie er sich heraushilft!
Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fhlen, dass seine Hoffnungen auf ewig zerstrt seien; doch nicht nur dies Gefhl war es, was ihn unglcklich machte, er frchtete, Luise werde nicht auf die Dauer glcklich werden. Dieser West! rief er. Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr zurckfhrt! Wie leicht ist es mglich, wenn einmal die Reue ber ihn kommt, die Spanierin so unglcklich gemacht zu haben -- wie leicht ist es mglich, dass er auch Luise wieder verlsst!
Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Knste anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durchgemacht. Aber auch das Frulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Hllenknsten nehmen, und der gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden mssen!
Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhngnisvollen Garten der Signora Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Frulein sei ihm unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause des Kapitns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine hhere Leitung, gefgt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche zurcktreten, sondern auch als reuiger Snder zu ihr zurckkehren wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lcheln auf ihren schnen Zgen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie habe mit tausend Trnen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie befallen, sie habe ihm gestanden, dass sie der Gedanke an den Fluch ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitns werde, immer verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so kindlich frohen Seele, als frchte sie, trotz der Rckkehr des Geliebten dennoch nicht glcklich zu werden.
Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genhert. Er lag, von Bumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco empfing uns mit ihren Hndlein aufs freundlichste; sie erzhlte, dass sie das deutsche Geplauder der Vershnten nicht mehr lnger hren knne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden wrden. Errtend, mit glnzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schnen Gesicht, trat uns das Frulein entgegen. Der Kapitn aber schien mir ernster, ja, es war mir, als msste ich in seinen scheuen Blicken eine neue Schuld lesen, die er zu der alten gefgt.
Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das schne Mdchen fr seine eifrigen Bemhungen ausdrckte. Sie umfing ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen, und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefhlt, wie die hchste Lust mit Schmerz sich paaren knne. Mir, ich gestehe es, war diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nhere Beschreibung davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger langweilen drfte: Selige Stunden, welche auf die Vershnung der Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blde und jungfrulich, der Geliebte neu und verklrt, das Herz feiert seinen Mai, und die Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen Krieg nicht. So sagt dieser groe Mensch, und er kann recht haben, aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, nicht mehr geliebt, und mit der Vershnung will es nicht recht gehen.
Bei jener ganzen Szene ergtzte ich mich mehr an der Erwartung als an der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater Piccolo durch die Bume herbei kme, um seinen Wechsel honorieren zu lassen -- welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitn, welches Staunen, welcher Missmut bei dem Frulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen Mglichkeiten, whrend die andern in sem Geplauder mit vielen Worten nichts sagten -- da hrte ich auf einmal das Pltschern von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wre! -- Die Ruderschlge wurden vernehmlicher, kamen nher. Weder die Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hren. Jetzt hrte man nur noch das Rauschen des Flusses, die Barke musste sich in der Nhe ans Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hrte Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bumen, Schritte knisterten auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um -- Donna Ines und der Kardinal Rocco standen vor uns.
Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurck, indem sie die schnen Augen und das erbleichende Gesicht in den Hnden verbarg. Der Kapitn hatte den Kommenden den Rcken zugekehrt und sah also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich um, er begegnete zornsprhenden Blicken der Donna, die diese Gruppe musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefhl seiner Schande, die Angst, die Verwirrung schnrten ihm die Kehle zu.
Schndlich! hub Ines an. So muss ich dich treffen? Bei deiner deutschen Buhlerin verweilest du und vergisst, was du deinem Weibe schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen, durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschdigen fr so groen Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in den Armen einer andern?
Folget uns, Kapitn West! sagte der Kardinal sehr strenge. Es ist Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische Gesellschaft.
Du bleibst! rief Luise, indem sie ihre schnen Finger um seinen Arm schlang und sich gefasst und stolz aufrichtete. Schicke diese Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du zauderst? Monsignore, ich wei nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in diesen Garten zu dringen; haben Sie die Gte, sich, mit dieser Dame zu entfernen.
Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin? entgegnete Rocco. Diese ehrwrdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehrt der Garten, und es wird sie nicht belstigen, wenn wir hier verweilen.
Ich bitte um Euren Segen, Eminenz, sagte, sich tief verneigend, Signora Campoco; wie mget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!
