 Die Politik
Untersuchung ber die vlkerpsychologischen Bedingungen gesellschaftlicher Organisation
Von Alexander Ular

Band 3 der Reihe
Die Gesellschaft
Sammlung Sozialpsychologischer Monographien
Herausgegeben von Martin Buber
Frankfurt am Main
1906


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A Dunyazad Digital Library book
Selected, edited and typeset by Robert Schaechter
First published May 2026
Release 1.0 * May 2026


 ber den Autor

Alexander Ular war ein deutscher Journalist, Sinologe und Schriftsteller, der heute vor allem fr seine deutsche bersetzung des Tao Te King bekannt ist, der aber neben dem vorliegenden Text auch mehrerere Monografien ber Russland und China sowie zwei Romane verfasst hat.
ber sein Leben ist erstaunlich wenig zu finden -- nicht mehr als dass sein richtiger Name Alexander Ferdinand Uhlemann war, dass er 1876 in Bremen geboren wurde, dass er eine Zeit lang in Frankreich lebte, dass seine politische Ausrichtung als anarchosyndikalistisch beschrieben werden knnte, und dass er 1919 in Marokko starb.


 ber dieses Buch

Alexander Ulars Ausfhrungen zum Verhltnis von Religion, Macht und Politik sind nach wie vor aktuell, vielleicht sogar aktueller als zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift -- bemerkenswert ist, dass Ular sie lange vor Sigmund Freuds Abhandlungen _Totem und Tabu_ und _Massenpsychologie und Ich-Analyse_ verfasst hat. Der in ihnen durchklingende Optimismus des beginnenden 20. Jahrhunderts, als der rasante technische und gesellschaftliche Fortschritt Freiheit und Wohlstand versprach und Krieg, zumindest in Europa, zunehmend undenkbar schien, hat sich dagegen als trgerisch erwiesen, ebenso wie seine idealisierte Einschtzung Chinas -- auch im 21. Jahrhundert leben wir immer noch inmitten von Diktaturen, Kriegen und Genoziden, und es zeigt sich wie erschreckend aktuell die Mechanismen der Macht, die Ular aufzeigt, immer noch sind.


 ber diese Ausgabe

Fr die vorliegende Ausgabe wurde die Rechtschreibung aktualisiert, und fr Personennamen und geografische Bezeichnungen heute bliche Schreibweisen gewhlt.
Im Original gesperrt gesetzte Wrter sind hier kursiv gesetzt. Im Original sind die Textabschnitte nicht nummeriert.
Die Funoten sind meine (R.S.).


 Die Politik

 ~ 1 ~
Seit unzhligen Jahrtausenden strecken die tibetischen Bergriesen ihre nackten Arme trostlos zum Himmel. Nichts schtzt sie gegen das unabnderliche Geschehen der Erde. Lang schon ist ihnen ihr Panzer aus Blttern und Sand vom Leibe gerissen. Strme, Klte, Atemnot und die verheerende Seuche des Bazillus Mensch hat ihren Rock aus Wald zerfressen. Jede Kleidung, jede Decke, jedes erhaltende Etwas ist ihnen in Lumpen vom Krper gefallen. Der Frost sprengt in ihren Leib klaffende Wunden. Die Nsse schabt ihre Haut. Was in ihnen ist, blutet heraus. Sie weinen aus allen Poren. Ihre Augen werden Seen. Aus allen Spalten quellen reiende Flsse. Jeden Frhling lst sich ihre Wolkenmhne in furchtbaren Gewittern, und ihr Schneebart trieft in Strmen zu den Niederungen. Und jeder Tropfen nimmt etws von dem Sein der Riesen mit sich hinab. Sie sterben langsam, ganz langsam. Aber der Widerhall ihrer Zersetzung bedeutet unendliches Glck und unendliches Unglck, in wildem Wechsel, fr unermessliche Lnder.
Denn die Flsse fhren die Splitter der Berge zur Ebene und breiten sie dort in immer dickeren, immer fruchtbareren Schichten ber weite Gebiete aus. Und auf diesem reichsten Boden der Welt, auf der gelben Erde, entspringt in dichtesten Kulturen, wie das Infusionstierchen im Schlamme des Sumpfes, der winzige Mensch. Er lebt von der fruchtbaren Erdschicht; aber er stirbt, wenn eine neue, noch fruchtbarere sich ber sein Land zieht. Er hat mit ungeheurem Flei den Zufluss der Bergsplitter geregelt. Hohe Deiche schtzen ihn gegen den Gelben Strom, und auf seine Felder leitet er nur so viel des belebenden Schlammes, als die Erschpfung der frheren Schichten wettmacht. Aber von Zeit zu Zeit hilft ihm nichts gegen den ungeheuren, verderbenbringenden Einbruch neuen Segens. Der zwischen die Dmme gezwngte Strom ermdet und lsst, was er mit sich schwemmt, zur Sohle sinken. Sein Bett hebt sich; sein Spiegel steigt. Alljhrlich erhht und verstrkt der Mensch die Deiche. Aber der Druck des Wassers wchst strker, je hher der Flussboden sich legt. Schlielich liegt er hher als das Land hinter den Deichen. Verzweifelt wehrt sich der Mensch gegen die drohende Gefahr. Er aber kann in dem knstlichen Strombett das ganze Gewicht der Wasser- und Schlammmassen nicht dauernd tragen. Und dann bricht mit unerbittlicher Notwendigkeit das Entsetzliche herein. Wenn einmal die Schnurrbrte der Bergriesen strker triefen, ihre Wolkenhaare in dickeren Strhnen niederhngen, schwillt der Strom zum letzten gewaltigen Stoe an. Ein kleiner Riss sprengt die Dmme. Mit wtendem Drhnen dringt der Strom in sie, zerreit sie, schleudert sie auf die Ebene hinab. Klafterhoch strzt die ungeheure Wassermasse ber das Land, entwurzelt die Bume, zerreisst die Huser, ertrnkt ohne Rettung Menschen und Tiere, opfert Hunderttausende lebender Wesen, und dehnt sich ber Tausende von Meilen zum trostlosen stinkenden See.
Die Sonne pumpt in giftigen Nebeln die Nsse wieder zum Himmel empor. Der See wird Sumpf. Der Sumpf wird neues fruchtbares Land. Wo eben Zehntausende starben, schwrmen Hunderttausende emsiger Menschen zusammen. Sie ziehen neue Grben, wlben neue Deiche, pflanzen neue Bume, pflgen neue Felder, bauen neue Huser, leben auf dem neuen Grunde ein reicheres, leichteres Leben als die im Einbruch des befruchtenden Wassers Vernichteten. Denn die lebengebrende Schicht ist dicker und in sich verschiedener. Neue, andere Salze durchdringen sie; neue andere Frchte gehen aus ihr hervor.
... Bis wieder der vom Willen zum Bestehenden geknechtete Mensch gerade _diese_ Schicht, gerade _diese_ Salze, gerade _diese_ Frchte zu seinem Glck notwendig glaubt, gegen das unabnderliche Geschehen der Erde wtend streitet, wieder den Strom einzwngt, die Deiche erhht, den natrlichen Wechsel, die ewige Verschiebung der Massen hindert, um schlielich zu seinem Verderben, aber zum Segen der Spteren im neuen furchtbaren Stoe nicht zu bezwingender Krfte zugrundezugehen.

 ~ 2 ~
Politik ist im Leben der Gesellschaften, was die berschwemmung des Gelben Flusses im Leben der gelben Erde Ostasiens ist. Die Berge sind die rohen, unvollkommen gegliederten Massen natrlichen Menschenmaterials. Der verlorene Wald ist die Hlle brutaler Macht, die sie zusammenhlt. Das Wasser stellt die alles Bestehende lsenden beweglichen Instinkte, Tendenzen, Ideen, Forderungen der stumpfen Menge dar. Der wachsende Strom ist der wachsende Andrang neuer Vlker oder Ideen gegen alte Kulturen. Kulturboden ist der gelbe Lss. Die Deiche und Grben sind wohlgegliederte Organisationen sesshafter Vlker. Die berschwemmung ist der Zusammenbruch ihrer Staaten. Und der Wiederaufbau ist die Geburt neuer Kultur mit reicherem Material an Blut und Ideen.
Es ist keine andere Definition, ja fast keine andere Analyse der Politik ntig, wenn man sie, was gesnder ist als absolutistische Hegelei, ganz einfach als die _Ttigkeit der Gesellschaft zu ihrer Selbsterhaltung und Machterweiterung in ihrer jeweilig bestehenden Form_ auffasst. Politik ist Kampf einer Gesellschaft gegen Mchte, die ihren Rahmen zu durchbrechen drohen. Sie ist auch Kampf gegen Mchte, die schwach genug scheinen, dass man sie in diesen Rahmen hineinziehen zu knnen glaubt. Aber das ist dasselbe; denn fr eine Gesellschaft ist Machterweiterung blo eine erhhte Sicherstellung des bestehenden Kulturrahmens. Skeptiker werden die Politik noch einfacher auffassen, und sie als Katzbalgerei jeglicher organisierter Menschengruppen darstellen. Leute, in deren Gehirn die Physik den Khlerglauben mit Wrde und Misserfolg vertritt, werden verknden, dass die Politik recht eigentlich Dynamik der Kultur ist. Und die schamlosen Gesellen, die an nichts mehr glauben, und alles Heilige unter dem Vorwand der Wahrheit und des gesunden Menschenverstandes im Schmutz ihres Zynismus ersufen, werden in der Politik weder etwas von Kultur noch von Gesellschaft finden, ber die hchsten Gter eines Volkes, welche die Politik erhalten soll, als eine schwchliche Autosuggestion lcheln, sich sogar mit den groen Zauberformeln von Staat, Nation, Rasse, Religion, Volk, Frst, Kultur ihre Unverschmtheit nicht exorzisieren lassen, die bisherige Nichtexistenz irgend einer wirklich selbstndig handelnden Gesellschaft nachweisen, und in eklem Triumph die freien Brger nationaler Staaten mit dem, ach! nur zu wahren Schreckensruf aus der Haut fahren machen: Noch nie ist Politik von Gesellschaften getrieben worden, sondern nur von Autoritten; noch nie hat die ffentliche Meinung Gesellschaften gelenkt, sondern blo die Oligarchie, welche die ffentliche Meinung zusammenbraut, bestehe sie nun aus Frsten, Priestern, Demagogen oder Prtorianern; noch nie hat ein Volk, eine Rasse, eine Religionsgenossenschaft, eine Nation sich durch das freie Zusammenarbeiten ihrer Mitglieder erhalten oder grer gemacht, sondern nur unter dem bewussten oder unbewussten Zwange der Individuen oder der dem Massengehirn aufgepressten Autorittsideen, die die Gesellschaft zusammenhalten. Tatschlich ist es fr alle Leute, die nicht gerade Kaiser, Dalai-Lama oder zum mindesten Prsident einer Republik sind, einigermaen rgerlich, festzustellen, dass die Gesellschaften bis heute sich gerade zur wirklichen Leitung derjenigen Angelegenheiten hervorragend unfhig gezeigt haben, die ihre Existenz als solche ganz unmittelbar betreffen.
Wo bleiben die Russen, wenn der Zar an Japan den Krieg erklrt, wo die Japaner, wenn der Tenno und seine feudale Oligarchie aus dem italiengroen Korea eine ungeheuerliche Bodenspekulation machen? Wie sieht es mit den Englndern aus, wenn eine Oligarchie von Bierbrauern und Schraubenfabrikanten Transvaal erobert, und wie mit den Amerikanern, wenn ihr gewhlter Zar mit seiner Milliardroligarchie die Filipinos wtend voll Wasser pumpt und sie schlielich an spanische Mnche zurckverschachert? Es ist heute noch gerade so wie vor 3700 Jahren, als Usirtasen{1} seine gyptischen Rothute gegen die nubischen Schwarzhute hetzte, ja, wie vor mehr als 5000 Jahren, als ein grosser Unbekannter irgendwelchen Chaldern{2} einredete, er sei der Sohn des Gottes Ilo, und sie auf diese Weise listig zwang, fr ihn das Tor Ilos, nmlich Bab-Ilo, zu bauen, und somit eine neue Gromacht zu schaffen, der sie sich mit Wonne unterwarfen.
{1: Sesostris III.}
{2: Ular verwendet Chalda fr Mesopotamien, in dem zunchst die sumerische, spter die akkadische, dann die babylonische und schlielich die assyrische Kultur dominierten. Babylon als Gromacht entstand allerdings erst im frhen 2. Jahrtausend v.u.Z.}
Soweit die Geschichte in den Urschlamm der menschlichen Gesellschaftsentwicklung hineinbaggert, frdert sie abwechselnd immer wieder dasselbe zutage. Die Patrie und das Vaterland sich demokratisch glaubender Brger ist nicht nur dasselbe wie die Swiataja Russj des Muschik{3} oder das Tien-hsia, das Himmelsuntere, des chinesischen Bauern. Es ist, blo etwas weniger anthropomorphistisch, etwas verphilosophastert, etwas hypokritischer, etwas verhegelt, nichts anderes als die schon etwas zu abstrakt gewordene Theokratie des Urjuden, als die im Groknig fleischgewordene Macht des Gottes Assur, oder des gyptischen Ra, als der im Papuahuptling lebendig gewordene ewige Wombat oder die gewisse Indianerstmme ebensosehr wie das Prinzip eines nationalen Reiches beherrschende groe Ratte.
{3: Das Heilige Russland des (leibeigenen) russischen Bauern.}
Der ganze Unterschied liegt blo in der mehr oder weniger konkreten Vorstellung, welche die Volksmenge von dem sie leitenden Prinzip hat, und in der Art und Weise, wie die dieses Prinzip Ausbeutenden, wie die Oligarchie ihren Machtschwindel von der ungeheuren Volksmajoritt fr bare Mnze nehmen lsst. Nichts ist nmlich unanfechtbarer als die unangenehme Binsenwahrheit, dass ohne Autoritt keine geordnete Gesellschaft bestehen kann. Nichts ist ein besser begrndeter Gemeinplatz, als dass die Politik die Regelung der Beziehungen zwischen Autoritt und Volk einerseits, zwischen Autoritten verschiedener Vlker andererseits zum Zweck hat. Nun fragt der moderne Europer mit Vorliebe, ob die Autoritt nicht natrlicherweise vom Volke selbst stammen soll, und antwortet selbstverstndlich, dass sie bei ihm wenigstens der Ausdruck des Volkswillens ist. Alle Herrschenden knnen dem Schpfer, an den sie etwa glauben, danken, dass dieser ungeheuerliche Irrtum feste Wurzeln gefasst hat; sonst wrden sie smtlich schon lngst am nchsten Laternenpfahl hngen. Die Wahrheit ist selten, und auch dann nur ganz ohne Absicht ausgesprochen worden. Sie liegt nackt in dem berhmten Wort eines Herrschenden: Dem Volke muss die Religion erhalten werden.
Alle politische Autoritt ist nmlich religisen Ursprungs und religisen Wesens. Es ist natrlich gleichgltig, ob Robespierre den Kultus des Hchsten Wesens oder der Australier den des Beutelschweins vorzieht, ob die Staatsidee oder der Vaterlandsgedanke das Gemt der Masse beherrscht und als Patriotismus zutage tritt, oder der Dalai-Lama selbst lebendiger Gott ist. Die politische Autoritt beruht immer -- bis jetzt, wohlgemerkt -- auf dem Schleiermacherschen schlechthinnigen Abhngigkeitsgefhl{4} von einer Macht, die im Grunde nur dadurch existiert, dass man sie nicht aus der Nhe betrachten kann oder mag. Htten sich die gypter von ihrem Khufu{5} nicht schlechthin abhngig gefhlt, sie htten ihn zu seinen Vtern versammelt, ehe sie dreiigtausend Mann hoch, jahrzehntelang zu Hungerlhnen stumpfsinnig wie wahres Lastvieh ihm seine unntze Pyramide gebaut htten. Und wenn das internationale Proletariat, anstatt blo papieren zu sein, sich von Land zu Land nicht noch vom Begriff des Nationalen, mit allen seinen unzhligen Traditionen sprachlicher, gemtlicher, ja sogar wirtschaftlicher Natur schlechthin abhngig fhlte, so she es sicherlich in Europa ganz anders aus. Politik ist bis jetzt stets nur Umformung vernunftmig nicht zu erklrender Autoritt gewesen -- wenn auch manchmal unter dem Vorwande ihrer Abschaffung oder wenigstens ihrer Schwchung. Ist dies richtig, so handelt es sich in jeder Politik blo um den Kampf religiser Macht gegen alles, was im unterworfenen Individuum lebendig wird, wenn sein Glaube an diese Macht sich ndert oder sich verliert. All dieses Auerreligise im Leben der Gesellschaften ist wirtschaftlich. Das Religise bindet; das Wirtschaftliche lst. Das Religise ist intellektuelle Schwche, das Wirtschaftliche dynamische Strke. Folglich ... Quod erit demonstrandum.{6}
{4: Fr den Theolgen und Philosophen Friedrich Schleiermacher (1768--1834) ist das, wie er sagt, allen Menschen bekannte Gefhl schlechthinniger (d.h. absoluter) Abhngigkeit Gottesbeweis und die Grundlage allen religisen Empfindens.}
{5: Cheops.}
{6: Was zu beweisen sein wird.}
Aber solche Theorie ist nicht nur grau wie Pyroxilinpulver; sie riecht auch ebenso revolutionr. Sie kann in liebenswrdigerer Form und in lebhafteren Farben schweigsam hinter dem Urwald des politischen Lebens hervorscheinen.

 ~ 3 ~
Der goldene Baum des politischen Lebens ist eigentlich aus Eisen; und zwar ist er nicht grn wie der goldene, sondern rot wie Blut. Nicht etwa rot von dem Blut, das wtenden Parlamentariern zu Kopfe steigt, auch nicht von dem, welches arbeitende Menschen symbolisch schwitzen, sondern rot von dem Blut der Schdel, die eingeschlagen worden sind, um ihnen neue Autorittsprinzipien, neue Religionen verstndlich zu machen. Wer allerdings in unserer Epoche Wert darauf legt -- sonderbarer Ehrgeiz -- als moderner Kulturmensch aufgefasst zu werden, fngt damit an, sich die schrecklichste Realitt der menschlichen Geschichte unter dem Vorwande intellektueller Ehre feige wegzulgen und seinen Unglauben, sein ansuggeriertes Gefhl, von nichts Unerklrlichem mehr schlechthin abhngig zu sein, in das politische Leben der Menschheit hinein zu interpretieren. Nichts ist schner als dies wtende Aufbumen gegen das Wirkliche, nichts rhrender als der Glaube an die eigentliche Ohnmacht des Glaubens. Nichts ist auch ntzlicher in einer Zeit, da die praktische Politik atavistischer Autorittsformen sich verzweifelt mit der Waffe des Es ist immer so gewesen wehren muss. Atheisten sind vielfach in glcklichen Staaten (d.h. in solchen, wo die Oligarchie glcklich ist) so anrchig, dass wer berhaupt dem religisen Unfug kulturschaffende Eigenschaften zuschreibt, als unaufrichtig angesehen zu werden pflegt. Es ist deshalb notwendig, eine Zeile zu opfern, um besonders festzulegen, dass, wenn die groartige Rolle des Glaubens im Leben der Gesellschaften hier offen erwiesen wird, dies durchaus nicht eine Ehrenrettung der Religion bedeutet. Der Atheismus kann so weit gehen, dass er den Glauben nicht mehr diskreditiert, sondern ihn als Tatsache ebenso aufmerksam hinnimmt, wie einen Schildkrtenenembryo. Diejenigen, welche den historischen Materialismus erfunden haben, sind nicht so weit gegangen. Sie haben alle Politik auf wirtschaftliche Begebenheiten zurckgefhrt, und die Sehnschten der Vlker und sogar ihrer Herrscher aus dem Drange nach hherem Wohlsein erklrt. Mein und Dein, Arm und Reich sind die wesentlichen Krfte, die, nach ihrer Ansicht, die inneren und ueren Verhltnisse nicht nur regeln, sondern auch beleben. Das Wirtschaftliche, also, abgesehen von uerst reichen Kulturformen, das Physische im Menschen beherrscht die Politik, hat Vlker und Staaten und Knige geschaffen, Kriege gezeitigt, Glauben, Wissen und Kunst als Luxusfrchte geboren und zu jeder Zeit und berall die Menschen zum Ansturm gegen ihre eigene oder gegen andere organisierte Gesellschaften getrieben. Wohl hat man in Clermont Dieu le veut{7} gerufen, als wste Horden christlicher Barbaren gegen die Kulturformen des Orients loszogen. Aber Gott war da nur ein unbewusster Vorwand; in Wirklichkeit wollten die armen Europer die reichen Sarazenen ausplndem. Wohl haben die Urchristen gegen das heidnische Rom gestritten, aber nicht weil sie einen wahreren Glauben hatten, sondern weil sie bloe Proletarier gegenber den Milliardren der kaiserlichen Oligarchie waren. Wohl haben die Muselmnner die halbe Welt erobert, aber nicht aus Fanatismus, sondern weil es reiche Lnder zu schrpfen gab. Ebenso war es mit den gyptern, als sie die libysche Wste eroberten, mit den Chinesen, als sie europaweite Steppen und Steinfelder annektierten, mit den Tolteken, den Hunnen, den Mongolen, den Deutschen gegen Napoleon III., und hat nicht sogar der andere Napoleon, als er zum ersten Male das Heer in Italien befehligte, in seinem berhmten Aufruf die demoralisierten Truppen begeistert mit den Worten: Ihr seid arm, ihr hungert. Ich fhre euch in die reichsten Lnder Europas. Folgt mir und ihr werdet reich sein! Und nun erst in der inneren Politik der Staaten! Die franzsische Revolution ist die Auflehnung des armen Tiers-Etat, der reicher war als die Cidevants.{8} Die Mongolendynastie in China wurde in einem Bauernaufstand gestrzt: arm gegen reich. Deutschland ist aus wirtschaftlichen Grnden und Instinkten einig geworden; ist nicht sogar der Zollverein vorhergegangen? Verteidigungskrieg der armen Deutschen gegen die reichen Franzosen. Die englische Verfassung ist das Ergebnis des wirtschaftlichen Wachstums der Mittelklassen. Die assyrische ohne Zweifel dasjenige der wirtschaftlichen Ohnmacht aller gegenber dem einen Sohn des Gottes Assur. Und doch waren die Untertanen der assyrischen Theokraten reich, und die der mittelalterlichen englischen Knige verzweifelt arm ... Wohl wird zugegeben, dass hier und da, bei hheren Kulturformen, auch andere als wirtschaftliche Elemente sich in der Politik zu zeigen scheinen; aber diese stammen selbst nur von wirtschaftlichen. In den primitiven Formen dagegen herrscht das Wirtschaftliche frei und offenbar.
{7: Gott will es, Aufruf zum ersten Kreuzzug whrend der Synode von Clermont.}
{8: Tiers-Etat: der dritte Stand (freie Bauern und Brger, nach Klerus und Adel). Ci-devants: die ehemaligen, die nach der Revolution ihre Titel und ihren Besitz verloren habenden ehemaligen Adeligen.}
Herrliche Illusion! Der Mensch ist leider viel dmmer. Er leidet an dem spezifischen Wahn -- den die Tiere recht komisch finden mssen -- sich um alles mgliche zu kmmern, das ihn nichts angeht, und das Allernotwendigste, die Magenfrage, um eine Entschuldigung fr sich selbst vorschtzen zu knnen, so weit zu diskreditieren, dass anstndige Leute berhaupt lieber physisch zugrunde gehen, als diesen Verachtungsritus durchbrechen. Es gibt sogar im fortgeschrittenen Paris noch Menschen, die eher auf der Strae vor Hunger umfallen, als vor einem Laden ein gerupftes Huhn aus der Auslage stehlen. Und das ist eine im hchsten Grade politische Frage. Es zeigt, dass der Mensch sehr zu seinem Schaden auerwirtschaftliche Instinkte besitzt, die sogar in den ungnstigsten Verhltnissen die Oberhand behalten. Aber die sind anerzogen! Ja, der Urmensch hat aber auch eine Mutter, die ihm etwas anerzieht, und zwar nicht eben das Kauen, das lernt er ganz von selbst, sondern gerade das Auerwirtschaftliche, vor allem die mtterliche Autoritt, die noch fortbesteht, wenn das Kind zur Not schon ohne die Mutter existieren knnte ...
Die wirtschaftliche Erklrung der Politik fngt genau am verkehrten Ende an. In Wirklichkeit zeigen sich nicht bei hheren Kulturformen einige nichtwirtschaftliche Elemente: sondern gerade da tritt zuerst in der Politik das wirtschaftliche Wollen der Masse oder der Herrscher auf. Und in den primitiven Formen herrscht nicht das Wirtschaftliche: es ist im Gegenteil gerade dort gnzlich abwesend. In ihnen herrscht, treibt, fhrt, belebt einzig und allein das Religise.