Nicht gezaudert, Kapitn! rief der Kardinal. Werfet den Satan zurck, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die Pflicht Euch ruft! -- Ha! Ihr zaudert noch immer, Verrter? Soll ich, fuhr er mit hhnischem Lcheln fort, soll ich Euch etwa dies Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den fnftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache abholen lassen?
Fnftausend Scudi? unterbrach ihn der Berliner. Ich leiste Brgschaft, Herr Kardinal, sichere Brgschaft --
Mitnichten! antwortete er mit groer Ruhe. Ihr seid ein Ketzer; _Haeretico non servanda fides._{77} Ihr knntet leicht ebenso denken und mit der Brgschaft in die Weite gehen. Nein -- Piccolo! Sende einen der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen.
{77: Gegenber dem Gottlosen ist keine Vertragstreue zu wahren.}
Um Gottes willen, Otto! Was ist das? rief Luise, indem ihr Trnen entstrzten. Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz bergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein ganzes Vermgen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben, als Ihr fordert --
Meinst du, schlechtes Geschpf, fiel ihr die Spanierin in die Rede, meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele verpfndet; er hat mich gelockt aus den Tlern meiner Heimat, er hat mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat mich betrogen um diese Seligkeit; du -- du hast mich betrogen, deutsche Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten kannst, dass du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen Wrmern, den Vater!
Ja, das ist dein Fluch, alter Vater! sagte Luise, von tiefer Wehmut bewegt. Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine wrde; er nahte schnell! Ich htte dir ihn entrissen, unglckliches Weib? Nein, so tief mchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich lngst, ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!
Von dieser Snde werden wir ihn absolvieren, sprach der Kardinal; sie ist um so weniger drckend fr ihn, als Ihr selbst, Signora, mit einem andern, der hier neben sitzt, in Verhltnissen waret. Zaudere nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt nicht folgst, wirst du sehen, was es heit, den heiligen Vater zu verhhnen!
Der Kapitn war ein miserabler Snder. So wenig Kraft, so wenig Entschluss! Ich htte ihn in den Fluss werfen mgen; doch musste es zu einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein: Wie? Was ist das fr ein Geschrei von Kindern? rief ich erstaunt. Es wird doch kein Unglck geben?
Ha, meine Kinder! weinte die Spanierin. O, weinet nur, ihr armen Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!
Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Frulein fasste ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen fhrte sie Donna Ines zu dem Kapitn und strzte dann aus der Laube. Ich selbst war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluss ausfhren wolle, den die Donna fr sich gefasst; doch der Weg, den sie einschlug, fhrte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ngstlich nach, und als sich auch der Kapitn losriss, ihr zu folgen, strzte die ganze Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.
Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschpft und ohnmchtig zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitn verdrngen; er wollte vielleicht seinen Entschluss zeigen, nur ihr anzugehren; er glaubte heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen Mannes, um den seinigen unterzuschieben.
Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene, die wir gesehen, stie den Kapitn zurck. Fort mit dir! rief er. Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du hast deine Rolle knstlich gespielt; um diese Blume zu pflcken, musstest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibes noch einmal entreien. Hinweg mit dir, du Ehrloser!
Was sprechen Sie da? schrie der Kapitn schumend, es mochte in der Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beiender war. Welche Absichten legen Sie mir unter? Was htte ich getan? Erklren Sie sich deutlicher!
Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rhre sie nicht an, oder ich schlage dich nieder!
Das kann dir geschehen, entgegnete jener, und einem Blitze gleich fuhr er mit etwas Glnzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen Mannes. -- In Spanien lernt man gut stoen. Der Berliner hatte einen Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu lassen, in die Knie.
Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiss katholisch, war mein Gedanke, als das Herzblut des jungen Mannes hervorstrmte; jetzt wird er sich bergen im Schoe der Kirche! Und es schien so zu kommen. Denn willenlos lie sich der Kapitn von Ines und dem Kardinal wegfhren, und die Barke stie vom Lande.
~
Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle Seelen der Ketzer bermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch nie eine erhalten und wei nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben und nun auf der Himmelsbrse keine Geschfte mehr machen, also wenig Einfluss auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob vielleicht diese Verwnschung nur zur Vermehrung der Rhrung dient, um den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen zu geben, dass sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel der Englnder, Schweden und Deutschen zu schrpfen, da ihre Seelen doch einmal verloren seien.
An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzustrmen, besonders die Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man drngt und schlgt sich auf dem groen Platz, man hascht nach dem Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl herabschleudert, durchzckt ein mchtiges Gefhl jedes Herz, und alle schlagen an die Brust und sprechen. Wohl mir, dass ich nicht bin wie dieser einer. An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz besondere Bedeutung; man sprach nmlich in allen Zirkeln, in allen Kaffeehusern, auf allen Straen davon, dass ein berhmter, tapferer ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hie es, er sei Kapitn, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er Obrist, und wenn man am Donnerstag frhe ein schnes Kind auf der Strae anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man auf die Antwort rechnen: Ei, wisset Ihr nicht, dass zur Ehre Gottes ein General der Ketzer sich taufen lsst und ein guter Christ wird wie ich und Ihr?
Wer der berhmte Tufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwrfen, Bitten, Drohungen, Versprechungen und Trnen bestrmt, dass er einwilligte, besonders da er durch den bertritt nicht nur Absolution fr seine Seele, was ihm brigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspren anfing, da der Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.
Ich stellte mich auf dem Platze so, dass der Zug mit dem Tufling an mir vorber kommen musste. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mnchen, Priestern, Nonnen, andchtigen Mnnern und Frauen kam heran. Ihre halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lfte. Sie zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Rmer um mich her aufmerksamer. _Ecco, ecco lo!_ flsterte es von allen Seiten; ich sah hin -- in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Hnden, nahte mit unsicheren Schritten der Kapitn. Zwei Bischfe in ihren violetten Talaren gingen vor ihm, und Chorknaben aller Art und Gre folgten seinen Schritten.
Ein schner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann! hrte ich die Weiber um mich her sagen. Welch ein frommer Soldat!
Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele entrissen wird!
Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?
Vorher, antwortete ein schnes schwarzlockiges Mdchen, vorher; denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da wrde er ihn ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen.
Ach, das verstehst du nicht, sagte ihr Vater, der Papst kann alles, was er will, so oder so.
Nein, er kann nicht alles, erwiderte sie schelmisch lchelnd; nicht alles!
Was kann er denn nicht? fragten die Umstehenden. Er kann alles; was sollte er denn nicht knnen?
Er kann nicht heiraten! lachte sie; doch nicht so schnell folgt der Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.
Was? Du versndigst dich, Mdchen? schrie er. Welche unheiligen Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall.
Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strmen, und auch ich folgte dorthin. Es ist eine lcherlich materielle Idee, wenn die Menschen sich vorstellen, ich knne in keine christliche Kirche kommen. So schreiben viele Leute C.M.B. (Caspar, Melchior, Balthasar) ber ihre Tren und glauben, die drei Knige aus Morgenland werden sich bemhen, ihre schlechte Htte gegen die Hexen zu schtzen.
Ich drngte mich so weit als mglich vor, um die Zeremonien dieser Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitn hatte jetzt sein graues Gewand mit einem glnzend weien vertauscht und kniete unweit des Hochaltars. Kardinle, Erzbischfe, Bischfe standen umher, der ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter, der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem ehrwrdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schnen Frauen Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem Tufling verzeihen, dass er sich durch dieses schne Weib und einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen lie.
Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie sttzte sich mit einer Hand an eine Sule, und ich glaubte, sie wre ohne diese Hilfe auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft. Der Schleier war zu dicht, als dass ich ihre Zge erkennen konnte. Doch sagte mir eine Ahnung, wer es sein knnte. Jetzt erhoben die Priester den Gesang, er zog mit den blauen Wlkchen des arabischen Weihrauchs hinauf durch die Gewlbe und berauschte die Sinne der Sterblichen, bertubte ihre Seelen und riss sie hin zu einer Andacht, die sie zwar ber das Irdische, aber auch ber die ewigen Gesetze ihrer Vernunft hinwegfhrt.
Die Priester sangen. Jetzt fing der Tufling an, sein Glaubensbekenntnis zu sprechen.
Er hat mich nie geliebt, seufzte die Dame an meiner Seite; er hat auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Snde!
Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher gelebt.
Gib Frieden seiner Seele, flsterte sie; wir alle irren, so lange wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Lass ihn Frieden finden, o Herr!
Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Tne drangen schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Wrde, segnete ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Gre zu.
Vater, lass ihm mein Bild nie erscheinen, betete die Dame an meiner Seite, dass nie der Stachel der Reue ihn qule! Lass ihn glcklich werden!
Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schloss die Taufe, und der Kapitn stand auf, zwar als ein so groer Snder wie zuvor, doch als ein rechtglubiger katholischer Christ. Das Volk drngte sich herzu und drckte seine Hnde, und Donna Ines fhrte ihm mit holdem Lcheln ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi fhrte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen Stufen hinan und las die Messe.
Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles sah; ihre Knie fingen an zu wanken. Wer Ihr auch seid, mein Herr, flsterte sie mir pltzlich zu, seid so barmherzig und fhrt mich aus der Kirche; ich fhle mich sehr unwohl. Ich gab ihr meinen Arm, und die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet vom Teufel.
Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine Equipage, die unfern hielt. Ich fhrte sie dorthin, ich ffnete ihr den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen Schleier zurck; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die bleichen, schnen Zge Luisens. Ich danke, Herr! sagte sie. Ihr habt mir einen groen Dienst erwiesen. Noch zitterte ihre Hand in der meinigen, ihre schnen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter und fllten sich dann mit einer Trne. Aber schnell schlug sie den Schleier nieder und schlpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich habe sie -- nie wieder gesehen.
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Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte, welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich an diesem Tage nach ..., wo ich mit einem berhmten Staatsmann eine Konferenz halten musste. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht erst ntig, ihn zu berzeugen, dass die Trken seine natrlichen Alliierten seien. Von ... eilte ich zurck nach Rom. Ich gestehe, ich war begierig, wie sich die Verhltnisse lsen wrden, in welche ich verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant geworden waren.
Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche Kaufmann. Er sa in einem schnen Wagen und hatte, wie es schien, Streit mit einigen ppstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg zu ihm. Lieber Bruder, sagte ich, es scheint, du willst Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?
Ja, fliehen will ich aus dieser Sttte des Satan, war seine Antwort; und hier lsst mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume unterweisen wollte.
Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die Polizei hatte, ich wei nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoen und hatte den Pietisten gefragt, was es enthalte. Geistliche Bcher, antwortete er. Man glaubte aber nicht, schloss auf, und siehe da, es war ein gutes Flaschenfutter, und die Polizeimnner wollten wegen seines Betruges einige Scudi von ihm nehmen.
Aber, Bruder! sagte ich zu ihm. Eine fromme Seele sollte nach nichts drsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als nach dem Manna des Wortes, und doch fhrst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwrste? Pfui, Bruder, heit es nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem allem fragen die Heiden?{78}
{78: Zitat aus dem Matthus-Evangelium (6, 31).}
Bruder, erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, Bruder, bei dir muss es noch nicht vllig zum Durchbruch gekommen sein, dass du einem Mann von so felsenfestem Glauben, dass du _mir_ solche Fragen vorlegst. Gerade, dass ich nicht zu seufzen brauche: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden? Gerade deswegen habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller gefllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Wrste gekauft; es geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen Shne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln fhrt, da nehmet diesen hollndischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bcher in Ruhe! -- So, nun lebe wohl, Bruder, der Geist komme ber dich und strke deinen Glauben!
Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestrkt, dass diese christlichen Phariser schlimmer sind als die Kinder der Welt. Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Strae begegnete mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die Schleppe nach, sondern fhrte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glhend, seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sa ihm etwas schief auf dem Ohr.
Siehe da, ein bekanntes Gesicht! rief er, als er mich sah, und blieb stehen. Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns nicht schon irgendwo gesehen?
O ja, und ich hoffe noch fters das Vergngen zu haben; ich hatte die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.
Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr, woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben Paares.
Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklren; die spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und Piccolo musste ihn jetzt fhren. Ihr waret wohl recht vergngt? fragte ich ihn. Es ist doch Euer Werk, dass die Donna den Kapitn endlich doch noch berwunden hat?