 ~ 4 ~
Das politische Leben irgend eines Volkes zu irgend einer Zeit bleibt berhaupt unverstndlich, wenn die schpferische Rolle des Religisen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen nicht klar geschaut wird. Ja, man kann die Politik sogar nicht einmal anders richtig beschreiben, als mit der Aufzhlung aller der kulturfrdernden Missetaten, die das Religise im Leben der Gesellschaften vollfhrt hat. Und da diese Missetaten gegen den gesunden Menschenverstand des irrenden Menschen immer ungefhr dieselben gewesen sind, wird es nicht verwunderlich erscheinen, dass es in der Politik, trotz allem, was die Zeitungen tglich schwatzen, seit einigen siebzig Jahrhunderten kaum etwas Neues gegeben hat. Denn der Zusammenbruch von Staaten, der Schwund von Rassen, die Zerstrung von Nationen zhlt ja nur fr die gerade Beteiligten. Die Kultur ist immer gewachsen, der Mensch innerlich und uerlich immer reicher geworden. Ohne berschwemmung kein Lss.

 ~ 5 ~
Die Politik der groen modernen Kulturnationen -- oder vielmehr ihrer Oligarchen -- ist so verwickelt, dass man nur mit geringem Erfolge direkt in den Wirrwarr der in ihr zutage tretenden Dinge hineinleuchten kann. Jedenfalls aber veranlasst schon die oberflchlichste Beobachtung ihres Lebens die wesentliche Frage der Politik: Wie kommt es berhaupt, dass Nationen Zusammenhalten und gerade so handeln, oder fr sich von einzelnen Individuen handeln lassen, als wenn sie selbst ein einheitlicher Organismus wren?
Im Leben der modernen Nationen geht, wie im Barockstil, alles durcheinander, was in frheren einfacheren gesellschaftlichen Formen noch fein suberlich geschieden war. Und daher kommt es, dass jeder aus den Motiven des modernen nationalen Lebens gerade das herausfischen und als oberstes Prinzip hinstellen kann, was seinem persnlichen Temperament und dem Grade seiner intellektuellen Entwicklung am besten entspricht.
Es hat einmal homogene Stmme oder Rassen gegeben; Rassengefhle bestehen weiter, und wer sie sich gerade recht schn plausibel machen kann, glaubt nicht nur, dass die Nation, zu der er gehrt, seine Rasse ist, sondern er handelt auch fr sie hauptschlich aus Rassengefhl.{9} Franzosen, die ein mehr oder weniger altrmisches Profil haben und auerdem eine lateinische Sprache und eine lateinische Gesellschaftsordnung besitzen, halten sich gerne fr die Vertreter der lateinischen Rasse und sehen in Frankreich den wahren Erben des rmischen Stammes, den es nie gegeben hat, und dabei sind die Auvergner, die Ligurer, die Nordostfranzosen, die Bretonen, von Rmern noch verschiedener als die friesischen Blondschdel von den bayerischen Rundkpfen. Deutsche, die gerade blond, langschdelig und mit blauen Augen begabt sind, sehen in ihrer Nation die organisierte germanische Rasse, und was das komischste ist, schwarzhaarige, rundschdelige, braunugige Abkmmlinge irgend eines fragwrdigen homo alpinus stimmen jubelnd ein. Es gibt sogar Italiener, die an die Einheit ihrer Rasse glauben. Und viele Amerikaner rasieren sich sorgfltig, um die Bartlosigkeit und den Kinntypus der Rothute sich anzusuggerieren und damit eine Art Rassenrecht auf Amerika zu verdienen! Rassengefhle leben und wirken noch berall. Begngen wir uns zunchst mit der bloen Tatsache.
{9: Es kann leider auch heute noch ntig sein darauf hinzuweisen dass die Molekulargenetik inzwischen klar bewiesen hat dass es keine menschlichen Rassen gibt. Alexander Ulars Text beweist dass auch schon lange davor das Konzept Rasse als sinnlos zu erkennen war.}
Die Sprachgemeinschaft hat noch viel festere gesellschaftliche Bande abgegeben und ist auch viel lebendiger geblieben. Nichts ist verstndlicher. Denn sie ist eine wirtschaftliche Macht; sie ist etwas nicht nur zum dauernden Bestande der Gesellschaft, sondern auch zum physischen Wohlsein jedes ihrer Mitglieder individuell Ntiges. Daher kommt es auch, dass die gemeinsame Sprache eigentlich ein negativ wirkendes Element der Nationalseele darstellt. Sie hlt nur dadurch die Nation zusammen, dass sie jedes Mitglied von denen anderer Nationen trennt. Sie erschwert den Verkehr von Volk zu Volk, macht ihn oft ganz unmglich, lsst eines ber das andere in Unwissenheit, und hindert auf diese Weise die Geburt des seelischen Dranges, der trotz aller Verschiedenheit seines Ursprungs und seiner Formen jede organisierte Gruppe, jedes Volk, jeden Staat, jede Nation, jede Gesellschaft bildet: das Zusammengehrigkeitsgefhl. Wessen intellektuelle Entwicklung mittelmig und wessen Sprachkenntnisse schwach sind, fhrt daher mit Vorliebe sein Nationalgefhl auf das sichernde Gefhl von der gemeinsamen Sprache zurck. Diese Tendenz ist zuzeiten so allgemein geworden, dass nicht nur unkultivierte Menschenmassen Volk, Nation und Sprache in einen Topf geworfen, sondern sogar Theoretiker im Wahne, die ihnen lieben Nationen vorteilhafter mit zwei als mit einem Bindfaden zusammenhalten zu knnen, die Sprache mit der Rasse verwechselt, und die gerade existierenden Vlker zugleich auf die Gemeinsamkeit des Physischen (Rasse) und des Ideellen (Sprache) hin zu unvernderlicher Individualitt gestempelt haben. Der ganze Arierschwindel ist nichts als die Folge solchen allzu mittelmigen Verstehens. Es gibt keine arische Rasse, sondern blo Sprachen, die in gewisser Verwandtschaft zueinander stehen. Dass ein Armenier mit einem Schweden rassisch enger verwandt sein soll, als mit einem Chalder, wird nur ein verbldeter Antisemit noch behaupten. Und wenn Littauer, was Bhtlingk{10} brigens mehr als Witz denn als Wahrheit behauptet hat, fast Sanskrit verstehen, so beweist das gar nichts fr die gemeinsame Abstammung der Leute, die indisch und lettisch-littauisch sprechen, sondern es zeigt nur, dass die Sprachen, wie jede andere Sitte, von einem Volk aufs andere bergehen knnen. Das ganze politische Leben der Menschheit wird falsch verstanden, wenn diese von der Wissenschaft lngst gerichtete Identitt von Rasse und Sprache aller Wirklichkeit zuwider als Wahrheit hingenommen wird. Aber das hindert natrlich nicht, dass der Glaube an diese Identitt als politisches Motiv, als Nationalgefhl berall auftritt, und oft die Handlungsweise ganzer Vlker ebenso erfolgreich wie dumm bestimmt.
{10: Otto von Bhtlingk (1815--1904), Linguist, Indologe und Sanskritforscher.}
Wen man nicht klassifizieren kann, den sieht man als Turanier an. Man hat es dazu gebracht, die verschiedensten Vlker in lcherlichem Mischmasch durcheinanderzurhren, blo weil sie Sprachen reden, die in der Wortbiegung und in der Beobachtung des Gesetzes von der geringsten Anstrengung (Vokalharmonie) einige meistenteils bei den Haaren herbeigezogene hnlichkeiten aufwiesen. Es treffen sich da die Tschuktschen mit den Ungarn und die Jakuten mit den berchtigten Sumeriern, den vorsemitischen Kulturtrgern Chaldas, deren Sprache man noch nicht einmal ordentlich kennt.{11} Und man fragt sich mitleidig, warum diese zusammengehrigen Leute keine groe Nation, keinen groen Staat, keine groe Politik geschaffen haben.
{11: Inzwischen kann die sumerische Keilschrift gelesen werden, wird die sumerische Sprache verstanden, und konnten sumerische Kultur und Geschichte erforscht werden. Sumerisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt.}
Sicherlich hat es einmal homogene Sprachgruppen gegeben, ebenso wie homogene Rassen existiert haben. Sicherlich ist auch das Sprachgefhl in der politischen Geschichte der Menschheit ebenso mchtig gewesen wie das Rassengefhl. Eines wie das andere leben krftig fort. Mommsen wollte den Tschechen ihre Quadratschdel zerschlagen -- und kein Mensch wrde von Tschechen reden, wenn sie wie die preuischen Slawen, deren Namen auf ow oder itz endigen (Blow von Dennewitz), ordentlich Deutsch gelernt htten. Und die Russifizierung der baltischen Provinzen hat sich immer an der Ausdehnung des Gebrauchs der grorussischen Sprache gemessen. Leute, die dieselbe Sprache reden, bilden sich ohne weiteres ein, sie verstnden sich. Gleiche Sprache ist ihnen ein Zeichen nationaler, und wenn sie noch dmmer sind, rassischer Zusammengehrigkeit. Wren die amerikanischen Neger, die nur Englisch knnen, nicht so grlich schwarz, man wrde sie nicht nur moralisch als gleichberechtigte Brger der Vereinigten Staaten, sondern als Mitglieder der so sehnschtig herbeigewnschten Yankeerasse behandeln. Wo Rassengefhl und Sprachgefhl nicht im allerschreiendsten Gegensatz zueinander stehen, verstrken sie sich gegenseitig zum Nationalgefhl.

 ~ 6 ~
Aber es stecken in dem modernen Nationalbebewusstsein noch viele andere Elemente. Vor allem der Wille zum Nichtvergessen, welchen Skeptiker als intellektuelle Faulheit, wohlmeinende Brger aber als historische Tradition auffassen. Es handelt sich da nicht mehr um das Festhalten an natrlichen Lebenserscheinungen einer Gesellschaft, wie bei der Sprache und der Rasse, sondern um die Beibehaltung der Produkte knstlicher, meistens mit Gewalt aufgezwungener Organisation, nicht um den Schutz vlkischer, sondern um den staatlicher Einrichtungen. Woher dieser sonderbare Hang stammt, ist zunchst gleichgltig. Wenn er auch im Allgemeinen sich dem Wohlsein der Gesellschaften verderblich erwiesen hat, so ist es doch sicher, dass er stets gewirkt hat, und heute krftiger wirkt als jemals. Nehmen wir also die Tatsache des historischen Zusammengehrigkeitsgefhls hin. Denn es ist noch jetzt bewusst bei allen Vlkern.
Weniger bewusst, anscheinend auch weniger mchtig, aber im Grunde krftiger und wesentlicher als alle anderen, ist im politischen Leben das religse Element, welches als gemeinsames Gefhl der Abhngigkeit von einer hheren Macht auftritt und demgem einzig und allein die feste Verbindung zwischen dem Volk und seinen Fhrern herstellt, ohne welche weder politisches Handeln, noch berhaupt eine feste Organisation mglich ist. Man kann fglich ber _die_ Art religisen Nationalgefhls hinweggehen, die nach gewonnener Schlacht Tedeums anstimmt oder Christen gegen Heiden und Protestanten gegen Katholiken aufhetzt. Das sind blo die rohesten Formen, in denen das Religise im politischen Leben auftritt. Es sind allerdings auch die Formen, aus denen sich die feineren, die moralischen Grundlagen nationaler Existenz entwickelt haben, zum Guten wie zum Schlechten, zum Guten durch die innere unpersnliche Auffassung der die Vlker leitenden Autoritt, zum Schlechten durch die immer grbere Verdummung der Massen, denen die Unfehlbarkeit der Autoritt mit der Zeit zum Dogma wird.
Schlielich mischen sich die wirtschaftlichen Instinkte der einzelnen oder ihrer professionellen Gruppen ins Fricass des modernen Nationalgefhles. Und wenn sich dieses dann politisch bettigt oder passiv sich der politischen Bettigung der Oligarchien nicht widersetzt, so muss das Volk mit dem einen alle anderen Ingredienzien seines politischen Mahles zugleich ausessen. Deswegen ist es so schwierig, das Rezept herauszuschmecken.
Aber eins kann festgestellt werden. So sicher wie der Sauerbraten nach Ochsenfleisch schmeckt, so sicher riecht es in der politischen Kche bis in alle Ecken nach Religion. Kaiser, Knige, Zaren, Inkas, Huang Dis, Dalai-Lamas, Pharaone, Ppste und alle anderen Himmelsshne, Herrscher von Gottes Gnaden, und sogar Republiksprsidenten sind nicht brutale Kriegsmeister oder listige Goldfrsten, sondern smtlich Hohepriester gewesen. Wappen waren religise Embleme, Feudalherren Priester heruntergekommener Gtter, Gesetze gttliche Offenbarung, Sitten eingefleischter Ritus. berall wo man die Entwicklung einer Gesellschaft und ihres Kollektivlebens, ihrer Politik, deutlich von Anfang an verfolgen kann, sieht man, dass auer der Religion berhaupt nichts zu ihrer Organisation beitrgt, und das Wirtschaftliche am allerwenigsten.
Wenn ein australischer Stamm berhaupt als solcher existiert, so hat er sein ganzes Kollektivleben in charakteristischer Form einem Totem untergeordnet. Stumpfsinniger Animismus! Wie kann eine ganze Menschengruppe glauben, dass ihr Grnder und Herr das Beutelschwein ist, und ihre ganze Existenz daraufhin einrichten, in Riten fassen, dass die Wrde und Macht des heiligen Tieres gebhrend respektiert werde! Aber es ist nun einmal so. Der Stamm wrde zweifelsohne auseinandersplittern, wenn seine Mitglieder nicht durch die gemeinsamen Lebensregeln solidarisch gemacht wren, diese Lebensregeln, die aus dem Abhngigkeitsgefhl von der hheren Macht des Beutelschweins hervorgehen. Jeder ist mit dem Beutelschwein verwandt; jeder ist Kind Gottes; jeder kann nur dann im Leben fortkommen, wenn er den heiligen Zorn des Erdferkels nicht auf sich zieht; und um diesen Zorn hintanzuhalten, die innige Zusammengehrigkeit des Stammes mit dem Totem zu festigen, sind in den Willen des gttlichen Wombats Gesetze hineingelesen, die als Ritus, als Lebensregel, als Gesellschaftsordnung, als Moral, als Politik in die Erscheinung treten. Nichts ist fr das Leben eines Stammes, eines Volkes, einer Nation bedeutungsvoller als die Riten ber rein und unrein, d.h. ber das, was das gttliche Beutelschwein anwidert und rgert, oder ihm gefllt und es freundlich macht. Denn es betrifft dieses rein und unrein gerade das, wovon die physische Existenz des Volkes in allererster Linie abhngt, die Erhaltung der Individuen und ihre Fortpflanzung. berall sind die Regeln ber das zu Essende und das zu Vermeidende, berall auch die Gesetze der Ehe Tabugesetze gewesen, und alle Tabugesetze mit allen ihren jeder Vernunft, jedem, auch dem primitivsten wirtschaftlichen Sinn hohnsprechenden Folgen, sind aus jenseits von aller Wirklichkeit vollfhrten Deduktionen hervorgegangen. Die Verbote, gewisse Dinge zu essen, gewisse Gegenstnde zu berhren, gewisse Frauen zu heiraten, machen in einfachen Kulturformen gerade ihr spezifisches Merkmal aus. Und was sind diese Verbote? Wie kommen sie zustande? Ihr Objekt wird geheiligt! Ist es etwas, mit dem man fortwhrend zusammentrifft, so wird aus der Heiligkeit bald eine Verachtung, die um so strker wird, je fter man sich mit dem tabu gewordenen in Acht zu nehmen hat. Und so wird das ganze Leben der Volksmitglieder in gleicher Weise uerlich und innerlich beinflusst, umgestaltet; wenn sie ganz moralisch leben wollen, tun sie berhaupt nichts mehr als Riten erfllen, d.h. Regeln, die nicht durch die wirtschaftliche Notwendigkeit gegeben sind; und die Riten, die irgendwie von denen aller anderen Stmme verschieden sind, unterscheiden sie von jenen, machen ihr spezifisch Nationales aus, um schlielich durch den fortwhrenden gleichen Druck auf die Seele auch eine spezifische Weltanschauung zu schaffen, oder, wenn man will, eine spezifische Kultur. Wenn ein Volk sich bei der Idee ekelt, etwa Tauben oder Hasen oder Schweine essen zu sollen, verwandte Frauen zu heiraten, oder ohnmchtig Zusehen zu mssen, wie andere sich dem Ritus des Bauchaufschlitzens hingeben, so hat man damit sicherlich eines oder das andere Charakteristische an diesem Volke als solchem gefunden. Man hat einen Teil der Grundlagen seiner gesellschaftlichen Ordnung aufgedeckt und somit einen Winkel seines politischen Lebens erhellt.
Alles das soll im Totemismus stecken! Das gttliche Erdferkel soll etwas im politischen Leben aller Zeiten und Vlker Wesentliches darstellen? Aber Kulturvlker sind doch ber den Totemismus hinausgekommen! Und auerdem haben Wissenschaftler gerade alle diese Taburegeln, die am Anfang gesellschaftlicher Ordnung stehen sollen, als entweder wirtschaftlichen Ursprungs oder als ulkigen Luxus, als Urkunst, als Befriedigung sthetischer Bedrfnisse nachgewiesen. Was beweist es, wenn die Juden kein Schwein, die Russen keine Taube und keinen Hasen, der sich respektierende Deutsche kein Pferd essen will? Allerdings muss ja eingestanden werden, dass noch heute das jdische Volk, z.B. in seinen Kolonien in Abessinien, ganz einfach als das kein-Schwein-essen-wollende charakterisiert wird. Allerdings kann man ja eine Parallele ziehen zwischen dem Australier, der sein heiliges Erdferkel{12} nicht essen will, und dem Juden, der das Schwein verschmht. Aber erstens ist doch das Erdferkel dem Australier heilig und das Schwein dem Juden widerlich, wie das Pferd dem Germanen. Ist das nicht ein Unterschied? Und zweitens, wenn sogar dieser Unterschied nicht wre, sind denn nicht viel plausiblere Grnde fr solche Speiseverbote da, als solcher kindischer Aberglaube von Verwandtschaft mit Tieren, von bldem Animismus? Die Juden haben in heien Lndern gelebt. Da ist Fett unverdaulich. Schweinefleisch wird ihnen wohl nicht gut bekommen sein, und da haben sie es einfach verboten. In Europa ist doch auch Opium verboten. Und in Italien machen im Sommer alle Schweineschlchter zu. Wenn die Russen keine Hasen essen wollen, so werden sie sie wohl frher nicht vertragen haben. Was die Taube anlangt, so ist sie vielleicht als christliches Symbol unantastbar. Und wenn Kulturmenschen nicht ihre eigene Schwester heiraten, und zwei Brder nicht zusammen eine Frau nehmen, so ist das einfach nicht mehr als anstndig, abgesehen davon, dass der Inzest wahrscheinlich ungesund ist und zur Erhaltung der Rasse nichts taugt ... Jedenfalls existiert Totemismus oder irgend eine andere Form primitiver Religion bei Kulturvlkern nicht mehr, hat also auch mit ihrem politischen Leben nichts zu tun.
{12: Das Erdferkel lebt in Afrika, nicht in Australien. Ular verwendet Erdferkel hier irrtmlich anstelle von Beutelschwein bzw. der korrekten Bezeichnung Wombat, was aber nichts an der Argumentation ndert.}
So schimpft jeder moderne Mensch, der den gesunden Menschenverstand des zwanzigsten Jahrhunders sein eigen nennt. Aber unrecht hat er doch. Sein gesellschaftlicher Ritus ist blo komplizierter geworden, aber alles Einfachere steckt noch drin. Wenn man eine russische Dame fragt, warum sie keinen Hasen essen mag, so kann man wrtlich die Antwort hren: Pfui! Wenn er abgezogen ist, sieht er ja gerade aus wie ein neugeborenes Kind! Keinem Europer wird je dieser Gedanke gekommen sein. Aber, und das ist das Interessante, dieser Gedanke ist schon vom nichtrussischen Ideenkreise berhrt und umgeformt worden: er ist gebildet. Stellt man einem kleinrussischen Bauern dieselbe Frage, dann kommt die Wahrheit heraus: Gott soll mich bewahren! Das wre ja, als wenn ich einen Menschen e. Genau dasselbe sagt der Wombat-Totemist von seinem Erdferkel. Was die Taube bei den Russen anlangt, so kommt ihnen wohl ihr christlich-symbolischer Charakter zum Bewusstsein; aber ist das ein Grund, keine zu essen? Katholiken und Protestanten sind ebenso christlich und essen sie. Die Sache liegt in Wirklichkeit so, dass der Russe nicht die Taube verschmht weil sie den heiligen Geist symbolisiert, sondern dass er dieses Symbol nachtrglich als Erklrung fr die Tatsache anfhrt, dass er keine Taube essen will. Sein Widerwille ist nichts Christliches, es gibt auch nicht einmal eine Kirchenregel darber; es ist ganz einfach der eingefleischte, Sitte, Moral gewordene Ritus einer totemistischen, lngst grndlich umgestalteten politischen Ordnung.
Mit dem jdischen Schwein ist es ebenso. Es wurde nicht von der Jerusalemer Sanittspolizei verboten, weil es Trichinose verursachen knne, und gesalzener Schinken bei heiem Wetter schlecht schmecke. In Sdchina, wo es ebenso hei ist, verzehrt man mit Wonne, brigens ausgezeichnete Spanferkel, die man der Lnge nach halbiert, jede Hlfte platt schlgt wie ein Brett, und im Backofen in ihrem eigenen Fett bratet. Den Essern bekommt dieses im hchsten Grade empfehlenswerte Gericht nur dann nicht, wenn sie, was allerdings vorkommt, immer noch mehr haben wollen. Der Mann, der die Bcher Mosis zusammengestellt hat, verstand berhaupt weder von Hygiene etwas, noch von Zoologie. In der Liste der verbotenen Braten, die dieser gttliche Gerichtsschreiber in seine Gesetzestafel aufgenommen hat -- das Faktum zeigt schon an und fr sich, wie Politik und Religion eins sind -- figuriert nmlich eine ganze Reihe Fleischsorten, die kein Metzger der Welt jemals dem staunenden Brger feilgeboten hat. Es ist insbesondere von einigen Arten vierfiger Vgel die Rede, die eine verzweifelte hnlichkeit mit den wundersamen Symbolen assyrischer Knigsmacht haben, als Torhter der chaldischen Palste dienen, und ber Lwenbeinen einen Stierleib mit Flgeln und einen brtigen Menschenkopf aufweisen. Ob diese Chimren selbst eine Zusammensetzung aus mehreren Totems besonders mchtiger chaldischer Stmme sind und so zum Zeichen hchster Macht wurden -- hnlich wie in gypten die Schlange oder der Geier als Totem siegreicher Kleinstaaten zum Wappen des Groknigtums -- das tut nichts zur Sache. Aber dass solche symbolisierten Tiere berhaupt tabu erklrt wurden, beweist, dass es sich nicht um Verbote physischer Speise handelte, sondern um Scheu vor Verletzung von Mchten, die in diesen Tieren sitzen. berdies stehen auer den jedem Christen bekannten Tieren in diesem Tabugesetz ganz zufllig allerlei Raubvgel und sonstige wirklich wenig schmackhafte Gerichte, die sonderbarerweise von gypten bis Chalda unzhlige Male als Totems von verschiedenen Vlkerschaften auftreten. Man kann also ruhig die Donnerkeile der Bibelglubigen auf sich niedersausen lassen und die jdische verbotene Speisekarte geradezu als eine Liste der zur Zeit ihrer Abfassung noch politischen Wert besitzenden und mehr oder weniger bewusst gebliebenen Totems ansehen, mitsamt dem Schweine.
Das den Germanen heilige, d.h. als Totem betrachtete Pferd ist auch noch jetzt tabu. Wenn manche trotzdem davon essen, so mchte man die Gegner sozialer Reformen daran erinnern, dass, wenn sie weiterherrschen wollen, dem Volke die Religion erhalten bleiben muss, -- auch die des Pferdetotems. Denn wenn dieses verschwindet, geht auch etwas von dem, wie man sehen wird, immer noch herrschenden politischen Prinzip zugrunde, nmlich ein unvernnftiger, moralischer Instinkt gewordener Ritus. Jeder aus berlegung oder Not verlorene Ekel ist ein Stein weniger in der Mauer des Glaubens an Autoritt. Wer sich nicht mehr als Germane ekelt, Pferdefleisch zu essen, hat mit einem unbewussten, zur zweiten Natur gewordenen und gerade deswegen um so mchtigeren Autorittsprinzip gebrochen. Er wird sich von bewusst gebliebenen, die er auch logisch angreifen kann, mit viel weniger Mhe befreien. Psychologisch genommen, und so albern es scheint, sind in Deutschland Pferdefleischesser angehende Sozialisten. Englnder, die in vieler Hinsicht germanische Autorittsformen fester gehalten haben als Deutsche, hngen noch so sehr am Pferdetabu, dass einige Zeitungen einen geradezu religisen Hass gegen die Deutschen dadurch entfesseln konnten, dass sie den Pferdefleischgenuss als in Deutschland allgemein darstellten, wobei noch mit gebhrender Schrfe die moralische Schwche der Deutschen gergt wurde, die nicht lieber Hunger leiden wollen, als den natrlichen Ekel ber Bord werfen, der blo ein jahrtausendealter totemistischer Rest ist.
Die Kulturvlker sind ber den stumpfsinnigen Animismus hinaus? Sie treiben Nationalpolitik? Ja, wenn nur nicht die Nationen selbst und jedes einzelne ihrer traditionellen politischen Organe auf animistischem Boden gewachsen wren und weiter wchsen!