Das ist es, lieber Ketzer, sagte er, stolz lchelnd. Mein Werk ist es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! -- Was wollte ich sagen? Ja -- mein Werk ist es; denn ohne mich htte die Donna gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, dass er sich in Rom befinde. Ohne mich wre ihre frhere Ehe nicht fr ungltig erklrt worden; ohne mich wre der Kapitn nicht rechtglubig geworden, was zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wre er nicht von seiner Ketzerin losgekommen -- kurz, ohne mich -- ja, ohne mich stnde alles noch wie zuvor.
Es ist erstaunlich!
Hret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hrt einmal, werdet auch rechtglubig. Brauchet Ihr Geld? Knnet haben soviel Ihr wollt, gegen ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen kstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schne, frische, reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr Ehren und Wrden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen Sporenorden verschaffen.{79} Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi kaufen -- aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen Heimat groe Ehrenstellen? Drfet nur befehlen. Wir haben dort groen Einfluss, geheim und ffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?
{79: Der Orden vom Goldenen Sporn, ein hoher ppstlicher Orden fr Verdienste um die katholische Kirche.}
Der Vorschlag ist nicht bel, erwiderte ich. Ihr seid nobel in Euren Versprechungen. Ich glaube, Ihr knntet den Teufel selbst katholisch machen?
_Anathema sit! Anathema sit!_ Es wre uns brigens nicht schwer, antwortete der Kardinal. Wir knnen ihn von seinen zweitausendjhrigen Snden absolvieren und dann taufen. berdies ist er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer berlisten lassen!
Wisset Ihr das so gewiss?
Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er mit einem Franziskaner gehabt?
Nein, ich bitte Euch, erzhlet!
Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele. Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Ma ihrer Snden das Recht dazu. Der Mnch aber wollte sie _in majorem Dei gloriam_ fr den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor, sie wollten wrfeln; wer die meisten Augen mit drei Wrfeln werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner aus. Doch dieser lie sich nicht irre machen. Er nahm die Wrfel und warf -- neunzehn. Und die Seele war sein.
Herr, das ist erlogen, rief ich, wie kann er mit drei Wrfeln neunzehn werfen?
Ei, wer fragt nach der Mglichkeit? Genug, er hats getan, es war ein Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann den Unterricht beginnen.
Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir lsst sich der Satan nicht berlisten. Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner groen Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor Nacht nicht zurckkehren. So musste ich den Gedanken aufgeben, heute noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Frulein sich befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitn auf immer fr sie verloren sei, sie fr sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, ihn heute noch zu sehen; denn den Abend ber wusste ich ihn nicht zu finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.
Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trmmern einer groen Vorzeit meinen Gedanken ber das Geschlecht der Sterblichen nachzuhngen. Wie erhaben sind diese majesttischen Trmmer in einer schnen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren Raum. Aus dem blauen, unbewlkten Himmel blickte der Mond durch die gebrochenen Wlbungen der Bogen herein, und die hohen berwachsenen Mauern der Ruine warfen lange Schatten ber die Arena. Dunkle Gestalten schienen durch die verfallenen Gnge zu schweben, wenn ein leiser Wind die Gestruche bewegte und ihren Schatten hin und wieder zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein frhliches Volk, schne Frauen, tapfere Mnner und die ernste, feierliche Pracht der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese Mauern allein berdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich grer der Sinn jenes Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Sttte lebte. Die ernste Wrde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk der Csaren und -- _dieser_ rmische Hof und _diese_ Rmer!
Der Mond war, whrend ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt gerade ber dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, dass ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sa seitwrts auf dem gebrochenen Schaft einer Sule. Ich trat nher hin -- es war Otto von S. ... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und wnschte ihm Glck, ihn so gesund zu sehen. Er richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, weinende Augen blickten mich wehmtig an, schweigend sank er an meine Brust.
Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber! sagte ich. Sie sind noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!
Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen? Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gnzlich zu heilen, fuhr ich fort. Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich so sprde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie mssen Mut fassen, Luise wird Sie erhren, und dann ziehen Sie mit ihr aus dieser unglcklichen Stadt, fhren sie nach Berlin zu der Tante. Wie werden sich die sthetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf diese Art schlieen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen persnlich einfhren!
Er schwieg, er weinte stille.
Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Sprden fortspielen?
Sie ist tot! antwortete der junge Mann.
Ists mglich! Hre ich recht? So pltzlich ist sie gestorben?
Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben.
Er sagte es, drckte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die Ruinen des Kolosseums.