 ~ 7 ~
Der australische Stamm mit der Erdferkelreligion, der Erdferkelsitte, dem Erdferkelgesetz, der Erdferkelpolitik, dem Erdferkelleben findet sich ja ganz genau z.B. in der mittelalterlichen Christenheit mit ihrem absoluten Papsttum wieder, also in einem politischen Milieu, das sich, allerdings mit Unrecht, fr das entwickeltste seiner Zeit gehalten hat.
Man setze nur das Wort christlich an die Stelle des Wombats, und man wird sehen, dass der Fortschritt, psychologisch genommen, ganz minimal ist. Der christliche Gott des Mittelalters ist eigentlich nur ein ins Ungeheure gewachsenes und damit immer verschwommener erscheinendes Totem. Der Christ ist sein Kind, wie der Australier das des Beutelschweins. Insofern die Christenheit des Mittelalters sich viel strker nach ihrer Religion, als nach ihren staatlichen Organisationen zusammengehrig fhlte, war ihr inneres und ueres politisches Leben nicht nach anderen Prinzipien geregelt als das des Australierstammes. Und _dass_ diese Christenheit _eine_ groe politische Organisation bildete oder jedenfalls bilden wollte, beweisen die Kreuzzge, die Bannstrahlen der Ppste gegen Kaiser und Knige, kurz die ganze politische Geschichte jener Zeit. Und das Spezifische an der Christengruppe war sicher nicht die Rasse, denn es gingen in ihr Dutzende durcheinander; es war auch nicht die Sprache, denn die Kirchensprache war die keines christlichen Volkes; noch weniger waren es gemeinsame, wirtschaftliche Interessen. Das Zusammengehrigkeitsgefhl aller derer, die zuzeiten geradezu eine politische Einheit der Christenheit gemacht haben, ging einzig und allein aus der Gemeinsamkeit des Ritus hervor, aus der fr alle gleichen schlechthinnigen Abhngigkeit von einer hheren Macht, die auf Erden im Papste einen Stellvertreter hatte, der wusste, wie man sich mit dieser Macht freundschaftlich stellt. Dies gemeinsame Abhngigkeitsgefhl erwies sich in den von allen befolgten Regeln zur Gott geflligen Lebensweise. Das ganze christliche Leben war Ritus mit allen seinen Tabugesetzen, Moralprinzipien und Zeremonien, die nur zum geringsten Teile praktischen Wert hatten. Und wenn die Christen unter dem Papst, wenn man so sagen darf, eine internationale Nation gebildet haben, so war deren einziges Band die gleiche wesentlich religise Lebensauffassung von der Taufe bis zur Absolution im Tode und noch darber hinaus zur Hlle und zum Fegefeuer. Und mit dem Leben jedes einzelnen war auch das der Gesellschaft religis, sowohl in seiner inneren Ausgestaltung -- die Kultur des Mittelalters ist totemistisch -- als auch in seinen Manahmen zur Selbsterhaltung: die innere und uere Politik des christlichen Mittelalters fute auf dem Boden der Erhaltung und Ausbreitung des christlichen Ritus. Aber trieb der Papst nicht weltliche Politik, wie jeder Kaiser, Knig oder Sultan?
Verfngliche Frage! Denn die Antwort gibt Aufschluss ber das Sein und die Triebfedern aller bis jetzt wirklich gewordenen Politik. Wenn es nmlich wahr ist, dass von den ltesten Zeiten bis auf den heutigen Tag und berall, wo Menschenherden dauernd zusammengewohnt haben, kein Volk die Verteidigung einer Zusammengehrigkeit, welcher Art sie auch sei, aus sich selbst heraus betrieben hat, sondern blo unter der zwingenden Fhrung herrschender Individuen oder Minoritten; wenn es wahr ist, dass eigentlich weder die innere noch die auswrtige Politik irgend eines Staates bis jetzt das Werk der Gesellschaft selbst, sondern das von Monarchen oder Oligarchien gewesen ist, dann muss die Frage nach dem Wesen und dem Handeln der Monarchie und der Oligarchie mit der nach dem Wesen und den Erscheinungsformen der Politik zusammenfallen. Und so ist es.
Obschon es sowohl in den modernen groen Nationen, wie auch in vielen alten groen und kleinen Staaten massenhaft Brger gegeben hat, die sich ihres Rechtes, die Politik ihres Gemeinwesens gemeinsam zu leiten, sehr wohl bewusst waren, ist noch niemals ein lebensfhiger selbstndiger politischer Organismus zustande gekommen, in dem dieses Recht sich praktisch bettigt htte. Das ist das Rtselhafteste in der politischen Geschichte der Menschheit. Die allermeisten politischen Organismen sind rein monarchisch, despotisch gewesen, und sind es fast noch. Man kann diejenigen, ber deren monarchische oder oligarchische Leitung man im Zweifel sein knnte, an den Fingern herzhlen. Das alte Polen nannte sich eine Republik, und war doch eine Despotie, sovielmal schlimmer als eine Monarchie, als ihr grundbesitzender Adel Familien zhlte. Mit Venedig und den anderen italienischen Republiken war es hnlich; die besten retteten sich, indem sie, wie Florenz, zur Monarchie wurden. Gerade so ging es mit Rom. Vom Knigtum fiel es in die Oligarchie des Geburtsadels, von dieser mit der Zeit in die des Geldadels; und als mit der Eroberung aller politischen Rechte durch die Proletarier eine demokratische Politik logisch mglich geworden war, wurde das Reich nach frchterlichen Umwlzungen zwischen Militrdiktatur und Pbeldiktatur wieder zur Monarchie. Von den griechischen Republiken mit ihren kleinen Brger- und riesigen Sklavenkasten ist nur zu sagen, dass sie smtlich reine Oligarchien gewesen sind, und noch dazu mit monarchischen oder diktatorialen Intermezzi, die den Hhepunkten ihrer Entwicklung verzweifelt nahe stehen. Karthago war, wie Hamburg und Bremen, eine Geldoligarchie. Und wie steht es mit den modernen Grostaaten? Sie haben mit der relativ neuen Erfindung der abgeschwchten Monarchie, und mit der noch neueren Erfindung der Republik mit monarchischem Habitus, nichts gewonnen und nichts verloren. England ist zwar eine Monarchie, deren Fhrer viel weniger Despot sein kann als der Prsident der franzsischen Republik oder gar der Terminmonarch der Vereinigten Staaten; aber das Wesentliche liegt nicht in der Funktion, sondern in der Mglichkeit der Weiterexistenz des Monarchen; diese, d.h. der Loyalismus des Volkes ist, so sonderbar es scheinen mag, politisch viel wichtiger, denn er setzt einen gewissen Nationalsinn voraus, der fr die monarchische Ordnung charakteristisch ist und sich auch bei Abwesenheit eines handelnden Monarchen so bettigt, als wenn das Prinzip der Regierungsautoritt in einem Individuum verkrpert wre. In allen Staaten wird zumindest die auswrtige Politik noch rein monarchisch betrieben. Und was die innere anlangt, so tritt berall, wo der Wille des oder der Herrschenden nicht unmittelbar ausschlaggebend ist, wie in Deutschland, Frankreich, Italien, der Zwang der groartigen berzeugungsmittel, mit der sie das Volk bearbeiten knnen, mit groem Erfolge in die Erscheinung. Die politische Welt ist und war monarchisch oder oligarchisch. Wie kommt sie dazu? Wie lassen sich die Vlker das gefallen? Wie treiben die Vlker diese Entsagungs- und die Herrscher diese Zwangspolitik?
Nein, der mittelalterliche Papst hat nicht, wie brigens auch sein Kollege in Lhasa, der Dalai-Lama, gleich Kaisern, Knigen und Sultanen weltliche Politik getrieben. Umgekehrt, alle Herrscher und alle Oligarchien haben Papstpolitik getrieben; zuerst bewusst; dann, mit der Gewohnheit haben sie es, wie ihre Untertanen, vergessen, und der Zustand hat sich wie andere Geisteskrankheiten fortvererbt, als schon der religise Charakter der politischen Organisation im Nebel des Instinktgewordenen zerflossen war. Der Typus Papst ist der Grundtypus aller politischen Herren; der Typus der Religionsgemeinschaft ist der Grundtypus aller politisch organisierten Menschenherden.

 ~ 8 ~
Wie der Priester zum Papst, der Papst zum Monarchen, der Monarch zum machthungrigen Menschen wird, das ist die ganze politische Geschichte der Staaten. Wie der Glubige Herden von Auserwhlten Gottes bildet, vom Kinde Gottes Soldat des Papstes, dann Untertan des Monarchen, und schlielich Machtmittel und Machtobjekt des herrschenden Menschen wird, das ist die ganze politische Geschichte der Vlker. Wie sich diese beiden Entwicklungen gerade durchkreuzen, das ist die Politik selbst bis jetzt immer gewesen. Und da jede weitere Entwicklungsstufe alle frheren in sich schliet, oder vielmehr jede neue eigentlich blo eine ber das Alte gedeckte, dnne porse Schicht ist, in die das Alte sich fest einsaugt, um sie festzuhalten, so ist es weder traurig noch verwunderlich, dass die Politik nach ihren Zielen und Motiven immer dieselbe geblieben ist, und nur durch die ueren, die wirtschaftlichen Umstnde, in denen sie wirkt, verschiedene Frbungen gewinnt.
Alle Monarchen sind Ppste, alle Staaten werden von Religionsgemeinschaften bewohnt? Der russische Zar ist noch heute offiziell orthodoxer Papst, und seine politische Macht beruht, soweit sie berhaupt noch existiert, auf der religisen Untertnigkeit der Massen. Davon ist jeder Europer berzeugt. Aber Russland ist auch ein zurckgebliebener Staat. In Deutschland und England liegt aber doch die Sache anders. Wohl sind der preuische und der englische Knig die obersten Herren der Staatskirche, aber das sind doch nur historische Reminiszenzen! Der chinesische Kaiser heit wohl Tien-tse, Sohn des Himmels, aber er hat ja nicht einmal politische, geschweige denn religise Macht, so dass sogar sein weltlicher Titel Huang Di, Herr des Gelben (Lssbodens) nur noch traditionellen Wert hat! Jawohl; wenn aber berhaupt Nationen, seien sie englisch, deutsch, chinesisch, oder sogar amerikanisch, existieren, so tun sie es gerade dank ihrer Traditionen, dank all dem, was sich im Laufe der Zeit im wirtschaftlichen, im seelischen und ganz besonders im politischen Leben bereinandergeschichtet hat; und wenn die wirtschaftlichen, seelischen und politischen Einrichtungen, die gerade bestehen, nicht alltglich ihre traditionellen Wurzeln aufdecken, und sich die oberflchlich denkende Menge sogar fortwhrend neue Grnde fr die Ausgezeichnetheit des Bestehenden zurecht legt, so ist es doch nicht weniger wahr, dass nicht diese Menge mit ihrem Denken das nationale Leben wie es ist, schafft, sondern sich umgekehrt das nationale Leben, wie es sich unabhngig vom bewussten Wollen geformt hat, in ihr Denken einnistet. Die ganze moderne Politik, sowohl wie sie von Herrschern als auch wie sie von Vlkern getrieben wird, ist der Ausdruck von mehr oder weniger unbewusst gewordenen Traditionen, mit Ausnahme hchstens der rein wirtschaftlichen, aber eben deshalb nicht mehr nationalen Bestrebungen ihres Elends bewusst gewordener Individuen. Diese Traditionen sehen wohl auf den ersten Blick recht verschieden aus; manche scheinen an der Rasse zu hngen, andere an der Sprache, noch andere an der sogenannten Staatsentwicklung, die heute krftigsten an der spezifischen Kultur der Nation, die nichts als die zur Einheit verschmolzenen einfacheren Elemente des Zusammengehrigkeitsgefhls darstellt. Aber alle diese Traditionen, von denen die meisten nachtrglich wiederausgegraben sind, als die strkste, die wesentliche, schwcher geworden ist, sind geschichtlich und psychologisch eins: sie sind Zweige der religisen Tradition. Und wenn die Politik wirklich immer mit dem Werkzeug der Monarchie gewirtschaftet hat, so ist Politik berhaupt blo eine hypokritische Religion.
Denn alle Monarchen sind Hohepriester gewesen; und alle Vlker, alle beherrschten Gesellschaften (es gibt keine anderen) haben ihnen aus religisem Abhngigkeitsgefhl gehorcht.

 ~ 9 ~
Die Geschichte und die Sprachentwicklung beweisen es. Aber muss es denn bewiesen werden? Was hat das mit unserem politischen Leben, mit der Zukunft unserer Staaten, unserer Reiche, unserer Nationen, unserer Kulturen zu tun, die allein uns interessiert? uerlich nichts. Aber sie hngt ganz und gar innerlich davon ab; weil sie je weiter die Zeit fortschreitet, um so unmittelbarer vom Psychischen in den Vlkern abhngt, und weil dieses Psychische, wie es gegenwrtig ist, blo die bereinanderschichtung aller gewesenen Lebensauffassungen ist, die religiser Natur waren. Die alltgliche Politik unserer Zeit gehrt einem Typus an, der nur dank der Geologie ihres Bodens zu verstehen ist. Verstehen wir ihn erst, um seine Handlungen khlen Auges betrachten zu knnen.
Die Herrschertitel sind ohne Zweifel in dieser Hinsicht von einigem Wert, denn sie zeigen den Sinn der Herrschaft an. Einige, besonders germanische, wie Knig und Herzog, sind jedenfalls militrische Titel, die aber natrlicherweise erst aufkommen konnten, als es schon feste politische Organisationen gab, die Kriege fhren konnten. Sie beweisen wenig. Ebenso ist es mit rex. Aber wie steht es mit Kaiser, Zar und allen anderen Ableitungen von Caesar? Sie sind Erinnerungen an den rmischen Diktator. Aber was bedeutet Caesar? Es war kein Familien-, sondern ein Beiname wie Cicero, der Erbsenmann. Hinge es mit caesius zusammen, so hiee es der Blauugige. Die Familie Dschingis Khans, am anderen Ende der Welt, hatte diesen Beinamen, und das bewiese -- eine Sache, die man wie weiterhin sehen wird, von allergrter politischer Bedeutung wre -- dass der betreffende physisch nicht zum Gros des Volkes gehrte, das er beherrschte. Oder es hat mit caedo zu tun; und dann bedeutet es den Priester, der die Opfertiere schlachtet. Sicher sagt das nichts ber die Art seiner Herrschaft aus; ebensowenig wie Buonaparte ber Napoleons Regierungsprinzip. Aber das Sonderbare ist, dass der Titel Kaiser im Orient schon zur Zeit Caesars nichts Unbekanntes war und einen gromchtigen Herrscher bedeutete. Und das ist sicher nicht fr den Erfolg des Namens unwesentlich. Dieser orientalische Kaisar findet sich schon im Avesta, dem heiligen Buch der ltesten Iranier. Und die hnlichkeit mit Caesar geht so weit, dass manche Gelehrte angenommen haben, das Avesta oder jedenfalls die betreffende Stelle wre erst nach Caesar geschrieben, der dort also als Heros figurierte. Aber der baktrische Kaisar ist nicht aus Rom, sondern aus Hinterasien gekommen, wo er der Held eines uralten Sonnenmythus ist; er ist der Siegfried der Tibetaner, Kjegser, Kaiszer oder Gesser, und sein Name bedeutet der Sich-Wiedergebrende, der Frhling. Er war ein Gott, der alljhrlich gegen den Schneeknig zu Felde zog und somit die Menschheit rettete. _Dieser_ Kaiser ist jedenfalls ein religises Element.
Andere Titel, wie Kalif al Musmeinin, Dalai-Lama, Tien-tse sind ebenso offenbar Papsttitel wie der der jdischen Richter oder der japanische Tenno, der Himmlische. Aber ist es nicht beraus charakteristisch, dass der semitische Opferpriester Kohen seinen Titel fr die meisten asiatischen Knige abgegeben hat? Chaghan, Khan, nannten und nennen sich unzhlige Frsten, die brigens smtlich auch politisch Papstcharakter tragen. Nur Dschingis Khan, ein reiner Politiker, der die Religionen als Machtmittel benutzte, alle gleich hflich und verchtlich behandelte und selbst wahrscheinlich Atheist war, hat sich diesen Titel ohne seine Funktion beilegen lassen. Und zwar auch nur, um dem religisen Bedrfnisse seiner unzhligen Untertanen zu gengen. Dschingis Khan bedeutet nmlich nicht der unerschtterliche Herrscher, wie manche glauben, sondern Papst, denn es ist die alttrkische bersetzung des tibetischen Gyamtso-Blama, was auf mongolisch Dalai-Lama, und auf deutsch der Priester gro wie das Weltmeer bedeutet.
Der groe, von seinen bezwungenen Gegnern schauderhaft verunglimpfte Mongolenkaiser mit dem Papsttitel ist, brigens ebenso wie das bei seiner Geburt kaum existierende und dann zur Weltmacht gewordene Volk, ebenso auch wie seine nach kurzer Herrlichkeit zugrunde gegangene, aber von einigen Menschen allerhchster Art getragene Dynastie, eine wunderbare Verkrperung politischer Entwicklung, die sonst erst in mehreren Jahrhunderten zum Abschluss zu gelangen pflegt. Seine Politik ist eine wahre Sturmflut von Macht. Seine Gesetzgebung und seine Diplomatie sind Meisterwerke aus dem Nichts. Aber seine und seines Volkes Triebfedern, die Art seiner Politik, ist in grter Reinheit, geradezu symbolisch, dieselbe, die noch heute alle Gromchte zusammenhlt und erweitert.
Dschingis Khan ist nmlich geradezu die Inkarnation des echten, wahren, absoluten Imperialismus, der uerlich aus wirtschaftlichen Motiven, aber in Wirklichkeit aus bloem Machtinstinkt heraus handelt. Und zwar ist Dschingis Khans Politik um so interessanter, als ihm in keiner Weise, wie Herrn Joe Chamberlain, wie Nikolaus II. in Ostasien, wie der amerikanischen Milliardroligarchie, die riesigen Machtmittel organisierter Staaten, und vor allen Dingen eine Nation zur Verfgung stand, die sich mit dem Herrscher so zusammengehrig fhlt, oder was den Gipfel darstellt, sich so fest einbildet, der Herrscher sei ihr eigenes Organ, dass ihr die erweiterte Macht des Herrschers als grere Macht des Volkes erscheint, und sie weder durch Zwang noch durch Verfhrung zum begeisterten Kampf fr die Weltpolitik angestachelt zu werden braucht. Sicher besteht zwischen der modernen, z.B. der deutschen Weltpolitik, und der mongolischen ein weiter Unterschied, zum mindesten in den Mitteln, durch die sie sich bettigt. Nikolaus II., obwohl er gerade wie der groe Mongole die Mandschurei erobern und sich am groen Ozean festsetzen wollte, ist kein Dschingis Khan; und sogar die Zerstrung Transvaals ist etwas anders vor sich gegangen als die Eroberung der zentralasiatischen mohammedanischen Reiche durch die Mongolen. Aber wenn man verfolgt, wie in der Machtflut der Mongolendynastie zunchst das Wirtschaftliche als treibendes Element vorgeschoben wird, dann das religise Autorittsprinzip mit dem festen Staate zugleich auftritt, um das politische Riesenreich zu sttzen, wie weiter das Reich zerfllt, weil dies Autorittsprinzip nicht fest genug war, um allen Untertanen ihre Zusammengehrigkeit weis zu machen, und nun die wirtschaftlichen Interessen aller zusammengeschweiten Gesellschaften in zentrifugalem Drange den Rahmen des Machtkreises durchbrachen, dann kann man sagen, so ist es mit jeder Welthegemonie gegangen, und alles ist schon einmal dagewesen. Aber das Prototypische im Epos der Dschingiskhaniden ist die _Formung_ einer Nation, die dann Weltpolitik treiben sollte.
Die Familie der Blauugigen, aus denen Temdschin{13}, der sptere Weltherrscher hervorging, gehrte, wie ihr Name sagt, sicher nicht zu der Rasse, in deren Mitte sie lebte, denn alle Mongolen sind schwarzugig. (Man wird spter sehen, was dieser Rassenunterschied fr einen Wert hat.) Sie herrschte nur ber einen winzigen Burjatenstamm, der seine Pferde an den Ufern des Onon grasen lie. Die Familie scheint unter dem Zeichen des Falken gestanden zu haben. Aber man kann den Ursprung ihrer Herrscherstellung in ihrem Stamme auer acht lassen. Welche Politik hat -- das ist das Wichtige -- Temdschin, oder vielmehr im Anfang seine Mutter, eine groartige Frau, befolgt, um aus diesem winzigen, kraftlosen Stamm eine Nation zu bauen? Hat er einfach mehr Pferde besitzen wollen? Hat er aus wirtschaftlichem Motive gehandelt? Alle Berichte, die wir ber den Anfang seines unerhrten Lebenslaufes besitzen, reden von dem Eifer, mit dem seine Leute Pferde geraubt und den Raub mit Waffengewalt verteidigt haben. Aber wenn seine Leute Pferde haben wollten, so besagt das nicht, dass er um Pferde Krieg gefhrt hat. Er wollte Menschen, Macht. Und er hat seine Leute seinen Machtplnen gefgig gemacht, sie fr seine Macht kmpfen lassen, indem er _ihnen_ wirtschaftlichen Vorteil versprach; _er_ hatte keine Pferde ntig. Aber dann kommt das Wunderbare. Als er nach langen, wechselvollen Kmpfen anstatt ber einen ber vier Stmme herrschte, da war es nicht mehr die Erlaubnis zum Plndern, die seine Untertanen an ihn fesselte, sondern seine Persnlichkeit. Die Menge schrieb ihre Bereicherung nicht mehr sich selbst, sondern den bermenschlichen Fhigkeiten des Khans zu. Zahlreiche, von ihm ganz unabhngige Stmme wollten ihn zum Oberherrn haben, weil wie eine alte Chronik sagt, ein Fhrer ntig ist, und der mchtigste dem Volk am meisten Glck bringt. Von diesem Augenblicke an gab es ein mongolisches Volk. Seine Mitglieder glaubten vielleicht, sie wrden wirtschaftlich glcklicher werden. Aber in Wirklichkeit lag ihr Glck nicht im greren Reichtum, im leichteren Leben -- denn dieses ward ihnen nicht zuteil, sondern in dem Zusammengehrigkeitsgefhl mit dem groen Menschen, in der Begeisterung fr seine Unternehmungen. Sie folgten ihm durch dick und dnn. Niemals htten ohne den groen Herrscher die Mongolen irgend eine Rolle im Leben der Menschheit gespielt. Ihre lange Vorgeschichte lehrt ja, dass sie nicht zusammengehrten. Sie wurden eine Einheit nur durch die gemeinsame Hingabe an die im Khan verkrperte Macht, an der jeder Anteil zu haben glaubte. Und dieses Nationalgefhl war religiser Natur. Dschingis Khan war kein Priester einer bestehenden Religion. Er war blo dynamisch ein menschlicher Riese. Das wusste auch sein Volk. Aber es konnte sich damit nicht zufrieden geben. Ein Mensch konnte nicht eine solche Gre des Willens und Knnens entfalten. Sie fhlten sich nun einmal untertan, schlechthin abhngig; waren weiches Wachs in seiner Hand. Um sich berhaupt mit der Wirklichkeit, mit dem Riesenwerk dieses einen Menschen auseinanderzusetzen, fanden sie keinen anderen Ausweg als eine religise Erklrung. Sie schufen eine Dschingis-Khan-Religion: sie erfanden eine fromme Legende; Aluna, die Urahne des Herrschers, war von einem weien vom Himmel niederhngenden Glanze, der sich zum Genius in Menschengestalt verdichtete, befruchtet worden; Dschingis Khan wurde Sohn des Himmels, Sohn der Sonne, Sohn des Lichts. Das erklrte alles! Nichts war natrlicher, als dass alle Menschen gemeinsam die Macht des vom Lichte Geborenen anerkannten und in ihrer Anhnglichkeit an diesen bermenschen ihr Glck fanden. Nichts auch war natrlicher als der Wille dieses Gottessohns, seine Macht, wie der Himmel selbst, bis an die Grenzen der Welt auszudehnen. Was ihm folgte, folgte dem bermenschlichen, von dem alles Leben, alles Glck des Menschen abhngt ... So, und nur so -- weil die Grundlagen seiner Macht zum religisen Prinzip wurden, whrend er selbst vom Herrscher zum Abkmmling des lebenspendenden Gttlichen aufstieg -- gewann Dschingis Khan aus dem zusammengewrfelten Chaos feindlicher Stmme eine wirkliche Nation, fester gefgt, patriotischer, begeisterter, fanatischer als die Nation der Kalifen, geschweige denn der Ppste oder gar der Kaiser jener und unserer Zeit. Und nun konnte er handeln, als wenn, wie bei gyptischen Pharaonen, jahrtausendelange Gewohnheit an den Papstcharakter des Herrschers, das Volk zum willenlosen Werkzeug, zum Spielzeug, zum Sportgert des Einen geworden wre, mit dessen Bettigung es sich identifiziert, des Einen, dessen Geist sozusagen in jeden einzelnen Untertanen gefahren war, um ihn fr das Wollen des Monarchen zu begeistern. Dschingis Khan war nicht mehr Diktator oder General, sondern Nationalkaiser, der den Kultus des Volkes annehmen musste, um ihn auf das in der Nation lebendig gewordene Ideale zu bertragen. In neueren Zeiten nannte man dies Von-Gottes-Gnadentum. Und Dschingis Khan -- der Mann war wirklich unzeitgem -- verstand dies. Bei Beginn des ersten _National_krieges, den er fhrte, gegen die Naimanen, als er schon zwanzig Jahre geherrscht hatte, vollfhrte er zum ersten Male -- sogar die chinesische Chronik betont es -- den Ritus, den sein Volk fr ihn in dumpfem Ahnen erdacht hatte und der seiner Macht die religise, die einzige wirkliche Weihe gab. Im fahlen Schein des Morgengrauens trat er vor seine Jurte aus kostbarem weien Filz und lste im Tale vor den Augen des unzhligen Volkes seinen Grtel, legte seine Waffen zu Boden, warf den Grtel ber die linke Schulter zum Zeichen, dass nicht der Gebrauch der Waffen seine Macht begrndete, und schritt einsam ber das Volk hinauf den westlichen Hang des Berges mit Wrde hinan, bis zum First. Dort wartete er still. Und als die Sonne, von der er, wie das Volk wollte, seine Gre und seine Macht als Erbe empfangen, im Osten emporstieg, da sah die erschtterte Menge im Tale den Herrscher allein vom goldenen Lichte des Himmels umstrahlt. Neunmal -- heilige Zahl bererbten Volksglaubens -- beugte sich der Groe vor dem Gestirn, grte den Ahnen und hrte ihn an. Dann stieg er zum Volke hinab. Er war Hoherpriester seiner Nation. -- Was Wunder, dass er seitdem unbesiegbar blieb! Und doch war er mit seinem wundervollen Zeitgenossen Friedrich dem Zweiten der irdischste Mensch seiner ra. Er wusste, dass dem Volke, wenn es begeistert fr seinen Herrscher leben und sterben, seine Macht, die es kaum glcklicher macht, vergrern soll, die Religion erhalten bleiben muss. Als er seine groartigen Eroberungen nach Westen zu Ende gefhrt und jenes unbegreifliche strategische Meisterwerk vollendet hatte, drei Heere, von Tausenden von Kilometern getrennt, ohne Landkarte, am selben Tage am selben unbekannten Orte Russlands zusammenstoen zu lassen; als er nach mysterisen Verhandlungen mit dem gleich ihm allzu zuknftigen Friedrich II. seinen Siegeszug vor Ungarn unterbrochen hatte und sein Riesenreich vom schwarzen bis zum gelben Meere mit politischen Gesetzen begabte, begriff er, dass seine Macht bei den unterworfenen Vlkern, ebenso wie bei dem Kernvolk des Reiches, nur durch seine Priestermacht befestigt werden konnte. Sein Sonnenpapsttum gengte nicht mehr. Nestorianische Christen, Mohammedaner, Buddhisten, Konfutsisten und Juden bewohnten seine Lander zu Millionen. Er musste Gropriester jeder Religionsform sein. Mit seinen nordasiatischen Schamanisten trieb er Magie und befragte das Orakel der Risse ins Feuer geworfener Schulterbltter von Schafen. Sonntags ging er zur Messe, kommunizierte mit Wein und diskutierte mit christlichen Priestern. Am Sabbat ging er zur Judenschule und zeigte sich als Kahn, als Kohen. Am Freitag hielt er eine Art Selamlik und war ein ebenso guter Kalif wie spter der Trke in Konstantinopel. Mit Vorliebe war er Buddhist; er fhrte mit Lamas religise Gesprche, berief sogar den Grolama von Ssatya zu sich und ging, da er den Kern seines Reiches auf buddhistisches Gebiet, nach Nordchina, verschieben wollte, mit dem politisch groartigen Plane um, den Buddhismus zur Staatsreligion zu erheben; er lie auf Grund der tibetischen eine mongolische Schrift erfinden und Teile des Kandschur seinem Stammvolke zugnglich machen. Er, der wahrscheinlich an nichts glaubte als an sich selbst, begrifif die Notwendigkeit, das Zusammenleben seiner Untertanen auf religise Grundlagen zu stellen! Er war nicht der blutrnstige Eroberer, der von den Schriftstellern seiner Besiegten mit Fluch beladen wurde. Er war vor allem, wie Napoleon, ein Politiker allererster Gre. Sein groes Gesetzbuch, das Jassa, ist leider verloren gegangen. Die wenigen Stellen, die von fremden Chroniken angefhrt sind, zeigen aber schon, dass er im Organisieren ebenso gro war, wie im Zerstren. Und muss man nicht, um zu zerstren, schon seine Machtmittel organisieren? Wenn, was ungefhr sicher ist, die innere Politik seines herrlichen Enkels Kublai die Anwendung des verlorenen Jassa war, dann muss man wohl oder bel Dschingis Khan seines Mantels von Entsetzen entkleiden und ihn als einen der tiefsten politischen Denker aller Zeiten hinstellen. Sein Riesenwille und sein Riesengeist drfen dann auch in den Filzzelten der Mongolen und den Steinhtten der Tibeter noch heute als Attribute eines bermenschen, eines Gottes, weiterleben.
{13: Der Geburtsname von Dschingis-Khan.}

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Ist es mglich, berhaupt durch Abstraktion das Werden und Wesen der Politik ergreifender darzutun, als durch den Kometenlauf dieses Herrschers, der, unerhrtes Wunder, aus nicht einmal sesshaften Stmmen eine Nation schmiedete, diese als Schwert ber die Welt schwang, die grte Macht, die je ein Einzelner besessen hat, gewann, und auf der ganzen Hhe seiner Gre sterbend sagen durfte: Ich habe die Erde berflutet; nichts kann mehr geschehen als durch mich. Denn er hat dem Leben der Menschheit von China bis Paris, von Kiew bis Indien, von Rom bis Mekka einen ungeheuren Ansto gegeben. Ohne ihn wren keine Osmanli nach Kleinasien gekommen; ohne ihn wre Byzanz nicht gestrzt; ohne ihn wre keine Renaissance, keine Reformation gekommen, kein russisches Zarentum geboren, ja vielleicht, bei der Allmacht der rmischen Theokratie, Amerika nicht entdeckt. Und er selbst ward gro durch das religise Wollen seiner ersten Untertanen ...
Als dieses zugrunde ging, fiel auch seine Dynastie. Es ist nicht wunderbar, dass sein Riesenreich bei seinem Tode noch zusammenhielt; denn es dehnte sich noch aus. Blo Staaten, die zusammenschrumpfen, zerfallen. In ihnen ist nmlich der Glaube an das auermenschliche zusammenhaltende Prinzip, dem Allmacht gehrt, zu Tode getroffen; und Umwlzungen stehen bevor. Dschingis Khan war ja selbst Gott -- oder bei vielen Feinden Gottesgeiel oder Teufel, was ebensoviel taugt. Seine Nachfolger hatten es schwerer. Sie waren nicht persnlich eine annehmbare Religion. Sie mussten sich mit anderen, festeren, identifizieren. Kublai, der das Genie seines Grovaters in erweiterter Form geerbt, aber unter dem Einfluss seiner auf der Hhe chinesischer Kultur stehenden Bildung dessen ungestme Willenserscheinungen nicht mehr zeigte, zog diesen Schluss mit aller Schrfe aus den Ereignissen, die mit Dschingis Khans Verschwinden eingetreten waren. Das religise Prinzip, auf dem des groen Herrschers Macht beruhte, war den unterworfenen Vlkern fremd geblieben. Er hatte nicht lange genug gelebt, um die Traditionen jedes einzelnen unter einem neuen Zusammengehrigkeitsgefhl zu begraben. Und dieses wre um so schwieriger gewesen, als die Unterworfenen alte Kulturnationen darstellten, mit nicht nur religisen, sondern auch schon sprachlichen, literarischen, sittlichen, kurz kulturellen Traditionen, whrend die Sieger eben erst ihr Zusammengehrigkeitsprinzip aus dem Nichts gegriffen hatten. Den Unterworfenen konnte die Macht der mongolischen Dynastie nur als militrisch, nicht einmal als politisch erscheinen. Sie hatte in ihnen keine seelische Grundlage; deshalb musste sie mit der militrischen bermacht selbst zerfallen. Das Reich hatte sich auch schon gespalten. Die Erben Dschingis Khans, die in Persien, in Russland, in Turkestan herrschten, konnten sich nur halten, indem sie ihren Vlkern folgten, d.h. sich auf die alten Nationalgrundlagen sttzten: sie wurden nationale Dynastien, wollten es wenigstens werden; verschwanden aber schlielich doch, weil es ihnen trotz aller Nachgiebigkeit nicht gelang, sich als mit dem Volke durch die nationale, religise Idee verbunden hinzustellen. Das Reich zerfiel, weil es keine Staatsreligion durchsetzen konnte. Das hatte Kublai begriffen. Er war kaum noch Weltherrscher, sondern schon mehr chinesischer Kaiser. Und damit fand er eine neue Schwierigkeit. Es gab nmlich schon damals bei den Chinesen weder eine Staatsreligion, noch eine wirkliche Monarchie mehr. Die nationale Zusammengehrigkeit der Chinesen -- die politisch den anderen Kulturvlkern um mindestens tausend Jahre voraus sind -- hatte schon lange den bergang vom Abhngigkeitsprinzip zum Kooperationsprinzip, den Europa jetzt kaum anfngt, durchgefhrt. Sie war wirtschaftlich geworden und hatte den Schein der politischen, der monarchischen, der religisen Zusammengehrigkeit nur noch als vagen Luxus beibehalten. Aber ber China herrschen ist natrlicherweise der Traum allergrten Willens zur Macht. Kublai scheint sehr wohl gefhlt zu haben, dass fr einen wirklichen Monarchen in China nichts zu tun ist. Er war ja selbst mehr als halb Chinese. Aber er hatte mit grter Aufmerksamkeit das erfolgreiche Eindringen einer wirklichen Religion in China verfolgt. Der tibetische Buddhismus machte reiende Fortschritte. Und der Kaiser war doch nicht Chinese genug, um zu verstehen, dass dieses wie jedes andere mystische Weltbild von seinen raffinierten Untertanen als sthetisches Beiwerk in ihrem Leben wrde aufgefasst werden, ohne jemals organisatorische Kraft entwickeln zu knnen. berdies beherrschte er das Stammvolk, die Mongolen, die smtlich fanatische Buddhisten geworden waren. Dort konnte er sich mit Fug und Recht als religiser Herr gebrden, denn sein Grovater hatte die Bekehrung eingeleitet. Jedenfalls sah er aber auch fr seinen _chinesischen_ Kaiserthron die einzige Rettung im _buddhistischen_ Kaisertum. Und so arbeitete er denn Jahrzehnte seiner groartigen Regierungszeit lang daran, den Buddhismus zur Staatsreligion, sich zum Kaiser der Buddhisten zu machen. Die Verhandlungen, die er zu diesem Zwecke mit den Grolamas der mchtigsten tibetischen Klster fhrte, sind auf uns gekommen. Sie zeigen uns Kublai wie diese Mnche als bewusste, berwltigend aufgeklrte, reine Politiker. Der Kaiser wurde Herr und Pfleger der Religionsgaben; der Klerus hatte das Volk aus Religion an die Dynastie anhnglich zu machen. Ein politisches Meisterwerk, psychologisch wie technisch gleich vollkommen, war geplant. Aber als der greise Kaiser, der beste, den China gekannt, als Herr des Buddhismus auf mit Gold und Purpur behangenem Elefanten in der weiten Ebene des Dalai-Nur eine letzte groe Heerschau hielt und zur selben Stunde erfuhr, dass zugleich in China und bei einem Trkenstamm der Aufstand grte, da empfand er, dass alles vergebens war. Er stieg als gebrochener Greis von seinem vierbeinigen Throne herab und starb kurze Zeit nachher. Die Staatsreligion selbst hatte sich als ohnmchtig erwiesen. Sie war zu neu. Sie hatte weder bei Mongolen noch bei Nordchinesen ihre festen Wurzeln im uralten Volksaberglauben. Und wie sie, war die Dynastie nicht durch die Bande unbewusst gewordener Autoritt gehalten. Wren die Mongolen nicht Buddhisten geworden, sondern htten Dschingis Khan, als er verschwunden war, zum Religionsgrnder erhoben, so htte vielleicht die Dynastie fortbestanden. Aber diese Religion konnte nicht lebendig bleiben, weil sie vom alten Volksaberglauben tiefer verschieden war, als der mit allen urhochasiatischen, animistischen und magischen Resten durchtrnkte tibetische Buddhismus. Und dazu kam noch ein Umstand, der das Wie aller Politik unvermutet beleuchtet. Der Dschingis-Khan-Glaube war weder alt genug, noch trug er in sich Autorittsprinzipien, die dem Volke die physische, die wirtschaftliche Organisation aufzwingen konnten, welche allein dauernden Bestand einer Nation sichert. Sie konnte die mongolischen Nomaden nicht sesshaft machen. Deshalb zerstob ihre Nation und zersplitterte das Reich ihrer Dynasten.
Der Niedergang der Dschingiskhaniden in China vollendet das Bild. Sie fanden keinen religisen Boden, auf den sie sich fest htten stellen knnen. Kublais Ahnungen wurden wahr. Die Chinesen waren keine Buddhisten. Die buddhistische Staatsreligion schwebte ber dem Nichts. Der Klerus htte die chinesische Volksseele umbilden mssen, um der Dynastie treue Untertanen zu schaffen. Und da dies unmglich war, blieb der Herrscher dem Volke womglich noch ferner, als wenn er seine Herrschaft ohne seelisches Prinzip htte einfach auf die brutale Macht der Staatsmaschine grnden wollen. Aber dies htte er auch nicht gekonnt, weil das, was die chinesische Nation ausmacht, berhaupt von der staatlichen Organisation unabhngig ist. Die einfache Tatsache, dass die Dschingiskhaniden wirklich Kaiser sein wollten, anstatt blo als altberkommenes Symbol sozialer Ordnung oder als Verwalter der bestehenden, dem Volksbewusstsein adquaten Einrichtungen zu figurieren, hielt zwischen ihnen und China einen Abgrund offen. Sie fhlten es, trieben die Theorie der Staatsreligion zum uersten, machten aus dem Klerus eine frchterliche Oligarchie, der sie sich schlielich selbst unterwarfen, und reizten die Masse gegen die ihr politisches Leben zersetzenden neuen Tendenzen auf. Wtende Bauern warfen die letzten Erben des groen Khans in die wsten Steppen ihres Ursprungs zurck.

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Was sich hier in rasendem Wechsel und unter der Erschtterung aller bestehenden politischen Ordnung innerhalb von vier Generationen vollzog, umfasst, wenn es sich ber Jahrhunderte oder Jahrtausende dehnt, das Leben und Sterben aller Nationen. Nur die zeitlichen und rtlichen Umstnde, unter denen ihr Dasein sich abgewickelt hat, sind verschieden und mit ihnen natrlich die Erscheinungsformen ihres politischen Handelns. Wenn schon Dschingis Khan, der politische Abenteurer an sich, der auer aller Tradition, ohne organisiertes Volk, anscheinend mit bloer brutaler Gewalt sein Reich schmiedete, den Geburtsfehler seiner Nation mit religisen Ideen tilgen musste, wie viel mehr mssen diese nicht in der langsameren Entwicklung festsitzenden Vlker ihre Herrscherrolle, ihre nationbildende Ttigkeit durchgefhrt haben! Aber sind die rtlichen und zeitlichen Umstnde, und zwar in erster Linie die wirtschaftlichen, nicht noch wichtiger? Kann man behaupten, dass auch die wirtschaftliche Existenz, die wirtschaftliche Ttigkeit, die wirtschaftliche Politik durch religise Prinzipien bedingt werden? Sind etwa die Germanen nach ihren Wanderungen sesshaft geworden, weil sie das Christentum angenommen haben, oder einfach weil sie in reichere Lnder gedrungen waren? Haben sie feste politische Organisationen aus Grnden christlicher Weltauffassung gebildet, oder sind sie leichter Christen geworden, weil sie wirtschaftlich eine Lebensform angenommen hatten, die mit dieser zusammenpasste? Die Sache ist um so schwerer zu entscheiden, als der Europer noch heute an die Analyse aller mit dem Christentum zusammenhngenden Ereignisse mit schweren, unbewusst gewordenen Vorurteilen herangeht. Die Entfernung erleichtert die Konstruktion der richtigen Perspektive. Und in Inner-Asien besitzen wir den klarsten Beweis, dass Religion Vlker sesshaft machen, aus wilden Stmmen Nationen zusammenschweien kann, und zwar ohne den Zwang von in Menschen verkrperten, bermenschlichen Autoritten. Der Buddhismus hat dieses Wunder in Tibet vollfhrt.

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Die Verbreitung des Buddhismus in Tibet hatte nmlich weniger seelische als politische Folgen. Er hatte sich von dem alten Animismus mit seiner Magie und seiner Lehre von den Verwandlungen der Geister in beliebige irdische Formen durchdringen lassen. Die buddhistische Gtterhierarchie, deren Wesen hier nichts zur Sache tut, hatte ihren aus Indien mitgebrachten Eigenschaften die der tibetischen Dmonen hinzugefgt und war auf diese Weise mit der Volksseele fest verwachsen. Mit der Einfhrung der Schrift hatte sich wohl die Ideenwelt erweitert; die Moral Gotamas hatte die Sitten beeinflusst, wenn auch die Urformen der tibetischen Gesellschaftsordnung, zumal das Patriarchat und die Endogamie, die Heirat mehrerer Verwandten mit derselben Frau, in dem mittlerweile durch das Christentum zum Westen gelangten Moralsystem in abenteuerlichem Kontraste weiterbestanden. Aber damit waren die Nomadenstmme noch nicht zum Staat, geschweige denn zur Nation geworden. Sie wurden es erst durch die wirtschaftliche Umwlzung, die die buddhistische Kirche hervorrief.
Die echten Vertreter der Religion waren von Anfang an indische Mnche gewesen. Sie waren sicher an innerer Kultur den Tibetern weit berlegen. Ihr Glaube aber an die segenbringende Kraft des Ritus war so stark, dass sie auch die als Buddhisten betrachteten, welche den neuen Glauben nur als mchtiges Verteidigungsmittel gegen die alten Dmonen aufgriffen. Aber der Ritus an und fr sich setzte wirtschaftliche Formen voraus, die es in dem eisigen Tibet, dem Schneereiche nicht gab. Es ist gleichgltig ob die Mnche wirklich die Art ihrer Askese, die das Christentum damals gerade nachzuahmen begann, noch als wahres Heilsmittel oder nur noch als Ritus auffassten. Jedenfalls war ihnen die Form ihres Lebens das Wesentliche an ihrer Religion. Und diese Form mussten sie in Tibet beibehalten. Aber whrend in Indien ein warmes Klima, eine berreiche Fruchtbarkeit dem Glubigen das Leben des Mnches, des Eremiten, des heiligen Vagabunden, des Menschen, der ber der Seele den Krper vergisst, ohne weiteres mglich machte, trat ihm in dem furchtbaren Lande, in das er ging, sofort die schwere Frage seiner physischen Existenz entgegen. In Tibet ist der einzelne Mensch verloren; das Denken, das Lesen, das Insichgehen, alles, was den Menschen dem Nirvana nher bringt, wird nur durch den Abschluss von der feindlichen Natur mglich. Die indischen Mnche mussten, um ihren Ritus zu retten, sich zu mehreren gemeinsam isolieren, sich in Huser schlieen, in denen ihre Bcher, ihre Kultusgerte und ihre beschauliche Gedankenarbeit vor den Unbilden des Wetters geschtzt waren. Diese Huser, diese Klster waren die ersten und einzigen feststehenden Behausungen inmitten des wechselvollen Wanderns der tibetischen Nomaden. Die auerordentliche Erscheinung dieses sesshaften Lebens, welches natrlich nur durch den von den Wandernden als Bezahlung fr Beistand gegen bse Mchte gelieferten Tribut an Lebensmitteln, Brennstoff und Kleidung mglich war, machte auf die Tibeter den tiefsten Eindruck. Die Sesshaftigkeit schien zugleich das Zeichen der Heiligkeit und des wirtschaftlichen Glcks zu sein. Der seelische Vorteil, dem Nirvana nher zu stehen, schien an den gesellschaftlichen Vorteil, ein ruhiges Dasein zu fhren, gebunden. Nicht nur wer das Heil der Seele suchte, musste streben, Mnch zu werden, sondern alle, die nach sorgenfreiem irdischen Leben trachteten. Und die gesellschaftbildende Kraft des Buddhismus spiegelte sich in der Grndung zahlloser riesiger Klster.
So entstanden feste Zentren zwischen den Nomaden. Aber die Sesshaftigkeit ist nicht nur die notwendige Bedingung zu dauernder wirtschaftlicher und seelischer Kultur; sie ist auch, inmitten wandernder Vlker, der Keim zur politischen Herrschaft, wenn die Wandernden mit den Sitzenden ein unbewusst gewordenes Band verflicht. Und das war der Fall. Dies Band war nicht rassisch, denn lange waren indische Mnche Leiter der Klster, und dann Tibeter, die lange in Indien studiert hatten, also vom Rassenstandpunkte aus Misstrauen verdienten. Das Band lag einzig in der Religion, in der Zusammenschichtung der Dmonenmagie mit den hheren Prinzipien und Dogmen des Buddhismus. In einem Lande wie Tibet ist die feste Siedelung einer Menschengruppe inmitten kalter, unwegsamer, unfruchtbarer Gegenden geradezu eine Burg, deren Insassen gegen das Klima mit seinen verderblichen Schneestrmen, wie gegen beutelustige, hungernde Nomadenstmme geschtzt sind. Ein Kloster verlieh den Nomaden der Gegend, ihrem Patriarchat, ihrem lokalen, politischen Organismus eine uerst kostbare politische Sicherheit. Zu Kriegszeiten wurde es ein Zufluchtsort oder eine Festung. Im Frieden war es ein Stelldichein, an dem man sicher war, sich nicht, wie am Fue dieses oder jenes Berges, an dieser oder jener Flussstelle, zu verfehlen oder einem hinterlistigen Gegner in die Falle zu gehen. Es war also der natrliche Marktplatz. Die auergewhnliche Sicherheit, die es gab, machte es bald zum Stapelplatz der Waren, zur Niederlage der Werte. Und schlielich wurde das Kloster die Herberge der Hndler, der Austauschplatz, die Bank, das Handelszentrum. Nichts war dann natrlicher als die feste Ansiedelung von Laienfamilien in der Nhe der Mnche, am Tore der Klster. Alle, die greren Vorteil vom Handel erwarteten, als von der Produktion der Dinge, die ein Nomade zu liefern vermag, mussten es vorziehen, das gefhrliche, unsichere Hausieren von Stamm zu Stamm, von Land zu Land aufzugeben. Sie blieben beim Kloster oder wurden selbst Mnche. So wurde das Kloster Zitadelle oder Palast eines Dorfes, einer Stadt. Die Nomaden wurden sesshaft. Nun standen die Klster stets an den gnstigsten Orten, auf Bergen ber geschtzten Tlern, an Flssen und Seen, an Orten, die das am wenigsten trostlose Land beherrschten. Die indischen Mnche und die aus Indien zurckgekehrten tibetischen Pilger brachten das einfachste Wissen vom Ackerbau mit. Und die das Kloster umwohnenden Sitzenden -- noch heute schlieen die Mrchen hochasiatischer Mongoloiden stets mit den Worten: und sie waren glcklich, _saen_ und wurden dick -- ergriffen mit wachsendem Eifer die neue hhere Art wirtschaftlichen Lebens. Die Klster hatten aus primitiven Horden sesshafte Bauern gemacht.
Und nun kam der politische Charakter dieser ganzen aus religiser Autoritt gewachsenen Entwicklung zutage. Die Klster, die bis dahin von den Produkten der Nomaden hatten leben mssen, wurden wirtschaftlich unabhngig. Sie und die um sie wohnende feste Bevlkerung produzierte ja alles Ntige. Und so ging der Einfluss der Nomaden und ihrer Frsten im selben Mae zugrunde, wie der Ackerbau und mit ihm das sesshafte Volk wuchs. Es ist aus dem moralischen und wirtschaftlichen Aufschwung der von den Mnchen kultivierten Tibetaner wohl zu verstehen, dass die Verehrung der kongreganistischen Einrichtungen der hinter ihnen stehenden Kirche und der ber dieser schwebenden Religion ins Ungemessene stieg. Die Religion hatte zwischen dem Volk und den Trgern der so glcklich fruchtbar gewordenen buddhistischen Lehre das geistige Band, die Zusammengehrigkeitsfessel unauflslich geknpft. Die Mnche waren Herren des Volkes geworden. Ihre Rolle blieb seitdem rein politisch. Ihre Mitglieder waren eine herrschende Kaste. Und da ja jeder Mnch werden konnte, kam es bald so weit, dass jede Familie wenigstens ein zur Kongregation gehrendes Mitglied zhlte. Die Folge war das Auftreten von Riesenklstern, die das Aussehen und die Organisation groer Stdte aufwiesen und Zehntausende von Bewohnern zhlten. Die alten Mnchsregeln wurden schwcher. Das Zlibat wurde mit Bewusstsein ber Bord geworfen. Es war auch niemals konsequent beobachtet worden. Die uralten endogamischen Sitten lebten weiter und wurden nicht verpnt. Die Kollektivheirat der Frau mit mehreren mnnlichen Mitgliedern einer Familie blieb allgemeine Gewohnheit. Und diese, die oft in reine Polyandrie bergeht -- in Nordwesttibet wird noch heute der Gast eingeladen, das Bett mit der Frau zu teilen -- erwies sich als im hchsten Grade praktisch fr die klsterliche Gesellschaftsordnung. Es haben auf diese Weise groe Klosterstdte wie Kumbum, Urga oder Schigatse mit vierzigtausend Mnchen und fnftausend Frauen existieren knnen, wobei die Regelung der Familienverhltnisse durch hchst einfache Scheidungs- und Wiederverheiratungsvorschriften erleichtert wurde.

 ~ 13 ~
So waren die Tibeter ein unter Priesterhoheit organisiertes Volk geworden. Nicht weniger typisch, nicht weniger beweiskrftig fr den religisen Charakter der noch allgemein bestehenden monarchischen Staatsform und Politik ist die Entwicklung der Priesteroligarchien zum Papsttum, und die des Papstes zum Knige. Tibet war noch kein Staat. Die einzelnen Klster waren von einander so unabhngig, wie im Mittelalter die europischen Frsten. Und tatschlich war der Abt des Klosters oder das Haupt der Kongregation ein wirklicher Frst, der sehr wohl wusste, dass die Macht seiner Stellung und seines Ordens blo auf dem Glauben oder der Erfllung der Glaubensvorschriften beruhte. Deshalb gingen auch alle mit uerster Schrfe gegen die Renaissance des Dmonenglaubens vor, welche die Hupter der noch brigen Nomadenstmme begnstigten, um ihre frhere Macht oder wenigstens ihre Unabhngigkeit gegen die Mnche zu erhalten. Aber diese Religionskriege -- und so ist es mit allen gewesen -- wurden von der Menge, wenn nicht aus religisem, so aus dem von ihm geborenen Fanatismus, nicht fr sich, sondern fr die bestehende Ordnung gefhrt. Vom Standpunkt der herrschenden Mnchskaste aber waren es reine Machtkmpfe. Und hiermit finden wir ein neues Element aller Politik, den Willen zur Macht.
Man darf in diesem nichts Metaphysisches sehen, wenigstens soweit er bei Individuen, bei herrschenden Individuen auftritt. Er ist im Gegenteil ganz einfach die psychische Begleiterscheinung physischen, wirtschaftlichen Erfolges in weitestem Sinne. Er ist geradezu die Rckkehr zum Menschlichen aus dem mysterisen Zwange auermenschlicher Motive, die Ausspannung aus dem Joche der despotischen Idee, die zuerst zur Macht trieb.
Zunchst hatten die tibetischen Klster und ihre Hupter nicht Machtpolitik, sondern sicherlich Religionspolitik getrieben. Sie hatten ihre Krfte nicht daran gesetzt, ihre Menschenmacht zu vergrern, sondern das Herrschaftsgebiet der Idee, des Buddhismus, zu erweitern und zu festigen, dessen Trger sie waren. Sie hatten nur sozusagen als Verkrperung oder als Werkzeug dieser Idee gehandelt. Aber als diese ber groe Menschenmengen fest herrschte, blieben ihre eigentlichen Trger natrlich die Herren dieser Mengen, zunchst nur vermittelst der Idee. Dann jedoch, insofern sie irdische Menschen waren mit physischen, mit wirtschaftlichen, mit Bedrfnissen fr ihre _Person_, drngte sich ihnen ohne weiteres der persnliche, individuelle Vorteil auf, Herr zu sein. Und nun war der Sinn ihrer Fhrer-, Berater-, Bekehrerttigkeit nicht nur mehr einzig und allein die Herrschaft der auermenschlichen Idee, die sie zur Gre gefhrt hatten, sondern daneben, und bald darber, ihre persnliche Herrschaft, ihre Macht. Die Grundlagen dieser Macht bei der Menge, ihr Abhngigkeitsgefhl, ihre Unterwrfigkeit konnten weder eine hnliche Wandlung durchmachen, noch diese Wandlung in der Herrscherseele mutmaen. Und so tritt mit der Sorge um die Macht der herrschenden Personen in ihrem Handeln, das nichts als Politik ist, eine wunderbare, naive Heuchelei auf, die bewusst oder zum Teil unbewusst in allen nicht mehr offenbar religisen Gesellschaften und insbesondere in aller Machtpolitik fortwhrend zutage tritt. Die Herrschenden erhalten ihre Macht ja nur, indem sie sich persnlich als von dem die politische Organisation schaffenden Prinzip untrennbar ausgeben. Ob sie, wie vielleicht die tibetischen Oligarchen, wirklich glauben, dass ohne sie das Prinzip seine Kraft ber die Volksseele verlieren wrde, oder ob sie, wie bei manchen modernen Monarchen, dieses Von-Gottes-Gnadentum nur noch als Vorwand vor unkultivierten Mengen gebrauchen, um sich und die herrschende Idee, die nationale Idee, als unzertrennlich anerkennen zu lassen: das hat auf die wirklichen politischen Ereignisse gar keinen Einfluss. Wesentlich ist nur, dass die Macht der Herrschenden, wenn sie irgendwie dauernd bestehen soll, auf dieser Identifikation des Vertreters der staatsschaffenden Ideen im Volke mit diesen Ideen selbst beruht. berall wo der Herrschende sich nicht mit solcher im Volke wurzelnden Kollektivsuggestion identifizieren kann, hlt er sich nur durch brutale Macht, wenn er persnliche Machtmittel hat, oder gar nicht.
So war es z.B. mit rmischen Soldatenkaisern, in einem Reiche, in dem berhaupt keine alles Volk zusammenbindende seelische Vorstellung lebendig war und das mithin keine Einheit bilden konnte; auf was sollten sie sich sttzen, das sie mit gleicher Strke den gyptern als gyptischen, den Griechen als griechischen, den Galliern als keltischen, anderen als germanischen, iberischen, berberischen, chaldischen Herrscher hingestellt htte? Die Nationalidee des rmischen Reichs? Aber diese beschrnkte sich auf die Italer und hchstens noch auf die Bewohner der groen Hauptstdte Byzanz und Alexandrien, welche alle zusammen eigentlich eine Oligarchie darstellten, die reine Machtpolitik unter dem Deckmantel des Kaisertums trieb; das rmische Reich, oder vielmehr die rmischen Monarchen _mussten_ ihre Macht zerbrckeln sehen, weil sie kein inneres Band mit ihren Untertanen zusammenhielt. Wohl hatten diese irgendwelche Herrscher ntig, aber sie konnten nur solche vertragen, die irgendwie als Reprsentanten des in ihnen lebendigen Zusammengehrigkeitsgefhls auftreten konnten. Aber wodurch gehrten die kleinasiatischen Griechen mit den Galliern, die Afrikaner oder Italer mit den Pannoniern zusammen? Weder durch (aus Religion stammende) Sitten oder politische Ideen, noch durch nach langer Gewohnheit zum gesellschaftlichen Prinzip gewordene Gesetze, weder durch die Sprache noch durch die wirtschaftliche Kultur, und am allerwenigsten durch reine Religion, die den Kaiser als Trger einer ber allen schwebenden Allmacht gefhlt htte, vor welcher jeder im selben schlechthinnigen Abhngigkeitsgefhl widerstandsloser Sklave geblieben wre. Die machthungrigsten Kaiser haben recht wohl empfunden, dass die Tragik ihrer intermittenten Autoritt, um nicht zu sagen: ihrer jmmerlichen Ohnmacht, aus dieser Quelle stammte. Die einen haben die innere Haltlosigkeit ihrer Macht hingenommen, und sie durch die bloe Gewalt ihrer allen Nationaldienst verhhnenden persnlichen Schergen, den internationalen Prtorianern, von Tag zu Tag, von Ort zu Ort erhalten wollen. Die anderen haben es so machen wollen, wie es tausend Jahre spter Dschingis Khan gelang: sie haben sich selbst zum Gott gemacht; aber Dschingis Khan lie sich von seinem begeisterten Volke zum Sohne der alles fhrenden bermenschlichen Macht erheben; sie zwangen ihre Gttlichkeit der lachenden Menge auf.
Und Gtter offenbaren sich nicht; sie gebren sich langsam aus der erschauernden Volksseele empor. Ein solcher neuer Gott wuchs aus der nach bermenschlicher Herrschaft drstenden Seele der Massen gerade deshalb herauf, weil das rmische Kaisertum mit seiner rein irdischen Macht alle uralten religisen Ordnungen in ihren politischen Erscheinungsformen gebrochen hatte. Es hatte eine gyptische, eine griechisch-gyptische, eine griechisch-semitische, eine phnizische, italische, iberische, gallische, ja germanische und pontische Kultur gegeben: alles war durcheinander geworfen, zerstckelt, in Trmmern bereinander gehuft: das rmische Kaisertum herrschte ja nur ber die Ruinen von zehn oder zwanzig Kulturen. Und nichts als die im Leeren schwebende, in keiner mehr fuende, im schlimmsten Sinne internationale persnliche Macht des Kaisers sollte all dieses ersetzen. Liebling des Volks zu sein,{14} der spiebrgerliche Versemacher hatte mit diesem Worte einen Blitz tiefster psychologischer Weisheit; Liebling des Volks zu sein ist wirklich die einzige Grundlage monarchischer Macht. Aber diese Liebe ist nicht erotisch, sondern religis; es steckt in ihr die heilige Scheu des Australiers vorm Beutelschwein, des Ostjaken vorm Bren, des Urjuden vor der Bundeslade, des Katholiken vor der Monstranz; sie hat das Mystische alles religisen Vertrauens; sie hat das Naive aller kindlichen Hingabe -- und alle Religion, vom wsten Animismus der Jukagiren zum sogenannten freien Christen, haben auf ihrem Grunde die elterliche Wrde, und wenn biedere Kriegervereinsmitglieder einem mit dem Ausruf den Mund stopfen: Der Kaiser muss es besser wissen, er ist doch dazu da!, so liegt darin jene Schlechthinnigkeit der Verehrung, der Abhngigkeit, der Willensunterordnung, jener Glaube an das Symbol, jene berzeugung von der Wirklichkeit der Verkrperung des kollektiven Wollens in einer Persnlichkeit, die das Wesentliche am religisen Sinn, und auch das Wesentliche an der ppstlichen Autoritt ausmacht.
Liebling des Volks in diesem Sinne kann ein Mensch nicht durch sich selbst werden; knnte er es -- wie Dschingis Khan es durch sein Volk wurde -- so wrde sich diese Liebe weder auf seine natrlichen, noch, wie bei Alexander, auf die von ihm geheiligten Erben bertragen. Liebling muss erst ein unsterblicher Gott sein, dann werden es die, welche ihn auf Erden vertreten. Als aus den Ruinen des rmischen Kulturschuttes der Christengott hervorwuchs, Liebling der Vlker ward, alle, die er beseligte, in neue gemeinsame Bande schlug, da konnte noch einmal ein Mensch diese Zusammengehrenden zur groen, festen, organisierten Gesellschaft gestalten, christlicher Kaiser werden. Rom wurde in Konstantinopel vom Christengott zu neuem Leben erweckt. Nicht die gemeinsame griechische Sprache, nicht die gemeinsame Erbschaft griechischer Kultur, die von Athen bis Persien, von Byzanz bis Heliopolis die Vlker mit gleichem glnzendem Lack bekleidet hatte, konnten dies Wunder vollbringen, sonst htten schon Hadrian oder Mark Aurel es getan. Das ostrmische Reich war nicht griechisch sondern christlich. Das griechische Kaiserreich machte nicht das Christentum zur Staatsreligion, sondern die christliche Staatsreligion schuf das byzantinische Reich.
{14: _Heil dir im Siegerkranz, / Herrscher des Vaterlands! / Heil, Kaiser, dir! / Fhl in des Thrones Glanz / die hohe Wonne ganz, / Liebling des Volks zu sein! / Heil, Kaiser, dir!_ Aus dem Text der spteren Kaiserhymne von Heinrich Harries.}
Und dann ging es weiter, in ewig gleichem Wechsel, wie in Tibet, als die Mnchsorden sich an politischer Macht berauschten, und aus dem buddhistischen Glauben das tibetische Papstknigtum hervorzauberten. Die Klster stritten gegen einander um Macht. Ihre Lebensregeln waren verschieden, manchmal sogar einige ihrer Dogmen. Ihre Untertanen lieen sich also gegen einander fanatisieren. Der grte Erfolg in diesem Kampfe fiel denen zu, deren Gesetze am nachsichtigsten waren. Ihnen strmten die Mitglieder und Anhnger in grten Massen zu. Ihre wirtschaftliche und militrische Macht wuchs also am strksten. Wirkliche Kriege zwischen diesen kleinen Mnchsstaaten waren allerdings selten. Brutaler Zwang tat wenig. Aber ist nicht alle Eroberung im Grunde Bekehrung, Bekehrung zu anderem Glauben, zu anderer Sprache, zu anderer Sitte, zu anderer Lebensauffassung, anderer Ordnung? Bekehrung mit Feuer und Schwert hat nie etwas getaugt. Sie muss seelisch sein; die wirtschaftlichen oder religisen Tendenzen, Interessen, mssen fr sie sprechen. Sonst hat Preuen mit Polen, England mit Irland, Russland mit zehn eroberten Feinden zu schaffen. In Tibet sprachen gerade diese Interessen fr friedliche Eroberung. Die schwcheren Klster schlossen sich allmhlig an die mchtigeren an, deren Regeln den ihren nicht allzusehr zuwiderliefen. Diese Entwicklung nahm, wie jede zentripetale Bewegung, mit wachsender Beschleunigung ihren Fortgang. Im Laufe dreier Generationen (im zwlften Jahrhundert) erlangten vier oder fnf groe Klster die Hegemonie ber die Buddhisten und somit die politische Autoritt in Tibet. Das mchtigste lag im Lande Lhasa und hie Sakya. Ihr Machthunger wuchs. Sie befriedigten ihn durch religise Propaganda, die politische Herrschaft nach sich zog. Als Dschingis Khan sein Reich grndete, musste er mit ihrer Macht rechnen. Als Kublai es erhalten wollte, musste er mit dem Ordensgeneral von Lhasa ein Konkordat schlieen.
Aber noch immer war Tibet kein einiger Staat. Es hatte noch keinen Papst, und dieser Papst war noch kein Knig. Es bedurfte dazu eines neuen Glaubens. Die tibetische Reformation mit ihrem Luther Tsongkhapa schuf ihn. Avalokita, der Herniederblickende, die Form Gottes in der buddhistischen Vieleinigkeit, welche das Erdgeschehen lenkt, konnte in Menschenform verkrpert auf Erden erscheinen, um die Geschicke der allein seligmachenden Kirche zu lenken. Natrlich erschien er in der Gestalt des Hauptes der mchtigsten Kongregation. So stark war das Bedrfnis der Menge, die bestehende Autoritt als Vertretung des bermenschlichen aufzufassen, dass das neue Dogma berall mit Begeisterung aufgenommen wurde. Dem _gttlichen_ Kirchenhaupt musste sich jeder unterordnen. Die Kirche wurde Papsttum. Und da sie schon politische Regierung war, wurde der Dalai Lama, der Lama gro wie das Weltmeer, wirklicher Monarch.
Es gibt in der Geschichte kein klareres Beispiel vom Religisen, das Schritt fr Schritt die Politik schafft, beherrscht, _ist_. Und dieses Beispiel hellt sicherlich unendlich viel Rtselhaftes in den politischen Bestrebungen aller Zeiten und Vlker auf.

 ~ 14 ~
Man soll ja nicht von einem auf alles schlieen. Aber die bloe Mglichkeit, an einem Falle erhrtet, dass Religion politische Organisation durch alle Stadien bis zur absoluten Monarchie entwickeln kann, ist psychologisch von allergrter Bedeutung. Und Politik wird doch nur mit Psychologie getrieben. Sonst gbe es keine Parlamente, keine Parteien, keine Zeitungen, ja nicht einmal Lehrer und noch weniger Pfaffen. Sonst htte es niemals herrschende Priesterkasten gegeben, weder in Agypten noch in Indien. In China htte nie ein Konfutsius existiert. Und Schulen gbe es noch jetzt nicht. Ist nicht berall und immer der Unterricht, d.h. der seelische Drill in den Hnden der bermenschlichen Autoritt gewesen? Im Anfang wohl nicht, da gengte der Glaube. Aber als Gott Staatsprinzip, sein Stellvertreter oder Sohn Papst und Knig, dessen Stellvertreter Priester wurden, und ihre persnliche Machtstellung zu erhalten suchten und _begriffen_, da ging man an die Konsolidation der bestehenden Ordnung. Es musste die Religion den Untertanen erhalten werden, es war kein Verlass mehr auf die politische Treue der Glubigen. Ganz gleichgltig ist es dabei, ob dieser Priesterunterricht, diese geistige Sklaverei der Masse die schlechthinnige Abhngigkeit vom Gotte Assur und dem assyrischen Groknig, von Ammon und dem thebischen Pharao, vom orthodoxen Christengott und dem Zaren, vom Katholikenpantheon und dem Papst, vom zur Moral herunter abstrahierten Protestantengott und dem preuischen Knig, oder vom zur Tradition vernebelten Gott der franzsischen Vaterlandsidee zu Gemte fhrt. An und fr sich bleibt dies alles dasselbe. Eine als hher anerkannte (nicht vernunftmig, sondern gemtlich{15} hingenommene) Macht stellt das Volk in den Dienst einer Idee, die, praktisch genommen, der bloe Ausdruck des Machtwillens der bestehenden Oligarchie ist. Ob die Erweiterung der oligarchischen Macht der Menge ntzt, zur Erhhung der Kultur beitrgt, ist eine andere Frage, auf die es eine allgemein gltige Antwort nicht gibt. (So htte die Eroberung der Mandschurei den Russen nichts gentzt, whrend die Koreas den Japanern beraus segenbringend werden kann.) Jedenfalls ntzt die Abhngigkeit der Menge zunchst ausschlielich den Oligarchen. Und wenn, weniger klar entwickelt als in Tibet, alle Oligarchen Priester sind; wenn, vor der allerneuesten in Europa durch reine Wissenschaft verdorbenen Zeit, alle Staaten ihre wesentliche Stabilitt aus dem Grundsatz schpften: cuius regio, eius religio;{16} wenn schlielich jeder Staat seine Macht zu erweitern trachtet, so kommt man zu einem Schluss, der historisch wie psychologisch gleich unanfechtbar erscheint: Nation ist Religion.
{15: gefhlsmig}
{16: Wessen Land, dessen Glaube -- der Herrscher bestimmt den Glauben seiner Untertanen.}

 ~ 15 ~
Sicherlich ist eine solche Religion nicht mehr bei modernen Kulturstaaten in ein geoffenbartes Mrchenbuch zusammenzufassen. Sie ist vielmehr gerade von den noch kodifizierbaren Formen der Abhngigkeit von bermenschlichen Autoritten ganz unabhngig. Sie hat berhaupt mit dem Glauben an Tatsachen gar nichts zu tun, sondern nur mit dem Gefhl von der schlechthinnigen Notwendigkeit des Bestehenden. Sie ist Instinkt gewordene Abhngigkeit. Nichts wre lcherlicher als etwa in England oder Deutschland diese religise Basis der nationalen Existenz als christlich zu bezeichnen. Es gibt keine christliche, sondern eine deutsche Politik. Und es gibt Leute, die die christlichen Organisationen und Kulte als wahre Anachronismen verachten, und inbezug auf die nationale Religion glubiger sind als Generalsuperintendenten. Denn in dieser Religion schichten sich alle Abhngigkeitsgefhle, die durch alle Zeiten in demselben Milieu lebendig gewesen sind, bereinander. Alle bewussten und unbewusst gewordenen Traditionen herrschen hier in buntem Durcheinander innerhalb der Grenzen, die der von der bestehenden Autoritt aufgezwungene Unterricht gezogen hat. In diesem Unterricht fliet alles zusammen, was den Bestand der Autoritt sichern kann; und alles, was die Nationalreligion und in erster Linie diejenige Seite, auf der die herrschende Autoritt beruht, zu untergraben geeignet ist, wird ausgeschlossen. Alle europischen Staaten beruhen historisch und psychologisch auf den verschiedenen Arten christlichen Glaubens. Deswegen _mssen_ sie in ihrer inneren Politik klerikal wirtschaften und in ihrer ueren noch immer Gegenstze psychologischer Natur zwischen den Untertanen verschiedener Oligarchien erfinden, den Untertanen suggerieren und auf diese Weise sie in gengend groem Misstrauen gegen fremde Vlker halten, um ihre eigene Einheit und Zusammengehrigkeit schrfer hervortreten zu lassen.
Ja, dies gilt sogar in erhhtem Mae von denjenigen, die ihren Bestand, uerlich betrachtet, gerade dem Umsturz der religisen, der ppstlichen, der monarchischen Ordnung verdanken. So muss eine vlkerpsychologische Analyse der franzsischen Revolution etwas ans Licht ziehen, welches den allermeisten noch nicht recht klar geworden ist, nmlich, dass die Motive des franzsischen Volkes, trotz allem Schein, in seinem Riesenkampf gegen die alte Ordnung und gegen das ganze fr diese alte Ordnung eintretende Europa durchaus religiser Natur waren. Man kmpfte fr eine neue Ordnung nach neuen Prinzipien, und zwar waren diese gesellschaftbildenden Triebfedern viel unmittelbarer religis als die Motive der Autokraten, die gegen Frankreich fr die alte Ordnung zu Felde zogen. Der Patriotismus, welcher es einem nach monarchischen Begriffen desorganisierten Volke mglich machte, nicht nur die neue Ordnung zu verteidigen, sondern einer neuen Form des Willens zur Macht in fabelhaften Eroberungszgen Ausdruck zu verleihen, war im Grunde nichts als der Stolz auf den neuen Glauben, den Glauben an die Menschenrechte, an immanente Freiheit und Gleichheit, an ein neues Kulturideal, an neue Organisationsprinzipien, an ein neues Schema des Kollektivlebens, dem ungezhlte Millionen ihre offenbarsten, dem Frankreich selbst seine unmittelbarsten wirtschaftlichen Bestrebungen zum Opfer brachte.
Gerade hier zeigte sich in aller Klarheit das Charakteristische der religisen und der wirtschaftlichen Motive. Wohl waren es diese, die in der alten Ordnung zersetzend gewirkt hatten; sie hatten die widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen der Einzelnen zutage gelegt, Klassengegenstze geschaffen, und die reprsentative Oligarchie als eine delenda Carthago gebrandmarkt. Kein Mensch htte in Frankreich aus freien Stcken zu den Waffen gegriffen, um das nach auen noch so mchtige, in seinem inneren Bau schon so verfaulte Frankreich der Bourbonen zu retten. Kein Mensch wre fr die zweifellos uerst reiche Kultur des ancien rgime eingesprungen. Es ist sicher, dass Kpfe wie Racine, Boileau oder Watteau ohne dieses Regime nicht mglich gewesen wren, und es fragt sich sehr, ob im Schema der Menschenrechte Voltaire, Montesquieu oder auch nur dAlembert htte geboren, die Encyclopdie geschrieben, Versailles gelebt werden knnen. Aber wenn die Cahiers der Bauern wirtschaftliche Fragen in den Vordergrund stellten, wenn der bevorstehende Staatsbankrott die Berufung der Etats gnraux erzwang, wenn die Oligarchie auf ihre Privilegien verzichtete, und spter die groartigsten wirtschaftlichen Umwlzungen die alte Ordnung recht eigentlich fortzuschwemmen schienen, so waren dies Begleiterscheinungen der wirklichen Revolution, nicht ihre Ursachen.
Whrend die Zersetzung der alten Ordnung durch die lebendig gewordenen wirtschaftlichen Interessengegenstze im Geheimen vor sich ging, war eine neue Ordnung in manchen Kpfen als Ideal lebendig geworden, und zwar sollte nicht etwa dieses neue Evangelium die Zersetzung des alten beschleunigen, sondern berhaupt alle Zersetzung des gesellschaftlichen Organismus unmglich machen; es war ein gesellschaftbildendes Element, das hier auftrat, und das Eigentmlichste war, dass die neuen Prinzipien gerade aus der alten Oligarchie hervorgingen; die Aufklrung, welche die Revolution jedenfalls geleitet hat, war gerade das intellektuelle Werk derer, fr die es wirtschaftliche Fragen berhaupt gar nicht gab; sie stammte nicht von den Analphabeten, die den wirtschaftlichen Druck der alten Ordnung empfanden, sondern von den raffinierten genieenden Menschen, die eigentlich _ber_ der Staatsorganisation standen, und, gerade wie die Reichen der rmischen Dekadenz, htten die demokratische Prinzipiensucherei um so eher aufgeben sollen, als keine stabile Ordnung gesellschaftlicher Existenz vorstellbar ist, in welcher ihre individuelle Lebensfhrung, ihr unbeschrnktes individuelles Ausleben statthaft gewesen wren.
Durch die logische Ausarbeitung neuer sozialer Prinzipien musste die Anarchie der Wenigen, welche die Aufklrung geschaffen, Selbstmord begehen. Dass sie dies getan hat, ist lediglich aus dem Temperament der Gruppe zu erklren. Es waren die religisen Motive nicht erstorben, sondern in voller Kraft geblieben; nur die _Form_, in der sie sich politisch gestaltet hatten, war auseinander geplatzt, weil sie ihren religisen, ihren Autorittsinhalt nicht mehr beherbergen konnte. Der Wille zur Autoritt, zum Prinzip, zu dem, was ber alle Individuen gleich herrscht und ihre gegenseitige Stellung fixiert, war so stark, dass das Knigtum geradezu als autorittslose Ordnung erscheinen musste. Nicht als ob die Menge zu wissend geworden wre, um die Autoritt des Despoten hinzunehmen, im Gegenteil, diese Autoritt war nicht gro genug. Wirtschaftliche Leiden hatten den Zweifel an dieser Autoritt im Volke genhrt. Aber eine hhere Autoritt gefunden, die Mglichkeit ihrer Einsetzung bewiesen, sie dem Volke sympathisch gemacht, hat die raffinierte Aufklrung, die Aristokratie des Intellekts. Die Revolution war geradezu reaktionr. Sie hielt mit Gewalt den Fortschritt im Zerfall der franzsischen Gesellschaft auf, diskreditierte die wirtschaftlichen Motive, hob die religisen noch einmal zur Alleinherrschaft, setzte an die Stelle der zu schwachen Autoritt des Despoten die Autoritt eines ganz offenbar Auermenschlichen, eines philosophischen Prinzips, und presste nun mit grlichen Anstrengungen die alte Gesellschaft in das neue Schema hinein.
Allerlei Glieder und Kpfe, die nicht hineingingen, mussten abgeschlagen werden. Htte diese neue Gesellschaft nicht in dem starren Schema einer absoluten Autoritt gesessen, sie wre absolut auerstande gewesen, Politik zu treiben, d.h. anderen Vlkern als Einheit gegenberzutreten. Wre nicht das religise Moment, das Prinzipielle, der Glaube an das, was jedermann als offenbare Wahrheit ansehen musste (Menschenrechte usw.), kurz das Ideal oder das Moralische in demselben Mae und Sinne zum Fanatismus geworden, wie etwa im Anfang des Islam oder im Urchristentum; wren im Gegenteil die wirtschaftlichen Motive, welche im Volke unter Ludwig XV. und XVI. lebendig geworden waren, in Wirkung geblieben, so htte wohl ein Klassen- oder Gruppenkampf stattfinden knnen oder eher noch ein Kampf aller gegen alle, der Frankreich ebenso seinen Nachbarn zur mhelosen Beute gemacht htte, wie Rom den Germanen, aus dem sich aber nie wieder eine _franzsische_ lebensfhige, autorittstrunkene Gesellschaft gebildet htte, sondern eine ganz andere, die etwa dem Italien des XI. Jahrhunderts entsprche, in der die _Eindringlinge_ das gesellschafterhaltende Moment darstellen, und die Abkmmlinge der alten Gesellschaft das Element der Lebemenschen, wenn man so sagen darf.
Sogar der sogenannte soziale Umsturz also ist religiser Natur, _weil_ er eigentlich sozialer Aufbau, Einordnung des Lebens unter ein berindividuelles herrschendes Prinzip ist.

 ~ 16 ~
Wir haben hiermit das eigentliche, Staaten und Nationen bildende Element der Politik zu allen Zeiten in gleichen Formen wirkend gefunden. Es ist das Religise. Es macht die Menschengruppen abhngig von etwas Auermenschlichem. Dieses wird der Gruppe gegenber durch einzelne Individuen vertreten. Diese Priester werden politische Herrscher, sobald ihre Stellung ihnen den Vorteil persnlicher Macht zeigt. Sie erhalten diese Macht aufrecht durch Befestigung des Glaubens (Unterricht), Anpassung an wirtschaftliche Umformungen und Machtpolitik gegen andere Staaten, die den Untertanen zwar nur fragwrdige Vorteile bringt, aber, da sie sich mit dem Herrscher oder der Staatsidee identifizieren, ihnen die Illusion eigener grerer Macht verschafft.

 ~ 17 ~
Jeder des Menschennamens wrdige Zweihnder kann in einer solchen vorurteilslosen Erklrung des Wesens der Staaten und Nationen wenig Angenehmes finden. Denn sie stellt ja die Menschengruppen als Sklaven dar; Sklaven zunchst eines Aberglaubens, dann einer Organisation, die nur durch den Aberglauben hat stark werden knnen. Eine jahrtausendelange Geschichte solchen Zwanges hat nicht die Herdeninstinkte, sondern die Abhngigkeitsinstinkte so fest mit der Reihe der natrlichen Eigenschaften des Durchschnittsmenschen verknpft, dass ihre logische Begleiterscheinung geradezu als absolute Wahrheit auftritt. Der Mensch hlt sich geradezu wesentlich fr ein Staatsmitglied, d.h. fr das, was der bittere Grieche als _zoon politicon_ hflich bezeichnet, aber als ein Tier gedacht hat, das _nicht_ Politik treibt, sondern von einigen wenigen Herrschenden fr sich treiben _lsst_. Aber ist denn der Mensch Staatentier? Der Staat, die Nation ist doch blo eine _Form_. Der Mensch ist nicht _sie_, sondern in ihr. Und nun ergibt sich schlielich die Grundfrage aller Politik. Ist der Mensch fr den Staat da, oder der Staat fr den Menschen? Dies Problem hat nichts Philosophisches an sich. Es ist jmmerlich praktisch. Denn alles was in einem Staate, in einer Nation vor sich geht, sich entwickelt, etwas umgestaltet, etwas schafft, in irgend einer Weise Kulturarbeit bedeutet, ist nie etwas anderes gewesen als eine mehr oder minder energische Antwort auf diese Frage. Dass sie berhaupt gestellt werden muss, schliet schon in sich die ganze Tragik der menschlichen Geschichte.
Wenn man nmlich wei -- was gezeigt worden ist -- dass auf dem Grunde jeder festen politischen Ordnung bisher religise oder aus religisem Aberglauben unmittelbar hergeleitete Prinzipien gelegen haben, so ist berhaupt nichts Entsetzlicheres auszudenken, als dass ungezhlte Tausende von Millionen von Menschen den selbstmrderischen Gedanken als gttlich verehrt haben, wonach sie das bloe rohe Material zur Ausfllung gesellschaftlicher Formen sind, und ihr persnliches Leben in demjenigen der gesellschaftlichen, gerade bestehenden Organisation aufgehen soll. Denn in Wirklichkeit fllen sie ja nicht _gesellschaftliche_ Formen aus, sondern die _Machtkreise_ von Oligarchien; sie gehorchen nicht dem bermenschlichen, sondern der allzumenschlichen List derer, welche Herrscher geworden sind aus Zufall, welche von Vertretern der bermenschlichen Mchte zu Vertretern ihrer eigenen Macht, von Priestern zu herrschgierigen Menschen geworden sind, und nur deshalb nicht im wtenden Ansturm der betrogenen Herde zerrissen werden, weil _sie_ Menschen, aber _jene_ noch vorm Hheren im Staube liegende _Glubige_ sind. Und das Frchterlichste ist der jahrtausendelange Widerstand, die ewige Faulheit der Glubigen, die, wenn auch alles um sie und in ihnen sich fortgesetzt ndert, ihren Platz nicht zu verlassen wagen, nicht die Sprosse vom Glubigen zum Menschen hinaufklimmen mgen.
Jahrtausendelang ist die glubige Herde wirklich bloes Fllsel von Staatsformen, oder richtiger willenloses Machtobjekt herrschender Priesteroligarchien gewesen. Und doch hat sie, hat jedes ihrer Mitglieder in anderer Hinsicht ein unabhngiges Leben gehabt. Heere anonymer gyptischer Kulis konnten Jahrzehnte hindurch am bldsinnigsten Werke sich verbluten, Knigen Pyramiden bauen, sinnlos fr den stinkenden Leichnam eines Despoten sterben: sie zhlen in der Geschichte nicht, denn diese ist von Herrschenden fr Beherrschte, zur Erziehung zur Untertnigkeit gemacht. Aber jeder von ihnen hat gegessen, verdaut, geliebt und einige Gerte besessen. Jeder hatte auer seiner Untertanenexistenz ein persnliches Leben, das ihm htte viel nher stehen sollen als das andere. Und dieses persnliche Leben mit seinen an den individuellen Krper gebundenen Leiden und Freuden ist das, was ihn zum Menschen macht. Es ist -- im weitesten Sinne -- sein wirtschaftliches Leben, in welches seine seelischen Gensse und Mhen, seine sthetischen Vergngungen, seine logischen Spiele ebensowohl gehren wie seine fleiige Verdauung. Und dieses wirtschaftliche Leben, die neben- und hintereinander gesetzten, von der staatlichen Autoritt _unabhngig_ verlaufenen, unzhligen wirtschaftlichen Existenzen machen die Geschichte und die Entwicklung des Menschen, machen die _Kultur_ aus. Kultur und Autoritt sind Feinde. Denn die Kultur hngt in erster Linie vom Wirtschaftlichen ab. Wie dieses sich in den Rahmen einer politischen, also religisen Ordnung einfgt, darauf kommt es zunchst gar nicht an. Ja, es ist nicht einmal ntig, das Wesen der Kultur zu definieren, um zu verstehen, in welchem Verhltnis sie sich der politischen Ordnung gegenber befindet. Einige wollen, dass hohe Kulturstufen nur da erreicht werden, wo Oligarchien die Volksmassen eigenmchtig fhren, und man fhrt mit Wonne Beispiele an, wie Athen mit seiner Spiebrgeroligarchie ber Hunderttausende von Sklaven; man nimmt gypten und Assyrien und freut sich ber die Millionen nutzlos, aber fr die Kultur geopferter Leben, denen wir die riesigen Gebuderuinen des Nil- und des Euphrattales verdanken. Wer noch oberflchlicher denkt, behauptet sogar, dass die chinesische Kultur gerade stehen geblieben ist, als die kaiserliche Macht abgenommen hat, die Feudalorganisation geschwunden ist, und der Chinese endlich, mit verchtlichem Achselzucken ber alles Staatliche, sein eigenes Leben ohne andere als wirtschaftliche Autoritten einzurichten wusste.
Aber wenn die sogenannten hchsten Frchte der Kultur nur auf dem Miste des Luxus gedeihen knnen, so ist damit noch lngst nicht erwiesen, dass oligarchische Gesellschaftsordnung Kulturbedingung ist. Denn der Luxus von Oligarchen hat mit ihren Herrschaftsprinzipien ja gar nichts zu tun. Gerade wenn sie Macht, und oft in erster Linie wirtschaftliche Macht haben oder gewinnen wollen, sind sie ja psychologisch nicht mehr die Inkarnation des auermenschlichen Autorittsprinzips, sondern sie sind von ihrer Gttergre zum Wesen ganz gewhnlicher Menschen herabgesunken, in denen das Physische, Wirtschaftliche, die Instinkte zur Gnstigerstellung der persnlichen Lage lebendig geworden sind. Der assyrische Groknig, Sohn Assurs, Sohn des Gottes, der jedesmal in die Gebrmutter der Knigin fuhr, um einen neuen Herrscher zu schaffen, war ohne Zweifel Theokrat im engsten Sinne des Wortes; und er verfgte ber riesige wirtschaftliche Mittel, im Grunde ber die Summe aller persnlichen Mittel seiner Untertanen. Aber indem er diese benutzte, insofern er Kulturdenkmler schuf, war er nicht mehr gttlicher Herrscher, sondern ein ganz gewhnlicher Mensch, der es gerade so machte wie alle, die an ihn glaubten und vor ihm im Staube lagen; nur war er in gnstigerer persnlicher Lage, konnte mehr und in grerem Mastabe schaden und hinterlassen, ohne dass jedoch die politische Ordnung, an deren Spitze er stand, irgendwie als solche zum Kulturergebnis beigetragen htte.

 ~ 18 ~
Monarchen sind nur gro gewesen als Schpfer oder Vernderer von _Formen_, in denen die Volksmassen gepresst zusammenwohnten; sie sind gro als Handwerker ihrer persnlichen Macht und des Ruhmes, der auf das Volk deshalb mit bergeht, weil es sich durch den Glauben mit dem Herrscher zusammengehrig fhlt. Aber fr die _Sache_, fr das was im Volke vor sich geht, fr das Leben des Einzelnen und seine Einrichtung -- nichts anderes ist Kultur -- haben sie gar nichts geleistet.
Hammurabi, sagt man, sei ein groer Kaiser gewesen, weil er in gewisser Weise die chaldische Kultur geschaffen habe. Eitle, aber geschickt inszenierte Illusion. Hammurabi, der allem Anscheine nach nicht einmal Chalder, sondern vielleicht Elamit war, konnte nichts anderes tun, als in grerem Mastabe das ausfhren und in die Staatsform _nachtrglich_ einfgen, was die einzelnen Untertanen schon lange als Kulturbesitz ganz unabhngig von der gttlichen Despotie erworben hatten. Hat Hammurabi die Kanle erfunden? Sicher nicht; er hat nur gesehen, dass Kanle dem chaldischen Volke ntzlich sind, und er hat sie in grerem Mastabe dank seiner persnlichen Macht graben lassen knnen, nicht um die Kultur der Massen zu erhhen, sondern weil bei seiner Gtterwrde die Bereicherung jedes Untertanen eine Vermehrung seiner persnlichen Macht bedeutete. Hat Hammurabi den chaldischen Kalender erfunden, oder die Zinseszinsrechnung, oder die Bankanweisung? Nichts ist alberner, als etwas Derartiges anzunehmen. All dieser Kulturbesitz hatte lngst vor ihm bestanden, zu einer Zeit, als sein Reich berhaupt noch nicht existierte. Alle diese Dinge hatten mit seiner theokratischen, politischen Macht gar keinen Zusammenhang.
Ja, man darf noch weiter gehen. Der Umstand, dass er nicht einmal einer chaldischen, seit Jahrtausenden mit demselben Gott fortvererbten Dynastie angehrte, und dass, wie seine Verteidigungskriege beweisen, seine Groknigswrde nicht einmal ganz unangefochten geblieben zu sein scheint, lassen in seiner Kulturttigkeit Motive ahnen, die, ach! bis zum heutigen Tage in allen wohlgeordneten Staaten recht eigentlich das fragwrdige Wesen der sozialen Politik ausmachen. Die Theokratie hat keine Kanle, keinen Kalender, keine Chques und keine Mathematik ntig, aber jeder einzelne physische, wirtschaftliche, auf die gnstige Organisation seines eigenen Lebens bedachte Mensch bedurfte aller dieser _Erfindungen_. Er hatte sie _praktisch_ ntig, wie er _religis_ die Theokratie brauchte. Aber der Herrscher hatte _praktisch_ die Theokratie ntig und musste die Menge _religis_ abhngig halten!
Und nun stelle man sich vor, das religise Herrschaftsprinzip habe an Kraft abgenommen, der Herrscher erscheine _persnlich_ dem Volke nicht mehr als so weit mit bermenschlicher Delegation ausgestattet, wie es seinen Machtinstinkten genehm wre. Bei Hammurabi, einem Fremden, war es wahrscheinlich so. Er wird, wenn er dies merkt, ohne Zweifel die die Menge an ihn fesselnden Bande zu verstrken suchen. Und er tut dies, indem er zu der entschwindenden religisen, traditionellen, atavistischen, psychischen Zusammengehrigkeit von Volk und Herrscher eine andere hinzufgt, die nicht mehr das Volk als Einheit, sondern jeden einzelnen im Volke an ihn zu ketten geeignet ist: mit einem Worte eine wirtschaftliche. Er nimmt alles, was die Einzelnen im Volke fr sich selbst geleistet haben und was ihr individuelles Glck erhht, als zur bestehenden politischen Ordnung notwendig hinzugehrend an, identifiziert die Herrschermacht mit dem Fortschritt, stellt sich als seinen Schtzer und Frderer hin, gibt Gesetze, die _nachtrglich_ den bestehenden Kulturstand sanktionieren und geht so weit, mit Hilfe seiner politischen Machtmittel alles, was bisher im Volke geleistet war, zwar nicht der Qualitt, aber wohl der Quantitt nach zu berbieten, es zu verallgemeinern, es als Ausfluss des politisch herrschenden Prinzips darzustellen und so die Kultur listig als Resultat der Politik erscheinen zu lassen.
Darum hat Hammurabi Kanle gebaut, darum finden sich Kalenderregeln in den Keilschriftarchiven der chaldischen Knige, darum haben die glubigen Untertanen moderner Monarchen oder Nationalideen sich noch nicht abgewhnen knnen, die aufeinander folgenden Fortschritte der Kultur mit den Personen der Herrscher oder wenigstens der politischen Ordnung, die sie umfasste, nicht nur in zeitlichen, sondern sogar in urschlichen Zusammenhang zu bringen. Und diese Illusion ist -- die Herren politischer Systeme mgen ihrem Gott danken -- sehr schwer zu zerstren. Das post hoc, ergo propter hoc{17} herrscht berall. Wenn es jahrtausendelang gelungen ist, die wirtschaftlichen, die kulturellen Fortschritte -- religise Fortschritte gibt es nicht -- den religisen Machthabern zuzuschreiben, so muss es mindestens Jahrhunderte dauern, bis dieser erlogene, aber den herrschenden Kasten unabweislich notwendige Zusammenhang in den Vlkern grndlich zerstrt wird. Denn die religisen Oligarchien haben ja nicht nur die Macht des Glaubens, sondern auch die unabhngig von ihnen entwickelten wirtschaftlichen Mchte zu diesem Zwecke fr sich in Anspruch nehmen knnen, und zwar vor allen Dingen diejenigen, welche auf den Seelenzustand der Massen den unmittelbarsten Einfluss ausben, gerade weil sie uerlich weniger wirtschaftlich als seelisch aussehen: vor allen Dingen die Sprache und die Schrift, und mit ihnen den Unterricht oder, was dasselbe ist, die den Machthabern ntzliche falsche Interpretation des Geschehenen.
{17: Danach, also deswegen, die irrtmliche Annahme von Kausalitt.}

 ~ 19 ~
Mit der Schrift und all ihrer politischen Bedeutung ist es gerade so gegangen, wie mit Hammurabis Kanlen. Ihre Erfindung und Benutzung hat mit der religisen oder politischen Ordnung verzweifelt wenig zu tun. Sie war vielleicht im Anfang ebenso subversiv, wie Zeitungen es noch jetzt in Russland und der Trkei sind. Die Herrschenden, die Priester haben aber ihre seelenbeeinflussenden Eigenschaften erkannt, sich ihrer bemchtigt und sie um so leichter fortentwickelt, als ihre Herrscherrolle ihnen die Zeit zum graphischen Sport lie. Sobald die religisen Machthaber berhaupt fhlten, dass die wesentliche Grundlage ihrer persnlichen Stellung das unbewusst gewordene Abhngigkeitsgefhl der Massen, also die Tradition war, musste die Schrift und alles, was man mit ihr machen kann, eines ihrer wichtigsten Ttigkeitsobjekte werden. Denn ohne Schrift gibt es keine Tradition. Und da ist im hchsten Grade charakteristisch, dass die Herrschenden sich der Schrift gegenber zu allen Zeiten ebenso konservativ, ebenso reaktionr verhalten haben, wie zu jedem neuen auch uerlich offenbar wirtschaftlichen Entwicklungsstadium. Sie haben die Schrift stets mglichst kompliziert, mglichst umstndlich zu erhalten, ja sie oft allen anderen als Priestern geradezu zu verbieten gesucht, um wirtschaftliche Fortschritte zu hindern, welche das individuelle Bewusstsein der Untertanen zu strken geeignet sind. Die Schrift wurde geheiligt, weil sie sonst revolutionr geworden wre. In ihrer Entwicklung beobachtet man um so klarer den unabnderlichen, unvershnlichen Gegensatz zwischen Kultur und Staatenpolitik. Ist es nicht eigentmlich, dass die drei Urschriften, die wir kennen, die altchinesische, die urchaldische Keilschrift und die gyptischen Hieroglyphen, schon in ihrer ltesten Form etwas von allem Religisen Unabhngiges an sich haben?
In gypten gab es Felsen, in Chalda blo Ton, in China hchstens Baumrinden. In gypten konnte man meieln und malen und zugleich fr die Ewigkeit arbeiten, jedem Geschriebenen somit einen ungeheuern traditionellen Einfluss beigeben.
In Chalda konnte man blo mit Spateln in Ton ritzen und diesen brennen; jeder Strich wurde natrlich keilfrmig; die Zeichen hatten keine feste Form; die Schrifttafeln waren nicht monumental; sie konnten verloren gehen oder zerbrechen: die Schrift selbst, der die alten Modelle nicht mehr dienen konnten, nderte sich rasch, vereinfachte sich nicht nur aus Faulheit der priesterlichen Schreiber, sondern weil keine unabnderliche Norm alter Zeit erhalten blieb; so ward die Keilschrift leichter verstndlich und leichter ausfhrbar. Sie konnte nicht das Vorrecht der Herrschenden bleiben, fiel ins Volk und wurde nun wirtschaftliches Fortschrittsmittel ersten Ranges, schuf neben den ursprnglich gemtlichen religis-politischen _Abhngigkeitstraditionen_ ganz neue, ganz andere _Selbstndigkeitstraditionen_, die sich alsbald in feste, von der Staatsautoritt unabhngige Gebruche jeglicher Art bersetzten. Was hatte es mit der theokratischen Ordnung zu tun, wenn einzelne Untertanen unter sich Kontokorrentvertrge abschlossen, andere Sonnenfinsternisse ausrechneten, noch andere allerlei Regeln zur Anfertigung dieser oder jener Gegenstnde notierten? Gar nichts. Aber alles dies musste mit der Zeit dem untertnigen Individuum zum Bewusstsein bringen, dass alles dieses unabhngig von der Staatsordnung Entstandene ihm eigentlich nher steht, als die Staatsordnung selbst. Und von diesem Zeitpunkt an ist in ihm der ewige politische Konflikt zwischen seinen wirtschaftlichen Instinkten und seinen religisen Atavismen lebendig. _Dieser Konflikt beherrscht in allen Kulturvlkern das politische Denken der Massen._ Ohne Schrift kann er sich nie, oder doch nur in unbestimmtesten Regungen erheben.
In Chalda trat dieser Konflikt relativ frh auf, _weil_ die Schrift Gemeingut der Gebildeten geworden war. In gypten erschien er eigentlich nie, so lange berhaupt gyptische Staaten ohne auslndische Hilfsmittel, d.h. auf Grund der gyptischen Autorittsprinzipien bestehen konnten, und zwar lag das an dem archaistischen Charakter der Schrift, an der Mglichkeit, diese unverndert, schwerfllig, dekorativ durch Jahrtausende zu schleppen, ihre Benutzung so zeitraubend zu belassen, dass nur Nichtstuer sie anwenden konnten, sie als Monopol der herrschenden Kaste gegen alle Profanation durch Untertanen zu schtzen, und so der Ausbildung von Traditionen auerhalb der theokratischen Ordnung mit Erfolg entgegenzutreten. Nicht dass wirtschaftlich keine Fortschritte gemacht worden wren; die technischen Leistungen der gypter sind ebenso offenbar nicht von Knigen, sondern von anonymen Untertanen geliefert worden wie in Chalda. Aber in gypten konnte die herrschende Kaste diese Leistungen mit Erfolg fr sich in Beschlag nehmen und lange Zeit hindurch im Volke eine unabhngige wirtschaftliche Tradition verhindern, _weil_ die Felsenmalerei nur uerst langsam als Schrift auf Papyrus Gemeingut der das eigentliche Volksleben fllenden Kasten werden konnte.
In China musste der Konflikt zwischen dem Wirtschaftlichen, zur Autorittszersetzung Drngenden, und dem Religisen, zur Beibehaltung der bestehenden Ordnung Haltenden, viel schneller zutage treten, weil eine Volks-, eine Lebenstradition dort noch leichter fixiert werden konnte als in Chalda. Die Schrift nmlich, welche durch die _Fixierung des Alltglichen_ allein eine Kultur zustande bringt, whrend sie durch die Fixierung des unabnderlich zu befolgenden bermenschlichen Staatsprinzips alle Kulturentwicklung hindert, entwickelte sich in China uerst schnell zu einer Form, in der sie jedem praktischen Gebrauche dienstbar wurde. Von Baumrinden ging sie auf das ideale Material des Papiers ber, von schwerflliger Ideographie wurde sie eine wirkliche, uerst sinnreiche Schrift. Das Material, dessen sie sich bediente, war leicht zerstrbar, verdarb rasch. Und das war, wenn fr die Geschichte -- bloer Sport europischer Nichtstuer -- im hchsten Grade unglcklich, fr die Chinesen wahrscheinlich eine wesentliche Ursache ihrer unvergleichlichen politischen Entwicklung. Religise Traditionen konnten in fester Form nicht lange aufrecht erhalten werden, staatliche also ebensowenig. Uralte Dokumente gab es nicht. Alles war blo Rederei. Der ganze religise und metaphysische Autorittshumbug, die reine Monarchie, das Von-Gottes-Gnadentum, die Vaterlandsliebe, alles was Tradition aus religisen Quellen ist und die sogenannte zivilisierte Welt noch heutigentages vor den lchelnden Augen des Chinesen despotisch beherrscht, war zugleich mit der feudalen Ordnung ungefhr zur Zeit des Lao-tse und des Konfutsius zugrunde gegangen. Was weiterleben konnte, war nur das Alltgliche, alles was den Menschen als Menschen mit anderen Menschen, und nicht als Herdenmitglied mit bermenschlichen Mchten in Verbindung bringt, die durch einzelne Menschen vertretene politische Zwangsordnung einfhren. So wurde die Religion bloe Moral und zwar _wirtschaftliche_ Moral, whrend die politische Ordnung wirtschaftliche Assoziation wurde. Nicht als ob keine religisen Erscheinungen bei Chinesen weiterbestanden htten; im Gegenteil, sie haben sich ungeheuer vervielfltigt. Aber sie sind individuell. Es gibt keine religise Macht bei Chinesen, die ihnen einen unserer schnen Staaten htte bescheren knnen. Das Abhngigkeitsgefhl, welches die Chinesen zusammenhlt, ist nicht das von einer hheren Macht, einem Staatsprinzip, einer nicht kritisierten bestehenden Ordnung, sondern ganz einfach das Gefhl der Abhngigkeit jedes einzelnen von allen anderen. Die Zusammengehrigkeit der Chinesen hat durch den papiernen Charakter, durch die Vernderlichkeit der Grundlagen auf denen sie frher einmal beruht hat, gerade das gewonnen, was die europische Politik, um ihre Ppste zu erhalten, absolut nicht gewinnen will: die Freiheit vom Unvernnftigen. Sie hat zu Komponenten blo diejenigen, welche in Europa _nach_ dem Religisen, dem Staatsideellen, auftreten: Rassengefhl, Sprachgefhl oder vielmehr Schriftgefhl, und vor allen Dingen etwas, das Europa noch vollstndig abgeht, Kulturgefhl, wie es sich aus der Gemeinsamkeit wirtschaftlicher Sitten und wirtschaftlicher Siege entwickelt. Denn Europa hat kein Kulturgefhl, sonst wrde es westlich von den Russen keine Staaten, sondern _eine_ groe Kulturgruppe geben, in welcher die Unterschiede von Gegend zu Gegend, in Sprache, Rasse, Charakter und berzeugung kaum grer wren als innerhalb der einen groen chinesischen Nation.

 ~ 20 ~
Aber wenn diese Unterschiede in China so gro sind wie in Europa, wie hlt da die Nation berhaupt zusammen? Kann man sich nach sogenanntem Nationalcharakter verschiedenere Vlker denken, als die lebhaften, kleinen Sdchinesen und die riesigen phlegmatischen Leute aus Shaanxi, die ruhigen gutmtigen, lebensfrohen Stmme der Ostprovinzen, die bissigen, rhrigen Hakka in Fujian und die hartnckigen, individualistischen Westchinesen aus Gansu und Sichuan? Kein Kantonese kann Pekinesisch verstehen, kein Schanghaier die Hakkasprache. Was ist verschiedener als die atheistische Philosophie des Konfutsius, der zur platten Magie verstmmelte Taoismus und der mit unzhligen uralten dmonistischen Vorstellungen durchtrnkte Buddhismus? Und doch existiert die chinesische Nation fester und zukunftsgewisser nach ungeheurer Vergangenheit als irgend eines unserer modernen europischen Vlker. Sie hat seit tausend Jahren fnf fremde Vlker verschluckt und verdaut. Sie hat seit sieben Jahrhunderten dreimal viele Generationen hindurch auf ihrem als eine Art sthetischer Gewohnheit beibehaltenen Kaiserthron nichtchinesische Dynastien beherbergt. Sie kann sich erobern, zerstckeln, aufteilen, unterwerfen, wegdekretieren lassen -- und sie lebt jedesmal weiter. Sie ist keine einheitliche Rasse, sie ist keine Religionsgemeinschaft, sie hat nicht einmal gemeinsame politische Traditionen, sie kmmert sich nicht um ihre politische Geschichte, und noch weniger um ihre politische Zukunft. Alles was fr Europa das Zusammenleben der Massen, die Politik ausmacht, hat sie abgestoen. Ja sogar die Schriftgemeinschaft, so wundervoll sie ist, mit ihrer Fhigkeit ungefhr in jeder Sprache gelesen und geschrieben werden zu knnen, ist nichts Wesentliches, denn jeder schreibt nicht und der wirkliche Austausch von Gedanken, Gefhlen und Wnschen geht stets mndlich vor sich. Was China zusammenhlt, ist etwas ganz anderes: es ist die _Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Formen_, die Gemeinsamkeit des alltglich sich Wiederholenden, auf welches kein Autorittsprinzip der Welt mehr Einfluss haben kann. Es ist auf dem tiefsten Grunde der chinesischen Seelen das, was an der Oberflche der internationalen eleganten europischen Kaste die Gemeinsamkeit des gestrkten Vorhemdes, des Frackes und des Zylinders ist.
Nur -- und hiermit gelangen wir zum letzten wichtigsten Gliede in der Kette politischen Lebens -- umschliet in China diese Gemeinsamkeit _alle_ wirtschaftlichen Gruppen im Volke, whrend in Europa das berleben alter religiser schlechthinniger Autorittsprinzipien das Volk in feindliche Kasten zerteilt. Der Konflikt zwischen den wirtschaftlichen, individuellen und den religisen, staatlichen, staatserhaltenden Instinkten ist in China zugunsten der ersten gelst. In Europa gelangt er gerade in unserer Zeit erst zu seinem Hhepunkte.

 ~ 21 ~
Das Religise bindet, das Wirtschaftliche lst. Das Staatliche zwingt, das Kulturelle befreit. Die Macht Weniger kann Staaten gro machen; aber Kulturen werden nur gro, wenn Staaten zugrunde gehen. Regierungen sind immer reaktionr, weil sie Autoritt wollen; Menschen sind immer revolutionr -- wenn sie Kultur wollen. Das ist das ganze Geheimnis der Politik.
Jeder, auch der geringste Fortschritt einer Kultur durchbricht den Rahmen der bestehenden staatlichen Ordnung. Feste, mchtige Staaten mssen demnach wahre Hindernisse der Kulturentwicklung sein. Das erscheint Chinesen so natrlich und Europern so gotteslsterlich -- denn die politisch organisierte Nation ist ja ein Gott -- dass es sich wohl verlohnt, den Konflikt zwischen dem Staat und dem Kulturmenschen und hiermit gerade die Art der Politik, die der Europer in unserer Epoche treibt, nher zu betrachten.

 ~ 22 ~
Der Einwand, der Grundsatz, mit welchem die parallele Entwicklung eines Staates und einer Kultur gegenber der Behauptung ihres Antagonismus am leichtesten und erfolgreichsten verteidigt wird, ist der, dass in der Geschichte tatschlich blo in groen mchtigen Staaten Hhepunkte von Kultur erreicht worden sind. Dieser Grundsatz shnt die freigewordenen individuellen, wirtschaftlichen Instinkte der einzelnen Untertanen mit der Notwendigkeit staatlichen Gehorsams aus. Er sitzt an der Wurzel aller modernen Staatenpolitik. Er ist das letzte verzweifelte berzeugungsmittel, mit welchem tausendjhrige Autoritten die fr sie verderblichen Folgen der inneren Befreiung der Individuen vom schlechthinnigen Glauben hintan zu halten trachten. Er ist auch der letzte Entschuldigungsvorwand der dynamischen Schwche derer, die diese Befreiung erfahren haben, aber die durch viele Generationen hindurch fast Instinkt gewordenen traditionellen Gesetze gesellschaftlicher Ordnung nicht ber den Haufen zu werfen wagen. Und doch ist dieser Grundsatz, so ehrlich er von manchen Halbfreien gemeint ist, falsch.
Wer vermag zu leugnen, dass wir nicht eine einzige Kulturform kennen, die _in_, geschweige denn _von_ groen Staaten geschaffen wre? Was sehen wir am Ursprung aller hheren Kulturen? Absolute Dezentralisation. Schwchliche Staatlein ohne feste Abhngigkeitsordnung. Und nichts ist psychologisch weniger wunderbar. Denn Kultur wird nicht gemacht, sondern macht sich selbst. Nicht der politische Rahmen, in dem ein Volk lebt, kann sie schaffen, sondern nur das Zusammenwirken der Individuen, die er umschliet. Und je schlechter er sie umschliet, je weniger das Individuum in den Dienst einer Ordnung, einer Regierung, einer Autoritt gestellt ist, je freier es ohne Widerstand seinen persnlichen, auf seine persnliche Befriedigung gerichteten Wnschen leben kann, um so reicher knnen sich die in ihm schlafenden Kulturmglichkeiten entwickeln, um so fruchtbarer ist auch das Wirken eines seiner natrlichen Anlage nach bevorzugten Individuums auf seine Gefhrten.
Hat je ein untergyptischer Ropaitu oder Stammespriester etwa ein Gesetz erlassen, welches befiehlt, Tpfe zu erfinden? Hat im ltesten China das Haupt des Stammes Pflaume (zu dem Li-Hungtschang gehrte){18} angeordnet, man solle den Reisbau schaffen? Nein, alles Kulturelle ist zwar nicht _kollektiven_ Ursprungs (denn _einer_ hat zuerst einen Topf zustande gebracht), aber der Ursprung ist _anonym_; er hat nichts mit den von der staatlichen Ordnung sanktionierten Lebensregeln zu tun. Wre dies nicht so, dann gbe es heute noch keine Pendeluhren, keine Dampfmaschinen, ja noch nicht einmal fr die Europer ein Amerika. Denn die staatliche Ordnung des Mittelalters, die ppstliche Herrschaft, das christliche Gesellschaftsprinzip mit seiner den Untertanen aufgezwungenen Lebensauffassung erlaubte all dieses nicht. Die ganze moderne Kultur ist _gegen_ das Christentum gemacht worden von Leuten, in denen der Glaube, die schlechthinnige Abhngigkeit, schwach geworden war. Und je strker eine solche Autorittsordnung ist, je mchtiger folglich ihre Vertreter, die Oligarchen, sich zeigen knnen, wird nicht mit um so grerem Erfolge alles niedergeschlagen werden, was (nicht etwa unmittelbar, sondern nur durch seine psychologischen Anregungen) die Prinzipien dieser Macht durchbrechen kann? _Deshalb_ sind groe Staaten immer kulturfeindlich.
{18: Worauf sich Ular hier bezieht ist unklar.}
Wuchs die gyptische Kultur etwa mit dem gyptischen Reiche und der Macht der Groknige? Nur die knnen es glauben, welche die Gre einer Kultur nicht an dem Reichtum des inneren Lebens des Menschen, sondern an der Lnge, der Breite und dem Gewicht briggebliebener Denkmler messen. Das groe Haus (Pa-ro bedeutet nichts anderes, wie hnlich z.B. Mika-do), die im Knig personifizierte bermenschliche Macht, formte ein nationales Zusammengehrigkeitsprinzip, als die gyptische Kultur im wesentlichen ausgebildet war. Vor der sogenannten Ersten Dynastie schon herrschte in den Clans des Nildeltas unter totemistischer, noch nicht zum politischen Machtsystem von Priestern gewordener Ordnung eine reiche technische Kultur. Und wenn sie sich noch etwas weiter entwickeln konnte (bis zur Vierten Dynastie), so lag das daran, dass nach der Zusammenfassung der Clans in einen Staat die Kulturen aller durcheinander gemischt wurden. Aber dann war es aus. Die Initiative aller einzelnen wurde der Autoritt geopfert, damit diese in Ruhe fortbestehen konnte. Die Ropaiten, die Totemtrger, wurden einfach Feudalfrsten, ber sie setzte sich der Knig, ber ihre Totems setzten sich die der Knige. Und dann gab es fast zweitausend Jahre hindurch kulturell nichts Neues mehr.
In Chalda war es ebenso. In den winzigen Lndern von Sippar, Ur, Lassam, Ajade{19} herrschte eine hochentwickelte Kultur, eine wundervolle Vielgestaltigkeit des Lebens. Und als sie ins Joch groer Staaten gezwungen wurden, blieb alles aufgehalten, weil alles Neue die psychologische Grundlage der Groknigsmacht, das unabnderliche, starre Prinzip der bestehenden Ordnung htte durchbrechen knnen. Der gewhnliche Mensch wurde vor allem Untertan, Machtmaterial, Werkzeug der Oligarchie. Diese nahm dann die bestehenden Kulturformen natrlich fr sich. Aber sie konnte sie nicht weiterentwickeln, sondern nur analysieren, verfeinern, ins Unntze zersplittern, bis von ihnen nichts brig blieb als einzelne, Miggngern besonders angenehme Aspekte. Denn Kultur ward das Vorrecht der Miggnger; und wenn Miggang, nach Nietzsche, aller Philosophie Anfang ist, so ist er jedenfalls aller Kultur Ende.
{19: Gemeint sind sumerische Stadtstaaten des 3. Jahrtausends v.u.Z.}
Nher bei uns, beobachten wir dasselbe im alten Griechenland. Und man begreift nicht, wie mchtige Staatenlenker, sofern sie ihrer Macht noch sicher sind, berhaupt erlauben knnen, dass ihre Untertanen, sofern diese auf Kultur halten, berhaupt mit griechischer Geschichte bekannt gemacht werden. Das Papsttum und das christliche Mittelalter suchten mit Recht im Griechischen den Geist der Revolution gegen alle festen Autoritten. Denn Griechenland war kulturell gro, solange es politisch zersplittert war, solange, besser noch, in jedem winzigen Lokalstaat keine feste Ordnung herrschen konnte, solange es in Kriegen verblutete, die im Grunde Kultur-, Prinzipien-, also Revolutionskriege, aber jedenfalls doch Brgerkriege waren. Sicher waren Athen, Sparta, Korinth und andere politisch bald starke, bald ruinierte Gruppen eigentlich Oligarchien. Aber eben weil ihre Macht lokal beschrnkt und zeitlich ungewiss war, weil zwischen ihnen und der Masse kein Band absoluter, religiser, schlechthinniger Abhngigkeit bestand, sondern nur das ephemere Band politischer, wirtschaftlicher Herrschaft, haben sie die wundervolle Entwicklung des griechischen Lebens nicht aufhalten knnen, sondern im Gegenteil sich durch fortwhrende Anpassung an es halten mssen. Nur der Schwache passt sich an. Der allmchtige Zar schlgt lieber alle Versuche weiterer Kultur nieder. Mit Alexander fing in Griechenland das Zarentum an. Die Vielgestaltigkeit des Lebens hrte auf. Alles wurde dem Groknigtum unterworfen. Man wurde Untertan eines Reiches: man war nicht mehr Athener. Und von diesem Augenblicke an war es bekanntlich mit der griechischen Kultur aus. Sie blieb wie sie gerade war.
Soll man auf Nietzsche hinweisen und seine Analyse der modernen deutschen Kultur, wie alles Groe, was in Deutschland das Licht der Welt erblickt hat, zur Zeit der politischen Zersplitterung zutage getreten ist, die Tiefe und innere Rhrigkeit des deutschen Lebens mit der Grndung des groen Reiches halt gemacht hat und dem Zwange der Reichsidee, dem Zwange des Handelns fr die Macht des Reiches gewichen ist, welche jedenfalls nur einer Minoritt ntzt und das Volksleben in einheitlichere Bahnen gepresst hat? Und Einheitlichkeit des Tuns ist Amputation der Kultur, die wie der Baum in zahllosen sten, Zweigen, Blttern, Blumen und Frchten regellos wuchern muss, um schn, reich und weit zu sein.
Aber die deutsche Kultur ist nicht zu Ende: sie ist Germanentum geworden. Wir werden sehen, ob das politisch irgend etwas bedeuten kann. Die griechische Kultur war ja auch nicht zu Ende, als Alexander sie in sein Reich zwang und Teile von ihr in seinem wsten Siegeszug ber den ganzen Orient ausschttete. Sie lebte ja in Asien weiter, erfuhr eine groartige Renaissance in gypten, ja sogar im rmischen Reich, und fllte schlielich sogar noch jahrhundertelang den Rahmen des byzantinischen Kaisertums aus. Gewiss. Aber das war nicht mehr die griechische Kultur, sondern eine andere, von der sie vielleicht der Vater war, aber jedenfalls zahlreiche andere die Mtter gewesen sind.
Und diese einfache Feststellung gengt, um schlielich die beiden groen politischen Fragen unserer Zeit unvoreingenommen zu beantworten: was soll nationale Machtpolitik, und was soll Sozialpolitik?

 ~ 23 ~
Wie eiferschtig feste Oligarchien den Fortbestand der ihnen gefgigen Ordnung auch wnschen und durchfhren, die von ihnen unabhngigen persnlichen, wirtschaftlichen Tendenzen der Untertanen leben und wirken fort, manchmal schwchlich, manchmal aber mit elementarer Wucht. Und schlielich tritt einmal eine der folgenden drei Eventualitten ein -- von denen zwei Folgen der ueren, die dritte das Ergebnis der inneren Politik sind.
In den ersten beiden Fllen kann man die innere Politik als auf einfache Verwaltungsttigkeit reduziert annehmen, so zwar, dass das ganze Volk mit der herrschenden Staatsordnung eins ist. uere Politik ist immer Machtpolitik, Weltpolitik -- nur ist je nach den Umstnden die Welt grer oder kleiner. Ist diese uere Politik unglcklich, so wird die Autorittsordnung von einer fremden durchbrochen. Ist sie glcklich, so durchbricht sie eine andere. Geht dies ohne ganz moderne Komplikationen vor sich -- und wir mssen uns der Klarheit halber aufs Altertum beschrnken, da es ja jetzt berhaupt gar keine verschiedenen europischen Kulturformen mehr gibt -- dann wird entweder der eine Staat vom anderen erobert, oder er erobert ihn. Und dann tritt das Sonderbare ein. Das Ergebnis ist zwar nicht fr beide politische Ordnungen, wohl aber fr beide Vlker wesentlich dasselbe. Erobern oder erobert werden ist stets ein Gemischtwerden. Denn es kommt ja nicht nur eine neue Ordnung auf, sondern es kommen auch deren Trger mit, welche zugleich Trger aller der Kultur sind, die in dem erobernden Rahmen lebt. Und nun beginnt eine gegenseitige Durchdringung, Befruchtung, Bereicherung der Kultur in irgend einem Sinne fr _beide_ Vlker. Es ist gerade wie mit der berschwemmung des Gelben Flusses. Wird sie gehindert, so wird der Boden nicht reicher; seine Frchte werden schlechter und schlielich stagniert alles. Kommt sie, so fllt ihr die lebende Generation zum Opfer, aber die Spteren zchten neue, schnere, vielfltigere Frchte auf mit neuem Salze durchtrnktem Boden. Es gibt, wenn man so sagen darf, fr Vlker zwei Arten der Befruchtung: entweder berfluten sie ein anderes und durchdringen es, oder sie lassen sich berfluten und nehmen das Neue in sich auf. Das Ergebnis ist im Grunde dasselbe. Die verschiedene Methode hngt vom Temperament und auerdem von der inneren Stabilitt der streitenden Staatsordnungen ab.

 ~ 24 ~
Aber ist solche Mischung berhaupt ntig? Ist sie nicht eine Kalamitt? Gehen in ihr nicht die Unterlegenen zugrunde? Und meistens sogar, in gewisser Hinsicht, die Sieger, besonders wenn sie in alte relativ entwickeltere Kulturen dringen? Yutschen, Naimanen, Kitanen, Liaos, Mandschus und viele andere siegreiche Vlker sind in China verschwunden. Italien sollte ein germanisches Land sein seit Roms Sturz. Frankreich fast seit derselben Zeit. Und doch sind die unterlegenen Chinesen, Italiener und sogar die englischen Kelten mit hherer Kultur wieder auferstanden, von Frankreich gar nicht zu reden. Die Wahrheit ist, dass die Mischung der Vlker, um nicht zu sagen Rassen, ihr Zusammenprall, ihre gegenseitige Durchdringung die unabweisliche Vorbedingung zur Entwicklung der Kultur ist. Die Umwlzung -- nicht blo der staatlichen Ordnung, diese ist hier nur Zwischenmittel -- ist den Vlkern so ntig wie dem Ackerboden, der mit dem Pfluge durchfurcht wird.
Und gerade deswegen sind alle hchsten Kulturen in schwachen Staaten erreicht worden. _Wie_ die Durchdringung vonstatten geht, ist Temperamentssache der Beteiligten. Aber sie ist ntig. Ohne die griechischen Lokalkriege, welche die blonden Dorier und die dunklen Jonier durcheinanderwarfen, wre die griechische Kultur kmmerlich gewesen. Die in gypten hat ihre wesentlichen Phasen erreicht zuerst in den ewig wechselnden Verhltnissen der uralten Clans; dann zwanzig Jahrhunderte spter, als mit der zehnten Dynastie das Reich auseinanderflel und fast tausend Jahre hindurch Duodezlnder neben und gegeneinander wirtschafteten; weiter mit dem Einfall und der jahrhundertelangen Herrschaft der arabischen Hyksos, nach welcher -- nicht nur zufllig -- ganz genau dieselbe politische Entwicklung vor sich ging wie in Russland nach der Befreiung von der mongolischen Herrschaft (Zerstrung der Feudalordnung; Umgestaltung derselben in Hofadel; Reichssteuern und Finanzen; stehende Heere; reine gotthnliche Selbstherrschaft, und mit ihr bloe Machtpolitik mit Eroberungen, aber ohne jeden wesentlichen Kulturfortschritt); spter wurde gypten erst wieder lebendig, als nacheinander im Norden die Libyer mit Scheschonq, im Sden die thiopier mit Schabaka alles ber den Haufen warfen; dann kamen die Assyrier und schleppten Teile ihrer Kultur ins Land; und alles das war lediglich mglich durch die Abnahme des religisen Glaubens an den Groknig, das Erwachen des individuellen, wirtschaftlichen, unabhngigen Wnschens der Menge, durch die Revolution derer, welche lieber einen Scheschonq zu Hilfe riefen, als in der Staatsordnung der Pharaonen weiterleben wollten; mit Psammetich dringt die griechische Kultur nach gypten; er sttzte sich auf Griechen, um die Reste alter Pharaonenheere zu zerstren; die Perser fuhren dazwischen; schlielich fiel alles an Alexander; und nach ihm, und als schlielich noch allerlei Rmisches hinzukam, blhte jene wunderbar reiche Kultur, die, abgesehen von unseren Maschinen, die schnste war, die es je gegeben hat. Aber auf wie vielen Schlammschichten wilder berflutungen wurzelte sie!
Wie verwickelt wird eine solche Analyse erst, wenn man sie etwa fr Frankreich anstellen wollte, oder sogar fr Deutschland! Es ist letzthin bewiesen worden, dass fast alle groen Mnner der italienischen Renaissance germanischen Ursprungs gewesen sind, und man hat darauf auf die berlegene Kulturfhigkeit der Germanen schlieen wollen. Aber warum ist dann die Renaissance nicht in Deutschland geboren, wo viel mehr Germanen waren? War die Bedingung zu ihr nicht gerade die Wechselwirkung des Verschiedenen? Warum kennen wir berhaupt keine reine Rasse, kein ungemischt gebliebenes Volk, keinen dauernd fest gebliebenen Staat, in dem das, was wir hohe Kulturformen nennen, aufgetreten wre? Und warum sind gerade die gemischtesten, die Franzosen, die Englnder und nach ihnen die Deutschen am weitesten gekommen? Und was wird in hundert Jahren nicht in Amerika geleistet sein? Warum, mit einem Wort, ist hchste Kultur da, wo frher schlechteste uere Politik getrieben worden ist? Weil Kultur und Nationalpolitik verbindungslose Pole sind.

 ~ 25 ~
Aber die Chinesen! Erstens sind sie auch gemischt. Wrfen wir alle europischen Vlker durcheinander, so wrden wir an Nation ungefhr dasselbe herausbekommen, was die Chinesen an Reinheit sind. Und auerdem kennen die Chinesen, wie schon bemerkt, keine Nationalpolitik in unserem Sinne. Sie kennen nur _wirtschaftliche_ Organisation.
Und damit kommen wir zu dem dritten Falle der Umwlzung politischer Ordnung, von dem die Rede war; derjenigen, die aus der inneren Politik fester Staaten hervorgeht. Er tritt ein, wenn der schon erwhnte Grundsatz der Machtpolitik seine Kraft verliert, nach welchem tatschlich blo in groen mchtigen Staaten Hhepunkte der Kultur erreicht worden sind, und demgem im Interesse der Kultur, in ihrem eigenen Interesse, die einzelnen Untertanen oder Brger ihre freigewordenen wirtschaftlichen, individuellen Instinkte den Bedrfnissen der als national bezeichneten, aber stets oligarchischen Staatsmacht unterordnen sollen. Dass dieser Grundsatz das Werk der um ihre ursprnglich religise, uerlich politische, aber wesentlich doch wirtschaftliche Herrschermacht Besorgten ist, kann natrlich keinem Zweifel unterliegen. Es fragt sich nur, ob er wirklich die lebendig gewordenen Ideen wirtschaftlicher Freiheit im Zaune halten kann. Es ist dies an und fr sich offenbar nur dann mglich, wenn der Masse wirklich vorbewiesen werden kann, _dass_ ihre Kultur mit der herrschenden Ordnung notwendigerweise zugrunde gehen muss. Und dieses ist nur dann plausibel, wenn ein hheres Kulturvolk an den Grenzen der Staatsordnung, in der es lebt, rohe Barbaren sich gegenber sieht. Das war bei alten Griechen und Chinesen allenfalls anzunehmen, und sie haben deshalb nationale Verteidigungskriege gefhrt, die wirklich der Kultur im allgemeinen ntzlich waren, und an denen jeder mit Verzweiflung und Begeisterung teilgenommen hat. So etwas gibt es in Europa nicht mehr. Raffinierter ist es schon, wenn Oligarchen das Volk zu Kulturkriegen unter dem Vorwande verfhren wollen, als solle seine wirtschaftliche, kulturelle Entwicklung fr jedes Individuum durch den glcklichen Angriff auf eine hhere Kultur gesteigert werden. Aber das geht nur, wenn die religise, die auf Glauben an die Autoritt begrndete Zusammengehrigkeit von Machthabern und Volk neben den in den Einzelnen wach gewordenen unabhngigen Tendenzen wirtschaftlicher Natur noch sehr wirksam ist. Viele glauben in Frankreich, England und sonst wo, so lge die Sache ungefhr in Deutschland. Aber auch dies sollte vernnftigerweise in Europa nicht mehr mglich sein. Der Konflikt in der Seele der untertnigen Individuen zwischen dem alten Schlechthinnigen und der neuen Initiative des Einzelnen fr sich ist zu akut geworden. Es kann wohl noch auf den Glauben an das Staatserhaltende, an die Notwendigkeit des Staates, an die Nation, kurz auf den Patriotismus gerechnet werden, aber, wenn man so sagen darf, nur auf Umwegen, indem er nicht mehr die Machthaber, sondern die Existenz kultureller Traditionen im Auge hat.

 ~ 26 ~
Aber nach allem, was in dieser Studie auseinandergesetzt worden ist, sind ja alle Elemente der modernen europischen Politik nur zu verstndlich. Es gibt im Grunde keine andere Kultur mehr in Europa als -- die europische. Dass mit einiger Sprachkenntnis jeder Europer in jedem Kulturstaat zu Hause ist, wenn er nur seine spezifischen religisen Staatsvorurteile abstreift, beweist es schlagend. Sobald ein Europer keine Politik treibt -- keine auswrtige Politik, versteht sich -- ist er nicht mehr Deutscher, Franzose oder Englnder, sondern -- Europer. Und wenn er im Staate, zu dem er gehrt, innere Politik nicht im Sinne des Nutzens fr die bestehende Oligarchie treibt, sondern im Sinne seiner eigenen Kultur, so ist er in gewisser Hinsicht Vaterlandsfeind, weil er auch Europer ist. Die Kulturinteressen der Europer sind nmlich berall dieselben, sie sind, wenn man Staat und Nation verwechseln darf, international. Was die verschiedenen Staaten voneinander trennt, ist erstens der Rest religiser Abhngigkeitsatavismen, zur nationalen Tradition sublimiert; zweitens das wirtschaftliche, das Machtinteresse der Herrschenden. Dagegen sind die Interessen, und somit die vom Religisen befreiten Kulturinteressen aller nicht zur Oligarchie gehrenden Europer identisch. Und das Merkwrdigste ist, dass auch die entgegengesetzten nationalen Interessen der Machthaber zur Interessengemeinschaft werden, sobald berall in gleicher Weise der Bestand selbst aller Oligarchien in Frage kommt. Sieht man vom Religisen, das allmlich, wie vor 2000 Jahren in China, zugrunde geht, ab, so gibt es in Europa nur noch _eine_ innere Politik, _einen_ internationalen Machtkampf. Denn es stehen sich ber alle Grenzen hinweg in der Einheit der europischen Kulturgruppe dieselben nicht mehr religis zu definierenden, sondern irdische Menschen gewordenen Gegner gegenber, das internationale Proletariat und die internationale wirtschaftliche Oligarchie.

 ~ 27 ~
So war es auch einmal in China. Und es hat dort keine gewaltsame soziale Revolution gegeben, weil die Oligarchie ber kein Menschenmaterial mehr verfgte. Die schlechthinnige Abhngigkeit war verschwunden. Kein Mensch kmpfte mehr fr die Autoritt der anderen. Und das Ergebnis war jene groartige wirtschaftliche Organisation, die mit ihren riesenhaften Kooperativgenossenschaften eine im wirklichsten Sinne des Wortes unsterbliche Gesellschaft gebildet hat, in die man wohl eindringen, aber aus der man sich nicht wieder herausarbeiten kann. Und seitdem braucht China weder Macht- noch Verteidigungskriege zu fhren. Es berlsst diesen atavistischen Sport den Fremden, die sich einbilden, es zu beherrschen. Es treibt auch keine Politik mehr. Und doch wird es immer mchtiger.

 ~ 28 ~
Aber das kommt daher, dass auf der hchsten Stufe nicht technischer, sondern gesellschaftlicher Kultur der Mensch fr den Menschen und nicht fr die Phantasmagorie absoluter Prinzipien streitet. Solange der Mensch sich Inkarnation dnkt, treibt er Weltpolitik. Denkt er sich Mensch und nichts als Mensch, dann wird die Welt_politik_ zum Welt_verkehr_. Dann reit der Gelbe Strom fremder Kulturen nicht mehr nationale Deiche ein, ersuft Vlker und lsst aus Ruinen neue Herrlichkeit steigen. Sondern er sickert, in unzhlige sanfte Flsse gespalten, leise ber die fruchtbaren Felder; seine schweren Wasser umarmen jede Wurzel; und er baut langsam, stetig, mhelos, mit Freude begrt, neuen trchtigen Boden und wachsendes Glck.

uere Politik ist Kampf zwischen auermenschlichen Herrschaftsformen. Innere Politik ist Kampf zwischen dem auermenschlichen Herrschaftsprinzip und dem Menschen. Kulturpolitik ist alles, was Herrschaft zerstrt und autonome Individuen aus dem Zwange der berlieferung lst.
